sich über 30 ~km~ lang von Meran nordwärts bis zur Gletscherwelt
der Stubaier und Ötzthaler Gruppe, von der eisfrischen Passer
durchströmt. Nur der unterste Teil des Thales zeigt noch den üppigen
Landschaftscharakter von Meran (Abb. 124). Die zerstörungslustige
Passer mit ihren häufigen Überschwemmungen hat die Ansiedelungen
genötigt, mehr nach den Thalwänden hinaufzusteigen. Von der Kellerlahn,
einem brüchigen Berghang an der Ostseite des Thales, wälzen sich nach
jedem Regengusse verheerende Schlammströme herab, um dann von der
Passer thalauswärts gerissen zu werden. Hinter dem Dorf Sankt Martin,
etwas rechts von der Straße, liegt das Sandwirtshaus (Abb. 125), aus
dem Andreas Hofer hervorging, um seine kurze glänzende Heldenlaufbahn
und seinen frühen Tod zu finden. Nicht ohne Rührung schaut der Wanderer
hinüber zu dem schlichten weißen Hause. Hauptort des Thales ist
Sankt Leonhard, unter den Ruinen der Jaufenburg. Hier spaltet sich
das Thal; ein Ast zieht nordöstlich gegen den einst viel begangenen
Jaufenpaß, über den ein Saumweg nach Sterzing führt. Der Hauptast
aber wendet sich nach Westen. Die Straße wird zum Saumpfad. Bei Moos
zweigt sich abermals ein Seitenthal ab: Pfelders. In ihm liegt, schon
1628 ~m~ hoch, noch die kleine Ortschaft Plan, eins der echtesten und
ärmsten Hochgebirgsdörfer Tirols mit seinen wettergebräunten Hütten.
Gletschersteige führen von hier über den Ötzthaler Kamm nach Gurgl. Das
Passeier aber wendet sich von Moos wieder nach Norden. Man betritt
das Hinterpasseier; eine der unwegsamsten weltentlegensten Gegenden
Tirols. Der zum schlechten Steig gewordene Weg leitet noch zu den
kleinen Ansiedelungen Seehaus, Rabenstein und Schönau; hier ist das
Passeier zu Ende. Nach links führt ein kaum mehr erkennbarer Jochpfad
zum Timbler Joch, zwischen der Ötzthaler und Stubaier Gruppe; nach
rechts steigt man aufwärts zum ehedem erzreichen Grubengebiet des
Schneeberges, das geographisch zum Passeier gehört, obwohl sein Verkehr
nach anderer Richtung, nach Ridnaun und Sterzing hin gerichtet ist.
[Illustration: Abb. 140. ¯Becher mit Kaiserin Elisabeth-Haus.¯
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)]
[Illustration: Abb. 141. ¯Brixen ums Jahr 1575.¯
(Nach dem gleichzeitigen Stich von Braun & Hogenberg.)]
[Sidenote: Ultenthal.]
Ein anderes großes Seitenthal des Etschthals, auch bei Meran sich
öffnend, ist Ulten, durch das die Valschauer fließt. Es zieht in
südwestlicher Richtung hinan zur Ortlergruppe. Der Eingang in das
Thal führt durch einen schönen, mit alten Kastanien geschmückten
Naturpark und durch Rebengärten an den alten Schlössern Braunsberg
und Eschenloh vorüber, durch deren Gemäuer sagenhafte Schatten
schwanken und über denen in den granitenen Thalwänden die Ultner
Sage Hexenschwärme sich umtreiben läßt. Weiter einwärts findet man
Thonschiefer- und Porphyrbildungen; dort liegt als Hauptort von Ulten
Sankt Pankraz und hoch darüber auf luftiger Berghalde Sankt Helena.
In einer Enge zeigt sich weiterhin das viel besuchte Mitterbad (946
~m~), ein vitriolhaltiger Eisenquell. Nun steigt der Weg steiler im
Thalgrund hinan; es folgen noch ein paar kleine Ortschaften; endlich
als letzte Sankt Gertrud (1470 ~m~). Von hier laufen noch Jochsteige
in die Nachbarthäler: nordwestlich über einen vergletscherten Grat
ins Martellthal; südwestlich am einsamen Corvosee vorüber zu den
vielbesuchten Bädern von Rabbi im Val di Sole (Sulzberg). Das ganze
Ultner Thal ist durchaus deutsch, neben welscher Nachbarschaft; nur
ihre alten Volkstrachten hat die Bevölkerung gegen die wohlfeilen
Italienerkittel vertauscht, trotz ihrer Wohlhabenheit. Allgemein gelten
die Ultner als das lustigste Völkchen in Südtirol.
