Ich schaute verwundert auf Brown, den Überbringer dieser seltsamen
Epistel. Brown war ein Fünfziger, der Kotelettbart und der Schnurrbart
sowie die gescheitelten Haare waren stark angegraut, der Anzug etwas
geschniegelt modern, die Wangen, wie mir schien, wohl ein wenig
geschminkt. Irgend etwas an dem Mann kam mir bekannt vor, auch in seiner
heiser klingenden Stimme. Vielleicht war ich ihm mal drüben begegnet. Ich
fragte ihn, ob er auf dem letzten großen Pressekongreß in Baltimore, den
ich besucht hatte, gewesen sei, und er erwiderte, daß er daselbst eine
Rede gehalten hätte. Daher die matte Erinnerung.
Die Mädchen verwunderten sich nicht weniger über die seltsame Prophezeiung
in dem Stefensonschen Briefe als ich. Ich sagte, ich könne mir das
überraschende Eintreffen einer solchen Voraussage nur dadurch erklären,
daß Stefenson vermutet habe, die Damen befänden sich für längere Zeit in
unserem Heim, ich mache mir wahrscheinlich öfters das Vergnügen, sie
auszuführen, und es könne sich wohl so fügen, daß uns Mister Brown
zusammen anträfe. Daraufhin weissage ein Mann wie Stefenson eben
darauflos. Treffe es nicht ein, schade es nicht, treffe es aber infolge
seines Glückes ein, sei es ein guter Bluff.
Brown schüttelte den Kopf.
„Mister Stefenson ist kein Bluffer, er weiß immer, was er sagt.“
„Sie kennen Mister Stefenson persönlich?“ fragte Eva Bunkert mit
unverhohlenem Interesse.
„Mein gnädiges Fräulein“, erwiderte Brown, „ich kenne alles, was man in
Neuyork und den Staaten kennen muß.“
„Und Mister Stefenson gehört zu dem, was man in Amerika kennen muß?“
„Ja, er gehört dazu.“
Der Journalist schloß sich unserem Rundgang an. Meist verhielt er sich
schweigend, sprach über das, was er sah, weder Lob noch Tadel aus, bat
nur, sich von Zeit zu Zeit eine Notiz machen zu dürfen, und stellte
außerordentlich sachverständige Fragen, Fragen, die ich, sobald sie sich
in technische Einzelheiten verliefen, oft gar nicht beantworten konnte.
Das _Nigger-Home_ gefiel dem Amerikaner. Es war düster in der niederen
Stube; wir zündeten ein paar matt brennende Petroleumlampen, die an den
Wänden hingen, an, um die Illusion zu verbessern.
„Nun müßte jemand einen Niggersang anstimmen“, sagte Brown.
Da stand auch schon Eva Bunkert, an die Wand gelehnt, schränkte die Arme
über der Brust und begann mit wohllautender Stimme zu singen:
_„Way down upon Swaney ribber_
_Far far away ..._
_There’s, where my heart is turning ebber,_
_There’s, where the old folks stay ...“_
Sie sang dieses schwermütigste aller Heimatlieder mit tiefer innerer
Bewegung, und Mister Brown summte mit näselndem Tone die Begleitung dazu,
so wie es die Neger tun, wenn fern der Heimat einer der Ihrigen an der
Wand lehnt und das innerste Weh der weltverschlagenen, geknechteten Seele
im Liede ausströmen läßt. Dann summen sie alle mit, die Körper werden
regungslos, und die großen, heißen Augen starren ins gelbe Licht der
matten Lampen ...
Wir gingen weiter und kamen an den Hof am Hange. Dort steht eine große
Buche, um die eine Bank läuft. Von hier aus kann man unsere ganze
Siedelung überschauen. Warmes Frühlingslicht spielte durch laue Luft, die
Zweige trugen alle die kurzen, grünen Kinderkleidchen erster Jugend, die
Vögel waren heimgekommen und übten in abgerissenen Trillern und Läufen das
große Lebens- und Liebeslied des Maien ein. Da wurde mir das Herz weit.
