und die Tiroler waren stets so gute Schützen, daß das jagdbare
Wild recht zusammengeschmolzen ist. Noch gibt es in den höchsten
Steinwildnissen Gemsen und Murmeltiere, Adler, Geier, Stein- und
Schneehühner; auch wandert wohl alle zehn Jahre einmal ein Bär
aus den Wäldern Graubündens nach Tirol herein. Aber der eigene
Waldgürtel Tirols ist arm an Jagdwild, mit Ausnahme jener Thäler, wo
sorgfältig gehegt wird, wie etwa in einzelnen Seitenschluchten des
Zillerthales oder im Karwendelgebirge. An der Nordgrenze, die sich
an die wildreichen bayerischen Staatsforsten lehnt, blüht die Jagd
noch am lustigsten; und die Tiroler Wildschützen streifen wohl nicht
selten auf bayerischen Jagdgrund hinüber. Sie sind aber gutartiger
als die vom Nachbarlande; jene todbringenden Zweikämpfe zwischen
Wilderern und Jägern, die in Bayern an der Tagesordnung sind, kommen
in Tirol nicht vor. Jene ausgedehnten, mancherorts äußerst selten
betretenen Steingefilde, welche zwischen der Grasregion und der
ewigen Schneeregion liegen, sind die Heimat zahlreicher Schnee- und
Steinhühner, die auf den Tiroler Tischen sehr häufig zu finden sind.
Auch die Schneelerche läßt in den Gletscherhöhen noch einsam ihre
zarten Triller erschallen; in den Trümmern der alten Burgen und in den
Klüften der tieferen Thäler nisten zahlreiche Uhus, in Tirol Buhin
genannt. Um die höchsten Felstürme und Eisgrate tummelt sich noch in
kleinen Schwärmen die Alpenkrähe, deren goldgelbe Füßchen oft im Schnee
ihre Spuren lassen; aber die stolzesten Bewohner der wilden Höhe sind
der Steinadler und der Lämmergeier oder Gemsgeier. Die Gewässer Tirols
sind nicht sehr fischreich; doch finden sich häufig in den kleinen
Hochseen und in den weniger wilden Abschnitten der Thalbäche die
edelsten Süßwasserfische: der Saibling und die Steinforelle, die auch
mit zu den regelmäßigen Leckerbissen der Tiroler Tafel gehören. Die
Mannigfaltigkeit der Insekten ist bei der großen Verschiedenheit der
Pflanzenwelt erklärlich, namentlich in Südtirol, wo auch Spinnentiere
vorkommen, die in Deutschland völlig fremd sind, wie der Skorpion. Weit
verbreitet ist in den sonnseitigen Einzelgehöften die Bienenzucht.
[Illustration: Abb. 40. ¯Bauernhaus bei Taufers-Sand.¯
(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)]
Während in Deutschtirol der kleine Singvogel unbehelligt seine Lieder
zwitschert, sieht man in den südlicheren Teilen Welschtirols überall
die verabscheuungswürdigen Anstalten zum Fang der armen Vögel. Dieser
grausame und herzlose Sport vergällt dem Deutschen jeden Spaziergang an
den herrlichen Ufern des Gardasees.
[Illustration: Abb. 41. ¯Zimmer in Schloß Uttenheim¯ (Tauferer Thal).
(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)]
~IV.~
Geschichtliche Übersicht.
[Sidenote: Älteste Geschichte Tirols.]
Die Geschichtsforschung hat über die Urbewohner Tirols widerstreitende
Ansichten aufgestellt, die aber doch darin übereinstimmen, daß vor der
jetzigen Bevölkerung ganz Tirol vom Stamme der Rhätier oder Rhasener,
der den Etruskern verwandt war, besiedelt gewesen sei.
[Illustration: Abb. 42. ¯Wengalpe¯ (Mühlwaldthal).
