Nun war es vorbei. Ich stieg von Neustadt aus den Weihnachtsberg hinauf.
Der Zug, der meine Mutter in die weite Welt davongeführt hatte, war längst
nicht mehr zu sehen. Der Bruder war schon gestern bis zur
Provinzialhauptstadt vorangereist; ich hatte ihn nicht mehr getroffen.
Die Bitterkeit war aus meiner Seele gewichen und hatte einer stillen
Trauer Platz gemacht. Die letzten Stunden, die ich mit meiner Mutter
verlebt hatte, waren voll reinster Liebe gewesen, ohne Eifersucht, ohne
Neid, ohne Groll auf den Bruder, um dessentwillen sie mich und die alte
Heimat verließ. Joachim sollte nicht wieder einsam und verbittert durch
die Welt irren; die Mutter wollte nicht wieder Tag für Tag sehnsüchtig am
Fenster stehen und auf das schwermütige Plätschern des Johannesbrunnens
lauschen.
Mich wußte sie in Sicherheit, mit einer großen Aufgabe betraut, die mein
Herz ausfüllen würde. So ging sie mit dem anderen, dem Einsamen.
Es war weiblich, es war mütterlich; es konnte wohl nicht anders sein.
Aber wie ich auf die andere Seite des Weihnachtsberges kam und mein altes
Waltersburg liegen sah, den Marktplatz mit dem Brunnen und mein
verlassenes Vaterhaus, da setzte ich mich todmüde an den Wegrand ins welke
Gras. Ich barg das Gesicht in den Händen und saß lange so.
Als ich endlich aufblickte, sah ich mir gegenüber auf dem anderen Wegrande
Stefenson sitzen. Ich war unwillig, daß er sich so angeschlichen hatte,
aber er kam mir mit teilnehmendem Gesicht, ganz ohne seine sonstige
spöttische Art, entgegen, so daß mein Ärger verflog.
Stefenson setzte sich neben mich und legte mir die Hand aufs Knie:
„Sehen Sie, alter Junge, so was tut weh. Das begreife ich. Aber da müssen
Sie auch begreifen, daß ich Sie nicht allein lassen kann, daß ich mich um
Sie kümmern muß. Ich bitte Sie, daß Sie mir einige Minuten zuhören. Sie
brauchen mir gar nicht zu sagen, was für Gefühle Sie bewegen, aber ich
bitte Sie, mir zu erlauben, daß ich als Ihr Freund zu diesen Gefühlen
Stellung nehme. Zunächst mal, ob Ihrer Mutter der Aufenthaltswechsel auch
bekommen wird. Daran denken Sie ja wohl an erster Stelle. Nun, ich meine,
sie ist von guter Natur; Rio ist ein ganz gesunder Wohnort; Ihr Bruder ist
Arzt, der sie ständig überwachen kann; außerdem ist er in der Lage, ihr
das Leben so angenehm wie möglich zu gestalten, dann, Ihre Mutter sieht
einmal die Welt. Nicht mehr mit der Aufnahmefähigkeit, der Spannkraft, dem
Überschwang der Jugend, aber mit dem ganzen Hochgenuß, mit dem ein reifer,
feiner Kopf die Schönheiten dieser alten Erde betrachten kann. Und gar Rio
de Janeiro! Dort hören die Tauben die Vögel singen, dort sehen die Blinden
die Blumen blühen; das wissen Sie ja selbst, Ihre Mutter wird leben wie im
Paradies. Aber das wird freilich alles nicht hindern, daß sie das Heimweh
bekommen wird – nach dem alten Nest da unten – nach dem Hause am Brunnen –
auch nach Ihnen. Schütteln Sie nur nicht den Kopf, lieber Freund; eine
Mutter liebt immer am meisten das ihrer Kinder, das nicht bei ihr ist. Und
da denken Sie nur daran, daß sie eines schönen Tages wieder dasein wird.
