Zu einer finsteren Schlucht treten nunmehr die Porphyrwände des

Eisackthales zusammen; Leben und Ansiedelung haben sich nach der Höhe

hinaufgezogen. In einem kleinen Nebenthale liegt hoch oben Seis (Abb.

150) und das kleine Bad Ratzes. Rasch eilen wir an den Stationen

Atzwang und Kastelruth und an dem, in luftiger Höhe von der alten

Ritterburg Prösels überragten Blumau vorbei. Dann wird die hohle Gasse

etwas lichter. Auf schroffem Fels zeigt sich zur Linken droben die

Burg Karneid, um deren Fuß die Straße ins Eggenthal (Abb. 151) und

nach dem jetzt viel besuchten Karersee (Abb. 152 u. 153) sich windet.

Von Blumau zieht sich das Tierser Thal hinauf bis in die Felswände der

Rosengartengruppe, wo in einsamer Höhe die wohnliche Grasleitenhütte

(Abb. 158) den Wanderer aufnimmt. Karneid aber schaut schon hinaus in

den herrlichen weiten Thalboden von Bozen; die Bergwände zur Rechten

treten ganz zurück; nach Süden und nach Westen hin wird der Ausblick

frei; die Landschaft gewinnt mit ihrer reichen Fülle von Sonnenschein,

mit ihrer üppigen Pflanzenwelt ein paradiesisches Gepräge; und vor uns

liegen in einem weiten, blühenden Garten die Häusermassen und Türme von

Bozen (Abb. 154 bis 157).

Bozen, mit 12000 Einwohnern, ist in den Winkel, den der Eisack und der

Talferbach zusammenfließend bilden, gebaut. Durch die Eisackschlucht

sieht man im Osten die Dolomitgestalt des Rosengarten aufragen; den

Westhorizont verschließt der lang gestreckte Rücken der Mendel; nach

Süden geht der Ausblick ungehindert durch das Etschthal hinaus; im

Norden liegt die wellenförmige Landschaft des Sarnthales. Die ganze

Lage der Stadt ist wunderbar geschützt gegen die Rauheiten des

Alpenklimas.

[Illustration: Abb. 158. ¯Grasleitenhütte¯, gegen den Kesselkogel.

(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]

[Illustration: Abb. 159. ¯Erdpyramiden am Ritten.¯

(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)]

[Sidenote: Ritten. Gries. Sarnthal.]

Bozen war schon römische Niederlassung; nach kurzer Herrschaft der

Ostgoten und Langobarden war es bayerische Grenzfeste; dann lange Zeit

ein Zankapfel zwischen den Trientiner Bischöfen und den Tiroler

Rittergeschlechtern, bis es den Grafen von Tirol gelang, sie dauernd

an sich zu reißen. Früh zur wohlhabenden Handelsstadt aufgeblüht,

hat Bozen diese Stellung sich zu erhalten und zu befestigen gewußt.

Die Häuser und Straßen der Stadt zeugen von Wohlstand, Geschmack und

Sinn für Behaglichkeit; die Hauptstraße ist von belebten Bogengängen

(Lauben) gesäumt, in denen die Kaufläden sich befinden; durch die

älteren Straßen laufen Gräben mit fließendem Wasser. Sehenswert

sind die alte gotische Pfarrkirche, einige prächtige Privatgärten;