(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)]
Frühzeitig schon hatten die Römer den eroberungslustigen Blick auf
Südtirol gerichtet; aber erst im Jahre 36 v. Chr. konnte der Konsul
Munatius Plancus das Trentino erobern, und im Jahre 12 v. Chr. drangen
Drusus und Tiberius mit ihren Legionen bis in das Innthal vor. Die
Kolonisation begann; Tridentum, Pons Drusi (Bozen), Sabiona (Säben),
Vipitenum (Sterzing), Matrejum (Matrei) und Veldidena (Innsbruck)
wurden Festungen und Pflanzstädte, durch Heerstraßen mit Italien
und, über Scharnitz und Partenkirchen, auch mit Augusta Vindelicorum
(Augsburg) verbunden. Von Sterzing führte auch eine wichtige Heerstraße
über Loncium (Lienz) nach Aquileja; eine andere von Veldidena durch das
Innthal herab nach den Kolonialstädten Bojodurum (Passau) und Laureacum
(Lorch). Schon frühzeitig läßt die Legende Südtirol christlich werden;
nachweisbar aber ist das Eindringen des Christentumes erst gegen das
Ende der Römerherrschaft, im ~IV.~ und ~V.~ Jahrhundert.
[Sidenote: Tirol bis ins ~XI~. Jahrhundert.]
Den Sturm der Völkerwanderung konnten die Bergwälle des Landes
nicht aufhalten. Wie schon frühzeitig, wenn auch nur vorübergehend,
die Cimbern durch Tirol bis nach Italien vorgedrungen waren, so
fielen im ~III.~ Jahrhundert, von Nordwesten her, die Alemannen in
das Land. Nach dem Sturze der Römerherrschaft wurde Rhätien eine
Provinz des Gotenreiches unter König Theoderich; aus seiner Zeit
rühren noch zum Teile die alten Mauerwerke von Trient her. Nach dem
Untergange der glanzvollen, aber kurzen Gotenherrschaft verklingt
auch der Name Rhätien; das Land wird die Beute zweier Germanenstämme:
der Longobarden, die von Süden her das jetzige Welschtirol in
Besitz nahmen, und der Bajuwarier, die von Norden aus das jetzige
Deutschtirol, bis in die Gegend von Bozen, zu ihrem Eigentume machten.
Die Longobarden gaben rasch ihre germanische Stammeseigentümlichkeit
auf; sie wurden verwelscht; die Bajuwarier aber verbreiteten deutsche
Mundart und Sitte im größten Teil des Landes, nur im Westen mit den
stammesverwandten Alemannen rivalisierend. Das währte während der
Herrschaft der Agilolfinger in Bayern. In dieser Zeit gelang es dem
kriegerischen Herzog Tassilo ~II.~ nicht nur, die am Anfange des ~VII.~
Jahrhunderts an der Drau bis in das Pusterthal vorgedrungenen Südslaven
zurückzuwerfen, sondern noch das benachbarte Kärntnerland seinem
bayerischen Herzogtume einzufügen.
[Illustration: Abb. 43. ¯Sennhütten auf der Seiser Alp.¯
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)]
Karls des Großen Staats- und Kriegskunst zertrümmerte das Reich der
Longobarden und jenes der Bayernherzoge. Tirol zerfiel zunächst in eine
Anzahl von Grafschaften, die von Grafen verwaltet wurden. Sie gehörten
zum Herzogtume Bayern, das aber zunächst nicht mehr von einer eigenen
Dynastie, sondern von den Karolingern regiert ward. In Trient dagegen
ward im Jahre 1027 der dortige Bischof politischer Herrscher und
deutscher Reichsfürst; seine Stellung als solcher wurde durch Kaiser
Barbarossa gefestigt und gesichert.
Unter den schwächeren Nachfolgern Karls des Großen gelang es indessen
in Tirol dem dortigen Adel, sich rasch eine größere politische Gewalt
und Selbständigkeit zu verschaffen. Namentlich waren es die mächtigen
Geschlechter der Grafen von Tirol, von Eppan und von Andechs, die nach
und nach den größten Teil des Landes unter ihre Herrschaft brachten.
[Sidenote: Besitz der Bischöfe.]
