[Sidenote: Großachenthal. Loferer Steinberge.]

Kössen ist ein Knotenpunkt, von welchem fünf Straßen nach verschiedenen

Richtungen hin ausstrahlen: nach Norden und Osten zu über die

Landesgrenze ins Bayerische; westwärts über Walchsee zum Inn; südlich

durch einsame Waldthäler nach Sankt Johann und Kitzbühel. Bleiben

wir im Hauptthal der Ache, um ihr Gebiet kennen zu lernen, so nimmt

uns zunächst einförmige Landschaft auf; in einer Erstreckung von 10

~km~ finden sich hier nur ein paar Bauernhöfe. Sonst nichts als Wald

und abermals Wald. Erst in der Nähe von Erpfendorf wird die Gegend

offener. Hier zieht sich eine für den Verkehr von Nordtirol nach den

salzburgischen Landen wichtige Thallandschaft nach Osten hin. Bei

Waidring gabelt sich dieses Thal; während ein Ast desselben sich nach

Süden wendet, wo unter den weißgrauen Steilabstürzen des Loferer

Steingebirgs der weltvergessene Pillersee in träumerischer Stille

ruht, zieht sich ein anderer Ast nach Osten. Dahin fließen nunmehr

auch die Wasser der Strubache. Die Landschaft gewinnt einen mächtigen

Zug, den ihr die Abhänge der Loferer Steinberge verleihen. Dieser

bedeutende, durch kühne Formen seiner treppenförmig ansteigenden Gipfel

ausgezeichnete Gebirgszug bildet den nordwestlichsten Grenzpfeiler

Tirols gegen Salzburg und erreicht im Birnhorn eine Höhe von 2634 ~m~.

Das Thal der Strubache aber verengt sich zum felsummauerten Paß

Strub, in dessen Tiefe eine einsame granitene Säule von jenen blutigen

Kämpfen, die einst um den Grenzpaß tobten, Zeugnis gibt.

[Illustration: Abb. 80. ¯Innsbruck¯, gegen Norden gesehen.

(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]

[Sidenote: St. Johann. Kitzbühel. Kaisergebirge.]

Von Erpfendorf aufwärts, im Hauptthal der Ache, wird das Gelände

offener; die Straße führt nach Sankt Johann „in Tirol“ zum Unterschied

von anderen gleichnamigen Orten (Abb. 54). Hier ist ein natürlicher

Verkehrsmittelpunkt; Thäler öffnen sich nach vier Seiten; durch zwei

derselben zieht der Eisenpfad der Giselabahn. Nach Südosten thut

sich ein weiter grünender Thalgrund auf, der von Pramau, durch den

in starker Steigung die Bahn aufwärts strebt nach Fieberbrunn und

Hochfilzen. Bei letzterem, hart am Fuße des Leoganger Steingebirgs,

erreicht sie die Wasserscheide zwischen Inn und Salzach, um in wilder

und einsamer Landschaft beim Paß Griesen die salzburgische Grenze

zu überschreiten. Im Südwesten von Sankt Johann hat der frühere

Reichtum des Thonschiefergebirgs an silberhaltigen Kupfererzen einen

merkwürdigen Bergbau entstehen lassen: die Gruben am Röhrerbühl, in

denen ein Schacht gegen 1000 ~m~ unter die Erdoberfläche hinabstieg,

als einer der tiefsten Schächte Europas. Der Metallreichtum, der nach

der Sage drei Bauern im Traum erschienen sein soll, ward seit 1540

ausgebeutet, versiegte aber nach hundert Jahren allmählich.

Von Sankt Johann läuft im breiten Achenthal die Giselabahn nach

dem anmutig und großartig gelegenen Städtchen Kitzbühel (Abb. 55).

Dasselbe ist heute noch der wichtigste Platz im Achenthal, ehedem

bedeutender wegen des Handelszugs über die Tauernpässe und nach Italien

und wegen des Bergbaues auf Silber- und Kupfererze. Südlich von

Kitzbühel zieht das Achenthal noch 14 ~km~ aufwärts in das einförmige

Thonschiefergebirge und endet in einem Hochmoor bei Paß Thurn an der

Grenze des salzburgischen Pinzgau.

Wir wenden uns wieder zurück an den Eingang des Innthals.

