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Land und Leute
Monographien zur Erdkunde
Land und Leute
Monographien zur Erdkunde
In Verbindung mit hervorragenden Fachgelehrten
herausgegeben von
A. Scobel
~IV.~
Tirol
Bielefeld und Leipzig
Verlag von Velhagen & Klasing
1899
Tirol
Von
Prof. ~Dr.~ Max Haushofer
¯Mit 200 Abbildungen nach photographischen Aufnahmen
und einer farbigen Karte.¯
[Illustration]
Bielefeld und Leipzig
¯Verlag von Velhagen & Klasing¯
1899
¯Alle Rechte vorbehalten.¯
Druck von Fischer & Wittig in Leipzig.
Inhalt.
Seite
I. Einleitung 3
II. Geographische Übersicht 8
III. Klima, Pflanzen- und Tierwelt 26
IV. Geschichtliche Übersicht 38
V. Bevölkerung 51
VI. Das Unterinnthal und seine Nachbarschaft 76
VII. Nordwesttirol 94
VIII. Vorarlberg 115
IX. Vintschgau 122
X. Sillthal, Brenner und Bozen 140
XI. Pusterthal und Tauern 153
XII. Etschthal von Bozen bis Verona 170
XIII. Die südlichen Thäler der Dolomitalpen 178
XIV. Nonsberg und Judicarien 188
Litteratur 192
Register 193
Karte von Tirol.
[Illustration: Abb. 1. ¯Großglockner¯, von der Franz Josefshöhe gesehen.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
Tirol.
~I.~
Einleitung.
Das Land Tirol!
Wer den Namen hört und die Augen schließt, dem ersteht vor dem inneren
Blick ein großartiges Bild irdischer Meisterschönheit: grüne, von
mächtigen, wilden Bergströmen durchrauschte Thäler mit alten Städtchen
und mit friedsamen Dörfern, die sich an die Wiesenhänge lehnen; und
über den Dörfern dunkele Waldung, aus deren schattigem Kranz weiße,
graue und rote Felsmauern ragen; über diesen Felszinnen aber ein
flimmerndes, funkelndes Dach von Eis und ewigem Schnee; ein Dach, über
dessen schwindlig steile Schneiden und Hörner jahrhundertelang nur die
Geister der Sage mit Elfenfüßen schritten, bis es seine Geheimnisse den
kühnen Pfadfindern des XIX. Jahrhunderts erschloß.
Und in den Thälern ein Volk, schlicht und treu und heldenkühn; ein
Volk, dessen Geschichte zurückreicht in die Zeit des gewaltigen
römischen Kaiserreichs. Ein Volk, das in der Einsamkeit seiner Thäler
lebt und stirbt, das fromm wie Kinder in seinen Dorfkirchen kniet, aber
in Zeiten der Gefahr nicht bloß seine Männer, sondern auch seine Weiber
und Knaben zum todbringenden Schießzeug greifen läßt für den Kampf um
Heimat und Vaterland!
Ströme von Steintrümmern, Ströme von Wässern, Ströme von Eis und Ströme
von Völkerschaften haben sich durch das Land ergossen, bis es zum Land
Tirol von heute ward. Doch was diese Ströme auch mit sich rissen: seine
große plastische Schönheit konnten sie dem Lande nicht entführen;
auch nicht jene Tausende von heimlichen Winkeln und Ecken, in denen
menschliches Leben und Geschichte sich eingeschmiegt haben mit ihren
Häusern und Kirchen, Städtchen und Burgen.
Wir sehen das Land schon lange, ehe wir es betreten; wir sehen seine
weißgrauen Felszinnen über die Voralpen emporschauen, wenn wir uns
von Norden her nähern; und kommen wir von Süden, so grüßen uns auch
nackte Bergmauern schon lange, während wir noch aus der lombardischen
Ebene dahinrollen. Felsenthore nehmen uns auf, aus denen uns eiskalte,
helle Ströme zwischen weißen Kiessäumen bergfrisch entgegenrauschen.
Ein breites Thal liegt vor uns; an der Nordseite von kahlem, grauem
Geschröffe vermauert, während an der Südseite grüne, bewaldete und
bemattete Hänge sanfter hinansteigen. An Dörfern und Städten trägt
uns das Rad auf der dröhnenden Schiene vorüber, auf Brücken den Strom
übersetzend. Und bald erschließt sich in der südlichen, bald in der
nördlichen Thalumwallung ein Spalt, der uns einen Einblick in irgend
eine stille verträumte Nische dieser Bergwelt gestattet, wo abseits vom
Lärm der großen Welt ein Häufchen Menschen lebt, das nichts kennt, als
seine paar Häuser, seine weiße Kirche und die himmelhohen Berge, die
seine Heimat umschließen.
Wir verlassen die Schienenstraße und wandern mittagwärts in eines
jener Thäler hinein. Tiefe Einsamkeit umgibt uns bald; durch einen
Erlenwald hören wir, manchmal näher, manchmal ferner, einen Bergstrom
rauschen. Das erste Dorf, das in einer Thalweitung sich zeigt, ist
groß und wohlhabend, von Obstgärten und Getreidefeldern umgeben. Dann
verengert sich das Thal wieder; durch eine Wildnis von grauen und
braunen Trümmerblöcken, die von den hohen, düster über uns starrenden
Thalwänden niedergestürzt sind, windet sich ein schlechtes Sträßchen
hinan, neben dem in grandioser Wildheit uns entgegenschäumenden
Gletscherbach. Eine höhere Thalstufe wird erreicht; wieder breiten
sich grüne Matten um uns aus, von riesenhaften Bergen überragt, über
deren braune Wände Wasserfälle niederstäuben, die aus Schnee- und
Eisfeldern entspringen. Hoch oben zwischen finsterem Zackengemäuer
sieht man die blauen Gletscherzungen herabhängen, aus denen diese
Sturzbäche kommen. Und wieder treten die Thalwände näher zusammen.
Der einwärts führende Weg ist nun nicht mehr fahrbar; als steiniger
Saumpfad nur zieht er sich steil empor, durch stundenlange Einöden,
bald am rechten, bald am linken Ufer des tosenden Gletscherbachs, über
schwankende Balkenbrücken, an schwindlig jähen Felswänden oder über
wüste Schuttwälle hinweg. Dann öffnet sich das Thal noch einmal; sein
letztes höchstes Dorf begrüßt uns: ein Haufen brauner Holzhäuser, zu
Füßen einer schmucklosen grauen Steinkirche. Ringsum grünes Gehügel und
über ihm ansteigend graue Bergflanken; wo sie etwa einen Durchblick
gestatten, sieht man weiße Eismassen niedersteigen und im fernsten
Hintergrunde einen in blinkendes Schneekleid gewandeten Hochgipfel
aufragen. Das Dorf ist wie ausgestorben; nur ein paar Kinder, die an
einem Zaune sitzen, schauen uns mit großen schwarzen Augen verwundert
an.
