Maennlichkeit und der Weiblichkeit, Dea Dia oder Ceres die schaffende,

Minerva die erinnernde Kraft, Dea bona oder, bei den Samniten, Dea

cupra die gute Gottheit. Wie den Griechen alles konkret und koerperlich

erschien, so konnte der Roemer nur abstrakte, vollkommen durchsichtige

Formeln brauchen; und warf der Grieche den alten Sagenschatz der Urzeit

deshalb zum groessten Teil weg, weil in deren Gestalten der Begriff noch

zu durchsichtig war, so konnte der Roemer ihn noch weniger festhalten,

weil ihm die heiligen Gedanken auch durch den leichtesten Schleier der

Allegorie sich zu trueben schienen. Nicht einmal von den aeltesten und

allgemeinsten Mythen, zum Beispiel der den Indern, Griechen und selbst

den Semiten gelaeufigen Erzaehlung von dem nach einer grossen

Flut uebriggebliebenen gemeinsamen Stammvater des gegenwaertigen

Menschengeschlechts, ist bei den Roemern eine Spur bewahrt worden.

Ihre Goetter konnten nicht sich vermaehlen und Kinder zeugen wie die

hellenischen; sie wandelten nicht ungesehen unter den Sterblichen und

bedurften nicht des Nektars. Aber dass sie dennoch in ihrer Geistigkeit,

die nur der platten Auffassung platt erscheint, die Gemueter maechtig

und vielleicht maechtiger fassten als die nach dem Bilde des Menschen

geschaffenen Goetter von Hellas, davon wuerde, auch wenn die Geschichte

schwiege, schon die roemische, dem Worte wie dem Begriffe nach

unhellenische Benennung des Glaubens, die "Religio", das heisst die

Bindung, zeugen. Wie Indien und Iran aus einem und demselben Erbschatz

jenes die Formenfuelle seiner heiligen Epen, dieses die Abstraktionen

des Zendavesta entwickelte, so herrscht auch in der griechischen

Mythologie die Person, in der roemischen der Begriff, dort die Freiheit,

hier die Notwendigkeit. Endlich gilt, was von dem Ernst des Lebens,

auch von dessen Nachbild in Scherz und Spiel, welche ja ueberall, und

am meisten in der aeltesten Zeit des vollen und einfachen Daseins, den

Ernst nicht ausschliessen, sondern einhuellen. Die einfachsten Elemente

der Kunst sind in Latium und in Hellas durchaus dieselben: der ehrbare

Waffentanz, der "Sprung" (triumpus, thriambos, di- th?rambos); der

Mummenschanz der "vollen Leute" (satyroi, satura), die, in Schaf- und

Bockfelle gehuellt, mit ihren Spaessen das Fest beschliessen; endlich

das Instrument der Floete, das den feierlichen wie den lustigen Tanz mit

angemessenen Weisen beherrscht und begleitet. Nirgends vielleicht tritt

so deutlich wie hier die vorzugsweise enge Verwandtschaft der Hellenen

und der Italiker zu Tage; und dennoch ist die Entwicklung der beiden

Nationen in keiner anderen Richtung so weit auseinandergegangen.

Die Jugendbildung blieb in Latium gebannt in die engen Schranken

der haeuslichen Erziehung; in Griechenland schuf der Drang nach

mannigfaltiger und doch harmonischer Bildung des menschlichen Geistes

und Koerpers die von der Nation und von den Einzelnen als ihr bestes Gut

gepflegten Wissenschaften der Gymnastik und der Paedeia. Latium steht in

der Duerftigkeit seiner kuenstlerischen Entwicklung fast auf der Stufe

der kulturlosen Voelker; in Hellas ist mit unglaublicher Raschheit aus

den religioesen Vorstellungen der Mythos und die Kulturfigur und

aus diesen jene Wunderwelt der Poesie und der Bildnerei erwachsen,

derengleichen die Geschichte nicht wieder aufzuzeigen hat. In Latium

gibt es im oeffentlichen wie im Privatleben keine anderen Maechte als

Klugheit, Reichtum und Kraft; den Hellenen war es vorbehalten, die

beseligende Uebermacht der Schoenheit zu empfinden, in sinnlich idealer

Schwaermerei dem schoenen Knabenfreunde zu dienen und den verlorenen

Mut in den Schlachtliedern des goettlichen Saengers wiederzufinden.