[Illustration: Abb. 142. ¯Brixen.¯
(Nach einer Originalphotographie von B. Johannes in
Partenkirchen-Meran.)]
[Illustration: Abb. 143. ¯Kreuzgang im Dom zu Brixen.¯]
[Sidenote: Bozener Thalkessel.]
Von Meran abwärts ändert die Etsch plötzlich ihre Richtung; sie fließt
nunmehr nach Südsüdosten bis in den Bozener Thalkessel, von wo sie
eine rein südliche Richtung einschlägt. Das Etschthal von Meran bis
Bozen heißt auch das Mutterländchen; es ist der Kern, an den das
übrige Tirol nach und nach hinzugewachsen ist. Hier breitet die Natur
schon jenen üppigen Segen aus, der sich dann durch das ganze übrige
Etschland fortsetzt. Das Thal ist offen, mit flacher Sohle; Leben und
Bevölkerung haben sich aber, diese Ebene vermeidend, an ihren beiden
Seiten zu den Thalgehängen hingezogen. Hier liegt eine ganze Reihe
von malerischen, wohlhabenden, rebenumrankten Ortschaften, überragt
von prächtigen alten Burgen. Die Bahn und die Etsch drängen mehr nach
der linksseitigen Thalwand hin, wo auch die Poststraße läuft, an den
alten Burgen von Gargazon und Maultasch und dem rebengesegneten Terlan
vorüber, und längs der roten Porphyrwände, von denen aus luftiger
Höhe auch die Burgtrümmer von Greifenstein herunterleuchten. Am
rechten, südwestlichen Thalgehänge ist das Gestein anfangs Granit,
später auch Porphyr, von steilen Schluchten durchschnitten; auch
Sandstein und vorgedrängtes Dolomitgeröll. An dieser Thalwand ragen
die Schlösser Lebenberg und Helmsdorf, Thurn, die epheuumsponnene
Maienburg und Brandis; dazwischen Bergschluchten, Weingärten und
Haine von Edelkastanien und wiederum alte Burgen: Leonburg, Fahlburg,
Katzenzungen, Wehrburg, Schwanburg und Nalsburg und viele andere. Man
wird wohl kaum auf einem anderen Fleck Erde so viel Naturschönheit,
mittelalterliche Romantik und gesundes Volkstum vereint finden,
wie hier. Dabei wohnt in den sonnigen Dörfern eine rein deutsche
Bevölkerung, hoch gewachsen und schön, treuherzig und an alter Sitte
hangend.
[Illustration: Abb. 144. ¯Klausen und Kloster Säben.¯]
[Illustration: Abb. 145. ¯Fürstenzimmer im Schloß Feldthurns.¯
(Nach einer Originalphotographie von B. Johannes in
Partenkirchen-Meran.)]
~X.~
Sillthal, Brenner und Bozen.
[Sidenote: Sillthal oder Wippthal.]
Wir kehren wieder zur Landeshauptstadt zurück, um jenen merkwürdigen
Thalspalt kennen zu lernen, der von Innsbruck aus durch das Sillthal,
über den Brenner und das Eisackthal bis in den Bozener Kessel zieht.
Heute tragen uns die Züge der Brennerbahn durch diesen Thalspalt
dem sonnigen Süden zu. Gleich hinter dem Bahnhofe Innsbruck und dem
ehrwürdigen Stift Wilten beginnen die mächtigen Bauwerke dieser Bahn,
wo uns jene finstere Felsenpforte entgegengähnt, die den Berg Isel
durchbohrt. Hoch über uns türmt der einst so viel umkämpfte Bergwall
sich empor, dessen blutgetränktem Boden jetzt fröhlich grünender Wald
entsproßt. Dahinter nimmt uns das einsame Sillthal auf, an dessen
östlicher Thalwand die Bahn bergan steigt. Kaum hat dieselbe den
Iseltunnel verlassen, so erscheint gegenüber eine von einem kühnen
Brückenbogen überspannte Thalöffnung. Es ist der Eingang ins Stubaithal.