Und weiter geht’s, wieder stundenlang, zu den letzten Thalstufen empor,
durch Engen und Schluchten, an steinigen Hängen hinan. Noch einzelne
Bäume zeigen sich an diesen Hängen: verwitterte seltsam geformte
Zirbelkiefern, deren zähes Wurzelwerk im Felsboden sich einen rauhen
Stand gesucht hat. Dann bleiben auch sie zurück; und wie der Thalgrund
sich wieder öffnet, ist er zu einem riesigen Amphitheater von Fels und
Eis geworden. Zwischen nackten Riffen und Hörnern, die nur am Fuße noch
hier und da den Anflug spärlicher grüner Moosbekleidung zeigen, wälzen
sich, von himmelblauen Spalten durchsetzt, breite Eisströme herab,
deren Ursprung stundenweite Firnfelder sind. Und über diesen türmen
sich noch in geisterhafter Schönheit die höchsten Zinnen und Zacken
des Gebirges empor: blinkende Schneespitzen, nur an den Schultern
unterbrochen von schwärzlichen Klippen oder blaugrünen Eisbrüchen. Der
Boden dieses Hochthales aber ist ein Spielplatz der Gletscherbäche, die
hier von allen Seiten her als weiße Fäden über die Moränenwälle und die
letzten grünen Matten herabkommen. Hoch über einem dieser Moränenwälle,
auf isoliertem Felshügel, schimmert noch ein kleiner Steinbau in der
Abendsonne: eins von den Unterkunftshäusern, die der Alpenverein an
den Enden der Hochthäler errichtet hat, dort, wo die letzten gebahnten
Pfade enden, wo der Wanderer, der noch weiter will, sich den Steig
durch die schreckhaften Eisgefilde selber bahnen muß.
So ist der Charakter der Landschaft in den Thälern, die zum mittelsten
Eiskamm der Tiroler Alpen hinanführen, zu jenem Eiskamm, der von Westen
nach Osten, nur an wenigen Stellen zu tieferen Pässen eingeschnitten,
das Land durchzieht.
[Illustration: Abb. 2. ¯Silvrettagruppe¯, vom Jamthal gesehen.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
[Illustration: Abb. 3. ¯Alt-Finstermünz.¯
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
Haben wir diesen Kamm überstiegen, so erschließen sich neue
Gebirgsbilder. Aber sie sind von ganz anderer Art. Andere Gesteine
bauen sich in abenteuerlichen Formen vor uns aus; statt des dunklen
Fichtenwaldes, der auf der Mitternachtsseite der Alpen uns umrauschte,
grüßen uns die saftigen Wipfel der Edelkastanie und des Weinstockes
zierliches Blätterwerk in den Thälern und an den tieferen Thalwänden.
Und wandern wir aus einer der großen Thalfurchen hinauf ins Gebirge,
so staunen wir über die Mannigfaltigkeit der Gesteine, die dort aus
den Tiefen der Erde emporgestiegen sind. Über rebenumrankte, rote
Porphyrkuppen führt uns der Pfad empor; dann wieder an brüchigen
Schieferwänden entlang, wo der verwitterte Steig unter den Füßen
des Wanderers abglitscht. Und dann erreichen wir eine wellige grüne
Hochfläche, aus der wie Trümmer fabelhafter Riesenbauwerke die
weißen Kolosse der Dolomite aufragen. Türme, Hörner und Zähne von
unglaublichster Gestalt. Wir wandern über die Hochfläche hin an
Schlünden vorüber, die, von pechschwarzem Porphyr gebildet, wie Zugänge
zur Unterwelt uns angähnen. Zwischen zwei unersteiglich scheinenden
Naturburgen aus Dolomit überwandern wir ein grünes grasiges Joch und
schauen jenseits in eine völlig rätselhafte Landschaft. Denn vor
uns liegt eine Unzahl von einzelnen Berggruppen. bald steile Türme;
dann wieder ausgedehnte breite Felsmassen; dazwischen öde steinige
Gassen, die in eine ganz fremde Welt zu leiten scheinen. Hier ist
alles überraschend; die Landschaftsbilder wechseln unaufhörlich. Und
wenn wir, der Felsenwanderung müde, ein Gefährt besteigen, das uns ins
Hauptthal zurückführen soll, rollen wir nach wenigen Stunden wieder
auf prächtiger, vielfach gewundener Kunststraße thalabwärts in ein
immer üppiger werdendes Gefilde, wo uralte Nußbäume und Kastanien ihren
Schatten werfen, Schlinggewächs die Dächer der italienisch aussehenden
Häuser überrankt und Reben über die Mauern hereinhangen. Und an den
fruchtreichen Gehängen, nach der Tiefe des breiten Stromthales zu,
sehen wir noch in meilenweiter Ferne Ortschaften, Kirchen und Burgen
erglänzen, über denen sich rote Felsenberge mit grünen Hochflächen
aufbauen. Aber selbst auf den Hochflächen, in schwindelnder Höhe
über der Thalsohle, schimmern als weiße Pünktchen noch friedliche
einsame Ansiedelungen, und in viel weiterer Ferne noch erscheinen wie
Traumgestalten wieder die stolzen duftumflossenen Schneehäupter, die
des Landes Marksteine bilden.
[Illustration: Abb. 4. ¯Ortler¯, von der Dreisprachenspitze gesehen.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
Abermals nimmt uns die stählern dröhnende Maschine mit, thalabwärts, in
die Sonnenglut südlicher Landschaft. Sie reißt uns an heißen Bergwänden
entlang durch Gartengefilde, wo aus lichtem Grün schon einzelne dunkle
Cypressen ragen. Und endlich landet sie uns am Strande eines großen
blauen Wassers. Fremdartige Blumenschönheit nickt uns aus dieser
Landschaft entgegen; welsche Laute schlagen an unser Ohr. Über die
Felsenufer, an die azurne Wellen mit wunderbarem Glanze plätschern,
wandern wir nach einem Hain von Ölbäumen, durch dessen schlanke
Baumgestalten trauernde Griechengötter wandeln könnten. Noch sind
wir im Land Tirol; aber seine südlichsten Felsenpfeiler leuchten im
Abendgolde über unserem Haupt; und noch weiter südlich, wo unser Blick
an einem fernen Vorgebirge vorüberfährt, liegen vor ihm, von grauem
Gewitterdunst überlagert, als weites Flachland die vielumkämpften
Schlachtfelder der Lombardei.
~II.~
Geographische Übersicht.
[Sidenote: Gestalt und Flächeninhalt Tirols.]
Tirol ist das am meisten nach Westen vorgeschobene Land der
österreichisch-ungarischen Monarchie. Und es ist zugleich dasjenige
Land, welches, von deutschen Volksstämmen besiedelt, am vollendetsten
als Übergang aus Deutschland nach Italien erscheint. Die Lage Tirols
ist nicht österreichisch -- so gut österreichisch auch das Herz des
Volkes schlägt.
