und Ianiculum und die analogen Kollegien vom Kapitol und dem Circustal.
^10 Die "Siebenhuegelstadt" im eigentlichen und religioesen Sinn ist
und bleibt das engere palatinische Altrom. Allerdings hat auch das
Servianische Rom sich wenigstens schon in der ciceronischen Zeit
(vgl. z. B. Cic. Att. 6, 5, 2; Plut. q. Rom. 69) als Siebenhuegelstadt
betrachtet, wahrscheinlich weil das auch in der Kaiserzeit eifrig
gefeierte Fest des Septimontium anfing, als allgemeines Stadtfest zu
gelten; aber schwerlich ist man je darueber zu fester Einigung gelangt,
welche von den durch den Servianischen Mauerring umfassten Anhoehen
zu den sieben zaehlen. Die uns gelaeufigen sieben Berge Palatinus,
Aventinus, Caelius, Esquilinus, Viminalis, Quirinalis, Capitolinus
zaehlt kein alter Schriftsteller auf. Sie sind zusammengestellt aus der
traditionellen Erzaehlung von der allmaehlichen Entstehung der Stadt
(Jordan, Topographie der Stadt Rom im Altertum. Bd. 2. Berlin 1885, S.
206f.), aber das Ianiculum ist dabei nur uebergangen, weil sonst acht
herauskommen wuerden. Die aelteste Quelle, welche die sieben Berge
(montes) Roms aufzaehlt, die Stadtbeschreibung aus der Zeit Konstantins
des Grossen, nennt als solche Palatin, Aventin, Caelius, Esquilin,
Tarpeius, Vaticanus und Ianiculum - wo also der Quirinal und Viminal,
offenbar als colles, fehlen und dafuer zwei "montes" vom rechten
Tiberufer, darunter sogar der ausserhalb der Servianischen Mauer
liegende Vaticanus mit hineingezogen sind. Andere, noch spaetere Listen
geben Servius (Aen. 6, 783), die Berner Scholien zu Vergils Georgiken
(2, 535) und Lydus (mens. p. 118 Bekker). ^11 Sowohl die Lage der beiden
Tempel als das ausdrueckliche Zeugnis des Dionysios (2, 25), dass der
Vestatempel ausserhalb der Roma quadrata lag, bezeugen es, dass
diese Anlagen nicht mit der palatinischen, sondern mit der zweiten
(Servianischen) Stadtgruendung im Zusammenhang stehen; und wenn den
Spaeteren dieses Koenigshaus mit dem Vestatempel als Anlage Numas gilt,
so ist die Ursache dieser Annahme zu offenbar, um darauf Gewicht zu
legen. ------------------------------------------ Die Namen der Maenner,
auf deren Geheiss diese staedtischen Grossbauten sich erhoben, sind
nicht viel weniger verschollen, als die der Fuehrer in den aeltesten
roemischen Schlachten und Siegen. Die Sage freilich knuepft die
verschiedenen Werke an verschiedene Koenige an, das Rathaus an Tullus
Hostilius, das Ianiculum und die Holzbruecke an Ancus Marcius, die
grosse Kloake, den Circus, den Jupitertempel, an Tarquinius den
Aelteren, den Dianatempel und den Mauerring an Servius Tullius. Manche
dieser Angaben moegen richtig sein, und es scheint nicht zufaellig, dass
der Bau des neuen Mauerrings mit der neuen Heeresordnung, die ja auf die
stetige Verteidigung der Stadtwaelle wesentliche Ruecksicht nahm, auch
der Zeit und dem Urheber nach zusammengestellt wird. Im ganzen aber wird
man sich begnuegen muessen, aus dieser Ueberlieferung zu entnehmen, was
schon an sich einleuchtet, dass diese zweite Schoepfung Roms mit
der Anbahnung der Hegemonie ueber Latium und mit der Umschaffung des
Buergerheeres im engsten Zusammenhange stand; und dass sie zwar aus
einem und demselben grossen Gedanken hervorgegangen, uebrigens aber
weder eines Mannes noch eines Menschenalters Werk ist. Dass auch
