Auf die Rhätier folgte die Romanisierung des Landes. Und die

Rhätoromanen scheinen viel weiter in die entlegeneren Thäler und nach

den Höhen zu vorgedrungen zu sein. Die romanischen Ortsnamen sind sehr

zahlreich; sie zählen nach Tausenden, sind ohne Schwierigkeit zu deuten

und hängen mit dem landschaftlichen Charakter der Gegend zusammen. So

wird jeder Lateiner Campiglio mit ~campus~, Vals mit ~vallis~, Vill

mit ~villa~, Pontigl mit ~ponticulum~ in Zusammenhang bringen.

[Illustration: Abb. 60. ¯Kufstein.¯

(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]

[Sidenote: Germanisierung Tirols.]

Der rhäto-romanischen Zeit folgte endlich die bajuwarische

Einwanderung, im Oberinnthal die der Alemannen. Die Germanisierung

des Landes begann; aber nur langsam. Unter die romanischen Ortsnamen

mischten sich immer mehr deutsche, wie Hall, Innsbruck, Landeck,

Steinach u. a. Im Vintschgau hielt sich das Romanische zäher, als im

Innthal; am zähesten in Enneberg und Gröden. Der slavische Zuzug von

Osten her ward durch die Bajuwarier zurückgedrängt; an ihn erinnern nur

einzelne Ortsnamen im Iselthale: vor allem Windisch-Matrei; auch das

Frosnitz- und Teischnitzthal, der Mulwitz- und Laberwitz-Gletscher;

wohl auch der Name des Pusterthales (früher ~pustrizza~, ~bystrica~).

So liegen die Schichten der Bevölkerung übereinander, Verdrängtes,

Verschollenes und Neugewordenes; mancherlei Mischung. Das Ladinische

wird wohl immer weniger gesprochen werden; an seiner Stelle muß

entweder italienisch oder deutsch gelernt werden; aber die ladinischen

Namen werden sich erhalten.

[Illustration: Abb. 61. ¯Achenthalerin.¯

(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)]

[Illustration: Abb. 62. ¯Hochzeitslader.¯

(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)]

In ihrer äußeren Erscheinung sind die Tiroler ein prächtiger

Menschenschlag, an körperlicher Schönheit von keinem deutschen

Volksstamm übertroffen, ja kaum erreicht. Selten wird man bei

einer Bevölkerung so viele athletisch gewachsene Männer mit

klassisch-ernsten Zügen, so viele Mädchen von überraschender Eleganz

des Gesichtsschnittes finden, als in den Tiroler Thälern. Hervorragende

Männererscheinungen finden sich im Pusterthale und dessen nördlichen

Seitenthälern, im Zillerthale und in Passeier wohl am häufigsten; da

kann man im Bauerkittel Männer mit lockigen Häuptern und wehenden

Bärten sehen, germanischen Helden gleich; und mancher Schafhirte auf

einsamer Hochalm erinnert an ein hellenisches Götterbild. Die Tiroler

Mädchen sind teils, wie im Zillerthal, wahre Walkürengestalten; man

findet aber auch viele feingliederige und zart gebaute; durchweg aber

haben sie sehr lebhafte Augen, deren Glanz selbst im Alter nicht

verlischt, und in der Jugend eine entschieden vornehme und graziöse

Haltung. Und die Körperschönheit scheint um so hervorragender zu

werden, je höher man in die einsamsten Thäler hinauskommt. Am wenigsten

bevorzugt in körperlicher Hinsicht zeigen sich die alemannischen

Volksbestandteile im Nordwesten. Im Süden findet man sehr häufig schon

ausgeprägt italienische Typen.

[Sidenote: Volkscharakter.]

Den äußeren Zügen entsprechen die des inneren Volkscharakters.

Genügsamkeit, Einfachheit der Sitten, Frömmigkeit, Heimatliebe,

Unterthanentreue, heldenmütige Tapferkeit: das sind des Tirolervolkes

Haupttugenden. Die Fehler, die diesen Vorzügen gegenüber stehen, werden

erklärlich durch die Natur des Landes. Die Abgeschlossenheit vieler

Landschaften bedingt auch einen Abschluß der Geister gegen außen. Daher

die unschwer zum Fanatismus zu steigernde Leidenschaftlichkeit in

religiösen Fragen, Einseitigkeit des Urteils und Argwohn gegen das, was

von außen kommt.

