Gleich hinter Vent, das heutzutage während der Sommerzeit einer der

besuchtesten Standplätze für Hochgebirgswanderer ist, spaltet sich das

Thal abermals in zwei Äste. Nach Süden steigt das Niederthal hinan

in einen mächtigen Eiscirkus, wo die zerklüfteten Eismassen von vier

großen Gletschern einen wunderbaren Thalschluß bilden und der vereiste

Jochsteig über das Niederjoch ins Schnalser Thal führt. Noch weit

ausgedehnter sind die Eislandschaften des südwestlichen Thalastes.

In ihm liegen noch, 2004 ~m~ hoch, die Höfe von Rofen, die höchsten,

dauernd bewohnten Ansiedelungen Tirols, in deren bergumfriedeter

Sicherheit einst Herzog Friedrich mit der leeren Tasche schützende

Zuflucht fand. Höher und höher steigt der Bergpfad empor über die

Moräne des verderbendräuenden Vernagtgletschers, der schon wiederholt

mit seinem Eise die von anderen Gletschern herabkommenden Wildwasser

zum See aufstaute, der dann, seinen Eisdamm durchbrechend, grauenhafte

Verwüstungen im ganzen Ötzthal anrichtete. Und noch eine Stunde zieht

der schmale Steig hinan bis zur letzten sommerlichen Zufluchtstätte:

dem Hochjochhospiz (Abb. 94), von wo über den breiten Eishang des

Hochjochferners ein viel begangener Übergang in das jenseitige

Schnalserthal hinüberleitet, während im Westen der lang gedehnte

Hintereisferner niedersteigt vom schimmernden Eispalaste der Weißkugel

(3776 ~m~), die dort in weltferner Wildnis groß und schweigend erglänzt

(Abb. 95).

[Illustration: Abb. 103. ¯Reschensee.¯

(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]

[Sidenote: Pitzthal.]

Wir lenken den Wanderschritt zurück, dahin, wo die Ötzthaler Ache in

das Innthal mündet, das nun zur engen Schlucht wird, und suchen uns

den Weg in diesem weiter stromaufwärts. Erst bei der Station Imst wird

die Landschaft wieder offener; hier münden zwei Thäler. Nach Süden zu

zieht sich das Pitzthal, parallel mit dem Ötzthale, zu den Ötzthaler

Fernern empor. Zwei Stunden von dem schluchtartigen Thaleingange liegt,

noch in wohlangebauter offener Gegend, der Hauptort Wenns. Das Pitzthal

weist nicht jene schauerlich wilden Scenerien auf, wie das benachbarte

Ötzthal, zeigt auch nicht dessen stufenförmige Absätze, sondern steigt

allmählich, aber stetig an. Bei dem letzten bewohnten Hofe, Mittelberg

(1733 ~m~, elf Wegstunden von Imst, Abb. 96) wird das Thal durch

den riesigen, vielfach zerklüfteten Eiswall des Mittelbergferners

abgeschlossen, welcher von den Schultern der Wildspitze niedergeht.

Er ist wohl der schönste Gletscher Tirols neben seinem Nachbarn, dem

Taschachferner, zu welchem eine westliche Seitenschlucht führt.

[Illustration: Abb. 104. ¯Lermoos¯, gegen den Wetterstein.

(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]

[Sidenote: Imst. Fernpaß. Landeck.]

Gegenüber der Mündung des Pitzthales dehnt sich eine wohlangebaute

Terrassenlandschaft zu den Gehängen der nördlichen Kalkalpen. Hier

lagert, eine halbe Stunde vom Inn entfernt, der schöne Markt Imst

(Abb. 97), im Mittelalter durch den von Augsburg nach Italien über den

Fernpaß führenden Handelsweg reich und blühend geworden. Auch Bergbau

ward in der Umgebung getrieben; ein ganz eigentümlicher Industriezweig

der Imster wurde die Zucht von Kanarienvögeln, die von hier aus

nach allen europäischen Ländern ausgeführt wurden. Die Innthaler-

und Brennerbahn ließ den Fernpaß veröden; darunter mußte auch Imst

erheblich leiden, nachdem es schon durch die Franzosenkriege und durch

einen fürchterlichen Brand im Jahre 1822 fast völlig vernichtet worden

war.

