an dem sonnseitigen Abhang der Thäler. Denn da kommt nicht bloß der
Lenz früher, auch der Tag ist länger mit seinem Sonnenschein. Darum
findet man bei allen in ostwestlicher Richtung sich dehnenden Thälern
die nach Süden geneigten Thalwände besiedelt, wenn es die Steilheit der
Hänge erlaubt, während die nach Nord schauende, also südlich liegende
Thalwand, dem finsteren Wald überlassen bleibt. In den von Nord nach
Süd streichenden Thälern dagegen setzt sich die Ansiedelung dorthin,
wo das sanfteste Gehänge ist oder wo der Thalgrund zu kleinen Ebenen
sich ausweitet. Das ist zumeist dort der Fall, wo in ein größeres
Thal Seitenthäler münden. Und auch das einzelne Haus liebt es, seine
Vorderfront nach Süden zu kehren, wenn das irgendwie angeht. In der
Regel suchen die Ansiedelungen die Thalsohle auf; ist diese aber
versumpft, so streben die Gehöfte an die Berglehnen hin und um so höher
an diesen empor, je sanfter, sonniger und fruchtbarer das Gehänge,
die Neigung der Berglehnen sich erweist. In manchen Thälern sieht man
darum Dörfer und Einzelnhöfe stundenweit über der Thalsohle liegen,
in welcher der Thalbach entweder durch sumpfige Erlenniederung fließt
oder durch Schluchten sich ein wildes Bett gebahnt hat; und wenn unten
schon lange die Schatten des Abends liegen, glänzen hoch oben die
Dörfer mit ihren Kirchen noch im Sonnenlichte. Nicht ungern haben sich
auch die Ansiedelungen auf jene flachen Schuttkegel hingelegt, die in
längstvergangener Zeit dort entstanden, wo aus den Seitenschluchten
verheerende Schlammströme hervordrangen und ihren festen Bestand im
Hauptthale ablagerten.
[Illustration: Abb. 70. ¯Berliner Hütte¯, gegen den Waxeck-Gletscher.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
[Sidenote: Bauweise.]
Die Bauweise wird um so steinerner, je weiter man nach Süden
kommt. Zugleich streben die Häuser mehr in die Höhe. Aber auch in
Welschtirol besteht ein starker Unterschied zwischen den ladinischen
und den italienischen Thälern. Die Häuser in den ladinischen Thälern
unterscheiden sich nicht wesentlich von denen im mittleren und
nördlichen Tirol; nur der Holzverbrauch daran ist geringer. In
den italienischen Dörfern sehen auch die Häuser italienisch aus;
mehrstöckig steigen sie auf, schmutzig und verwahrlost. So sieht
man sie namentlich in Judicarien. Solange die Seidenzucht blühte,
gehörte hier das oberste Stockwerk den Seidenwürmern, die man
da droben verpflegte. Jetzt, nachdem dieser Betriebszweig stark
zurückgegangen ist, füllen die Judicarier auch die obersten Stockwerke
mit zweibeinigen Würmern an; aus allen Fenstern kreischen zerzauste
Italienerinnen und kleine, schwarze, schmutzige Italiener.
Eigenartig wie die Bauart der ländlichen Häuser ist auch jene in
den Städten, soweit sie alt ist. Man kann in Tiroler Städten heute
noch zahllose Häuser finden, die viel eher als kleine Ritterburgen,
Miniaturklöster oder erweiterte Hexenküchen wie als bewohnbare Häuser
erscheinen. Ja, manche Städte, wie Rattenberg, Sterzing, Klausen, sind
fast nur aus solchen Häusern zusammengesetzt. Die Eingangsthüren dieser
Häuser sind meist mit marmornen Bogen überwölbt; dann geht es aber
hinab, statt hinauf, in ein finsteres, kerkerartiges Gewölbe, das als
Vestibül dient. Finster ist auch die steinerne Stiege, die in irgend
einem Winkel in die Höhe führt. Die alten Tiroler Baumeister scheinen
das Ideal des Hauses in der Unregelmäßigkeit gesehen zu haben; wo es
immer möglich war, wichen sie von der wagrechten und senkrechten
Linie ab. Fluren, Zimmerböden, die Decken der Gänge und der Zimmer
heben und senken sich nach Willkür. Zimmer und Gänge liegen häufig in
ungleichen Höhen; es geht beständig treppauf, treppab. Manche Zimmer
erhalten ihr Licht durch ein Loch aus einem höher gelegenen Zimmer oder
Flur, und man würde sich nicht wundern, einmal in einem Raum zu stehen,
der das Fenster im Boden und die Thüre im Plafond hat. Malerisch aber
sind alle diese Häuser, von denen manches an seiner Außenseite die
Spuren verblichener Freskomalerei trägt; und so auch die Gäßchen, wo
verirrte Sonnenstrahlen zwischen Schattenwinkeln umherhuschen und die
roten Nelkenköpfchen hinter den Gitterfenstern küssen.
