überschreiten wir bald die Bregenzer Ache und gelangen bei Lautrach,
von wo eine Verbindungsbahn über Sankt Margareten nach Rorschach
führt, ins Rheinthal, welches hier schon einen großen landschaftlichen
Zug hat. Weit über die fruchtbare Thalniederung sieht man die teils
bematteten, teils felsig kahlen Hänge der schweizerischen Thalseite,
mit ihren fernen Ortschaften; hoch über ihnen im Südwesten die steil
aufgerichteten Appenzeller Berge: Kamor und Säntis, und die zackigen
Churfirsten. Höher aufwärts im Thale sieht man inselgleich waldige
Felshöhen aufragen; manchmal tritt auch von der östlichen oder
westlichen Thalwand ein steiler Vorsprung ins Thal heraus, der eine
weithin schimmernde Wallfahrtskirche oder eine Ruine mit klangvollem
Namen trägt.
[Illustration: Abb. 123. ¯Dorf und Schloß Schönna.¯]
Über Schwarzach, wo die Hauptstraße in den Bregenzerwald nach Osten
hinaufführt, gelangen wir nach dem lang gestreckten, gewerbsfleißigen
Dornbirn. Mit 9800 Einwohnern ist es der größte Ort Vorarlbergs,
überaus thätig in Spinnerei, Weberei, Färberei. Auch Metall- und
Holzindustrie ist hier vertreten. Auch von hier führt eine Straße in
den Bregenzerwald. Bald hinter Dornbirn zeigt sich eine Ortschaft, die
am Fuße eines mächtigen, lotrecht abfallenden Felsklotzes liegt. Es
ist Hohenems; und auf dem Felsen droben sonnen sich die Trümmer der
alten Burg Hohenems. Sie war der Stammsitz der Grafen von Hohenems,
eines feudalen Geschlechts, das wie kaum ein zweites seinen Namen
in die Ritterabenteuer und Schlachtengeschichten des Mittelalters
eingezeichnet hat. Hinter Hohenems scheint das Thal bei Götzis sich
verengen zu wollen; aber es ist nur ein Ausläufer der östlichen
Thalwand, der sich hier wie eine Insel weit nach Westen vorschiebt,
in vorgeschichtlicher Zeit vielleicht von den Wellen des Bodensees
bespült, wie die Sage meldet. Um den Westabfall dieser Insel, des
Kummenberges (663 ~m~), rauscht der Rhein; aber auch auf seinem
anderen Ufer steht solch’ ein verengender Inselberg. An den alten
Schlössern Neuburg und Montfort vorüber zieht die Bahn, dann am
gewerbfleißigen Rankweil vorbei, das äußerst anmutig an der Mündung
des vom Bregenzerwalde niedersteigenden Laternser Thales liegt.
Hinter Rankweil zeigen sich wieder Inseln in der Rheinebene: der
Ardetzenberg und der Schellenberg. Wo die von Südosten aus dem Gebirge
herabschäumende Ill mit ihren Gletscherwassern den Ardetzenberg,
der sich ihr entgegenstellt, durchbrochen hat, liegt das Städtchen
Feldkirch im Mittelpunkte von vier natürlichen Hohlgassen.
[Illustration: Abb. 124. ¯Gilfanlage bei Meran.¯
(Nach einer Originalphotographie von B. Johannes in
Partenkirchen-Meran.)]
[Sidenote: Feldkirch. Bludenz.]
Feldkirch, durch die Natur zur Festung gemacht, ist ein hübsches
Städtchen mit 3600 Einwohnern und mancherlei alten Bauwerken, einer
schönen gotischen Pfarrkirche, einem alten Bürgerspital und Ritterhause
und einem berühmten Jesuitenstift. Industriell ist es nicht in dem
Grade wie andere Orte Vorarlbergs. Im Laufe der Geschichte ist dieser
„Schlüssel von Tirol“ vielfach umkämpft worden, und seine Lage als
Grenzstadt und am Zugang zu einer wichtigen Alpenbahn sichert ihm
dauernde Bedeutung (Abb. 110).