Gestalt und Zugänglichkeit der Grenzen mußte vom größten Einfluß auf
die Berührung mit den Nachbarländern und Nachbarvölkern sein. Am
offensten erscheint die Grenze immer noch nach Norden hin.
Wohl bauen sich da die nördlichen Kalkalpen als riesiger Grenzwall
gegen Bayern auf; aber dieser Grenzwall hat doch eine ganze Reihe
von breiten Pforten: das Rheinthal, das Lechthal, den Fernpaß,
das Loisachthal, die Achenseefurche, das Innthal und das Thal der
Kitzbühler Ache. Durch diese Zugänge konnten jene Volksstämme, die
jeweils die Hochebene südlich der Donau inne hatten, in das Herz des
Berglandes eindringen. Weniger zugänglich erscheint die nach Südosten,
gegen Salzburg, Kärnten und Venetien gerichtete Grenze und die
Westgrenze, die an die Schweiz und an die Lombardei stößt.
Der gesamte Flächeninhalt der „gefürsteten Grafschaft“ Tirol beträgt
26683 ~qkm~; hierzu kommt Vorarlberg mit 2602 ~qkm~. Beide Länder
bilden zusammen eines der Kronländer von Österreich, mit zusammen
928769 Seelen, die sich auf 1002 Gemeinden in 2140 Ortschaften
verteilen.
In seiner Grundform erscheint das Land Tirol als ein etwas schräges
Dreieck. Die Nordseite dieses Dreiecks legt sich an die Südgrenze von
Bayern. Die Westfront stößt mit ihrer Nordwestecke an den Bodensee;
in sie dringen der Schweizer Kanton Graubünden und das zur Lombardei
gehörige Veltlinthal tief ein. Die Südspitze des Dreiecks ist stumpf
und durch den Gardasee gespalten, die nach Südosten stehende Seite
lehnt sich an die italienische Provinz Venetien und weiter nördlich an
die österreichischen Alpenländer, wo der Paß Strub die nordöstliche
Ecke des Dreiecks bildet.
Die nördliche breite Hälfte dieses Dreiecks, zwischen deutschen Ländern
gelegen, trägt durchaus deutschen Charakter, obwohl die Orts- und
Bergnamen romanischen Klang haben. Die Südspitze des Ländchens dagegen,
die wie ein Keil zwischen die Lombardei und Venetien eindringt, ist
italienisch; italienisch ist der Charakter der Landschaft, italienisch
zum größten Teil die Bevölkerung.
[Illustration: Abb. 5. ¯Königsspitze mit der Schaubachhütte.¯
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
[Sidenote: Gliederung des Landes.]
Erfaßt man das Land als Grundlage des menschlichen Lebens, so läßt
Tirol deutlich zwei große Furchen erkennen, in denen dieses Leben gesät
ist und wächst. Die eine dieser Furchen legt sich quer durch Nordtirol;
sie beginnt im Westen in der Tiefe des Rheinthales und zieht über den
Arlberg und Innsbruck nach Osten, bis ihr an der Ostgrenze Tirols das
Steingebirge von Lofer einen Wall entgegenschiebt. Die andere dieser
Furchen zieht in nordsüdlicher Richtung von Innsbruck über den Brenner
nach Bozen und weiter über Trient nach Verona. Fast nur durch das, was
in diesen Furchen atmet und sich regt, ist Tirol mit der Geschichte und
den übrigen Völkern in Verbindung getreten. Wer freilich des Landes
Wesen und Eigenart genauer prüft, findet leicht, daß diese Furchen
durch ein Geäder von Seitenthälern mit dem ganzen Lande in lebendiger
Verbindung sind und durch dieses Geäder Kraft und Lebensstoff aufnehmen.
Die Alpen erfüllen Tirol vollständig. So vollständig, daß nur das
Dorf Erl im Unterinnthale und Bregenz am Bodensee in flacheres Land
hinausschauen, wenn auch diese beiden Ortschaften noch selber an den
Fuß der Alpen sich lehnen. Und im Süden -- ja, vom Hafen von Torbole am
Gardasee vermag man in die lombardische Ebene zu blicken; auch dort ist
eins von den wenigen Fenstern, durch die der Blick ins Flache führt.
Sonst überall Berge, Berge, Berge!
Die Ketten der Alpen, welche Tirol in ostwestlicher Richtung
durchziehen, lassen deutlich einen dreifachen Wall unterscheiden. In
Mitte des Landes die in einer Reihe von Gruppen auftretende Kette der
Centralalpen; nördlich und südlich von ihr die durch die Innfurche,
sowie durch die Thaltiefen des Vintschgau und des Pusterthales
abgegrenzten nördlichen und südlichen Kalkalpen. Die Centralalpen sind
nicht bloß aus anderem Gestein aufgebaut, als die Kalkalpen; sie haben
auch andere Berg- und Thalformen, anderes Natur- und Menschenleben.
Der stärkeren Eisbedeckung der Centralalpen entspricht ein größerer
Wasserreichtum; den anders ausgebauten Gehängen eine andere Form der
Ansiedelung und des Verkehrs, als wir sie bei den Kalkalpen finden.
So leicht es erscheint, einen allgemeinen Einblick in den Aufbau des
Landes zu erhalten; wenn man in die Einzelheiten eingeht, wird derselbe
zu einem recht verwickelten Gefüge. Denn die Natur eines Berglandes
hängt ja einerseits von der Art der die Erdrinde bildenden Gesteine ab
und andererseits von Thatsachen, die mit der Mischung dieser Gesteine
nur zum Teil im Zusammenhange stehen. Die Gesteinsarten verleihen
der Landschaft gewisse eigenartige Gesichtszüge und Einflüsse auf
das Menschenleben; aber neben diesen Gesichtszügen und Einflüssen
wirken auch jene, welche die Berglandschaft von unten herauf in
verschiedene Höhen gehoben, sie in ihren einzelnen Teilen gefaltet,
hier zusammengedrückt, dort auseinander gespannt, hier sanftere, dort
steilere Böschungen geschaffen haben. Die ungeheuren Naturrevolutionen,
die vor unzähligen Jahrtausenden diese Landschaft schufen, sind nicht
immer von den gleichen revoltierenden Naturmächten ausgegangen; darum
findet sich hier Erklärliches und Unerklärliches, Verwandtes und
Fremdestes hart aneinander gerückt und durcheinander geworfen.