[Illustration: Abb. 71. ¯Jenbach¯, vom Burgeck gesehen.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
[Sidenote: Bauern und Hirten.]
Die ländlichen Bestandteile des Tiroler Volkes sind Bauern und
Hirten. Der Arbeit des Bauern sind die Thaltiefen und die bewohnbaren
niedrigeren und sanfter abgedachten Berghänge überlassen; jener des
Hirten die höher gelegenen Hänge und Mulden des Gebirges. Diese
verschiedenen Arbeitsfelder gehen ineinander über; so auch die
Volksklassen, die darauf leben. Im Winter muß auch das Hirtenvolk zum
Bauernvolk werden (Abb. 48 bis 50).
Die bäuerliche Bevölkerung wohnt, je nachdem es die Ansiedelungsflächen
gestatten und nötig machen, bald in Dörfern, bald in Einödhöfen. In den
Dörfern drängt sich Wohlhabendes und Ärmeres zusammen; da wohnen neben
den Bauern auch manche Kleinhäusler. Die einzeln liegenden Gehöfte
gehören meist wohlhabenderen Bauern. Da sitzt der Bauer auf seinem
Hofe oft mit 10–12 Ehehalten (Dienstboten), die alle an seinem Tische
essen und unter seiner Leitung arbeiten. Jener Teil des Jahres, der
nicht von der Feldbestellung und von den Erntearbeiten beansprucht
ist, gehört den Arbeiten im Walde und auf der Viehweide. Zu jedem
ordentlichen Bauernanwesen gehört auch ein ansehnliches Stück Wald und
Almländereien; wichtige Winterarbeiten sind der Transport von Holz und
Streu aus den Wäldern, von Heu aus den Heustädeln der höher gelegenen
Bergwiesen nach den Gehöften.
Im Frühjahr wandert ein Teil des Gesindes mit dem Vieh nach den
Höhen, um bis zum Herbste als Hirtenvolk droben zu leben. Bloß in
einzelnen Teilen Nordtirols werden die Almen von Sennerinnen bezogen;
im größten Teile des Landes von Männern, die entweder Senner (Melcher)
oder Ochsner sind. Senner und Sennerinnen haben die Milchkühe zu
versorgen, Milch, Butter, Schmalz und Käse zu gewinnen, und, was sie
davon nicht selber verbrauchen, ihrem Bauer ins Thal hinabzutragen.
Die Ochsner hüten jene Herden von Jungvieh, welches, zur Handelsware
bestimmt, im Frühsommer auf die Almen getrieben wird, um sich droben
mit den kräftigen Gräsern und Kräutern des Hochgebirges zu nähren. Die
Arbeit der Senner verlangt mehr Kenntnis und Sorgfalt, auch größere
Reinlichkeit. Darum sind die Hütten der Senner, und ganz besonders der
Sennerinnen, wohnlicher und sauberer; jene der Ochsenhirten und noch
mehr der Schafhirten dagegen erscheinen als die denkbar urwüchsigsten
menschlichen Behausungen, ohne Spur von Bequemlichkeit; nur ein
Heulager und eine oft nicht einmal über den Erdboden emporragende
Feuerstätte unter einem Dache und zwischen Wänden, durch die der
Bergsturm heult. Wege freilich müssen zu all’ diesen Hütten führen;
aber bloß um der Tiere, nicht um der Menschen willen.