In schauerlicher Wildheit bauen sich unmittelbar über Kufstein die

Kalkschroffen des Kaisergebirgs empor. Wir durchwandern von Kufstein

aus, um in das Innere dieses Bergzuges einzudringen, eine Viertelstunde

lang eine kleine grüne Fläche; dann stehen wir an einer schattigen

Felsschlucht, durch welche der aus dem Kaiserthale kommende Kaiserbach

herabschäumt. Von hier führt kein Fahrweg mehr in das Thal; nur ein

treppenartig ansteigender Saumpfad. Sind wir aber eine Viertelstunde

auf diesem emporgestiegen, so erschließt sich das Kaiserthal, grün und

einsam, nur von sechs Bauernhöfen, den Kaiserhöfen, und von den in der

Höhe droben sich sonnenden Almen belebt. So ist das Kaiserthal eine

kleine Welt für sich, gegen Norden von der Welt abgeschnitten durch den

massiven plateauartigen Aufbau des „Zahmen“ Kaisers; während im Süden

der Wilde Kaiser seine lange, viel mächtigere Felsenmauer emportürmt.

Die Kaiserhöfe liegen alle auf den schönen Matten der Sonnenseite,

die hier, durch lichten Wald unterbrochen, allmählich ansteigen bis

zur Hochfläche des Zahmen Kaisers. Immer großartiger und wilder wird

die Landschaft, je weiter wir in das Thal eindringen; schroffer und

unbezwinglicher erscheinen die gezackten Türme, die im Süden aufragen.

Hinter dem sechsten und letzten Kaiserhofe hört das Thal auf, dauernd

bewohnt zu sein. Ein gut gebahnter Steig führt noch 1½ Stunde weiter

zu einer reizenden Heimstätte für Alpenwanderer: dem Hinterbärenbad

(Abb. 56). Diese Herberge ist nur im Sommer bewirtschaftet, weil sie

nur als Standquartier für Bergfahrten dient. Gegen Süden erschließen

sich hier jene grauenhaft öden schutterfüllten Felsmulden, aus denen

lotrecht die zerrissenen Wände und Türme des Sonnenecks, des Treffauer

Kaisers, der Karlspitzen, der Haltspitzen, der Ackerlspitze und

Maukspitze sich erheben. Seinen Höhepunkt erreicht das Gebirge in der

2344 ~m~ hohen Elmauer Haltspitze. Zu ihr führt ein nur schwindelfreien

Kletterern zugänglicher Steig, der an den bedenklichsten Stellen

durch Eisenstifte, die man in den Fels getrieben hat, gangbar gemacht

ist. Oben auf der schrecklichen Pyramide dieses Hochgipfels heulen

die Stürme rüttelnd um einen winzigen Bretterbau, eine Zuflucht für

Bergsteiger, die hier etwa von einem Hochgewitter überrascht werden.

[Sidenote: Thiersee.]

Einen sonnigen lachenden Gegensatz zur düsteren Größe des Kaiserthals

bildet das Thal von Thiersee, in das westlich von Kufstein aus dem

Innthal ein Sträßchen über den Rücken des Thierbergs führt. Die

Thierseer Ache fließt aus zahlreichen Bergbächen zusammen, welche teils

auf dem Tiroler, teils auf dem bayerischen Grenzgebirge entspringen,

und ergießt sich etwas nördlich von Kufstein, bei der bayerischen

Bahnstation Kiefersfelden in den Inn. Das Thal hat mehr den Charakter

einer Hügellandschaft, als einer Hochgebirgsgegend: üppig grünende,

sanft geschwungene Berghänge, die in den höheren Lagen bewaldet sind,

klare Bäche und überall stattliche wohlhabende Gehöfte, nicht so nahe

aufeinander gerückt, daß sie sich gegenseitig beengen könnten, und doch

nahe genug zu allenfallsiger gegenseitiger Hilfeleistung. Man wird kaum

eine Gegend in der Welt finden, wo sich die Lichtseiten einer freien

unvermischten Bauernbevölkerung unverfälschter beobachten lassen, als

in diesem Thierseer Thale. Das Herz der Landschaft ist Vorderthiersee,

ein Dorf mit ziemlich zerstreuten Gehöften, in der Nähe des Thiersees,

eines stillen, wiesenumrandeten Gewässers, um dessen Ufer die Glocken

weidender Kühe und der im Bergwald rauschende Wind eine überaus

friedliche Stimmung erklingen lassen (Abb. 57). Das war nicht immer so.