Für die Deutschen Kaiser mußte Tirol, als kürzester und bequemster
Durchgang nach Italien, wertvoll sein. Ihnen mußte daran gelegen sein,
die Alpenthäler in ganz zuverlässige Hände zu bringen. Die sächsischen
und fränkischen Kaiser suchten sich als politische Stützen namentlich
die Bischöfe. So Konrad ~II.~ den Bischof von Trient, dem er die
Grafschaften Trient, Bozen und Vintschgau verlieh; Heinrich ~IV.~
den Bischof von Brixen, dessen Besitzungen, mit denen ihn der Kaiser
belehnte, von Klausen über den Brenner bis ins Unterinnthal und durch
das Pusterthal bis zur Freisingschen Herrschaft Innichen reichten.
[Illustration: Abb. 44. ¯Schloß Tratzberg¯ (Unterinnthal).
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)]
[Illustration: Abb. 45. ¯Königszimmer in Schloß Tratzberg.¯
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)]
[Sidenote: Tirol im ~XII.~ Jahrhundert.]
Die Tiroler Bischöfe aber behielten diese Gebiete nicht lang in
eigener Verwaltung, sondern belehnten mit denselben weltliche Große.
So in Südtirol ein mächtiges, dem Welfenhause verwandtes Geschlecht,
das seit 1116 unter dem Namen der Grafen von Eppan auftrat und bald
eine Stellung errang, die weit über die von bischöflichen Beamten
hinausging. Größere Bedeutung noch gewannen die Grafen von Tirol.
Sie stammen vermutlich von Adalbert, einem ehemaligen Dienstmann des
Hochstiftes Brixen, der mit ausgedehnten bischöflichen Ländereien
belehnt ward und dessen Söhne Albert und Berthold seit 1140 sich Grafen
von Tirol nannten. Albert von Tirol war’s, der im Jahre 1158 den
Feldzug des Kaisers nach der Lombardei mitmachte und, ungepanzert, nur
mit Schild und Speer bewehrt, im Zweikampf einen mailändischen Ritter
niederwarf.
[Illustration: Abb. 46. ¯Fuggerzimmer in Schloß Tratzberg.¯
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)]
[Illustration: Abb. 47. ¯Zimmer in der neuen Post zu Pians¯ (Stanzer Thal).
(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)]
[Sidenote: Tirol im ~XIII.~ und ~XIV.~ Jahrhundert.]
Die Grafen von Andechs, vordem von Dießen und Wolfratshausen benannt,
ein mächtiges bayerisches Rittergeschlecht, erhielten 1165 vom Bischofe
von Brixen ausgedehnte Grafschaften im Pusterthal und Unterinnthal zum
Lehen. Die Besitzungen der Andechser reichten bald aus Franken und von
Passau bis nach Istrien und Krain, sieben reiche Grafschaften. So
waren bis zum ~XIII.~ Jahrhundert die meisten Tiroler Grafschaften in
den Händen der Grafen von Tirol und der Grafen von Andechs vereint. Und
als der Mannesstamm der Andechser im Jahre 1248 ausstarb, gelang es dem
thatkräftigen Grafen Albert von Tirol, teils mit geharnischter Faust,
teils durch diplomatische Schachzüge, so ziemlich den größten Teil
des heutigen Landes Tirol seiner Herrschaft zu unterwerfen. Alberts
Schwiegersöhne, die Grafen von Hirschberg und von Görz, teilten nach
seinem Tode das Land; aber dem Sohne des letzteren, Meinhard ~II.~ von
Görz, gelang es, das Ganze wieder in seiner Hand zu vereinen. Dieser
einsichtsvolle und thatkräftige Herrscher, der auch im Jahre 1286
mit dem Herzogtum Kärnten belehnt ward, wurde der erste Landesfürst
in Tirol. Seine Enkelin, Margareta, die Maultasche zubenannt, wurde
für die Geschichte Tirols entscheidend, indem sie nach mannigfachen
Schicksalen, kinderlos, Land und Herrschaft an ihren österreichischen
Vetter, Herzog Rudolph ~IV.~, abtrat (im Jahre 1363).