So stehen die beiden Nationen, in denen das Altertum sein Hoechstes

erreicht hat, ebenso verschieden wie ebenbuertig nebeneinander.

Die Vorzuege der Hellenen vor den Italikern sind von allgemeinerer

Fasslichkeit und von hellerem Nachglanz; aber das tiefe Gefuehl des

Allgemeinen im Besondern, die Hingebung und Aufopferungsfaehigkeit

des Einzelnen, der ernste Glaube an die eigenen Goetter ist der reiche

Schatz der italischen Nation. Beide Voelker haben sich einseitig

entwickelt und darum beide vollkommen; nur engherzige Armseligkeit

wird den Athener schmaehen, weil er seine Gemeinde nicht zu gestalten

verstand wie die Fabier und Valerier, oder den Roemer, weil er nicht

bilden lernte wie Pheidias und dichten wie Aristophanes. Es war eben

das Beste und Eigenste des griechischen Volkes, was es ihm unmoeglich

machte, von der nationalen Einheit zur politischen fortzuschreiten, ohne

doch die Politie zugleich mit der Despotie zu vertauschen. Die ideale

Welt der Schoenheit war den Hellenen alles und ersetzte ihnen selbst bis

zu einem gewissen Grade, was in der Realitaet ihnen abging; wo immer

in Hellas ein Ansatz zu nationaler Einigung hervortritt, beruht dieser

nicht auf den unmittelbar politischen Faktoren, sondern auf Spiel und

Kunst: nur die olympischen Wettkaempfe, nur die Homerischen Gesaenge,

nur die Euripideische Tragoedie hielten Hellas in sich zusammen.