Im Jahre 1703, und später wieder 1805 und 1809 zeigten die Thierseer

den eindringenden Bayern und Franzosen den ganzen todverachtenden Mut

der Tiroler Freiheitskämpfer; und Jakob Sieberer, ein Volksheld aus dem

Thierseer Thale, wird rühmlich neben Hofer und Speckbacher genannt.

Auch darf nicht unerwähnt bleiben, daß die Bauern von Thiersee den

Musen keineswegs abhold sind. Gesungen wird im Thierseethale, wie in

dem benachbarten lebensfrohen Bayerisch-Zell; außerdem haben aber

die Thierseer ihr eigenes Theater, einen ansehnlichen Bretterbau,

in welchem während der Sommermonate allsonntäglich von bäuerlichen

Liebhabern dramatischer Kunst gespielt wird.

[Illustration: Abb. 81. ¯Inneres der Hofkirche in Innsbruck.¯

(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]

[Illustration: Abb. 82. ¯Theresienstraße in Innsbruck.¯

(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]

[Sidenote: Thiersee. Kufstein.]

Die Bauern von Thiersee besitzen ein so ausgedehntes Gebiet an

Bergweiden, daß dasselbe im Sommer nicht bloß ihre eigenen Rinder,

sondern auch große von auswärts zugetriebene Herden ernährt. So zieht

sich denn während der schönen Jahreszeit ein großer Teil des Lebens der

Bevölkerung nach den Almen hinauf. Und die Mädchen von Thiersee, die

als Senninnen droben auf den Almen hausen, sind berühmt wegen ihrer

Schönheit. Auf diesen Almen kann man neben frohmütigem lachenden und

blonden Weibervolk wohl auch jene dunklen rätselhaften Schönheiten

sehen, bei deren Anblick man eher vermuten möchte, sie seien verkappte

Berggeister. Alle aber verstehen sie’s, ihre hellstimmigen Jauchzer

hinüberzusenden über des Landes Grenze zu den benachbarten bayerischen

Almen, von wo die übermütige Antwort wiederklingt.

[Illustration: Abb. 83. ¯Oberinnthaler.¯

(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)]

Zwei Ortschaften liegen noch höher droben im Thale: Hinterthiersee und

Landl. Westwärts wird es dann ganz einsam und still; die grauen Wände

des „Hinteren Sonnwendjochs“ umdüstern die Landschaft. Das einzige

Sträßchen, welches das Thal durchzieht, wendet sich nordwärts, um durch

waldige Schluchten, in denen noch die Erinnerungen längstvergangener

Kämpfe geistern, hinaus nach dem lustigen Bayerisch-Zell zu ziehen,

über das der liederreiche Wendelstein sein Felsenhaupt erhebt.

[Illustration: Abb. 84. ¯Scharnitzer.¯

(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)]

Erst nachdem wir diese, dem Haupteingang Tirols nebenliegenden Gebiete

kennen gelernt haben, betrachten wir uns die Eingangspforte selber: das

alte Grenzstädtchen Kufstein (1900 Einw.; Abb. 60) mit seiner ragenden

Feste. Eingekeilt liegt es zwischen dem Innstrom und den Ausläufern

des Kaisergebirges, beherrscht von der auf einem isolierten Felsklotz

erbauten Festung. Stadt und Feste waren im früheren Mittelalter

bayerischer Besitz; im Jahre 1503 aber, gelegentlich eines bayerischen

Erbfolgestreites, gerieten sie in die Hände des Kaisers Max ~I.~, der

damals eigenhändig seine schwersten Geschütze gegen sie richtete und

ihren ungehorsamen, aber tapferen Befehlshaber Pienzenauer enthaupten

ließ. Seit jener Zeit gehörte Kufstein zu Tirol. Während des Krieges

von 1703 ward es von den Bayern vorübergehend genommen; ebenso wieder

1809. Damals ward es von seiner bayerischen Besatzung mit zäher

Tapferkeit gehalten, obwohl der kühne Speckbacher selber seine ganze

List und Verwegenheit daran setzte, die Feste zu gewinnen.

Die Lage von Kufstein ist reizend. Das Flachland selber sieht man

von hier nicht mehr, wohl aber die tiefe Einsattelung der nördlichen

Kalkkette, hinter der es liegt. Im Osten streben die Felsenpfeiler des

Kaisergebirges empor; im Westen die klotzige Pyramide des Pentlings;

nach Südwesten schweift der Blick weit, weit thalaufwärts, bis zu den

im Fernduft verschwindenden Stubaier Fernern.

[Sidenote: Unterinnthal.]