[Illustration: Abb. 48. ¯Holzknechte.¯
(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)]
[Illustration: Abb. 49. ¯Bauer aus Leutasch.¯
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)]
So war Tirol an das Haus Habsburg gekommen. Rudolfs ~IV.~ Erbe ward
sein Bruder Leopold und, als derselbe in der Schlacht bei Sempach
1386 gefallen war, dessen jüngster Sohn, Herzog Friedrich mit der
leeren Tasche: eine der lichtesten und edelsten Erscheinungen seiner
Zeit. Schon am Anfange seiner Herrschaft ein entschiedener Freund von
Bürger und Bauer gegenüber dem Adel, ward er von schweren Schicksalen
heimgesucht, als er wegen seines Verhaltens auf dem Konzil zu Konstanz
in die Reichsacht fiel und eingekerkert ward, aus dem Kerker entfloh,
auf den Rofner Höfen im Ötzthal Zuflucht fand, bis er, der Treue
seines Volkes sicher, in Landeck seine Verkleidung von sich werfen
und unter seine Tiroler treten konnte, die ihn jauchzend empfingen.
Als endlich Reichsacht und Kirchenbann von ihm genommen waren, schuf
er durch den Erlaß der landständischen Verfassung Tirols, den Fürsten
des Mittelalters um Jahrhunderte voraus, seinem Volk einen freien
Bauern- und Bürgerstand. Die ganze heldenhafte Treue, die das Volk der
Tiroler späterhin seinen Herrschern erwies, ist wohl zum größten Teile
herausgewachsen aus dem Verhältnis, das unter Herzog Friedrich zwischen
Fürst und Volk entstand.
[Sidenote: Tirol vom ~XVI.~ bis ~XVIII.~ Jahrhundert.]
Friedrichs kinderloser Sohn Sigismund trat die Herrschaft über Tirol
an seinen Vetter, den nachmaligen Kaiser Maximilian ~I.~, ab. Dieser
liebte das Land, verbesserte dessen Verwaltung und Wehrverfassung und
vergrößerte es durch Hinzufügung des Pusterthales aus der Erbschaft der
Grafen von Görz; ferner durch die Herrschaften von Kufstein, Rattenberg
und Kitzbühel, die ihm von den bayerischen Herzogen abgetreten wurden;
ein siegreich gegen die Venetianer 1508–1513 geführter Krieg vermehrte
das Land um südtirolischen Besitz: insbesondere Riva, Rovereto,
Peutelstein und Ampezzo.
Maximilians Enkel, Kaiser Karl ~V.~, brachte dem Lande weniger Segen.
Er überließ die Regierung von Tirol und den österreichischen Erbländern
seinem Bruder Ferdinand ~I~. Als während des Schmalkaldischen Krieges
Karl in Innsbruck weilte und seine Gegner über die Ehrenberger Klause
in Tirol eingefallen waren, war der Kaiser genötigt, durchs Pusterthal
nach Kärnten zu entfliehen. Unter Ferdinands Herrschaft hatte auch die
Reformationsbewegung angefangen, in Tirol ihre Wellen zu schlagen;
Kirchen- und socialpolitische Bewegungen wurden aber im Keim erstickt.
Ferdinands Nachfolger ward dessen Sohn, Ferdinand ~II.~, seit 1563. Er
unterdrückte die Reste der reformatorischen Bewegung, ließ die Jesuiten
in Tirol ein und gestaltete die Verfassung des Landes um. Mit seiner
durch ihre Schönheit berühmten Gemahlin, Philippine Welser (Abb. 19),
einer Augsburger Patricierstochter, die er zuerst in heimlicher Ehe
geheiratet hatte, residierte er zumeist auf Schloß Ambras bei Innsbruck.
Unter den späteren Herrschern Tirols aus dem Hause Österreich gerät die
Geschichte des Landes in ruhigen Fluß; Zwistigkeiten der Landesherren
mit den Bischöfen, mit den unruhigen Italienern im Süden und den
Graubündnern im Westen hören auf. Seit 1665 hat Tirol keine eigenen
Landesherren mehr, sondern ist Bestandteil der österreichischen Länder.