[Illustration: Abb. 105. ¯Plansee.¯

(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]

Hinter Imst zieht sich die uralte Paßstraße durch ein breites Thal

zwischen dem Tschürgant und dem Zuge der Hochkalkalpen aufwärts nach

dem romantischen Nassereit (Abb. 98); und von da, an dem prächtigen

kleinen Fernsteinsee (Abb. 99), in dessen grünem Gewässer sich die

Trümmer der Sigmundsburg spiegeln, vorüber in kühnen Windungen zur Höhe

des Fernpasses.

Das Innthal wird von Imst aufwärts wieder breiter und bevölkerter und

erweitert sich bei Landeck zu einem prächtigen grünen Thalkessel, in

den von Norden her neben ihren bedeutenden Nachbarn die Parseierspitze

als stolzeste 3038 ~m~ hohe Erhebung der nördlichen Kalkalpen

niederschaut, während sich im Westen das Arlbergthal aufthut. Landeck

selber (Abb. 100) liegt unmittelbar am Inn, bewacht von der alten, aber

noch erhaltenen Feste Landeck.

Von hier müssen wir, ehe wir dem Innthale weiterfolgen, zunächst in die

westlichen Gebiete des Paznaun- und Stanzer Thales eindringen.

Von Landeck aus zieht die Arlbergbahn mit einer Reihe kühner Bauten

westwärts, indem sie das Innthal verläßt und in das engere Thal der

Sanna einbiegt. Wo an der Mündung des Paznaunthales die Sanna aus der

Rosanna und Trisanna zusammenfließt, wird die letztere auf einem 86 ~m~

hohen, sehr merkwürdigen Viadukt von der Bahn überschritten.

[Illustration: Abb. 106. ¯Reutte.¯

(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]

In das Hochthal Paznaun führt von der schönen Arlbergstraße ab ein

Sträßchen bis nach Galtür. Nur die unterste Stufe des Thales duldet

noch Ackerbau; die oberen Stufen sind bloß Weidelandschaften, aber

offen, sonnig und grün. Daher bildet auch die Viehzucht so ziemlich den

einzigen Erwerb der außerdem zu mancherlei Wandererwerb genötigten

Bevölkerung. Die oberen südwärts sich abzweigenden Seitenschluchten

des Paznaunthales, das Timberthal, Larainthal, Jamthal und Vermuntthal

steigen in die Region des ewigen Eises empor; sie sind umschlossen

von den wild zerzackten Glimmerschieferhörnern und Gneiswänden

der Silvrettagruppe (Abb. 2) oder Jamthaler Ferner, und von deren

ausgedehnten Firnfeldern und Gletschern. Durch diese Thäler steigt man

empor zu den Hochgipfeln des Piz Linard (3414 ~m~), des Verstanklahorns

(3301 ~m~), des Piz Buin (3312 ~m~) und des lange wegen seiner Gefahren

berüchtigt gewesenen Fluchthorns (3408 ~m~). Westwärts führen aus dem

obersten Paznaun viel begangene Pässe über das Zeynesjoch und durch die

Vermuntthäler nach Montafun; südlich kann man über dick vereiste Kämme

nach dem schweizerischen Engadin oder dem Prättigau gelangen.

[Illustration: Abb. 107. ¯Bregenz¯, von Wrangel erobert.

(Nach einem Stiche von Bodenehr v. J. 1720.)]

[Sidenote: Arlberg.]

Im Parallelthal von Paznaun, dem Stanzer Thale, läuft neben der alten

Poststraße her eine der schönsten und vielgestaltigsten Strecken der

Alpenbahnen, zum Arlberge. Sie hat im Norden die schön geformten

Gipfel der Hochkalkalpen, im Süden die aus krystallinischen Schiefern

bestehenden zerrissenen Berggestalten der Fervallgruppe, deren

kleine steile Gletscher fast über die Bahn hereinhangen und die in

der Kuchenspitze (3170 ~m~) kulminiert. Mehrmals den durch das Thal

herabschäumenden Gletscherstrom, die Rosanna, überschreitend, erreicht

die Bahnlinie über Flirsch, Pettneu und Sankt Jakob (Abb. 101) das

letzte Dorf des Rosannathales, Sankt Anton (1302 ~m~, Abb. 102). Für

den Eisenbahnreisenden ist hier Tirol zu Ende; er fährt in den 10 ~km~

langen Arlbergtunnel ein und verläßt denselben erst wieder jenseits der

Wasserscheide, in Vorarlberg.

