die Annalen von China den chinesischen Ackerbau auf die unter einem
bestimmten Koenig in einem bestimmten Jahr stattgefundene Einfuehrung
von fuenf Getreidearten zurueckfuehren, so zeichnet diese Erzaehlung im
allgemeinen wenigstens die Verhaeltnisse der aeltesten Kulturepoche
ohne Zweifel richtig. Gemeinschaft des Ackerbaus wie Gemeinschaft des
Alphabets, der Streitwagen, des Purpurs und andern Geraets und Schmuckes
gestattet weit oefter einen Schluss auf alten Voelkerverkehr als auf
urspruengliche Volkseinheit. Aber was die Griechen und Italiker anlangt,
so darf bei den verhaeltnismaessig wohlbekannten Beziehungen dieser
beiden Nationen zueinander die Annahme, dass der Ackerbau, wie Schrift
und Muenze, erst durch die Hellenen nach Italien gekommen sei, als
voellig unzulaessig bezeichnet werden. Anderseits zeugt fuer den engsten
Zusammenhang des beiderseitigen Feldbaus die Gemeinschaftlichkeit aller
aeltesten hierher gehoerigen Ausdruecke: ager agros, aro aratrum aro/o/
arotron, ligo neben lachain/o/, hortus chortos, hordeum krith/e/, milium
melin/e/, rapa raphanis, malva malach/e/, vinum oinos, und ebenso das
Zusammentreffen des griechischen und italischen Ackerbaus in der Form
des Pfluges, der auf altattischen und roemischen Denkmaelern ganz gleich
gebildet vorkommt, in der Wahl der aeltesten Kornarten: Hirse, Gerste,
Spelt, in dem Gebrauch, die Aehren mit der Sichel zu schneiden und
sie auf der glattgestampften Tenne durch das Vieh austreten zu lassen,
endlich in der Bereitungsart des Getreides: puls poltos, pinso ptiss/o/,
mola m?l/e/, denn das Backen ist juengeren Ursprungs, und wird auch
deshalb im roemischen Ritual statt des Brotes stets der Teig oder
Brei gebraucht. Dass auch der Weinbau in Italien ueber die aelteste
griechische Einwanderung hinausgeht, dafuer spricht die Benennung
"Weinland" (Oinotria), die bis zu den aeltesten griechischen Anlaendern
hinaufzureichen scheint. Danach muss der Uebergang vom Hirtenleben zum
Ackerbau oder, genauer gesprochen, die Verbindung des Feldbaus mit der
aelteren Weidewirtschaft stattgefunden haben, nachdem die Inder aus dem
Mutterschoss der Nationen ausgeschieden waren, aber bevor die Hellenen
und die Italiker ihre alte Gemeinsamkeit aufhoben. Uebrigens scheinen,
als der Ackerbau aufkam, die Hellenen und Italiker nicht bloss unter
sich, sondern auch noch mit anderen Gliedern der grossen Familie zu
einem Volksganzen verbunden gewesen zu sein; wenigstens ist es Tatsache,
dass die wichtigsten jener Kulturwoerter zwar den asiatischen Gliedern
der indogermanischen Voelkerfamilien fremd, aber den Roemern und
Griechen mit den keltischen sowohl als mit den deutschen, slawischen,
lettischen Staemmen gemeinsam sind ^5. Die Sonderung des gemeinsamen
Erbgutes von dem wohlerworbenen Eigen einer jeden Nation in Sitte und
Sprache ist noch lange nicht vollstaendig und in aller Mannigfaltigkeit
der Gliederungen und Abstufungen durchgefuehrt; die Durchforschung
der Sprachen in dieser Beziehung hat kaum begonnen, und auch die
Geschichtschreibung entnimmt immer noch ihre Darstellung der Urzeit
vorwiegend, statt dem reichen Schacht der Sprachen, vielmehr dem
groesstenteils tauben Gestein der Ueberlieferung. Fuer jetzt muss es
darum hier genuegen, auf die Unterschiede hinzuweisen zwischen der
Kultur der indogermanischen Familie in ihrem aeltesten Beisammensein
und zwischen der Kultur derjenigen Epoche, wo die Graecoitaliker noch
ungetrennt zusammenlebten; die Unterscheidung der den asiatischen
Gliedern dieser Familie fremden, den europaeischen aber gemeinsamen
Kulturresultate von denjenigen, welche die einzelnen Gruppen dieser
letzteren, wie die griechisch-italische, die deutsch-slawische, jede
fuer sich erlangten, kann, wenn ueberhaupt, doch auf jeden Fall erst
nach weiter vorgeschrittenen sprachlichen und sachlichen Untersuchungen
gemacht werden. Sicher aber ist der Ackerbau fuer die graecoitalische,
wie ja fuer alle anderen Nationen auch, der Keim und der Kern des Volks-
und Privatlebens geworden und als solcher im Volksbewusstsein geblieben.