Unsere Siedelung war schön, keine langweilige Linie in ihr, kein
Steinkoloß, keine Erinnerung an geschniegeltes, ödes Geputztsein, sondern
Heimatlichkeit, Wärme, Frieden.
„Wenn man das sieht“, sagte die kleine Anneliese, „meint man, hier werden
immer nur gute Menschen wohnen können. Es ist alles rein und gut;
schlechten Leuten würde hier das Herz springen.“
Ich war ihr dankbar und sagte:
„Aber es soll doch eine Zufluchtstätte werden für solche, die nicht
glücklich sind, auch wenn sie durch eigene Schuld unglücklich geworden
sind.“
„Ich finde“, sagte Eva Bunkert, „in dem Ganzen ist ungeheuer viel
Kindliches.“
„Das ist ein hohes Lob, mein Fräulein, was Sie da sprechen“, meinte Mister
Brown; „Genialität ist nie etwas anderes als das Ursprüngliche, das
Kindhafte. Sie glauben gar nicht, wie kindlich unsere guten amerikanischen
Humoristen sind. Ganz im Ernst! Sehen Sie deren Tier- und Kinderbilder an,
es ist alles geschaut mit den abgeklärten Augen des ernsten Mannes und
alles gefühlt mit dem Herzen des kleinen Buben.“
„Stefenson ist ein Genie“, sagte Eva Bunkert warm.
„Das will ich nicht sagen“, entgegnete Brown, „er ist nur das Werkzeug;
der Schöpfer der ganzen Idee ist, wenn ich recht unterrichtet bin, der
Herr Doktor, der mit uns auf dieser Bank sitzt.“
Ich wehrte das Lob ab, und Eva Bunkert sagte:
„Wohl, der Doktor hatte die Idee, hatte den Traum in der Seele, aber
Stefenson hatte den Mut, den Traum in Wirklichkeit zu verwandeln. Ich
möchte sagen, der Doktor hat ein schönes Motiv in die Welt gesungen, und
Stefenson hat ein herrliches Lied daraus geschaffen.“
„Sie sprechen sehr gut und lieb von meinem Landsmann“, sagte Mister Brown
gerührt.
„Oh“, rief Eva Bunkert, „ich schwärme für Stefenson. Es hat mir noch nie
ein Mann solchen Eindruck gemacht wie er, obwohl er der Konkurrent meines
Vaters ist. Erst recht deshalb! Ich mag die Leute nicht leiden, die sich
nur für die Freunde und Gönner ihrer eigenen Sippschaft begeistern
können.“
Da wurde auch die kleine Braune munter.
„Ja“, seufzte sie, „es ist schade, daß Mister Stefenson verheiratet ist!
Er wäre der erste, der bei der stolzen Eva Bunkert wirklich Glück hätte!“
„Du Plappermaul!“ zürnte Eva, reckte aber den Kopf hoch. „Nun, ich leugne
es nicht: der Mann gefällt mir. Weil er eben ein so ganzer Mann ist. Vom
Heiratenwollen aber ist gar keine Rede.“
„Er wäre keine schlechte Partie“, meinte ich.
„Eben deshalb!“ sagte Eva trotzig. „Ich will mal keine gute Partie, ich
will einen Mann heiraten!“
„Ich wußte gar nicht, daß Stefenson verheiratet ist“, warf Mister Brown
ein.
„Wie? Und Sie wollen ihn so genau kennen?“
„Oh – ich als anständiger Journalist kümmere mich um das, was Stefenson
für das Land und die Welt bedeutet, nicht um seine Privatverhältnisse. Ich
habe nie gehört, daß Stefenson verheiratet sei. Es ist mir auch ganz
gleichgültig.“
„Der Herr Doktor hat es uns gesagt“, erwiderte das Mädchen.