in diese Umgestaltung des roemischen Gemeindewesens die hellenische
Anregung maechtig eingegriffen hat, ist ebenso unzweifelhaft, als es
unmoeglich ist, die Art und den Grad dieser Einwirkung darzutun. Es
wurde schon bemerkt, dass die Servianische Militaerverfassung wesentlich
hellenischer Art ist, und dass die Circusspiele nach hellenischem Muster
geordnet wurden, wird spaeter gezeigt werden. Auch das neue Koenigshaus
mit dem Stadtherd ist vollstaendig ein griechisches Prytaneion und der
runde, nach Osten schauende und nicht einmal von den Auguren eingeweihte
Vestatempel in keinem Stueck nach italischem, sondern durchaus nach
hellenischem Ritus erbaut. Es scheint danach durchaus nicht unglaublich,
was die Ueberlieferung meldet, dass der roemisch-latinischen
Eidgenossenschaft die ionische in Kleinasien gewissermassen als Muster
diente und darum auch das neue Bundesheiligtum auf dem Aventin
dem ephesischen Artemision nachgebildet ward. 8. Kapitel Die
umbrisch-sabellischen Staemme Anfaenge der Samniten Spaeter als die der
Latiner scheint die Wanderung der umbrischen Staemme begonnen zu haben,
die gleich der latinischen sich suedwaerts bewegte, jedoch mehr in der
Mitte der Halbinsel und gegen die oestliche Kueste zu sich hielt. Es
ist peinlich, davon zu reden, denn die Kunde davon kommt zu uns wie der
Klang der Glocken aus der im Meer versunkenen Stadt. Das Volk der
Umbrer dehnt noch Herodotos bis an die Alpen aus, und es ist nicht
unwahrscheinlich, dass sie in aeltester Zeit ganz Norditalien
innehatten, bis wo im Osten die illyrischen Staemme begannen, im Westen
die Ligurer, von deren Kaempfen mit den Umbrern es Sagen gibt, und auf
deren Ausdehnung in aeltester Zeit gegen Sueden zu einzelne Namen,
zum Beispiel der der Insel Ilva (Elba), verglichen mit den ligurischen
Ilvates, vielleicht einen Schluss gestatten. Dieser Epoche der
umbrischen Groesse moegen die offenbar italischen Namen der aeltesten
Ansiedlungen im Potal, Atria (Schwarzstadt) und Spina (Dornstadt), sowie
die zahlreichen umbrischen Spuren in Suedetrurien (Fluss Umbro, Camars
alter Name von Clusium, Castrum Amerinum) ihren Ursprung verdanken.
Ganz besonders begegnen dergleichen Anzeichen einer der etruskischen
voraufgegangenen italischen Bevoelkerung in dem suedlichen Strich
Etruriens zwischen dem Ciminischen Wald (unterhalb Viterbo) und dem
Tiber. In Falerii, der Grenzstadt Etruriens gegen Umbrien und das
Sabinerland, ward nach Strabons Zeugnis eine andere Sprache geredet als
die etruskische, und neuerdings sind daselbst derartige Inschriften
zum Vorschein gekommen, deren Alphabet und Sprache zwar auch mit
dem Etruskischen Beruehrungspunkte hat, aber doch im allgemeinen dem
Latinischen analog ist ^1. Auch der Lokalkult zeigt sabellische Spuren;
in denselben Kreis gehoeren die uralten, auch sakralen Beziehungen
zwischen Caere und Rom. Wahrscheinlich haben die Etrusker diese
suedlichen Striche bedeutend spaeter als die Landschaft nordwaerts
vom Ciminischen Wald den Umbrern entrissen und hat sogar noch nach der
tuskischen Eroberung umbrische Bevoelkerung sich hier gehalten. Die
spaeter nach der roemischen Eroberung im Vergleich mit dem zaehen
Festhalten etruskischer Sprache und Sitte im noerdlichen Etrurien so
auffallend schnell erfolgende Latinisierung der suedlichen Landschaft
