Es war Abend, als ich am Grundhof vorbeischlich und mich an der Reihe
windbrüchiger Weiden, die am alten Waltersburger Weg stehen, hinab zum
Hause der Sibylle schlängelte. Das kleine Anwesen sah schäbig und
unordentlich aus. Die Tür stieß einen grämlichen Quieker aus, als ich
eintrat. Der Hausflur war finster, aber in dem daranstoßenden Zimmer,
dessen Fenster mit buntem Kattun verhängt waren, brannte eine kleine
Lampe. Die „Sibylle“ erhob sich und kam mir entgegen. Mit krummem Rücken,
auf einen Stock gestützt, hob sie ihr verrunzeltes Gesicht, das in dem
trüben Lichte der kleinen Lampe ganz gespenstisch aussah, zu mir empor.
„Wird er kommen?“ fragte sie.
„Ich weiß es nicht. Aber ich hoffe es; denn ich habe es ihm kräftig
eingeredet. Ich gehe einstweilen in die Nebenstube und passe auf. Halten
Sie sich genau an unsere Abmachungen.“
„Jawohl!“ nickte das Weib.
Ich mußte eine Stunde lang warten und gab den Plan, den ich gefaßt hatte,
beinahe auf. Noch zweimal hatte Stefenson heute von der Wahrsagerin
angefangen, und ich hatte ihm einige sehr merkwürdige Fälle erzählt, in
denen die Voraussagungen der Sibylle in verblüffender Weise eingetroffen
waren. Nun kam er doch nicht. Schon wollte ich meinen Lauscherposten
verlassen, da sah ich den alten Fuchs um die Wegkrümmung treten und
vorsichtig umherspähen.
„Er kommt!“ sagte ich zu der Sibylle durch die Tür. „Nun machen Sie Ihre
Sache gut.“
Fünf Minuten später hörte ich nebenan Stefenson eintreten.
„Guten Abend“, sagte er etwas verlegen. „Ich komme mal zu Ihnen. Sie
brauchen sich deswegen nicht etwa einzubilden, daß ich auf Ihren Quatsch
etwas gebe; aber ich habe von Ihnen gehört, und da will ich mal einen
Versuch machen – der Wissenschaft halber, verstehen Sie?“
Die Sibylle rührte sich nicht. Sie sah greulich aus. Die Gestalt war in
ein geflicktes Umschlagetuch gehüllt, vor Stirn und Augen hatte sie einen
grünen Lichtschirm, über dem der graue Scheitel struppig herausragte. Das
alte Weib betrachtete ihre ausgebreiteten schmutzigen Karten und sagte
kein Wort.
„Nun?“ mahnte Stefenson ungeduldig.
Keine Antwort.
„Ja, wollen Sie nun gefälligst mit mir sprechen?“ brauste der Amerikaner
auf.
„Scheren Sie sich hinaus!“ krächzte die Alte.
„Wa–as?“
„Hinausscheren sollen Sie sich!“ wiederholte der häßliche Rabe.
„Das ist stark!“ sagte Stefenson verblüfft. „Nun bleibe ich natürlich
hier!“
Er schob sich den wackligen Stuhl, der an der Wand lehnte, zurecht und sah
mit stoischer Ruhe zu, wie das alte Weib ihre Karten mischte und legte,
ohne ihn auch nur im geringsten zu beachten. Ich vergnügte mich an meinem
Guckloche königlich.
Endlich stand Stefenson auf, legte auf die Tischkante eine Münze und sagte
mit erzwungener Höflichkeit:
„Madame, ich möchte gern durch Ihre Kunst meine Zukunft erfahren.“
„Warten Sie!“ schnarrte der Rabe.
Und Stefenson wartete. Sibylle betrachtete indes unverwandt ihre Karten.
Endlich schien sie fertig zu sein. Sie warf einen Blick auf das Geldstück
und sagte: „Auf zwanzig Mark kann ich nicht herausgeben. Es kostet
fünfundzwanzig Pfennig.“
„Behalten Sie nur das Goldstück“, erwiderte Stefenson. Da schnipste sie
mit dem Finger die Münze vom Tische hinab auf den Fußboden und kreischte
wütend:
„Fünfundzwanzig Pfennig kostet es!“
Stefenson kramte in einer Westentasche und legte fünfundzwanzig Pfennig
auf den Tisch.
„Stecken Sie das Goldstück ein!“ befahl die Alte. Stefenson leuchtete mit
Streichhölzern gehorsam den Fußboden ab, bis er die Goldmünze fand, und
steckte sie ein. Darauf mischte Sibylle die Karten, ließ Stefenson dreimal
abheben und sagte:
„Sie sind neunundvierzig Jahre alt!“
Stefenson lachte ärgerlich.
