Ta palaistera saph/o/s men eyrein dia chronoy pl/e/thos ad?n

Ver.04.07.00*END*

The following e-text of Mommsen's Roemische Geschichte contains some

(ancient) Greek quotations. The character set used for those quotations

is a modern Greek character set. Therefore, aspirations are not marked

in Greek words, nor is there any differentiation between the different

accents of ancient Greek and the subscript iotas are missing as well.

Theodor Mommsen Roemische Geschichte Erstes Buch Bis zur Abschaffung des

roemischen Koenigtums

Vorrede zu der zweiten Auflage Die neue Auflage der 'Roemischen

Geschichte' weicht von der frueheren betraechtlich ab. Am meisten

gilt dies von den beiden ersten Buechern, welche die ersten fuenf

Jahrhunderte des roemischen Staats umfassen. Wo die pragmatische

Geschichte beginnt, bestimmt und ordnet sie durch sich selbst Inhalt und

Form der Darstellung; fuer die fruehere Epoche sind die Schwierigkeiten,

welche die Grenzlosigkeit der Quellenforschung und die Zeit- und

Zusammenhanglosigkeit des Materials dem Historiker bereiten, von der

Art, dass er schwerlich andern und gewiss sich selber nicht genuegt.

Obwohl der Verfasser des vorliegenden Werkes mit diesen Schwierigkeiten

der Forschung und der Darstellung ernstlich gerungen hat, ehe er

dasselbe dem Publikum vorlegte, so blieb dennoch notwendig, hier noch

viel zu tun und viel zu bessern. In diese Auflage ist eine Reihe neu

angestellter Untersuchungen, zum Beispiel ueber die staatsrechtliche

Stellung der Untertanen Roms, ueber die Entwicklung der dichtenden und

bildenden Kuenste, ihren Ergebnissen nach aufgenommen worden. Ueberdies

wurden eine Menge kleinerer Luecken ausgefuellt, die Darstellung

durchgaengig schaerfer und reichlicher gefasst, die ganze Anordnung

klarer und uebersichtlicher gestellt. Es sind ferner im dritten

Buche die inneren Verhaeltnisse der roemischen Gemeinde waehrend der

Karthagischen Kriege nicht, wie in der ersten Ausgabe, skizzenhaft,

sondern mit der durch die Wichtigkeit wie die Schwierigkeit des

Gegenstandes gebotenen Ausfuehrlichkeit behandelt worden. Der billig

Urteilende und wohl am ersten der, welcher aehnliche Aufgaben zu loesen

unternommen hat, wird es sich zu erklaeren und also zu entschuldigen

wissen, dass es solcher Nachholungen bedurfte. Auf jeden Fall hat der

Verfasser es dankbar anzuerkennen, dass das oeffentliche Urteil nicht

jene leicht ersichtlichen Luecken und Unfertigkeiten des Buches betont,

sondern vielmehr wie den Beifall so auch den Widerspruch auf dasjenige

gerichtet hat, darin es abgeschlossen und fertig war. Im uebrigen hat

der Verfasser das Buch aeusserlich bequemer einzurichten sich bemueht.

Die Varronische Zaehlung nach Jahren der Stadt ist im Texte beibehalten;

die Ziffern am Rande * bezeichnen das entsprechende Jahr vor Christi

Geburt. Bei den Jahresgleichungen ist durchgaengig das Jahr 1 der

Stadt dem Jahre 753 vor Christi Geburt und dem Olympiadenjahr 6, 4

gleichgesetzt worden; obgleich, wenn die verschiedenen Jahresanfaenge

des roemischen Sonnenjahres mit dem 1. Maerz, des griechischen mit dem

1. Juli beruecksichtigt werden, nach genauer Rechnung das Jahr 2 der

Stadt den letzten zehn Monaten des Jahres 753 und den zwei ersten des

Jahres 752 v. Chr. sowie den vier letzten Monaten von Ol. 6, 3 und

den acht ersten von Ol. 6, 4 entsprechen wuerde. Das roemische und

griechische Geld ist durchgaengig in der Art reduziert worden, dass

Pfundas und Sesterz, Denar und attische Drachme als gleich genommen und

fuer alle Summen ueber 100 Denare der heutige Gold-, fuer alle

Summen bis zu 100 Denaren der heutige Silberwert des entsprechenden

Gewichtsquantums zugrunde gelegt wurde, wobei das roemische Pfund (=

327,45 Gramm) Geld gleich 4000 Sesterzen nach dem Verhaeltnis des Goldes

zum Silber 1:15,5 zu 304« Talern preussisch, der Denar nach Silberwert

zu 7 Groschen preussisch angesetzt wird. Die dem ersten Bande

beigefuegte Kiepertsche Karte wird die militaerische Konsolidierung

Italiens anschaulicher darstellen, als die Erzaehlung es vermag. Die

Inhaltsangaben am Rande werden dem Leser die Uebersicht erleichtern.

Ein alphabetisches Inhaltsverzeichnis wird dem dritten Bande beigegeben

werden **, da anderweitige Obliegenheiten es dem Verfasser unmoeglich

machen, das Werk so rasch, wie er es wuenschte, zu foerdern.

------------- * Hier in Klammern im Text. ** Karte und Register

sind hier weggelassen. ------------- Breslau, im November 1856 Die

Aenderungen, welche der Verfasser in dem zweiten und dritten Bande

dieses Werkes bei der abermaligen Herausgabe zu machen veranlasst

gewesen ist, sind zum groesseren Teil hervorgegangen aus den

neu aufgefundenen Fragmenten des Licinianus, welche er durch die

zuvorkommende Gefaelligkeit des Herausgebers, Herrn Karl Pertz, bereits

vor ihrem Erscheinen in den Aushaengebogen hat einsehen duerfen und die

zu unserer lueckenhaften Kunde der Epoche von der Schlacht bei Pydna

bis auf den Aufstand des Lepidus manche nicht unwichtige Ergaenzung,

freilich auch manches neue Raetsel hinzugefuegt haben. Breslau, im Mai

1857 Vorrede zu der dritten bis neunten Auflage Die dritte (vierte,

fuenfte, sechste, siebente, achte und neunte) Auflage wird man im ganzen

von den vorhergehenden nicht betraechtlich abweichend finden. Kein

billiger und sachkundiger Beurteiler wird den Verfasser eines Werkes,

wie das vorliegende ist, verpflichtet erachten, fuer dessen neue

Auflagen jede inzwischen erschienene Spezialuntersuchung auszunutzen,

das heisst zu wiederholen. Was inzwischen aus fremden oder aus eigenen,

seit dem Erscheinen der zweiten Auflage angestellten Forschungen sich

dem Verfasser als versehen oder verfehlt ergeben hat, ist wie billig

berichtet worden; zu einer Umarbeitung groesserer Abschnitte hat sich

keine Veranlassung dargeboten. Eine Ausfuehrung ueber die Grundlagen

der roemischen Chronologie im vierzehnten Kapitel des dritten Buches

ist spaeterhin in umfassender und dem Stoffe angemessener Weise in einer

besonderen Schrift ('Die roemische Chronologie bis auf Caesar'. Zweite

Auflage. Berlin 1859) vorgelegt und deshalb hier jetzt auf die kurze

Darlegung der Ergebnisse von allgemein geschichtlicher Wichtigkeit

eingeschraenkt worden. Im uebrigen ist die Einrichtung nicht veraendert.