findet vermutlich eben hierin ihren letzten Grund. Dass von Norden und
Westen her die Umbrer nach harten Kaempfen zurueckgedraengt wurden in
das enge Bergland zwischen den beiden Armen des Apennin, das sie spaeter
innehaben, bezeichnet schon ihre geographische Lage ebenso deutlich,
wie heutzutage die der Bewohner Graubuendens und die der Basken ihre
aehnlichen Schicksale andeutet; auch die Sage weiss zu berichten, dass
die Tusker den Umbrern dreihundert Staedte entrissen haben, und, was
mehr ist, in den Nationalgebeten der umbrischen Iguviner, die wir
noch besitzen, werden nebst anderen Staemmen vor allem die Tusker als
Landesfeinde verwuenscht. ---------------------------------------- ^1
In dem Alphabet ist besonders bemerkenswert, das r von der lateinischen
(R), nicht von der etruskischen Form (D) und das z ( ); es kann nur aus
dem primitiven lateinischen abgeleitet sein und wird dies sehr getreu
darstellen. Die Sprache steht ebenfalls dem aeltesten Latein nah; Marci
Acarcelini he cupa, das ist Marcius Acarcelinius heic cubat; Menerva A.
Cotena La. f. .... zenatuo sentem .... dedet cuando ... cuncaptum, das
ist Minervae A(ulus?) Cotena La(rtis) f(ilius) . . de senatus sententia
dedit quando (wohl = olim) conceptum. Zugleich mit diesen und aehnlichen
haben sich einige andere Inschriften gefunden von abweichender
und unzweifelhaft etruskischer Sprache und Schrift.
--------------------------------------- Vermutlich infolge dieses von
Norden her auf sie geuebten Druckes dringen die Umbrer vor gegen Sueden,
im allgemeinen sich haltend auf dem Gebirgszug, da sie die Ebenen schon
von den latinischen Staemmen besetzt fanden, jedoch ohne Zweifel das
Gebiet ihrer Stammverwandten oft betretend und beschraenkend und mit
ihnen sich um so leichter vermischend, als der Gegensatz in Sprache und
Weise damals noch bei weitem nicht so scharf ausgepraegt sein konnten,
wie wir spaeter ihn finden. In diesen Kreis gehoert, was die Sage zu
erzaehlen weiss von dem Eindringen der Reatiner und Sabiner in Latium
und ihren Kaempfen mit den Roemern; aehnliche Erscheinungen moegen sich
laengs der ganzen Westkueste wiederholt haben. Im ganzen behaupten
die Sabiner sich in den Bergen, so in der von ihnen seitdem benannten
Landschaft neben Latium und ebenso in dem Volskerland, vermutlich, weil
die latinische Bevoelkerung hier fehlte oder doch minder dicht war;
waehrend anderseits die wohlbevoelkerten Ebenen besser Widerstand
zu leisten vermochten, ohne indes das Eindringen einzelner
Genossenschaften, wie der Titier und spaeter der Claudier in Rom, ganz
abwehren zu koennen oder zu wollen. So mischten sich hier die Staemme
hueben und drueben, woraus sich auch erklaert, weshalb die Volsker mit
den Latinern in zahlreichen Beziehungen stehen und nachher dieser Strich
sowie die Sabina so frueh und so schnell sich latinisieren konnten. Der
Hauptstock des umbrischen Stammes aber warf sich aus der Sabina
oestlich in die Gebirge der Abruzzen und das suedlich an diese sich
anschliessende Huegelland: sie besetzten auch hier wie an der Westkueste
die bergigen Striche, deren duenne Bevoelkerung den Einwanderern
wich oder sich unterwarf, waehrend dagegen in dem ebenen apulischen
Kuestenland die alte einheimische Bevoelkerung der Iapyger, zwar unter
steten Fehden, namentlich an der Nordgrenze um Luceria und Arpi, doch im
