(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
[Sidenote: Lienz.]
Von Innichen ostwärts treten die Kalkschroffen der Südseite wieder
in den Hintergrund; beide Thalwände sind wiederum Schiefer; und
damit wird die Landschaft grün und abgeflacht. Die Bahn trägt uns,
stärker abfallend, über Sillian und Abfaltersbach, an wenig besuchten
Seitenthälern vorüber in eine ganz einsame Waldlandschaft. Die
Kalkberge der südlichen Thalwand sind wieder näher getreten. Hinter
Station Mittewald wird das Thal völlig düster und menschenleer; die
Drau und die Bahn treten in die enge Lienzer Klause, die auch im Jahre
1809 blutige Kämpfe sah. Wo sie sich öffnet, liegt in weitem lachenden
Thalgrunde Lienz.
[Illustration: Abb. 178. ¯Mendelstraße.¯]
[Sidenote: Tauern.]
Dieses schöne, wenn auch etwas stille Städtchen, der wichtigste Platz
im Osten von Tirol, liegt nur mehr 673 ~m~ über dem Meere. Die Drau
nimmt hier die weit stärkere Isel auf, die von Nordwesten aus den
Tauern herabströmt. Wir haben im Drauthale nichts mehr zu suchen;
denn die Grenze von Kärnten ist ganz nahe. Aber ein merkwürdiges und
landschaftlich hoch interessantes Gebiet erschließt sich noch im
Norden: die Tiroler Seite der Tauernkette.
Wir lassen das friedliche Lienz hinter uns mit seinen zerrissenen
Kalkschroffen und wenden uns nach Nordwesten, in ein zunächst
einförmiges Thal, aus dem uns die eisige Isel entgegenbraust. Nach etwa
drei Stunden führt unser Sträßchen an der Mündung des Defereggenthales
vorüber, das zwölf Stunden lang ohne besondere Landschaftsreize
zwischen grünen Rücken in gerade westlicher Richtung sich erstreckt.
Wir bleiben im Thale der Isel und erreichen nach weiteren drei
Stunden das prächtig gelegene Windisch-Matrei (Abb. 172). Hier endet
die Fahrstraße. Nach Norden zieht sich in engem, immer großartiger
werdendem Thale der uralte Saumpfad zum Matreier Tauernhause und von
da steil hinan zum Velber Tauern (2545 ~m~), an der Grenze Tirols
gegen den Salzburgischen Pinzgau. Weit großartiger ist das Wandern vom
Tauernhause westwärts in das Hochthal von Gschlöß (Abb. 173), wo der
zerklüftete Schlatengletscher seinen mächtigen Eisstrom niederwälzt
und der Großvenediger (3660 ~m~) seine blanke Eispyramide über seinen
granitenen Unterbau erhebt (Abb. 174).
[Illustration: Abb. 179. ¯Hôtel am Mendelpaß.¯
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
Das Hauptthal der Isel, nunmehr Virgenthal genannt, wendet sich von
Matrei an gegen Westen. Auf kaum mehr fahrbarem Wege erreicht man hier
noch das schlichte Alpendorf Prägraten und damit den letzten Ort im
Iselthal. Vergletscherte Übergänge führen von hier noch ins Ahrnthal
oder über das Massiv des Venedigers in den Pinzgau.
[Sidenote: Groß-Glockner. Etschthal.]
Das Iselthal hat ein nach Norden abzweigendes Seitenthal, das uns noch
zu einem anderen großartigen Grenzsteine Tirols leitet: das Thal von
Kals. Hier liegt Kals (1322 ~m~, Abb. 175), eines der berühmtesten
Hochgebirgsdörfer, am Fuße des Großglockners. Nicht leicht mag man das
Leben und Volkstum eines Tiroler Hochgebirgsdorfes schärfer ausgeprägt
finden, als in den schlichten Hütten von Kals, hinter deren Mauern
doch so athletische und kühne Männer wachsen können, wie es die Kalser
Führer sind. Scharf und mit zerrissenen Gräten, an allen Seiten von
steil abfallenden Gletschern umhangen, hebt sich der gewaltige Bau des
Glockners (3798 ~m~, Abb. 1) über die grünen Matten von Kals empor.
