eifriger verhandelt worden als diese, nach jenem Grundsatz der
Archaeologen, vorzugsweise nach dem zu forschen, was weder wissbar
noch wissenswert ist, "nach der Mutter der Hekabe", wie Kaiser Tiberius
meinte. Da die aeltesten und bedeutendsten etruskischen Staedte tief
im Binnenlande liegen, ja unmittelbar am Meer keine einzige namhafte
etruskische Stadt begegnet ausser Populonia, von dem wir aber eben
sicher wissen, dass es zu den alten Zwoelf Staedten nicht gehoert hat;
da ferner in geschichtlicher Zeit die Etrusker von Norden nach Sueden
sich bewegen, so sind sie wahrscheinlich zu Lande nach der Halbinsel
gekommen; wie denn auch die niedere Kulturstufe, auf der wir sie zuerst
finden, mit einer Einwanderung ueber das Meer sich schlecht vertragen
wuerde. Eine Meerenge ueberschritten schon in fruehester Zeit die
Voelker gleich einem Strom; aber eine Landung an der italischen
Westkueste setzt ganz andere Bedingungen voraus. Danach muss die aeltere
Heimat der Etrusker west- oder nordwaerts von Italien gesucht werden. Es
ist nicht ganz unwahrscheinlich, dass die Etrusker ueber die raetischen
Alpen nach Italien gekommen sind, da die aeltesten in Graubuenden und
Tirol nachweisbaren Ansiedler, die Raeter, bis in die historische Zeit
etruskisch redeten und auch ihr Name auf den der Rasen anklingt; sie
koennen freilich Truemmer der etruskischen Ansiedlungen am Po, aber
wenigstens ebenso gut auch ein in den aelteren Sitzen zurueckgebliebener
Teil des Volks sein. Mit dieser einfachen und naturgemaessen Auffassung
aber tritt in grellen Widerspruch die Erzaehlung, dass die Etrusker aus
Asien ausgewanderte Lyder seien. Sie ist sehr alt: schon bei Herodot
findet sie sich und kehrt dann in zahllosen Wandlungen und Steigerungen
bei den Spaeteren wieder, wenngleich einzelne verstaendige Forscher,
wie zum Beispiel Dionysios, sich nachdruecklich dagegen erklaerten und
darauf hinwiesen, dass in Religion, Gesetz, Sitte und Sprache zwischen
Lydern und Etruskern auch nicht die mindeste Aehnlichkeit sich zeige. Es
ist moeglich, dass ein vereinzelter kleinasiatischer Piratenschwarm nach
Etrurien gelangt ist und an dessen Abenteuer diese Maerchen anknuepfen;
wahrscheinlicher aber beruht die ganze Erzaehlung auf einem blossen
Quiproquo. Die italischen Etrusker oder die Turs-ennae - denn diese Form
scheint die urspruengliche und der griechischen Tyr-s/e/noi, Tyrr/e/noi,
der umbrischen Turs-ci, den beiden roemischen Tusci Etrusci zu Grunde zu
liegen - begegneten sich in dem Namen ungefaehr mit dem lydischen Volke
der Torr/e/boi oder auch wohl Tyrr-/e/noi, so genannt von der Stadt
T?rra; und diese offenbar zufaellige Namensvetterschaft scheint in der
Tat die einzige Grundlage jener durch ihr hohes Alter reicht besser
gewordenen Hypothese und des ganzen babylonischen Turmes darauf
aufgefuehrter Geschichtsklitterungen zu sein. Indem man mit dem
lydischen Piratenwesen den alten etruskischen Seeverkehr verknuepfte und
endlich noch - zuerst nachweislich tut es Thukydides - die torrhebischen
Seeraeuber mit Recht oder Unrecht zusammenwarf mit dem auf allen Meeren
pluendernden und hausenden Flibustiervolk der Pelasger, entstand eine
der heillosesten Verwirrungen geschichtlicher Ueberlieferung. Die
Tyrrhener bezeichnen bald die lydischen Torrheber - so in den aeltesten
Quellen, wie in den Homerischen Hymnen; bald als Tyrrhener-Pelasger oder