[Illustration: Abb. 6. ¯Adamellogruppe¯, von der Presenaspitze gesehen.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
Die Centralalpen erscheinen bei näherer Betrachtung als eine
zusammenhängende Reihe von Massenerhebungen. Jede einzelne
dieser Massenerhebungen weist wieder ihre besondere Gliederung
auf; sie zerfällt in Unterabteilungen, bei deren Aufbau bald ein
strahlenförmiges Auseinandergehen der Bergkämme von einem gemeinsamen
Mittelpunkte, bald die Erscheinung eines Hauptkammes zu beobachten ist,
von welchem mehr oder weniger gekrümmte Seitenzweige auslaufen. Von
Westen nach Osten gerechnet, lassen die Centralalpen in Tirol folgende
Hauptgruppen unterscheiden:
Die Silvrettagruppe (Abb. 2), an der Grenze von Tirol und Graubünden,
„ein aufgerissenes Gewölbe mit steil aufgerichteten Schalenstücken,
die zu auffallend wilden Graten und Felshörnern verwitterten,“ besteht
aus Gneis, Glimmerschiefer und Hornblendegestein. Letzteres verleiht
ihren Felsgipfeln unheimlich dunkle Färbung; sie trägt ausgedehnte
Eis- und Firnbedeckung und ist daher im Inneren wild und unwegsam. Ihr
höchster Tiroler Gipfel ist das Fluchthorn (3408 ~m~); von größeren
Thälern entsendet sie nach Nordwesten und Nordosten das Montafon
und Paznaun, westwärts zur Schweiz das Prättigau; im Süden stürzt sie
mit kurzen Thälern zur tiefen Einsenkung des Innthales. Nordwestlich
schließt sich an sie die geologisch und geographisch zu ihr gehörige
Samnaungruppe, ein Vorbau, der im Muttler (3299 ~m~) kulminiert; zur
nördlichen Vorlage hat sie die schöne Fervallgruppe.
[Illustration: Abb. 7. ¯Brentagebirge¯, vom Monte Spinale gesehen.
(Originalaufnahme von Hofphotograph B. Johannes in Partenkirchen und
Meran.)]
Durch die tiefe Innschlucht beim Passe Finstermünz (Abb. 3) ist von
dieser Gruppe die nächst östliche getrennt: die Ötzthaler und Stubaier
Gruppe. Diese gleicht einem ins Herz des Tiroler Landes geschleuderten
doppelten Eisstern, von dessen Mittelpunkten ungleich lange Strahlen
nach den verschiedenen Weltrichtungen hinabziehen. Der westlichere
dieser beiden Eissterne hat nicht weniger als 550 ~qkm~ Bodenfläche
unter seinen Gletschern begraben; er gipfelt in der Wildspitze (3774
~m~). Seine einzelnen Ausstrahlungen bilden fortlaufende Eiswälle,
zwischen denen die Thäler hoch hinansteigen, so daß in ihnen die
letzten Ansiedelungen in Höhen über 2000 ~m~ liegen. Der Kern des
Gebirges besteht hier aus Granit und Gneis, aus großen Strecken
überlagert von Glimmerschiefer, der die schärfsten, stark verwitterten
Zacken und Riffe über die Eisfelder aufstreben läßt. Die Thäler sind,
soweit sie sanftes Gehänge haben, hoch hinauf noch wohnlich; in der
Umgebung der letzten Ansiedelungen endet der Baumwuchs; aber grüne,
von Gletscherbächen übersprudelte Matten ziehen sich noch bis zu den
ungeheuren Moränenwällen der Gletscher empor. Ihre größten Thäler
sendet die Gruppe als Kaunserthal, Pitzthal, Ötzthal und Stubai
nordwärts zum Innthale, als Passeier- und Schnalserthal südlich zum
Vintschgau. An sie schließt sich im Südosten, als niedriger Vorbau, die
Sarnthaler Gruppe, ein nach Süden offenes Hufeisen, ohne Eisbedeckung,
mit viel geringeren Erhebungen, der zugänglichste und wohnlichste Teil
der Centralalpen.
[Sidenote: Der Hauptkamm der Centralalpen.]
Mitten in ihrem Zuge durch Tirol wird die Kette der Centralalpen durch
die tiefe Einsattelung des Brenners unterbrochen. Ostwärts von diesem
erheben sich die Zillerthaler Alpen, aus drei Gruppen bestehend,
nämlich aus dem zunächst am Brenner liegenden Tuxer Kamme, dem dann der
Zillerthaler Hauptkamm mit dem Hochfeiler als Kulminationspunkt (3523
~m~) folgt; an ihn schließt sich nordöstlich die Reichenspitzgruppe.
Die Zillerthaler Alpen weisen furchtbar wilde Gipfelformen, tiefe
schluchtartig eingerissene Thäler mit grimmigen Steilwänden, scharf
zerfurchte Gletscher auf. Sie sind reich an mannigfaltigen Mineralien,
aber unwirtlich für die menschliche Ansiedelung. Nur zwei größere
wohnliche Thäler ziehen sich nach der Gruppe empor, weiter einwärts
gähnen nur noch menschenleere düstere Schlünde.
Südlich vom Zillerthaler Hauptkamm erhebt sich noch die kleine
Rieserfernergruppe, gleichfalls in kühnen, scharfen Formen ansteigend,
bis zum Hochgall (3440 ~m~). An sie legt sich, weit nach Osten
streichend, das zahme unbegletscherte Defereggergebirge.
Der Hauptkamm der Centralalpen aber setzt sich in der mächtigen
Tauernkette fort, die von der Reichenspitzgruppe durch die tiefen
Einsattelungen des Krimmler Tauern und der Birnlücke getrennt ist. Von
der Tauernkette stehen nur zwei Gruppen, und auch sie nur teilweise,
auf Tiroler Boden: die Venediger- und die Glocknergruppe.
Die Venedigergruppe ist eine bedeutende, mit riesigen Eismassen
bedeckte Erhebung, im Großvenediger bis zu 3660 ~m~ ansteigend,
größtenteils aus Granit bestehend. Von der Tiroler Seite ziehen
sich das Ahrnthal, das Defereggenthal, das Virgenthal mit seinen
Seitenschluchten, das Froßnitzthal und das Tauernthal in die Eisgefilde
der Gruppe hinan. Die meisten dieser Thäler, sowie die von Norden
in die Gruppe eingerissenen Schluchten sind arm an Ansiedelungen,
so daß die ganze Gruppe als eine der vom Menschenleben am wenigsten
angetasteten Hochburgen jungfräulicher Naturschönheit erscheint.
[Illustration: Abb. 8. ¯Schlern¯, vom Ritten gesehen.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
Östlich von der Venedigergruppe erreicht die Tauernkette in der
Glocknergruppe ihre großartigste Massenentwickelung. Als nordöstlicher
Grenzpfeiler Tirols schwingt sich hier der Großglockner bis zur Höhe
von 3798 ~m~ empor (Abb. 1). Die Felsunterlage der Gruppe ist Gneis
mit Glimmerschiefer, die Bergformen scharfe, ausgesägte Schneiden und
Zähne. Aus Tirol zieht nur ein einziges Thal, das Kalser Thal, in
das Herz der Gruppe, welche nach Süden zu noch einen Vorbau, die
Schobergruppe, angehängt hat. Mit dem Großglockner findet der Zug der
Centralalpen in Tirol sein östliches Ende.
[Sidenote: Die nördlichen Kalkalpen.]