[Illustration: Abb. 108. ¯Bregenz¯, vom Gebhardsberg gesehen.

(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]

Für den Bergwanderer erschließen sich von Sankt Anton aus das Moos-

und das Fervallthal, letzteres nochmals gespalten durch den stolzen

Felsenobelisk der eisgepanzerten Patteriolspitze. Beide Thäler

erstrecken sich ins Innerste der Fervallgruppe. Die alte Poststraße

aus Tirol nach Vorarlberg aber zieht sich über dem Tunnel noch

hoch empor in eine grüne Thalmulde, wo, überragt von grauen kahlen

Kalkzinnen, das Hospiz Sankt Christoph liegt. Dasselbe verdankt seine

Entstehung einem armen Hirtenknaben. Dieser, Heinrich das Findelkind

genannt, stand im ~XIV.~ Jahrhundert als Hirt im Dienste eines Stanzer

Bauern; tief ergriffen durch die Unfälle, die sich während des Winters

auf dem Arlbergwege so häufig zutrugen, erbettelte er sich die

Mittel zur Erbauung einer Schutzherberge, aus der das jetzige Hospiz

hervorgegangen ist. Von diesem zieht sich die Straße noch einige

Minuten empor und erreicht in dem dürren Hochthale des Arlberges

bei 1802 ~m~ Seehöhe die Wasserscheide zwischen der Donau und dem

Rhein. Heutzutage ist die einst so wichtige Straße unbeschreiblich

einsam; der große Verkehr donnert und dröhnt weit unter ihr durch die

Felsenhöhlung, die moderne Technik ihm durch den Paß gebohrt hat.

[Illustration: Abb. 109. ¯Bregenzerwälderin.¯

(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)]

[Illustration: Abb. 110. ¯Feldkirch.¯

(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]

[Sidenote: Kaunser Thal. Oberinnthal.]

Wir wandern nun in der Tiefe des Innthales weiter, um eine der

prachtvollsten Alpenstraßen kennen zu lernen: die von Landeck nach

dem Reschen-Scheideck. Zwei Stunden hinter Landeck durchbricht der

Innstrom eine einsame Felsenenge; hier spannt sich über ihn die

berühmte Pontlatzer Brücke, um die in den Jahren 1703 und 1809 die

erbittertsten Kämpfe zwischen Tirolern und Bayern gefochten wurden.

Damals wiederhallten die braunen Felswände von Schüssen und der Strom

wälzte die blutigen Toten thalabwärts. Bald erweitert sich das Thal

wieder. Hoch droben an der westlichen Thalwand liegen die Trümmer der

Burg Laudeck; noch höher die heilkräftigen Quellen des viel besuchten

Bades Obladis. In der Thaltiefe vor uns aber zeigt sich das Dorf

Prutz, am Eingange des Kaunser Thales. Dieses zieht sich erst zwei

Stunden weit nach Osten, dann sechs Wegstunden lang, parallel mit

dem Ötz- und Pitzthale, nach Süden, in die Eispaläste der Ötzthaler

Ferner hinauf. Die Bevölkerung des Thales lebt in vielen zerstreuten

Gehöften; Bannwälder an den steilen Gehängen gewähren ihr nur einen

spärlichen Schutz gegen die in diesem Thale besonders häufigen Lawinen.

Getreidebau und Ansiedelung enden bei den Häusern von See. Das Ende des

Thales wird beherrscht von der größten Gletschermasse Tirols, dem 11

~km~ langen Gepatschferner. So ausgedehnt diese Eiswüste ist, führen

doch nach allen Richtungen Gletschersteige über sie hinweg.

[Illustration: Abb. 111. ¯Bludenz im Jahre 1650.¯

(Nach dem gleichzeitigen Stich von Merian.)]

[Illustration: Abb. 112. ¯Brand¯, gegen die Scesaplana.