auch bloss Tyrrhener die pelasgische Nation; bald endlich die italischen
Etrusker, ohne dass die letzteren mit den Pelasgern oder den Torrhebern
je sich nachhaltig beruehrt oder gar die Abstammung mit ihnen gemein
haetten. Von geschichtlichem Interesse ist es dagegen zu bestimmen, was
die nachweislich aeltesten Sitze der Etrusker waren und wie sie von dort
aus sich weiter bewegten. Dass sie vor der grossen keltischen Invasion
in der Landschaft noerdlich vom Padus sassen, oestlich an der Etsch
grenzend mit den Venetern illyrischen (albanesischen?) Stammes, westlich
mit den Ligurern, ist vielfach beglaubigt; vornehmlich zeugt dafuer der
schon erwaehnte rauhe etruskische Dialekt, den noch in Livius' Zeit
die Bewohner der raetischen Alpen redeten, sowie das bis in spaete Zeit
tuskisch gebliebene Mantua. Suedlich vom Padus und an den Muendungen
dieses Flusses mischten sich Etrusker und Umbrer, jener als der
herrschende Stamm, dieser als der aeltere, der die alten Kaufstaedte
Atria und Spina gegruendet hatte, waehrend Felsina (Bologna) und Ravenna
tuskische Anlagen scheinen. Es hat lange gewaehrt, ehe die Kelten den
Padus ueberschritten; womit es zusammenhaengt, dass auf dem rechten
Ufer desselben das etruskische und umbrische Wesen weit tiefere
Wurzeln geschlagen hat als auf dem frueh aufgegebenen linken. Doch sind
ueberhaupt die Landschaften noerdlich vom Apennin zu rasch von einer
Nation an die andere gelangt, als dass eine dauerhafte Volksentwicklung
sich hier haette gestalten koennen. Weit wichtiger fuer die Geschichte
wurde die grosse Ansiedelung der Tusker in dem Lande, das heute noch
ihren Namen traegt. Moegen auch Ligurer oder Umbrer hier einstmals
gewohnt haben, so sind doch ihre Spuren durch die etruskische Okkupation
und Zivilisation so gut wie vollstaendig ausgetilgt worden. In diesem
Gebiet, das am Meer von Pisae bis Tarquinii reicht und oestlich vom
Apennin abgeschlossen wird, hat die etruskische Nationalitaet ihre
bleibende Staette gefunden und mit grosser Zaehigkeit bis in die
Kaiserzeit hinein sich behauptet. Die Nordgrenze des eigentlich
tuskischen Gebietes machte der Arnus; das Gebiet von da nordwaerts bis
zur Muendung der Macra und dem Apennin war streitiges Grenzland, bald
ligurisch, bald etruskisch, und groessere Ansiedlungen gediehen deshalb
daselbst nicht. Die Suedgrenze bildete anfangs wahrscheinlich der
Ciminische Wald, eine Huegelkette suedlich von Viterbo, spaeterhin der
Tiberstrom; es ward schon oben angedeutet, dass das Gebiet zwischen
dem Ciminischen Gebirg und dem Tiber mit den Staedten Sutrium, Nepete,
Falerii, Veii, Caere erst geraume Zeit spaeter als die noerdlicheren
Distrikte, moeglicherweise erst im zweiten Jahrhundert Roms, von den
Etruskern eingenommen zu sein scheint und dass die urspruengliche
italische Bevoelkerung sich hier, namentlich in Falerii, wenn auch in
abhaengigem Verhaeltnis behauptet haben muss. Seitdem der Tiberstrom
die Markscheide Etruriens gegen Umbrien und Latium bildete, mag hier im
ganzen ein friedliches Verhaeltnis eingetreten sein und eine wesentliche
Grenzverschiebung nicht stattgefunden haben, am wenigsten gegen die
Latiner. So lebendig in den Roemern das Gefuehl lebte, dass der Etrusker
ihnen fremd, der Latiner ihr Landsmann war, so scheinen sie doch vom
rechten Ufer her weit weniger Ueberfall und Gefahr befuerchtet zu