Nördlich von der Centralkette erstreckt sich durch ganz Tirol die Kette
der Kalkalpen. Sie hat ein ganz anderes landschaftliches Gesicht, als
die Centralalpen. Wie die Centralalpen steigen auch die Kalkalpen von
Norden her allmählich an, um nach Süden zu jäh abzubrechen. Aber das
Kalkgestein ist bei der Entstehung der Gebirge in ganz anderer Weise
geknickt und gebogen worden, als die Gesteine der Centralalpen. In den
Kalkalpen finden wir steile weißgraue Mauern und Türme, die aus grünen
Wald- und Wiesenthälern jäh und unvermittelt hervorbrechen. Wir finden
da nicht selten mehrfache, parallel laufende Ketten nebeneinander; und
die einzelnen Ketten sind nicht bloß durch Einsattelungen, sondern
durch tiefe Thäler voneinander geschieden.
[Illustration: Abb. 9. ¯Rosengarten.¯
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
Den Anfang der nördlichen Kalkalpen Tirols macht im Westen der Rhätikon
mit der 2967 ~m~ ansteigenden Scesaplana. Dann sehen wir die Kette
durch den tiefen Einschnitt des Illthals unterbrochen, jenseits
desselben aber wieder emporsteigen zu den sanfteren Gehängen des
Bregenzer Waldes und den höheren, schroffen und zerzackten Formen der
Lechthaler Alpen. In diesen erreicht die Parseierspitze die stolze
Höhe von 3038 ~m~, als bedeutendste Erhebung der Nordkalkalpen. Diese
werden dann von der Spalte des Fernpasses durchbrochen und setzen sich
hierauf in mehreren Ketten fort, indem die bayerisch-tirolische Grenze
durch die Wettersteinkette mit der 2964 ~m~ hohen Zugspitze gebildet
wird, während südlicher die Mieminger Gruppe sich entlang zieht mit der
hohen Griesspitze (2759 ~m~). Es folgt nun wieder eine Unterbrechung
durch die kleine Hochfläche von Seefeld und den Paß der Scharnitz; dann
setzen sich die Hochkalkalpen in vier zerrissenen Parallelketten fort
als Karwendelgebirge, mit der Birkkarspitze (2756 ~m~) als höchster
Erhebung. Das Karwendelgebirge verliert nach Osten zu bedeutend an
Höhe und sinkt zur tiefen Furche des Achensees herab. Östlich von
diesem baut sich die Rofangruppe noch stattlich empor (2299 ~m~); dann
aber sinken Gipfel und Kammhöhen mehr und mehr in die Tiefe; und erst
jenseits des Inndurchbruchs bei Kufstein entwickelt der Kalk wieder
seine künstlerische Plastik im Kaisergebirge, dessen furchtbar wilde
Formen bis ins Flachland hinaus imponieren, obgleich es in seinem
Kulminationspunkt, der Elmauer Haltspitze, nur 2344 ~m~ erreicht. Den
östlichen Eckpfeiler der Nordkalkalpen in Tirol bilden die Loferer
Steinberge (2634 ~m~), als Grenze Tirols gegen Salzburg.
[Illustration: Abb. 10. ¯St. Maria in Wolkenstein¯, gegen die
Sellagruppe gesehen.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
Ewigen Schnee tragen die Nordtiroler Kalkalpen genug in ihren höheren
Runsen und Schluchten; kleine Gletscher nur im Rhätikon, in den
Lechthaler Bergen und im Wettersteingebirge, wo aber der Plattachferner
und Höllenthalferner auf bayerischem Gebiete liegen.
Im Nordosten von Tirol stoßen die Kalkgebirge nicht unmittelbar an die
Centralalpen. Hier hat sich zwischen beide Hauptgebirgsglieder ein
drittes eingeschoben: das aus Thonschiefer und älteren Kalkformationen
bestehende Übergangsgebirge. Dieses Gebirge legt sich, sanft zum
Innthal abgedacht, nördlich vor die Zillerthaler Alpen und vor die
Tauernkette, von letzterer durch die Salzach getrennt. Einzelne
seiner Gipfel steigen bis über 2500 ~m~ an. Das ganze Gebirge macht,
zwischen den Eiskämmen der Centralalpen und den grotesken Zinnen der
Hochkalkalpen, einen unscheinbaren Eindruck. Alle auffallenden Formen
fehlen; langgestreckt ziehen sich die Bergprofile mit geringer Neigung
empor, bis zu den Gipfeln hinauf mit Gras bewachsen. Nur in Höhen über
2000 ~m~ färbt das Grün sich bräunlich; der nackte Fels kommt mehr
und mehr zum Vorschein. Die wertvollen Mineralschätze, die dieses
Übergangsgebirge vor Zeiten in seinem Schoße barg, sind großenteils
versiegt, aber seine ergiebigen Matten hat es behalten; seine Thäler
und Almen sind Hauptsitze der Tiroler Viehzucht.
[Sidenote: Die südlichen Alpen.]
Die südlich von der Centralkette gelegenen, von ihr durch das obere
Etschthal und das Pusterthal geschiedenen Alpen werden durch das
untere Etschthal deutlich in eine westliche und eine östliche Hälfte
geschieden. Die südwestlichen Alpen Tirols aber bestehen wieder aus
drei Gruppen: der Ortlergruppe, der Adamellogruppe und der Brentagruppe.
Die erstere, aus Glimmerschiefer, Granit und Kalk aufgerichtet, bildet
den gigantischen Grenzbau zwischen Tirol, der Schweiz und Italien.
Im Ortler (Abb. 4) selbst erreicht sie die höchste Erhebung der
österreichischen Alpen mit 3902 ~m~, in der Königsspitze (Abb. 5)
eine solche von 3857 ~m~. Bei großer Massenerhebung zeigt die Gruppe
imponierende Gletschermassen und tief eingeschnittene Thäler, während
die von ihr nach Osten zu ausstrahlenden Nonsberger Alpen, aus Kalk
und Porphyr bestehend, keine Vergletscherung mehr haben und zu den
zugänglichsten, kulturfreundlichsten Strecken Tirols gehören.
Die einsame und entlegene Adamellogruppe (Abb. 6) stößt an die
(italienischen) Bergamasker und Brescianer Alpen. Sie legt sich als
mächtiges Hufeisen um den obersten Lauf der Sarca, nach Osten zu offen.
Den nördlichen Arm dieses Hufeisens bildet die wilde Presanellagruppe,
den südlichen, größeren, der Adamello (3548 ~m~) mit seinen Trabanten:
eine große Eisfläche, auf schönem, weißem Hornblendegranit aufliegend,
von Glimmerschiefer umlagert, mit wilden und kühnen Formen.
Die Brentagruppe ist eine schöne, charakteristische Erhebung zwischen
der Adamellogruppe und der Etsch, im Norden vom Thal des Nonsberges
(~Val di Non~), im Süden vom Sarcathale begrenzt. Aus Dolomit
bestehend, zeigt sie dessen mächtig zerrissene, kühn gestaltete
Felsformen in auffallender Weise, trägt aber dabei auch noch einen
gewaltigen Gletschermantel zwischen ihren Zinnen und Türmen (Abb. 7).