ganzen sich behauptete. Wann diese Wanderungen stattfanden, laesst sich
natuerlich nicht bestimmen; vermutlich aber doch um die Zeit, wo in Rom
die Koenige herrschten. Die Sage erzaehlt, dass die Sabiner, gedraengt
von den Umbrern, einen Lenz gelobten, das heisst schwuren, die in dem
Kriegsjahre geborenen Soehne und Toechter, nachdem sie erwachsen waeren,
preiszugeben und ueber die Landesgrenze zu schaffen, damit die Goetter
sie nach ihrem Gefallen verderben oder auswaerts ihnen neue Sitze
bescheren moechten. Den einen Schwarm fuehrte der Stier des Mars: das
wurden die Safiner oder Samniten, die zuerst sich festsetzten auf den
Bergen am Sagrusfluss und in spaeterer Zeit von da aus die schoene Ebene
oestlich vom Matesegebirg an den Quellen des Tifernus besetzten und im
alten wie im neuen Gebiet ihre Dingstaette, dort bei Agnone, hier bei
Bojano gelegen, von dem Stier, der sie leitete, Bovianum nannten. Einen
zweiten Haufen fuehrte der Specht des Mars: das wurden die Picenter, das
Spechtvolk, das die heutige anconitanische Mark gewann; einen dritten
der Wolf (hirpus) in die Gegend von Benevent: das wurden die Hirpiner.
In aehnlicher Weise zweigten von dem gemeinschaftlichen Stamm sich die
uebrigen kleinen Voelkerschaften ab: die Praetuttier bei Teramo, die
Vestiner am Gran Sasso, die Marruciner bei Chieti, die Frentaner an der
apulischen Grenze, die Paeligner am Majellagebirg, die Marser endlich am
Fuciner See, diese mit den Volskern und den Latinern sich beruehrend.
In ihnen allen blieb das Gefuehl der Verwandtschaft und der Herkunft
aus dem Sabinerlande lebendig, wie es denn in jenen Sagen deutlich sich
ausspricht. Waehrend die Umbrer im ungleichen Kampf erlagen und die
westlichen Auslaeufer des gleichen Stammes mit der latinischen oder
hellenischen Bevoelkerung verschmolzen, gediehen die sabellischen
Staemme in der Abgeschlossenheit des fernen Gebirgslandes, gleich
entrueckt dem Anstoss der Etrusker, der Latiner und der Griechen.
Staedtisches Leben entwickelte bei ihnen sich nicht oder nur in geringem
Grad; von dem Grossverkehr schloss ihre geographische Lage sie
beinahe voellig aus und dem Beduerfnis der Verteidigung genuegten die
Bergspitzen und die Schutzburgen, waehrend die Bauern wohnen blieben in
den offenen Weilern oder auch, wo Quell und Wald oder Wiese einem jeden
gefiel. So blieb denn auch die Verfassung, wie sie war; aehnlich wie
bei den aehnlich gelegenen Arkadern in Hellas kam es hier nicht zur
Inkorporation der Gemeinden, und es bildeten hoechstens mehr oder minder
lockere Eidgenossenschaften sich aus. Vor allem in den Abruzzen scheint
die scharfe Sonderung der Bergtaeler eine strenge Abgeschlossenheit der
einzelnen Kantone hervorgerufen zu haben, sowohl unter sich wie
gegen das Ausland; woher es kommt, dass diese Bergkantone in geringem
Zusammenhang unter sich und in voelliger Isolierung gegen das uebrige
Italien verharrt und trotz der Tapferkeit ihrer Bewohner weniger als
irgendein anderer Teil der italischen Nation in die Entwicklung der
Geschichte der Halbinsel eingegriffen haben. Dagegen ist das Volk der
Samniten in dem oestlichen Stamm der Italiker ebenso entschieden
der Hoehepunkt der politischen Entwicklung wie in dem westlichen das
latinische. Seit frueherer Zeit, vielleicht von der ersten Einwanderung
an, umschloss ein vergleichungsweise festes politisches Band die