Inzwischen lassen Sie unten in dem Hause am Markt alles, wie es ist;
lassen Sie alle Tage die Möbel wischen, alle sechs Wochen frische Gardinen
aufstecken, im Winter die Stuben heizen, im Sommer die Polster einmotten,
auch Kupfer und Zinn in der Küche putzen und den Kanari gut im Futter
halten, damit Ihre Mutter alles in Ordnung findet, wenn sie wiederkommt.“
„Stefenson“, sagte ich dankbar, „Sie sind ein seelenguter Mensch.“
Das verdroß ihn. Er sagte zunächst gar nichts, spuckte dann mit großem
Geschick bis zum gegenüberliegenden Wegrand und meinte endlich in gänzlich
verändertem Tone:
„Sie verstehen mich immer noch nicht. Das müssen Sie doch wissen, daß so
’n alter Fuchs wie ich immer seine Hintergedanken hat, wenn er mal ’nen
Abstecher ins Gefühlsmäßige macht. Zum Beispiel jetzt habe ich gerade ein
wichtiges Geschäft, bei dem Sie unbedingt mitwirken oder dem Sie
wenigstens zustimmen müssen, und da ist es mir natürlich verdrießlich,
wenn Sie in verkaterter Stimmung sind.“
„Und deswegen suchten Sie mich zu trösten?“
„Ja, nur deswegen!“
Ich lächelte. Er sah es und wurde erbost.
„Mensch, lachen Sie nicht! Was gehen mich denn Ihre
Familienangelegenheiten an? Glauben Sie, daß ich mich bei meinen tausend
Geschäftsfreunden darum kümmern kann, ob sie mal Krach mit einem Bruder
haben, ob mal ihre Mutter verreist, ob die Motten in ihre Möbel kommen
oder ihr Kanarienvogel verhungert? Hätt’ ich viel zu tun. Aber wenn zwei
Feldherren miteinander in den Krieg ziehen und der eine von ihnen
Zahnschmerzen hat, hat der andere dafür zu sorgen, daß der Zahn gezogen
oder wenigstens plombiert wird. Sonst wird nichts aus ihrer Chose.“
Ich lächelte nicht mehr, aber ich erwiderte auch nichts.
Da sagte Stefenson fast niedergeschlagen:
„Wenn Sie etwas Geschäftssinn hätten, hätten Sie mich längst gefragt, um
was für ein Geschäft es sich handelt.“
„So sagen Sie es mir – bitte!“
Er war verstimmt.
„Nun, ich kann ja den Weihnachtsberg auch ohne Sie von den Neustädtern
zurückkaufen.“
„Den Weihnachtsberg wollen Sie zurückkaufen?“
„Ich sagte es Ihnen eben. Wir müssen unser Heim bis zum Gipfel des Berges
ausdehnen, sonst spucken uns die Neustädter auf den Kopf.“
„Sie werden den wichtigsten Aussichtspunkt nie hergeben.“
„Trösten Sie sich. Wozu habe ich in der ‚Neustädter Umschau‘ seit drei
Wochen Artikel gegen den Weihnachtsberg veröffentlicht? Zum Beispiel, daß
sein Besuch von Neustadt aus außerordentlich zu wünschen übrig lasse, weil
der viel bequemer zu erreichende Ochsenkopf eine viel bessere Aussicht
bietet, daß die Rentabilität außerordentlich gering sei, die Pächter
nichts zu leisten vermöchten und solchen Kram mehr. Die Neustädter sind
bereits mürbe. Denn sie sind wieder mal im Dalles. Nun habe ich vorgestern
einen Artikel gebracht, man solle den Weihnachtsberg, wenn sich eine gute
Gelegenheit böte, an irgendeine neutrale Person je eher je besser
verkaufen, damit er ja nicht mal in Waltersburger Hände fiele, was die
Konkurrenz drüben stärken würde.“
„Was bezwecken Sie damit?“
„Daß mein Vertrauensmann, der sich als Privater um den Kauf der
Weihnachtsbergkuppe bemüht, die Sache billig bekommt. In vierzehn Tagen,
denke ich, können wir oben einziehen.“
Wir waren inzwischen aufgestanden und stiegen langsam den Berg hinab.
