Und wie das ganze Land an seiner nördlichen und südlichen Abdachung

die größten Gegensätze aufweist, so auch die einzelnen Thäler. Jedes

in ostwestlicher Richtung verlaufende Thal hat seine nach Süden

gekehrte sonnseitige Thalwand und seine Schattenseite. Den Bewohnern

der Sonnenseite kommt der Frühling um Wochen früher, ihr Jahr ist

wärmer und ihr Herbst weicht später dem Winter, als denen, die an der

Schattenwand hausen. Und auch die von Süd nach Nord verlaufenden Thäler

haben doch wieder ihre Biegungen, ihre Seitenschluchten und Mulden,

wo nach Süden gewandte Gehänge kleine sonnseitige Winkel bilden. Man

begreift, daß sich die menschliche Ansiedelung mit aller Macht nach der

Sonnenseite gezogen hat. Wo freilich, wie im unteren Innthale, die nach

Süden gewandten Thalwände ganz steile Felsenmauern sind, während die

entgegengesetzten Gehänge sanft ansteigen: da mußte man eine Ausnahme

von dieser Regel machen.

Wohl sind die hohen Lagen im ganzen kühler, als die tieferen. Aber

die Gegensätze von Warm und Kalt werden nach oben zu nicht schärfer,

sondern milder. So kommt’s, daß den zu höchst gelegenen Ansiedelungen

nicht etwa der winterliche Frost ein besonders grimmiger Gegner ist,

sondern mehr die furchtbaren Schneemassen, die sie oft wochenlang

von der Thaltiefe völlig abschneiden. Die dauernden menschlichen

Wohnsitze reichen in Tirol viel höher hinauf, als in den deutschen

Mittelgebirgen. Das gilt schon für die Nordhälfte des Landes. Die

südliche Hälfte aber erfreut sich eines Klimas, wie es, soweit die

deutsche Zunge klingt, sonst nirgends vorkommt. Die gesegnetsten Lagen

des Rheingaus werden weit übertroffen durch das Klima des Etschthales

von Bozen abwärts. Während der Winter in Nordtirol ungefähr ebenso

lang und so streng ist, wie in Deutschland, rechnet man seine Dauer im

Bozener Gebiet nur nach Wochen; im unteren Sarcathale aber ist nur ein

Schritt vom Spätherbste zum Vorfrühling. Der Sommer Nordtirols möchte

wohl heißer sein, als der deutsche; aber er kommt nicht dazu, weil

die Sonne hinter den Bergrücken später aufsteigt und früher versinkt.

In Südtirol ist der Sommer durchaus italienisch, so daß die Bewohner

genötigt sind, aus den heißen Thaltiefen herauf wochenlang in die

frischere Luft der Berghöhen zu fliehen.

[Illustration: Abb. 20. ¯Trachten in Taufers-Sand.¯

(Liebhaber-Aufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)]

[Sidenote: Die Eisregion.]

Während im Flachlande Schnee und Eis nur durch einige Winterwochen eine

Rolle im Landschaftsbilde, in den klimatischen und wirtschaftlichen

Zuständen spielen, behaupten sie diese Rolle in einem Hochgebirgslande

das ganze Jahr hindurch. Von der gesamten Grundfläche Tirols sind 4764

~qkm~ unproduktives Land: Felsenflächen, die entweder für immer mit

einer dicken Last von Schnee und Eis bedeckt sind oder doch wegen ihrer

hohen Lage und ihrem gänzlichen Mangel an Erdbedeckung nur Spiel- und

Tummelplätze des ewigen Winters bilden. Ungefähr der sechste Teil des

Landes ist nicht bloß allem Anbau unzugänglich, sondern geradezu eine

Hochburg, von der aus Stürme, Eis- und Schneelawinen, Steinströme,

Schlammfluten und Wildwasser die menschlichen Ansiedelungen und

landwirtschaftlichen Werkplätze heimsuchen. Die Firn- und Eismassen,

welche in meilenbreiter Ausdehnung die höchsten Kämme und Gipfel

decken, nehmen einen dauernden Einfluß auf die Natur des ganzen Landes

und durch sie auch auf die Menschen. Der Natur der Hochthäler verleihen

sie einen starren gewaltthätigen und menschenfeindlichen Hintergrund;