Eine eigentümliche Art von Wanderung veranlaßt auch die Zeit der
Heumahd auf den Alpenwiesen. Jene großen ergiebigen Grasflächen,
welche nicht als Weideland benützt werden, sondern deren Heu man in
die Gehöfte herabbringen will, um es als Winterfutter zu benützen,
können, wenn sie von den Dörfern entfernt liegen, nicht an einem
Arbeitstage gemäht werden, sondern verlangen mehrtägige Arbeit. Da
wandert denn ein großer Teil der Dorfbevölkerung mit Sensen, Rechen und
Heugabeln nach den Höhen hinauf; auch Kochgeschirr und Nahrungsmittel
werden mitgenommen, und es beginnt eine Zeit froher Arbeit unter
blauem Himmel, angesichts der prachtvollen Bergwelt. Dabei kommen
allerlei Übermut, Scherz und Gesang und auch die Liebe zu ihrem Recht;
übernachtet wird auf duftendem Heulager.
[Illustration: Abb. 72. ¯Achensee¯, gegen die Pertisau.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
Technisch sind die Tiroler erfinderische Köpfe. Man kann in ganz
abgelegenen Thälern sehen, wie der Erfindungsgeist mit der rauhen
Natur kämpft und ihre Kräfte dienstbar zu machen sucht. Der Hirt,
dem der Gletscherbach den Steg zu seiner Hütte fortgerissen hat, muß
sich eine neue Brücke bauen; er muß sein eigener Ingenieur sein. Als
Naturkraft ist überall das fließende Wasser zu haben. Man nützt es
aus, indem man durch kleine Mühlrädchen Butterfässer und Drehbänke,
ja selbst Kinderwiegen in Bewegung setzt. Kleine, mit Dünger beladene
Wagen werden auf steile Bergwiesen durch ein Seil hinaufgezogen, das
über eine von einem Mühlrad getriebene Welle läuft. So braucht man
überall die Bergbäche zum Betrieb von Mühlen, Hammerwerken, Sägen und
dergleichen.
[Sidenote: Industrie, Handel und Verkehr.]
Die industrielle Thätigkeit des Tiroler Volkes ist weit vielseitiger,
als der Reisende, der das Land nur auf Dampfesflügeln durcheilt,
anzunehmen geneigt ist. Für ihn verschwindet sie nur im Vergleich zu
der kolossalen Natur, unter deren Riesengebilden die Gestaltungen des
menschlichen Gewerbfleißes notgedrungen etwas zwerghaft erscheinen
müssen. Die mineralische Rohproduktion entringt den Eingeweiden der
Erde Eisen, Kupfer, Blei, Zink und Braunkohlen. Wichtiger als all’ dies
zusammen ist das in den Salinen von Hall gewonnene Salz. Hochachtbar
ist ferner die Erzeugung von Cement und hydraulischem Kalk in der
Umgebung von Kufstein und Kirchbichel; die Produkte derselben gehen
nach Deutschland, Österreich-Ungarn, Italien und den Donautiefländern.
Auch die Marmorbrüche von Trient und Laas führen einen Teil ihres
Erzeugnisses aus. Die Metallindustrie ist von alters her eine blühende
im Unterinnthale, namentlich für landwirtschaftliche Werkzeuge, Sensen,
Sicheln, auch Äxte, Sägen und dergleichen. Die Nahrungsmittelindustrie
liefert konservierte Gemüse und Früchte; letztere in unerreichter
Güte; große kaiserliche Tabakfabriken arbeiten in Schwaz und Sacco
(Etschthal). Die Baumwollindustrie ist in Vorarlberg mit glänzenden
Erfolgen und in großen Etablissements thätig; sie umfaßt Spinnereien,
Webereien, Kattundruckereien, chemische Bleichen und Färbereien
(Türkischrot). Im Innthale werden neben Baumwollwaren auch Leinen- und
Schafwollwaren erzeugt; eine Specialität ist der unverwüstliche Tiroler
Lodenstoff. An die Stelle dieser Zweige der Textilindustrie tritt in
Südtirol, von Bozen abwärts, die Seidenindustrie, mit dem Centrum
Rovereto; leider in starkem Rückgange wegen der Seidenraupenkrankheit;
so daß 1886 noch 1500000 ~kg~ Rohseide erzeugt wurden, 1892 nur mehr
662500. Fabriken für Seidenstoffe arbeiten zu Ala und Rovereto. Die
Holzschnitzerei ist als Hausindustrie im Grödener Thal verbreitet und
genießt eines vortrefflichen Rufes.