Bei Feldkirch mündet von Südosten her das Illthal. In seinem unteren
Teile ist es, bis Bludenz aufwärts, breit und wohlangebaut und führt
hier den Namen Wallgau. Zwischen Rebenhügeln und freundlichen Dörfern
liegen alte zertrümmerte Burgen, aber auch die vielfenstrigen Burgen
moderner Großindustrie: Baumwollspinnereien, Türkischrotfärbereien,
Webereien, Kattundruckereien. Unbewohnte Thäler ziehen südlich aufwärts
in die Hochalpenregionen der Rhätikonkette; im Hauptthal aber steigt
die Arlbergbahn allmählich empor. Ein wichtiges Seitenthal ist das aus
den Hochkalkalpen, die das oberste Lechthal umsäumen, herabkommende
Walserthal, wo einst der heilige Gerold Christentum und Kultur in die
jungfräuliche Wildnis trug. Jetzt arbeiten an seinem Eingange große
Baumwollpaläste.
Hauptort des Illthales ist Bludenz, schön gelegen, mit 3300 Einwohnern.
Es war eine alte Ansiedelung schon zu Kaiser Ottos ~I.~ Tagen (Abb.
111). Auch hier schauen sich alte Burgtrümmer und moderne Fabrikschlote
seltsam an. Durch das benachbarte Brandnerthal führt ein Steig in
die Wildnisse des Rhätikongebirges empor, das, aus Kalk und Schiefer
aufgebaut, kühne und eigenartige Berggestalten aufweist, deren
stolzeste, die Scesaplana, ihr 2969 ~m~ hohes Felsenhaupt aus einem
Gletscher erhebt und hinunterschaut auf den romantischen Spiegel des
Lünersees (Abb. 112).
[Sidenote: Klosterthal. Montafun.]
Bei Bludenz spaltet sich das Illthal. Sein nach Osten hinziehender Ast
heißt nun das Klosterthal. In ihm steigt die Arlbergbahn empor, höher
und höher, auf zahllosen Viadukten und durch viele Tunnels an der
nördlichen Thalwand. In der Station Dalaas hat sie schon eine Höhe von
931 ~m~ erklettert; weit blickt der Reisende hier, rückwärts schauend,
bis zum Säntis. Und immer höher klettert der erstaunliche Bau am
schwindelnden Abgrund, bis zur Station Langen (1217 ~m~). Hier verläßt
die Bahn das einsam und rauh gewordene Klosterthal. Sie tritt in den
10240 ~m~ langen Arlbergtunnel ein, um jenseits der Wasserscheide,
im Stromgebiet des Inn, wieder zum Vorschein zu kommen. Die alte
Arlbergstraße dagegen windet sich aufwärts zu einem letzten kleinen
Dorfe und dann zu der rauhen, öden Paßhöhe des Arlberges.
Hierher aber sind wir schon von Osten, aus dem Oberinnthal, angestiegen.
[Illustration: Abb. 125. ¯Sandwirtshaus¯ (Passeier).
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
Das Hauptthal der Ill, von Bludenz aufwärts Montafun (Montavon)
genannt, strebt in südöstlicher Richtung empor zu den Gletschern und
Hochgipfeln der Silvrettagruppe. 40 ~km~ lang, mit mildem Klima,
prächtigen Matten und Wäldern, ist es die Heimat einer freien
Bauernschaft, die keine Zwingburgen duldete. Nur der unterste Teil
des Thales gehört noch dem Kalkgebirge an; höher oben beginnen
Schiefergesteine. Kurze, steile Seitenthäler ziehen in südlicher
Richtung zu den Zackengipfeln der Rhätikongruppe hinauf; durch einige
führen Jochsteige nach dem schweizerischen Prättigau. Hauptort des
Montafun ist Schruns, ein stattliches, in den Sommermonaten von
Städtern viel besuchtes Dorf, berühmt durch seine mächtigen Kirschbäume
(Abb. 113 u. 114). Hier öffnet sich gegen Osten das gewundene, einst
erzreiche Silberthal, mit Jochpfaden zum Arlberge, überragt von der
schneidigen Patteriolspitze. Von Schruns aufwärts liegen im Thal noch
die Orte Gallenkirch, Gaschurn und als letztes Dorf Patenen oder
Parthennen. Hier beginnt die Almenregion. Nach Osten führt ein Steig
über das viel begangene Zeinisjoch nach dem obersten Paznaun; das
Illthal selber zieht in südlicher Richtung noch ansteigend fort bis zum
großen Vermuntgletscher, aus dessen Eisschlünden die Ill hervorströmt.