[Sidenote: Stubaithal.]
Das Stubaithal zieht sich, in seiner unteren Hälfte offen, bevölkert
und wohlangebaut, im oberen Teil in almenreiche Hochthäler
gespalten, hinauf zur Kette der Stubaier und Lisenzer Ferner.
Die charakteristischen Bergformen des Kalkes und des Thon- und
Glimmerschiefers treffen hier zusammen und schaffen ein reiches und
großartiges Landschaftsgesicht, das sich schon am Eingang des Thales
zeigt. In diesem liegt zu unterst das lebhafte Dorf Mieders (Abb.
126); von der jenseitigen grünen Höhe schauen freundlich die weißen
Häuser von Telfes herab. Weiter thaleinwärts führt das Sträßchen nach
dem bevölkertsten Orte des Thals: Vulpmes (Abb. 127), wo ein lebhaftes
Eisengewerbe blüht. Mit Sensen, Sicheln, Äxten und anderen groben
Eisenwaren versorgt das Stubaier Schmiedehandwerk einen weiten Umkreis.
Das letzte Dorf in dem nur wenig ansteigenden Thal ist Neustift (Abb.
128). Hier verzweigt das Thal sich in zwei große Äste. Einer von
ihnen, das Oberbergthal, wendet sich mehr westwärts in die großartige
Wildnis der Alpeiner Alp empor, wo um die mächtigen firnumkleideten
Felsriesen des „Wilden Turmes“, des Schrankogl und der Ruderhofspitze
ein Eismeer sich ausdehnt, dessen nordöstliche Abdachung als „Alpeiner
Ferner“ in das Thal niedersteigt. Das Hauptthal aber, Unterbergthal
genannt, zieht noch fünf Stunden weit bis zu jenem Kranz gigantischer
Eisberge, die man schon am Eingange des Stubaithals den Thalschluß
mit leuchtendem Glanze überdachen sieht. Hier erheben sich neben dem
3511 ~m~ hohen „Zuckerhütl“, in dem die Gruppe kulminiert, der wilde
Pfaff, die Sonklarspitze, die Schaufelspitze, der Botzer, der wilde
Freiger, die Wildspitze, der Daunkogl und andere über 3000 ~m~ erhabene
Gipfelhöhen aus einem weit gedehnten Eismeer, das zahlreiche prächtige
Gletscherzungen in die obersten Verzweigungen des Thals herabhängen
läßt. Zahlreiche vergletscherte Joche, unter denen das Bildstöckeljoch
am meisten begangen ist, führen in die benachbarten Thäler, in das
Ötzthal, ins Pflersch- und Ridnaunthal, selbst bis in die fernen
obersten Gründe von Passeier.
[Illustration: Abb. 146. ¯Waidbruck.¯]
[Sidenote: Brenner. Gossensaß.]
Kehren wir zur Brennerbahn zurück. Sie erreicht die erste größere
Ortschaft des Sillthales, das lang an der Straße hingestreckte Matrei
(Abb. 129). Das Thal wird auch Wippthal genannt, der Name kommt von
Vipitenum, wie einst Sterzing genannt ward. Unter dem alten Schloß,
das Matrei überragt, führt in einem Tunnel die Bahn, dann in ebenem
Gelände fort bis zu dem malerischen Steinach (Abb. 130), Geburtsort
Martin Knollers, des bedeutendsten Tiroler Malers -- vor Defregger.
Von hier beginnt die eigentliche Steigung der Bahn. Diese hebt sich
an der östlichen Thalwand höher und höher empor und biegt, weil
sie auf gerader Linie die Steigung nicht bewältigen kann, weit in
das Schmirner und Valser Seitenthal (Abb. 131) ein, indem sie in
halbkreisförmigem Tunnel einen Berg durchbricht. Tief unter ihr liegt
nun die Thalsohle und das letzte Dorf im Wippthale, Gries, über welches
der Blick des Reisenden in ein stilles Seitenthal, das Obernbergthal,
hinüberschweift. Noch eine letzte Steigung an kahler Felswand
überwindet die Lokomotive keuchend und stöhnend; dann schlingt sich der
Eisenpfad um einen grünen träumerisch zwischen Bergwäldern schlafenden
See und erreicht die Paßhöhe.