Die Lage Tirols zwischen Deutschland und Italien machte das Land schon
im Mittelalter zu einem wichtigen Durchzugsgebiet und weckte bei den
Anwohnern der Hauptverkehrswege einen gewissen Handelsgeist. Aber bei
der Armut und der Einfachheit der Bedürfnisse, die in den abgelegeneren
Thälern herrscht, konnte von einer lebhafteren Entwickelung des
Binnenhandels nicht die Rede sein; Bozen ist die einzige Handelsstadt;
die übrigen Plätze beschränken sich meist auf Specialitäten. Die,
namentlich früher, recht unvollkommenen Verkehrsgelegenheiten mußten
dem Hausierhandel eine erhöhte Bedeutung zuweisen; so stellten denn die
Tiroler einen ansehnlichen Beitrag zum internationalen Hausiergewerbe
und waren vordem als Teppichhändler überall in Deutschland und
Oesterreich gesehen. Diese Teppichhändler kamen zumeist aus dem
Defferegger Thale; aus dem Zillerthale die Handschuh- und Viehhändler;
mit Holzschnitzereien wanderten die Grödener, mit Südfrüchten die
Passeirer und Vintschgauer. Die Bewohner anderer Thäler unternehmen
als Arbeiter Wanderungen nach Deutschland, Österreich und Italien.
So findet man allenthalben in diesen Ländern Tiroler als Maurer,
Steinmetzen und Stuckateure, Ziegelarbeiter, Hausknechte, Holzarbeiter.
Glänzende Reichtümer werden selten heimgebracht; doch sind einzelne
Leute in ihr heimisches Thal mit ansehnlichen Vermögen zurückgekehrt;
und alle diese Wanderarbeiter verdienen in der Fremde mehr, als sie
daheim erwerben könnten.
[Illustration: Abb. 73. ¯Eng-Alpe¯ (Hinterriß).
(Nach einer Originalphotographie von B. Johannes in
Partenkirchen-Meran.)]
Die denkbar schroffsten Gegensätze weist in Tirol das Verkehrswesen
auf. Durch das Innthal, über den Brenner, durchs Puster- und
Brixenthal, über den Arlberg, und durch die Veroneser Klause donnern
die Eilzüge mit ihren bequemen Schlafwagen. Aber von manchen Stationen
dieser Bahnen führt keine Straße mehr weiter, sondern nur Saumwege.
Und aus dem Fenster des dröhnenden Eisenbahnwagens sieht man gegenüber
an den Felswänden Steige, die nur der schwindelfreie Älpler zu begehen
vermag. Die Tiroler Poststraßen sind fast durchgängig vortrefflich,
einzelne von ihnen wahre Meisterwerke des Straßenbaus, wie etwa die
Straße von Landeck über Finstermünz und die Malser Heide nach Mals,
die Stilfser Jochstraße, der kühne Straßenzug über die Mendel, der
Fernpaß und andere. So wie man jedoch die Poststraßen verläßt, werden
die Wege dürftig. Die kurzen Anfangsstrecken, die in die Seitenthäler
hineinführen, sind noch zur Not fahrbar; oft hört aber bei der ersten
Thalstufe schon der Wagenverkehr auf; die Saumpfade beginnen und die
letzten Verzweigungen der Wege sind schwindlige Fußsteige, an Abgründen
entlang führend und zuletzt in Fels- und Eiswüsten endend. Und nicht
bloß Fußsteige und Saumwege; auch Fahrstraßen werden oft genug im
Frühjahr durch Lawinen, im Sommer durch Gewitterregen streckenweise
ungangbar gemacht, zerrissen, mit Schlamm- und Steinströmen
überschüttet. So ist der Verkehr zwischen den hoch gelegenen
Gebirgsdörfern und den tieferen Thallandschaften schon in der guten
Jahreszeit oft erschwert, im Winter wochenlang unmöglich, bis durch den
tiefen Neuschnee Bahn geschaffen ist.
[Sidenote: Tiroler Kunst.]
Der stark ausgeprägte künstlerische Sinn des Tirolers bethätigt sich
zunächst in seiner Architektur. Daß das Tiroler Bauernhaus weit
interessanter und mannigfaltiger in seiner Erscheinung ist, als das
fränkische oder niedersächsische, hat seine guten Gründe. Die von der
Natur aufgenötigte Verschiedenheit des Baumaterials, die Unebenheit
des Bodens, das Streben nach der Sonnenseite und nach der Front des
Thalwegs: alle diese Bedingungen wiesen den Tiroler Baumeister seit den
ältesten Zeiten auf eine Mannigfaltigkeit der Bauformen hin, die eben
in der Ebene nicht notwendig ist und sich deshalb auch nicht ausbildet.