„Neununddreißig bin ich.“
„So sehen Sie nicht aus!“
Darauf wurden die Karten auf den Tisch gebreitet.
„Richtig – erst neununddreißig“, sagte die Wahrsagerin.
„Am 14. April geboren.“
„Das stimmt!“ rief Stefenson verblüfft.
„Es stimmt alles, was ich sage“, knurrte die Alte.
„Sie haben weder Vater noch Mutter, Bruder noch Schwester. Sie sind nicht
aus diesem Lande, Sie sind über das Wasser gekommen.“
Stefenson setzte sich staunend auf den Stuhl.
„Sie sind sehr reich“, fuhr die Alte fort, „und werden immer reicher
werden; aber Sie haben Unglück in der Liebe.“
„Ja“, murmelte Stefenson.
„Ihre Braut heiratet einen anderen.“
„Ist das wahr?“
„Ja. Aber Sie sind selbst schuld; Sie haben Ihre Braut schlecht behandelt
und sie betrogen.“
Stefenson stöhnte leise. Die Alte fuhr fort:
„Wenn Sie sich mit dem neuen Bräutigam Ihrer Braut duellieren, werden Sie
ihn töten.“
„A–ah!“
„Ja, aber es wird Ihnen schlimm ergehen, weil er ein vornehmer Herr ist,
und das Mädchen wird doch einen anderen nehmen.“
„Wird sie glücklich werden?“ fragte Stefenson.
„Sie wird mit jedem Manne glücklich werden, den sie nimmt. Nur mit Ihnen
wäre sie unglücklich geworden.“
„Das ist nicht wahr!“ rief Stefenson.
„Das ist ebenso wahr, als daß Sie nach einem Jahre eine reiche
Amerikanerin heiraten werden.“
„Schwindel!“ rief Stefenson erbost. „Ich werde nie eine andere heiraten.
Sie schwafeln da einen ungeheuren Blödsinn zusammen!“
„Scheren Sie sich hinaus!“ kreischte der Rabe wütend und klappte die
Karten zusammen.
„Ich bitte, daß Sie weitersprechen“, beruhigte sich Stefenson gewaltsam.
Die Alte aber erhob sich und humpelte der Nachbartür zu.
„Bleiben Sie da“, rief Stefenson; „ich habe doch fünfundzwanzig Pfennig
bezahlt.“
Sie gab keine Antwort, verschwand hinter der Tür und schob den Riegel vor.
In diesem Augenblick sprang ich im Nebenzimmer aus dem Fenster hinaus in
den Garten, ging ums Haus herum und trat durch den Flur in die
Vorderstube.
Als Stefenson und ich uns sahen, prallten wir voreinander zurück.
„Sie – Doktor?“
„Sie – Stefenson?“
Er lachte außerordentlich verlegen. Leise sagte er: „Aber wissen Sie – nur
der Wissenschaft halber ...“
„Ja – ich natürlich auch nur der Wissenschaft halber. Waren Sie schon
dran?“
„Ja. Und es hat merkwürdig gestimmt. Jetzt ist die Alte da hinein und hat
sich abgeriegelt. Aber ich warte, bis sie herauskommt; ich will noch mehr
erfahren.“
„Wenn es Sie nicht stört, warte ich mit.“
Ich sah, daß ihm mein Erscheinen gar nicht recht war, aber ich setzte mich
auf den Tisch und ließ die Beine herabbaumeln. Eine halbe Stunde verging;
es wurde langweilig. Ein paarmal hatte Stefenson an die Tür der anderen
Stube geklopft, aber keine Antwort erhalten. Endlich hörten wir drin ein
Gekrabbele.
„Sind Sie noch da?“ krächzte die Sibylle.
„Jawohl!“ antwortete Stefenson.
Ein Scharren kam von nebenan, dann sagte die Alte:
„Ich werde Ihnen für Ihre fünfundzwanzig Pfennig jetzt noch zeigen, wie
Ihre künftige Frau aussieht, und dann scheren Sie sich endlich fort.“
„Ich will nichts wissen von einer künftigen Frau, ich bleibe ledig!“
widersprach Stefenson. „Kommen Sie lieber heraus und geben Sie mir noch
auf einige Fragen Auskunft.“
„Nein!“ brummte der Rabe. „Sie werden nur noch Ihre künftige Frau sehen!“
Die Tür sprang auf, und in ihrer Öffnung stand Eva Bunkert in ihrer ganzen
strahlenden Schönheit. Stefenson faßte sich an den Kopf.