Sie zerfällt in eine nördliche und südliche Hälfte und steigt in ihrem
Hauptgipfel, der Cima Tosa, bis zu 3176 ~m~ an.
Noch ist das letzte Gebiet der Tiroler Alpen zu betrachten: jene
ausgedehnten, mannigfachen und merkwürdigen Bergmassen, welche sich
im Südosten des Landes, vom Pusterthal im Norden, vom Etschthal im
Westen begrenzt, erheben und nach Ost und Süd über die Landesgrenze
nach Kärnten und Italien hinüberziehen. Im Munde der Reisenden heißt
diese Gebirgsmasse schlechtweg die Dolomiten. Sie verdient diesen
Namen aber nur deshalb, weil ihre merkwürdigsten, auffallendsten
Berggestalten aus Dolomit bestehen. Thatsächlich finden wir die
mannigfaltigsten Gesteinsarten in dieser Gebirgsmasse vertreten:
schwarzen und roten Porphyr, Dolomit und Glimmerschiefer, Sandstein und
Granit. Die stolzesten Erhebungen aber gehören dem Dolomit an.
[Illustration: Abb. 11. ¯Langkofel¯, von Nordost gesehen.
(Nach einer Photographie von Emil Terschak in St. Ulrich-Gröden.)]
[Sidenote: Südliche Landschaftsbilder.]
Da findet man höchst eigenartige Landschaftsbilder: in der Tiefe
der Thäler ein reich mit Grün überkleidetes, oft wohlangebautes,
wellenförmiges Gehügel, aus Porphyr oder, im Norden, aus
Glimmerschiefer bestehend, und darüber, in den verwegensten Formen
aufragend, scharfkantig und der Verwitterung trotzend, Türme, Zacken
und Zinnenmauern, die wie aus der Erde hervorgestoßen erscheinen,
wie lauter Reste von zertrümmerten Riesenburgen. Und diese seltsamen
Gebilde erscheinen, je nachdem sie von Regen benetzt, von der Sonne
beglänzt oder von Wolken überschattet sind, bald rosenrot oder
silberweiß, bald braun wie Asphalt, rot wie glühendes Eisen, aschgrau,
tief indigoblau oder goldgelb.
Den reichsten Wechsel bieten die Landschaften der westlichen
Dolomiten, schon wegen des merkwürdigen Übergangs aus der Tiefe
des üppig-schönen Etschthals zu den unwirtbaren Felswüsten. Hier
erheben sich die wundersamen Berggestalten des Schlern (2565 ~m~,
Abb. 8), des sagenreichen Rosengarten (3002 ~m~, Abb. 9), der
mächtigen plateauartigen Sellagruppe (3152 ~m~, Abb. 10), der grimmig
aufgetürmten Langkofelgruppe (3178 ~m~, Abb. 11) und der die ganzen
südöstlichen Alpen Tirols beherrschenden Marmolata (3360 ~m~, Abb.
12). Zahlreiche, großenteils gut gangbare Joche führen zwischen diesen
merkwürdigen Felsgestalten hindurch, die Thäler Gröden, Gaderthal und
Fassa verbindend.
Südöstlich dieser Gruppe erheben sich die Trientiner Alpen in der Pala-
oder Primörgruppe zu höchst abenteuerlichen Gipfelzacken, Felshörnern
und klippigen Hochebenen (Abb. 13). In diesem Grenzwall gegen Italien
steigt der furchtbare Cimon della Pala bis zu 3186 ~m~, während eine
zweite Hochburg, die Pala di San Martino, 2996 ~m~ und die Cima di
Vezzana 3194 ~m~ erreicht.
Gleich großartig, vielleicht wegen des auffallenderen Gegensatzes
zu fruchtbaren Thaltiefen noch malerischer, wirken die Dolomiten
von Ampezzo und Cadore, zwischen dem Pusterthale, dem Gader- und
Abteithale, dem Thale von Cordevole, dem Rienz- und Piavethal.
Auch hier finden sich eine Reihe von einzelnen charakteristischen
Gebirgsmassen, die durch gangbare Joche untereinander zusammenhängen.
Die namhaftesten darunter sind der Monte Cristallo (3199 ~m~, Abb.
14), Piz Popena (3143 ~m~), Croda Rossa (3148 ~m~), Tofana (3241 ~m~),
Sorapiß (3229 ~m~).
Östlicher schließen sich an diese die Dolomiten von Sexten und Lienz;
ebenfalls im Norden durch das Pusterthal begrenzt, bilden sie das
letzte Gebiet der Südtiroler Alpen gegen Kärnten, nach Osten an Höhe
bedeutend abnehmend. Ihre berühmtesten Gipfel sind die drei Zinnen
(höchste 3003 ~m~, Abb. 15) und die Dreischusterspitze (3162 ~m~); nach
Osten zu gehen sie in das Gebiet der Karnischen Alpen über.
Kleinere abgeschlossene Gruppen endlich legen sich noch im äußersten
Süden Tirols an die vorgenannten an. So die im Westen des Gardasees
gelegene Gruppe, die, vom Val Bona, vom mittleren und unteren Sarcathal
umgrenzt, nach der lombardischen Ebene sich senkt. Ferner die Gruppen
zwischen dem Sarcathale, dem Gardasee und dem Etschthale, wo der lang
von Nord nach Süd gestreckte Monte Baldo den Grenzpfeiler gegen Italien
bildet; endlich die durch das Etschthal und das Val Sugana vom übrigen
Tirol abgeschnittenen Teile der Venetianischen Alpen.
Diese kleineren Gruppen sind wie Gartenterrassen oder Veranden, die
aus der eisüberdachten Zauberburg der Alpen nach den Gartengefilden
Italiens vorgeschoben sind.
Zwischen den einzelnen Gruppen der Tiroler Alpen findet sich kein Platz
für eigentliche Ebenen. Da und dort erweitert sich wohl einmal ein
Thalboden, wie das Rheinthal bei Bregenz und Feldkirch, das Innthal an
einzelnen Stellen, das Etschthal bei Bozen. Aber das sind keine Ebenen;
nur Weitungen, die dem Auge gestatten, nach einem Horizont zu suchen;
aber sofort stößt der Blick wieder an die Mauern, die diese kleinen
Höfchen der Zauberburg allerwärts umstarren.
[Illustration: Abb. 12. ¯Marmolada¯, von der Seiser Alp gesehen.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
[Illustration: Abb. 13. ¯Palagruppe¯, von der Rosetta gesehen.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
[Sidenote: Gewässer Tirols.]