den Menschen nötigen sie zu Kämpfen und Sorgen, von denen sich die

Bewohner der Flach- und Hügelländer keine Vorstellung machen. Nicht

als ob diese Firn- und Eismassen eine bedenkliche Abkühlung der Thäler

bewirkten. Es ist keine Eiskellerluft, die sie erzeugen, sondern eine

wohl mitunter eisige, dabei aber kräftige und überaus reine Luft, die

aus ihnen zu den menschlichen Ansiedelungen herabweht.

[Illustration: Abb. 21. ¯Zillerthaler.¯

(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)]

Geradezu verwüstend wirkt die Welt des ewigen Eises nur ausnahmsweise,

wenn sich unter besonderen Verhältnissen Eisseen bilden, die dann,

wie es im Ötzthale und im Martellthale schon geschah, plötzlich ihre

Umdämmung durchbrechen und die tiefer liegenden Thalgründe verheeren.

Viel gefährlicher sind die nicht perennierenden Schneemassen, die sich

an steileren Gehängen lagern und, wenn sie von wärmeren Luftströmungen

zerweicht werden, von ihrer Unterlage gleiten, um als Lawinen mit

unwiderstehlicher, zermalmender Wucht niederzugehen. Diesen Schrecken

kennt jedes Hochthal in Tirol; an allen Gebirgspfaden sieht man die

hölzernen Gedenktäfelchen, die vom Tode eines Menschen in der eisigen

zerdrückenden Umarmung einer Lawine reden.

[Illustration: Abb. 22. ¯Zillerthalerin.¯

(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)]

Für die Thäler sind die in flimmernder Höhe über ihnen lagernden Firn-

und Eismassen beständige Behälter ergiebiger Wassermassen. Da sammelt

sich nicht bloß während des Winters, sondern auch während des Frühlings

und Herbstes das krystallisierte Wasser in riesigen dicken Lagern an,

um dann als Schmelzwasser niederzugehen. Man muß an einem Sommertage

zur Mittagszeit über einen großen Gletscher gewandert sein, um zu

sehen, wie da meilenlange Eisfelder auf einmal in Bewegung geraten, wie

ihre Oberfläche zu tausend und abertausend Rinnsalen wird, in denen das

geschmolzene Eis thalabwärts rieselt und gurgelt und rauscht, um am

unteren Ende des Gletschers jene mächtigen Bäche zu speisen, die da mit

wütender Kraft unter dem Eise hervorbrechen. Und je heißer der Sommer,

um so reicher die Wassermenge, die er liefert. Aber nicht bloß in der

wärmeren Jahreszeit schmelzen die Gletscher ab. Mitten im Winter kommen

Tage, wo plötzlich eine warme Luftströmung die Eiswelt der Höhen zum

Tauen bringt. Diese Föhnwinde kennt man in Tirol, wie man sie in der

Schweiz kennt. Aber während man ihre Wärme früher dadurch erklärte,

daß man meinte, sie kämen aus der Sahara über das Mittelländische Meer

geflogen, kennt man sie jetzt als Fallströmungen, die durch ihren

Sturz aus der Höhe zu ihrem Wärmegrad kommen. An solchen Wintertagen

fangen die sonst zu Krystall gefrorenen Bäche plötzlich zu sprudeln und

zu schäumen an, jeder Berg wird zum riesigen Dache, von dem Tausende

von Wassern niederrieseln; die Firnfelder dampfen, und die stürzenden

Lawinen lassen ihren Donner vernehmen.

[Illustration: Abb. 23. ¯Pusterthalerinnen.¯

(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)]

[Sidenote: Die Bodenbenutzung.]