Stefenson sprach immerfort von seinen Plänen und brachte es wirklich
zuwege, daß meine Bangigkeit nachließ und ich ihm wenigstens mit halber
Aufmerksamkeit zuhörte. Er begleitete mich bis in mein Arbeitszimmer. Dort
sagte Stefenson:
„Nun gestehen Sie es sich mal selber, lieber Freund: die ganze Zeit, da
unser Heim besteht, haben Sie, der die Lehre von den Ferien vom Ich
erfunden und gepredigt hat, selbst mit Haut und Haaren mitten im dicksten
Ichleben gesteckt. Hauptsächlich wegen Ihrer Familienangelegenheiten.
Jetzt erst, wo sich alles in Frieden löst, werden Sie Ihrer Idee ganz und
mit Freuden dienen können. Sie lehren selbst: in den Ferien vom Ich los
von der Familie! Deshalb habe ich auch von Anfang an gemeint, wenigstens
einer von uns beiden müsse ganz ohne Familie sein.“
„Und welcher von uns beiden soll das sein?“
„Sie!“
Fast hätte ich über den alten Egoisten lachen müssen.
„Sie wären aber doch viel geeigneter, Stefenson; denn Sie sind doch schon
ohne Familie.“
„Sie vergessen, daß ich eine Braut habe.“
„Eva Bunkert? Ich meine, dieser Verlobtenstand ist einseitig.“
Er lachte.
„Bah – wegen der Auskneiferei – wegen dieser Marotte? Ich habe an Eva
einen vernünftigen Brief geschrieben, habe ihr gesagt, ich würde ihr gern
nachreisen, wenn es nicht zu dumm wäre, und wenn ich Zeit dazu hätte. Sie
solle ja nicht annehmen, daß ich jetzt plötzlich an ihrem Theater als
Coiffeur, Portier, Kulissenschieber oder dergleichen auftauchen würde, um
sie weiter zu beobachten. Das würde abgeschmackt sein; denn ich mache
keinen Witz zweimal. Im übrigen liebte ich sie unverändert weiter und
überließe ihr, zu bestimmen, wann unsere Hochzeit sein solle. Diesen Brief
habe ich vor acht Tagen geschrieben und noch keine Antwort. Das ist doch
ein sehr günstiges Zeichen.“
„Ich würde dieses Zeichen anders auslegen.“
„Nein. Sie grämt sich. Sie kann gar nicht schreiben. Wäre ich ihr egal,
hätte sie mir einen schnippischen, und wäre sie ein oberflächliches Weib,
sofort einen freundlichen Verzeihungsbrief geschrieben. So ist sie ein
braves Mädel, das mich liebt, und schreibt gar nicht.“
„Es kann schon so sein“, sagte ich müde; „ich hoffe, daß es Eva gut geht!“
„Nun, so ... so ... Vor fünf Tagen hat sie das erstemal auf der Oper
gesungen. Zwei Kritiker haben sie bestehen lassen; einer hat sie etwas
mitgenommen. Mit dem habe ich mich telephonisch verbinden lassen. Ich habe
den Mann aufgeklärt, um was es sich handelt – so in großen Zügen natürlich
–, und ihm gesagt, daß er mir einen Riesengefallen tun würde, wenn er
Fräulein Eva Bunkert nach Strich und Faden verrisse und an der Oper
unmöglich mache. Meine eventuelle Erkenntlichkeit für ihn habe ich dem
Kritiker wirklich nur ganz diskret und delikat angedeutet. Trotzdem hat
mir der Grobian gesagt, es sei schade, daß sich telephonisch keine
Ohrfeigen austeilen ließen; im übrigen sei Fräulein Bunkert ein
außerordentlich hoffnungsvolles Talent. Das habe ich davon. Nun wird sie
auch dieser Kerl loben. Ach, du lieber Gott, die deutschen
Zeitungsschreiber sind sehr verschiedener Art.“
„Und Sie fürchten gar nicht, daß Eva Bunkert Ihnen verlorengehen könnte?“
„Nicht eine Minute. Sie hat gebissen. Ich halte sie fest. Wenn sie noch
ein wenig herumzappeln will, kann ich ihr den Spaß ja gönnen.“
So purzelte Stefensons draufgängerische, frische Art durch den bangsten
Tag meines Lebens. Und als ich am nächsten Morgen nach tiefem Schlaf
erwachte, fühlte ich mich gesund und munter, stark genug, dem Leben ins
Auge zu schauen und mit Lust und Freude an meinem schönen Werke weiter zu
schaffen.