samnitische Nation und gab ihr die Kraft, spaeter mit Rom um den ersten
Platz in Italien in ebenbuertigem Kampf zu ringen. Wann und wie das
Band geknuepft ward, wissen wir ebensowenig als wir die Bundesverfassung
kennen; das aber ist klar, dass in Samnium keine einzelne Gemeinde
ueberwog und noch weniger ein staedtischer Mittelpunkt den samnitischen
Stamm zusammenhielt wie Rom den latinischen, sondern dass die Kraft
des Landes in den einzelnen Bauernschaften, die Gewalt in der aus
ihren Vertretern gebildeten Versammlung lag; sie war es, die
erforderlichenfalls den Bundesfeldherrn ernannte. Damit haengt es
zusammen, dass die Politik dieser Eidgenossenschaft nicht wie die
roemische aggressiv ist, sondern sich beschraenkt auf die Verteidigung
der Grenzen; nur im Einheitsstaat ist die Kraft so konzentriert, die
Leidenschaft so maechtig, dass die Erweiterung des Gebiets planmaessig
verfolgt wird. Darum ist denn auch die ganze Geschichte der beiden
Voelker vorgezeichnet in ihrem diametral auseinandergehenden
Kolonisationssystem. Was die Roemer gewannen, erwarb der Staat; was die
Samniten besetzten, das eroberten freiwillige Scharen, die auf Landraub
ausgingen und von der Heimat im Glueck wie im Unglueck preisgegeben
waren. Doch gehoeren die Eroberungen, welche die Samniten an den Kuesten
des Tyrrhenischen und des Ionischen Meeres machten, erst einer spaeteren
Periode an; waehrend die Koenige in Rom herrschten, scheinen sie selbst
erst die Sitze sich gewonnen zu haben, in denen wir spaeter sie finden.
Als ein einzelnes Ereignis aus dem Kreise der durch diese samnitische
Ansiedelung veranlassten Voelkerbewegungen ist der Ueberfall von Kyme
durch Tyrrhener vom oberen Meer, Umbrer und Daunier im Jahre der Stadt
230 (524) zu erwaehnen; es moegen sich, wenn man den allerdings sehr
romantisch gefaerbten Nachrichten trauen darf, hier, wie das bei solchen
Zuegen zu geschehen pflegt, die Draengenden und die Gedraengten zu einem
Heer vereinigt haben, die Etrusker mit ihren umbrischen Feinden, mit
diesen die von den umbrischen Ansiedlern suedwaerts gedraengten Iapyger.
Indes das Unternehmen scheiterte; fuer diesmal gelang es noch der
ueberlegenen hellenischen Kriegskunst und der Tapferkeit des Tyrannen
Aristodemos, den Sturm der Barbaren von der schoenen Seestadt
abzuschlagen. 9. Kapitel Die Etrusker Im schaerfsten Gegensatz zu den
latinischen und den sabellischen Italikern wie zu den Griechen steht das
Volk der Etrusker oder, wie sie sich selber nannten, der Rasen ^1. Schon
der Koerperbau unterschied die beiden Nationen; statt des schlanken
Ebenmasses der Griechen und Italiker zeigen die Bildwerke der Etrusker
nur kurze staemmige Figuren mit grossem Kopf und dicken Armen. Was wir
wissen von den Sitten und Gebraeuchen dieser Nation, laesst
gleichfalls auf eine tiefe und urspruengliche Verschiedenheit von den
griechisch-italischen Staemmen schliessen, so namentlich die Religion,
die bei den Tuskern einen trueben phantastischen Charakter traegt und im
geheimnisvollen Zahlenspiel und wuesten und grausamen Anschauungen
und Gebraeuchen sich gefaellt, gleich weit entfernt von dem klaren
Rationalismus der Roemer und dem menschlich heiteren hellenischen
Bilderdienst. Was hierdurch angedeutet wird, das bestaetigt das
wichtigste Dokument der Nationalitaet, die Sprache, deren auf uns