haben als zum Beispiel von den Stammesverwandten in Gabii und Alba;
natuerlich, denn dort schuetzte nicht bloss die Naturgrenze des
breiten Stromes, sondern auch der fuer Roms merkantile und politische
Entwicklung folgenreiche Umstand, dass keine der maechtigeren
etruskischen Staedte unmittelbar am Fluss lag wie am latinischen Ufer
Rom. Dem Tiber am naechsten waren die Veienter, und sie waren es auch,
mit denen Rom und Latium am haeufigsten in ernste Konflikte gerieten,
namentlich um den Besitz von Fidenae, welches den Veientern auf
dem linken Tiberufer, aehnlich wie auf dem rechten den Roemern das
Ianiculum, als eine Art Brueckenkopf diente und bald in den Haenden der
Latiner, bald in denen der Etrusker sich befand. Dagegen mit dem etwas
entfernteren Caere war das Verhaeltnis im ganzen weit friedlicher und
freundlicher, als es sonst unter Nachbarn in solchen Zeiten vorzukommen
pflegt. Es gibt wohl schwankende und in die graueste Fernzeit gerueckte
Sagen von Kaempfen zwischen Latium und Caere, wie denn der caeritische
Koenig Mezentius ueber die Latiner grosse Siege erfochten und denselben
einen Weinzins auferlegt haben soll; aber viel bestimmter als der
einstmalige Fehdestand erhellt aus der Tradition ein vorzugsweise enges
Verhaeltnis zwischen den beiden uralten Mittelpunkten des Handels-
und Seeverkehrs in Latium und in Etrurien. Sichere Spuren von einem
Vordringen der Etrusker ueber den Tiber hinaus auf dem Landweg mangeln
ueberhaupt. Zwar werden in dem grossen Barbarenheer, das Aristodemos
im Jahre 230 (524) der Stadt unter den Mauern von Kyme vernichtet, die
Etrusker in erster Reihe genannt; indes selbst wenn man diese Nachricht
als bis ins einzelne glaubwuerdig betrachtet, folgt daraus nur, dass die
Etrusker an einem grossen Pluenderzuge teilnahmen. Weit wichtiger
ist es, dass suedwaerts vom Tiber keine auf dem Landweg gegruendete
etruskische Ansiedlung nachweisbar ist und dass namentlich von einer
ernstlichen Bedraengung der latinischen Nation durch die Etrusker gar
nichts wahrgenommen wird. Der Besitz des Ianiculum und der beiden Ufer
der Tibermuendung blieb den Roemern, soviel wir sehen, unangefochten.
Was die Uebersiedlungen etruskischer Gemeinschaften nach Rom anlangt, so
findet sich ein vereinzelter, aus tuskischen Annalen gezogener Bericht,
dass eine tuskische Schar, welche Caelius Vivenna von Volsinii und nach
dessen Untergang der treue Genosse desselben, Mastarna, angefuehrt habe,
von dem letzteren nach Rom gefuehrt worden sei. Es mag dies zuverlaessig
sein, wenngleich die Herleitung des Namens des caelischen Berges von
diesem Caelius offenbar eine Philologenerfindung ist und nun gar der
Zusatz, dass dieser Mastarna in Rom Koenig geworden sei unter dem Namen
Servius Tullius, gewiss nichts ist als eine unwahrscheinliche Vermutung
solcher Archaeologen, die mit dem Sagenparallelismus sich abgaben. Auf
etruskische Ansiedlungen in Rom deutet weiter das "Tuskerquartier" unter
dem Palatin. Auch das kann schwerlich bezweifelt werden, dass das
letzte Koenigsgeschlecht, das ueber die Roemer geherrscht hat, das der
Tarquinier, aus Etrurien entsprossen ist, sei es nun aus Tarquinii, wie
die Sage will, sei es aus Caere, wo das Familiengrab der Tarchnas
vor kurzem aufgefunden worden ist; auch der in die Sage verflochtene
Frauenname Tanaquil oder Tanchvil ist unlateinisch, dagegen in Etrurien
gemein. Allein die ueberlieferte Erzaehlung, wonach Tarquinius der Sohn