Zwischen den östlichsten Ausläufern der Stubaier Gebirgsgruppe und
dem Westabfall der Zillerthaler Gruppe ist, 1362 ~m~ über dem Meere,
ein grünes Hochthal eingeschnitten: der Brenner. Als geräumige,
alte, sturmfeste Herberge für Wanderer und Fuhrleute steht hier das
stattliche Haus der Brenner Post, auf der Wasserscheide zwischen dem
Schwarzen Meer und der Adria, an einer der wichtigsten Heer- und
Völkerstraßen Europas.
[Illustration: Abb. 147. ¯Kastelruther.¯
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)]
Minutenlang rasten hier die mächtigen Lokomotiven, die keuchend ihre
Züge heraufgeschleppt haben bis zur kühlen Paßhöhe. Aber es ist nicht
viel zu sehen auf der berühmten Thälerscheide: den Ausblick in die
höhere Gebirgswelt verdeckend schiebt sich von Westen her dunkles
Waldgehäng, während man nach Osten zu auch nur grün bewachsene
unscheinbare Bergrücken erblickt, die sich vom Tuxer Kamme herabziehen.
Wer vom Süden heraufkam, nimmt hier Abschied von einer sonnigeren Welt;
wen aber der Bahnzug oder das leichte Stahlrad -- andere Fahrzeuge
sieht man hier nicht mehr -- von Innsbruck hergeführt hat, der kann
wohl oft genug, wenn im Norden graue Nebel die Berge umrauchen,
hoffnungsfreudig nach Süden schauen, wo durch ein Eckchen im Thalspalt
jener wärmere Himmel blau aufglänzt, der ihn erwartet.
Hinter dem Brennerposthause stäubt durch den Bergwald ein zierlicher
Wasserfall herab. Es ist der Ursprung des Eisack (Abb. 132). Und dann
laufen sie, zunächst vorüber am stillen Wildbad Brenner (Abb. 133
u. 134), durch das stundenlange Wiesenthal friedlich nebeneinander
her: die Eisenlinie der Brennerbahn, die alte Heerstraße und der
krystallklare Eisack. Aber bei der Station Schelleberg gewinnt die
Landschaft rasch ein anderes Gesicht. Das Thal öffnet sich weit;
steil zieht die Heerstraße hinab nach Gossensaß; in wilden Sprüngen
wirft sich neben ihr der Eisack in die Tiefe, und die Bahnlinie
schwenkt nach rechts ab, um mittels eines langen Umweges durch das
seitliche Pflerschthal die Tiefe von Gossensaß zu gewinnen. Nur ein
bewunderungswürdiger Bau hat ihr dies möglich gemacht. Hoch oben zieht
sie sich an der nördlichen Thalwand von Pflersch in das Thal hinein,
bohrt sich ein tiefes gekrümmtes Loch in die Bergwand, um Raum zur
Umkehr zu finden und zieht dann an demselben Hang absteigend nach
Gossensaß hinaus (Abb. 135).
[Illustration: Abb. 148. ¯St. Ulrich¯ (Grödener Thal).
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
Gossensaß -- der Sitz der Goten! War’s ein Wachtposten, den der große
Theodorich hier zurückgelassen hatte, als er in die italischen
Gefilde mit Heeresmacht hinabgestiegen war, um auf den Trümmern der
römischen Weltmacht sein Gotenreich zu begründen? Oder war’s ein Rest
versprengter Helden, die nach König Tejas tragischem Schlachtentod
hier eine Zuflucht fanden? Heut ist Gossensaß eine der besuchtesten
Sommerfrischen Tirols, mit vorzüglichen stattlichen Gasthäusern; nur
durch seinen Namen klingt noch ein Ton wie Schwertergeklirr und Heerruf
herauf aus den Tagen der Völkerwanderung.
[Illustration: Abb. 149. ¯Fischburg¯, gegen die Geislerspitzen.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
[Sidenote: Pflerschthal.]