Das Haus und der feste Herd, den der Ackerbauer sich gruendet anstatt
der leichten Huette und der unsteten Feuerstelle des Hirten, werden im
geistigen Gebiete dargestellt und idealisiert in der Goettin Vesta
oder Estia, fast der einzigen, die nicht indogermanisch und doch
beiden Nationen von Haus aus gemein ist. Eine der aeltesten italischen
Stammsagen legt dem Koenig Italus, oder, wie die Italiker gesprochen
haben muessen, Vitalus oder Vitulus, die Ueberfuehrung des Volkes vom
Hirtenleben zum Ackerbau bei und knuepft sinnig die urspruengliche
italische Gesetzgebung daran; nur eine andere Wendung davon ist es,
wenn die samnitische Stammsage zum Fuehrer der Urkolonien den Ackerstier
macht oder wenn die aeltesten latinischen Volksnamen das Volk bezeichnen
als Schnitter (Siculi, auch wohl Sicani) oder als Feldarbeiter (Opsci).
Es gehoert zum sagenwidrigen Charakter der sogenannten roemischen
Ursprungssage, dass darin ein staedtegruendendes Hirten- und Jaegervolk
auftritt: Sage und Glaube, Gesetze und Sitten knuepfen bei den
Italikern wie bei den Hellenen durchgaengig an den Ackerbau an ^6.
---------------------------------------------------------- ^5 So finden
sich aro aratrum wieder in dem altdeutschen aran (pfluegen, mundartlich
eren), erida, im slawischen orati, oradlo, im litauischen arti, arimnas,
im keltischen ar, aradar. So steht neben ligo unser Rechen, neben
hortus unser Garten, neben mola unsere Muehle, slawisch mlyn, litauisch
malunas, keltisch malirr. Allen diesen Tatsachen gegenueber wird man
es nicht zugeben koennen, dass es eine Zeit gegeben wo die Griechen in
allen hellenischen Gauen nur von der Viehzucht gelebt haben. Wenn nicht
Grund-, sondern Viehbesitz in Hellas wie in Italien der Ausgangs- und
Mittelpunkt alles Privatvermoegens ist, so beruht dies nicht darauf,
dass der Ackerbau erst spaeter aufkam, sondern dass er anfaenglich nach
dem System der Feldgemeinschaft betrieben ward. Ueberdies versteht es
sich von selbst, dass eine reine Ackerbauwirtschaft vor Scheidung
der Staemme noch nirgends bestanden haben kann, sondern, je nach der
Lokalitaet mehr oder minder, die Viehzucht damit sich in ausgedehnterer
Weise verband, als dies spaeter der Fall war. ^6 Nichts ist dafuer
bezeichnender als die enge Verknuepfung, in welche die aelteste
Kulturepoche den Ackerbau mit der Ehe wie mit der Stadtgruendung setzte.