in der Umgebung der aussichtreiche Kalvarienberg. Überaus reich und

mannigfaltig ist die Landschaft um Bozen. Nordöstlich erstreckt sich

eine mit vielen Gehöften und Sommerfrischorten besetzte wellige

Berglandschaft, der Ritten genannt (Abb. 159), wo die schönen

Ortschaften Oberbozen und Klobenstein den Bozenern während der

heißesten Jahreszeit zum Aufenthalte dienen. Jenseits der Talfer,

unmittelbar an Bozen anstoßend, bietet der berühmte Kurort Gries

den Kranken einen milden, sonnigen Aufenthalt. Auch im Nordwesten

lagert eine freundliche Hügellandschaft, wo die Ortschaft Jenesien

einen ähnlichen Charakter hat wie Oberbozen. Zwischen dem Ritten

und den Hügeln von Jenesien strömt der Talferbach aus dem gerade

nordwärts sich hinaufziehenden Sarnthal hervor. In diesem, elf

Stunden (35 ~km~) langen Thale verliert sich, namentlich in seinem

unteren Teile, den Charakter der Hochgebirgslandschaft völlig. Es

bildet eine abgeschlossene Welt, die eigentliche Mitte von Tirol,

mit charakteristischer, durchaus deutscher Bevölkerung. Zahlreiche

Burgen schmücken das Thal; der ganze Zauber mittelalterlicher Romantik

durchweht heute noch die Mauern von Runkelstein (Abb. 160). Hauptort

des Thales ist Sarnthein. Aus den obersten Thalgründen führen nur

mehr Jochsteige westwärts in das Passeier, ostwärts nach Sterzing.

Herrschende Gesteinsarten sind im Süden der Sarnthaler Berge der rote

Porphyr; nördlicher folgen Glimmerschiefer und Gneis.

[Illustration: Abb. 160. ¯Schloß Runkelstein.¯

(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]

~XI.~

Pusterthal und Tauern.

Wir wenden uns wieder ins Herz von Tirol zurück, nach Brixen. Es gilt,

jenen großen Felsspalt kennen zu lernen, der ganz Osttirol in eine

nördliche und eine südliche Hälfte scheidet: das Pusterthal.

[Sidenote: Pusterthal.]

Das Pusterthal besteht aus einem breiten, gerade in westöstlicher

Richtung verlaufenden Einschnitt, dessen Sohle ihre höchste Erhebung im

Toblacher Felde erreicht, von dem die Drau nach Osten, die Rienz nach

Westen abläuft. Die Gebirgsarten des Thales sind an seiner Nordseite

Granit und Schiefer; an der Südseite Thonschiefer, hinter dem die

Dolomitberge aufragen, die an ein paar Stellen, beim Toblacher Feld und

bei der Lienzer Klause, bis an das Thal heraustreten.

[Illustration: Abb. 161. ¯Taufers-Sand.¯

(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]

Eine römische Heerstraße führte auch durch Pusterthal und verband

Aquileja mit den norischen Ortschaften Loncium (Lienz) und Aguntum

(Innichen). Heute ist die Bevölkerung des Thales deutsch; nur in dem

großen südlichen Seitenthale Enneberg wird ladinisch gesprochen und

im Flußgebiet der Drau erinnern vereinzelte Berg- und Wassernamen an

die verdrängte slavische Bevölkerung. Das Klima ist bei der hohen Lage

des Pusterthales ein fast rauhes; trotzdem haben Fleiß und Mäßigkeit

den Pusterthalern zu ausreichendem Wohlstand verholfen; und in der

Geschichte der Tiroler Heldenkämpfe stehen sie mit in erster Reihe.

Der moderne Weltverkehr strömt ins Pusterthal von der Station

Franzensfeste an der Brennerbahn. Hier zweigt die Pusterthalbahn ab,

indem sie, den Eisack auf luftiger Brücke überschreitend, nach Osten

hin abbiegt, den Höhenzug, der vom untersten Laufe der Rienz den

Eisack trennt, durchschneidet und den ersten Pusterthaler Ort Mühlbach

erreicht. Der dem Pusterthal entfließende Bergstrom, die Rienz,

mündet südlicher, bei Brixen, in den Eisack; sein unterster Lauf ist

aber unwegsam. Die erste Ortschaft thaleinwärts ist Mühlbach, an der

Mündung des granitischen Seitenthales Vals. Bis hierher reicht noch

der Weinbau. Auf der gegenüber liegenden Seite des Rienzthales baut

sich der Rodenecker Berg mit seinen Getreidefluren, die ihm den Namen

des „Goldenen Berges“ verschafft haben, auf; an seinem äußersten

Vorsprunge gegen die Rienzschlucht trägt er die stattliche Burg

Rodeneck. Hat man, von Mühlbach thaleinwärts, die Engen der Mühlbacher

Klause überwunden, so zeigt sich in einer Thalerweiterung Station und

Dorf Vintl. Hier kommt das Pfundersthal von Norden herab, aus dessen

einsamen Schluchten selten begangene Jochsteige nach dem Pfitscher- und

Ahrnthale führen. Angesichts der Burgruine Baumgarten, des Schlosses

Ehrenberg und der Trümmer von Sonnenburg zieht die Bahnlinie nach dem

Marktflecken Lorenzen, wo einst das römische Litanum lag.