Von den 29288 ~qkm~ Bodenfläche, welche Tirol enthält, sind: 1491

Äcker, 1964 Wiesen, 50 Gärten, 128 Weingärten, 1394 Hutweiden, 7778

Almen, 11049 Wald, 68 Seen, Sümpfe, 55 Haus- und Hofräume, 4764

unproduktive Wüstenflächen. Man ersieht daraus, daß die mit Pflanzen

angebaute Fläche nur den siebzehnten Teil der Gesamtfläche beträgt;

alles, was sonst dem Boden entsproßt, ist mehr oder weniger wild

wachsendes Naturprodukt. Freilich wird dieses Wachstum der Natur

noch geleitet und überwacht; aber Leitung und Überwachung wird um so

lockerer und weniger eindringlich, je höher die Lage.

[Illustration: Abb. 24. ¯Passeierin.¯

(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)]

Auf den Äckern der Thalsohle wird zumeist Mais gebaut; an den

Berghängen Roggen, Weizen, Gerste und Hafer. Der Getreidebau reicht bis

zur Höhe von 1700 ~m~ hinan; doch erzeugt das Land nicht seinen vollen

Bedarf an Brotgetreide. Neben dem Getreide wird auch Flachs gebaut;

der Ötzthaler und Innthaler Flachs ist weitberühmt.

[Illustration: Abb. 25. ¯Meraner.¯

(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)]

[Sidenote: Wein- und Obstbau.]

Südlich vom Brenner ist neben dem Mais der Weinstock die wichtigste

Kulturpflanze. Er reicht vom Süden herein bis Brixen, zu einer

Meereshöhe von 600 ~m~; im Vintschgau bis über 700 ~m~. Der Wein wird

in Tirol nicht an Stöcken gezogen, sondern in „Berglen“. Das sind

Laubengänge von 2 ~m~ Höhe, aus Holzsäulen bestehend, auf welchen

Träger, „Staleinen“ ruhen. Doch finden sich Weinpfähle im Pusterthale

und bei Brixen, während in Welschtirol die Reben sich an und zwischen

den Maulbeerbäumen emporranken müssen. Diese Art des Anbaues wie die in

Laubengängen ist landschaftlich weit reizvoller, als die an Pfählen;

die letztere aber ermöglicht eine viel sorgfältigere Kultur. Die

berühmtesten Tiroler Weine sind die von Terlan, Kaltern und Tramin;

auch der Isera und Vino Santo von Arco.

[Illustration: Abb. 26. ¯Meraner Saltner.¯

(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)]

Neben der Weinrebe sind’s edle Obstbäume, die der Landschaft Südtirols

einen stellenweise paradiesischen Zug verleihen. Vom herrlichen Bozener

Boden hinüber nach Meran und etschabwärts bis nach Arco gedeihen

vorzügliche Äpfel, Pfirsiche, Aprikosen, Mispeln, Quitten; in den

südlicheren Lagen auch Feigen, Mandeln und Granatäpfel. Und wenn in

Deutschland noch überall der Schnee die Erde deckt, dann blüht und

duftet es hier in jedem Thalwinkel, und Blüten regnen durch kosende

Luft, während aus der Höhe noch tief beschneit die Felsenhäupter

der Thalumwallung starren. Der schönste unter den fruchttragenden

Bäumen Tirols aber ist die Edelkastanie. Sie hat das gleiche

Verbreitungsgebiet, wie der Weinstock, wächst in ganzen Wäldern und

bildet mit ihrem reichen dunkelgrünen Laube einen prachtvollen Schmuck

der Landschaft. Auch die Nußbäume, die etwas höher gegen das Gebirge

hinansteigen und auch in Nordtirol sich finden, wachsen zu mächtigen

Baumgebilden heran. Nur im südlichsten Teile Tirols, im unteren

Sarcathale und an den Ufern des Gardasees gedeiht der Ölbaum, der

mit seinem blassen graugrünen Blätterwerk und seinem unvergleichlich

stilvollen Geäst der Landschaft einen hellenischen Zug verleiht.