Berlin, am 1. Februar 1861; am 29. Dezember 1864; am 11. April 1868;

am 4. August 1874; am 21. Juli 1881; am 15. August 1887; am 1. Oktober

1902. Meinem Freunde Moritz Haupt In Berlin Erstes Buch Bis zur

Abschaffung des roemischen Koenigtums

Ta palaistera saph/o/s men eyrein dia chronoy pl/e/thos ad?nata /e/n. Ek

de tekm/e/ri/o/n /o/n epi makrotaton skopo?nti moi piste?sai xymbainei

oy megala nomiz/o/ genesthai, o?te kata to?s polemoys oite es ta alla.

Die aelteren Begebenheiten liessen sich wegen der Laenge der Zeit nicht

genau erforschen; aber aus Zeugnissen, die sich mir bei der Pruefung

im grossen Ganzen als verlaesslich erwiesen, glaube ich, dass sie nicht

erheblich waren, weder in bezug auf die Kriege noch sonst. Thukydides 1.

Kapitel Einleitung Rings um das mannigfaltig gegliederte Binnenmeer, das

tief einschneidend in die Erdfeste den groessten Busen des Ozeans bildet

und, bald durch Inseln oder vorspringende Landfesten verengt, bald

wieder sich in betraechtlicher Breite ausdehnend, die drei Teile

der Alten Welt scheidet und verbindet, siedelten in alten Zeiten

Voelkerstaemme sich an, welche, ethnographisch und sprachgeschichtlich

betrachtet, verschiedenen Rassen angehoerig, historisch ein Ganzes

ausmachen. Dies historische Ganze ist es, was man nicht passend die

Geschichte der alten Welt zu nennen pflegt, die Kulturgeschichte der

Anwohner des Mittelmeers, die in ihren vier grossen Entwicklungsstadien

an uns vorueberfaehrt: die Geschichte des koptischen oder aegyptischen

Stammes an dem suedlichen Gestade, die der aramaeischen oder syrischen

Nation, die die Ostkueste einnimmt und tief in das innere Asien hinein

bis an den Euphrat und Tigris sich ausbreitet, und die Geschichte des

Zwillingsvolkes der Hellenen und der Italiker, welche die europaeischen

Uferlandschaften des Mittelmeers zu ihrem Erbteil empfingen. Wohl

knuepft jede dieser Geschichten an ihren Anfaengen an andere Gesichts-

und Geschichtskreise an; aber jede auch schlaegt bald ihren eigenen

abgesonderten Gang ein. Die stammfremden oder auch stammverwandten

Nationen aber, die diesen grossen Kreis umwohnen, die Berber und Neger

Afrikas, die Araber, Perser und Inder Asiens, die Kelten und Deutschen

Europas, haben mit jenen Anwohnern des Mittelmeers wohl auch vielfach

sich beruehrt, aber eine eigentlich bestimmende Entwicklung doch

weder ihnen gegeben noch von ihnen empfangen; und soweit ueberhaupt

Kulturkreise sich abschliessen lassen, kann derjenige als eine Einheit

gelten, dessen Hoehepunkt die Namen Theben, Karthago, Athen und Rom

bezeichnen. Es haben jene vier Nationen, nachdem jede von ihnen auf

eigener Bahn zu einer eigentuemlichen und grossartigen Zivilisation

gelangt war, in mannigfaltigster Wechselbeziehung zueinander alle

Elemente der Menschennatur scharf und reich durchgearbeitet

und entwickelt, bis auch dieser Kreis erfuellt war, bis neue

Voelkerschaften, die bis dahin das Gebiet der Mittelmeerstaaten nur wie

die Wellen den Strand umspuelt hatten, sich ueber beide Ufer

ergossen und, indem sie die Suedkueste geschichtlich trennten von der

noerdlichen, den Schwerpunkt der Zivilisation verlegten vom Mittelmeer

an den Atlantischen Ozean. So scheidet sich die alte Geschichte von

der neuen nicht bloss zufaellig und chronologisch; was wir die

neue Geschichte nennen, ist in der Tat die Gestaltung eines neuen

Kulturkreises, der in mehreren seiner Entwicklungsepochen wohl

anschliesst an die untergehende oder untergegangene Zivilisation der

Mittelmeerstaaten wie diese an die aelteste indogermanische, aber

auch wie diese bestimmt ist, eine eigene Bahn zu durchmessen und

Voelkerglueck und Voelkerleid im vollen Masse zu erproben: die Epochen

der Entwicklung, der Vollkraft und des Alters, die beglueckende

Muehe des Schaffens in Religion, Staat und Kunst, den bequemen Genuss

erworbenen materiellen und geistigen Besitzes, vielleicht auch dereinst

das Versiegen der schaffenden Kraft in der satten Befriedigung des

erreichten Zieles. Aber auch dieses Ziel wird nur ein vorlaeufiges sein;

das grossartigste Zivilisationssystem hat seine Peripherie und kann sie

erfuellen, nimmer aber das Geschlecht der Menschen, dem, so wie es am

Ziele zu stehen scheint, die alte Aufgabe auf weiterem Felde und in

hoeherem Sinne neu gestellt wird. Unsere Aufgabe ist die Darstellung

des letzten Akts jenes grossen weltgeschichtlichen Schauspiels, die alte

Geschichte der mittleren unter den drei Halbinseln, die vom noerdlichen

Kontinent aus sich in das Mittelmeer erstrecken. Sie wird gebildet durch

die von den westlichen Alpen aus nach Sueden sich verzweigenden Gebirge.

Der Apennin streicht zunaechst in suedoestlicher Richtung zwischen dem

breiteren westlichen und dem schmalen oestlichen Busen des Mittelmeers,

an welchen letzteren hinantretend er seine hoechste, kaum indes zu

der Linie des ewigen Schnees hinansteigende Erhebung in den Abruzzen

erreicht. Von den Abruzzen aus setzt das Gebirge sich in suedlicher

Richtung fort, anfangs ungeteilt und von betraechtlicher Hoehe; nach

einer Einsattlung, die eine Huegellandschaft bildet, spaltet es sich in

einen flacheren suedoestlichen und einen steileren suedlichen Hoehenzug

und schliesst dort wie hier mit der Bildung zweier schmaler Halbinseln

ab. Das noerdlich zwischen Alpen und Apennin bis zu den Abruzzen hinab

sich ausbreitende Flachland gehoert geographisch und bis in sehr spaete

Zeit auch historisch nicht zu dem suedlichen Berg- und Huegelland,

demjenigen Italien, dessen Geschichte uns hier beschaeftigt. Erst im

siebenten Jahrhundert Roms wurde das Kuestenland von Sinigaglia

bis Rimini, erst im achten das Potal Italien einverleibt; die alte

Nordgrenze Italiens sind also nicht die Alpen, sondern der Apennin.