So sind die bei der Ehe zunaechst beteiligten Goetter in Italien die
Ceres und (oder?) Tellus (Plut. Rom. 22; Serv. Aen. 4, 166; A. Rossbach,
Untersuchungen ueber die roemische Ehe. Stuttgart 1853, S. 257, 301), in
Griechenland die Demeter (Plut. coniug. praec. Vorrede), wie denn auch
in alten griechischen Formeln die Gewinnung von Kindern selber "Ernte"
heisst (Anm. 8); ja die aelteste roemische Eheform, die Confarreatio,
entnimmt ihren Namen und ihr Ritual vom Kornbau. Die Verwendung
des Pflugs bei der Stadtgruendung ist bekannt.
--------------------------------------------------------- Wie der
Ackerbau selbst beruhen auch die Bestimmungen der Flaechenmasse und die
Weise der Limitation bei beiden Voelkern auf gleicher Grundlage; wie
denn das Bauen des Bodens ohne eine wenn auch rohe Vermessung desselben
nicht gedacht werden kann. Der oskische und umbrische Vorsus von 100
Fuss ins Gevierte entspricht genau dem griechischen Plethron. Auch das
Prinzip der Limitation ist dasselbe. Der Feldmesser orientiert sich nach
einer der Himmelsgegenden und zieht also zuerst zwei Linien von Norden
nach Sueden und von Osten nach Westen, in deren Schneidepunkt (templum,
temenos von temn/o/) er steht, alsdann in gewissen festen Abstaenden den
Hauptschneidelinien parallele Linien, wodurch eine Reihe rechtwinkeliger
Grundstuecke entsteht, deren Ecken die Grenzpfaehle (termini, in
sizilischen Inschriften termones, gewoehnlich oroi) bezeichnen. Diese
Limitationsweise, die wohl auch etruskisch, aber schwerlich etruskischen
Ursprungs ist, finden wir bei den Roemern, Umbrern, Samniten, aber
auch in sehr alten Urkunden der tarentinischen Herakleoten, die sie
wahrscheinlich ebensowenig von den Italikern entlehnt haben als diese
sie von den Tarentinern, sondern es ist altes Gemeingut. Eigentuemlich
roemisch und charakteristisch ist erst die eigensinnige Ausbildung
des quadratischen Prinzips, wonach man selbst, wo Fluss und Meer eine
natuerliche Grenze machten, diese nicht gelten liess, sondern mit dem
letzten vollen Quadrat das zum Eigen verteilte Land abschloss. Aber
nicht bloss im Ackerbau, sondern auch auf den uebrigen Gebieten
der aeltesten menschlichen Taetigkeit ist die vorzugsweise enge
Verwandtschaft der Griechen und Italiker unverkennbar. Das griechische
Haus, wie Homer es schildert, ist wenig verschieden von demjenigen,
das in Italien bestaendig festgehalten ward; das wesentliche Stueck und
urspruenglich der ganze innere Wohnraum des lateinischen Hauses ist das
Atrium, das heisst das schwarze Gemach mit dem Hausaltar, dem Ehebett,
dem Speisetisch und dem Herd, und nichts anderes ist auch das homerische
Megaron mit Hausaltar und Herd und schwarzberusster Decke. Nicht
dasselbe laesst sich von dem Schiffbau sagen. Der Rudernachen ist
altes indogermanisches Gemeingut; der Fortschritt zu Segelschiffen aber
gehoert der graecoitalischen Periode schwerlich an, da es keine nicht
allgemein indogermanische und doch von Haus aus den Griechen und
Italikern gemeinsame Seeausdruecke gibt. Dagegen wird wieder die uralte
italische Sitte der gemeinschaftlichen Mittagsmahlzeiten der Bauern,
deren Ursprung der Mythus an die Einfuehrung des Ackerbaues anknuepft,
von Aristoteles mit den kretischen Syssitien verglichen; und auch darin
trafen die aeltesten Roemer mit den Kretern und Lakonen zusammen, dass
sie nicht, wie es spaeter bei beiden Voelkern ueblich ward, auf der Bank