Weniger können die unschönen Maulbeerbäume gelobt werden, die für

Welschtirol charakteristisch sind. Aber weil sie die notwendige

Bedingung der Südtiroler Seidenzucht sind, verzeiht man ihren Mangel

an Baumschönheit. In ihrer landschaftlichen Wirkung sind die deutschen

Nutzpflanzen den welschen entschieden überlegen. Auch die Mais- und

Tabakfelder des Etschlandes reichen nicht an die Schönheit eines

sommerlichen Roggenfeldes.

[Illustration: Abb. 27. ¯Meranerin.¯

(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)]

[Sidenote: Pflanzenverbreitung.]

In Südtirol ist die Stufenreihe der charakteristischen Pflanzen von den

Thaltiefen nach den Höhen zu eine etwas andere, als im Norden. Dort

sind für die unteren Lagen bis zu 700–800 ~m~ Seehöhe bezeichnend die

Pappel, Felder von Reis und Mais, Tabak, Maulbeerbäume, Reben, Nußbäume

und Kastanien. Von 700–1600 ~m~ Getreidearten und Obstbäume; höher

hinauf Wiesen und Buchenwald; dann beginnt erst der Fichtenwald und die

Alpenweide.

So stark sind die Gegensätze zwischen den nördlichen und südlichen

Abdachungen, daß man an der Nordseite eines Joches, wie etwa am

Pfitscher Joche, stundenlang durch völlig pflanzenleeres Gestein

emporsteigt und, kaum auf die Südseite getreten, schon einen weichen

Rasenteppich unter sich hat. Auch auf dem Kalser und Velber Tauern, auf

dem Venter Hochjoch kann man die gleiche Beobachtung machen. Da kommt

man mit einem Schritt aus dem Norden nach Süden.

Die auffallenden Unterschiede in der Pflanzenwelt des Landes hängen

teils von den großen klimatischen Unterschieden, teils auch von denen

der Bewässerung und der geognostischen Bodenverhältnisse ab. Die

heutige Pflanzenwelt Tirols ist, mit dem Rückgange der Gletscher zur

schwindenden Eiszeit, allmählich von Norden und von Süden her ins Land

gewandert, soweit nach der Centralkette und nach den höheren Berglagen

zu, als es die Natur der einzelnen Pflanzen gestattete. Aber längst ehe

der Brenner und die Malser Heide vom ewigen Eise befreit waren, trugen

schon Stürme die Keime südlicher Pflanzen über die Centralkette nach

Norden und umgekehrt.

[Illustration: Abb. 28. ¯Sarnthaler.¯

(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)]

[Sidenote: Der Waldbestand Tirols.]

Bei den großen Höhenunterschieden ist es erklärlich, daß das Bild der

Pflanzenbekleidung des Landes ein so mannigfaches ist. Während einzelne

Charakterpflanzen, wie die Weinrebe, der Ölbaum, die Edelkastanie, die

Cypresse, die Kakteen, nur in den Thälern Südtirols gedeihen, finden

sich die deutschen Waldbäume sowohl in Süd- wie in Nordtirol. Die

Pflanzenbekleidung der Erdrinde steigt in Tirol sogar höher hinan, als

in der Schweiz; der Getreidebau reicht bis 1700 ~m~ über dem Meere.

Unter den Waldbäumen liebt die Erle am meisten die tieferen Lagen. Sie

findet sich in ausgedehnten Beständen auf den Thalsohlen, in den durch

Überschwemmungen der Bergströme gebildeten übersandeten Auen. Solche

Erlenauen, unerfreuliche Landschaftsbilder, zeigen große Strecken des

Unterinnthals; sie finden sich auch im Zillerthal, am Ausgange des

Ötzthals, in Ridnaun, Pfitsch und anderwärts.

Die Eiche liebt den Boden Nordtirols nicht. In Südtirol dagegen findet

man sie häufig, aber nur in zwerghafter Form, als Gestrüppwald an den

Bergen emporkletternd. Höher hinauf wagt sich die Buche, in Nordtirol

bis zu 1300, im Süden bis zu 1800 ~m~ Seehöhe, oft ganze Waldungen

bildend.