eines aus Korinth nach Tarquinii uebergesiedelten Griechen war und in
Rom als Metoeke einwanderte, ist weder Geschichte noch Sage und die
geschichtliche Kette der Ereignisse offenbar hier nicht bloss verwirrt,
sondern voellig zerrissen. Wenn aus dieser Ueberlieferung ueberhaupt
etwas mehr entnommen werden kann als die nackte und im Grunde
gleichgueltige Tatsache, dass zuletzt ein Geschlecht tuskischer Abkunft
das koenigliche Szepter in Rom gefuehrt hat, so kann darin nur liegen,
dass diese Herrschaft eines Mannes tuskischer Herkunft ueber Rom weder
als eine Herrschaft der Tusker oder einer tuskischen Gemeinde ueber Rom,
noch umgekehrt als die Herrschaft Roms ueber Suedetrurien gefasst werden
darf. In der Tat ist weder fuer die eine noch fuer die andere Annahme
irgendein ausreichender Grund vorhanden; die Geschichte der Tarquinier
spielt in Latium, nicht in Etrurien, und soweit wir sehen, hat waehrend
der ganzen Koenigszeit Etrurien auf Rom weder in der Sprache noch in
Gebraeuchen einen wesentlichen Einfluss geuebt oder gar die ebenmaessige
Entwicklung des roemischen Staats oder des latinischen Bundes
unterbrochen. Die Ursache dieser relativen Passivitaet Etruriens gegen
das latinische Nachbarland ist wahrscheinlich teils zu suchen in den
Kaempfen der Etrusker mit den Kelten am Padus, den diese vermutlich erst
nach der Vertreibung der Koenige in Rom ueberschritten, teils in
der Richtung der etruskischen Nation auf Seefahrt und Meer- und
Kuestenherrschaft, womit zum Beispiel die kampanischen Ansiedelungen
entschieden zusammenhaengen und wovon im folgenden Kapitel weiter die
Rede sein wird. Die tuskische Verfassung beruht gleich der griechischen
und latinischen auf der zur Stadt sich entwickelnden Gemeinde. Die
fruehe Richtung der Nation aber auf Schiffahrt, Handel und Industrie
scheint rascher, als es sonst in Italien der Fall gewesen ist, hier
eigentlich staedtische Gemeinwesen ins Leben gerufen zu haben; zuerst
von allen italischen Staedten wird in den griechischen Berichten Caere
genannt. Dagegen finden wir die Etrusker im ganzen minder kriegstuechtig
und kriegslustig als die Roemer und Sabeller; die unitalische Sitte, mit
Soeldnern zu fechten, begegnet hier sehr frueh. Die aelteste Verfassung
der Gemeinden muss in den allgemeinen Grundzuegen Aehnlichkeit mit
der roemischen gehabt haben; Koenige oder Lucumonen herrschten, die
aehnliche Insignien, also wohl auch aehnliche Machtfuelle besassen wie
die roemischen; Vornehme und Geringe standen sich schroff gegenueber;
fuer die Aehnlichkeit der Geschlechterordnung buergt die Analogie
des Namensystems, nur dass bei den Etruskern die Abstammung von
muetterlicher Seite weit mehr Beachtung findet als im roemischen Recht.
Die Bundesverfassung scheint sehr lose gewesen zu sein. Sie umschloss
nicht die gesamte Nation, sondern es waren die noerdlichen und die
kampanischen Etrusker zu eigenen Eidgenossenschaften vereinigt ebenso
wie die Gemeinden des eigentlichen Etrurien; jeder dieser Buende bestand
aus zwoelf Gemeinden, die zwar eine Metropole, namentlich fuer den
Goetterdienst, und ein Bundeshaupt oder vielmehr einen Oberpriester
anerkannten, aber doch im wesentlichen gleichberechtigt gewesen zu sein
scheinen und zum Teil wenigstens so maechtig, dass weder eine Hegemonie
sich bilden noch die Zentralgewalt zur Konsolidierung gelangen konnte.