gekommene Reste, so zahlreich sie sind, und so manchen Anhalt sie fuer
die Entzifferung darbieten, dennoch so vollkommen isoliert stehen, dass
es bis jetzt nicht einmal gelungen ist, den Platz des Etruskischen in
der Klassifizierung der Sprachen mit Sicherheit zu bestimmen, geschweige
denn die Ueberreste zu deuten. Deutlich unterscheiden wir zwei
Sprachperioden. In der aelteren ist die Vokalisierung vollstaendig
durchgefuehrt und das Zusammenstossen zweier Konsonanten fast ohne
Ausnahme vermieden ^2. Durch Abwerfen der vokalischen konsonantischen
Endungen und durch Abschwaechen oder Ausstossen der Vokale ward dies
weiche und klangvolle Idiom allmaehlich in eine unertraeglich harte
und rauhe Sprache verwandelt ^3; so machte man zum Beispiel ramtha aus
ramuthaf, Tarchnaf aus Tarquinius, Menrva aus Minerva, Menle, Pultuke,
Elchsentre aus Menelaos, Polydeukes, Alexandros. Wie dumpf und rauh die
Aussprache war, zeigt am deutlichsten, dass o und u, b und p, c und g, d
und t den Etruskern schon in sehr frueher Zeit zusammenfielen. Zugleich
wurde wie im Lateinischen und in den rauheren griechischen Dialekten der
Akzent durchaus auf die Anfangssilbe zurueckgezogen. Aehnlich wurden die
aspirierten Konsonanten behandelt; waehrend die Italiker sie wegwarfen
mit Ausnahme des aspirierten b oder des f, und die Griechen umgekehrt
mit Ausnahme dieses Lautes die uebrigen th ph ch beibehielten, liessen
die Etrusker den weichsten und lieblichsten, das ph gaenzlich, ausser
in Lehnwoertern fallen und bedienten sich dagegen der uebrigen drei
in ungemeiner Ausdehnung, selbst wo sie nicht hingehoerten, wie zum
Beispiel Thetis ihnen Thethis, Telephus Thelaphe, Odysseus Utuze oder
Uthuze heisst. Von den wenigen Endungen und Woertern, deren
Bedeutung ermittelt ist, entfernen die meisten sich weit von allen
griechisch-italischen Analogien; so die Zahlwoerter alle; so die Endung
al zur Bezeichnung der Abstammung, haeufig als Metronymikon, wie zum
Beispiel Canial auf einer zwiesprachigen Inschrift von Chiusi uebersetzt
wird durch Cainnia natus; die Endung sa bei Frauennamen zur Bezeichnung
des Geschlechts, in das sie eingeheiratet haben, so dass zum Beispiel
die Gattin eines Licinius Lecnesa heisst. So ist cela oder clan mit dem
Kasus clensi Sohn; sech Tochter; ril Jahr; der Gott Hermes wird Turms,
Aphrodite Turan, Hephaestos Sethlans, Bakchos Fufluns. Neben diesen
fremdartigen Formen und Lauten finden sich allerdings einzelne Analogien
zwischen dem Etruskischen und den italischen Sprachen. Die Eigennamen
sind im wesentlichen nach dem allgemeinen italischen Schema gebildet:
die haeufige gentilizische Endung enas oder ena ^4 kehrt wieder in der
auch in italischen, besonders sabellischen Geschlechtsnamen haeufigen
Endung enus, wie denn die etruskischen Namen Maecenas und Spurinna
den roemischen Maecius und Spurius genau entsprechen. Eine Reihe von
Goetternamen, die auf etruskischen Denkmaelern oder bei Schriftstellern
als etruskische vorkommen, sind dem Stamme und zum Teil auch der Endung
nach so durchaus lateinisch gebildet, dass, wenn diese Namen wirklich
von Haus aus etruskisch sind, die beiden Sprachen eng verwandt gewesen
sein muessen: so Usil (Sonne und Morgenroete, verwandt mit ausum, aurum,
aurora, sol), Minerva (menervare), Lasa (lascivus), Neptunus, Voltumna.