[Illustration: Abb. 50. ¯Gemsjäger.¯
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)]
Erst im Jahre 1703, während des spanischen Erbfolgekrieges, tritt
Tirol wieder in den Rahmen der Weltereignisse. Der zum Kampfe gegen
Österreich mit den Franzosen verbündete bayerische Kurfürst Max Emanuel
war über Kufstein und über Ehrenberg in Tirol eingefallen und hatte
sich Innsbrucks bemächtigt, während Marschall Vendome aus Südtirol
vordringen sollte. Da erhob sich wie ein Löwe der Tiroler Landsturm,
warf die Bayern auf dem Brenner und im Innthal aus ihren Stellungen,
vernichtete an der Pontlatzer Brücke eine bayerische Abteilung in
mörderischem Kampfe und zwang den Kurfürsten zum Rückzug. Auch Vendome,
der vergeblich Trient belagerte, mußte sich zurückziehen.
Tiefe Ruhe kehrte wieder in Tirol ein, das sich in der Folgezeit den
Reformversuchen Kaiser Josephs ~II.~ völlig abgeneigt erwies.
[Illustration: Abb. 51. Defregger: ¯Vor dem Tanz.¯
(Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstaengl in München.)]
Den ganzen Heldenmut und die unvergleichliche Treue der Tiroler aber
sehen wir wieder während der Napoleonischen Kriege erwachen. Das
geschah schon im Jahre 1797, als in der Schlacht von Spinges der
Tiroler Landsturm ein französisches Heer unter General Joubert in die
Flucht geschlagen hatte. Aber das Größere sollte erst zwölf Jahre
später kommen.
[Illustration: Abb. 52. ¯Der Vogelweidhof.¯
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)]
[Sidenote: Tiroler Unabhängigkeitskampf.]
Im Jahre 1805 war Tirol durch den für Oesterreich so unglücklichen
Preßburger Frieden an Bayern abgetreten worden; bayerische Behörden
hatten die Verwaltung übernommen. Mancherlei Maßregeln der bayerischen
Regierung standen im Widerspruch mit den alten Gewohnheiten des
Volkes, dessen religiöser Eifer auch durch seine Geistlichen gegen die
aufgedrungene Herrschaft entflammt ward. So konnten, als im Jahre 1809
der Krieg zwischen Österreich und Napoleon wieder ausbrach, in Tirol
sofort die Flammen des Aufstandes hoch emporschlagen. Andreas Hofer,
der Sandwirt von Passeier (Abb. 17 u. 18), ward zum begeisterten Führer
der Tiroler Landesverteidiger, Joseph Speckbacher, ein Bauer aus Rinn
im Unterinnthal, zum geistigen Leiter der kriegerischen Thaten, dessen
Adlerblick und verwegener Mut die schwersten Situationen beherrschte.
Der Kapuziner Haspinger half mit entflammender Rede. Im Pusterthal
entbrannte der Aufstand zuerst; dort ward schon im April eine kleine
bayerische Abteilung zurückgedrängt nach Sterzing, wo sie von Hofer
gefangen ward. Am 12. April ward die Besatzung von Innsbruck durch
Speckbacher überwältigt; die Hauptmacht der Bayern und Franzosen, die
sich, 4600 Mann stark, über den Brenner gegen Innsbruck zurückgezogen
hatte, mußte bei Wilten kapitulieren.
[Illustration: Abb. 53. M. Schmid: ¯Abgestürzt.¯
(Nach einer Photographie von Fr. Hanfstaengl in München: Buchdruckrecht
der Illustrierten Zeitung in Leipzig.)]
[Sidenote: Tirols Befreiung.]
So war Tirol wiederum frei. Aber nur für kurze Zeit. Schon im Mai brach
der bayerische General Wrede wiederum in Tirol ein, erkämpfte sich den
tapfer verteidigten Paß Strub an der Salzburg-Tiroler Grenze, schlug
die Tiroler bei Wörgl und bemächtigte sich Innsbrucks. Indessen hatte
sich am Berge Isel der Tiroler Landsturm versammelt; wiederum kam es
hier zur Schlacht, und abermals wurden die Bayern geschlagen und zum
Rückzug aus Tirol gezwungen. Nur Kufstein, aufs tapferste verteidigt,
blieb in ihren Händen. In Südtirol hatte eine österreichische
Heeresabteilung die Franzosen vertrieben.