Entschlossen gab dagegen der Italiker die Willkuer hin um der Freiheit

willen und lernte dem Vater gehorchen, damit er dem Staate zu gehorchen

verstaende. Mochte der Einzelne bei dieser Untertaenigkeit verderben und

der schoenste menschliche Keim darueber verkuemmern; er gewann dafuer

ein Vaterland und ein Vaterlandsgefuehl, wie der Grieche es nie gekannt

hat, und errang allein unter allen Kulturvoelkern des Altertums bei

einer auf Selbstregiment ruhenden Verfassung die nationale Einheit, die

ihm endlich ueber den zersplitterten hellenischen Stamm und ueber den

ganzen Erdkreis die Botmaessigkeit in die Hand legte. 3. Kapitel Die

Ansiedlungen der Latiner Die Heimat des indogermanischen Stammes ist

der westliche Teil Mittelasiens; von dort aus hat er sich teils in

suedoestlicher Richtung ueber Indien, teils in nordwestlicher ueber

Europa ausgebreitet. Genauer den Ursitz der Indogermanen zu bestimmen,

ist schwierig; jedenfalls muss er im Binnenlande und von der See

entfernt gewesen sein, da keine Benennung des Meeres dem asiatischen und

dem europaeischen Zweige gemeinsam ist. Manche Spuren weisen naeher in

die Euphratlandschaften, so dass merkwuerdigerweise die Urheimat

der beiden wichtigsten Kulturstaemme, des indogermanischen und des

aramaeischen, raeumlich fast zusammenfaellt - eine Unterstuetzung fuer

die Annahme einer allerdings fast jenseits aller verfolgbaren Kultur-

und Sprachentwicklung liegenden Gemeinschaft auch dieser Voelker. Eine

engere Lokalisierung ist ebensowenig moeglich, als es moeglich ist,

die einzelnen Staemme auf ihren weiteren Wanderungen zu begleiten. Der

europaeische mag noch nach dem Ausscheiden der Inder laengere Zeit in

Persien und Armenien verweilt haben; denn allem Anschein nach ist hier

die Wiege des Acker- und Weinbaus. Gerste, Spelt und Weizen sind in

Mesopotamien, der Weinstock suedlich vom Kaukasus und vom Kaspischen

Meer einheimisch; ebenda sind der Pflaumen- und der Nussbaum und andere

der leichter zu verpflanzenden Fruchtbaeume zu Hause. Bemerkenswert ist

es auch, dass den meisten europaeischen Staemmen, den Lateinern, Kelten,

Deutschen und Slawen der Name des Meeres gemeinsam ist; sie muessen

also wohl vor ihrer Scheidung die Kueste des Schwarzen oder auch des

Kaspischen Meeres erreicht haben. Auf welchem Wege von dort die Italiker

an die Alpenkette gelangt sind und wo namentlich sie, allein noch

mit den Hellenen vereinigt, gesiedelt haben moegen, laesst sich

nur beantworten, wenn es entschieden ist, auf welchem Wege, ob von

Kleinasien oder vom Donaugebiet aus, die Hellenen nach Griechenland

gelangt sind. Dass die Italiker eben wie die Inder von Norden her in

ihre Halbinsel eingewandert sind, darf auf jeden Fall als ausgemacht

gelten. Der Zug des umbrisch-sabellischen Stammes auf dem mittleren

Bergruecken Italiens in der Richtung von Norden nach Sueden laesst sich

noch deutlich verfolgen; ja die letzten Phasen desselben gehoeren der

vollkommen historischen Zeit an. Weniger kenntlich ist der Weg, den

die latinische Wanderung einschlug. Vermutlich zog sie in aehnlicher

Richtung an der Westkueste entlang, wohl lange bevor die ersten

sabellischen Staemme aufbrachen; der Strom ueberflutet die Hoehen

erst, wenn die Niederungen schon eingenommen sind, und nur, wenn die

latinischen Staemme schon vorher an der Kueste sassen, erklaert es sich,

dass die Sabeller sich mit den rauheren Gebirgen begnuegten und erst

von diesen aus, wo es anging, sich zwischen die latinischen Voelker

draengten. Dass vom linken Ufer des Tiber bis an die volskischen Berge

ein latinischer Stamm wohnte, ist allbekannt; diese Berge selbst aber,

welche bei der ersten Einwanderung, als noch die Ebenen von Latium und

Kampanien offenstanden, verschmaeht worden zu sein scheinen, waren, wie

die volskischen Inschriften zeigen, von einem den Sabellern naeher als

den Latinern verwandten Stamm besetzt. Dagegen wohnten in Kampanien vor

der griechischen und samnitischen Einwanderung wahrscheinlich Latiner;