Aber die Begeisterung der Alpenfreunde hat auch seine wilden Höhen
gangbar gemacht. So hoch überragt sein scharfes Gipfelhorn die ganzen
Ostalpen, daß seine Rundschau von der Berninagruppe bis zum Triglav und
vom Böhmerwalde bis zur Adria reicht. Dafür hat auch mehr als einer
von denen, die ihre Kraft an ihm versuchten, hier einen jähen Bergtod
gefunden. Aber man muß nicht einmal auf den Glockner steigen, um dieser
Gefahr ins starre Auge zu schauen; auch um die Tauernpässe, die über
seine Schultern führen, geistern die Schatten Verunglückter durch die
eisigen Höhen.
[Illustration: Abb. 180. ¯Trient in der Mitte des ~XVI.~ Jahrhunderts.¯
(Nach dem gleichzeitigen Stich von Braun & Hogenberg.)]
~XII.~
Etschthal von Bozen bis Verona.
Breit und großartig wird das Etschthal von Bozen abwärts, bis zu den
Engen der Veroneser Klause, wo es Tirol verläßt: ein fruchtbarer,
von prächtigen Bergen umgebener Thalgrund mit zahllosen Ortschaften,
einzelnen Häusern, Kirchtürmen und alten Schlössern (Abb. 176 u.
177). Die Berge zeigen nur mehr spärliche Waldbedeckung; schärfer
und plastischer kommen ihre Formen zum Vorschein, als im Norden. Die
Ebene, streckenweise versumpft, weist zwar die Spuren verheerender
Überschwemmungen auf; ist aber dort, wo sie dagegen geschützt war, mit
üppiger Pflanzenpracht bedeckt. Die Farben des Etschthals sind heiß
und feurig: rötlich und gelblich schimmernde Bergwände mit tiefblauen
Schatten. Die Gesteinsart ist noch bis gegen Neumarkt hin der rote
Porphyr mit seinen grün bewachsenen rundlichen Kuppen und Schwellungen;
aus ihm ragt an der Westseite das lang gestreckte Dolomitgerüst der
Mendel empor. Auf dieser Strecke des Etschthales vernimmt der Reisende
mehr und mehr italienische Laute; wir nähern uns der Sprachgrenze;
die Tiroler Tracht verschwindet; an die Stelle des Holzbaues treten
steinerne Häuser, an die des rauschenden Bergwalds niedriges Gestrüpp;
statt der Wiesen und Getreidefelder sehen wir in der Tiefe Mais- und
Maulbeerpflanzungen; alles verwelscht sich.
[Illustration: Abb. 181. ¯Trient.¯
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
[Sidenote: Überetsch. Mendel.]
Das Thal ist so breit, daß sich zwischen seinem östlichen und
westlichen Hang ein niedriges Mittelgebirg hineinlegen konnte, aus
Porphyr bestehend, welches eine Hochebene trägt. So haben wir von
Bozen bis zu dem 23 ~km~ entfernten Neumarkt einen doppelten Weg zur
Auswahl: entweder den östlichen, der uns mit der Bahn durch das breite,
von Kanälen durchschnittene Etschthal führt, oder einen westlicheren,
wo eine schöne Straße über die Hochfläche von Eppan oder Kaltern
zieht, welch’ letztere auch „Überetsch“ genannt wird. Dieser westliche
Weg ist der interessantere. Die nördliche Ecke des im Etschthale
liegenden Mittelgebirgs ist von der stolzen Feste Sigmundskron
geschmückt, die von umbuschter Höhe ins Etschthal niederschaut. Hier
stand schon eine Römerburg, Formicaria genannt; Sigmundskron ist die
großartigste Ruine Tirols. An Sankt Pauls vorüber wendet sich die
Straße auf der Hochfläche nach Sankt Michael oder Eppan. Die prachtvoll
gelegene Ruine Hohen-Eppan, einst Sitz eines der mächtigsten Tiroler
Adelsgeschlechter, liegt etwas seitab. In Eppan zweigt eine der
schönsten neueren Kunststraßen ab: die Mendelstraße (Abb. 178). Sie
steigt in vielen Windungen, mit glanzvollen Aussichtspunkten am steilen
Ostabfall des Mendelgebirgs empor bis zur Höhe des Mendelpasses (1360
~m~). Köstliche, leicht erreichbare Aussichtspunkte haben den Mendelpaß
und sein vorzügliches Hotel zu einer internationalen Berühmtheit
erhoben (Abb. 179). Hier droben auf der sonnigen Höhe ist auch die
Sprachgrenze; das jenseits absteigende Thal des Nonsbaches ist welsch.