Im eigentlichen Etrurien war die Metropole Volsinii; von den uebrigen
Zwoelfstaedten desselben kennen wir durch sichere Ueberlieferung nur
Perusia, Vetulonium, Volci und Tarquinii. Es ist indes ebenso selten,
dass die Etrusker wirklich gemeinschaftlich handeln, als das Umgekehrte
selten ist bei der latinischen Eidgenossenschaft; die Kriege fuehrt
regelmaessig eine einzelne Gemeinde, die von ihren Nachbarn wen sie kann
ins Interesse zieht, und wenn ausnahmsweise der Bundeskrieg beschlossen
wird, so schliessen sich dennoch sehr haeufig einzelne Staedte aus - es
scheint den etruskischen Konfoederationen mehr noch als den aehnlichen
italischen Stammbuenden von Haus aus an einer festen und gebietenden
Oberleitung gefehlt zu haben. 10. Kapitel Die Hellenen in Italien
Seeherrschaft der Tusker und Karthager Nicht auf einmal wird es hell in
der Voelkergeschichte des Altertums; und auch hier beginnt der Tag
im Osten. Waehrend die italische Halbinsel noch in tiefes Werdegrauen
eingehuellt liegt, ist in den Landschaften am oestlichen Becken des
Mittelmeers bereits eine nach allen Seiten hin reich entwickelte Kultur
ans Licht getreten; und das Geschick der meisten Voelker, in den ersten
Stadien der Entwicklung an einem ebenbuertigen Bruder zunaechst den
Meister und Herrn zu finden, ist in hervorragendem Masse auch den
Voelkern Italiens zuteil geworden. Indes lag es in den geographischen
Verhaeltnissen der Halbinsel, dass eine solche Einwirkung nicht zu Lande
stattfinden konnte. Von der Benutzung des schwierigen Landwegs zwischen
Italien und Griechenland in aeltester Zeit findet sich nirgends eine
Spur. In das transalpinische Land freilich mochten von Italien aus
schon in unvordenklich ferner Zeit Handelsstrassen fuehren: die aelteste
Bernsteinstrasse erreichte von der Ostsee aus das Mittelmeer an der
Pomuendung - weshalb in der griechischen Sage das Delta des Po als
Heimat des Bernsteins erscheint -, und an diese Strasse schloss sich
eine andere quer durch die Halbinsel ueber den Apennin nach Pisa
fuehrende an; aber Elemente der Zivilisation konnten von dort her den
Italikern nicht zukommen. Es sind die seefahrenden Nationen des Ostens,
die nach Italien gebracht haben, was ueberhaupt in frueher Zeit von
auslaendischer Kultur dorthin gelangt ist. Das aelteste Kulturvolk am
Mittelmeergestade, die Aegypter, fuhren noch nicht ueber Meer und haben
daher auch auf Italien nicht eingewirkt. Ebensowenig aber kann dies von
den Phoenikern behauptet werden. Allerdings waren sie es, die von ihrer
engen Heimat am aeusseren Ostrand des Mittelmeers aus zuerst unter allen
bekannten Staemmen auf schwimmenden Haeusern in dasselbe, anfangs des
Fisch- und Muschelfangs, bald auch des Handels wegen, sich hinauswagten,
die zuerst den Seeverkehr eroeffneten und in unglaublich frueher Zeit
das Mittelmeer bis zu seinem aeussersten westlichen Ende befuhren. Fast
an allen Gestaden desselben erscheinen vor den hellenischen phoenikische
Seestationen: wie in Hellas selbst, auf Kreta und Kypros, in Aegypten,
Libyen und Spanien, so auch im italischen Westmeer. Um ganz Sizilien
herum, erzaehlt Thukydides, hatten, ehe die Griechen dorthin kamen,
oder wenigstens, ehe sie dort in groesserer Anzahl sich festsetzten, die
Phoeniker auf den Landspitzen und Inselchen ihre Faktoreien gegruendet,
des Handels wegen mit den Eingeborenen, nicht um Land zu gewinnen.