denn die italischen Namen Novla oder Nola (Neustadt), Campani Capua,

Volturnus (von volvere wie Iuturna von iuvare), Opsci (Arbeiter) sind

nachweislich aelter als der samnitische Einfall und beweisen, dass, als

Kyme von den Griechen gegruendet ward, ein italischer und wahrscheinlich

latinischer Stamm, die Ausoner, Kampanien innehatten. Auch die

Urbewohner der spaeter von den Lucanern und Brettiern bewohnten

Landschaften, die eigentlichen Itali (Bewohner des Rinderlandes), werden

von den besten Beobachtern nicht zu dem iapygischen, sondern zu dem

italischen Stamm gestellt; es ist nichts im Wege, sie dem latinischen

Stamm beizuzaehlen, obwohl die noch vor dem Beginn der staatlichen

Entwicklung Italiens erfolgte Hellenisierung dieser Gegenden und

deren spaetere Ueberflutung durch samnitische Schwaerme die Spuren

der aelteren Nationalitaet hier gaenzlich verwischt hat. Auch den

gleichfalls verschollenen Stamm der Siculer setzten sehr alte Sagen in

Beziehung zu Rom; so erzaehlt der aelteste italische Geschichtschreiber

Antiochos von Syrakus, dass zum Koenig Morges von Italia (d. h. der

Brettischen Halbinsel) ein Mann Namens Sikelos auf fluechtigem Fuss aus

Rom gekommen sei; und es scheinen diese Erzaehlungen zu beruhen auf der

von den Berichterstattern wahrgenommenen Stammesgleichheit der Siculer,

deren es noch zu Thukydides' Zeit in Italien gab, und der Latiner. Die

auffallende Verwandtschaft einzelner Dialektwoerter des sizilischen

Griechisch mit dem Lateinischen erklaert sich zwar wohl nicht aus der

alten Sprachgleichheit der Siculer und Roemer, sondern vielmehr aus den

alten Handelsverbindungen zwischen Rom und den sizilischen Griechen;

nach allen Spuren indes sind nicht bloss die latinische, sondern

wahrscheinlich auch die kampanische und lucanische Landschaft, das

eigentliche Italia zwischen den Buchten von Tarent und Laos und die

oestliche Haelfte von Sizilien, in uralter Zeit von verschiedenen

Staemmen der latinischen Nation bewohnt gewesen. Die Schicksale dieser

Staemme waren sehr ungleich. Die in Sizilien, Grossgriechenland und

Kampanien angesiedelten kamen mit den Griechen in Beruehrung in

einer Epoche, wo sie deren Zivilisation Widerstand zu leisten nicht

vermochten, und wurden entweder voellig hellenisiert, wie namentlich

in Sizilien, oder doch so geschwaecht, dass sie der frischen Kraft der

sabinischen Staemme ohne sonderliche Gegenwehr unterlagen. So sind die

Siculer, die Italer und Morgeten, die Ausoner nicht dazu gekommen, eine

taetige Rolle in der Geschichte der Halbinsel zu spielen. Anders war es

in Latium, wo griechische Kolonien nicht gegruendet worden sind und es

den Einwohnern nach harten Kaempfen gelang, sich gegen die Sabiner wie

gegen die noerdlichen Nachbarn zu behaupten. Werfen wir einen Blick auf

die Landschaft, die wie keine andere in die Geschicke der alten Welt

einzugreifen bestimmt war. Schon in uraeltester Zeit ist die Ebene von

Latium der Schauplatz der grossartigsten Naturkaempfe gewesen, in denen

die langsam bildende Kraft des Wassers und die Ausbrueche gewaltiger

Vulkane Schicht ueber Schicht schoben desjenigen Bodens, auf dem

entschieden werden sollte, welchem Volk die Herrschaft der Erde gehoere.

Eingeschlossen im Osten von den Bergen der Sabiner und Aequer, die

dem Apennin angehoeren; im Sueden von dem bis zu 4000 Fuss Hoehe

ansteigenden volskischen Gebirg, welches von dem Hauptstock des Apennin

durch das alte Gebiet der Herniker, die Hochebene des Sacco (Trerus,

Nebenfluss des Liris), getrennt ist und von dieser aus sich westlich

ziehend mit dem Vorgebirg von Terracina abschliesst; im Westen von dem

Meer, das an diesem Gestade nur wenige und geringe Haefen bildet; im

Norden in das weite etruskische Huegelland sich verlaufend, breitet

eine stattliche Ebene sich aus, durchflossen von dem Tiberis, dem

"Bergstrom", der aus den umbrischen, und dem Anio, der von den

sabinischen Bergen herkommt. Inselartig steigen in der Flaeche auf

teils die steilen Kalkfelsen des Soracte im Nordosten, des circeischen

Vorgebirgs im Suedwesten, sowie die aehnliche, obwohl niedrigere Hoehe

des Ianiculum bei Rom; teils vulkanische Erhebungen, deren erloschene

Krater zu Seen geworden und zum Teil es noch sind: die bedeutendste

unter diesen ist das Albaner Gebirge, das nach allen Seiten frei

zwischen den Volskergebirgen und dem Tiberfluss aus der Ebene emporragt.