[Illustration: Abb. 182. ¯Dom zu Trient.¯
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
[Illustration: Abb. 183. ¯Rovereto.¯
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
[Sidenote: Etschthal. Trient.]
Von Eppan gelangt man durch prächtige weinreiche Landschaft, die von
teils erhaltenen, teils zerfallenen Burgen überragt und mit üppigen
Kastanienwäldern geschmückt ist, nach Kaltern. Dabei überall lachende
Zeugen des hiesigen Wohlstandes und entzückende landschaftliche
Ausblicke. Unter Kaltern liegt das heitere Becken des Kalterer Sees,
an dessen Ufern der edelste Tirolerwein wächst. Mit ihm vergleichbar
ist nur der benachbarte von Tramin, das schon wieder in der Tiefe
des Etschthals, am Abhang des Mendelgebirges sich zwischen seinen
Rebengeländen ausbreitet. Aus Tramin gelangt man wieder durch die
Etschebene nach der Bahn bei Neumarkt. Hier ist der Charakter der
deutschen Ortschaft schon stark mit italienischen Elementen durchsetzt;
eine höchst malerische Kunststraße zieht sich von Neumarkt in vielen
Windungen, mit einer bis zum Ortler reichenden Rundsicht, nach einer
Paßhöhe hinauf und von dort in das Thal des Avisio hinab. Die letzte
deutsche Ortschaft am Ostufer der Etsch ist Salurn, 31 ~km~ von Bozen.
Am westlichen Ufer reicht die deutsche Sprachgrenze etwas weiter nach
Süden, bis nach Deutschmetz. das die Italiener Mezzo Tedesco nennen.
[Illustration: Abb. 184. ¯Cavalese.¯
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
Die Bahn überschreitet den Nonsbach und dann die Etsch; bei San Michele
ist sie schon in Welschtirol. Dann übersetzt sie bei Lavis den Avisio,
der aus dem Fleimser- und Fassathal hervorströmt. Ortschaften und
Menschen tragen hier schon die bezeichnenden Züge des Italienertums.
Die Häuser sind hoch, steinern, aber schmutzig und verwahrlost und
deshalb malerisch; zerlumpt und schäbig, aber lebhaft und intelligent
sehen die Einwohner aus.
Durch das fruchtbare, mit Maulbeerbäumen und Reben bepflanzte Etschthal
trägt uns im Fluge der Wagenzug dahin, während von den Berghängen
zahlreiche Kirchen, Schlösser und Landhäuser schimmern. Dann sehen wir
vor uns das ganze Thal von Häusermassen erfüllt, aus denen eine hohe
Domkuppel und ein mächtiger Kastellbau emporragen: wir sind in Trient,
der uralten Römer- und Bischofstadt (Abb. 180 bis 182).
[Illustration: Abb. 185. ¯Predazzo.¯
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
[Sidenote: Trient.]