Bei Gossensaß erschließt sich das Pflerschthal, das gegen Westen
hinanzieht zu den Stubaier Fernern, die hier am weitesten gegen die
Thalfurche des Brenners vortreten. Berühmt wegen seines, trotz seiner
hohen Lage und seiner eisigen Umwallung milden Klimas, ist das kurze
Thal reich an landschaftlicher Schönheit (Abb. 136). Diese wird ihm
verliehen durch die unbeschreiblich finstere und trotzige Berggestalt
des Tribulaun, der seine braunen zerhackten Dolomitwände zwischen
dem Pflersch- und Gschnitzthale aufbaut; sowie durch den schönen
Feuersteingletscher, der, schon von der Bahn aus sichtbar, von den
eisbedeckten Gipfeln der Feuersteine tief in das Thal herabzieht.
Der Bergbau, der einst auf silberhaltige Bleierze im Thal betrieben
ward und gegen 300 Knappen beschäftigte, ist eingegangen; nur das Eis
der Gletscher schimmert noch in Mondnächten silbern aus den Höhen.
Gletschersteige führen hinüber nach Stubai, Gschnitz und Ridnaun und in
das ferne Ötzthal.
[Sidenote: Sterzing. Ridnaunthal.]
Von Gossensaß zieht sich Bahn und Straße durch eine enge Schlucht
hinab nach Sterzing. Von der Höhe links schauen die Reste der Ruine
Straßberg; zur Rechten sieht man ein Meisterwerk der Ingenieurkunst:
einen Felsentunnel, den man für den wildschäumenden Eisack brechen
mußte, weil der Schienenstrang durch das vormalige Bett des Stromes
geleitet ward. Weit öffnet sich dann der sonnige Thalkessel von
Sterzing (Abb. 137 u. 138).
[Illustration: Abb. 150. ¯Seis, mit dem Schlern.¯
(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)]
Sterzing, das Vipitenum der Römer, liegt 948 ~m~ hoch an einem Punkte,
wo von Ost und von West große Seitenthäler in das Eisackthal münden.
Eine offene Thalebene hat sich hier gebildet, das Sterzinger Moos,
von den alten, aber erhaltenen Schlössern Thumburg, Sprechenstein
und Reifenstein überragt. Am Nordende dieser Ebene liegt Sterzing,
das eigentliche Herz von Tirol. Altertümlich sind seine Gassen;
winkelig die Häuser mit den tiefen dämmrigen Thorbogen. Die Quellen
des Wohlstands dieser Stadt waren einst der reiche Bergbau der
Nachbarschaft und ein überaus lebhafter Fuhrwerksverkehr.
Zwei Seitenthäler münden hier ins Eisackthal. Nach Westen zu
erschließt sich das Ridnaunthal (Abb. 139), das sich etwa 20 ~km~
lang in die Eisgefilde der Stubaier Gebirgsgruppe hinaufzieht. Wo
ihm, von der stolzen Firnpyramide der Sonklarspitze herabsteigend,
der Übelthalferner mit seinem breiten Eisgeklüft entgegentritt,
gabeln sich die letzten, kaum mehr sichtbaren Steige. Einer derselben
führt empor zu einer der höchsten Schutzherbergen der Alpen, dem
„Kaiserin Elisabeth-Haus“ auf dem Becher (3173 ~m~), von wo aus man auf
Gletscherpfaden ins Ötzthal, nach Stubai oder Passeier wandern kann
(Abb. 140). Aus Ridnaun steigt man auch hinauf zu dem merkwürdigen
Bergwerksgebiete des Schneeberges (2356 ~m~). Hier liegt noch die
kleine Kirche von Sankt Martin. Der einst sehr reiche Bergsegen
(silberhaltige Blei- und Kupfererze) ist heute sehr gering.
[Illustration: Abb. 151. ¯Eggenthal.¯
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
[Sidenote: Pfitscher Thal.]
Bei Sterzing, gegenüber dem Ridnaunthal, mündet auch das Pfitscherthal,
in nordöstlicher Richtung zur Zillerthaler Berggruppe hinaufziehend.
Durch eine schauerliche, zertrümmerte Felsengasse gelangt man
in das eigentliche Thal, das sich eben und wohnlich, von hohen
Glimmerschieferhörnern umrahmt, in deren Lücken Eiszungen sichtbar
sind, erstreckt. Bei den letzten Häusern des Thales trennen sich die
Steige; in nördlicher Richtung leitet der meist begangene von ihnen
zum Pfitscherjoche und ins Zillerthal; die anderen verlieren sich in
den Gletscherwildnissen, die zur Eisburg des Hochfeilers hinanziehen.