liegend, sondern sitzend die Speisen genossen. Das Feuerzuenden durch
Reiben zweier verschiedenartiger Hoelzer ist allen Voelkern gemein; aber
gewiss nicht zufaellig treffen Griechen und Italiker zusammen in
den Bezeichnungen der beiden Zuendehoelzer, des "Reibers" (tr?panon,
terebra) und der "Unterlage" (storeys eschara, tabula, wohl von tendere,
tetamai). Ebenso ist die Kleidung beider Voelker wesentlich identisch,
denn die Tunika entspricht voellig dem Chiton, und die Toga ist nichts
als ein bauschigeres Himation; ja selbst in dem so veraenderlichen
Waffenwesen ist wenigstens das beiden Voelkern gemein, dass die beiden
Hauptangriffswaffen Wurfspeer und Bogen sind, was roemischerseits in den
aeltesten Wehrmannsnamen (pilumni - arquites) deutlich sich ausspricht
^7 und der aeltesten nicht eigentlich auf den Nahkampf berechneten
Fechtweise angemessen ist. So geht bei den Griechen und Italikern
in Sprache und Sitte zurueck auf dieselben Elemente alles, was die
materiellen Grundlagen der menschlichen Existenz betrifft; die aeltesten
Aufgaben, die die Erde an den Menschen stellt, sind einstmals von beiden
Voelkern, als sie noch eine Nation ausmachten, gemeinschaftlich geloest
worden. ------------------------------------- ^7 Unter den beiderseits
aeltesten Waffennamen werden kaum sicher verwandte aufgezeigt werden
koennen: lancea, obwohl ohne Zweifel mit logch/e/ zusammenhaengend, ist
als roemisches Wort jung und vielleicht von den Deutschen oder Spaniern
entlehnt. ------------------------------------- Anders ist es in dem
geistigen Gebiet. Die grosse Aufgabe des Menschen, mit sich selbst, mit
seinesgleichen und mit dem Ganzen in bewusster Harmonie zu leben, laesst
so viele Loesungen zu, als es Provinzen gibt in unsers Vaters Reich; und
auf diesem Gebiet ist es, nicht auf dem materiellen, wo die Charaktere
der Individuen und der Voelker sich scheiden. In der graecoitalischen
Periode muessen die Anregungen noch gefehlt haben, welche diesen
innerlichen Gegensatz hervortreten machten; erst zwischen den Hellenen
und den Italikern hat jene tiefe geistige Verschiedenheit sich
offenbart, deren Nachwirkung noch bis auf den heutigen Tag sich
fortsetzt. Familie und Staat, Religion und Kunst sind in Italien wie in
Griechenland so eigentuemlich, so durchaus national entwickelt worden,
dass die gemeinschaftliche Grundlage, auf der auch hier beide Voelker
fussten, dort und hier ueberwuchert und unsern Augen fast ganz entzogen
ist. Jenes hellenische Wesen, das dem Einzelnen das Ganze, der Gemeinde
die Nation, dem Buerger die Gemeinde aufopferte, dessen Lebensideal das
schoene und gute Sein und nur zu oft der suesse Muessiggang war,
dessen politische Entwicklung in der Vertiefung des urspruenglichen
Partikularismus der einzelnen Gaue und spaeter sogar in der innerlichen
Aufloesung der Gemeindegewalt bestand, dessen religioese Anschauung erst
die Goetter zu Menschen machte und dann die Goetter leugnete, das die
Glieder entfesselte in dem Spiel der nackten Knaben und dem Gedanken in
aller seiner Herrlichkeit und in aller seiner Furchtbarkeit freie Bahn
gab; und jenes roemische Wesen, das den Sohn in die Furcht des Vaters,
die Buerger in die Furcht des Herrschers, sie alle in die Furcht der
Goetter bannte, das nichts forderte und nichts ehrte als die nuetzliche
Tat und jeden Buerger zwang, jeden Augenblick des kurzen Lebens mit
