DER JOURNALIST

Nun ist’s ein Jahr her, seit die Verwirklichung meiner Idee von dem großen

Ferienheim keimte und wuchs. Jetzt nähert sie sich der Reife. Anfang

Februar gab es eine Sensation. Stefenson reiste nach Amerika zurück. Da

höhnten die Neustädter, dem sei wohl im letzten Augenblick doch angst und

bange geworden vor seiner übergenialen Neugründung, und nun käme der

Zusammenbruch. Ich blieb ganz ruhig; denn ich wußte, daß alles gut

vorgesorgt war und Stefenson nur nach Hause fuhr, um seine dortigen

dringendsten Geschäfte in Ordnung zu bringen.

Die kleine Luise wollte der Amerikaner mit auf die Reise nehmen. Erst nach

den ernstesten Vorhaltungen, die beinahe in Feindseligkeiten ausarteten,

ließ er das Kind zu Hause. Aber Neid und Zorn war in seinem Herzen, und

zwar nicht nur wegen des Kindes.

„Ich bin begierig, wie Sie sich gegen Fräulein Eva Bunkert benehmen

werden, wenn sie nun kommen wird, um unser Heim zu beschauen. Ich fürchte,

Sie werden den rechten Ton nicht treffen.“

Ich lächelte.

„Fürchten Sie, daß ich zu abweisend oder zu entgegenkommend sein könnte?

Eva Bunkert ist ein sehr schönes Mädchen.“

„Ich bitte Sie“, sprach er herb, „daß Sie sich mit Fräulein Bunkert weder

in der einen noch in der anderen Art zuviel beschäftigen, sondern mir

diese ausgezeichnete Akquisition für unsere Kuranstalt persönlich

überlassen.“

„Ich überlasse Ihnen diese Akquisition“, sagte ich großmütig und

feierlich. Darauf knurrte er, vor Mitte Mai könne er keinesfalls zurück

sein.

Als ich ihn zum Zuge begleitete, wünschte ich aufrichtig, er möge bald

zurückkommen ...

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Vor drei Tagen ist nun unser Freund Emil Barthel mit seiner Susanne und

seinen Kindern bei uns eingezogen. Er hat den Forellenhof dicht unten am

Bach übernommen. Des Staunens seiner Leute war gar kein Ende. Sie gingen

bedrückt durch die großen, neuen, so behaglich ausgestatteten Räume wie

Fremde, die ein merkwürdiges prächtiges Haus betrachten. Aber sie werden

in diese Räume hineinwachsen. Der Bauer hat uns schon wesentliche Dienste

erwiesen. Er bezeichnete uns Kameraden und Bekannte, die sich als Pächter

unserer Höfe eignen würden, und ob wir auch kaum den dritten Teil davon

gebrauchen konnten, so gaben uns die ausgewählten Leute wieder die

Adressen neuer Kandidaten, so daß unsere zwanzig Höfe besiedelt sind. Der

andere Teil des Geländes wird von den alten früheren Dominialgebäuden aus

bewirtschaftet.

Es geht alles schnell, ruhig und sicher, wo ein zielbewußter Wille und wo

– Geld da ist.

Manche unserer Höfe haben herkömmliche poetische Namen, wie Forellenhof,

Erlenhof, Grundhof, Hof am Hange, Berghof, Sonnenhof, aber es gibt auch

eine Waldschölzerei, eine Heimwehfluh, eine Steinmühle, eine

Genovevenklause, eine große und eine kleine Einsiedelei, ein Haus „über

den sieben Bergen“, ein „_Old Nigger home_“ (nach Stefensons Wunsch), eine

Heideheimat, eine Juxherberge, eine Meierei zum gelben Kakadu, ein

Knusperhäuschen, eine Kassubenhütte, ein Zigeunerlager und eine

Räuberhöhle.

Mit Romantik ist nicht gespart. Tradition fehlt ja leider allen diesen

Dingen, aber sie wird sich bald finden; wir haben pfiffiges Bauernvolk

ausgewählt, und das dichtet in seiner kräftigen Seele so viel zusammen,

daß sich alsbald allerhand Geschichtlein um unsere Siedelungen spinnen

werden, schneller als der Efeu wächst, den wir an mancher Wand

einpflanzten, oder als das Moos wuchert, das wir auf schräge Dächer

legten.

Das größte Glück ist die Freude am gelungenen Werk, ein Abglanz des

erschütternden Titanenjubels, der Gottes Brust durchloht hat, als er im

Glanz von Millionen Sonnen die Schöpfung vor sich sah.

Auch ich bin nie so glücklich gewesen wie in dieser Zeit der Gründung

unseres Heims, nie so selig, gläubig und am Leben hängend, nicht einmal in

der Kinderzeit, die doch alle Tage Schöpferjubel bringt, und sei die

Veranlassung auch nur eine gelungene kleine Schanze im Bach oder die zum

erstenmal geglückte Schleife des Schuhbandes.