(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]

[Illustration: Abb. 113. ¯Montafunerin.¯

(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)]

Die Oberinnthaler Straße bleibt noch in der Tiefe am Inn bis zum

Dorfe Pfunds, wo das kurze Radurschelthal sich nach Südosten hin

abzweigt. Dann überschreitet sie den Strom und steigt an den lotrechten

Schieferwänden höher und höher empor, mehrfach mittels Tunnels den

Fels durchbrechend. Immer großartiger wird die Landschaft, immer

gewaltiger der Abgrund an der Seite der Straße, bis bei dem Gasthause

von Hoch-Finstermünz (1106 ~m~) der schönste Punkt des Straßenzuges

erreicht wird. In schwindelnder Tiefe sieht man hier unter sich den

grauen Turm des Passes von Alt-Finstermünz; und nach Südwesten gleitet

der Blick hinein in die geheimnisvolle waldumrauschte Ferne des

schweizerischen Engadin (s. Abb. 3).

Hier verlassen wir den Inn. Unsere Kunststraße windet sich durch

eine enge Schlucht empor, an einer kleinen Bergfestung vorüber und

erreicht in großen Schlangenwindungen das Dorf Nauders (1362 ~m~)

mit der alten Burg Naudersberg. Das Dorf, das 1880 durch einen Brand

völlig verwüstet ward, liegt fast an der Grenze des Getreidebaus;

auf seinem kleinen Hauptplatze tummeln sich die österreichischen und

schweizerischen Postwagen; denn eine musterhafte Kunststraße führt

von hier in mannigfachen Windungen einen Bergrücken hinauf zur nahen

Schweizergrenze und von dort hinab nach Martinsbruck im Engadin.

Die flache Einsenkung, in welcher Nauders liegt, zieht sich mit fast

unmerklicher Steigung noch anderthalb Stunden aufwärts zur Paßhöhe

von Reschen-Scheideck (1494 ~m~, Abb. 103). Hier müssen wir unsere

Wanderung unterbrechen; denn was wir vor uns sehen, ist der Vintschgau

-- Südtirol. Das zu schildern gehört späteren Blättern an. Wir haben

hier noch eines Grenzgebiets zu gedenken, das sich als nördliche

Vorlage des Innthales nach Bayern zu abdacht.

Zwei bayerische Bergströme, die Isar mit ihrem Zufluß, der Loisach,

und der Lech, empfangen ihre größten Wassermengen aus Quellbächen,

die in Tirol entspringen. Auch diese kleinen Stromgebiete sind des

Durchwanderns wert.

[Illustration: Abb. 114. ¯Schruns.¯

(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]

[Sidenote: Hinterriß. Isarthal.]

Das Tiroler Stromgebiet der Isar reicht vom Achensee im Osten bis

westwärts zum obersten Leutaschthale. Es gehört durchaus der Zone

der Hochkalkalpen an. Ihren östlichsten Zufluß aus Tirol erhält die

Isar in der Walchen, die aus dem Nordende des Achensees fließt, und

durch einsame Waldthäler ihren Weg sucht. Höher aufwärts nimmt die

Isar einen anderen Quellfluß auf: die Riß. Das Thal der Riß, nur

in seinem untersten Verlauf zu Bayern, sonst zu Tirol gehörend,

ist wohl das ödeste unter allen Thälern Tirols, da es bei einer

Längenerstreckung von ungefähr 25 ~km~ nur ein paar Jagdschlösser und

Unterkunftshäuser, außerdem bloß Alm- und Jagdhütten und ein kleines

Franziskanerklösterchen enthält. Das Ganze ist eine prachtvolle

Hochgebirgslandschaft, ein riesiges und sorgsam gehegtes Jagdgebiet,

auf dessen grüne Matten (vgl. Abb. 73) und schöne Waldbestände

in schauerlichen Felsabstürzen die zerrissenen Hochgipfel des

Karwendelgebirges herniederdrohen.

[Illustration: Abb. 115. ¯Glurns¯, gegen den Ortler.