rastloser Arbeit auszufuellen, das die keusche Verhuellung des Koerpers
schon dem Buben zur Pflicht machte, in dem, wer anders sein wollte als
die Genossen, ein schlechter Buerger hiess, in dem der Staat alles war
und die Erweiterung des Staates der einzige nicht verpoente hohe Gedanke
- wer vermag diese scharfen Gegensaetze in Gedanken zurueckzufuehren
auf die urspruengliche Einheit, die sie beide umschloss und beide
vorbereitete und erzeugte? Es waere toerichte Vermessenheit, diesen
Schleier lueften zu wollen; nur mit wenigen Andeutungen soll es versucht
werden, die Anfaenge der italischen Nationalitaet und ihre Anknuepfung
an eine aeltere Periode zu bezeichnen, um den Ahnungen des einsichtigen
Lesers nicht Worte zu leihen, aber die Richtung zu weisen. Alles,
was man das patriarchalische Element im Staate nennen kann, ruht in
Griechenland wie in Italien auf denselben Fundamenten. Vor allen
Dingen gehoert hierher die sittliche und ehrbare Gestaltung des
gesellschaftlichen Lebens ^8, welche dem Manne die Monogamie gebietet
und den Ehebruch der Frau schwer ahndet und welche in der hohen Stellung
der Mutter innerhalb des haeuslichen Kreises die Ebenbuertigkeit beider
Geschlechter und die Heiligkeit der Ehe anerkennt. Dagegen ist die
schroffe und gegen die Persoenlichkeit ruecksichtslose Entwicklung der
eheherrlichen und mehr noch der vaeterlichen Gewalt den Griechen fremd
und italisches Eigen; die sittliche Untertaenigkeit hat erst in Italien
sich zur rechtlichen Knechtschaft umgestaltet. In derselben Weise wurde
die vollstaendige Rechtlosigkeit des Knechts, wie sie im Wesen der
Sklaverei lag, von den Roemern mit erbarmungsloser Strenge festgehalten
und in allen ihren Konsequenzen entwickelt; wogegen bei den Griechen
frueh tatsaechliche und rechtliche Milderungen stattfanden und zum
Beispiel die Sklavenehe als ein gesetzliches Verhaeltnis anerkannt ward.
----------------------------------------------- ^8 Selbst im einzelnen
zeigt sich diese Uebereinstimmung, z. B. in der Bezeichnung der rechten
Ehe als der zur Gewinnung rechter Kinder abgeschlossenen" (gamos epi
paid/o/n gn/e/si/o/n arot/o/ - matrimonium liberorum quaerendorum
causa). ----------------------------------------------- Auf dem Hause
beruht das Geschlecht, das heisst die Gemeinschaft der Nachkommen
desselben Stammvaters; und von dem Geschlecht ist bei den Griechen
wie den Italikern das staatliche Dasein ausgegangen. Aber wenn in
der schwaecheren politischen Entwicklung Griechenlands der
Geschlechtsverband als korporative Macht dem Staat gegenueber sich
noch weit in die historische Zeit hinein behauptet hat, erscheint
der italische Staat sofort insofern fertig, als ihm gegenueber
die Geschlechter vollstaendig neutralisiert sind und er nicht die
Gemeinschaft der Geschlechter, sondern die Gemeinschaft der Buerger
darstellt. Dass dagegen umgekehrt das Individuum dem Geschlecht
gegenueber in Griechenland weit frueher und vollstaendiger zur
innerlichen Freiheit und eigenartigen Entwicklung gediehen ist als in
Rom, spiegelt sich mit grosser Deutlichkeit in der bei beiden Voelkern
durchaus verschiedenartigen Entwicklung der urspruenglich doch
gleichartigen Eigennamen. In den aelteren griechischen tritt der
Geschlechtsname sehr haeufig adjektivisch zum Individualnamen hinzu,
waehrend umgekehrt noch die roemischen Gelehrten es wussten, dass ihre
Vorfahren urspruenglich nur einen, den spaeteren Vornamen fuehrten.