Hier siedelte der Stamm sich an, den die Geschichte kennt unter dem

Namen der Latiner, oder, wie sie spaeter zur Unterscheidung von den

ausserhalb dieses Bereichs gegruendeten latinischen Gemeinden genannt

werden, der "alten Latiner" (prisci Latini). Allein das von ihnen

besetzte Gebiet, die Landschaft Latium, ist nur ein kleiner Teil jener

mittelitalischen Ebene. Alles Land noerdlich des Tiber ist den Latinern

ein fremdes, ja sogar ein feindliches Gebiet, mit dessen Bewohnern ein

ewiges Buendnis, ein Landfriede nicht moeglich war und die Waffenruhe

stets auf beschraenkte Zeit abgeschlossen worden zu sein scheint. Die

Tibergrenze gegen Norden ist uralt, und weder die Geschichte noch die

bessere Sage hat eine Erinnerung davon bewahrt, wie und wann diese

folgenreiche Abgrenzung sich festgestellt hat. Die flachen und sumpfigen

Strecken suedlich vom Albaner Gebirge finden wir, wo unsere Geschichte

beginnt, in den Haenden umbrisch-sabellischer Staemme, der Rutuler

und Volsker; schon Ardea und Velitrae sind nicht mehr urspruenglich

latinische Staedte. Nur der mittlere Teil jenes Gebietes zwischen dem

Tiber, den Vorbergen des Apennin, den Albaner Bergen und dem Meer,

ein Gebiet von etwa 34 deutschen Quadratmeilen, wenig groesser als der

jetzige Kanton Zuerich, ist das eigentliche Latium, die "Ebene" ^1,

wie sie von den Hoehen des Monte Cavo dem Auge sich darstellt. Die

Landschaft ist eben, aber nicht flach, mit Ausnahme des sandigen und zum

Teil vom Tiber aufgeschwemmten Meeresstrandes wird ueberall die Flaeche

unterbrochen durch maessig hohe, oft ziemlich steile Tuffhuegel und

tiefe Erdspalten, und diese stets wechselnden Steigungen und Senkungen

des Bodens bilden zwischen sich im Winter jene Lachen, deren Verdunsten

in der Sommerhitze, namentlich wegen der darin faulenden organischen

Substanzen, die boese fieberschwangere Luft entwickelt, welche in alter

wie in neuer Zeit im Sommer die Landschaft verpestet. Es ist ein Irrtum,

dass diese Miasmen erst durch den Verfall des Ackerbaues entstanden

seien, wie ihn das Missregiment des letzten Jahrhunderts der Republik

und das der Paepste herbeigefuehrt haben; ihre Ursache liegt vielmehr

in dem mangelnden Gefaell des Wassers und wirkt noch heute wie vor

Jahrtausenden. Wahr ist es indes, dass bis auf einen gewissen Grad die

boese Luft sich bannen laesst durch die Intensitaet der Bodenkultur;