Allein anders verhaelt es sich mit dem italischen Festland. Von
phoenikischen Niederlassungen daselbst ist bis jetzt nur eine einzige
mit einiger Sicherheit nachgewiesen worden, eine punische Faktorei
bei Caere, deren Andenken sich bewahrt hat teils in der Benennung der
kleinen Ortschaft an der caeritischen Kueste Punicum, teils in dem
zweiten Namen der Stadt Caere selbst, Agylla, welcher nicht, wie man
fabelt, von den Pelasgern herruehrt, sondern phoenikisch ist und
die "Rundstadt" bezeichnet, wie eben vom Ufer aus gesehen Caere sich
darstellt. Dass diese Station und was von aehnlichen Gruendungen es an
den Kuesten Italiens noch sonst gegeben haben mag, auf jeden Fall
weder bedeutend noch von langem Bestande gewesen ist, beweist ihr fast
spurloses Verschwinden; aber es liegt auch nicht der mindeste Grund
vor, sie fuer aelter zu halten als die gleichartigen hellenischen
Ansiedlungen an denselben Gestaden. Ein unveraechtliches Anzeichen
davon, dass wenigstens Latium die kanaanitischen Maenner erst durch
Vermittlung der Hellenen kennengelernt hat, ist ihre latinische, der
griechischen entlehnte Benennung der Poener. Vielmehr fuehren alle
aeltesten Beziehungen der Italiker zu der Zivilisation des Ostens
entschieden nach Griechenland; und es laesst sich das Entstehen der
phoenikischen Faktorei bei Caere, ohne auf die vorhellenische Periode
zurueckzugehen, sehr wohl aus den spaeteren wohlbekannten Beziehungen
des caeritischen Handelsstaats zu Karthago erklaeren. In der Tat
lag, wenn man sich erinnert, dass die aelteste Schiffahrt wesentlich
Kuestenfahrt war und blieb, den Phoenikern kaum eine Landschaft am
Mittelmeer so fern wie der italische Kontinent. Sie konnten ihn
nur entweder von der griechischen Westkueste oder von Sizilien aus
erreichen; und es ist sehr glaublich, dass die hellenische Seefahrt
frueh genug aufbluehte, um den Phoenikern in der Befahrung der
Adriatischen wie der Tyrrhenischen See zuvorzukommen. Urspruenglichen
unmittelbaren Einfluss der Phoeniker auf die Italiker anzunehmen,
ist deshalb kein Grund vorhanden; auf die spaeteren Beziehungen der
phoenikischen Seeherrschaft im westlichen Mittelmeer zu den italischen
Anwohnern der Tyrrhenischen See wird die Darstellung zurueckkommen.