[Illustration: Abb. 29. ¯Defereggerin.¯

(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)]

Einer der edelsten Waldbäume, der Ahorn, gereicht hauptsächlich den

Thälern der nördlichen Kalkalpen zur Zierde, wo er sowohl vereinzelt

als in kleinen offenen Hainen erscheint; in unvergleichlicher Schönheit

auf dem „Ahornboden“ im Karwendelgebirge.

[Illustration: Abb. 30. ¯Schützenkönig.¯

(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)]

Der Massenbaum des Tiroler Waldes ist nördlich von der Centralkette

durchgängig die Fichte; südlich bleibt sie die herrschende Baumgattung,

neben der Buche, wenigstens in den höheren Lagen. Ganze Strecken sind

aber auch mit der hellgrünen Lärche bestanden. Die eigenartigsten

Erscheinungen des Tiroler Bergwaldes sind die Zirbelkiefern. Sie

steigen höher in die Felswüsten hinan, als die Fichte, noch über

2000 ~m~, wachsen langsamer, aber mit wertvollem, köstlich duftendem

Holze von feuriger Lachsfarbe. Es sind knorrige, seltsam geästete

düstere Erscheinungen, durch deren buschiges Nadelkleid der Bergwind

rauscht. So sehr auch die Äxte der Holzschläger unter den Tiroler

Zirbelbeständen gewütet haben, gibt es doch noch eine Unzahl von

prächtigen vereinzelten Stämmen, die sich an der oberen Grenze des

Baumwuchses, in unzugänglichen Felswüsten, eines gesicherten Daseins

freuen. Noch höher als die Zirbelkiefer steigt die Krummholzkiefer oder

Legföhre hinan, jenes dunkle, krause, an den Bergwänden hinkriechende

strauchartige Gewächs, das so zäh und überaus genügsam die Klippen

und Schutthalden überzieht, noch in Höhen von mehr als 2600 ~m~,

abwechselnd mit einem aus Alpenrosensträuchern, Zwergbirken, Wacholder

bestehenden niedrigen Gestrüppwalde, und mit den ausgedehnten

Alpenmatten, die sich in diesen Höhen finden.

[Illustration: Abb. 31. ¯Alte Wippthaler Tracht.¯

(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)]

[Sidenote: Alpenpflanzen. Bergwald.]

Je höher man emporsteigt, um so gedrängter, kleiner werden die

Pflanzen. Aber auf ihren kurzen Stengeln wiegen sich Blumen von großer

Farbenpracht. Bis zu Höhen von 3000 ~m~ reicht die Pflanzenwelt der

Phanerogamen hinan, zuletzt freilich nur in den geschütztesten Lagen,

wo auf dem steinigen Boden, soweit ihn die Sonne für ein paar Monate

vom Schnee befreit, noch Edelweiß und Edelraute, die Eisgentiane, die

Primel, die Eisnelke und andere prächtige Hochgebirgsblümchen um ihr

Dasein kämpfen. Über 3000 ~m~ sind’s nur Flechten mehr, die mit ihrer

überaus zähen Lebenskraft an die verwitternden Felsen der Gipfel sich

anheften.

[Illustration: Abb. 32. ¯Wippthaler.¯

(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)]

Der Bergwald ist in vielen Thälern Tirols arg mißhandelt. Mancherlei

Arten der Nutzung sind es, die ihm schweren Schaden bringen: die

Kahlschläge, die Ziegen- und Schafweide und die Waldstreugewinnung. Und

bei der letzteren insbesondere die verderbliche „Schneitelwirtschaft“.

Bei dieser Wirtschaft werden die Tannen- und Fichtenbestände unter

Zuhilfenahme von Steigeisen und Axt ihrer Äste beraubt, bis gegen

den Gipfel hinauf. Solch’ ein geschundener Wald gewährt dann einen

trostlosen Anblick: ein Feld von traurigen dürren Stangen, deren jede

am Gipfel noch ein armseliges Büschelchen Grün zeigt, während ihr an

den unteren Teilen nur hier und da kümmerliche Ästchen entwachsen.