Da grunzte Mister Brown so tief und absonderlich, daß ich erschrocken
aufschaute und ihn ansah. Und ich blickte – in Stefensons Augen. So klar,
in so deutlichem Zorn blitzten diese Augen mich an, wie ich sie von
hundert Gelegenheiten her kannte, wenn dem jähzornigen Manne die Galle
überlief, was oft genug geschah.
Ein wüster Verdacht erwachte in mir. Dieser Mister Brown war gar kein
amerikanischer Journalist, es war Stefenson selbst, der uns in einer
vorzüglichen Maske getäuscht hatte. Noch einmal blickte ich ihn an; ich
sah wieder in ein fremdes Gesicht. Aber ich wurde den Verdacht nicht mehr
los. Jedenfalls, alter Freund, so dachte ich, bist du es wirklich, so
entlarve ich dich; bilde dir nicht ein, mit einem bißchen
Detektivschlauheit deutsche Gimpel zu fangen.
Ich fing an, auf Stefenson zu schimpfen.
„Der Mann mag seine Vorzüge haben“, sagte ich, „aber wo viel Licht ist,
ist auch viel Schatten. So ist Stefenson – ich sage das ruhig, obwohl er
mein Freund ist – ungeheuer eitel!“
„Das ist kein Schade“, fiel Eva ein; „viele große Männer sind eitel: viele
Staatsmänner, viele Geistliche, alle Dichter – selbst solche, denen man es
gar nicht zutraute, wie Kriegsleute, Flieger, Polizisten, sind eitel. Was
heißt überhaupt eitel sein? Wer umzirkelt den Begriff? Auf sich halten,
auch in kleinen Äußerlichkeiten nicht verpowern, ist eine gesunde
Eitelkeit. Eine andere kann Mister Stefenson gar nicht haben.“
Da lachte Mister Brown.
„Oh!“ sagte er, „was das anlangt, so ist Stefenson so eitel, daß er, wenn
er sich im Rasierspiegel sieht, erst immer seinem schönen Bild eine kleine
Verneigung macht, ehe er sich einseift.“
„Ich denke, Sie kümmern sich nicht um Herrn Stefensons Privatleben“, rief
Eva verärgert.
„Gewiß nicht“, sagte der Journalist, „aber manches fliegt einem halt so
zu. Wenn es Spaß macht: ich kenne noch ganz andere Schwächen Ihres
Geschäftsfreundes.“
„Danke!“ wehrte Eva ab, „es macht gar keinen Spaß!“
Ich dankte auch. Wenn dieser Mann wirklich Stefenson war, so war es das
Dümmste, auf Stefenson zu schimpfen; denn er würde dann noch weit heftiger
auf sich selbst schimpfen. Das mußte ich doch von seinen Artikeln her
wissen. Auf solche Weise konnte ich dem alten Fuchs den Bart sicher nicht
scheren.
Da kam mir eine Bemerkung von Anneliese zu Hilfe.
„Damals hatte doch Herr Stefenson seine Tochter mit sich. Hieß sie nicht
Luise?“
Ich jubelte innerlich, und die Schlechtigkeit, einem Menschen aus einer
seiner edlen Eigenschaften heraus eine Falle zu stellen, kam mir gar nicht
zum Bewußtsein. Ja, ich beging eine neue Schlechtigkeit, ich schwindelte.
So stark war das Verlangen, diesen Journalisten, wenn er wirklich
Stefenson war, als Stefenson zu entlarven.
„Allerdings“, entgegnete ich meiner Nachbarin, „Stefensons Tochter heißt
Luise. Das Kind hängt sehr am Vater und er an ihr. Er wollte sie durchaus
mit auf die Reise nehmen, aber das gaben wir anderen nicht zu. Und es war
auch sehr gut; denn das Kind ist nicht wohl.“
„Wieso nicht wohl?“ fragte Mister Brown, und das in einer solch
erschreckten Weise, daß ich jetzt meiner Sache völlig sicher war.