wovon die Ursache noch nicht vollstaendig ermittelt ist, zum Teil aber

darin liegen wird, dass die Bearbeitung der Oberflaeche das Austrocknen

der stehenden Waesser beschleunigt. Immer bleibt die Entstehung einer

dichten ackerbauenden Bevoelkerung in Gegenden, die jetzt keine gesunden

Bewohner gedeihen lassen und in denen der Reisende nicht gern die Nacht

verweilt, wie die latinische Ebene und die Niederungen von Sybaris

und Metapont sind, eine fuer uns befremdliche Tatsache. Man muss sich

erinnern, dass auf einer niedrigen Kulturstufe das Volk ueberhaupt

einen schaerferen Blick hat fuer das, was die Natur erheischt, und eine

groessere Fuegsamkeit gegen ihre Gebote, vielleicht auch physisch ein

elastischeres Wesen, das dem Boden sich inniger anschmiegt. In Sardinien

wird unter ganz aehnlichen natuerlichen Verhaeltnissen der Ackerbau

noch heutzutage betrieben; die boese Luft ist wohl vorhanden, allein

der Bauer entzieht sich ihren Einfluessen durch Vorsicht in Kleidung,

Nahrung und Wahl der Tagesstunden. In der Tat schuetzt vor der Aria

cattiva nichts so sicher als das Tragen der Tiervliesse und das lodernde

Feuer; woraus sich erklaert, weshalb der roemische Landmann bestaendig

in schwere Wollstoffe gekleidet ging und das Feuer auf seinem Herd nicht

erloeschen liess. Im uebrigen musste die Landschaft einem einwandernden

ackerbauenden Volke einladend erscheinen; der Boden ist leicht mit Hacke

und Karst zu bearbeiten und auch ohne Duengung ertragsfaehig, ohne nach

italienischem Massstab auffallend ergiebig zu sein; der Weizen gibt

durchschnittlich etwa das fuenfte Korn ^2. An gutem Wasser ist kein

Ueberfluss; um so hoeher und heiliger hielt die Bevoelkerung

jede frische Quelle.