-------------------------------------------------------
Etwa drei Wochen später besuchte mich Stefenson wieder in meinem
Arbeitszimmer. Auf dem Tische lag die neueste Nummer der „Neustädter
Umschau“.
„Ich habe diesmal nichts drin“, sagte Stefenson und wies auf die Zeitung.
Trotzdem schlug er sie auf. Und mit einem Male riß er die Augen auf, trat
ans Fenster.
„Haben Sie schon – haben Sie schon gelesen?“ fragte er aufgeregt.
„Was denn? Was steht denn wieder in dem Schundblatt? Ich habe noch gar
nicht hineingeschaut.“
„Da – da ...“
Er wies auf eine kleine Notiz. Ich las:
„Verlobung. Die Opernsängerin Eva Bunkert, Tochter unseres verflossenen
Baurats August Bunkert, hat sich mit dem Grafen Hanns von Simmern, Sohn
des herzoglichen Kammerherrn Grafen Eugen von Simmern, verlobt. – Eine
rasche Künstlerkarriere!“
„Da haben wir’s“, sagte ich. „Die Sache ist in der Tat sehr rasch
gegangen.“
„Rasch gegangen! Ist das alles, was Sie zu dieser Schandtat zu sagen
wissen?“ brüllte Stefenson.
„Ja, was soll ich in meiner Überraschung dazu sagen? Es tut mir natürlich
leid um Sie!“
„Leid! Ich brauche Ihnen nicht leid zu tun. Niemand brauche ich leid zu
tun. Ich verbitte mir das! Denn ich kann froh sein, daß ich diese Gans los
bin. Ich bin auch ganz kolossal froh. Nach kaum vier Wochen ist dieses
flatterige Ding mit ihrer Lebenswahl fertig. Von einem zum andern. Immer
zu, immer zu! Was verliere ich dabei? Weil er ein Graf ist, weil sie sich
bei ihm in Taschentücher mit einer neunzackigen Krone die Nase schneuzen
kann, deshalb gibt sie mich auf. Einen Mann wie mich, der diese bankerotte
Bauratstochter gegen alle Vernunftgründe geliebt hat und sie heiraten
wollte, gibt sie auf!“
Er sank in einen Stuhl. Sein Schmerz war maßlos. Aber ich blieb kühl.
„Lieber Freund“, sagte ich, „es ist sicher für unsere Gründung ganz gut,
wenn Sie familienlos bleiben, wenn Sie Ihre Selbständigkeit, den ruhigen,
klaren Blick ...“
„Halten Sie den Mund! Kommen Sie mir nicht mit solchem Blödsinn. Satt hab
ich’s, satt. Meinetwegen mag die ganze Geschichte hier zum Teufel gehen.
Mir liegt an nichts mehr etwas, an gar nichts mehr!“
Er wand sich in dem Lehnstuhl, in dem er saß, wie in Krämpfen. Ich stellte
mich ans Fenster und zündete mir eine Zigarre an. Da knirschte er:
„Sprechen Sie wenigstens; sagen Sie etwas zu mir. Das kann ich doch wohl
verlangen.“
„Sie lassen mich ja nicht zu Worte kommen, Stefenson. Und dann, ich weiß
selbst nicht, was ich zu der Sache sagen soll.“
„Jawohl, Sie machen sich eben nichts aus mir. Sonst könnten Sie sich jetzt
nicht so pomadig eine Zigarre anzünden. Schöner Freund! Glauben Sie denn,
daß sie mit dem Grafen, diesem neunmal gehörnten Kerl, glücklich sein
wird?“
„Das kann ich nicht beurteilen.“
„Das müssen Sie beurteilen können! Sie müssen wissen, daß solche
sogenannten Mesalliancen nie zum Glück führen, daß dieses Weib im Hause
ihres gräflichen Gatten als Eindringling entweder gar nicht zugelassen
oder _sub_ Luder behandelt werden wird, daß der Mann ihrer überdrüssig
sein wird, wenn ihre Schönheit verblüht, daß sie dann im Elend sitzen
wird.“
„Das kann schon alles so kommen, es kann aber auch anders sein. Es kommt
ganz auf den Mann an. Prophezeien kann niemand, höchstens unsere alte
Wahrsagerin unten in Waltersburg.“
„Wollen Sie mich verspotten? Sich über mich lustig machen? Ist das Ihre
Freundschaft?“ Er war wütend.