„Ah, so – so ...“, entgegnete ich gleichmütig, „bei Kindern findet sich
leicht mal etwas; das ist nicht so tragisch zu nehmen.“
„Ich finde“, sagte Mister Brown scharf, „wenn ein Mann, wie Stefenson, ein
einziges Kind hat, ist es Pflicht, ihm sofort telegraphisch Mitteilung zu
machen, wenn dieses Kind ernstlich erkrankt.“
„Von ernstlicher Erkrankung habe ich nicht gesprochen“, entgegnete ich
ruhig, und diese Bemerkung war auch sehr angebracht; denn im selben
Augenblick stürmte die kleine Luise mit zwei Bauernbengeln unter großem
Hallo aus dem nahen Walde. Das Mädel hat sich bei uns inzwischen völlig
eingerichtet, und von Schüchternheit ist gar keine Rede mehr. Jetzt kam
sie auf mich zugestürmt.
„Ach, Onkel – ich wußte gar nicht, daß du hier oben bist. Wir spielen
gerade Haschen.“
Anneliese liebkoste das Kind, und Eva Bunkert kniff es in die Wangen, daß
es quiekte. Aufmerksam betrachtete Eva die Züge Luisens.
„Von ihrem Vater hat sie gar nichts“, sagte sie, „sie muß ganz nach der
Mutter sein.“
„Im Gegenteil“, entgegnete ich, „das Kind ist das ganze Abbild des
Vaters.“
„Dann habe ich auf ihn vergessen“, sagte Eva mit fast trauriger Stimme.
Mister Brown atmete schwer. Ein so schwefelgelb giftiger Blick schoß um
den Buchenstamm herum auf mich zu, daß ich meiner Sache immer gewisser
wurde. Und was hatte dieser Journalist gesagt? Er habe es sehr eilig, nur
eine Viertelstunde Zeit zum Besuch. Jetzt war er schon über zwei Stunden
da, und es wurde Abend. Wahrscheinlich würde dieser „Mister Brown“
plötzlich entdecken, daß er Zeit habe, einen ganzen Monat bei uns zu
verweilen. Nun wandte er sich Luise zu. Aber es kam nicht so, wie ich
dachte. Mister Brown legte ohne jede wärmere Gefühlsbewegung dem Kinde die
Hand auf den Kopf und sagte mit der üblichen Kinderfreundlichkeit:
„Luise, ich kenne deinen Papa. Ich fahre wieder zu ihm, ich werde ihm von
dir erzählen. Bist du sehr krank gewesen?“
„Pappa soll bald wiederkommen“, antwortete die Kleine.
„Ja, ja! Aber ich frage, ob du sehr krank gewesen bist?“
„Wieso? Ich bin nie krank!“
„Aber hast wohl müssen im Bettchen liegen oder im Zimmer bleiben?“
„Nein, ich bin alle Tage draußen herumgerannt; ich war gar nicht eine
einzige Stunde krank.“
„Hm!“
Mister Brown grunzte voll Behagens, und ich fühlte mich in der Rolle des
blamierten Europäers nicht recht wohl. So mahnte ich zum Aufbruch. Die
Mädchen schlenderten mit dem Kinde voraus, und ich folgte mit Mister Brown
in einiger Entfernung. Jetzt wollte ich dem Fuchs an den Kragen.