[Illustration: Abb. 63. ¯Rattenberg.¯

(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]

Übrigens findet man nicht leicht bei einem Volksstamme so große

Verschiedenheiten und Gegensätze, wie bei dem Volk von Tirol. Diese

Verschiedenheiten und Gegensätze sind bedingt durch die großen

Unterschiede in der Wohnlichkeit, Wohlhabenheit und Verkehrsfähigkeit

der Landschaften. Liegen doch da bei einander Thalgründe, in denen

eine freigebige, sonnige Natur eine geradezu üppige Lebensart beinahe

herausfordert, und wiederum Landschaften, wo die Natur ihre wildesten,

rauhesten Seiten herauskehrt und beständigen todesmutigen Kampf gegen

ihre Schneestürme und Lawinen, Steinströme und verheerende Wildwasser

verlangt. So findet man denn oft hart nebeneinander aufgeklärten

Freisinn und harten Fanatismus, weit blickenden Spekulationsgeist und

beschränktes Festhalten am Althergebrachten, leutseliges Entgegenkommen

gegen den Fremden und mißtrauische Abgeschlossenheit.

[Illustration: Abb. 64. ¯Brixlegg.¯

(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]

[Sidenote: Religion und Gemüt.]

Tirol ist ein streng katholisches Land. Die Glaubenseinheit ward bis in

die jüngste Zeit als ein kostbares nationales Kleinod hochgehalten, und

es bedurfte langer Kämpfe, bis die erste protestantische Kirche auf dem

Boden Tirols erstehen konnte. Nur langsam, und keineswegs überall,

konnten die Tiroler überzeugt werden, daß unter den Protestanten ebenso

gute, fromme und gerechte Menschen sein können, als unter Katholiken.

Der wilde Heldenmut, mit dem das Tiroler Volk im Jahre 1809 sich gegen

die bayerische Herrschaft aufbäumte, war zu einem guten Teile darin

begründet, daß das Volk wähnte, sein Glaube sei in Gefahr; und der

große Freiheitskampf war nicht bloß ein politischer, sondern zugleich

ein religiöser Krieg. Hatte doch gerade damals die bayerische Regierung

Klöster aufgehoben und eine Reihe von Maßregeln gewaltsamer Aufklärung

angebahnt.

Dieser Glaubenseifer der Tiroler offenbart sich in ihrem Haus und in

ihren Kirchen. Jede Wohnstube hat ihr kleines Heiligtum: eine Ecke, wo

ein Kruzifix und einige Heiligenbildchen hängen. Vor und nach jeder

Mahlzeit wird gebetet. Die Dorfkirche steht überall auf dem schönsten

Platze und leuchtet weit ins Thal, umgeben von der Mauer des kleinen

Friedhofes, in dem die Toten des Thales ihre ewige Ruhe gefunden haben.

Jeden Sonntag wird die Messe gehört, zu der sich die Thalbewohner aus

stundenweiter Ferne einfinden. Selbst die Bergführer versagen an Sonn-

und Feiertagen ihre Dienste, ehe sie die Messe gehört haben. Auch das

Fastengebot wird streng gehalten, ja oft auch der fremde Reisende zu

seiner Einhaltung genötigt. Neben den Dorfkirchen gibt es zahlreiche

einzeln stehende Kapellen und Wallfahrtskirchen; Wallfahrerzügen und

Bittgängern kann man an Sonntagen häufig begegnen. Die Wallfahrt ist

übrigens für den Tiroler nicht bloß eine religiöse Übung, sondern

zugleich die einzige Veranlassung, aus dem engen Gesichtskreise seines

Thales heraus unter fremde Menschen zu kommen und zu sehen, daß hinter

den Bergen auch noch Leute leben.

Der fromme Sinn der Bevölkerung spricht auch aus unzähligen

Wegkapellen, Wegkreuzen und Gedenktäfelchen, hier Bildstöckeln oder

Marterln genannt. Die Wegkapellen aber haben nicht bloß den Sinn, zu

einem kurzen Gebet einzuladen; sie sind zugleich, da immerhin ein paar

Menschen in ihnen Platz haben, Zufluchtstätten bei wilden Unwettern,

wie etwa die Kapelle auf dem Velber Tauern, auf dem Kitzbühler Horn

und andere. Bildstöckel finden sich zahllos, an den Straßen wie an den

schmalen Bergpfaden, selbst auf vergletscherten Jochen. Dem einsamen

Wanderer in wilder Höhe erscheinen sie als ein Gruß menschlicher

Teilnahme; meist aber sind sie Erinnerungszeichen für Menschen, die

vom jähen Tod an der Straße ereilt wurden, von Lawinen erdrückt,

von Gletscherbächen fortgerissen, von stürzenden Bäumen und Felsen

zerschmettert, im Schneesturm verweht. Die meisten dieser Täfelchen

zeigen auf einem, etwa mit drei Händen zu bedeckenden Raum eine

bildliche Darstellung des Unglücks, einen frommen, oft gereimten Spruch

und die Bitte an den Wanderer um ein kurzes Gebet.