„Eva!“
„Ja, ich bin’s!“ sagte das Mädchen, blieb stehen und lachte.
„Wie ist das möglich? Wie ist das nur möglich?“ Stefenson machte den
Eindruck verdattertster Hilflosigkeit. Da sprang ich vom Tisch herunter,
brach in Gelächter aus und schrie jubelnd:
„Wir haben einen alten, sehr alten Fuchs gefangen. Horrido!“
Eva hatte glührote Wangen. Sie trat auf den wie angewurzelt dastehenden,
staunenden Stefenson zu, reichte ihm die Hand und sagte mit warmem Ton in
der Stimme:
„Mein Lieber, Sie werden mir wegen dieser Komödie nicht zürnen. Eine
kleine Strafe wenigstens hatten Sie für Ihre Ignazmaskerade doch wohl
verdient.“
„Ich verstehe nichts – nichts von allem“, stammelte Stefenson. Da griff
ich ein.
„Also, lieber, alter Fuchs, ich will Ihnen alles kurz erklären, was jetzt
Ihr in eine Wolfsgrube gefallener Verstand doch nicht von selber findet!
Die Sibylle, die Sie befragt haben, war niemand anders als Fräulein Eva
selbst.“
„Oh – oh – und die wirkliche Sibylle?“
„Sitzt in der Dachkammer und hat uns gegen Geld und gute Worte ihr
Amtslokal mal vorübergehend überlassen. Ist das nicht gut?“
Er sagte nicht, daß das „gut“ sei. Ganz förmlich wandte er sich an Eva.
„Mein gnädiges Fräulein, es ist ja recht, recht liebenswürdig, daß Sie mit
mir zu scherzen belieben; aber ich darf wohl einigermaßen erstaunt sein,
da ich erst heute morgen in der Zeitung –“
Ich griff wieder ein.
„Die ‚Neustädter Umschau‘ war die zweite Wolfsgrube, in die Sie glitten,
verehrter Fuchs, oder vielmehr die erste. Denn die Notiz habe ich
geschrieben, habe sie in die ‚Umschau‘ lanciert, aber nicht etwa in die
ganze Auflage, sondern nur in die beiden Exemplare, die bei Ihnen und bei
mir abgegeben werden. Da ist eben für diese zwei Nummern im Satzspiegel
eine kleine Änderung gemacht worden.“
„So ist wohl alles gar nicht wahr?“
„Nein, es ist nicht wahr“, sagte Eva und wurde in dem Maße röter, als
Stefenson bleicher wurde. Ich fürchtete mit einem Male, der Scherz könne
noch schief ausgehen, und sagte deshalb:
„Nanu, Stefenson, spielen Sie bitte nicht etwa die gekränkte Unschuld. Da
wären Sie gerade der Rechte dazu. Was haben Sie uns genarrt! Mit der
Ignazgeschichte und mit Ihren Umschau-Artikeln, auch als Journalist Brown.
Ihr Sündenregister ist in dieser Hinsicht so groß, daß unsere kleine List
eine äußerst gelinde Strafe ist.“
„Und – und der Graf Simmern – und der herzogliche Kammerherr?“
„Himmel, Stefenson, sind Sie heute schwer von Begriffen, diese Simmerns
existieren doch gar nicht.“
„Ah – so ist das gewesen? Die Anzeige war gefälscht, und die Wahrsagerin
waren Sie selbst. – Es – es ist ja sehr witzig! Gnädiges Fräulein, Sie
haben die alte Sibylle ausgezeichnet gemimt. Ich glaube, Sie sind eine
große Schauspielerin.“
Es war mir, als ob in Evas Augen eine geheime Angst träte. Ich sagte:
„Nun sehen Sie, ob ein Mister Stefenson in den Ferien vom Ich in die
Tracht eines Bauernknechtes kriecht oder ob eine Opernsängerin mal in das
Habit einer Wahrsagerin schlüpft, bleibt sich ganz gleich. Das ist doch
selbstverständlich.“
Seine Augen irrten umher.
„Ich fürchte, die wirkliche Sibylle wird sich in der Bodenkammer erkälten.
Man sollte sie jetzt herunterrufen.“
Die Stimmung wurde frostig. Ich sah, daß Evas rote Wangen verblichen. In
diesem Augenblick humpelte die wirkliche Sibylle ins Zimmer. Sie lachte
albern und blinzelte verlangend mit den Augen.
„Na, Sibylle“, sagte Stefenson, „Sie werden ja von den Herrschaften schon
bezahlt sein; da haben Sie auch von mir noch ein Trinkgeld.“
Er legte ein Fünfzigpfennigstück auf den Tisch. Die Alte fauchte
unzufrieden; mir ging die Laune aus. „Gehen wir hinaus!“ sagte ich. Ich
half Eva den Mantel umlegen und fühlte, wie das Mädchen erregt war.