Wasserreich, wie die Alpen überhaupt, sind auch die Tiroler Berge
und Thäler. Regen, Schnee und Nebel werden von der Pflanzendecke der
Thalwandungen aufgesogen und ergießen sich als Quellen und Bäche
thalabwärts; die ewige Schnee- und Eisbedeckung der höheren Lagen, im
Winter wachsend und im Frühjahr und Sommer unter dem Einfluß der Sonne
und warmer Luftströmungen wieder abschmelzend, versieht die Bäche und
Flüsse mit Nahrung. Als riesiges Dach sendet das Land seine Abflüsse
durch den Rhein nach der Nordsee, durch die Donau nach dem Schwarzen
Meere, durch die nach Venetien geneigten Thäler in das Adriatische Meer.
Die Quellenbildung ist in den Tiroler Bergen sehr verschieden nach
der Natur des Gesteins. In den hoch hinauf mit Moos bewachsenen, aus
Granit, Gneis und Glimmerschiefer bestehenden Urgebirgen rieseln
überall Quellen; das Gestein nimmt die Wasser nicht in seine Tiefen
auf, sondern leitet sie auf seinem Rücken fort. In den Kalkalpen
dagegen, deren Gestein mannigfache Hohlräume hat, sickern die an der
Oberfläche aufgenommen Wasser größtenteils in diese Hohlräume ein,
um erst weiter unten gegen die Thaltiefe zu aus ihrer Felsennacht
hervorzubrechen.
In den Centralalpen hat jedes Thal, von dem ein Ast bis in
die Gletscherregion hinausreicht, seinen Gletscherbach. Diese
Gletscherbäche sind weißgraue, undurchsichtige, wildschäumende
Gewässer, an deren Ufern man oft genug das Poltern unsichtbarer
Felstrümmer vernimmt, die von dem tobenden Wasser fortgewälzt werden.
Jedes Thal läßt die unablässig nagende Wirkung des rinnenden Wassers
erkennen. Bald haben die Thalbäche sich tiefe schluchtartige Rinnen
in den Fels gefressen, bald werfen sie sich, mehrfach zerteilt über
Trümmerfelder herab; bald schlängeln sie sich in Windungen durch
grüne Wiesengründe, die aber nichts anderes sind, als grasbewachsene
Schuttflächen, die auch vor undenklichen Zeiten vom Wasser hier
abgelagert wurden. Ehe die Seitenthäler in ein Hauptthal einmünden,
haben sehr häufig ihre Bäche flachere Niederungen gebildet.
Die Wasser Nordtirols finden ihren Abfluß größtenteils zum Inn. Er
betritt, schon als ansehnlicher Bergstrom, aus Graubünden kommend,
den Boden Tirols bei Finstermünz und verläßt ihn, in nordöstlicher
Richtung fließend, bei Kufstein. Seine stärksten Zuflüsse erhält er in
Tirol durch die Gletscherströme, die ihm aus dem Paznaunthale, aus dem
Ötzthale, dem Stubai und dem Zillerthale zugehen. Außerhalb Tirols,
schon in Bayern, empfängt der Inn aber noch die Wasser der Kitzbühler
Ache, die ebenfalls den Tiroler Bergen ihren Ursprung verdankt.
Neben dem Inn sind es noch, aus westlicher gelegenen Thoren, die Isar
mit der Loisach, die auch einen Teil der Wasser Nordtirols nach der
Donau führen, sowie der Lech; während die östlichste Abdachung, die der
südlichen Tauernthäler, ihren Abfluß durch die Drau nach der Donau zu
findet.
Das Vorarlberger Land sendet seine Gewässer durch die Ill und die
Bregenzer Ache zum Rhein. Während jedoch die erstere die Gletscherbäche
des Montafonerthales aufnimmt und sich in den Rhein wirft, ehe derselbe
den Bodensee erreicht, sucht sich die mildere Bregenzer Ache ihren Weg
direkt zum Bodensee.
[Illustration: Abb. 14. ¯Dürrensee mit Monte Cristallo.¯
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
Die Südabdachung Tirols schickt mit Ausnahme jener Gewässer, die sie
durch die Drau zur Donau sendet, all’ ihre Abflüsse zum Adriatischen
Meere. Und zwar teils durch den Po, der durch Chiese und Mincio die von
den Adamelloalpen, von der Brentagruppe und vom Gardasee herstammenden
Wasser empfängt, teils unmittelbar durch die Alpenströme Etsch, Brenta
und Piave. Unter ihnen ist die Etsch entschieden am bedeutendsten.
Von ihrem Ursprung aus der Malser Heide an nimmt sie die gewaltigen
Gletscherbäche auf, die der West- und Südseite der Ötzthaler Alpen
und dem Nordostgehäng der Ortlergruppe entstammen; durch die Passer
empfängt sie abermals Zuflüsse aus den Ötzthaler und Stubaier Alpen;
dann wieder aus diesen und aus der Zillerthaler Gruppe durch den wilden
Eisack, der ihr auch die Wasser des Ahrnthals, des Pusterthals und die
vom Nordabfall der Dolomitalpen zuführt. In ihrem Weiterlaufe nimmt
sie noch den Nosbach auf mit Abflüssen der Ortler-, Presanella- und
Brentagruppe; und endlich den langen Avisio, dessen oberste Quellbäche
von den Eisfeldern der Marmolada sich nähren.
[Illustration: Abb. 15. ¯Drei Zinnen¯, vom Toblinger Riedel gesehen.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
[Sidenote: Die Seen. Erdgeschichte Tirols.]
Im Vergleich mit den Schweizer Alpen ist Tirol arm an Seebecken.
Immerhin hat das Vorarlberger Land seinen Anteil am Bodensee, Südtirol
den seinen am Gardasee. Nur ein einziger größerer Hochgebirgssee, der
Achensee, hat sich zwischen die Steilwände der nördlichen Kalkalpen
eingebettet; kleiner, aber mit den reichsten landschaftlichen Reizen
ausgestattet sind der Molvener See und die Seen von Levico in Südtirol.
Dagegen enthält Tirol eine stattliche Anzahl ganz kleiner, nicht selten
unmittelbar von den Eiswänden seiner Gletscher überragter Seebecken,
die ihren Hochthälern eigentümlichen Zauber verleihen. So der Lüner
See unter den Wänden der Scesaplana, der prächtige Plansee an der
Nordgrenze, die hochromantischen Seespiegel in der Nachbarschaft des
Fernpasses und auf der Malser Heide, der Gurgler Eissee, der Antholzer
See, der einsame Antermojasee oder der berühmte Dürrensee, in dem der
Monte Cristallo sich spiegelt (Abb. 14), wie der Fedajasee unter den
Eismauern der Marmolata, der stille grüne Brennersee, und noch mancher
andere.
[Illustration: Abb. 16. ¯Entlaubter Baum im Mühlwaldthal.¯
(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)]
[Sidenote: Entstehung der Alpen.]