Aber waehrend in Griechenland der adjektivische Geschlechtsname frueh
verschwindet, wird er bei den Italikern, und zwar nicht bloss bei den
Roemern, zum Hauptnamen, so dass der eigentliche Individualname, das
Praenomen, sich ihm unterordnet. Ja es ist, als sollte die geringe und
immer mehr zusammenschwindende Zahl und die Bedeutungslosigkeit der
italischen, besonders der roemischen Individualnamen, verglichen mit
der ueppigen und poetischen Fuelle der griechischen, uns wie im Bilde
zeigen, wie dort die Nivellierung, hier die freie Entwicklung
der Persoenlichkeit im Wesen der Nation lag. Ein Zusammenleben
in Familiengemeinden unter Stammhaeuptern, wie man es fuer die
graecoitalische Periode sich denken mag, mochte den spaeteren italischen
wie hellenischen Politien ungleich genug sehen, musste aber dennoch die
Anfaenge der beiderseitigen Rechtsbildung notwendig bereits enthalten.
Die "Gesetze des Koenigs Italus", die noch in Aristoteles' Zeiten
angewendet wurden, moegen diese beiden Nationen wesentlich gemeinsamen
Institutionen bezeichnen. Frieden und Rechtsfolge innerhalb der
Gemeinde, Kriegsstand und Kriegsrecht nach aussen, ein Regiment des
Stammhauptes, ein Rat der Alten, Versammlungen der waffenfaehigen
Freien, eine gewisse Verfassung muessen in denselben enthalten
gewesen sein. Gericht (crimen, krinein), Busse (poena, poin/e/),
Wiedervergeltung (talio, tala/o/ tl/e/nai) sind graecoitalische
Begriffe. Das strenge Schuldrecht, nach welchem der Schuldner fuer die
Rueckgabe des Empfangenen zunaechst mit seinem Leibe haftet, ist den
Italikern und zum Beispiel den tarentinischen Herakleoten gemeinsam. Die
Grundgedanken der roemischen Verfassung - Koenigtum, Senat und eine nur
zur Bestaetigung oder Verwerfung der von dem Koenig und dem Senat an
sie gebrachten Antraege befugte Volksversammlung - sind kaum irgendwo
so scharf ausgesprochen wie in Aristoteles' Bericht ueber die aeltere
Verfassung von Kreta. Die Keime zu groesseren Staatenbuenden in der
staatlichen Verbruederung oder gar der Verschmelzung mehrerer bisher
selbstaendiger Staemme (Symmachie, Synoikismos) sind gleichfalls
beiden Nationen gemein. Es ist auf diese Gemeinsamkeit der Grundlagen
hellenischer und italischer Politie um so mehr Gewicht zu legen, als
dieselbe sich nicht auch auf die uebrigen indogermanischen Staemme mit
erstreckt; wie denn zum Beispiel die deutsche Gemeindeordnung keineswegs
wie die der Griechen und Italiker von dem Wahlkoenigtum ausgeht.
Wie verschieden aber die auf dieser gleichen Basis in Italien und in
Griechenland aufgebauten Politien waren und wie vollstaendig der ganze
Verlauf der politischen Entwicklung jeder der beiden Nationen als
Sondergut angehoert ^9, wird die weitere Erzaehlung darzulegen haben.
--------------------------------------------- ^9 Nur darf man natuerlich
nicht vergessen, dass aehnliche Voraussetzungen ueberall zu aehnlichen
Institutionen fuehren. So ist nichts so sicher, als dass die roemischen
Plebejer erst innerhalb des roemischen Gemeinwesens erwuchsen, und
doch finden sie ueberall ihr Gegenbild, wo neben einer Buerger- eine
Insassenschaft sich entwickelt hat. Dass auch der Zufall hier
sein neckendes Spiel treibt, versteht sich von selbst.