Von Kufstein aufwärts bis Innsbruck erstreckt sich das Unterinnthal,

wohl die wichtigste Lebensader des ganzen Tirolerlandes. Seine Natur

steht zwar an Üppigkeit und Freigebigkeit zurück hinter jener des

unteren Etschlandes. Aber seine Bevölkerung ist gleichartig und von

kraftvollem Schlage (Abb. 58 bis 62), den Bestrebungen der Aufklärung

und des Fortschrittes nicht abhold, in lebhafterer Berührung mit dem

stammverwandten Deutschland, angeregt von der großen Weltverkehrsader,

von der das Thal durchzogen wird. Dabei hat dieses auf seiner breiteren

Sohle und den sanfteren seiner Gehänge Raum zwar nicht für größere

Städte, wohl aber für wohlhabende kleinere Orte und zahlreiche

zerstreute Sitze eines freien Bauernstandes, der mit der Gemütlichkeit

und schneidigen Kraft des Altbayern, dem er zunächst verwandt ist,

einiges von der geschäftlicheren Gewandtheit des Alemannen verbindet.

Ist doch der Typus des Unterinnthalers in Speckbacher zu suchen, dem

kühnen und umsichtigen Generalstabschef Andreas Hofers, dem leitenden

Geiste des großen Tiroler Volkskrieges. Die Unterinnthaler wären schon

für sich allein, mit den Einwohnerschaften ihrer Seitenthäler, ein

durchaus charakteristisches fertiges Völkchen, kraftvoll genug, um ein

eigenes Staatswesen zu bilden und eine eigene Geschichte zu haben, wie

vordem die Bevölkerungen der Schweizer Kantone sie hatten.

[Illustration: Abb. 85. ¯Lechthalerin.¯

(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)]

Wir setzen unsere Wanderung durch das Innthal, von Kufstein

aufwärts, fort. Hat man die Strecke, wo der Innstrom den Zug der

nördlichen Kalkalpen quer durchbricht, hinter sich, so verliert

das Thal auf eine Länge von fast 20 ~km~ seine romantische Größe;

seine beiden Umwallungen sind ziemlich einförmige, nicht schärfer

charakterisierte Berglinien. Zwei Straßen laufen thalaufwärts, eine

rechts und eine links vom Innstrom; zwischen beiden die Bahnlinie.

Das Thal, das ziemlich eng erscheint, solange noch von Osten her die

Felsenburg des Kaisergebirges hereindroht, erweitert sich allmählich.

Seine Südostseite wird zu einer Terrassenlandschaft, welcher die

Steinkohlengruben von Häring und die berühmten Cementwerke bei

Kirchbichl einen stark industriellen Zug verleihen. Ländlicher ist die

nordwestliche Thalwand geblieben. Hier hat sich, auf eine Ausdehnung

von etwa 15 ~km~, von Langkampfen bis Brixlegg, zwischen das Strombett

und die nordwestliche Thalwand ein Mittelgebirge eingelagert: eine

niedrige Trümmerlandschaft, teils bewaldet, teils zu sanften Mulden

ausgeweitet, in denen grüne Matten, kleine Waldteiche, Eichengruppen

und schöne Bauernhöfe anmutige Landschaftsbilder bieten. Hier liegt

auch der berühmte Wallfahrtsort Mariastein in idyllischer Stille.

Es ist eine alte Ritterburg, durch ein wunderthätiges Marienbild,

welches, mehrmals weggebracht, hartnäckig hierher zurückkehrte, zum

Wunderplatze gefeit.

[Illustration: Abb. 86. ¯Die Martinswand.¯

(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]

[Sidenote: Brixenthal. Wildschönau. Rattenberg.]

Auf der anderen Thalseite ist es lebhafter. Dort, bei der Station

Wörgl, mündet in die Innthaler Bahnlinie, von Osten her kommend, die

Giselabahn; das Thal hat sich zu einem breiten Wiesengrunde erweitert.