(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]

Im Isarthal selbst betritt man, vom letzten bayerischen Orte Mittenwald

aufwärts wandernd, den Boden von Tirol beim Felsenpaß von Scharnitz,

einem uralten und viel umkämpften Eingangsthor von Norden her. In

Römertagen hieß der Paß Scarbia; Herzogin Claudia von Tirol legte hier

umfangreiche Festungswerke an, die jetzt in Trümmern liegen. In und bei

der kleinen Ortschaft Scharnitz fließen verschiedene Quellbäche der

Isar zusammen; nach Osten öffnen sich hier unbewohnte, in großartige

Waldgefilde und Steinwüsten hinaufziehende Hochthäler: das Karwendel-,

Hinterau- und Gleirschthal. Im Hinterauthal entspringt die Isar auf den

grünen Matten des Hallerangers. Die alte Völker- und Heerstraße zieht

von Scharnitz in einsamer Waldlandschaft noch hinan bis zum Sattel

von Seefeld, wo die Wasserscheide zwischen Isar und Inn liegt, und

dann hinab über den Zirler Berg ins Innthal. Seefeld liegt auf einer

kleinen aussichtsreichen Hochebene (1176 ~m~). Seitenwege führen von

hier in das große tirolische Leutaschthal, ein prächtiges, weites,

waldreiches, von zwei Ortschaften bevölkertes Thal, das im Norden von

der Wettersteinkette, im Südwesten von turmartigen Felskolossen der

Mieminger Kette eingerahmt ist und dessen Wasser bei Mittenwald in die

Isar fließen.

[Illustration: Abb. 116. ¯Stilfser Joch¯, vom Wege zur Payerhütte

gesehen.

(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]

Der bedeutendste Zufluß, den die Isar empfängt, die Loisach, kommt

ebenfalls aus Tirol. Sie fließt aus drei Quellbächen zusammen in dem

großartigen Thalkessel von Lermoos (Abb. 104), über dem in furchtbaren

Steilwänden die Westfront der Zugspitze abbricht. Zauberhaft schöne

kleine Seespiegel, der Seebensee, Drachensee, Weißensee und Blindsee,

schmücken die Umgebung von Lermoos; zwischen den letztgenannten

hindurch schlängelt sich der altehrwürdige Straßenzug langsam

ansteigend zum Fernpaß. Es ist landschaftlich der schönste Zugang aus

dem Norden nach Tirol, reich an mannigfaltigen und wechselnden Bildern.

Die einsame Höhe des Fernpasses umwehen Sagen und die trauernden

Erinnerungen an König Ludwig ~II.~ von Bayern, der sich in dem südlich

des Passes gelegenen Schloß Fernstein eine Stätte stiller Träumerei

schuf.

[Illustration: Abb. 117. ¯Suldenthal¯ (Januar 1895).

(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)]

[Sidenote: Lechthal.]

Noch ein Gebiet von Nordtirol, ebenfalls dem Innthal nördlich

vorgelagert, wollen wir flüchtig durchstreifen: das des Lechstromes.

Bald hinter dem bayerischen Grenzstädtchen Füssen erreicht man, am

Lech aufwärts wandernd, die Tiroler Grenze und nach ein paar Stunden

den schönen Marktflecken Reutte (Abb. 106). Hier gehen nach mehreren

Richtungen Straßenzüge auseinander. Nach Osten zu öffnet sich das

Seitenthal des stillen, waldumrauschten Plansees (Abb. 105). Nach

Südosten zieht am romantischen Trümmerwerk der alten Feste Ehrenberg

und der Ehrenberger Klause vorüber die Straße nach Lermoos und zum

Fernpaß. Gewaltige Schatten der Weltgeschichte hausen in diesen

Trümmern, wo einst der Gotenkönig Theoderich Burg und Gerichtssitz

begründet hatte. Während des schmalkaldischen Krieges nahm Schärtlein

von Burtenbach die Feste; die Tiroler gewannen sie wieder. Zäh hielt

sie sich gegen Kurfürst Moritz von Sachsen und im dreißigjährigen

Kriege gegen Bernhard von Weimar und Wrangel. Erst im spanischen

Erbfolgekriege ward sie wieder von bayerischen Truppen genommen,

konnte aber nicht gehalten werden. Jetzt stehen die Trümmer, von Moos

überwuchert, neben und über der Straße.