Von hier führen vergletscherte Jochpfade zum Prättigau und in das
felsumschattete Engadin.
[Illustration: Abb. 126. ¯Mieders.¯
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
~IX.~
Vintschgau.
[Sidenote: Reschen-Scheideck.]
Der oberste Thalgrund der Etsch ist der Vintschgau. Hier liegt auf
der Paßhöhe des Reschen-Scheidecks der grüne Reschensee, aus dem die
Etsch abfließt (Abb. 103). Das armselige Dörfchen Reschen am Nordende
des Sees bezeichnet die Wasserscheide zwischen Inn und Etsch. Rauh
und großartig ist die Landschaft hier oben. Bei dem Dorfe Graun, das
ebenfalls noch am Reschensee liegt, öffnet sich ostwärts das Thal
Langtaufers. Ein wilder Gletscherbach strömt aus ihm hervor; er ist
der Abfluß des mächtigen Langtauferer Ferners, der im Hintergrunde des
Thales herabsteigt, umstarrt von den eisigen Höhen der Weißseespitze,
Vernagtwand, Weißkugel und Freibrunner Spitze. Aus dem Langtauferer
Thale und seinen grünen Matten führen selten begangene Jochsteige und
Gletscherpässe hinüber in die Nachbarthäler, nach Radurschel, ins
Kaunserthal und ins Ötzthal. Unter diesen Pässen ist das Weißseejoch
in der Kriegsgeschichte berühmt geworden dadurch, daß es 1799 vom
österreichischen General Laudon mit einer Heeresabteilung überschritten
ward.
[Illustration: Abb. 127. ¯Vulpmes.¯
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
Der Langtauferer Bach wirft sich in einen zweiten kleinen See, den
Mittersee, über welchem man im Süden die eisgepanzerte Berggestalt
des Ortlers aufragen sieht. Am südlichen Ende dieses Sees liegen
die alten Häuser von „Sankt Valentin auf der Heide“. Dies ist einer
der eigenartigsten Plätze in Tirol, eine Landschaft, in den größten
kühnsten Zügen gezeichnet. Im ~XII.~ Jahrhundert ward hier ein
Hospiz begründet zur Aufnahme von hilfsbedürftigen Wanderern. Hier
beginnt die berühmte Malser Heide. Noch liegt ein dritter See auf
der Höhe, der Heidersee; dann senkt sich die Heide wie ein mächtiges
Dach thalabwärts; ihr oberes Ende liegt um 400 ~m~ höher als das
untere. Diese Heide ist ein riesiger Schuttkegel, gebildet durch
Schlammströme, die aus den östlichen Seitenthälern Plawen und Planail
einst hervordrangen. Über sie zieht in vielen Windungen die prächtige
Jochstraße herab. Wer über die Heide herabsteigt, den grüßt von
felsiger Höhe, am Westhang des Gebirges gelegen, das Benediktinerstift
Marienberg. Es ist eine altehrwürdige Abtei, in deren Geschichte aber
ein blutiger Griffel schrieb; denn im Jahre 1304 ward das Kloster
von seinem eigenen Schirmvogt, einem der wilden Ritter von Matsch,
überfallen und sein Abt erschlagen. Den Mörder fand man nachmals
ermordet und verscharrte ihn in ungeweihter Erde.