[Illustration: Abb. 54. ¯St. Johann in Tirol.¯
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
Aber nur kurze Zeit währte dies. Österreich hatte nach der
unglücklichen Schlacht bei Wagram seine Truppen aus Tirol zurückgezogen
und die Tiroler zur Ruhe aufgefordert, Napoleon den Marschall Lefebvre
mit einem 50000 Mann starken bayerisch-sächsisch-französischen Heer
nach Tirol geschickt. Nordtirol war entwaffnet. Aber in Südtirol rief
Andreas Hofer zum drittenmal den Landsturm auf, der die Truppen des
Marschalls in wiederholten Gefechten, insbesondere in einer blutigen
Schlacht an der Pontlatzer Brücke, wiederum zurückdrängte nach
Innsbruck. Das war in den ersten Tagen des August. Am 13. August ward
die dritte und größte Schlacht am Berge Isel geschlagen; die Tiroler
blieben siegreich; der Marschall verließ mit seinem Heere das Land.
Der Sandwirt von Passeier aber saß in der Hofburg zu Innsbruck und
regierte das Land als Oberkommandant.
[Illustration: Abb. 55. ¯Kitzbühel¯, gegen das Kaisergebirge.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
[Sidenote: Andreas Hofers Tod.]
Erst im Oktober rückte wieder eine bayerische Armee in Tirol ein und
erfocht einen Sieg gegen Speckbacher bei Melleck. Aller Heldenmut des
Landsturms war umsonst. Am 14. Oktober schloß Kaiser Franz mit Napoleon
den Wiener Frieden; Tirol ward abermals an Bayern abgetreten. Nun
verließ auch den Sandwirt die Widerstandskraft; er ließ am Berge Isel
den Landsturm auseinander gehen, da die Franzosen mittlerweile auch
durchs Pusterthal eingerückt waren, und nahm die von Eugen Beauharnais
den Tirolern gebotene Amnestie an, während Speckbacher nach Österreich
entfloh. Falsche Nachrichten von österreichischen Siegen und vom
Einmarsch eines österreichischen Heeres aber täuschten den tapferen
Hofer, der vom Passeierthale zum letztenmal seinen treuen Landsturm
aufbot. Ein paar Häuflein fanden sich noch zusammen und errangen einige
Erfolge gegen kleine französische Abteilungen im Süden. Aber die Kraft
des Tiroler Volkes war doch zu sehr erschöpft; neue französische
Truppen rückten ins Land; Hofer mußte die Waffen niederlegen und ins
Gebirge fliehen. Verrat lieferte ihn in die Hände der Franzosen; und am
20. Februar 1810 ward er zu Mantua erschossen. Tirol blieb bayerisch.
[Illustration: Abb. 56. ¯Hinterbärenbad¯ (Kaiserthal).
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)]
In schweigendem Grimm erduldeten die Tiroler ihr Schicksal, bis
im Jahre 1814 ihr Land nach dem Sturze Napoleons von Bayern an
Österreich zurückgegeben ward. Das Volk von Tirol hatte während
seines Befreiungskampfes viel Kraft verausgabt, vielleicht mehr, als
es ohne Schaden für seine Zukunft ausgeben konnte. So war’s nicht zu
verwundern, daß die mächtigen Fortschritte des ~XIX.~ Jahrhunderts in
den einsamen Bergthälern nur langsam eindrangen, daß nach dem großen
Kriege mancherlei schwer begreifliches Sektenwesen in den Köpfen der
Unterinnthaler und Zillerthaler seinen Spuk zu treiben begann, daß die
schlichten Bauern sich oft zu widerstandslos der Führung durch die
Bureaukratie und die Geistlichkeit, und den eigenen althergebrachten
Vorurteilen überließen. Und was am meisten in der jüngsten Geschichte
Tirols zu beklagen ist: daß das deutsch-tirolische Volk nicht die
Kraft besitzt, der fortwährenden Italianisierung Südtirols genügenden
Widerstand entgegenzusetzen.
[Illustration: Abb. 57. ¯Vorderthiersee.¯
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
~V.~
Bevölkerung.
[Sidenote: Bestandteile der Bevölkerung.]
Die Bevölkerung Tirols besteht zum größten Teile aus den deutsch
redenden Nachkommen des bayerischen Volksstammes, der sich während der
Völkerwanderung Tirols bemächtigt hatte. Im Oberinnthal aber und in
Vorarlberg ist die dortige durchaus deutsche Bevölkerung aus dem Stamme
der Schwaben und Alemannen.