Solche Waldungen kann man in vielen Seitenthälern des Unterinnthales

sehen: im Brixenthal und Zillerthal, um Brandenberg; aber auch

im Pusterthale (Abb. 16). Am stärksten ist diese Waldschinderei

dort, wo sie als Nutzung im Gemeindewalde oder auf Grund von

Einforstungsrechten im Staatswalde ausgeübt wird. Glücklicherweise hat

sie doch gewisse Grenzen; denn aus allzu großer Entfernung von den

Gehöften will der Bauer seine Streu nicht holen. Und manche Thäler

haben sich überhaupt diese Art von Wirtschaft nicht angewöhnt.

[Illustration: Abb. 33. ¯Bozenerin.¯

(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)]

[Sidenote: Wald und Almen.]

Während so die den landwirtschaftlichen Ansiedelungen benachbarten

Wälder oft einer verderblichen Nutzungsweise, die zugleich das

Landschaftsbild arg beeinträchtigt, ausgesetzt sind, wird der oberste

Waldgürtel in seinem Bestande durch die Viehweide gefährdet. Der

junge Nachwuchs wird vom Vieh mit Hufen zertreten und angenagt, so

daß es ihm schwer wird, emporzukommen. Da findet man an den höheren

Berghängen nur mehr einzelne alte Bäume als Waldreste; der Nachwuchs

fehlt. Streckenweise hat die Ziegenweide ehemalige Waldhänge geradezu

in Steinwüsten verwandelt. In Südtirol aber haben die Holzhändler

ganze Landschaften entwaldet. Nur wo die menschlichen Ansiedelungen

fern sind und wo zugleich die Beschwerlichkeit des Transportes

den Holzhandel nicht mehr als gewinnbringend erscheinen läßt: da

erscheint der Bergwald noch in seiner ganzen urwüchsigen Pracht und

Kraft. So in einzelnen der hinteren Gründe des Zillerthales, vielfach

auch im Oberinnthal und dessen Seitenthälern. Und welch’ wunderbare

Kontraste zeigt der Tiroler Wald, von den sonnendurchleuchteten

Ahornhainen des oberen Isargebietes bis hinauf zu den gespenstig

finsteren Zirbelkiefern der Alpe Grawand im Zemmgrunde und wieder

hinab zu den tiefschattigen Kastanienforsten des Valsugana und dem

süß-melancholischen Olivenwäldchen von Torbole!

[Illustration: Abb. 34. ¯Alte Grödener Tracht.¯

(Nach einer Photographie von Emil Terschak in St. Ulrich-Gröden.)]

[Sidenote: Almen.]

Über der oberen Grenze der Waldungen erstrecken sich die mit Rasen und

Kräutern überwachsenen „Almen“ noch stundenweit empor. Der Bergbewohner

gebraucht den Ausdruck Alpe oder Alm nie von dem ganzen Gebirge,

sondern immer nur von den Weidelandschaften in den höheren Berglagen.

Man darf nicht glauben, daß ein gleichmäßig breiter Gürtel von Wäldern

und über ihm von Almen die Berge umgebe. Diese Gürtel sind in den

einzelnen Landschaften von sehr ungleicher Ausdehnung. In manchen

Gegenden stoßen die Wälder mit ihren oberen Ausläufern unmittelbar

an die pflanzenleeren Steinwüsten, an denen höher droben noch, wie

hingeklebt, kleine steile Grasflächen hangen. Anderwärts fehlt die

Zone der Wälder ganz; dort ist sie ausgerodet, und das Ackerland der

Thalsohle und der untersten Berghänge geht in Weideland über. Da sind

dann Bergrücken, auf denen man vier bis fünf Stunden lang immerfort

über Rasen emporsteigen kann, wie im Kitzbühler Thonschiefergebirge

oder in der nördlichen Vorlage des Tuxer Kammes. Häufig ist auch,

daß über den zusammenhängenden Waldungen noch eine abwechselnd aus

Felswänden, kahlen Schutthalden, dünner Waldung, Rasenflächen und

Gestrüppstrecken bestehende Zone den Übergang zur pflanzenleeren

Wildnis bildet.