--------------------------------------------- Nicht anders ist es in
der Religion. Wohl liegt in Italien wie in Hellas dem Volksglauben der
gleiche Gemeinschatz symbolischer und allegorisierter Naturanschauungen
zugrunde; auf diesem ruht die allgemeine Analogie zwischen der
roemischen und der griechischen Goetter- und Geisterwelt, die in
spaeteren Entwicklungsstadien so wichtig werden sollte. Auch in
zahlreichen Einzelvorstellungen, in der schon erwaehnten Gestalt des
Zeus-Diovis und der Hestia-Vesta, in dem Begriff des heiligen Raumes
(temenos, templum), in manchen Opfern und Zeremonien, stimmten die
beiderseitigen Kulte nicht bloss zufaellig ueberein. Aber dennoch
gestalteten sie sich in Hellas wie in Italien so vollstaendig national
und eigentuemlich, dass selbst von dem alten Erbgut nur weniges in
erkennbarer Weise und auch dieses meistenteils unverstanden oder
missverstanden bewahrt ward. Es konnte nicht anders sein; denn wie in
den Voelkern selbst die grossen Gegensaetze sich schieden, welche die
graecoitalische Periode noch in ihrer Unmittelbarkeit zusammengehalten
hatte, so schied sich auch in ihrer Religion Begriff und Bild, die
bis dahin nur ein Ganzes in der Seele gewesen waren. Jene alten Bauern
mochten, wenn die Wolken am Himmel hin gejagt wurden, sich das so
ausdruecken, dass die Huendin der Goetter die verscheuchten Kuehe der
Herde zusammentreibe; der Grieche vergass es, dass die Kuehe eigentlich
die Wolken waren, und machte aus dem bloss fuer einzelne Zwecke
gestatteten Sohn der Goetterhuendin den zu allen Diensten bereiten und
geschickten Goetterboten. Wenn der Donner in den Bergen rollte, sah er
den Zeus auf dem Olymp die Keile schwingen; wenn der blaue Himmel wieder
auflaechelte, blickte er in das glaenzende Auge der Tochter des
Zeus, Athenaia; und so maechtig lebten ihm die Gestalten, die er
sich geschaffen, dass er bald in ihnen nichts sah als vom Glanze der
Naturkraft strahlende und getragene Menschen und sie frei nach den
Gesetzen der Schoenheit bildete und umbildete. Wohl anders, aber nicht
schwaecher offenbarte sich die innige Religiositaet des italischen
Stammes, der den Begriff festhielt und es nicht litt, dass die Form
ihn verdunkelte. Wie der Grieche, wenn er opfert, die Augen zum Himmel
aufschlaegt, so verhuellt der Roemer sein Haupt; denn jenes Gebet
ist Anschauung und dieses Gedanke. In der ganzen Natur verehrt er das
Geistige und Allgemeine; jedem Wesen, dem Menschen wie dem Baum, dem
Staat wie der Vorratskammer, ist der mit ihm entstandene und mit ihm
vergehende Geist zugegeben, das Nachbild des Physischen im geistigen
Gebiet; dem Mann der maennliche Genius, der Frau die weibliche Juno,
der Grenze der Terminus, dem Wald der Silvanus, dem kreisenden Jahr
der Vertumnus, und also weiter jedem nach seiner Art. Ja es wird in
den Handlungen der einzelne Moment der Taetigkeit vergeistigt; so wird
beispielsweise in der Fuerbitte fuer den Landmann angerufen der Geist
der Brache, des Ackerns, des Furchens, Saeens, Zudeckens, Eggens und
so fort bis zu dem des Einfahrens, Rufspeicherns und des Oeffnens der
Scheuer; und in aehnlicher Weise wird Ehe, Geburt und jedes andere
physische Ereignis mit heiligem Leben ausgestattet. Je groessere Kreise
indes die Abstraktion beschreibt, desto hoeher steigt der Gott und die
Ehrfurcht der Menschen; so sind Jupiter und Juno die Abstraktionen der