[Illustration: Abb. 128. ¯Neustift¯, gegen das Zuckerhütl.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
Tiefer und tiefer senkt sich die Heide. Und je mehr man sich ihrem
unteren Ende naht, um so belebter wird die Landschaft. Zur Rechten
und zur Linken der Heide, wie an ihrem Fuße, erheben sich Burgen und
Kirchtürme; vor sich sieht man den stattlichen Flecken Mals, überragt
vom Eisbau des Ortlers. Mals ist ein uralter Ort römischen Ursprungs,
mit ehrwürdigen Burgtrümmern, durchbraust von dem wilden Punibach,
dessen Wasser in grauer Vorzeit die Schuttmassen der Malser Heide aus
höheren Gebirgslagen herabgewälzt haben.
[Sidenote: Ober-Vintschgau]
Noch senkt sich auch unterhalb von Mals das Gelände stark nach abwärts.
Aber der Charakter der Heide ist verschwunden; zahlreiche Ortschaften
beleben das Thal; Burgen schauen von den Vorsprüngen der Berghänge;
weiße Häuser schimmern unter Obstbäumen; überall zeigen sich die
Spuren fleißiger Menschenhände. Noch ein halbes Stündchen tiefer,
wo die Thalsohle ganz flach wird, liegt das uralte graue Städtchen
Glurns (Abb. 115). Hier ist der Ober-Vintschgau zu Ende; der zahmere
Unter-Vintschgau beginnt; die Landschaft wird, wenn auch aus der Höhe
kahle Felsschroffen und Eisspitzen hineinragen, gartenähnlich; die
Etsch, so wild sie auch über die Malser Heide herabtobte, wälzt sich
hier in wohlgeregeltem Bette hin.
Glurns macht einen Eindruck, als sei es aus längst vergangenen
Jahrhunderten gespensterhaft emporgestiegen in den Sonnenglanz des
Vintschgaues. Bemooste Mauern und Türme pressen die kleine Häusermasse
des Städtchens zusammen; die paar Gassen, die es enthält, sind wie
ausgestorben. Im Jahre 1499 durch die Graubündener, 300 Jahre später
durch die Franzosen völlig verwüstet, ist es noch wie ein malerischer
Steinhaufen liegen geblieben im blühenden Thale.
[Sidenote: Münsterthal. Matscher Thal.]
Zwei Seitenthäler münden hier ins Etschthal. Nach Südwesten zieht sich
das Münsterthal gegen die Schweizer Grenze hinauf. Sein Eingang ist ein
viel umkämpftes Schlachtfeld; der letzte Tiroler Ort in seinem Inneren
ist Taufers, geschmückt von den Trümmern der Burgen Rotund, Helfmirgott
und Reichenberg. Vom Turm zu Helfmirgott sprang einst eine, von einem
wüsten Ritter von Rotund bedrängte Jungfrau; im Sturze rief sie: „Helf
mir Gott!“ und gelangte unversehrt zur Erde.
[Illustration: Abb. 129. ¯Matrei¯ (Brennerbahn).
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
[Illustration: Abb. 130. ¯Steinach¯ (Brennerbahn).
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
Eine Viertelstunde thalabwärts von Glurns, bei Schluders, mündet das
Matscher Thal, das sich sechs Stunden lang gegen die Gletscher der
Ötzthaler Gruppe in nordöstlicher Richtung hinaufzieht. Über dem
wilden, schluchtartigen Ausgange des Thales liegen die zerfallenen
Reste der Burgen Unter-Matsch und Ober-Matsch, einst Sitze der
fehdelustigen und raubgierigen Grafen von Matsch, eines der mächtigsten
Tiroler Rittergeschlechter. Gegenüber, am nördlichen Thalhang, sonnen
sich zwischen grünen Matten die Häuser des Dorfes Matsch. Der Ort wird
schon in langobardischer Zeit genannt; sein erster Pfarrer soll der
heilige Florinus gewesen sein. Wer das Thal hinauf wandert, sieht,
rückwärts gewendet, die Eiswelt des Ortlers riesenhaft aufsteigen.