Allem Anschein nach sind es also die hellenischen Schiffer gewesen, die
zuerst unter den Anwohnern des oestlichen Beckens des Mittelmeers die
italischen Kuesten befuhren. Von den wichtigen Fragen indes, aus welcher
Gegend und zu welcher Zeit die griechischen Seefahrer dorthin
gelangt sind, laesst nur die erstere sich mit einiger Sicherheit und
Vollstaendigkeit beantworten. Es war das aeolische und ionische Gestade
Kleinasiens, wo zuerst der hellenische Seeverkehr sich grossartig
entfaltete und von wo aus den Griechen wie das Innere des Schwarzen
Meeres so auch die italischen Kuesten sich erschlossen. Der Namen des
Ionischen Meeres, welcher den Gewaessern zwischen Epirus und Sizilien
geblieben ist, und der der Ionischen Bucht, mit welchem Namen die
Griechen frueher das Adriatische Meer bezeichneten, haben das Andenken
an die einstmalige Entdeckung der Sued- und Ostkueste Italiens durch
ionische Seefahrer bewahrt. Die aelteste griechische Ansiedlung in
Italien, Kyme, ist dem Namen wie der Sage nach eine Gruendung der
gleichnamigen Stadt an der anatolischen Kueste. Nach glaubwuerdiger
hellenischer Ueberlieferung waren es die kleinasiatischen Phokaeer, die
zuerst von den Hellenen die entferntere Westsee befuhren. Bald folgten
auf den von den Kleinasiaten gefundenen Wegen andere Griechen nach:
Ionier von Naxos und von Chalkis auf Euboea, Achaeer, Lokrer, Rhodier,
Korinther, Megarer, Messener, Spartaner. Wie nach der Entdeckung
Amerikas die zivilisierten Nationen Europas wetteiferten, dorthin
zu fahren und dort sich niederzulassen; wie die Solidaritaet der
europaeischen Zivilisation den neuen Ansiedlern inmitten der Barbaren
deutlicher zum Bewusstsein kam als in ihrer alten Heimat, so war auch
die Schiffahrt nach dem Westen und die Ansiedelung im Westland kein
Sondergut einer einzelnen Landschaft oder eines einzelnen Stammes der
Griechen, sondern Gemeingut der hellenischen Nation; und wie sich zu
Nordamerikas Schoepfung englische und franzoesische, hollaendische und
deutsche Ansiedlungen gemischt und durchdrungen haben, so ist auch
das griechische Sizilien und "Grossgriechenland" aus den
verschiedenartigsten hellenischen Stammschaften oft ununterscheidbar
zusammengeschmolzen. Doch lassen sich, ausser einigen mehr vereinzelt
stehenden Ansiedlungen, wie die der Lokrer mit ihren Pflanzstaedten
Hipponion und Medama und die erst gegen Ende dieser Periode gegruendete
Niederlassung der Phokaeer Hyele (Velia, Elea) sind, im ganzen drei
Hauptgruppen unterscheiden: die unter dem Namen der chalkidischen
Staedte zusammengefasste urspruenglich ionische, zu der in Italien Kyme
mit den uebrigen griechischen Niederlassungen am Vesuv und Rhegion,
in Sizilien Zankle (spaeter Messana), Naxos, Katane, Leontini,
Himera zaehlen; die achaeische, wozu Sybaris und die Mehrzahl der
grossgriechischen Staedte sich rechneten, und die dorische, welcher
Syrakus, Gela, Akragas, ueberhaupt die Mehrzahl der sizilischen
Kolonien, dagegen in Italien nur Taras (Tarentum) und dessen Pflanzstadt
Herakleia angehoeren. Im ganzen ueberwiegt in der Einwanderung die
aeltere hellenische Schicht der Ionier und der vor der dorischen
Einwanderung im Peloponnes ansaessigen Staemme; von den Dorern haben
sich vorzugsweise nur die Gemeinden gemischter Bevoelkerung, wie
Korinth und Megara, die rein dorischen Landschaften dagegen nur in
untergeordnetem Grade beteiligt; natuerlich, denn die Ionier waren ein
altes Handels- und Schiffervolk, die dorischen Staemme aber sind erst
verhaeltnismaessig spaet von ihren binnenlaendischen Bergen in die
Kuestenlandschaften hinabgestiegen und zu allen Zeiten dem
Seeverkehr ferner geblieben. Sehr bestimmt treten die verschiedenen
Einwanderergruppen auseinander, besonders in ihrem Muenzfuss.
Die phokaeischen Ansiedler praegen nach dem in Asien herrschenden
babylonischen Fuss. Die chalkidischen Staedte folgen in aeltester Zeit
dem aeginaeischen, das heisst dem urspruenglich im ganzen europaeischen
Griechenland vorherrschenden und zwar zunaechst derjenigen Modifikation
desselben, die wir dort auf Euboea wiederfinden. Die achaeischen
Gemeinden muenzen auf korinthische, die dorischen endlich auf diejenige