Das Lechthal wendet sich bei Reutte nach Südwesten. Der nächste

Ort ist Weißenbach, wo sich gegen Südosten die abgelegenen Gründe

des Rotlechthales aufthun, während nach Nordwesten hin der schmale

Schluchtenweg von Paß Gacht in das offene, bevölkerte Thaunheimer Thal

hinüberführt. Durch dieses fließt in großen Windungen die Vils, um

sich, noch innerhalb Tirols, unweit von Füssen in den Lech zu werfen.

Das Thal des Lech dagegen wird oberhalb Weißenbach still und öde; erst

von der Mündung des von Westen her kommenden Hornthales aufwärts zeigen

sich wieder häufigere Ansiedelungen; aber zur freundlichen, anmutigen

Landschaft wird das Thal erst bei Elbigenalp. Höher und mächtiger

wird die Umwallung des Thales: im Norden die Allgäuer Berge, im Süden

die hohen Kalkschroffen, die hier die Wasserscheide bilden zwischen

Lech und Inn und zu denen kurze, wilde Querthäler hinanziehen. Bei

dem Dorfe Holzgau erreicht man den oberen Teil des Lechthales, bei

Steg den höchst gelegenen Ort. Hier endet die Fahrstraße; aber das

Thal zieht sich noch fünf Stunden weit gegen Westen hinan; aus seinen

Seitenschluchten führen Jochsteige nördlich in das bayerische Allgäu,

nordwestlich in den Bregenzer Wald, südlich zur Arlbergstraße.

[Illustration: Abb. 118. ¯Sulden¯, gegen die Schöntaufspitze.

(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]

Das ganze Lechthal bietet trotz seiner ansehnlichen Ausdehnung dem

Fleiße seiner Einwohner nur spärlichen Spielraum; das Klima ist

rauh, die anbaufähigen Flächen gering. Die intelligente alemannische

Bevölkerung aber ist durch Sparsamkeit und Handelsgeist dennoch

wohlhabend geworden.

~VIII.~

Vorarlberg.

[Sidenote: Vorarlberg.]

Das Ländchen Vorarlberg gehört politisch zu Tirol; geographisch und

ethnographisch hat es mehr Verwandtschaft mit der benachbarten Schweiz.

Denn seine Abdachung geht nach Westen; seine Wasser fließen zum

Bodensee; von diesem aus ist die alemannische Bevölkerung in die Thäler

hinaufgewandert und hat die keltische und rhätische Urbevölkerung

zurückgedrängt. Römische Kultur hat im Vorarlbergischen festeren Fuß

gefaßt als im übrigen Tirol.

Scharf abgegrenzt ist das Ländchen gegen Westen durch den Rhein, gegen

Süden durch die hohe Kalkkette des Rhätikon, die es vom schweizerischen

Prättigau scheidet. Die Nordgrenze Vorarlbergs gegen Bayern läuft

durch die sanfteren Höhenzüge des Bregenzer Waldes; im Osten wird es

durch die hohen Allgäuer und Arlberger Kalkgebirge von Bayern und

Nordtirol, im Südosten durch die Samnaungruppe und die Silvrettagruppe

von Tirol und der Schweiz geschieden. Das Klima ist milder als in

Nordtirol, die anbaufähigen Bodenflächen verhältnismäßig ausgedehnter.

Dies und angeborene Wirtschaftlichkeit haben bewirkt, daß Vorarlberg

unter den österreichischen Alpenländern eine ausgezeichnete Stellung

in Bezug auf Bodenanbau und Industrie sich erwarb, eine Stellung,

die durch die günstigen Verkehrsverhältnisse nur noch gesteigert

werden konnte. Durch die wichtige Spalte des Arlbergthales wird das

Ländchen in eine nördliche und eine südliche Hälfte geschieden; die

erstere ist wohnlicher, bevölkerter; die letztere durchaus großartige

Hochgebirgslandschaft.

[Illustration: Abb. 119. ¯Trafoi¯, gegen die Ferner.

(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]

[Illustration: Abb. 120. ¯Meran¯, von Marling gesehen.

(Nach einer Originalphotographie von B. Johannes in

Partenkirchen-Meran.)]

[Sidenote: Bregenz. Bregenzer Wald.]