Bei seinem starken Glauben hat das Tiroler Volk auch recht viel

Abergläubisches. Daß man eine kranke Kuh lieber von einem Kapuziner

segnen läßt, als daß man den gelernten Tierarzt befragt, schadet

heute noch der Tiroler Viehzucht; auch der kranke Mensch wallfahrtet

lieber zur Muttergottes von Absam, als zum berühmtesten Kliniker.

Wetterbeschwörungen und Wetterläuten sind noch an der Tagesordnung und

ungebrochen die Wunderkraft von Amuletten und Reliquien.

Die Gemütsart des Tirolers ist im ganzen eine vortreffliche.

Ehrlichkeit und Treuherzigkeit ist ein Grundzug derselben. Nur ist der

Tiroler doch so schlau, daß er, wenn er den Fremden damit beeinflussen

kann, sich noch treuherziger und ehrlicher stellt, als er wirklich

ist. Der durch seine rauhe Natur dem Volke anerzogene Mut steigerte

sich früher, namentlich im Unterinnthal und Zillerthal nicht selten

zur Rauflust, wobei es auf einige ausgedrückte Augen und abgerissene

Ohren nicht ankam. Jetzt ist man in diesem Punkte gesitteter geworden.

Grausamkeit und Wildheit mochten wohl während des Freiheitskampfes

gegenüber dem Feinde vorkommen, erklären sich aber aus der Rauheit der

Zeit. Der Familiensinn ist unter den Erwachsenen nicht besonders stark,

hingebend und aufopferungsfähig aber gegenüber den Kindern.

[Illustration: Abb. 65. ¯Fügen.¯

(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]

[Sidenote: Sagen. Volkstrachten.]

Reich und großartig ist der Sagenschatz des Volkes. Das erklärt

sich schon aus der ganzen Natur des Landes. Die vielen gewaltigen

Berggipfel, die, entweder von ewigem Eis umpanzert oder aus fast

lotrechten Felsschroffen bestehend, in die Thäler herabschauen, und

von denen eine große Zahl im Laufe unseres Jahrhunderts zum erstenmal

von kühnen Wanderfüßen betreten wurden, mußten ja wie von selber zu

Hochburgen der Geisterwelt werden. So findet man durch ganz Tirol

die Sage von den Wildfrauen oder Saligen Dirnen, die hoch droben in

unzugänglichen Felswänden hausen, aber dann und wann herabsteigen

in die Thäler, den Menschen jahrelang friedlich und willig als

Mägde dienen und Segen in die Häuser bringen, auf einmal aber durch

geheimnisvolle Erscheinungen und Botschaften abgerufen werden und mit

leidvollem Gruß für immer verschwinden. Die Lawinen, Bergstürze und

Schlammströme, die in vorgeschichtlicher und geschichtlicher Zeit so

viele Häuser und Ortschaften verwüsteten und so manche Stätte langen

Menschenglückes spurlos verschwinden ließen, mußten Veranlassung

werden zu den Sagen von verschütteten Thälern, von versunkenen

Städten und eisübergossenen Weideländereien. Die ausgedehnten Räume,

die der Mensch nicht selber bewohnte, weil sie unbewohnbar waren,

bevölkerte er wenigstens mit den Gestalten der Phantasie; er ließ diese

Gestalten in Wetterwolken die Gipfeltürme umreiten und gab ihnen eine

Heimat in den zahllosen öden Thalwinkeln, die nur mit Felstrümmern

und alten Lawinenresten erfüllt sind. Wo eine einzelne Felsbildung

von besonders auffallender Gestalt erscheint, wird sie von der

schöpferischen Einbildungskraft mit Ereignissen und geheimnisvollen

Lebewesen bedacht, die sie umgeistern. Dazu liefern weiteren Stoff

die zahllosen Burgen, die, teils völlig zertrümmert, teils noch halb

erhalten, ihre freundlichen oder wilden Schatten beherbergen müssen.