Trient, italienisch Trento, das mittelalterliche Tridentum, mit
21600 Einwohnern, liegt am linken Ufer der Etsch, in gartenähnlicher
Landschaft. Wohl zeigt auch sie jene Spuren des Verfalls, die den
meisten Städten italienischer Nation eigen sind; aber die vielen
Türme und Paläste, die breiten gut gehaltenen Straßen machen doch
einen stattlichen Eindruck. Die Stadt, die schon von den römischen
Geographen genannt wird, soll etruskischen Ursprung haben und hat
eine reiche Geschichte hinter sich. Auf die Herrschaft der alten
Rhätier folgte hier jene der Römer; Theodorich der Große baute die
Mauern der Stadt; um sie kämpften Goten, Langobarden und Franken,
Trientiner und Venetianer. Hohes politisches Ansehen verschaffte der
Stadt das in den Jahren 1545–1563 hier abgehaltene Tridentinische
Konzil. Ehrwürdig ist der romanische Dom, an dessen mächtigem
Bau durch vier Jahrhunderte gearbeitet ward, mit dem Grabmal des
venetianischen Feldherrn Sanseverino, den die Trientiner in der
Schlacht bei Calliano erschlugen; berühmt auch die Konzilskirche
Santa Maria Maggiore mit einem großartigen Orgelwerk, dessen Meister
nach der Vollendung geblendet worden sein soll, damit die Orgel
einzig in ihrer Art bliebe. In der Peterskirche wird die Mumie eines
heiligen Knaben, San Simonin gezeigt, der von Juden geschlachtet
worden sein soll. Das hervorragendste weltliche Gebäude ist das Schloß
Buon Consiglio; vormals fürstbischöfliche Residenz, jetzt Kaserne,
überragt es mit feudalem Trotz die Stadt und die Landschaft. Aber
auch in den Gassen selber ist mancher schöne alte Palast von aus
langobardischen Geschlechtern abstammenden Trientiner Adelsfamilien
eingebaut. Ein riesiger runder Turm soll römischen Ursprungs sein.
Das heutige Trient ist immer noch eine wohlhabende Stadt, unter deren
Gewerben die Gewinnung und Verarbeitung des berühmten Trientiner
Marmors wohl in erster Linie genannt werden muß; daneben Zucker- und
Branntweinindustrie. Vieles von dem, was als „Veroneser Salami“ in die
Welt geht, hat seinen Ursprung in Trient. Eine östliche Straße führt
von hier ins Valsugana (s. ~XIII~); eine westliche über das Gebirge
nach dem Tobliner See und dem Sarcathale (s. ~XIV~).
[Illustration: Abb. 186. ¯Campitello.¯
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
Von Trient thalabwärts heißt die Landschaft Val Lagarina (Lägerthal),
die Etsch Adige. Bahn und Straße halten sich am linken Ufer des nun
schiffbar gewordenen Stromes; die jurassischen Bergwände erscheinen
größtenteils kahl. Über dem viel umkämpften Calliano erscheint
am Berghang Schloß Beseno; in der Nähe die Riesentrümmer eines
Bergsturzes. Der Höhenzug an der Westseite des Etschthales ist der
durch seine außerordentlich reiche Flora berühmte „Garten Abrahams“;
an seinem Fußgestell grüßen die Trümmer der Burg Nomi herüber; weiter
Pomarolo mit dem ansehnlichen Schloß Castelbarco. Dann hält der
Wagenzug in Rovereto.
[Illustration: Abb. 187. ¯Perra¯, gegen die Vajolet-Türme.
(Liebhaberaufnahme von Gust. Schulze in Leipzig.)]
[Sidenote: Rovereto.]
Rovereto (Roveredo), ein lebhaftes Städtchen, mit 9000 Einwohnern,
liegt am linken Etschufer in einer Thalweitung, an der Mündung des
Lenothals (Abb. 183). Es ward nach dem Ende der Römerherrschaft
Eigentum der Herren von Castelbarco; dann lange Zeit ein Zankapfel
zwischen den Herrschern von Tirol und der venetianischen Republik. Im
~XVI.~ Jahrhundert wurde hier der Grund zur Südtiroler Seidenindustrie
gelegt, deren Mittelpunkt jetzt Rovereto ist. Die von einem alten
Kastell überragte Stadt enthält schöne Plätze mit plätschernden Brunnen
und Palästen; an den Einwohnern von Rovereto rühmt man Eleganz der
Sprache, Bildung und Liebenswürdigkeit. Die Umgebung ist eine üppige
gartenähnliche Landschaft, aus deren Rebengeländen alte Burgen schauen.