Zu diesen natürlichen Bedingungen der Entwickelung des Kunstsinns kamen
noch geschichtliche Verhältnisse: die Einflüsse der römischen Kunst
in den Zeiten der Römerherrschaft, der Anregungen aus Italien seit
dem Mittelalter. Der Bau des Bauernhauses mußte wieder auf den Bau
der Kirchen einwirken, womit dann weiter deren innere Ausschmückung,
Plastik und Malerei, zusammenhängen. Frühzeitig mußten die Tiroler
zu der Empfindung kommen, daß ihre Häuser, Kirchen, ja die ganzen
Ortschaften nicht bloß architektonisch, sondern auch landschaftlich
wirkten. Die Plastik, für kirchlichen Schmuck und für die kleinen
Heiligtümer des Hauses arbeitend, konnte namentlich auf Holzbildhauerei
sich werfen; die Malerei, ebenfalls zumeist für kirchliche Zwecke
schaffend, ward mit Vorliebe Heiligen- und Historienmalerei. Der
berühmteste unter den Tiroler Malern ist Franz von Defregger geworden,
ein Bauernsohn aus dem Pusterthale, dessen künstlerische Kraft sich
aus den Stoffen und Zuständen seiner Heimat unerschöpfliche Jugend
sammelt. Neben ihm steht würdig Mathias Schmid aus Paznaun (Abb. 51 und
53). Daß die Künstler Tirols ihre Werkstätten nach auswärts verlegten,
hat seinen guten Grund; die Kunst bedarf jenes geistigen Luftzuges,
der durch die große Welt, nicht durch die engen Thäler weht. Darum
hat auch die Dichtkunst keine rechte Heimstätte in Tirol gefunden.
Wohl rühmt sich das Land, daß des edlen Minnesängers Walther von der
Vogelweide Heimathaus auf luftiger Höhe über dem Eisack steht (Abb.
52); aber auf die neuere und neueste Entwickelung deutscher Sprache und
Dichtung hat Tirol keinen Einfluß genommen. Das liegt indessen nicht
am Volke, sondern an seinen bisherigen Erziehern, die der Freiheit des
Denkens und Empfindens nicht jenen Spielraum ließen, dessen sie zu
litterarischen Großthaten bedurft hätte. Der Tiroler wird in seinen
Thälern wohl zu einem frommen und patriotischen Empfinden erzogen,
aber nicht zu jener Weltumschau und geistigen Flugkraft, die man vom
modernen Schriftsteller verlangt. Beda Weber und Hermann von Gilm
sind die hervorragendsten Dichter Tirols aus diesem Jahrhundert; aber
sie sind außerhalb Tirols kaum genannt. Das Land muß seinen Klassiker
noch gebären; aber daß es ihn aus seinem Felsenboden hervortreten
lassen wird, ist sicher bei einem Volke, dessen Phantasie dereinst die
glanzvollen Gestalten des deutsch-langobardischen Sagenkreises schuf
und von dessen Burgen so reich der Minnesang erklungen ist.
[Illustration: Abb. 74. ¯Schwaz.¯
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
[Sidenote: Gesang und Dichtung. Wohlstand.]
Der künstlerische Sinn des Volks zeigt sich auch im Volksgesang. Es
ist aber merkwürdig, wie ungleichartig die Freude am Singen verbreitet
ist. Die klingende jauchzende Heimat des Tiroler Volksliedes ist das
Zillerthal mit seinen grünen Matten und seinen schneidigen lebensfrohen
Menschen. Hier schallt aus jeder Hütte das zur Musik gewordene Denken
und Fühlen des Volks. Von hier aus hat die sangeskundige Familie der
Rainer ihre Liederfahrten um die Welt gemacht und sich Ehren und
Reichtum erworben, ohne ihrer Tiroler Heimat darüber zu vergessen. Es
ist freilich nicht mehr alles, was man im Zillerthale hört, reiner
Volksgesang; verführt vom Beifall der großen Welt, haben die Tiroler
sich zu ihren alten Liedern manches hinzugesungen und hinzukomponieren
lassen, was nicht echt ist. Aber echt ist ihre Freude am Gesang,
echt ihr Talent. Außer dem Zillerthal singt man auch gern im ganzen
Unterinnthal und in all’ den Thälern, die an die almenreichen
bayerischen Berge angrenzen. Auch im Pusterthale wird gesungen; aber
da mischen sich in den jauchzenden übermütigen Klang der Lieder jene
eigentümlichen schwermütigen Motive, die dem Kärntner Volkslied eigen
sind und wohl südslavischen Gesängen entstammen oder nachempfunden
wurden. In den übrigen Thälern Tirols singt man nur, wenn der Wein die
Zungen löst -- ausgenommen im liederfrohen Ultner Thale.