[Illustration: Abb. 35. ¯Alte Grödener Trachten.¯

(Nach einer Photographie von Emil Terschak in St. Ulrich-Gröden.)]

[Sidenote: Die Tierwelt.]

Ungefähr der vierte Teil der ganzen Bodenfläche von Tirol besteht

aus Alpenweiden. Je nach der Höhenlage, nach der Steilheit der

Hänge und nach der Bodenart sind diese Alpenweiden entweder aus

einer zusammenhängenden Schicht von Erdkruste gebildet; oder die

pflanzentragende Schicht ist von Felsklippen durchsetzt oder von

Geröll teilweise überschüttet, von kiesigen Wassergräben gefurcht.

Gras und Kräuter, die auf diesen Alpenwiesen wachsen, sind zwar kurz,

aber ungleich aromatischer und reicher an Nahrungsstoff als das auf

der Thalsohle wachsende Gras. Als Viehfutter dienen die Gewächse

dieser Matten teils, indem man es den Tieren selbst überläßt, sich

ihre Nahrung zu suchen, teils, indem man einzelne Strecken, die

„Mähder“, abmäht und das Heu zur Überwinterung der Tiere benützt.

Das oft mit Lebensgefahr an den Hängen gemähte Heu wird entweder im

Freien oder in zahllosen kleinen Heustadeln aufgespeichert, bis man

sich die Zeit nehmen kann, es zu den Bauernhöfen herabzubringen. Das

geschieht meist im Winter auf der Schlittenbahn; über steile Hänge

kann das Heu auch als „Grasbären“ herabgerollt werden, nachdem man es

in Bündel zusammengeschnürt hat. Die höchste Zone der Pflanzenwelt,

jene spärlichen Kräuter und Gräser, die zwischen den riesigen Moränen

der Gletscher und als kleine grüne Päckchen an steilen Felshängen noch

unmittelbar neben ewigen Schneefeldern sprossen, werden nicht mehr

gemäht; sie dienen den Schafen und Ziegen zur Nahrung.

[Illustration: Abb. 36. ¯Grödenerin.¯

(Nach einer Photographie von Emil Terschak in St. Ulrich-Gröden.)]

Die Tierwelt all’ dieser Thäler ist heute größtenteils eine zahme:

Rinder und Pferde auf der Thalsohle und den niederen Almen; höher

droben Rinder und in den obersten Weidegebieten Schafe und Ziegen.

Die Pferdezucht ist zumeist in den an das Salzburgische angrenzenden

Gegenden vertreten; hier wächst ein tüchtiges, etwas schwerfälliges

Arbeitspferd. Das Rindvieh zählt mancherlei Rassen; aber auch dem

Laien muß ein Hauptunterschied auffallen: der Unterschied zwischen

dem von Norden und Osten her in die Alpenthäler gekommenen Rinde, das

die germanischen Einwanderer mitgebracht haben und das kurzgehörnte,

braune oder scheckige Tiere zeigt, und den graugelben, einfarbigen,

langhörnigen Rindern, die romanischer Einwanderung ihr Dasein verdanken

und hauptsächlich im Westen und Süden heimisch sind. Unter dem zahmen

Geflügel sind Hühner wegen des starken einheimischen Eierverbrauches

bevorzugt, weniger Enten, Gänse und Tauben.

[Illustration: Abb. 37. ¯Grödenerin.¯

(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)]

Die Haustiere, welche in Tirol zumeist auf Wanderungen angewiesen sind,

zeichnen sich vor den beständig im Stalle lebenden durch mehr Feuer und

Behendigkeit aus. Sie sind der größte wirtschaftliche Schatz des Volkes

und fast das einzige, was zur Ausfuhr gebracht werden kann.

[Illustration: Abb. 38. ¯Bauernhaus aus dem ~XIV.~ Jahrhundert.¯

(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]

[Illustration: Abb. 39. ¯Häuser im Mühlwaldthal.¯

(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)]

Tirol · 第 2 / 14 段