Zwischen dem helleren Grün der Weingärten, Maulbeerpflanzungen und
Maisfelder zeigen sich schon ernst und dunkel vereinzelte schlanke
Cypressen.
Die Bahn, immer am linken Etschufer bleibend, eilt weiter nach Mori,
wo im Westen sich jener merkwürdige Thalspalt aufthut, durch den am
einsamen Loppiosee vorüber die Straße und eine Zweigbahn nach dem Thale
des Gardasees führen. Dann folgt San Marco mit den schauerlichen Resten
jenes Bergsturzes, von welchen Dante im zwölften Gesang seiner Hölle
sagt:
„Dem Erdfall bei Trient gleich, der die Bahn
Der Etsch von einer Seite zugeschoben“ ...
Auf Schloß Lizzana bei San Marco verweilte Dante während seiner
Verbannung aus Florenz; den gewaltigen Eindruck, den jene Landschaft
auf den Dichter machte, hört man noch aus seiner großartigen Dichtung
erklingen. Wahrscheinlich geschah der Bergsturz im Jahre 883; er soll
eine ganze Stadt verschüttet haben.
Wir nähern uns der Grenze Tirols. Im Fluge noch folgt die zertrümmerte
Sperrfeste Serravalle, dann noch das malerische Städtchen Ala, berühmt
durch eine lebhafte Sammetindustrie. Die letzte österreichische
Ortschaft ist Avio. Dann überschreitet die Bahn die italienische
Grenze; die Thalwände senken sich, treten näher zusammen und bilden
eine lange gewundene Felsengasse mit Steilwänden. Neben dem mächtig
schäumenden Bergstrom windet sich die Bahn entlang: wir sind in der
berühmten, seit grauen Tagen so oft umkämpften Veroneser Klause. Immer
niedriger werden die Bergwände; plötzlich wird es licht und blau
überall; der Bahnzug braust hinaus in offenes Hügelland. Wir haben die
Alpen hinter uns; vor uns aber liegt mit seinen üppigen Gärten und
gewaltigen Mauern das ehrwürdige Verona, die Stadt des Ostgotenkönigs
Dietrich von Bern.
~XIII.~
Die südlichen Thäler der Dolomit-Alpen.
Eine Reihe von Landschaften des Tirolerlandes unterscheidet sich
geographisch und ethnographisch von den bisher kennen gelernten. Es
sind jene Thäler, welche von ihrem Ursprung an nach Süden zu sich
abdachen, der Osthälfte Tirols angehören und eine fast durchgängig
romanische Bevölkerung haben. Zuflüsse der Etsch, der Brenta und der
Piave sind es, welche aus diesen Thälern abströmen. Die Besiedelung
dieser Thäler hat von Süden her stattgefunden; ihre Bevölkerung
ist teils altromanisch, teils italienisch; nur in den nördlichsten
Ausläufern mit deutschen Elementen durchsetzt.
[Illustration: Abb. 188. ¯Alleghe-See.¯
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
Diese Thäler sind, von Westen nach Osten gerechnet: das Fleimser- und
Fassathal nebst seinem südlichen Nachbargebiet, dem Valsugana und
dessen Seitenthälern, die Thäler von Canale und Primiero, das oberste
Thal des Cordevole (Buchenstein) und das Ampezzothal. Fremdartig
sind uns Deutschen die Landschaften, fremdartig die Orte und Häuser,
fremdartig die Bewohner. Sagte es uns nicht die Karte, so wüßten wir
nicht, ob wir in Tirol oder in Italien sind. Nur in den oberen Teilen
dieser Thäler umrauscht uns noch der heimische Fichtenwald, grüßen uns
noch deutsche Laute.