Es ist eben dem Volksgemüt unfaßbar, daß gar nichts mehr in jenen

Mauerresten wohnen soll, die so düster und rätselhaft von ihren Felsen

herunterschauen. Dazu kommen dann noch spurlos sich verlierende Wege,

zerfallene Brücken, verlassene Häuser, unkenntlich gewordene Denkmäler,

an die sich Sagen heften. Vieles auch, was einst Geschichte war und

aus dem Gedächtnis der Menschen wich, ist Sage geworden; Sage die

eine oder andere Erinnerung an die Zeit der alten Rhätier und der

Römerherrschaft; Sage die Erinnerung an die Kämpfe zwischen Germanen

und Römern, zwischen Franken und Longobarden, zwischen Bajuwaren

und Slaven. Groß und herrlich hebt sich aus all’ diesen Gestalten

eine hervor: die des unerreichten Dietrich von Bern, des großen

Ostgotenkönigs, den die Tiroler Heldensage sieghaft einreiten läßt

in den Zaubergarten des Zwergkönigs Laurin. Und dieser Zaubergarten

leuchtet ja heute noch im Abendsonnenfeuer mit seinen Dolomittürmen so

märchenhaft über die Thäler hin!

[Sidenote: Volkstrachten. Volksnahrung.]

Eigenartige Volkstrachten haben sich nur im deutschen Teile Tirols,

in einzelnen ladinischen Thälern noch bei den Frauen erhalten. In

Deutschtirol hat jedes Thal gewisse Besonderheiten seiner Tracht.

Diese Besonderheiten verschwinden allmählich in den vom Verkehr am

meisten berührten Landschaften. Charakteristisch für den Deutschtiroler

ist die kurze Lodenjoppe. Die Beinkleider sind, wo man noch an alter

Tracht festhält, kurz; sie reichen nur bis unter das Knie, sind bei

den Wohlhabenderen von Leder, bei Ärmeren von braunem Loden. Unter dem

Knie beginnen Strümpfe, weiß oder grau; die Füße stecken in starken

Schuhen, die den Knöchel frei lassen. Barfüßig oder in Holzschuhen

sieht man den Tiroler kaum; das leidet sein Boden nicht. Die örtlichen

Unterschiede machen sich zumeist an den Hüten geltend. Der Tuxer trägt

einen anderen Hut als der Zillerthaler, und der Pusterthaler bedeckt

sein Haupt mit etwas anderem als der Passeirer (Abb. 20 bis 24). Am

schärfsten ausgeprägt ist die Volkstracht noch um Meran, im Sarnthal,

in den nördlichen Seitenschlünden des Pusterthales (Abb. 25 bis 29).

Namentlich in der Umgebung von Meran sieht man noch jene behäbigen

Männer mit den breitkrempigen Spitzhüten, den breiten farbigen

Hosenträgern und schneeweißen Kniestrümpfen. Für die Erhaltung der

männlichen Volkstracht ist das Schützenwesen von Bedeutung (Abb. 30).

Die in den größeren Thälern gebildeten Schützencompagnien konnten keine

praktischere und kleidsamere Uniform finden, als die alte Volkstracht;

dadurch ist die letztere zum Ehrenkleid geworden und in dauernden

Zusammenhang gebracht mit der vom Tiroler so sehr geliebten Waffe.

Die Männertrachten der einzelnen Thäler sieht man daher am besten bei

Festlichkeiten, wenn die Schützencompagnien ausrücken. Da sieht man

auch, daß zur Landestracht außer Joppen, Kniehosen und Strümpfen auch

ein silberbordierter Brustfleck (statt der Weste) und ein gestickter

breiter Ledergürtel gehören.