„Ich finde eine merkwürdige Ähnlichkeit zwischen Ihnen, Mister Brown, und
meinem Freunde Stefenson. Sie haben dieselben Augen, dieselbe Nase,
dasselbe Kinn und dieselbe Sprache, ja sogar dieselbe Art, sich zu
räuspern. Ist das nicht merkwürdig?“
„Sehr merkwürdig!“ entgegnete Brown. „Ein Schnorrer drüben hat mir mal
gesagt, ich sähe Kaiser Wilhelm ähnlich. Dem habe ich es noch halb und
halb geglaubt und ihm fünf Prozent dessen geschenkt, um was er mich
anpumpen wollte, aber eine Ähnlichkeit zwischen mir und Stefenson hat noch
niemand herausgefunden. Ich bin Ihnen übrigens für die gute Absicht, mir
etwas Angenehmes sagen zu wollen, sehr verbunden.“
Er schaute mich an, und ich blickte in ein stockfremdes Gesicht. Auch
glaubte ich trotz des Abenddämmerns genau feststellen zu können, daß
dieser Bart nicht angeklebt, daß diese Haare keine Perücke seien. So wurde
ich an meiner Entdeckung irre, und da ich einen zweiten Hineinfall nicht
erleben wollte, sagte ich: „Gott, man kann sich täuschen!“ Da blieb er
stehen, sah mich an und sagte:
„Sie haben mich wohl gar für Stefenson selbst gehalten, der Ihnen in einer
Ferienmaske was vormimt? Dem alten Knaben wäre ein solcher Streich
zuzumuten, he?“
„Aber nein – aber nein! So ähnlich sind Sie ihm nun doch nicht.“
„Nun, möglich ist alles auf der Welt. Hauptsächlich bei Ferien vom Ich!“
sagte Brown vergnügt.
Und er lachte. Es war ein fremdes Lachen.
Unterwegs begegnete uns ein Telegraphenbote. Er überreichte mir ein
Kabeltelegramm, das aus Milwaukee kam und lautete:
„Verbindung mit X-Bankverein gelöst; weitere Zahlungen durch Dresdner
Bank. Stefenson.“
Die Verhandlungen, von dem Bankverein, mit dem wir bis jetzt gearbeitet
hatten, zur Dresdner Bank überzugehen, schwebten schon einige Zeit, und
dieses Telegramm belehrte mich nun, daß Stefenson in Milwaukee und nicht
in Waltersburg war. Meine Phantasie hatte mir wieder einmal einen Streich
gespielt ...
Während ich den Telegraphenboten abfertigte und das Telegramm las, war
Mister Brown den Mädchen nachgegangen, hatte die kleine Luise an den
Händen gefaßt und tanzte mit ihr „Ringel-Ringel-Reihen“. Die lange
Schlottergestalt nahm sich dabei merkwürdig genug aus, das Kind jauchzte,
kam fast außer Atem, schlug zum Schluß entzückt in die Händchen und sagte:
„Er tanzt genau so schön wie Pappa!“
„Alle Amerikaner tanzen so schön, mein Mäuschen“, sagte Brown und küßte
das Kind auf die Stirn. Dann zog er die Uhr und sagte:
„Der Zug, mit dem ich zurückfahren wollte, ist ja nun längst fort. Sie
waren so liebenswürdig, mich sehr lange dazubehalten. Den nächsten Zug
aber darf ich nicht versäumen. Ich muß morgen in Berlin und übermorgen in
Hamburg sein. Mein diesmaliges europäisches Gastspiel ist aus.“
„Sie haben nur den kleinsten Teil unserer Siedelung gesehen, Mister
Brown.“
„Oh – ich habe genug gesehen. Den Geist – den Kern! Ich bitte Sie, mir
Ihren ausführlichen Prospekt mitzugeben. Daraus werde ich mich
informieren, und Sie werden sehen, daß ich am treffendsten das kritisieren
werde, was ich nicht gesehen habe.“
Am Rathausplatz trennte er sich von uns. Ein Angestellter geleitete ihn
zur Pforte, wo sein Wagen hielt. Eva Bunkert sah ihm lange nach.
„Es ist merkwürdig“, sagte sie; „er hat mich ungeheuer an Stefenson
erinnert.“
„O nein“, meinte die kleine harmlose Anneliese, „Mister Stefenson ist doch
ganz anders, viel jünger und auch viel hübscher.“
„Trotzdem! Was meinen Sie, Doktor?“
Ich zuckte die Achseln.
„Die Amerikaner haben alle dieselbe Art, sich zu geben.“
„Das trifft es nicht“, sagte Eva nachdenklich. Und auch ich geriet wieder
ins Grübeln.