Indes da diese Analogien erst aus den spaeteren politischen und
religioesen Beziehungen zwischen Etruskern und Latinern und den dadurch
veranlassten Ausgleichungen und Entlehnungen herruehren koennen,
so stossen sie noch nicht das Ergebnis um, zu dem die uebrigen
Wahrnehmungen hinfuehren, dass die tuskische Sprache von den saemtlichen
griechisch-italischen Idiomen mindestens so weit abstand wie die
Sprache der Kelten und der Slaven. So wenigstens klang sie den Roemern;
"tuskisch und gallisch" sind Barbarensprachen, "oskisch und volskisch"
Bauernmundarten. Wenn aber die Etrusker dem griechisch-italischen
Sprachstamm fernstanden, so ist es bis jetzt ebensowenig gelungen,
sie einem andern bekannten Stamme anzuschliessen. Auf die
Stammesverwandtschaft mit dem etruskischen sind die verschiedenartigsten
Idiome, bald mit der einfachen, bald mit der peinlichen Frage, aber alle
ohne Ausnahme vergeblich befragt worden; selbst mit dem baskischen, an
das den geographischen Verhaeltnissen nach noch am ersten gedacht
werden koennte, haben entscheidende Analogien sich nicht herausgestellt.
Ebensowenig deuten die geringen Reste, die von der liturgischen Sprache
in Orts- und Personennamen auf uns gekommen sind, auf Zusammenhang mit
den Tuskern. Nicht einmal die verschollene Nation, die auf den Inseln
des tuskischen Meeres, namentlich auf Sardinien, jene raetselhaften
Grabtuerme, Nurhagen genannt, zu Tausenden aufgefuehrt hat, kann
fueglich mit der etruskischen in Verbindung gebracht werden, da im
etruskischen Gebiet kein einziges gleichartiges Gebaeude vorkommt.
Hoechstens deuten einzelne, wie es scheint, ziemlich zuverlaessige
Spuren darauf hin, dass die Etrusker im allgemeinen den Indogermanen
beizuzaehlen sind. So ist namentlich mi im Anfang vieler aelterer
Inschriften sicher emi, eimi und findet die Genetivform konsonantischer
Staemme veneruf, rafuvuf im Altlateinischen genau sich wieder,
entsprechend der alten sanskritischen Endung as. Ebenso haengt der Name
des etruskischen Zeus Tina oder Tinia wohl mit dem sanskritischen dina
= Tag zusammen wie Zan mit dem gleichbedeutenden diwan. Aber selbst dies
zugegeben erscheint das etruskische Volk darum kaum weniger isoliert.
"Die Etrusker", sagt schon Dionysios, "stehen keinem Volke gleich
an Sprache und Sitte"; und weiter haben auch wir nichts zu sagen.
--------------------------------------- ^1 Ras-ennae mit der 1, 131
erwaehnten gentilizischen Endung. ^2 Dahin gehoeren z. B.
Inschriften caeritischer Tongefaesse wie: minice
thumamimathumaramlisiaeipurenaietheeraisieepanaminethunastavhelefu oder:
mi ramuthas kaiufinaia. ^3 Wie die Sprache jetzt klingen mochte, davon
kann einen Begriff geben zum Beispiel der Anfang der grossen Perusiner
Inschrift: eulat tanna larezu amevachr lautn velthinase stlaafunas
slelethcaru. ^4 So Maecenas, Porsena, Vivenna, Caecina, Spurinna. Der
Vokal in der vorletzten Silbe ist urspruenglich lang, wird aber infolge
der Zurueckziehung des Akzents auf die Anfangssilbe haeufig verkuerzt
und sogar ausgestossen. So finden wir neben Porsena, auch Porsena, neben
Caecina Ceicne. ---------------------------------------- Ebensowenig
laesst sich bestimmen, von wo die Etrusker nach Italien eingewandert
sind; und hiermit ist nicht viel verloren, da diese Wanderung auf jeden
Fall der Kinderzeit des Volkes angehoert und dessen geschichtliche