In ihn öffnen sich zwei Thalspalten. Durch die nördliche derselben, das

Sölland genannt, führt die wichtige Kaiserstraße unter dem Südabsturz

des wilden Kaisers nach Sankt Johann. Dieser Straßenzug bezeichnet

die geologische Scheide zwischen dem Kalkgebirge im Norden und dem

Thonschiefer im Süden. Wichtiger für den Verkehr ist aber in neuerer

Zeit die südlichere dieser Thalspalten geworden: das Brixenthal, durch

welches die Giselabahn nach Kitzbühel und weiterhin nach Zell am See

und Salzburg führt. Das Brixenthal hat zwar nur eine schmale Sohle,

aber geringere Neigung seiner Thalwände, als die meisten anderen

Thäler. Prächtige Matten erstrecken sich bis zu den Gipfeln der Berge

hinauf, mit unzähligen braunen Heustädeln besetzt. Die Wälder aber

sind, wenigstens in den unteren Lagen, schlecht und arg mißhandelt. Das

Thal, in welchem die ansehnlichen Ortschaften Hopfgarten und Brixen

und, schon jenseits der niedrigen Wasserscheide, Kirchberg liegen,

empfängt seine Wasserzuflüsse aus langen einförmigen Seitengründen,

die von den Thonschieferbergen im Süden herabziehen. Seine nördliche

Vorlage bildet die hohe Salve, eine aussichtsreiche grünbemattete

Kuppe, die jedoch, abgesehen von ihrer berühmten Rundsicht, als Berg an

sich kein Interesse bietet.

Auf dem nur spärlich bevölkerten und teilweise versumpften rechten

Innufer trägt uns die Bahn thalaufwärts nach Kundl. Der Ort soll seinen

Namen von der heiligen Kunigunde, der Gemahlin Kaiser Heinrichs ~II.~,

haben. Sicher ist, daß Kaiser Heinrich im Jahre 1012 die einsam an

der Landstraße liegende Sankt Leonhardskirche erbaute. Hier öffnet

sich nach Süden zu ein weltfremdes Thal, die Wildschönau, dessen

Einwohnerschaft, in merkwürdiger Abgeschlossenheit dahinlebend,

alte Sitten und Rechtsbräuche vielleicht am treuesten in ganz Tirol

festgehalten hat. Uralte Bergbaue in dem einst erzreichen Gebirge der

Wildschönau haben aufgehört; der Name des „Schatzbergs“, der sich 1898

~m~ hoch über der Wildschönau erhebt, kündet noch von dem einstigen

Silbersegen.

[Illustration: Abb. 87. ¯Zirl, mit Ruine Fragenstein.¯

(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]

Reicher und bevölkerter wird das Innthal von Rattenberg aufwärts.

Rattenberg selber zwar, das alte Schifferstädtchen (Abb. 63), unter

dessen Burgtrümmern die Bahn in einem Tunnel hinzieht, macht mit seinen

hart über dem Innstrom hängenden grauen Häusern den Eindruck des

Verfalles. Solange die Schiffahrt auf dem Inn in Blüte stand, war

hier starker Verkehr; seit die Lokomotive das Innthal durcheilt, hat

dies aufgehört. Die bei Rattenberg und dem benachbarten Brixlegg (Abb.

64) von Norden und von Süden ins Innthal mündenden Thäler, das von

Brandenberg und das Alpbachthal, haben für den Verkehr keine Bedeutung.

Brixlegg selbst, wo sich, in eine Felswand gemeißelt, ein schönes

Denkmal des um die Erschließung von Tirol verdienten Schriftstellers

~Dr.~ Steub findet, ist eine viel besuchte Sommerfrische; dabei ein

kaiserliches Hüttenwerk und die alte Burg „Matzen“.

[Sidenote: Zillerthal.]

Von Rattenberg an entfaltet das Unterinnthal seine ganze Pracht. Breit

und wohnlich liegt es vor uns da, mit den gigantischen Bergen, die es

im Norden einschließen, mit dem Ausblick auf die Stubaier Ferner im

Westen, mit seinen Städten, Burgen und Klöstern. Schon bei Brixlegg,

auf welches von Norden die breit und charaktervoll vortretende

Berggruppe des Sonnwendjochs niederschaut, ragen aus dem Stromthal

umbüschte alte Ritterburgen empor. Und dann öffnet sich nach Süden zu

eines der schönsten Seitenthäler Tirols: das berggewaltige liederreiche

Zillerthal.

Offen und sonnig, bewacht von den riesigen Türmen der alten Feste

Kropfsberg, erschließt sich der Eingang dieses Thales. Fünf Stunden

lang fährt man auf fast ebener Landstraße thaleinwärts, ohne eine

Ahnung von der wilden Größe des Thales zu erhalten, an dessen grüner

Sonnenseite man bis hoch hinauf die Gehöfte leuchten sieht. Man fährt

durch das freundliche Fügen (Abb. 65), aus dem einst die Sängerfamilie

Rainer auszog, um den Tiroler Jodler jenseits des Oceans und in den

großen europäischen Hauptstädten erklingen zu lassen und dann, reich an

Ruhm und Gold, wieder in ihre Bergheimat zurückzukehren.