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Die Mädchen sind gekommen. Gestern. Sie kamen am Vormittag und wollten

schon mit dem ersten Abendzuge wieder abreisen trotz der Einladung, ein

paar Tage dazubleiben und bei Frau Susanne im Forellenhof zu wohnen.

Eva Bunkert war zurückhaltender als bei unserer ersten Begegnung. Sie

konnte es sich zwar nicht versagen, nach Betrachtung des Baches, der an

Barthels Hof vorbeifließt, zu behaupten, in diesem Gewässer lebe keine

einzige Forelle, weshalb der daranliegende Hof wahrscheinlich

„Forellenhof“ heiße, aber es sei ja bekannt, daß Namen fast immer

täuschen, wie zum Beispiel körperlich etwas zurückgebliebene Männlein mit

Vorliebe Siegfried hießen oder oft keifende Xanthippen mit den holden

Namen Mariechen oder Trautchen begabt seien.

Nach dieser Abschweifung ins Schnippische wurde das Mädchen ernster. Sie

betrachtete den großen Forellenhof von innen und außen und sagte mit einem

Seufzer:

„Es ist schön hier. Ich glaube, man kann in einem solch einfachen Hofe

glücklicher sein als in einem prunkenden Hotel. Wenn ich es einrichten

kann, werde ich wirklich einmal hier Ferien vom Ich machen.“

„Ich möchte es wohl auch“, sagte die kleine Anneliese, „aber für mich ist

so etwas viel zu teuer.“

„Du, meine Liebe“, lachte Eva Bunkert, „du müßtest ganz andere Ferien vom

Ich haben – Weltstadtleben, Theater, Bälle, Autofahrten – man muß das

haben, was einem fehlt.“

„Mir würde nichts fehlen in solchem Frieden“, sagte die kleine Braune.

Ich ging mit den Mädchen durch unser Gelände, führte sie nach dem Rathaus,

nach der Lindenherberge, den „Stillen Weg“ hinab über die Genovevenklause,

und als ich nach der Waldschölzerei weiter wollte, passierten wir das

Zeughaus und das große Eingangstor. Dort gab es eine Auseinandersetzung

zwischen einem fremden Herrn und dem Türschließer. Der Herr, der im

Reiseanzug war und eine kleine Handtasche trug, verlangte in ungestümer

Weise mich zu sprechen, während der Diener entgegnete, der Herr Doktor sei

aufs dringendste und unabkömmlichste beschäftigt, und unsere Anstalt würde

überhaupt erst am ersten Mai eröffnet. Der Fremde ließ sich nicht

abweisen, und als er mich erblickte, rief er:

„Ich möchte wetten, daß jener Herr der Doktor ist!“ Damit schob er den

Diener beiseite und kam auf mich zu.

„Gestatten Sie, mein Herr, eine kurze Viertelstunde?“

„Sie sehen, ich habe Besuch!“

„Jawohl – es tut mir auch leid, Sie stören zu müssen, aber ich habe nur

eine Viertelstunde Zeit. Wenn ich mich vorstellen darf: George Brown,

Mitarbeiter der ‚Staatsbürgerzeitung‘ in Neuyork. Ihr Geschäftsfreund

Mister Stefenson hat mich persönlich gebeten, Sie zu besuchen und Ihnen

dieses Schreiben zu überreichen.“

Er übergab mir einen Brief, den ich mit Erlaubnis der Damen öffnete und

stellenweise vorlas:

„Neuyork, den 25. März.

Mein Lieber!

Sie wollen nie recht zugeben, daß ich Sie genau kenne, aber mein Spürsinn

ist, was Sie anlangt, so groß, daß ich hier viel tausend Meilen von Ihnen

prophezeie, ohne besorgt zu sein, einen Irrtum zu begehen: Wenn Sie diesen

Brief durch Mister Brown erhalten werden, werden Sie gerade mit den Damen

Eva Bunkert und Annelies von Grill einen sehr vergnügten Spaziergang durch

unser Heim machen. Ich beglückwünsche Sie dazu und bitte, mich den

Herrschaften zu empfehlen.

Was Mister Brown anlangt, so empfehle ich Ihnen, diesen Herrn recht

rücksichtsvoll zu behandeln, ihm nicht etwa zu sagen, Sie hätten gerade

Besuch und daher keine Zeit für ihn. Denn Mister Brown ist einer der

einflußreichsten Journalisten in den Staaten, und wir werden den Zuzug aus

Amerika für unsere nach deutschen Normalbegriffen immerhin etwas

merkwürdige Anstalt recht nötig haben.

Grüßen Sie Luise von ihrem Pappa, der sich sehr nach seinem Gänschen

sehnt, aber noch nicht weiß, wann er zurückkehren kann.

Ferien vom Ich · 第 22 / 45 题