In keinem anderen Thale Tirols hat die Natur einen größeren Schatz
kostbarer Mineralien in den Bergklüften verborgen, als hier in Pfitsch.
[Illustration: Abb. 152. ¯Karersee¯, gegen Latemar.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
[Sidenote: Franzensfeste.]
Brennerbahn und Brennerstraße führen, von Sterzing abwärts, durch sehr
einsame Waldgegend über Freienfeld und Mittewald neben dem Eisack
dahin. Schon meint man, die enge Waldschlucht nehme kein Ende; da
zeigt sich plötzlich die Station Franzensfeste mit ihrem für Minuten
erwachenden internationalen Fremdentreiben; und dann, etwas tiefer, die
weißgrauen Granitmauern der gleichnamigen Festung, deren Feuerschlünde
das Thal absperren. Die Bahn aber zieht auf luftigem Brückenbau mitten
durch die Festung. Und dann ändert sich wie mit einem Schlage die
Natur. Statt in enger Waldschlucht sich beängstigt zu fühlen, führt
der Blick in ein weites, offenes Thal; lauer wehen hier die Lüfte;
Rebengärten erscheinen an den sonnigen Thalhängen; dazwischen die
dunklen Kronen der Edelkastanie und das hellere Laub der Nußbäume;
überall schimmernde Häuser. Da ist der sonnige Süden, und vor uns liegt
mit ihren Türmen die Stadt der Fürstbischöfe von Brixen (Abb. 141 bis
143).
[Illustration: Abb. 153. ¯Karerseehôtel¯, gegen Rote Wand (Rosengarten).
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
[Sidenote: Brixen. Klausen.]
Brixen, am Zusammenflusse der Rienz und des Eisack gelegen, mit 5500
Einwohnern, erscheint schon in karolingischer Zeit; Kaiser Ludwig
das Kind schenkte hier ein Gehöft dem Bischof von Säben. Seitdem
ward Brixen ein Hauptsitz geistlichen Wesens, aber auch von manchen
Streitigkeiten zwischen geistlichen und weltlichen Mächten berührt.
Die Stadt ist reizvoll gelegen, von zahlreichen kirchlichen Bauten und
Kunstwerken geschmückt, erfüllt von klösterlicher Ruhe.
[Illustration: Abb. 154. ¯Bozen ums Jahr 1720.¯
(Nach dem gleichzeitigen Stich von Kilian.)]
Durch die gartenähnliche Umgebung von Brixen wälzt sich der, durch die
Rienz bedeutend verstärkte Eisack, langsameren Laufes dahin. Nicht
lange erfreut man sich des freundlichen Bildes; bald trägt uns die Bahn
wieder in eine Stromenge, wo neben dem grollenden Strome Straße und
Schienenweg kaum Platz finden.
Hier zieht sich nach Osten hin ein ansehnliches Seitenthal: das
Villnösthal, in welches eine Fahrstraße bis nach Sankt Magdalena führt.
Für die geologische Bildung des Landes ist es charakteristisch, weil
hier jenes merkwürdige Gestein erscheint, der Porphyr, der mit seinen
roten Felswänden weite wellige Plateauflächen bildet, aus welchen
weiter östlich die schroffen Türme und Zähne des Dolomits aufragen,
und der bald auch an der Westseite des Eisackthales sich zeigt. Im
Hintergrunde des Villnösthales, aus welchem Jochpfade in die Thäler
Enneberg und Gröden führen, ragen schon mächtige Dolomitgipfel: die
Geislerspitzen und der Peitlerkofl.
[Illustration: Abb. 155. ¯Bozen¯, gegen den Rosengarten.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
Bald zeigt sich ein höchst romantisches Bild: das alte, eng zwischen
der Thalwand und dem Strome eingekeilte Städtchen Klausen (Abb.