---------------------------------------------------------- ^1 Wie latus

(Seite) und plat?s (platt); es ist also das Plattland im Gegensatz zu

der sabinischen Berglandschaft, wie Campania die "Ebene" den Gegensatz

bildet zu Samnium. Latus, ehemals stlatus gehoert nicht hierher. ^2 Ein

franzoesischer Statistiker, Dureau de la Malle (Economie politique des

Romains. Bd. 2, S. 226), vergleicht mit der roemischen Campagna die

Limagne in Auvergne, gleichfalls eine weite, sehr durchschnittene und

ungleiche Ebene, mit einer Bodenoberflaeche aus dekomponierter Lava und

Asche den Resten ausgebrannter Vulkane. Die Bevoelkerung, mindestens

2500 Menschen auf die Quadratlieue, ist eine der staerksten, die in rein

ackerbauenden Gegenden vorkommt, das Eigentum ungemein zerstueckelt. Der

Ackerbau wird fast ganz von Menschenhand beschafft, mit Spaten, Karst

oder Hacke; nur ausnahmsweise tritt dafuer der leichte Pflug ein der mit

zwei Kuehen bespannt ist und nicht selten spannt an der Stelle der einen

sich die Frau des Ackermanns ein. Das Gespann dient zugleich um Milch zu

gewinnen und das Land zu bestehen. Man erntet zweimal im Jahre, Korn und

Kraut; Brache kommt nicht vor. Der mittlere Pachtzins fuer einen Arpent

Ackerland ist 100 Franken jaehrlich. Wuerde dasselbe Land statt dessen

unter sechs oder sieben grosse Grundbesitzer verteilt werden wuerden

Verwalter- und Tageloehnerwirtschaft an die Stelle des Bewirtschaftens

durch kleine Grundeigentuemer treten, so wuerde in hundert Jahren ohne

Zweifel die Limagne oede, verlassen und elend sein wie heutzutage die

Campagna di Roma. ------------------------------------------------------

Es ist kein Bericht darueber erhalten, wie die Ansiedlungen der Latiner

in der Landschaft, welche seitdem ihren Namen trug, erfolgt sind, und

wir sind darueber fast allein auf Rueckschluesse angewiesen. Einiges

indes laesst sich dennoch erkennen oder mit Wahrscheinlichkeit

vermuten. Die roemische Mark zerfiel in aeltester Zeit in eine Anzahl

Geschlechterbezirke, welche spaeterhin benutzt wurden, um dar aus

die aeltesten "Landquartiere" (tribus rusticae) zu bilden. Von dem

Claudischen Quartier ist es ueberliefert, dass es aus der Ansiedlung

der Claudischen Geschlechtsgenossen am Anio erwuchs; und dasselbe geht

ebenso sicher fuer die uebrigen Distrikte der aeltesten Einteilung

hervor aus ihren Namen. Diese sind nicht, wie die der spaeter

hinzugefuegten Distrikte, von Oertlichkeiten entlehnt, sondern ohne

Ausnahme von Geschlechternamen gebildet; und es sind die Geschlechter,

die den Quartieren der urspruenglichen roemischen Mark die Namen gaben,

soweit sie nicht gaenzlich verschollen sind (wie die Camilii, Galerii,

Lemonii, Pollii, Pupinii, Voltinii), durchaus die aeltesten roemischen

Patrizierfamilien, die Aemilii, Cornelii, Fabii, Horatii, Menenii,

Papirii, Romilii, Sergii, Voturii. Bemerkenswert ist es, dass unter

all diesen Geschlechtern kein einziges erscheint, das nachweislich erst

spaeter nach Rom uebergesiedelt waere. Aehnlich wie der roemische, wird

jeder italische und ohne Zweifel auch jeder hellenische Gau von Haus

aus in eine Anzahl zugleich oertlich und geschlechtlich vereinigter

Genossenschaften zerfallen sein; es ist diese Geschlechtsansiedlung das

"Haus" (oikia) der Griechen, aus dem, wie in Rom die Tribus, auch

dort sehr haeufig die Komen oder Demen hervorgegangen sind. Die

entsprechenden italischen Benennungen "Haus" (vicus) oder "Bezirk"

(pagus von pangere) deuten gleichfalls das Zusammensiedeln der

Geschlechtsgenossen an und gehen im Sprachgebrauch begreiflicherweise

ueber in die Bedeutung Weiler oder Dorf. Wie zu dem Hause ein Acker, so

gehoert zu dem Geschlechtshaus oder Dorf eine Geschlechtsmark, die aber,

wie spaeter zu zeigen sein wird, bis in verhaeltnismaessig spaete

Zeit noch gleichsam als Hausmark, das heisst nach dem System der

Feldgemeinschaft bestellt wurde. Ob die Geschlechtshaeuser in Latium

selbst sich zu Geschlechtsdoerfern entwickelt haben oder ob die Latiner

schon als Geschlechtsgenossenschaften in Latium eingewandert sind, ist

eine Frage, auf die wir ebenso wenig eine Antwort haben, als wir zu

bestimmen vermoegen, in welcher Weise die Gesamtwirtschaft, welche durch

eine derartige Ordnung gefordert wird, sich in Latium gestaltet hat ^3,

in wie weit das Geschlecht neben der Abstammung noch auf aeusserlicher

Ein- und Zusammenordnung nicht blutsverwandter Individuen mit beruhen

mag. ----------------------------------------------- ^3 In Slawonien, wo

die patriarchalische Haushaltung bis auf den heutigen Tag festgehalten

wird, bleibt die ganze Familie, oft bis zu fuenfzig, ja hundert Koepfen

stark, unter den Befehlen des von der ganzen Familie auf Lebenszeit

gewaehlten Hausvaters (Goszpodar) in demselben Hause beisammen. Das

Vermoegen des Hauses, das hauptsaechlich in Vieh besteht, verwaltet

der Hausvater; der Ueberschuss wird nach Familienstaemmen verteilt.

Privaterwerb durch Industrie und Handel bleibt Sondereigentum. Austritte

aus dem Hause, auch der Maenner, z. B. durch Einheiraten in eine fremde

Wirtschaft, kommen vor (Csaplovics, Slawonien und Kroatien. Pest

1839. Bd. 1, S. 106, 179). Bei derartigen Verhaeltnissen, die von den

aeltesten roemischen sich nicht allzuweit entfernen moegen, naehert

das Haus sich der Gemeinde.

------------------------------------------------- Von Haus aus aber

galten diese Geschlechtsgenossenschaften nicht als selbstaendige

Einheiten, sondern als die integrierenden Teile einer politischen

Gemeinde (civitas, populus), welche zunaechst auftritt als ein zu

gegenseitiger Rechtsfolge und Rechtshilfe und zu Gemeinschaftlichkeit in

Abwehr und Angriff verpflichteter Inbegriff einer Anzahl stamm-, sprach-

und sittengleicher Geschlechtsdoerfer. An einem festen oertlichen

Mittelpunkt konnte es diesem Gau so wenig fehlen wie der

Geschlechtsgenossenschaft; da indes die Geschlechts-, das heisst die

Gaugenossen in ihren Doerfern wohnten, so konnte der Mittelpunkt des

Römische Geschichte — Buch 1 · 第 3 / 26 段