[Illustration: Abb. 66. ¯Zell am Ziller.¯

(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]

Auch bei der Frauentracht sind die Kopfbedeckungen von Thal zu Thal

verschieden: es sind bald spitzige, bald cylinderförmige hohe Hüte,

bald niedrige Hütchen mit runden Köpfen, bald unförmliche Filzhauben,

die auch dem schönsten Gesicht nicht zur Zierde gereichen (Abb. 31

bis 37). Charakteristisch ist das Mieder, das beim Festschmuck aus

schwarzem Stoffe, oft aus Sammet und mit silbernen Ketten verschnürt

ist; das Werktagsmieder besteht aus dunklem festen Stoffe, aus dem die

faltigen Hemdärmel hervorquellen. Statt der Mieder oder über denselben

werden auch kurze eng anliegende Jäckchen getragen. Wo die Ärmel nur

bis zum Ellenbogen reichen, ist der Unterarm nicht selten mit einem

sammetnen oder wollenen Halbärmel bekleidet, einem sehr kleidsamen

Stück des Frauengewandes. Die Röcke sind überall, wie es zum Arbeiten

und Bergsteigen gehört, kurz, von festen Stoffen. Zum Frauengewande

gehört auch gern ein buntfarbiges seidenes Halstuch.

Sobald man den Boden Welschtirols betritt, hört überhaupt jede

Nationaltracht auf. Da sieht auch der Landbewohner aus wie ein

städtischer Proletarier. Die Männer in Welschtirol tragen mit Vorliebe

groß karrierte Anzüge billigster Herkunft, die, wenn sie einigermaßen

abgetragen sind, unglaublich zerlumpt aussehen, dazu zerdrückte

Filzhüte oder Strohhüte vom dürftigsten Aussehen. Häufig sieht man bei

den Männern auch Anzüge von schäbigem ordinären Sammet. Die Frauen

Welschtirols, die meistens spärlich gewaschen und schlecht frisiert

sind, würden in ihren Werktagsgewändern kaum anzuschauen sein, wenn

ihnen nicht das göttliche Erbteil schön geschnittener Gesichter,

feuriger Augen und graziöser Bewegungen geblieben wäre. Armut,

zahlreiche Kinder und Arbeitsbürde drücken hier die äußere Erscheinung

des schönen Geschlechts, das lernen muß, sich zu vernachlässigen.

Manche Thäler machen anmutige Ausnahmen.

Die Volksnahrung ist höchst ungleichartig, je nachdem es sich um

die Kost in den fruchtbaren Hauptthälern oder in den entlegeneren

Hochgebirgsdörfern, in Bauernhäusern oder in Sennhütten handelt. Selbst

wenn wir von den vortrefflichen Tischen der Bozener Stadtbürger absehen

und bloß bei der Nahrung der eigentlichen Landbevölkerung bleiben,

finden wir Gegensätze von einer fast üppig zu nennenden Ernährungsweise

bis zu einer staunenswerten Bedürfnislosigkeit. In den Bauernhäusern

des gesegneten Burggrafenamts (Umgebung von Meran) wird täglich dreimal

warm gegessen; und in den Zwischenzeiten gibt es noch Wein und Brot.

Da fängt man des Morgens mit einem kräftigen Frühstück, aus Brennsuppe

und Milchbrei bestehend, an, hat vormittags (Halbmittag) Wein und

Brot; mittags die beliebten mannesfaustgroßen Tiroler Knödel und dazu

ein Gericht von frischem oder geräuchertem Fleische, nachmittags die

„Marend“, d. h. Wein und Brot, bei schwerer Arbeit auch Käse; und

abends wieder eine dicke, kräftige, reichlich mit Fleisch versehene

Suppe. Dabei kann der Mensch bestehen und seine Kraft erhalten. Und

selbst an Fasttagen hat man nicht bloß vortreffliche Mehlspeisen,

sondern auch Delikatessen, insbesondere marinierten Aal, der in den

Bauernhöfen des Burggrafenamts in staunenswerten Mengen vertilgt wird.

Ungleich bescheidener lebt man freilich in den braunen Holzhäusern

der entlegenen Seitenthäler, wo auf dem Bauerntische das Fleisch

um so seltener wird, je höher man in den Thälern hinaufsteigt. Und

das Hirtenvolk droben auf den Almen hat vollends eine Nahrung, die

nur eiserne und bedürfnislose Naturen vertragen: steinhartes Brot,

einen für Städter kaum genießbaren grünlichen Käse aus Schaf- oder

Ziegenmilch, und vielleicht einmal im Tage eine schwere, grobe

Mehlspeise. Getrunken wird dazu das trübe eiskalte Wasser des

Gletscherbaches.