[Illustration: Abb. 162. ¯Bruneck.¯

(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]

[Sidenote: Gaderthal.]

Südlich von Lorenzen öffnet sich eine schmale Bergpforte, aus welcher

ein Bach, die Gader, strömt. Ein weit verzweigtes System von Thälern

liegt hinter diesem unscheinbaren Eingang. Wir müssen dieses Thalsystem

kennen lernen; denn seine Verzweigungen führen uns tief ins Innere

jener merkwürdigen Bergwelt, die man als die südtiroler Dolomite

bezeichnet.

[Illustration: Abb. 163. ¯Bergführer Joh. Niederwieser¯

(Stabeler-Hansl) ¯in Taufers¯.

(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)]

Das Gaderthal erstreckt sich, etwa 30 ~km~ lang, gerade nach Süden,

anfangs in einer Enge zwischen Glimmerschieferbergen. Dann spaltet

sich das Thal in zwei Äste. Von diesen heißt der nach Südosten

führende Enneberg, mit dem Hauptort Sankt Vigil, in reizvoller Lage.

Hier wird schon überall die grüne Mattenlandschaft von mächtigen

steil aufgerichteten Dolomitzacken überragt. Der Boden um Sankt Vigil

ist ein gefährlicher; verheerende Bergstürze haben hier mehrmals

gehaust. Noch höher oben führt dieser Thalast den Namen Rauhthal;

die Ortschaften hören auf; vereinsamte Fußsteige nur führen durch

ausgedehnte Weidegebiete nach den Paßhöhen, über welche man ins Pragser

und Ampezzothal gelangt.

Viel bedeutender und belebter ist der gerade nach Süden sich

erstreckende Hauptast des Gaderthales. Wandern wir in ihm aufwärts,

so gelangen wir allmählich aus der Region des Glimmerschiefers in die

des Dolomits, der uns in der imponierenden Gestalt des Peitlerkofels

begrüßt. Das Thal führt in seinem weiteren Verlaufe den Namen

Abteithal. An den Ortschaften Picolein und Sankt Martin mit der Burg

Thurn, an die sich blutige Erinnerungen aus der Zeit des Faustrechtes

knüpfen, führt die Straße vorbei. Kurze Seitenthäler öffnen sich

zur Rechten und zur Linken der Straße; am spärlichen Häuserhaufen

von Pederoa vorüber zieht sich diese bis zum Hauptorte des Thales,

Sankt Leonhard, auch Abtei oder, mit italienischem Namen, Badia

genannt. Mit lotrechten Wänden hängt der Kreuzkofel über die grüne

Thalfläche herein. Überaus reich ist die Kalk- und Sandsteinkruste

der Erde hier an Versteinerungen. Noch zwei Stunden über dem Dorfe,

unter den Schroffen des Kreuzkofels, liegt die Wallfahrtskirche

Heiligkreuz (2038 ~m~). In dieser Wildnis büßte ein Graf Otwin

von Pusterthal einst seine Sünden als Eremit. Bald hinter Sankt

Leonhard spaltet sich das Thal abermals. Nach Südosten zweigt sich

der versteinerungsreiche Thalast von Sankt Cassian ab, von wo höchst

interessante und eigenartige Jochübergänge nach der Ampezzaner

Straße und nach Buchenstein führen. Im Hauptthale dagegen läuft das

Sträßchen stets ansteigend nach den obersten Ortschaften Corvara und

Colfuschg (1643 ~m~). Hier ist man in einem der innersten Heiligtümer

der Dolomitgebirge. Trotz der hohen Lage wird noch Getreide gebaut;

lohnender ist die Viehzucht auf den prächtigen Alpenmatten. Den

großartigen Thalschluß des obersten Gaderthales bildet der ausgedehnte

Felsenbau der Sellagruppe (vgl. Abb. 10), die in der Boëspitze (3152

~m~) gipfelt. Durch die märchenhaften und einsamen Trümmergassen dieser

unbegreiflichen, farbenreichen und formenschönen, versteinerten Welt

führen, auf- und niedersteigend, halb verlorene Wege nach Buchenstein,

Fassa und Gröden. Wer einen dieser Wege geht, der erstaunt über die

Mannigfaltigkeit der Bilder, die sich da erschließen; über diese,

wie aus der grünen Thalwelt hervorgezauberten, in allen Farben

leuchtenden Felspaläste, deren jeder für sich der Sitz eines Reiches

von Berggeistern zu sein scheint.