Zwischen herrlichen Matten zieht sich das Thal stundenlang eben dahin,
bis es in einen wilden Schluchtencirkus endet, aus dem nur noch
vereiste Kletterpfade in die Nachbarthäler führen, und über den als
Königin die Weißkugel ihre eisgepanzerten Schultern hebt.
[Illustration: Abb. 131. ¯Valsthal¯ (Brennerbahn).
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
[Illustration: Abb. 132. ¯Eisack-Ursprung.¯]
[Sidenote: Stilfser Joch. Suldenthal.]
Kehrt man aus dem Matscher Thale zurück ins Etschthal, so trifft man
in Neu-Spondinig auf einen wichtigen Verkehrsknotenpunkt. Das Thal
wendet sich hier vollständig nach Osten und wird zum Unter-Vintschgau,
dessen nördliche Umwallung durch die Gehänge der Ötzthaler Alpenwelt
gebildet wird, während von Süden her die Abhänge der Ortleralpen ins
Thal schauen, dessen Sonnenseite zunächst kahle, sonnverbrannte,
pflanzenleere Steinmauern bilden, während auf der Schattenseite
dunkle Waldung sich hoch emporzieht. Bei Neu-Spondinig zweigt von der
Vintschgauer Straße die Stilfser Jochstraße ab und zieht heiß und
sonnig quer durch das Thal, um bald darauf durch die Thalschlucht des
Trafoibaches als kühnster Straßenbau der österreichischen Monarchie zum
Stilfser Joch (Abb. 116) anzusteigen. Wie mächtig ihre Steigung ist,
geht daraus hervor, daß Neuspondinig auf der Sohle des Etschthales nur
885 ~m~, die Stilfser Jochhöhe dagegen 2760 ~m~ hoch liegt.
[Sidenote: Ortler.]
Zwei Stunden vom Eingange des Trafoithales, an dem die belebte
Poststation Prad den Zugang bildet, spaltet sich das Thal bei der
kleinen Gebirgsfestung Gomagoi. Der linke Thalast zieht hinauf in
die Eiswelt des Ortlers. Es ist das Suldenthal -- heut’ eine der vom
Fremdenverkehr zumeist gesuchten Hochgebirgslandschaften (Abb. 117
u. 118). Was Zermatt oder Chamonix für die Schweiz, ist Sulden für
Tirol. Seit ein paar Jahren erst ist die Fahrstraße in das Suldenthal
vollendet, aber schon steht neben einigen kleineren ein riesenhaftes
Hotel in dem ehemals weltverlorenen Bergdorf Sankt Gertrud. Ein
schimmernder Kranz von Eisbergen umgibt das Thal: der gewaltige Ortler
(Abb. 4), die geisterhaft schöne Königsspitze mit ihren Eiswänden
(Abb. 5) und der Cevedale mit seinem makellos weißen Schneekleide.
Sankt Gertrud ist nunmehr ganz Touristen- und Führerdorf geworden.
Seit der kühne Passeirer Jäger Joseph Pichler im Jahre 1804 als erster
die Spitze des Ortlers betreten hatte, sind mancherlei Wege auf diese
höchste Zinne Österreichs, die sich 3902 ~m~ über den Meeresspiegel
erhebt, gefunden worden. Die gangbarsten derselben führen von Sulden
oder von Trafoi aus zur Payerhütte. die auf dem vom Ortler nach Norden
ziehenden Tabarettakamm erbaut ist, und von hier über den oberen
Ortlerferner zur Spitze. Der Berg selber ist eine aus Kalk bestehende
massive Pyramide von kühnen, energischen Formen, aus der ganzen
Gebirgsgruppe, der sie angehört, nach Norden zwischen die Thäler Sulden
und Trafoi vortretend. Von seinen Schultern fließen der untere und
obere Ortlerferner, der Marltferner, der Ende-der-Welt-Ferner und der
mächtige Sulden-Ferner in die Tiefe.