Dieser steigt von keiner Seite in steiler Kette empor, sondern breit

durch das Land gelagert und vielfache, durch maessige Paesse verbundene

Taeler und Hochebenen einschliessend gewaehrt er selbst den Menschen

eine wohl geeignete Ansiedelungsstaette, und mehr noch gilt dies von

dem oestlich, suedlich und westlich an ihn sich anschliessenden Vor- und

Kuestenland. Zwar an der oestlichen Kueste dehnt sich, gegen Norden von

dem Bergstock der Abruzzen geschlossen und nur von dem steilen

Ruecken des Garganus inselartig unterbrochen, die apulische Ebene in

einfoermiger Flaeche mit schwach entwickelter Kuesten- und Strombildung

aus. An der Suedkueste aber zwischen den beiden Halbinseln, mit denen

der Apennin endigt, lehnt sich an das innere Huegelland eine ausgedehnte

Niederung, die zwar an Haefen arm, aber wasserreich und fruchtbar

ist. Die Westkueste endlich, ein breites, von bedeutenden Stroemen,

namentlich dem Tiber, durchschnittenes, von den Fluten und den einst

zahlreichen Vulkanen in mannigfaltigster Tal- und Huegel-, Hafen- und

Inselbildung entwickeltes Gebiet, bildet in den Landschaften Etrurien,

Latium und Kampanien den Kern des italischen Landes, bis suedlich von

Kampanien das Vorland allmaehlich verschwindet und die Gebirgskette

fast unmittelbar von dem Tyrrhenischen Meere bespuelt wird. Ueberdies

schliesst, wie an Griechenland der Peloponnes, so an Italien die Insel

Sizilien sich an, die schoenste und groesste des Mittelmeers, deren

gebirgiges und zum Teil oedes Innere ringsum, vor allem im Osten

und Sueden, mit einem breiten Saume des herrlichsten, grossenteils

vulkanischen Kuestenlandes umguertet ist; und wie geographisch die

sizilischen Gebirge die kaum durch den schmalen "Riss" (R/e/gion)

der Meerenge unterbrochene Fortsetzung des Apennins sind, so ist auch

geschichtlich Sizilien in aelterer Zeit ebenso entschieden ein Teil

Italiens wie der Peloponnes von Griechenland, der Tummelplatz derselben

Staemme und der gemeinsame Sitz der gleichen hoeheren Gesittung.

Die italische Halbinsel teilt mit der griechischen die gemaessigte

Temperatur und die gesunde Luft auf den maessig hohen Bergen und im

ganzen auch in den Taelern und Ebenen. In der Kuestenentwicklung steht

sie ihr nach; namentlich fehlt das Inselreiche Meer, das die Hellenen

zur seefahrenden Nation gemacht hat. Dagegen ist Italien dem Nachbarn

ueberlegen durch die reichen Flussebenen und die fruchtbaren und

kraeuterreichen Bergabhaenge, wie der Ackerbau und die Viehzucht ihrer

bedarf. Es ist wie Griechenland ein schoenes Land, das die Taetigkeit

des Menschen anstrengt und belohnt und dem unruhigen Streben die Bahnen

in die Ferne, dem ruhigen die Wege zu friedlichem Gewinn daheim in

gleicher Weise eroeffnet. Aber wenn die griechische Halbinsel nach Osten

gewendet ist, so ist es die italische nach Westen. Wie das epirotische

und akarnanische Gestade fuer Hellas, so sind die apulischen und

messapischen Kuesten fuer Italien von untergeordneter Bedeutung;

und wenn dort diejenigen Landschaften, auf denen die geschichtliche

Entwicklung ruht, Attika und Makedonien, nach Osten schauen, so sehen

Etrurien, Latium und Kampanien nach Westen. So stehen die beiden so eng

benachbarten und fast verschwisterten Halbinseln gleichsam voneinander

abgewendet; obwohl das unbewaffnete Auge von Otranto aus die

akrokeraunischen Berge erkennt, haben Italiker und Hellenen sich

doch frueher und enger auf jeder andern Strasse beruehrt als auf der

naechsten ueber das Adriatische Meer. Es war auch hier wie so oft in den

Bodenverhaeltnissen der geschichtliche Beruf der Voelker vorgezeichnet:

die beiden grossen Staemme, auf denen die Zivilisation der Alten Welt

erwuchs, warfen ihre Schatten wie ihren Samen der eine nach Osten, der

andere nach Westen. Es ist die Geschichte Italiens, die hier erzaehlt

werden soll, nicht die Geschichte der Stadt Rom. Wenn auch nach formalem

Staatsrecht die Stadtgemeinde von Rom es war, die die Herrschaft erst

ueber Italien, dann ueber die Welt gewann, so laesst sich doch dies im

hoeheren geschichtlichen Sinne keineswegs behaupten und erscheint das,

was man die Bezwingung Italiens durch die Roemer zu nennen gewohnt

ist, vielmehr als die Einigung zu einem Staate des gesamten Stammes der

Italiker, von dem die Roemer wohl der gewaltigste, aber doch nur ein

Zweig sind. Die italische Geschichte zerfaellt in zwei Hauptabschnitte:

in die innere Geschichte Italiens bis zu seiner Vereinigung unter der

Fuehrung des latinischen Stammes und in die Geschichte der italischen

Weltherrschaft. Wir werden also darzustellen haben des italischen

Volksstammes Ansiedelung auf der Halbinsel; die Gefaehrdung seiner

nationalen und politischen Existenz und seine teilweise Unterjochung

durch Voelker anderer Herkunft und aelterer Zivilisation, durch Griechen

und Etrusker; die Auflehnung der Italiker gegen die Fremdlinge und deren

Vernichtung oder Unterwerfung; endlich die Kaempfe der beiden italischen

Hauptstaemme, der Latiner und der Samniten, um die Hegemonie auf der

Halbinsel und den Sieg der Latiner am Ende des vierten Jahrhunderts vor

Christi Geburt oder des fuenften der Stadt Rom. Es wird dies den Inhalt

der beiden ersten Buecher bilden. Den zweiten Abschnitt eroeffnen

die Punischen Kriege; er umfasst die reissend schnelle Ausdehnung des

Roemerreiches bis an und ueber Italiens natuerliche Grenzen, den langen

Status quo der roemischen Kaiserzeit und das Zusammenstuerzen des

gewaltigen Reiches. Dies wird im dritten und den folgenden Buechern

erzaehlt werden. 2. Kapitel Die aeltesten Einwanderungen in Italien

Keine Kunde, ja nicht einmal eine Sage erzaehlt von der ersten

Einwanderung des Menschengeschlechts in Italien; vielmehr war im

Altertum der Glaube allgemein, dass dort wie ueberall die erste

Bevoelkerung dem Boden selbst entsprossen sei. Indes die Entscheidung

ueber den Ursprung der verschiedenen Rassen und deren genetische

Beziehungen zu den verschiedenen Klimaten bleibt billig dem

Naturforscher ueberlassen; geschichtlich ist es weder moeglich noch

wichtig festzustellen, ob die aelteste bezeugte Bevoelkerung eines

Landes daselbst autochthon oder selbst schon eingewandert ist. Wohl aber

liegt es dem Geschichtsforscher ob, die sukzessive Voelkerschichtung in

dem einzelnen Lande darzulegen, um die Steigerung von der unvollkommenen

zu der vollkommneren Kultur und die Unterdrueckung der minder

kulturfaehigen oder auch nur minder entwickelten Staemme durch hoeher

stehende Nationen soweit moeglich rueckwaerts zu verfolgen. Italien

indes ist auffallend arm an Denkmaelern der primitiven Epoche und

steht in dieser Beziehung in einem bemerkenswerten Gegensatz zu anderen

Kulturgebieten. Den Ergebnissen der deutschen Altertumsforschung zufolge

muss in England, Frankreich, Norddeutschland und Skandinavien, bevor

indogermanische Staemme hier sich ansaessig machten, ein Volk vielleicht

tschudischer Rasse gewohnt oder vielmehr gestreift haben, das von

Jagd und Fischfang lebte, seine Geraete aus Stein, Ton oder Knochen

verfertigte und mit Tierzaehnen und Bernstein sich schmueckte,

des Ackerbaues aber und des Gebrauchs der Metalle unkundig war. In

aehnlicher Weise ging in Indien der indogermanischen eine minder

kulturfaehige dunkelfarbige Bevoelkerung vorauf. In Italien

aber begegnen weder Truemmer einer verdraengten Nation, wie im

keltisch-germanischen Gebiet die Finnen und Lappen und die schwarzen

Staemme in den indischen Gebirgen sind, noch ist daselbst bis jetzt die

Verlassenschaft eines verschollenen Urvolkes nachgewiesen worden, wie

sie die eigentuemlich gearteten Gerippe, die Mahlzeit- und Grabstaetten

der sogenannten Steinepoche des deutschen Altertums zu offenbaren

scheinen. Es ist bisher nichts zum Vorschein gekommen, was zu der

Annahme berechtigt, dass in Italien die Existenz des Menschengeschlechts

aelter sei als die Bebauung des Ackers und das Schmelzen der Metalle;

und wenn wirklich innerhalb der Grenzen Italiens das Menschengeschlecht

einmal auf der primitiven Kulturstufe gestanden hat, die wir den

Zustand der Wildheit zu nennen pflegen, so ist davon doch jede Spur

schlechterdings ausgeloescht. Die Elemente der aeltesten Geschichte sind

die Voelkerindividuen, die Staemme. Unter denen, die uns spaeterhin

in Italien begegnen, ist von einzelnen, wie von den Hellenen, die

Einwanderung, von anderen, wie von den Brettiern und den Bewohnern der

sabinischen Landschaft, die Denationalisierung geschichtlich bezeugt.