[Illustration: Abb. 164. ¯Kletterei am hinteren Umbalthörl.¯

(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)]

[Sidenote: Bruneck. Ahrnthal.]

Lassen wir uns von diesen Geistern wieder nach dem Norden

zurückversetzen ins kühle, grüne Pusterthal. Die Bahn führt uns eine

Station weiter nach Bruneck (Abb. 162), mit seinem ragenden Schlosse,

das, einst durch die Macht der Brixener Bischöfe erbaut, jetzt als

Gefängnis dient. Die Landschaft hier ist weit, offen, gut angebaut;

Edelsitze liegen um die Stadt, in deren Umgebung der Tiroler Aufstand

des Jahres 1809 ausbrach und erlosch.

[Illustration: Abb. 165. ¯Pragser Wildsee.¯

(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]

[Illustration: Abb. 166. ¯Bad Prags.¯

(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]

[Sidenote: Taufers.]

Durch einen breiten Thalspalt fliegt von Bruneck aus der Blick nach

Norden, zu den eisbedeckten Gipfeln der Centralalpen. Es ist eines

der größten Seitenthäler des Pusterthales, das sich hier erschließt:

das etwa 45 ~km~ lange Ahrnthal. Aus ihm ziehen zwei sehr ansehnliche

Nebenthäler nach entgegengesetzten Richtungen; und eine Anzahl

von kleinen Seitenschluchten steigen, reich an den großartigsten

Naturbildern, in die Eiswelt der Zillerthaler-, Venediger- und

Rieserfernergruppe hinauf. Der Eingang des Ahrnthales ist ungewöhnlich

breit; zwischen Getreidefeldern und Obstbaumhainen liegen hier, am

Rande der Bergwälder, anmutige Dörfer und Edelsitze; dazwischen zeigen

sich die Spuren alter Überschwemmungen und Schlammbrüche. Randgestein

des unteren Thales ist Granit, der später in Glimmerschiefer übergeht.

Am nördlichen Ende des untersten Thalbodens liegt dessen Hauptort,

Sand, mit schönen Marmorbrüchen; unweit davon, am Anfang einer

Thalenge, die überaus malerische Burg Taufers (Abb. 161). Einem

Dornröschenschlosse gleich ragt das alte Gemäuer grau und gespenstig

aus der Waldnacht; über ihm steht, im Hintergrunde des Thales, die

blinkende Eispyramide des Schwarzenstein, zur Zillerthaler Gruppe

gehörig. Die Ritter von Taufers erscheinen schon im Harnischglanz des

~XII.~ Jahrhunderts, starben aber 1340 aus. Wie das Ortlergebiet und

das Ampezzothal ist Taufers eine wichtige Stätte für Heranbildung

erprobter Bergführer (Abb. 163).

[Illustration: Abb. 167. ¯Niederdorf.¯

(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)]

[Sidenote: Mühlwaldthal. Reinthal.]

Unweit von Taufers münden die zwei größten Seitenthäler des Ahrnthales:

das Mühlwaldthal und das Reinthal. Das Mühlwaldthal zieht in einem

Bogen erst westlich, dann nördlich. Sein schmaler und steiler Zugang

schließt es vom Verkehr ab; der schlechte Fahrweg, der hineinführt,

endet schon in dem ansehnlichen Dorfe Mühlbach. Höher droben liegt

noch die Berggemeinde Lappach; über ihr ein ausgedehntes Alpengebiet,

wo die Thalbäche aus den Abflüssen des mächtigen Neveserferners und

von den Eishängen des Hochfeilers her zusammenfließen. Nur geübte

Gletscherwanderer mögen sich hier noch die Pfade über vereiste

Grathöhen nach dem Pfitscherthale und nach dem Zillerthale suchen.