Gewisse Nahrungsmittel aber kennt man in ganz Tirol, vom reichsten

Bauern bis in die ärmste Hütte hinauf. Dahin gehören die Knödel:

holperige massive Kugeln aus Mehl, Milch, Brot und Eiern, in Wasser

gekocht. Sie werden mit Kraut oder gedörrtem Obst genossen. Ebenso

allgemein verbreitet ist das „Geselchte“: geräuchertes Fleisch, das in

allerhand phantastischen Formen im Rauchfang des Tiroler Bauernhauses

hängt, bis es auf den Tisch des Hauses herabgeholt wird; schmackhaft

und kräftig, wenn es vom Rind oder Schweine stammt, aber für jeden

Nichttiroler ein Grauen, wenn es als „Böckernes“ seinen Ursprung der

gehörnten Ziege oder gar deren bärtigem Gemahl verdankt.

[Illustration: Abb. 67. ¯Mayrhofen.¯

(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]

In Welschtirol macht man nicht so viel Umstände mit der Nahrung als in

Deutschtirol. Dort ist das gewöhnliche, ja fast einzige Nahrungsmittel

die Polenta, jener dicke, geschmacklose Brei aus Maismehl, der in

großen Mengen verschluckt werden muß, um nur überhaupt den Menschen bei

Kraft zu erhalten. Der wohlhabende Südtiroler und der Fremde erhält

dagegen zu mäßigen Preisen einen gut bereiteten und mannigfaltigen

Tisch, dem der feurige Wein aus dem unteren Etschlande und die zarten

Früchte, die den Nachtisch bilden (das Giardinetto), noch besonderen

Reiz verleihen.

[Illustration: Abb. 68. ¯Hintertux¯, gegen die Gefrorene Wand.

(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]

[Sidenote: Hausbau.]

Das Tiroler Bauernhaus ist aus Stein oder aus Holz, oft aus beidem.

Die örtliche Bausitte nimmt eben, was sie findet. In den größeren

Thaltiefen ist meist der Steinbau vorherrschend, besonders an der

vorderen Hälfte des Hauses, die den Menschen zum Aufenthalte dient,

während die Rückseite, die Stall und Scheune enthält, auch hier

häufig aus Holz erbaut ist. Gemeinsam haben die steinernen und die

hölzernen Häuser die Kleinheit ihrer Fenster und das flache, weit

vorspringende Dach, das mit Schindeln belegt ist. Diese sind meist

nicht festgenagelt, sondern durch steinbelastete Stangen festgehalten.

Die steinernen Häuser haben häufig runde oder eckige Erker, die

manchmal nur einem, manchmal mehreren Geschossen angehören. Nicht

selten liegt die Eingangsthüre erhöht; dann führt eine Freitreppe mit

alten Eisengeländern zu ihr empor. Die holzgezimmerten Häuser sind

aus vierkantigen Balken, meist von Lärchen- oder Zirbenholz, welches

im Alter eine prächtige feurigbraune Farbe gewinnt. Sie sind häufig

mit Balkonen versehen, die um eine oder um mehrere Seiten des Hauses

laufen, und mit Schnitzwerk verziert. Solcher Zierat ist freilich am

reichsten an den behäbigeren Häusern der großen wohnlichen Thäler;

seltener oder verschwindend in den ärmeren Hochthälern und nie so

kunstvoll wie etwa an den stolzen Gehöften, die man im Berner Oberlande

zu sehen bekommt. Die Gegensätze, die in Tirol die menschlichen

Wohnungen aufweisen, sind recht groß; denn wenn manche Bauernhäuser im

Unterinnthale oder im Meraner Burggrafenamt den Eindruck von lachenden

Burgen des Wohlstandes machen, kann man dafür in den altersbraunen

Holzhüttchen von Prägraten oder Pfelders oder in den trostlosen

Steinhöhlen, die auf dem Reschenscheideck liegen, Wohnstätten erkennen,

in welchen wohl nur äußerste Bedürfnislosigkeit zu hausen vermag (Abb.

38 bis 47).

[Illustration: Abb. 69. ¯Dornauberg.¯

(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]

So sind auch Hausgärten und Blumenschmuck nur in den tieferen Thälern

zu finden. Im Innthale nicken rote Nelken von allen Balkonen, und aus

den kleinen Bauerngärten schimmern Sonnenblumen und Rittersporn. Droben

im Ötzthal und in den Tauerndörfern grüßt uns kaum eine Blume mehr; die

Menschen, die da droben hausen, haben zu hart um ihr Dasein zu ringen,

als daß sie noch an solchen Schmuck desselben denken könnten.

[Sidenote: Besiedelung.]

Tirol · 第 4 / 14 段