Nach Ausscheidung beider Gattungen bleiben eine Anzahl Staemme uebrig,

deren Wanderungen nicht mehr mit dem Zeugnis der Geschichte, sondern

hoechstens auf aprioristischem Wege sich nachweisen lassen und deren

Nationalitaet nicht nachweislich eine durchgreifende Umgestaltung von

aussen her erfahren hat; diese sind es, deren nationale Individualitaet

die Forschung zunaechst festzustellen hat. Waeren wir dabei einzig

angewiesen auf den wirren Wust der Voelkernamen und der zerruetteten,

angeblich geschichtlichen Ueberlieferung, welche aus wenigen brauchbaren

Notizen zivilisierter Reisender und einer Masse meistens geringhaltiger

Sagen, gewoehnlich ohne Sinn fuer Sage wie fuer Geschichte

zusammengesetzt und konventionell fixiert ist, so muesste man die

Aufgabe als eine hoffnungslose abweisen. Allein noch fliesst auch fuer

uns eine Quelle der Ueberlieferung, welche zwar auch nur Bruchstuecke,

aber doch authentische gewaehrt; es sind dies die einheimischen Sprachen

der in Italien seit unvordenklicher Zeit ansaessigen Staemme. Ihnen, die

mit dem Volke selbst geworden sind, war der Stempel des Werdens zu tief

eingepraegt, um durch die nachfolgende Kultur gaenzlich verwischt zu

werden. Ist von den italischen Sprachen auch nur eine vollstaendig

bekannt, so sind doch von mehreren anderen hinreichende Ueberreste

erhalten, um der Geschichtsforschung fuer die Stammverschiedenheit oder

Stammverwandtschaft und deren Grade zwischen den einzelnen Sprachen und

Voelkern einen Anhalt zu gewaehren. So lehrt uns die Sprachforschung

drei italische Urstaemme unterscheiden, den iapygischen, den

etruskischen und den italischen, wie wir ihn nennen wollen, von welchen

der letztere in zwei Hauptzweige sich spaltet: das latinische Idiom und

dasjenige, dem die Dialekte der Umbrer, Marser, Volsker und Samniten

angehoeren. Von dem iapygischen Stamm haben wir nur geringe Kunde. Im

aeussersten Suedosten Italiens, auf der messapischen oder kalabrischen

Halbinsel, sind Inschriften in einer eigentuemlichen verschollenen

Sprache ^1 in ziemlicher Anzahl gefunden worden, unzweifelhaft Truemmer

des Idioms der Iapyger, welche auch die Oberlieferung mit grosser

Bestimmtheit von den latinischen und samnitischen Staemmen

unterscheidet; glaubwuerdige Angaben und zahlreiche Spuren fuehren

dahin, dass die gleiche Sprache und der gleiche Stamm urspruenglich auch

in Apulien heimisch war. Was wir von diesem Volke jetzt wissen, genuegt

wohl, um dasselbe von den uebrigen Italikern bestimmt zu unterscheiden,

nicht aber, um positiv den Platz zu bestimmen, welcher dieser Sprache

und diesem Volk in der Geschichte des Menschengeschlechts zukommt. Die

Inschriften sind nicht entraetselt, und es ist kaum zu hoffen, dass

dies dereinst gelingen wird. Dass der Dialekt den indogermanischen

beizuzaehlen ist, scheinen die Genetivformen aihi und ihi entsprechend

dem sanskritischen asya, dem griechischen oio anzudeuten. Andere

Kennzeichen, zum Beispiel der Gebrauch der aspirierten Konsonanten

und das Vermeiden der Buchstaben m und t im Auslaut, zeigen diesen

iapygischen in wesentlicher Verschiedenheit von den italischen und in

einer gewissen Uebereinstimmung mit den griechischen Dialekten. Die

Annahme einer vorzugsweise engen Verwandtschaft der iapygischen

Nation mit den Hellenen findet weitere Unterstuetzung in den auf den

Inschriften mehrfach hervortretenden griechischen Goetternamen und in

der auffallenden, von der Sproedigkeit der uebrigen italischen

Nationen scharf abstechenden Leichtigkeit, mit der die Iapyger sich

hellenisierten: Apulien, das noch in Timaeos' Zeit (400 Roms, [350]) als

ein barbarisches Land geschildert wird, ist im sechsten Jahrhundert der

Stadt, ohne dass irgendeine unmittelbare Kolonisierung von Griechenland

aus dort stattgefunden haette, eine durchaus griechische Landschaft

geworden, und selbst bei dem rohen Stamm der Messapier zeigen sich

vielfache Ansaetze zu einer analogen Entwicklung. Bei dieser allgemeinen

Stamm- oder Wahlverwandtschaft der Iapyger mit den Hellenen, die aber

doch keineswegs so weit reicht, dass man die Iapygersprache als einen

rohen Dialekt des Hellenischen auffassen koennte, wird die Forschung

vorlaeufig wenigstens stehen bleiben muessen, bis ein schaerferes und

besser gesichertes Ergebnis zu erreichen steht ^2. Die Luecke ist indes

nicht sehr empfindlich; denn nur weichend und verschwindend zeigt sich

uns dieser beim Beginn unserer Geschichte schon im Untergehen

begriffene Volksstamm. Der wenig widerstandsfaehige, leicht in andere

Nationalitaeten sich aufloesende Charakter der iapygischen Nation passt

wohl zu der Annahme, welche durch ihre geographische Lage wahrscheinlich

gemacht wird, dass dies die aeltesten Einwanderer oder die historischen

Autochthonen Italiens sind. Denn unzweifelhaft sind die aeltesten

Wanderungen der Voelker alle zu Lande erfolgt; zumal die nach Italien

gerichteten, dessen Kueste zur See nur von kundigen Schiffern erreicht

werden kann und deshalb noch in Homers Zeit den Hellenen voellig

unbekannt war. Kamen aber die frueheren Ansiedler ueber den Apennin,

so kann, wie der Geolog aus der Schichtung der Gebirge ihre Entstehung

erschliesst, auch der Geschichtsforscher die Vermutung wagen, dass die

am weitesten nach Sueden geschobenen Staemme die aeltesten Bewohner

Italiens sein werden; und eben an dessen aeusserstem

suedoestlichen Saume begegnen wir der iapygischen Nation.

------------------------------------------------------- ^1 Ihren Klang

moegen einige Grabschriften vergegenwaertigen, wie theotoras artahiaihi

berenarrihino und dazihonas platorrihi bollihi. ^2 Man hat, freilich

auf ueberhaupt wenig und am wenigsten fuer eine Tatsache von solcher

Bedeutung zulaengliche sprachliche Vergleichungspunkte hin, eine

Verwandtschaft zwischen der iapygischen Sprache und der heutigen

albanesischen angenommen. Sollte diese Stammverwandtschaft sich

bestaetigen und sollten anderseits die Albanesen - ein ebenfalls

indogermanischer und dem hellenischen und italischen gleichstehender

Stamm - wirklich ein Rest jener hellenobarbarischen Nationalitaet sein,

deren Spuren in ganz Griechenland und namentlich in den noerdlichen

Landschaften hervortreten, so wuerde diese vorhellenische Nationalitaet

damit als auch voritalisch nachgewiesen sein; Einwanderung der Iapyger

in Italien ueber das Adriatische Meer hin wuerde daraus zunaechst

noch nicht folgen.

----------------------------------------------------------------- Die

Mitte der Halbinsel ist, soweit unsere zuverlaessige Ueberlieferung

zurueckreicht, bewohnt von zwei Voelkern oder vielmehr zwei Staemmen

desselben Volkes, dessen Stellung in dem indogermanischen Volksstamm

sich mit groesserer Sicherheit bestimmen laesst, als dies bei der

iapygischen Nation der Fall war. Wir duerfen dies Volk billig das

italische heissen, da auf ihm die geschichtliche Bedeutung der Halbinsel

beruht; es teilt sich in die beiden Staemme der Latiner einerseits,

anderseits der Umbrer mit deren suedlichen Auslaeufern, den Marsern

und Samniten und den schon in geschichtlicher Zeit von den Samniten

ausgesandten Voelkerschaften. Die sprachliche Analyse der diesen

Staemmen angehoerenden Idiome hat gezeigt, dass sie zusammen ein Glied

sind in der indogermanischen Sprachenkette, und dass die Epoche, in

der sie eine Einheit bildeten, eine verhaeltnismaessig spaete ist. Im

Lautsystem erscheint bei ihnen der eigentuemliche Spirant f, worin sie

uebereinstimmen mit den Etruskern, aber sich scharf scheiden von allen

hellenischen und hellenobarbarischen Staemmen, sowie vom Sanskrit

selbst. Die Aspiraten dagegen, die von den Griechen durchaus und die

haerteren davon auch von den Etruskern festgehalten werden, sind den

Italikern urspruenglich fremd und werden bei ihnen vertreten durch eines

ihrer Elemente, sei es durch die Media, sei es durch den Hauch allein

f oder h. Die feineren Hauchlaute s, w, j, die die Griechen soweit

moeglich beseitigen, sind in den italischen Sprachen wenig beschaedigt

erhalten, ja hie und da noch weiter entwickelt worden. Das Zurueckziehen

des Akzents und die dadurch hervorgerufene Zerstoerung der Endungen

haben die Italiker zwar mit einigen griechischen Staemmen und mit den

Etruskern gemein, jedoch in staerkerem Grad als jene, in geringerem als

diese angewandt; die unmaessige Zerruettung der Endungen im Umbrischen

ist sicher nicht in dem urspruenglichen Sprachgeist begruendet, sondern

spaetere Verderbnis, welche sich in derselben Richtung wenngleich

schwaecher auch in Rom geltend gemacht hat. Kurze Vokale fallen in den

italischen Sprachen deshalb im Auslaut regelmaessig, lange haeufig ab;