[Illustration: Abb. 168. ¯Toblach.¯

(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]

Das Reinthal steigt von Taufers nach Osten zu in die Rieserfernergruppe

hinan. Die Zugänge zum Thale sind wild und beschwerlich; stundenlang

führt der Pfad steil neben den stürzenden und tobenden Wasserfällen des

Thalbaches aufwärts zwischen brüchigen Wänden. Es ist ein düsterer,

unheimlicher Steig. Hoch droben an der nördlichen Thalwand liegt

ein Gehöft, beim Kofler genannt, zu dem man aus der Schlucht nur

über Felsentreppen und Leitern gelangt. Drei Stunden einwärts von

Taufers spaltet sich das Thal; hier liegt die einzige Ortschaft: Rein

oder Sankt Wolfgang, aus wenigen zerstreut liegenden braunen Hütten

bestehend, 1596 ~m~ hoch. Im Osten umstarrt das Thal ein leuchtendes

Amphitheater von Eisbergen; hier erheben sich der Schnebige Nock

oder Ruthner-Horn (3360 ~m~), der Hochgall (3440 ~m~) und der

Wildgall (3272 ~m~). Die letztgenannten beiden Berge gehören zu

den schroffsten Eisgipfeln Tirols; als die ersten Versuche zu ihrer

Ersteigung gemacht wurden, behaupteten die Leute von Rein, man könne

auf den Wildgall nur, wenn man sich Steigeisen an die Kniee und an die

Ellenbogen bände. Zwischen dem Reinthal und dem Ahrnthal streicht eine

Kette von finsteren zertrümmerten Felsbergen entlang, an deren Fuß man

durch das unbeschreiblich öde Knuttenthal in die obersten Gebiete des

Defereggenthales gelangt. Die Namen dieser Berge lauten zumeist auf

Nock aus: Mostnock, Hirbanock, Zintnock, Klausnock.

[Illustration: Abb. 169. ¯Cortina¯, gegen Tofana.

(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]

[Illustration: Abb. 170. ¯Fischeleinthal.¯

(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)]

[Sidenote: Ahrnthal.]

Das Ahrnthal wird für eine halbe Stunde zur engen Waldschlucht, nach

Nordwesten gewandt, erweitert sich aber bei Luttach, um sich nunmehr

nach Nordosten zu wenden. Seine südliche Wand bilden die vorhin

genannten Trümmerberge; die nördliche besteht aus dem Zillerthaler

Hauptkamm, zu welchem zwölf kurze, steile Seitenthäler hinansteigen. An

den untersten Hängen dieser nördlichen Thalwandung liegen, da sie die

Sonnenseite hat, die Gehöfte stundenweit zerstreut über der Thalsohle;

man hat sich hier sorgsam bemüht, das Wasser der Wildbäche zum Teil in

kleine Bewässerungskanäle abzuleiten und dadurch nutzbar zu machen.

Über dieser Zone anmutiger Ansiedelungen, die fast alle weit ins Thal

hinabschauen, beginnen steile Bergwälder; dann Felswände und furchtbare

Trümmerfelder, endlich die meist steil abfallenden Gletscher und

Firnfelder.

Bei Luttach steigt gegen Westen das Weißenbachthal mit seinen

Seitenschluchten zu den ausgedehntesten Gletschergebieten der

Zillerthalerferner empor. Im Ahrnthale, das von hier auf eine

Ausdehnung von drei Stunden seinen ebenen und bevölkerten Charakter

beibehält, gelangt man auf guter Straße weiter nach Sankt Martin

und Steinhaus. Letzteres ist oberhalb Taufers der wichtigste Ort

des Thales, mit weithin leuchtender Kirche. Jedes der nördlichen

Seitenthäler gewährt einen Einblick in die Eiswelt.

[Illustration: Abb. 171. ¯Innichen.¯

(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]

[Sidenote: Ahrnthal. Pusterthal.]