[Illustration: Abb. 133. ¯Wildbad Brenner.¯
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
Wandert man von Sankt Gertrud aus thaleinwärts, so gelangt man
in einen großartigen Gletschercirkus, in dessen Innerstem die
Schaubachhütte des Alpenvereines einen unvergleichlichen Ausgangspunkt
für Alpenwanderungen bietet. Gletschersteige, nur für schwindelfreie
und kniefeste Kletterer gangbar, führen von da auf die Hochgipfel
des Ortlers, der Königsspitze und des Cevedale, sowie über vereiste
Felsjoche nach den italienischen Thälern Val Zebru und Val Cedeh, und
in das tirolische Martellthal.
[Illustration: Abb. 134. ¯Brennerin.¯
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)]
[Sidenote: Stilfser Joch.]
Kürzer als das Suldenthal ist jenes von Trafoi (Abb. 119), in
welchem die Stilfser Jochstraße mit ihren zahllosen Windungen zur
tirol-italienischen Grenze hinansteigt. Prachtvoll ist der Einblick in
die Eiswelt des Ortlers von Trafoi (~Tres fontes~) aus, wo in tiefster
Bergeinsamkeit die „Heiligen drei Brunnen“ sprudeln, während hoch über
ihnen die blaugezackten Gletschermassen des Trafoier und des Ortler
Ferners hangen. Immer kühner wird der Straßenbau, immer fremdartiger
und öder die Umgebung; der letzte dünne Wald bleibt zurück; die Straße
zieht durch eine dürre Steinwüste so hoch hinauf, daß die Gletscher
hart an sie herantreten, und erreicht endlich die Jochhöhe und die
Grenze bei einer Steinsäule in einer Meereshöhe von 2760 ~m~.
[Illustration: Abb. 135. ¯Gossensa߯, gegen das Pflerschthal.
(Nach einer Originalphotographie von B. Johannes in
Partenkirchen-Meran.)]
[Sidenote: Oberer Vintschgau.]
Aber hier beginnt italienisches Gebiet; wir müssen zurück in die Tiefe
des Etschthals. Dieses wird allmählich fruchtbarer; an den Trümmern
zerfallener Ritterburgen vorüber wälzt sich der eisgraue Strom durch
die Getreidefluren von Tschengels und Laas und dann um einen mächtigen
Schuttkegel in eine tiefer gelegene Thalgegend. Hier nimmt er die
starken Gletscherwasser auf, die ihm aus dem von den Ortleralpen
herabziehenden Seitenthal Martell zufließen. Und immer reicher wird
die Landschaft; auf den Glimmerschieferfelsen über dem Thale winken
malerisch die Burgen von Schlandersberg und Annenberg, von Montan,
Castelbell und Hochgalsaun; an den untersten Gehängen des Thals zeigen
sich schon die prächtigen dunkelgrünen Haine der Edelkastanie zwischen
kleinen Weingärten. Bei Staben mündet, von Norden herabziehend, wieder
ein größeres Seitenthal: das Schnalser Thal. Hoch droben in diesem
Thale liegt das ehemalige Kloster Kartaus, das, 1326 von König
Heinrich von Böhmen gestiftet, späterhin wegen des unkirchlichen
Lebenswandels seiner Mönche aufgehoben ward. Jetzt wohnen arme Leute
in den ehemaligen Mönchszellen. Bei Kartaus gabelt sich das Thal. Nach
Nordosten steigt das Pfossenthal hinauf, wild und mit jähen Wänden.
Ein paar einsame Bauernhöfe liegen noch in ihm; vom höchsten und
letzten derselben, dem Eishof, führen Gletscherpässe ostwärts nach dem
Pfeldersthale und nordwärts über den großen Ötzthaler Ferner nach dem
Ötzthale. Der Hauptast des Schnalser Thals wendet sich nach Nordwesten;
höher oben in ihm liegt noch der Wallfahrtsort Unser-lieben-Frau (Abb.