[Illustration: Abb. 88. ¯Ötz.¯

(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]

Weiter thaleinwärts liegt Zell am Ziller, der Hauptort des Zillerthales

(Abb. 66). Näher ist hier schon der gewaltige Thalhintergrund getreten:

die Gerloswand, der Tristenspitz und das vergletscherte Ingentkar.

Aber immer noch erscheint die Landschaft freundlich und sonnig;

um Zell gedeihen noch Weizen und Mais. Die vielen Herbergen, die

Häuser der Kleingewerbsleute im Dorfe wie die umliegenden Bauernhöfe

zeugen von Wohlhabenheit und Lebensfreude. Davon zeugt aber auch der

mächtige Wuchs des Zillerthaler Volkes und seine Freude an Gesang und

Zitherspiel, an der Liebe und am Raufen.

Bei Zell fängt das Zillerthal, welches bis hierher ohne nennenswerte

Seitenthäler blieb, an, einen anderen Charakter zu gewinnen; die bisher

sanft ansteigenden Thalgehänge verwandeln sich in dräuende Steilwände;

die ganze Landschaft wird ernster, dunkler. Ein steiles Fahrsträßchen

führt am Hainzenberge, dessen Goldgruben jetzt verlassen stehen,

vorüber zu dem hochgelegenen Alpendorfe Gerlos und von dort hinab in

den salzburgischen Pinzgau. Bleibt man im Zillerthale, so gelangt

man nach einstündiger Fahrt in den herrlichen grünen Thalkessel, wo

Mayrhofen (Abb. 67) liegt und alles Weitere wie vermauert scheint.

In der That ist das eigentliche Zillerthal hier zu Ende, aber seine

bedeutendste Hochgebirgsschönheit beginnt erst. Denn das Thal spaltet

sich in vier schluchtenartige Gründe, die sich noch viele Stunden weit

in das Innerste der Centralalpenkette hinauf erstrecken und aus denen

nur beschwerliche, nicht mehr fahrbare Jochsteige weiterführen.

Der östlichste dieser Gründe ist der mit seinen Ausläufern über 20 ~km~

lange Zillergrund, dessen letzte Ausläufer sich in den Eiswüsten der

Reichenspitzgruppe verlieren. Langwierige und mühsame Jochpfade führen

aus diesem nur spärlich bevölkerten Hochthale hinüber in das jenseitige

Ahrnthal. Fast völlig unbewohnt ist die ebenfalls bei Mayrhofen

mündende Schlucht der Stillup, die in einer Längenerstreckung von 16

~km~ nur mehr ein paar Alpenhütten und ein Jagdhaus herbergt und deren

südliches Ende vom Eiskranz der Zillerthaler Hauptkette verschlossen

ist.

[Illustration: Abb. 89. ¯Stuibenfall.¯

(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]

Am bevölkertsten und wohnlichsten unter diesen Seitengründen ist

das von Mayrhofen ostwärts hinaufziehende Tuxer Thal. Mit einer

Längenerstreckung von 20 ~km~ windet sich dieses in großem Bogen um

die eisbedeckte Kette des Tuxer Kammes. Es ist ein prächtiger grüner

Alpengrund, der eine Reihe von kleinen Hochgebirgsdörfern mit braunen

Holzhäusern enthält. Das höchst gelegene derselben ist Hintertux (Abb.

68), schon 1475 ~m~ über dem Meere, überragt vom schönen Eisgebilde

der „Gefrorenen Wand“. Das Thal ist arm; von Bodenfrüchten gedeiht

nur wenig mehr in solcher Höhe, aber dafür sind die Tuxer doch ein

prächtiges, schönes und lebensfrohes Völkchen, das jauchzend und

lachend seine mühsame Arbeit und den schweren Transport seiner

Molkereiprodukte besorgt. Man rühmt ihnen auch nach, daß sie den

reinsten verständlichsten Dialekt im Lande Tirol sprächen. Ein viel

begangener Jochsteig führt von Mayrhofen über Hintertux und das Tuxer

Joch in das Schmirnthal und an die Brennerstraße.

[Illustration: Abb. 90. ¯Sölden.¯

(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]

[Sidenote: Zemmgrund.]

Tirol · 第 6 / 14 段