144) und hoch über ihm, auf schwindelnd steiler Felswand, die
weithin leuchtenden Fronten und Türme von Kloster Säben, einer der
ehrwürdigsten Orte Tirols. Schon vor der römischen Eroberung eine
Bergfeste der alten Rhätier, ward es von den Römern Sabiona genannt
und vom ~VIII.~ bis ~X.~ Jahrhundert Sitz der Bischöfe von Säben,
bis dieselben ihre Residenz nach Brixen verlegten. Mancherlei
römische Denkmale und Funde geben Aufschluß über diese Zeit. Säben
kam in ostgotischen und langobardischen Besitz, ward späterhin
zu einer trotzigen Ritterburg und seit 1685 zu einem Kloster der
Benediktinerinnen. Als 1809 die Franzosen das Kloster einnahmen,
warf sich eine der Nonnen, um dem gierigen Feinde zu entrinnen, in
den schauerlichen Abgrund; noch zeugt von ihrem Heldensinn ein an
einen Turm gemaltes riesiges Kreuz, das ihrem Andenken gewidmet ist.
Herrschendes Gestein hier ist Thonschiefer mit Diorit; auf den
höheren Wellenplateaus desselben finden sich wohlangebaute Landschaften
mit zahlreichen Ansiedelungen, kaum bemerkt von dem Reisenden, der
durch die enge Eisackschlucht dahingetragen wird. Auch von den stolzen
Ritterburgen, die hoch droben thronen, sieht man nur eine oder die
andere; eine der schönsten ist Schloß Feldthurns oder Velthurns mit
gediegener Zimmerarchitektur (Abb. 145).
[Illustration: Abb. 156. ¯Laubengasse in Bozen.¯
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)]
[Sidenote: Grödener Thal.]
Bei Waidbruck (Abb. 146) öffnet sich gegen Osten das Grödener Thal, 25
~km~ lang, zum größten Teil von fahrbarer Straße durchzogen. Oberhalb
Waidbruck leuchtet der Vogelweidhof (Abb. 52) herab, die Heimat
Walthers von der Vogelweide. Die Straße ins Grödener Thal führt durch
eine finstere Enge von brüchigem Glimmerschiefer und Porphyr; dann aber
weitet sich plötzlich das Thal zu einer wohnlichen, herrlich begrünten
Sandsteinfläche, auf welcher der Hauptort, Sankt Ulrich (Abb. 148),
liegt. Die Einwohner des Grödener Thales sprechen ladinisch, aber auch
deutsch und bezeichnen ihr Thal mit dem Namen Gardena. Zierliche,
reinliche Häuser liegen auf den prächtigen Matten, über welche in
imponierender Größe die Dolomite, die den östlichen Thalschluß bilden,
hereinragen. Die fleißigen und erfinderischen Grödener warfen sich,
da ihr Thal für den Getreidebau wenig geeignet ist, schon im Anfange
des ~XVIII.~ Jahrhunderts auf die Holzschnitzerei, die heute neben
der Spitzenklöppelei einen Haupterwerbszweig bildet (Abb. 34–37).
Weiter einwärts im Thale, überragt von den gigantischen Dolomitwänden
des Langkofel (Abb. 11), liegt in tiefer Einsamkeit die zerfallene
Burg Wolkenstein, einst Sitz des Minnesängers Oswald von Wolkenstein.
Zwischen den Felszinnen des Langkofels, dem Grödener Thale, dem
Schlern und der Eisackschlucht, liegt die merkwürdige Seiser Alpe
(Abb. 43), berühmt durch ihre unvergleichlichen Alpenwiesen wie durch
die Mannigfaltigkeit ihrer geognostischen Erscheinungen. Ihre Höhe
wechselt von 1800–2200 ~m~; sie gehört größtenteils der Gemeinde
Kastelruth (Abb. 147), welcher sie ein sehr bedeutendes Heuerträgnis
liefert. Ihre Wasser fließen teils ins Grödener Thal ab, teils zum
Eisack. Südwestlich grenzt sie an den mächtigen Dolomitwall des
Schlern (2561 ~m~, Abb. 8), der auf seiner Höhe über furchtbar steil
abfallenden Wänden ein blütenreiches Grasplateau trägt. Das oberste
Ende des Grödener Thales ist einsam und wild (Abb. 149); Jochsteige
führen von ihm aus durch rätselhafte Felsengassen, an den wechselndsten
Landschaftsbildern vorüber, in das Abteithal und in den obersten Teil
des Fassathales.
[Illustration: Abb. 157. ¯Denkmal Walthers von der Vogelweide.¯]
[Sidenote: Schlern. Eggenthal. Bozen.]