Bei Sankt Peter gewinnt das Thal einen anderen Charakter; es verengert

sich zu einem düsteren brüchigen Schlunde, durch den die Straße zum

letzten Thalboden ansteigt, der die Prettau genannt wird. Hier liegen

noch in einer Hochgebirgslandschaft, in die von Osten schon die eisigen

Ausläufer der Venedigergruppe herüberglänzen, die Ortschaften Sankt

Valentin und Kasern. Bei Sankt Valentin endet der Fahrweg; hier zeigt

sich auf einmal, völlig fremd anmutend, industrielles Leben: das

Kupferwerk der Ahrner Gewerkschaft. In den Chloritschiefern, welche

die Kupfererze dieser Gruben führen, finden sich auch sehr schöne

Quarzkrystalle und Magneteisen. Kasern, der letzte Ort des Ahrnthales,

liegt schon 1624 ~m~ hoch; ein altes sturmfestes Tauernhaus bietet hier

eine bescheidene, aber mit echter Tiroler Liebenswürdigkeit gereichte

Unterkunft. Und das ist wohl notwendig; denn die Wege, die von hier

noch weiterführen, sind lang und anstrengend, in der schlechteren

Jahreszeit von todbringenden Gefahren umdroht. Es sind die Jochsteige

über das Merbjoch nach Defereggen; über das Heiligengeistjöchl in den

Zillergrund; über den Krimmler Tauern oder über die Birnlücke nach

Krimml im Pinzgau und über das vergletscherte Umbalthörl (Abb. 164) in

die schweigsamen Einöden des Umbalthales. Auf dem zuletzt genannten

Wege ging einst ein ganzer Wallfahrerzug im Eise verloren. So erzählt

uns ein greiser Führer droben auf der eisigen Paßhöhe.

Setzen wir aber die Fahrt durchs Pusterthal fort. Von Bruneck

aufwärts überwindet die Bahn durch kunstvolle Bauten die Hindernisse,

die das verengerte felsige Stromthal ihr bot. Mehrmals die Rienz

überschreitend, gelangt sie nach Olang. Hier sind wir am Eingange

des Antholzerthales, das nach Norden zu in die Rieserfernergruppe

hinansteigt, und in dessen Innerem in träumerischer Bergeinsamkeit

einer der schönsten Seen Tirols, der Antholzersee, sich eingebettet

hat. Über sein klar blaugrünes Wasser hängt schweigsam eine bleiche

Gletscherzunge herein.

[Illustration: Abb. 172. ¯Windisch-Matrei.¯

(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]

[Sidenote: Pusterthal.]

Weiterhin im Pusterthale zeigen sich über der Station Welsberg das

Schloß Welsberg und die Burgtrümmer von Thurn; dann die Mündung des

Pragserthales. Dieses besteht aus zwei Ästen. In dem westlicheren

derselben schuf der von den Wänden des Seekofel überragte dunkelgrüne

Pragser Wildsee (1496 ~m~, Abb. 165) eine der prächtigsten

Dolomitlandschaften; im östlichen Thalaste liegt das lebhaft besuchte

Bad Alt-Prags (Abb. 166) in einem Rahmen mächtiger Dolomitberge.

Ein aussichtsreicher und bequemer Jochpfad führt von Prags über die

Plätzwiesen nach der Ampezzaner Straße.

[Illustration: Abb. 173. ¯Groß-Venediger¯, vom Wege zum Gschlöß gesehen.

(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]

Unmerklich hebt sich die Sohle des Pusterthales höher und höher; die

Bahn berührt noch den stattlichen Markt Niederdorf (Abb. 167) und

erreicht endlich bei der Station Toblach (Abb. 168) auf dem Toblacher

Felde die Wasserscheide zwischen Drau und Etsch (1204 ~m~). Hier, wo

von Süden her die Kalkberge mit ihren gewaltigen Stirnwänden bis ins

Pusterthal hervortreten, klafft ein für den Völkerverkehr wichtiger

Spalt des Gebirges im Süden auf, durch den der Ampezzaner Straßenzug

nach Italien leitet. Hier war es auch, wo im ~VII.~ Jahrhundert die

deutsche Schwertgewalt entschied, daß Tirol nicht den eingedrungenen

Südslaven gehören sollte, sondern den Einwanderern bajuwarischen

Stammes. Und nicht bloß über Tirol fiel damals die Entscheidung,

auch über Kärnten und Steiermark. Denn mit jenem Siege begann das

Zurückdrängen der Slaven.