„Lieber Stefenson, Sie sind jetzt sehr aufgeregt. Was immer ich auch jetzt
sagen möchte, würde Ihnen nicht gefallen. Warten wir also ab, bis Sie sich
etwas beruhigt haben, und daß Sie dann ganz auf mich rechnen können,
wissen Sie ja doch!“
„Ich werde mich nie beruhigen“, sagte er. „Über das komme ich nicht weg!“
Wohl zehn Minuten vergingen, während deren Stefenson im Zimmer auf und ab
schritt. Manchmal blieb er stehen, sprach leise mit sich selbst oder
fuchtelte mit seinen langen Armen durch die Luft. Endlich fragte er:
„Was ist das mit der Wahrsagerin in Waltersburg, die Sie erwähnten?“
„Ah, Stefenson, das war doch nur Scherz. Es wohnt da unten im alten
Zollhaus, kaum dreihundert Meter unter unserem Grundhof am Waltersburger
Weg, ein Weib, das schon uralt war, als ich noch in kurzen Hosen ging. Sie
nennt sich nach ihrem Beruf Sibylle. Wie sie eigentlich heißt, wie alt sie
ist, weiß kein Mensch. Für fünfundzwanzig Pfennig prophezeit sie den
Bürgern, Bauern und Köchinnen die Zukunft.“
„Und stimmt es, was sie sagt?“
„Ja, das weiß ich nicht. Ich hab mich um das alte Fernrohr in die Zukunft
nicht gekümmert. Als Jungen haben mal Joachim und ich fünfundzwanzig
Pfennig zusammengeschossen und uns weissagen lassen. Da hat sie gesagt,
wir würden bald eine mächtige Tracht Prügel bekommen. Und das ist auch
eingetroffen. Es kam nämlich heraus, daß wir die fünfundzwanzig Pfennig
zur Sibylle getragen hatten, und wir bekamen Prügel dafür.“
Ich wußte, daß Stefenson abergläubisch war. Viele sonst sehr kluge
Menschen sind es. Stefenson fing an einem Freitag kein Geschäft an, es
beunruhigte ihn, wenn eine Katze über seinen Weg lief, und er hatte immer
ein altes Hufeisen auf seinem Schreibtische liegen. Er stammte ja auch aus
Amerika, wo der Aberglaube zu Hause ist. Jetzt fühlte er das Bedürfnis,
sich ein wenig zu rechtfertigen, und sagte:
„Es ist durchaus falsch, alle Hellseherei von vornherein als Unsinn zu
erklären. Es können da Naturkräfte wirken, die wir nicht kennen.“
„Gewiß – gewiß!“
Er versank wieder in tiefe Traurigkeit.
„Vor vier Tagen habe ich ihr einen Brief geschrieben, habe sie gebeten,
sie möge doch von ihrem Groll ablassen. Wenn sie es schon nicht einsehen
wolle, daß ein Mann, der sein ganzes Lebensschicksal an eine Frau ketten
wolle, zu deren gründlichster Prüfung berechtigt sei, so solle sie halt
denken, daß es mir doch auch Spaß gemacht habe, mal in den Ferien vom Ich
eine unerkannte Rolle zu spielen, und daß ich doch eigentlich als Knecht
Ignaz um sie gedient habe wie Jakob um die geliebte Rahel. Sehen Sie, von
diesem Brief glaubte ich, er sei eigentlich zu deutsch, zu sentimental.
Aber es war mir so ums Herz, und so schickte ich ihn ab. Der Brief wird
gerade zu ihrer Verlobung zurechtgekommen sein.“
Es schüttelte ihn vor Schmerz und Zorn.