Der Gesang verbindet sich entweder mit dem Trinken oder mit der
Liebe. In den Nordtiroler Wirtshäusern wird gesungen, wenn sich die
Bursche, jeweils auch Bursche und Mädchen an Sonntagen versammeln. Dann
lösen Gesang und Tanz sich ab. Auch in den Almhütten beim Herdfeuer
und auf den Bergwiesen bei der Heumahd wird gern gesungen. Seine
trutzigsten Lieder singt der junge Tiroler, wenn er vom „Gasselgehen“
heimkehrt. Das Gasselgehen ist der Gang an Liebchens Fenster, ein
Gang, der in allen Alpenländern und auch anderwärts vorkommt. Führt
er den jugendlichen Wagehals in ein fremdes Dorf, so ist er nicht
ganz gefahrlos; denn es kann dem Eindringling leicht begegnen, daß er
von eifersüchtigen Gegnern „heimgescheitert“, d. h. mit Baumästen,
Holzscheiten und Zaunpfählen während seines Rückzugs geworfen wird,
wobei schon mancher feurige Liebhaber auf dem Platze geblieben sein
soll. -- Eine durchaus bodenständige Kunst, aber merkwürdigerweise nur
im Unterinnthal und dessen Nachbarschaft, ist das volkstümliche Drama.
Man muß die Bauerntheater in Thiersee, in Brixlegg, in Erl gesehen
haben, um darüber zu staunen, mit welchem sicheren künstlerischen
Bewußtsein eine kleine bäuerliche Dorfbevölkerung sich einen Tempel
dramatischer Muse schafft, ihn mit Gestalten belebt und ihn mit
herzlicher Zuneigung zur Blüte ihres Genußlebens macht. Auf den Tiroler
Bauerntheatern werden, durchwegs von Bauern, Stücke gespielt, deren
Inhalt der Leidensgeschichte Christi, aber auch der christlichen
Legende, der deutschen Volkssage, der Geschichte des romantischen
Mittelalters, dem Tiroler Freiheitskriege und dem bäuerlichen Leben der
Gegenwart entnommen ist.
Daß das Schwergewicht nationaler Bedeutung für Tirol in den Dörfern,
nicht in den Städten liegt, erklärt sich leicht. In den Städten hat
man, seit sie bestanden, behaglich gelebt; den stählenden Kampf ums
Dasein mußte seit Jahrhunderten der Bauer führen. Er mußte sein
Besitztum und seine Arbeitsfrucht ununterbrochen einer erbarmungslosen
Natur aus den Felsenzähnen reißen, während der Städter, von seinen
Mauern und Thoren geschirmt, unter schützenden schattigen Lauben
gefahrlosen Erwerbs sich freute, den der lebhafte Verkehr an den alten
Welthandelsstraßen reichlich bot. Bozen mußte bei seinem milden Klima
und seiner an Blüten und Früchten reichen Umgebung schon im Mittelalter
eine Stadt des Wohlstands und des Genusses sein, die von der Natur
mehr begünstigt war, als irgend eine andere Stadt im deutschen
Sprachbereich. Und daß auch Innsbruck und die kleineren Tiroler Städte
gern manches vom heiteren Lebensgenuß des Mutterländchens annahmen --
wen möchte das wundern? So finden wir in den Tiroler Städten nicht
jene stahlklirrende Arbeitshast, jene nervenzerstörende Unrast,
jenen freudlosen Erwerbseifer, wie in vielen gleich großen deutschen
Städten. Man nimmt sich Zeit zum Leben hier in den alten behäbigen
Bürgerhäusern; in den Amts- und Ratsstuben, wo gemütliche, nichts
übereilende Würdenträger hausen; in den sauber getäfelten, zum langen
Sitzen so geeigneten Speisezimmern der Gasthäuser, wo es so zarte
Backhühner und so feurigen Kalterer Specialwein gibt!