Unter dieser heutigen Schicht des Tiroler Volkstums erkennt man
teils aus einzelnen Dialektformen und Ausdrücken, teils aus Orts-
und Bergnamen Reste der früheren Volksunterlage: der Rhätier und der
römischen Kolonisation, in einem kleinen östlichen Landstrich auch der
vordem eingedrungenen Südslaven. So ist die Tiroler deutsche Mundart
keine einheitliche. Sie fließt an der Nordgrenze vollständig mit der
bayerischen, an der Ostgrenze mit der Salzburger und Kärntner Mundart
zusammen, während sie in Vorarlberg an die der Ostschweiz anklingt. Vom
nächstverwandten bayerischen Dialekt unterscheidet sich der Tiroler
durch die tiefen, ihm eigenen Kehllaute. Von den Vokalen klingt das
A häufig wie O, das E und I wie Ö und Ü; die Konsonanten rollen dem
Tiroler wie aus tiefen Bergschlünden hervor.
[Sidenote: Sprache und Ortsnamen.]
Neben der deutsch redenden Bevölkerung gibt es in Tirol auch eine
romanische und italienische. Die romanische (altromanische, ladinische)
ist wohl auf römische Niederlassungen mit beigemischten rhätischen
Elementen zurückzuführen; sie wohnt in den Thälern Gröden und Enneberg,
im Thal des Avisio und des Cordevole. Ihre Sprache ist ein fast zur
Unkenntlichkeit verwildertes Latein. Von der Gesamtbevölkerung haben
60 Prozent die deutsche, 40 Prozent die italienische oder ladinische
Umgangssprache. Übrigens verstehen und sprechen in den ladinischen
Thälern die Männer alle auch deutsch.
[Illustration: Abb. 58. ¯Unterinnthalerin.¯
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)]
Im allgemeinen kann man den Satz gelten lassen, daß in Tirol die
Sprachgrenze auch eine Grenze verschiedener Lebensformen und socialer
Zustände bedeutet. Aber im einzelnen erleidet dieser Satz viele
Ausnahmen. Insbesondere bilden die Ladiner in mancher Hinsicht
Übergänge. Sprachlich sind sie den Deutschtirolern ebenso fremd, wie
die Italiener; an Bauart, Ansiedelungs- und Wirtschaftsweise, äußerer
Erscheinung, Nahrung und Kleidung haben sie mehr Ähnlichkeit mit den
Deutschtirolern. Die Bau- und Ansiedelungsweise der Deutschtiroler
reicht weiter nach Süden, als ihre Sprache.
Gemeinsam haben die deutschen und welschen Thäler, daß im allgemeinen
Wohlstand und Annehmlichkeit des Daseins am bedeutendsten in den
untersten Gegenden der Thäler sind und von da nach aufwärts stufenweise
abnehmen, so daß die höchstgelegenen Ansiedelungen die ärmsten und
rückständigsten sind. Von dieser Thatsache, die zu naturgemäß ist,
gibt es nur wenig Ausnahmen, wie etwa die Rofner Höfe im Ötzthal.
Aber die Armut und Einfachheit der höchsten Ansiedelungen ist sehr
ungleichartig; in manchen Thälern wirkt sie edel und würdig, in anderen
abschreckend und bettelhaft.
Von den ehemaligen Rhätiern sind fast nur noch Ortsnamen
übriggeblieben; diese aber reichen vom Zillerthal bis nach Trient
und nach Vorarlberg. Im Unterinnthal grüßen uns als rhätisch schon
Ortsnamen wie Schwaz, Terfens, Volders; sie finden sich sehr zahlreich
im Oberinnthal, im Vintschgau, am Eisack. In den höher gelegenen
Seitenthälern werden sie seltener; von den Bergnamen sind wohl nur die
wenigsten rhätischen Ursprungs. Daraus schließt man mit Recht, daß die
rhätische Ansiedelung sich so ziemlich auf die Hauptthäler beschränkt
haben muß.
[Illustration: Abb. 59. ¯Alpbacher.¯
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)]