Wir betreten Vorarlberg vom Verdeck des schönen Dampfers aus, der

uns bei Bregenz in den Hafen gebracht hat. Hinter uns liegt der

Bodensee mit seiner nach Westen zu scheinbar uferlosen Fläche. So

klein Bregenz (Abb. 107 u. 108), zwischen dem Seeufer und den rot

schimmernden Felswänden des Pfänder hingelagert, auch ist, besteht

es doch aus drei Städten: einer modernen am See, wo die Schlote der

Dampfer und der Lokomotiven qualmen, einer mittelalterlichen auf der

Anhöhe, wo zwischen grauen Mauern und Thoren traumhafte Stille liegt,

und einer uralten aus römischer Zeit, die unter dem Erdboden versunken

ist und von den Römern Brigantia genannt ward.

Nach den Stürmen der Völkerwanderung erscheint die Stadt im Besitze

der Grafen von Bregenz, später in dem des mächtigen Geschlechtes der

Grafen von Montfort. Während des dreißigjährigen Krieges ward es von

den Schweden erobert, die damals sogar eine kleine Kriegsflotte auf dem

Bodensee unterhielten. Mannigfache Reste aus der Römerzeit werden im

Vorarlberger Landesmuseum zu Bregenz aufbewahrt.

[Illustration: Abb. 121. ¯Unser Frau¯ (Schnalser Thal).

(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]

[Sidenote: Bregenzer Wald.]

Der schöne Pfänderberg, der sich, 1064 ~m~ hoch, unmittelbar über

Bregenz erhebt, ist der nordwestliche Eckpfeiler des Bregenzer

Waldes. Aus diesem strömt in viel gewundenem Laufe die Bregenzer Ache

hervor und ergießt sich, eine halbe Stunde westlich von Bregenz,

in den Bodensee. Der Bregenzerwald ist in seiner nördlichen, gegen

das Flachland vorgeschobenen Hälfte, eine eigentümliche, mehr als

ein Mittelgebirge wie als Alpengegend erscheinende Landschaft: lang

gestreckte, aus Molasse, Sandstein und Kreide aufgebaute, zu Hochebenen

abgeplattete Hügel, in denen die Zuflüsse der Bregenzer Ache schmale

Gräben sich eingewühlt haben. Dieser Teil, auch der Vordere oder Äußere

Bregenzerwald, ist dicht bevölkert und wohl angebaut. Südlicher erhebt

sich die Kreideformation zu höheren, oft steil abfallenden Bergen und

steigt noch südlicher als Innerer Bregenzerwald zu den Hochkalkalpen

hinan. Im Äußeren Walde liegen die Ansiedelungen meist auf der Höhe der

abgeplatteten Hügel, im Inneren drängen sie sich in den Thalweitungen

zusammen. Den ganzen Bregenzerwald schmücken prächtige Forsten und

Alpenmatten; seine thätige und wohlhabende Bevölkerung treibt eifrig

Viehzucht und Holzgeschäft, daneben auch Weberei, die Weiber (Abb. 109)

Stickerei. Der Haupteingang in den Bregenzerwald führt nicht durch das

enge Thal der Ache, sondern von Schwarzach über die Bergrücken. Der

letzte Ort im Thale der Ache ist das hoch gelegene „Schrecken“ (1260

~m~), von wo noch Jochsteige über das Gebirge nach dem bayerischen

Allgäu, nach dem tirolischen Lechthal und nach der Arlbergstraße führen.

[Illustration: Abb. 122. ¯Schloß Tirol.¯

(Nach einer Originalphotographie von B. Johannes in

Partenkirchen-Meran.)]

[Sidenote: Rheinthal.]

Ein mächtiges, 15 ~km~ breites Delta haben sich der Rhein und die

Bregenzer Ache bei ihrer Mündung in den Bodensee geschaffen. Höher

aufwärts wird das Rheinthal zwar schmaler, behält aber bis Feldkirch

immer noch eine Breite von 8–10 ~km~. An den beiderseitigen Thalhängen,

dem österreichischen wie dem schweizerischen, laufen Bahnlinien

thaleinwärts; zwischen ihnen sucht sich der Rhein in der weiten

Thalebene mit großen Windungen seinen Weg.

Tirol · 第 8 / 14 段