die schliessenden Konsonanten sind dagegen im Lateinischen und mehr

noch im Samnitischen mit Zaehigkeit festgehalten worden, waehrend das

Umbrische auch diese fallen laesst. Damit haengt es zusammen, dass

die Medialbildung in den italischen Sprachen nur geringe Spuren

zurueckgelassen hat und dafuer ein eigentuemliches, durch Anfuegung von

r gebildetes Passiv an die Stelle tritt; ferner dass der groesste Teil

der Tempora durch Zusammensetzungen mit den Wurzeln es und fu gebildet

wird, waehrend den Griechen neben dem Augment die reichere Ablautung

den Gebrauch der Hilfszeitwoerter grossenteils erspart. Waehrend die

italischen Sprachen wie der aeolische Dialekt auf den Dual verzichteten,

haben sie den Ablativ, der den Griechen verlorenging, durchgaengig,

grossenteils auch den Lokativ erhalten. Die strenge Logik der Italiker

scheint Anstoss daran genommen zu haben, den Begriff der Mehrheit in

den der Zweiheit und der Vielheit zu spalten, waehrend man die in den

Beugungen sich ausdrueckenden Wortbeziehungen mit grosser Schaerfe

festhielt. Eigentuemlich italisch und selbst dem Sanskrit fremd ist

die in den Gerundien und Supinen vollstaendiger als sonst irgendwo

durchgefuehrte Substantivierung der Zeitwoerter. Diese aus einer reichen

Fuelle analoger Erscheinungen ausgewaehlten Beispiele genuegen, um

die Individualitaet des italischen Sprachstammes jedem anderen

indogermanischen gegenueber darzutun und zeigen denselben zugleich

sprachlich wie geographisch als naechsten Stammverwandten der Griechen;