Ein riesiges modernes Hotel steht breit am Zugang zur Ampezzaner

Straße. Wir müssen, ehe wir die Fahrt durch das Pusterthal fortsetzen,

auch diesen Straßenzug kennen lernen; denn er führt uns in das

Quellgebiet der Rienz hinauf. Dieses Thal ist ganz anders geartet als

die meisten anderen Tiroler Thäler. So trotzig und gewaltig auch die

steilsten Felsberge gleich an seinem Eingang aufragen: sein Hintergrund

ist nicht durch Gletscher oder Felskämme verschlossen, sondern offen,

und über eine niedrige Wasserscheide führt eine ausgezeichnete Straße

in die italienischen Gefilde. Dieser Thalspalt ist, von Toblach bis zur

italienischen Grenze, 37 ~km~ lang und weist in stetem Wechsel eine

Reihe der großartigsten Landschaftsbilder auf. Zunächst dem Pusterthale

führt er den Namen Höhlensteinerthal. Hier durchfließt die Rienz den

ernsten, dunkelgrünen Toblacher See. Kaum merkbar steigt die Straße an

bis zum Posthause von Höhlenstein, italienisch Landro. Nach Südosten

öffnet sich die Rimbiancoschlucht, durch welche die „Schwarze Rienz“

herabstürzt. Im Hintergrunde dieser schattigen Enge erscheinen, wie ein

Märchengebilde, die „Drei Zinnen“. Eine der merkwürdigsten Schöpfungen

dieser Kalkwelt, 3003 ~m~ hoch, sind sie mit ihren turmartigen Formen

zu einem der bekanntesten Landschaftsbilder der ganzen Alpen geworden

(Abb. 15). Gleich hinter Höhlenstein zeigt sich dann in der Thaltiefe

der manchmal während der Herbstzeit völlig austrocknende hellgrüne

Dürrensee, in dem der schöne Monte Cristallo mit seinem Gletscher und

seinen Zacken sich spiegelt (3199 ~m~, Abb. 14). Eine halbe Stunde

weiter erreicht die Straße die wenigen Häuser von Schluderbach, einer

der berühmtesten Sommerfrischen Tirols, in prachtvoller Lage, und

steigt dann noch 2 ~km~ sacht an bis zur Wasserscheide „auf dem Gemärk“

(1544 ~m~). Von hier ab fließen die Gewässer zur Piave, nach Süden.

Ueber das schön gelegene Ospitale erreicht die Straße den Felsen des

gänzlich zertrümmerten Schlosses Peutelstein, steigt in Windungen in

die Thaltiefe und wendet sich dann südlich, wo sich allmählich der

prachtvolle Thalkessel von Cortina d’Ampezzo (Abb. 169) erschließt.

Aber dieser nach dem Venetianischen gewandten Abdachung der Tiroler

Alpen soll an anderer Stelle noch ausführlicher gedacht werden. Wir

wenden uns zurück zur Wasserscheide des Toblacher Feldes, um den

letzten Teil des Pusterthales, soweit es zu Tirol gehört, kennen zu

lernen.

[Illustration: Abb. 174. ¯Simonyspitzen, Groß-Venediger und

Groß-Glockner¯; von der Dreiherrnspitze gesehen.

(Nach einer Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)]

[Sidenote: Innichen.]

Auf dem Toblacher Felde, wo dasselbe schon gegen Osten sich neigt,

entspringt die Drau aus einem Felsen des Rohrwalds. Ihr Lauf geht nach

Osten; wir folgen ihm und gelangen zunächst nach Innichen (Abb. 171).

Hier thut sich im Süden das Thal von Sexten auf, nicht bloß durch

seine Heilquellen (Schwefelwasser und anderes) bekannt, sondern auch

durch die riesigen Kalkschroffen, welche seinen Hintergrund bilden,

und in deren Felsenburgen begrünte Thäler führen; darunter besonders

schön das Fischeleinthal (Abb. 170). Unter ihnen nimmt die

Dreischusterspitze (3162 ~m~) die erste Stelle ein. Innichen selber,

einst Pflanzstadt der Römer, ist ein alter und ehrwürdiger Platz, schon

zur Zeit des Frankenreiches wichtiges Bollwerk gegen die südslavischen

Wanderhorden. Seine Handelsbedeutung hat es freilich schon lange

verloren.

[Illustration: Abb. 175. ¯Kals.¯

(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]

[Illustration: Abb. 176. ¯Schloß Sigmundskron.¯

(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]

Tirol · 第 11 / 14 段