[Illustration: Abb. 189. ¯Ampezzanerinnen.¯
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)]
[Illustration: Abb. 190. ¯Misurina-See.¯
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
[Sidenote: Avisiothal]
Unter diesen Thälern ist das des Avisio das ausgedehnteste. Es mündet
bei Lavis in das Etschthal und zieht, 75 ~km~ lang nach Nordosten, ins
Herz der Dolomitalpen, im untersten Teile Val di Cembra (Zimmers),
weiter aufwärts Val di Fiemme (Fleimserthal), im obersten Teile
Fassathal genannt, berühmt durch seine merkwürdigen geologischen
Erscheinungen und seine großartigen Landschaftsbilder. Bei seiner
großen Längenerstreckung enthält es eine bedeutende Anzahl von
Seitenthälern, von welchen die längeren und wichtigeren nach Süden und
Osten ziehen. Die herrschenden Gesteinsarten sind roter Porphyr und
Dolomit; aber man findet auch andere Kalksteinarten, ferner schwarzen
Augitporphyr, Granit und Sandstein.
[Illustration: Abb. 191. ¯Caprile¯, gegen Civetta.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
[Sidenote: Val di Cembra. Fleimserthal.]
Den Namen der untersten Thalstufe, des Val di Cembra, hat man mitunter
von den Cimbern abgeleitet; in der That trägt die Bevölkerung deutsche
Züge, obgleich sie italienisch spricht. Hier herrscht in der Landschaft
der rote Porphyr, durch den der Avisio sich in schluchtenartigem Bette
schäumend und grollend hindurchzwängt. Hauptort dieser Thalstufe ist
Cembra, auf sonniger Hochfläche. Dieser Teil des Thales sieht keinen
Fremdenzug; letzterer zieht gewöhnlich die schöne Kunststraße vor,
welche aus dem Etschthale bei Neumarkt gleich in den mittleren Teil des
Thales, ins Fleimserthal führt.
[Illustration: Abb. 192. ¯San Martino¯, gegen Cimon della Pala.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
[Sidenote: Fleimserthal. Fassathal.]
Auch im Fleimserthale findet man deutsch aussehende Menschen;
die Sprache ist italienisch. Diese Thalstrecke hat ein seltsam
zusammengewürfeltes Gestein zur Unterlage: roten und schwarzen
Porphyr, Granit und Sandstein; und auf dieser Unterlage ragen dann
die Dolomitzacken empor. Hauptort von Fleims ist das stark bevölkerte
Cavalese (Abb. 184) mit stattlicher gotischer Kirche. Die schöne
Straße windet sich, von Cavalese thaleinwärts, an der nördlichen
Thalwand hin, mit beständigem Ausblick auf den freundlichen grünen
Thalboden und den Lauf des Avisio. So geht es über Tesero, Panchia und
Ziano nach der fruchtbaren Thalweitung von Predazzo (Abb. 185). Dieses
ist der geologisch merkwürdigste Punkt des ganzen Thales, mit einer
ganz außerordentlichen Mischung von Gesteinsarten. Hier mündet von
Osten her das Thal Paneveggio, fast völlig unbewohnt, aber mit einer
hoch interessanten Jochstraße (Rollepaß) nach San Martino di Castrozza.
[Illustration: Abb. 193. ¯Primiero.¯
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
[Illustration: Abb. 194. ¯Limone¯ (Gardasee).
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
Das Fleimserthal wird von Predazzo aufwärts etwas enger und düsterer;
in stundenweiten Entfernungen folgen die Ortschaften Forno und Moëna.