der Grieche und der Italiker sind Brueder, der Kelte, der Deutsche und

der Slave ihnen Vettern. Die wesentliche Einheit aller italischen wie

aller griechischen Dialekte und Staemme unter sich muss frueh und klar

den beiden grossen Nationen selbst aufgegangen sein; denn wir finden in

der roemischen Sprache ein uraltes Wort raetselhaften Ursprungs, Graius

oder Graicus, das jeden Hellenen bezeichnet, und ebenso bei den Griechen

die analoge Benennung Opikos, die von allen, den Griechen in aelterer

Zeit bekannten latinischen und samnitischen Stmmen, nicht aber von

Iapygern oder Etruskern gebraucht wird. Innerhalb des italischen

Sprachstammes aber tritt das Lateinische wieder in einen bestimmten

Gegensatz zu den umbrisch-samnitischen Dialekten. Allerdings sind

von diesen nur zwei, der umbrische und der samnitische oder oskische

Dialekt, einigermassen, und auch diese nur in aeusserst lueckenhafter

und schwankender Weise bekannt; von den uebrigen Dialekten sind die

einen, wie der volskische und der marsische, in zu geringen Truemmern

auf uns gekommen, um sie in ihrer Individualitaet zu erfassen oder

auch nur die Mundarten selbst mit Sicherheit und Genauigkeit zu

klassifizieren, waehrend andere, wie der sabinische, bis auf geringe,

als dialektische Eigentuemlichkeiten im provinzialen Latein erhaltene

Spuren voellig untergegangen sind. Indes laesst die Kombination der

sprachlichen und der historischen Tatsachen daran keinen Zweifel, dass

diese saemtlichen Dialekte dem umbrisch-samnitischen Zweig des grossen

italischen Stammes angehoert haben, und dass dieser, obwohl dem

lateinischen Stamm weit naeher als dem griechischen verwandt, doch auch

wieder von ihm aufs bestimmteste sich unterscheidet. Im Fuerwort und

sonst haeufig sagte der Samnite und der Umbrer p, wo der Roemer q sprach

- so pis fuer quis; ganz wie sich auch sonst nahverwandte Sprachen

scheiden, zum Beispiel dem Keltischen in der Bretagne und Wales p,

dem Gaelischen und Irischen k eigen ist. In den Vokalen erscheinen die

Diphthonge im Lateinischen und ueberhaupt den noerdlichen Dialekten

sehr zerstoert, dagegen in den suedlichen italischen Dialekten sie wenig

gelitten haben; womit verwandt ist, dass in der Zusammensetzung der

Roemer den sonst so streng bewahrten Grundvokal abschwaecht, was nicht

geschieht in der verwandten Sprachengruppe. Der Genetiv der Woerter

auf a ist in dieser wie bei den Griechen as, bei den Roemern in der

ausgebildeten Sprache ae; der der Woerter auf us im Samnitischen eis,

im Umbrischen es, bei den Roemern ei; der Lokativ tritt bei diesen

im Sprachbewusstsein mehr und mehr zurueck, waehrend er in den andern

italischen Dialekten in vollem Gebrauch blieb; der Dativ des Plural

auf bus ist nur im Lateinischen vorhanden. Der umbrisch-samnitische

Infinitiv auf um ist den Roemern fremd, waehrend das oskisch-umbrische,

von der Wurzel es gebildete Futur nach griechischer Art (her-est wie

leg-s/o/) bei den Roemern fast, vielleicht ganz verschollen und ersetzt

ist durch den Optativ des einfachen Zeitworts oder durch analoge

Bildungen von fuo (ama-bo). In vielen dieser Faelle, zum Beispiel in

den Kasusformen, sind die Unterschiede indes nur vorhanden fuer

die beiderseits ausgebildeten Sprachen, waehrend die Anfaenge

zusammenfallen. Wenn also die italische Sprache neben der griechischen

selbstaendig steht, so verhaelt sich innerhalb jener die lateinische

Mundart zu der umbrisch- samnitischen etwa wie die ionische zur

dorischen, waehrend sich die Verschiedenheiten des Oskischen und des

Umbrischen und der verwandten Dialekte etwa vergleichen lassen mit denen

des Dorismus in Sizilien und in Sparta. Jede dieser Spracherscheinungen

ist Ergebnis und Zeugnis eines historischen Ereignisses. Es laesst

sich daraus mit vollkommener Sicherheit erschliessen, dass aus dem

gemeinschaftlichen Mutterschoss der Voelker und der Sprachen ein Stamm

ausschied, der die Ahnen der Griechen und der Italiker gemeinschaftlich

in sich schloss; dass aus diesem alsdann die Italiker sich abzweigten

und diese wieder in den westlichen und oestlichen Stamm, der oestliche

noch spaeter in Umbrer und Osker auseinander gingen. Wo und wann diese

Scheidungen stattfanden, kann freilich die Sprache nicht lehren, und

kaum darf der verwegene Gedanke es versuchen, diesen Revolutionen ahnend

zu folgen, von denen die fruehesten unzweifelhaft lange vor derjenigen

Einwanderung stattfanden, welche die Stammvaeter der Italiker ueber die

Apenninen fuehrte. Dagegen kann die Vergleichung der Sprachen, richtig

und vorsichtig behandelt, von demjenigen Kulturgrade, auf dem das Volk

sich befand, als jene Trennungen eintraten, ein annaeherndes Bild und

damit uns die Anfaenge der Geschichte gewaehren, welche nichts ist

als die Entwicklung der Zivilisation. Denn es ist namentlich in der

Bildungsepoche die Sprache das treue Bild und Organ der erreichten

Kulturstufe; die grossen technischen und sittlichen Revolutionen sind

darin wie in einem Archiv aufbewahrt, aus dessen Akten die Zukunft

nicht versaeumen wird, fuer jene Zeiten zu schoepfen, aus welchen alle

unmittelbare Ueberlieferung verstummt ist. Waehrend die jetzt getrennten

indogermanischen Voelker einen gleichsprachigen Stamm bildeten,

erreichten sie einen gewissen Kulturgrad und einen diesem angemessenen

Wortschatz, den als gemeinsame Ausstattung in konventionell

festgestelltem Gebrauch alle Einzelvoelker uebernahmen, um auf der

gegebenen Grundlage selbstaendig weiter zu bauen. Wir finden in diesem

Wortschatz nicht bloss die einfachsten Bezeichnungen des Seins, der

Taetigkeiten, der Wahrnehmungen wie sum, do, pater, das heisst den

urspruenglichen Widerhall des Eindrucks, den die Aussenwelt auf die

Brust des Menschen macht, sondern auch eine Anzahl Kulturwoerter

nicht bloss ihren Wurzeln nach, sondern in einer gewohnheitsmaessig

ausgepraegten Form, welche Gemeingut des indogermanischen Stammes und

weder aus gleichmaessiger Entfaltung noch aus spaeterer Entlehnung

erklaerbar sind. So besitzen wir Zeugnisse fuer die Entwicklung des

Hirtenlebens in jener fernen Epoche in den unabaenderlich fixierten

Namen der zahmen Tiere: sanskritisch gaus ist lateinisch bos,

griechisch bo?s; sanskritisch avis ist lateinisch ovis, griechisch ois;

sanskritisch a‡vas, lateinisch equus, griechisch ippos; sanskritisch

hansas, lateinisch anser, griechisch ch/e/n; sanskritisch atis,

griechisch n/e/ssa, lateinisch anas; ebenso sind pecus, sus, porcus,

taurus, canis sanskritische Woerter. Also schon in dieser fernsten

Epoche hatte der Stamm, auf dem von den Tagen Homers bis auf unsere

Zeit die geistige Entwicklung der Menschheit beruht, den niedrigsten

Kulturgrad der Zivilisation, die Jaeger- und Fischerepoche,

ueberschritten und war zu einer wenigstens relativen Stetigkeit der

Wohnsitze gelangt. Dagegen fehlt es bis jetzt an sicheren Beweisen

dafuer, dass schon damals der Acker gebaut worden ist. Die Sprache

spricht eher dagegen als dafuer. Unter den lateinisch-griechischen

Getreidenamen kehrt keiner wieder im Sanskrit mit einziger Ausnahme von

zea, das sprachlich dem sanskritischen yavas entspricht, uebrigens im

Indischen die Gerste, im Griechischen den Spelt bezeichnet. Es muss

nun freilich zugegeben werden, dass diese von der wesentlichen

Uebereinstimmung der Benennungen der Haustiere so scharf abstechende

Verschiedenheit in den Namen der Kulturpflanzen eine urspruengliche

Gemeinschaft des Ackerbaues noch nicht unbedingt ausschliesst; in

primitiven Verhaeltnissen ist die Uebersiedelung und Akklimatisierung

der Pflanzen schwieriger als die der Tiere, und der Reisbau der Inder,

der Weizen- und Speltbau der Griechen und Roemer, der Roggen- und

Haferbau der Germanen und Kelten koennten an sich wohl alle auf einen

gemeinschaftlichen urspruenglichen Feldbau zurueckgehen. Aber auf der

andern Seite ist die den Griechen und Indern gemeinschaftliche Benennung

einer Halmfrucht doch hoechstens ein Beweis dafuer, dass man vor der

Scheidung der Staemme die in Mesopotamien wildwachsenden Gersten- und

Speltkoerner ^3 sammelte und ass, nicht aber dafuer, dass man schon

Getreide baute. Wenn sich hier nach keiner Seite hin eine Entscheidung

ergibt, so fuehrt dagegen etwas weiter die Beobachtung, dass eine Anzahl

der wichtigsten hier einschlagenden Kulturwoerter im Sanskrit zwar auch,

aber durchgaengig in allgemeinerer Bedeutung vorkommen: agras ist bei

den Indern ueberhaupt Flur, kurnu ist das Zerriebene, aritram ist Ruder

und Schiff, venas das Anmutige ueberhaupt, namentlich der anmutende

Trank. Die Woerter also sind uralt; aber ihre bestimmte Beziehung auf

die Ackerflur (ager), auf das zu mahlende Getreide (granum, Korn), auf

das Werkzeug, das den Boden furcht wie das Schiff die Meeresflaeche

(aratrum), auf den Saft der Weintraube (vinum) war bei der aeltesten

Teilung der Staemme noch nicht entwickelt; es kann daher auch nicht

wundernehmen, wenn die Beziehungen zum Teil sehr verschieden ausfielen

und zum Beispiel von dem sanskritischen kurnu sowohl das zum Zerreiben

bestimmte Korn als auch die zerreibende Muehle, gotisch quairnus,

litauisch girnos ihre Namen empfingen. Wir duerfen darnach als

wahrscheinlich annehmen, dass das indogermanische Urvolk den Ackerbau

noch nicht kannte, und als gewiss, dass, wenn es ihn kannte, er doch

noch in der Volkswirtschaft eine durchaus untergeordnete Rolle spielte;

denn waere er damals schon gewesen, was er spaeter den Griechen und

Roemern war, so haette er tiefer der Sprache sich eingepraegt, als

es geschehen ist. Dagegen zeugen fuer den Haeuser- und Huettenbau der

Indogermanen sanskritisch dam(as), lateinisch domus, griechisch domos;

sanskritisch ve‡as, lateinisch vicus, griechisch oikos; sanskritisch

dvaras, lateinisch fores, griechisch th?ra; ferner fuer den Bau von

Ruderbooten die Namen des Nachens - sanskritisch naus, griechisch na?s,

lateinisch navis - und des Ruders - sanskritisch aritram, griechisch

eretmos, lateinisch remus, tri-res-mis; fuer den Gebrauch der Wagen

und die Baendigung der Tiere zum Ziehen und Fahren sanskritisch akshas

(Achse und Karren), lateinisch axis, griechisch ax/o/n, am- axa;

sanskritisch iugam, lateinisch iugum, griechisch zygon. Auch die

Benennungen des Kleides - sanskritisch vastra, lateinisch vestis,

griechisch esth/e/s - und des Naehens und Spinnens - sanskritisch siv,

lateinisch suo; sanskritisch nah, lateinisch neo, griechisch n/e/th/o/

- sind in allen indogermanischen Sprachen die gleichen. Von der hoeheren

Kunst des Webens laesst dies dagegen nicht in gleicher Weise sich

sagen ^4. Dagegen ist wieder die Kunde von der Benutzung des Feuers zur

Speisenbereitung und des Salzes zur Wuerzung derselben uraltes Erbgut

der indogermanischen Nationen und das gleiche gilt sogar von der

Kenntnis der aeltesten zum Werkzeug und zum Zierat von dem Menschen

verwandten Metalle. Wenigstens vom Kupfer (aes) und Silber (argentum),

vielleicht auch vom Gold kehren die Namen wieder im Sanskrit, und diese

Namen sind doch schwerlich entstanden, bevor man gelernt hatte, die

Erze zu scheiden und zu verwenden; wie denn auch sanskritisch asis,

lateinisch ensis auf den uralten Gebrauch metallener Waffen hinleitet.