Unausdenkbar lange Zeiträume haben ihre Schleier über die Geschichte
der großartigen Erdfaltungen gebreitet, die heute in den Alpen vor
unseren Augen stehen. Aber man darf vermuten, daß da, wo jetzt die
stolzen Gipfel aufsteigen, einst ein niedriges, aus Granit und Gneis
bestehendes Hügelland sich ausdehnte. Dieses Hügelland war wohl
unermeßlich lange Zeit von einem Meere bedeckt, auf dessen Boden
sich durch Ablagerung mächtige Schieferschichten bildeten. Einzelne,
aus Granit und Gneis bestehende Inselgruppen mochten über dieses
Meer emporragen, das in der frühesten Zeit der Erdbildung noch keine
organischen Wesen enthielt. Abermals nach unbestimmbar langen Zeiten
mögen durch unterirdischen oder seitlichen Druck Hebungen einzelner
Teile der Landmasse hervorgegangen sein; die Wasserbedeckung veränderte
sich, und es entstand wohl ein lang gestrecktes Festland, etwa der
heutigen Centralkette entsprechend. Während dieser Zeiträume bedeckte
sich unter dem Einflusse eines heißfeuchten Klimas der über das Meer
hervorragende Teil des Alpenlands mit der üppigen Pflanzenwelt der
Steinkohlenformation. Hebungen und Senkungen des Landes setzten sich
fort; ebenso die Ablagerungen auf dem Meeresgrunde. Wälder wurden
überflutet und sanken in die Tiefe; über sie legten sich wieder dicke
Schichten kalkigen Schlammes, der in dem Meere zu Boden sank und zur
Felsdecke erstarrte. Zwischendurch brachen aus entfernteren Tiefen
der Erde mit ungeheurem Drucke gewaltige Porphyrgesteine empor,
zertrümmerten und zerrissen die Steinkohlenschichten und bildeten mit
mächtigen Trümmermassen zusammen das große Porphyrplateau nördlich
von Bozen. Die Alpen waren nun durch fortwährende Hebung trockenes
Land geworden, von ungeheuren Waldungen bedeckt. Aber wieder senkte
sich der Boden; aufs neue brandete das Meer an die noch niedrige
Centralkette. Sand- und Thonlager, Schichten von muschelhaltigem Kalke
legten sich neuerdings auf den Grund dieses Meeres hin; Korallen
bildeten mächtige Bänke in demselben; immer reicher erscheint die
Tierwelt, deren Reste in diesen Sand- und Schlammschichten versinken
mußten. Und die unterirdischen Mächte hörten noch immer nicht auf,
neue Massen fremdartigen Gesteins aus den Erdtiefen in die Höhe zu
drängen. Und dann mochte wohl wieder eine Zeit kommen, in der fast die
ganzen Tiroler Alpen unter den Spiegel des Meeres versanken. Aber es
war ein neues Meer und eine neue Tierwelt, die in ihm lebte. Und neues
Land wuchs wieder am Grunde dieses Meeres und an seinen Ufern. Noch
immer mag dieses Land ein niedriges Plateau mit regelmäßig aufeinander
gelagerten Schichten gewesen sein, ohne tief eingeschnittene Thäler.
Dann aber erfolgten mehrere stärkere Erschütterungen des Alpenlandes
und Hebung desselben, in seiner ganzen Breite, über das Meer. Die im
Laufe von vielen Zeiträumen, von denen einzelne wohl Millionen von
Jahren gewährt haben müssen, übereinander gelegten Schichten wurden
gehoben, gespalten und durch den furchtbaren Druck der aufgestiegenen
Centralmassen seitlich abgedrängt. Mächtige Schichten wurden dabei
gebogen, verschoben, verworfen, ja geradezu umgestülpt; was früher
horizontal lag, steil aufgerichtet. Es entstanden Gewölbe, die
schließlich zerbarsten und deren Schalen dann als grausige Klippen den
Kern, der sie emporgedrückt hatte, umstarrten. Mannigfache Spalten, die
sich gebildet hatten, wurden zu Thälern, die dann vom fließenden Wasser
weiter ausgewaschen wurden.
[Illustration: Abb. 17. ¯Andreas Hofer.¯
(Nach einem 1810 erschienenen Stiche.)]
Endlich hörten die großen Erschütterungen des Alpenbodens auf. Aber
das Wasser, das Eis und die Verwitterung der hoch getürmten Felsmassen
begannen nun an der Landschaft zu arbeiten. Nach der letzten Hebung
des Bodens, nach der Bildung der Thäler sank die Temperatur des
Alpenlandes tief; die Eiszeit brach herein. Ganz Tirol bedeckte ein
ungeheures Gletschermeer, aus dem die einzelnen Gebirgszüge als nackte
Felsenrisse hervorbrachen. Auf dem Rücken der meilenbreiten Gletscher
wurden unermeßliche Schuttmassen thalab getragen, die Erzeugnisse der
zusammenstürzenden Steilwände, welche unter dem Einflusse von Wasser
und Eis barsten und brachen und den Halt verloren.
[Illustration: Abb. 18. ¯Andreas Hofer-Denkmal in der Hofkirche zu
Innsbruck.¯
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)]
[Sidenote: Veränderung der Alpen. Klima.]
Und dann, nachdem auch dies Jahrtausende gewährt hatte, kam endlich
wieder ein Zeitalter tauender Lenze; die Gletscher zogen sich langsam
zurück in die höheren und höchsten Gebirgswildnisse; die von ihnen
befreiten Thäler, die Schutthalden und die glatt geschliffenen Wände
bedeckten sich allmählich mit einer Schicht von Erde und Pflanzengrün,
und schließlich wurden die Alpen so weit wohnlich, daß aus dem
lombardischen Tieflande und von der Donauhochebene her der Mensch
einwandern konnte in die Thäler von Tirol.
[Illustration: Abb. 19. ¯Philippine Welser.¯
(Nach dem in Schloß Ambras befindlichen Bilde photogr. von Fritz Gratl
in Innsbruck.)]
Die Naturvorgänge aber, die während der Eiszeit begannen, setzen sich
unablässig fort. Immer wieder sprengt der Frost die Felsen auseinander;
ihre Trümmer stürzen zerkrachend in die Tiefe und auf die Gletscher,
wo sie als lange bewegliche Steinwälle weiter abwärts getragen werden.
Immer wieder spülen die Regengüsse losen Schutt nach den Thälern;
immerfort wälzen die Gletscherbäche polternde Blöcke mit sich. So wird
das Land Tirol unmerklich, langsam hinausgespült aus sich selber, in
die Adria und in das Schwarze Meer.
~III.~
Klima, Pflanzen- und Tierwelt.
[Sidenote: Klimatische Verschiedenheiten in Tirol.]
Tirol hat eine große lachende Sonnenseite: die Abdachung der
Centralkette nach Süden. Und dieser entgegengesetzt das schattigere
winterliche Nordgehäng gegen das Innthal und weiterhin gegen die
bayerische Hochebene. Wie eine Riesenmauer trennen die Alpen das
rauhere Klima Deutschlands von dem milderen Himmel Italiens.
Schneestürme sausen um die Scharnitz, während man im Bozener Thalkessel
unter blauem Sommerhimmel die Traube einheimst.