„Ich glaube, es ist immer etwas unheimlich, wenn man nicht weiß, mit wem
man spricht. Aber das wird ja in Ihrem Heim immer so sein, die Leute
werden nie wissen, mit wem sie sprechen. Werden sie da nicht vorsichtig,
ängstlich, unsicher werden?“
„Gewiß nicht. Gesetzt den Fall, dieser Mister Brown sei der verkappte
Mister Stefenson gewesen, wie es ja tatsächlich den Anschein hatte ...“
„Um Gottes willen, Sie glauben das doch nicht etwa?“ rief Eva erschreckt.
„Und ich hätte dann so – so – von Stefenson gesprochen ...“
„Aber nein! Stefenson ist in Milwaukee. Hier ist ein Telegramm, das er
heute früh dort an mich aufgab.“
„Gott sei Dank!“
„Ich wollte nur unsere Idee des Unerkanntseins in unserem Ferienheim
verteidigen. Sehen Sie, wenn Mister Brown der maskierte Stefenson gewesen
wäre, wäre die Partie unehrlich gewesen. Wir hätten ihn nicht erkannt,
wohl aber er uns. In unserem Heim wird das ganz anders sein. Keiner wird
den andern kennen. Da wird keine Befangenheit, keine Ängstlichkeit,
sondern ein Mut zur Offenherzigkeit sein, der unerhört ist in der Welt.
Die Menschen werden Wahrheiten hören, die sie niemals vernähmen, wenn sie
ihren Namen und Stand sagten, sie werden aber auch ihre Meinung sagen
dürfen in einer Weise, die niemals möglich wäre, wenn sie ihre wirkliche
Persönlichkeit dafür einsetzen müßten.“
„Ach ja“, seufzte Eva Bunkert, „die gröbsten und rücksichtslosesten
Rezensenten sind die anonymen oder pseudonymen.“
„Der Friede dieses Ortes wird alle Schärfe mildern, wird aus der
Rücksichtslosigkeit wohltuende Offenheit, aus ätzender Grobheit klare
Wahrheit werden lassen.“
„Sie meinen es gut mit den Menschen“, sagte gerührt die kleine Anneliese
und sah mich mit ihren großen, braunen Augen dankbar an.
Ich aber – ich weiß nicht warum – schaute nach der schönen Blonden hin.
Ich glaube, ich erwartete eine neue Bemerkung von ihr. Aber sie schwieg.
Die Mädchen blieben im Forellenhofe.
Ich habe vor Monatsfrist im Rathaus Quartier bezogen. Lange schaute ich
auf den Lindenplatz hinab. Der Mondschein spielte um den alten Baum. Ich
dachte an vielerlei, viel an Eva Bunkert, aber noch mehr grübelte ich über
der Frage: War er’s? War er’s nicht?
Am übernächsten Morgen erhielt ich zwei Briefe, die ganz dieselbe
Handschrift aufwiesen. Der eine Brief war von Stefenson und kam aus
Milwaukee; er enthielt allerhand geschäftliche Weisungen sowie die
Mitteilung, daß er, Stefenson, wahrscheinlich erst im Sommer nach Europa
zurückkehren könne. Der andere Brief war von Mister Brown, trug den
Poststempel Hamburg und meldete, daß der Journalist im Begriff stehe, nach
Amerika zurückzukehren, sich noch einmal für die freundliche Aufnahme
bedanke und inzwischen unseren Prospekt mit Interesse gelesen habe.
Ich verglich die beiden Briefe wieder und wieder. Die Schriftzeichen
glichen sich außerordentlich. Hätte man je einen der großen geschwungenen
Buchstaben aus den Briefen ausgeschnitten, man hätte eine Kongruenz
feststellen können.
Da sagte ich, der Erfinder der Idee von den Ferien vom Ich, zu mir selbst:
„Ach, es ist doch gut, wenn man weiß, mit wem man es zu tun hat!“