----------------------------------------------- ^3 Nordwestlich von Anah

am rechten Euphratufer fanden sich zusammen Gerste, Weizen und Spelt im

wilden Zustande (Alphonse de Candolle, Geographie botanique raisonnee.

Paris 1855. Bd. 2, S. 934). Dasselbe, dass Gerste und Weizen

in Mesopotamien wild wachsen, sagt schon der babylonische

Geschichtschreiber Berosos (bei Georgios Synkellos p. 50 Bonn.). ^4 Wenn

das lateinische vieo, vimen, demselben Stamm angehoert wie unser weben

und die verwandten Woerter, so muss das Wort, noch als Griechen und

Italiker sich trennten, die allgemeine Bedeutung flechten gehabt haben,

und kann diese erst spaeter, wahrscheinlich in verschiedenen Gebieten

unabhaengig voneinander, in die des Webens uebergegangen sein. Auch der

Leinbau, so alt er ist, reicht nicht bis in diese Zeit zurueck, denn die

Inder kennen die Flachspflanze wohl, bedienen sich ihrer aber bis heute

nur zur Bereitung des Leinoels. Der Hanf ist den Italikern wohl noch

spaeter bekannt geworden als der Flachs; wenigstens sieht cannabis

ganz aus wie ein spaetes Lehnwort.

----------------------------------------------- Nicht minder reichen in

diese Zeiten die Fundamentalgedanken zurueck, auf denen die Entwicklung

aller indogermanischen Staaten am letzten Ende beruht: die Stellung von

Mann und Weib zueinander, die Geschlechtsordnung, das Priestertum des

Hausvaters und die Abwesenheit eines eigenen Priesterstandes sowie

ueberhaupt einer jeden Kastensonderung, die Sklaverei als rechtliche

Institution, die Rechtstage der Gemeinde bei Neumond und Vollmond.

Dagegen die positive Ordnung des Gemeinwesens, die Entscheidung zwischen

Koenigtum und Gemeindeherrlichkeit, zwischen erblicher Bevorzugung der

Koenigs- und Adelsgeschlechter und unbedingter Rechtsgleichheit der

Buerger gehoert ueberall einer spaeteren Zeit an. Selbst die Elemente

der Wissenschaft und der Religion zeigen Spuren urspruenglicher

Gemeinschaft. Die Zahlen sind dieselben bis hundert (sanskritisch ‡atam,

eka‡atam, lateinisch centum, griechisch e-katon, gotisch hund); der

Mond heisst in allen Sprachen davon, dass man nach ihm die Zeit misst

(mensis). Wie der Begriff der Gottheit selbst (sanskritisch devas,

lateinisch deus, griechisch theos) gehoeren zum gemeinen Gut der Voelker

auch manche der aeltesten Religionsvorstellungen und Naturbilder. Die

Auffassung zum Beispiel des Himmels als des Vaters, der Erde als der

Mutter der Wesen, die Festzuege der Goetter, die in eigenen Wagen

auf sorgsam gebahnten Gleisen von einem Orte zum andern ziehen, die

schattenhafte Fortdauer der Seele nach dem Tode sind Grundgedanken

der indischen wie der griechischen und roemischen Goetterlehre. Selbst

einzelne der Goetter vom Ganges stimmen mit den am Ilissos und am Tiber

verehrten bis auf die Namen ueberein - so ist der Uranos der Griechen

der Varunas, so der Zeus, Jovis pater, Diespiter der Djaus pita der

Veden. Auf manche raetselhafte Gestalt der hellenischen Mythologie ist

durch die neuesten Forschungen ueber die aeltere indische Goetterlehre

ein ungeahntes Licht gefallen. Die altersgrauen geheimnisvollen

Gestalten der Erinnyen sind nicht hellenisches Gedicht, sondern schon

mit den aeltesten Ansiedlern aus dem Osten eingewandert. Das goettliche

Windspiel Sarama, das dem Herrn des Himmels die goldene Herde der Sterne

und Sonnenstrahlen behuetet und ihm die Himmelskuehe, die naehrenden

Regenwolken zum Melken zusammentreibt, das aber auch die frommen Toten

treulich in die Welt der Seligen geleitet, ist den Griechen zu dem Sohn

der Sarama, dem Sarameyas oder Hermeias geworden, und die raetselhafte,

ohne Zweifel auch mit der roemischen Cacussage zusammenhaengende

hellenische Erzaehlung von dem Raub der Rinder des Helios erscheint

nun als ein letzter unverstandener Nachklang jener alten sinnvollen

Naturphantasie. Wenn die Aufgabe, den Kulturgrad zu bestimmen, den

die Indogermanen vor der Scheidung der Staemme erreichten, mehr der

allgemeinen Geschichte der alten Welt angehoert, so ist es dagegen

speziell Aufgabe der italischen Geschichte, zu ermitteln, soweit es

moeglich ist, auf welchem Stande die graecoitalische Nation sich befand,

als Hellenen und Italiker sich voneinander schieden. Es ist dies

keine ueberfluessige Arbeit; wir gewinnen damit den Anfangspunkt der

italischen Zivilisation, den Ausgangspunkt der nationalen Geschichte.

Alle Spuren deuten dahin, dass, waehrend die Indogermanen wahrscheinlich

ein Hirtenleben fuehrten und nur etwa die wilde Halmfrucht kannten, die

Graecoitaliker ein korn-, vielleicht sogar schon ein weinbauendes Volk

waren. Dafuer zeugt nicht gerade die Gemeinschaft des Ackerbaues selbst,

die im ganzen noch keineswegs einen Schluss auf alle Voelkergemeinschaft

rechtfertigt. Ein geschichtlicher Zusammenhang des indogermanischen

Ackerbaus mit dem der chinesischen, aramaeischen und aegyptischen

Staemme wird schwerlich in Abrede gestellt werden koennen; und doch sind

diese Staemme den Indogermanen entweder stammfremd oder doch zu einer

Zeit von ihnen getrennt worden, wo es sicher noch keinen Feldbau gab.

Vielmehr haben die hoeher stehenden Staemme vor alters wie heutzutage

Römische Geschichte — Buch 1 · 第 1 / 26 段