Bei letzterer fängt das Thal an, den Namen Fassathal zu führen. Moëna
ist wichtiger Knotenpunkt; ein Saumweg führt von hier westwärts
über den Karerpaß (1758 ~m~) zu dem jetzt vielgenannten Karersee,
von wo durch das Eggenthal die Straße nach Bozen hinabläuft. Ein
streckenweit zur Not fahrbares Sträßchen zieht sich ostwärts durch das
Pellegrinothal bis zur Grenze Italiens. Das Fassathal selber ist im
Westen überragt von den turmförmigen Dolomitzacken des Rosengartens,
jenes märchenhaften Gebirgsstocks, in dessen Zaubergeheg der Sage nach
einst Dietrich von Bern den Zwergkönig Laurin einfing. Klettergeübte
Bergwanderer mögen wohl über einen der Rosengartenpässe hinübersteigen
ins Tierserthal, das nach Blumau zum Eisack hinuntersteigt. Wer im
Fassathale bleibt, erwandert noch die Orte Vigo und Perra (Abb.
187). Hier erschließt sich zur Rechten das kurze Monzonithal, in
dessen trümmerreichem Felsenamphitheater die Natur eine Fülle
verschiedenartiger Mineralien ausgeschüttet hat: Feldspatkrystalle
und Turmaline, grüne Hornblende und braune Granaten und anderes mehr.
Landschaftlich überaus reizvoll ist Campitello, der letzte größere Ort
im Fassathale (Abb. 186). Ein prächtiger Ort für den Bergwanderer; die
interessantesten Jochsteige führen von hier nach allen Seiten.
Das Fassathal wendet sich nun nach Osten. Es folgen noch die kleinen
Ortschaften Gries, Canazei, Alba und Penia; dann steigen wir an den
obersten Quellbächen des Avisio hinauf in das grüne Hochthal von
Fedaja, wo ein schweigsamer kleiner Hochsee liegt, gerade unter dem
blinkenden Eisfelde der Marmolada (3360 ~m~, Abb. 12), die als Königin
der Dolomitberge unmittelbar über uns sich erhebt. Wer kniefest ist
und schwindelfrei, mag wohl von dem Alpenwirtshause zu Fedaja aus die
fünfstündige Wanderung antreten über den Gletscher und die Dolomitwände
der Marmolada zu ihrem schneebedeckten Gipfel. Hier steht er auf einem
der stolzesten Grenzpfeiler zwischen Tirol und Italien.
[Illustration: Abb. 195. ¯Riva¯ (Gardasee).
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
[Sidenote: Buchenstein. Cortina. Valsugana.]
Wer aus diesem obersten Quellgebiet des Avisio nach dem östlich
benachbarten Thale Buchenstein oder Livinallongo will, findet den
schönsten Weg vom Fedajapaß durch ein Stück Italien. Drei Stunden
wandert er vom Fedajapaß durch die Schlucht von Sottoguda bis in
das oberste Thal des Cordevole, eines Zuflusses der Piave. Auf
italienischem Gebiete ist durch einen Bergsturz 1772 der von mächtigen
Felswänden umrahmte Alleghe-See entstanden (Abb. 188). Bei dem
prachtvoll gelegenen Caprile (Abb. 191) erreicht der Wanderer wieder
den Boden von Tirol. Durch ein furchtbares Trümmerfeld zieht sich der
Pfad am Cordevole thalaufwärts in das Gebiet der obersten Quellbäche
dieses Flusses. Dieses Gebiet besteht aus zwei auseinander gabelnden
Thälern, führt den deutschen Namen Buchenstein und zeichnet sich, wie
alle Hochthäler in den Dolomiten, durch merkwürdige Bodengestaltung
aus. In dem nordwestlichen der beiden Buchensteiner Thäler liegt
als Hauptort Pieve di Livinallongo (1475 ~m~), von wo Jochsteige
zum Fedajapaß, nach Gröden und in das oberste Abteithal ziehen. Im
nordöstlichen Thalaste liegt die Ortschaft Andraz, höher droben noch
das alte Kastell Andraz, das der Bergwanderer berührt, wenn er eine
der hoch interessanten Paßhöhen überschreiten will, über die man
aus dem grünen wohlangebauten Buchenstein nach dem Abteithale oder
ostwärts nach Ampezzo gelangt. Es ist wohl eine der eigenartigsten
Bergwanderungen, die aus Buchenstein durch den Falzaregopaß in den
sonnigen Thalkessel von Cortina d’Ampezzo gemacht werden kann.