121). Zwei, zwar vergletscherte, aber doch viel begangene Pässe leiten
von da ins Ötzthal hinüber, dessen Gletscher an ihrem Südabhange
meist in jähen Wänden abbrechen, während sie nach Norden mit langen
Zungen hinabziehen. Diese Pässe sind das Hochjoch und das Niederjoch,
zwischen denen die dick beeiste Finailspitze ihr blinkendes Haupt
erhebt. Das Schnalser Thal ist eines der abgeschlossensten und deshalb
echtesten Thäler Tirols, von etwa 1200 Seelen bewohnt, friedfertigen,
treuherzigen und stattlichen Menschen, ohne jede Fahrstraße.
[Illustration: Abb. 136. ¯Hölle im Pflerschthal.¯
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
[Sidenote: Schnalser Thal. Etschthal. Meran.]
Das Etschthal zeigt von der Mündung des Schnalser Thals abwärts
schon fast südliche Fülle und Schönheit. Über prachtvollen Kastanien
und Nußbäumen trotzen die Burgen von Hochnaturns und Tarantsberg;
Reben umranken jedes Haus, üppiges Schlinggewächs jeden Fels. Noch
einmal verengt sich das Thal zu einer merkwürdigen Schlucht, der
„Töll“, durch welche sich die Etsch über eine Höhe von fast 200
~m~ hinunterdrängt in die Tiefe. Dem Wanderer aber erschließt sich
plötzlich ein weiter wunderbarer Blick in einen offenen Thalgrund, mit
blinkenden Ortschaften, Kirchen und Burgen; eine entzückende, lachende
Gartenlandschaft: das gesegnete Burggrafenamt von Meran.
[Illustration: Abb. 137. ¯Straße in Sterzing.¯
(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)]
Meran selber (Abb. 120), vordem die Hauptstadt von Tirol, liegt in
üppigem Weingelände, am Ufer der Passer, die sich eine Viertelstunde
weiter in die Etsch ergießt. Sie hat heute 7200 Einwohner. Obwohl
weder als Industrie- noch als Handelsplatz thätig, ist die kleine
Stadt weltberühmt wegen ihres unvergleichlichen Klimas, das sie seit
etwa sechzig Jahren zu einem Kurort ersten Ranges erblühen ließ. Um
die Gasthöfe, Pensionen, Heilstätten und Krankenpromenaden dreht sich
das ganze Leben der Stadt. Aber so frisch auch die Quellen von den
Bergen rieseln, so üppig jeder Weg und jeder Stein von Blüten überrankt
erscheint, so kühl der Schatten der prächtigen Kastanien, so entzückend
der Blick auf die riesigen Berge der Umgebung, auf die weite Thalebene,
die Rebengelände und die prächtigen alten Burgen an den Hügelsäumen
ist: der gesunde Mensch flieht Meran; hier ist zu viel des Leidens und
Sterbens, das wehmütig stimmt -- gerade bei dieser Vollpracht der Natur.
[Illustration: Abb. 138. ¯Sterzing.¯
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
[Sidenote: Schloß Tirol. Passeier Thal.]
Ja -- man flieht aus den sauberen und sonnigen Straßen Merans und
seiner Nachbarorte Ober- und Untermais; hinauf nach dem Schloß Tirol
(Abb. 122), dem alten Felsenneste, wo einst die Grafen von Tirol
saßen und aus dem alten Kaisersaale der entzückte Blick meilenweit
durch das Etschthal hinunterschweift und hinauf bis zu den Laaser
Fernern. Oder nach dem schönen Schloß Lebenberg mit seinem Schatze
von mittelalterlichen Erinnerungen; nach Schloß Schönna (Abb. 123)
oder der trotzigen Fragsburg. Oder noch weiter in eins der großen
Hochgebirgsthäler, die bei Meran in das Etschthal münden: in das
Passeier- oder das Ultenthal.
[Illustration: Abb. 139. ¯Gilfenklamm¯ (Ridnaun).]