Schweigend stiegen wir den Berg hinauf. Ich hatte einen mächtigen Groll
auf Stefenson. Er selber hänselte alle Welt, aber einen Scherz gegen seine
eigene hohe Person vertrug er nicht. Da hatte mir nun in all den Wochen
die schöne Eva brieflich ihren Liebeskummer geklagt, ich hatte ihr langsam
den Zorn gegen Stefenson, den sie der Ignazmaskerade wegen hegte,
ausgeredet, sie hatte endlich den Brief mit der Stelle von Jakob, der um
Rahel dient, erhalten, war dadurch gerührt, heimlich in Waltersburg
angekommen und hatte sich in der Wohnung ihres Vaters, unseres jetzigen
Baurats, versteckt. Liebesselig und voller Sehnsucht. Ich, der das Mädchen
selbst geliebt hatte, war mit mir fertig geworden, guter Laune zu sein und
ihr zu einem unschuldigen Racheplan gegen den Geliebten zu helfen. Nun
scheiterte alles am Hochmut dieses Hansnarren.
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Wir waren kurz vor dem Grundhof, da blieb Stefenson plötzlich stehen und
fing unbändig an zu lachen. Es war schon gar kein Lachen mehr, es war ein
Kollern.
„Also“, sagte er, „nun haben sie den Fuchs gefangen, und da sie ihn in der
Falle haben, machen sie beleidigte Gesichter, weil der Gefangene knurrt,
was doch selbstverständlich ist. Lieber Doktor, Freund und Menschenkenner,
bitte, gehen Sie mal freundlichst voran bis zur Lindenherberge und
erwarten Sie uns im Poetenwinkel. Wir kommen langsam nach.“
Ich ging voran, und als die beiden anderen im Poetenwinkel eintrafen, sah
ich in ihnen ein glückliches Paar.
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Es war noch nicht spät, wir waren im Poetenwinkel allein, die Feriengäste
noch alle beim Abendbrot. Als wir mit dem allerbesten Wein, den der
Herbergsvater besaß, angestoßen hatten, sagte Stefenson so ganz nebenher
zu mir:
„Daß der Kerl von der ‚Umschau‘ zwei Mark für die Zeile der gefälschten
Verlobungsnotiz von Ihnen genommen hat, war unverschämt. Eine Mark wäre
auch genug gewesen.“
„Woher wissen Sie den Preis?“
„Na, ich war doch drüben in der Redaktion.“
„In der Zeitung? Wann? Heute nachmittag?“
„Ja, natürlich! Ich witterte etwas und wollte wissen, woher die ‚Umschau‘
die große Neuigkeit habe, und da kriegte ich mit Hilfe einiger
Überredungskunst und einigen Papiergeldes den ganzen schönen Schwindel
heraus.“
„Das ist infam!“ rief ich.
„Er hat alles gewußt“, sagte fassungslos die schöne Eva.
„Jawohl, alles!“ schmunzelte Stefenson. „Dann, als ich von Neustadt
zurückkam, ging ich gleich wieder zu unserem Herrn Doktor, und als mir der
so ganz geschickt und ganz und gar unauffällig suggerierte, ich solle doch
durchaus mal zu der alten Sibylle gehen, da sagte ich mir: Hm, da ist was
dahinter! Da werden die Schlauberger mit dir wohl noch was vorhaben. Und
ich ging zu der alten Sibylle.“
„Er hat mich sofort erkannt“, klagte Eva. „So schlecht habe ich gespielt.“
„Du hast herrlich gespielt!“ rief Stefenson. „Du bist eine große
Künstlerin. Die Sprache – zum Fürchten; das Äußere – zum Schlechtwerden.
Zum Beispiel diese borstigen Warzen an Kinn und Hals. Ich habe nie eine
schrecklichere Theaterhexe gesehen.“
„Es ist aus mit meiner Bühnenlaufbahn“, sagte Eva. „Das ist die
furchtbarste Kritik, die ich bekommen konnte. Ich kann ihm nie, nie was
vormachen!“
„Nein“, sagte Stefenson mit großer Befriedigung, „und weil ich jetzt weiß,
daß du mir nie etwas vormachen kannst, heirate ich dich. Ich heirate dich
mit großer innerer Ruhe und mit sehr großem Vergnügen!“
Daß uns aber auch diesmal der alte Fuchs übertölpelt hatte, ärgerte mich
so, daß mir der gute Wein nicht mehr schmeckte.