[Illustration: Abb. 75. ¯Hall bei Innsbruck.¯
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
~VI.~
Das Unterinnthal und seine Nachbarschaft.
Unter den von Norden her nach Tirol führenden Zugängen ist bei
weitem der wichtigste jenes breite Felsenthor, das sich der Innstrom
zum Ausgang aus Tirol durch die nördlichen Kalkalpen gesucht hat.
Wer auf der München-Innsbrucker Bahnlinie sich diesem Felsenthore
nähert, sieht schon von der bayerischen Hochebene aus seine dunkel
bewaldeten Eckpfeiler und hinter ihnen die Tiroler Berge: die bizarre
Zackenmauer des Wilden Kaisers und die blinkende Schneepyramide des
Großvenedigers. Die Bahn läuft, nachdem sie von der Hochebene in die
Alpen eingetreten ist, noch eine Zeitlang auf dem linken, bayerischen
Innufer stromaufwärts, während drüben auf dem rechten Ufer unter den
waldigen Hängen des Grenzhorns schon das erste Tirolerdorf, Erl, sich
zeigt.
[Illustration: Abb. 76. ¯Dorf und Schloß Ambras.¯
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
[Sidenote: Walchsee.]
Gleich darauf, bei der bayerischen Bahnstation Oberaudorf, erschließt
sich nach Osten hin das erste Seitenthal des Innthals: die freundliche
Hügellandschaft der Sewi. Es ist offenbar ein vormaliges Seebecken,
durch welches der Inn hier seine Fluten träge zwischen Erlenauen
hinwälzt. Eine geräumige Mulde zwischen den bis zum Gipfel hinauf grün
bematteten bayerisch-tirolischen Grenzgebirgen und dem schrofferen
Felsenbau des Wilden Kaisers läßt hier Raum für mehrere Dörfer und
zahlreiche Einzelnhöfe. Wer etwa in Oberaudorf dem Bahnzuge entsteigt
und sich über den Inn setzen läßt, kommt in eine hügelige Ebene mit
wohlhabenden Dörfern und stattlichen Gehöften. Den Mittelpunkt dieser
Landschaft bildet das runde liebliche Becken des Walchsees. Nur die
finstere Felsenburg des Kaisergebirgs, das im Süden sich aufbaut, mahnt
hier daran, daß man sich in einem Hochgebirgslande befindet; sonst sind
alle Höhen grün und sanft geschwungen.
[Illustration: Abb. 77. ¯Waffensaal in Schloß Ambras.¯
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)]
[Illustration: Abb. 78. ¯Spanischer Saal in Schloß Ambras.¯
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)]
[Sidenote: Kitzbühler Ache.]
Das Thal setzt sich nach Osten fort; aber die Wasser, die vorher zum
Inn flossen, suchen sich jetzt einen anderen Weg. Man hat unversehens
eine niedrige Wasserscheide überschritten und gelangt in ein von Nord
nach Süden führendes Thal. Es ist das der Großache, auch Kitzbühler
Ache genannt. Dieser Bergstrom entspringt an der Grenze von Tirol und
dem salzburgischen Pinzgau auf der sumpfigen Höhe von Paß Thurn und
ergießt sich nach einem Laufe von 70 ~km~ in das weite Becken des
bayerischen Chiemsees. Wo er am sagenumwehten Engpaß bei Klobenstein
das Grenzgebirge durchbricht, ist der östlichste Zugang aus Bayern
nach Tirol. Das Großachenthal enthält eine Reihe einsamer waldreicher
Landschaften. Von seinem nördlichen Ende im Chiemseebecken zieht es
durch das Kalkgebirge bis nach Kitzbühel; von hier aufwärts bis zum
Ursprung der Ache durch Thonschiefer. Der nördlichste Tiroler Ort
im Großachenthal ist Kössen, ein Straßenknotenpunkt, von wald- und
almenreichen Hügeln umgeben. Rauchende Schlote verkünden gewerbliches
Leben; sie gehören zu einem großen Eisenhüttenwerk.
[Illustration: Abb. 79. ¯Innsbruck im Jahre 1575.¯
(Nach dem gleichzeitigen Bilde von Braun & Hogenberg.)]