Am 1. Mai ist unsere Heilanstalt eröffnet worden. Die Feier war schlicht.
Lehrer Herder hatte es sich nicht nehmen lassen, wieder ein Melodram zu
dichten, zu komponieren und zu inszenieren. Das Publikum bestand aus
Waltersburgern, unseren Bauern, deren Dienstleuten, unserem Personal und
fünfzehn Kurgästen. Von diesen fünfzehn Kurgästen genießen zehn Freikur,
und von diesen zehn sind sieben Schauspieler ohne Sommerengagement.
Stefenson sandte ein längeres Glückwunschtelegramm aus St. Louis.
Fünfzehn Kurgäste! Das war ein magerer Anfang nach der starken Reklame,
die wir gemacht hatten. Ich telegraphierte das klägliche Ergebnis nach
Amerika und erhielt von Stefenson die Antwort: „Hatte ich mir gedacht!“
Wir beschlossen, die Leute nicht einzeln über die Höfe zu verstreuen,
sondern einen Teil in den Forellenhof, einen anderen in die Waldschölzerei
zu geben. Die Schauspieler aber schwärmten nicht für Feld- und Waldarbeit;
sie wünschten mehr dekorative Posten. Fünf von den sieben wollten
Nachtwächter sein, einer bot sich als Hilfsbriefträger an, wobei seine
Tätigkeit gleich Null gewesen wäre, und einer sagte mit mildem
Augenaufschlag, er könne sich nur als Krankenpfleger glücklich fühlen. Wir
hatten aber keine Kranken.
Da stellte der Bauer Emil Barthel vom Forellenhof neben dem Großknecht,
den er bereits hatte, dem „langen Ignaz“, noch einen zweiten Knecht ein
und sagte zu mir: „Ich hab es Ihn’n gesagt, Herr Doktor, de Stadtleute
sein olle faule Luder. Mit den is nischt anzufangen.“
„Geduld, Barthel, Geduld!“
Der Anfang war wirklich kläglich. Zwar sang Egin Harold, der als
Nachtwächter bestellt worden (und der in seinem Privatberuf Opernsänger
war), das
„Hört, ihr Herr’n, und laßt euch sagen,
Die Uhr hat eben zehn geschlagen!“
mit tremolierender Empfindsamkeit; aber um Mitternacht sang er noch viel
empfindsamer vor dem Hofe des Sonnenbauern, der eine hübsche blonde Magd
hatte: „Gute Nacht, du mein herziges Kindl“, um 1 Uhr droben am Hange:
„Ihr lichten Sterne habt gebracht so manchem Herzen schon hienieden ...“;
um 2 Uhr: „Steh ich in finstrer Mitternacht“, und von 3 Uhr an:
„Morgenlicht leuchtend im rosigen Schein ...“
Die benachbarten Hofhunde wurden ob dieser Gesänge so tief ergriffen, daß
sie alle mitsangen, und alsbald lag auf dem Rathaus eine Beschwerde über
den Nachtwächter wegen nächtlicher Ruhestörung. Als nun Egin Harold von
dem unmusikalischen Sonnenhofbauern noch gar angedroht bekam, er werde den
Hofhund loslassen, wenn der Wächter sein Gesinge vor dem Kammerfenster der
Magd nicht einstelle, quittierte der beleidigte Künstler seinen Posten und
übergab die Abzeichen seiner Würde an seinen Berufsgenossen, den Bassisten
Hagen Korrundt, wobei er mit einiger Abänderung des Lohengrintextes sang:
„Den Spieß, dies Horn, den Pelz will ich dir geben.
Das Horn soll in Gefahr dir Hilfe schenken,
Der Spieß im wilden Kampf dir Mut verleiht,
Doch in dem Pelze sollst du mein gedenken,
Der jetzt auch dich aus Schmach und Not befreit.“
Die „Schmach und Not“, aus der Hagen Korrundt befreit wurde, bestand
darin, daß er, der ein starker Mann war, ein paar Stunden am Tag dem
Waldschölzer hatte helfen müssen, Bäume zu fällen. Jetzt war er als
Nachtwächter vom Tagesdienst befreit. Abends um zehn Uhr bestieg Hagen
einen großen Granitblock, den er den „Fafnerstein“ getauft hatte, stand
malerisch dort oben in seinem wilden Zottelpelz mit seinem langen Spieße
und seinem funkelnden Horn, sang mit dröhnendem Baß die Stunde, kletterte
dann vom Fafnerstein wieder herab und ging schlafen.
Die Kur bekam Herrn Hagen Korrundt sehr gut. Er erzählte mir in der
Sprechstunde, daß er früher an einem chronischen Hungergefühl, das
wahrscheinlich auf nervöser Grundlage beruhte, gelitten habe. Seit er aber
bei uns sei, sei er aller Beschwerden ledig. Als ich daraufhin der Köchin
in der Waldschölzerei ein Lob erteilte, sagte das Weiblein nur zwei Worte:
„Er frißt!“ –
Es ist ein Schauspieler da, der mit seinem wirklichen Namen Eduard
Käsenapf heißt. Als Künstler nennt er sich Guido Janello, bei uns aber, da
er doch nicht erkannt sein darf, Knut Waterstream.
Dieser Knut Waterstream ist dünner als ein Regengerinnsel. Ich schickte
ihn zur Arbeit in die Gärtnerei. Einiges erzählte mir der Gärtner, einiges
beobachtete ich selbst, wie Knut arbeitete. Er sollte dürres Laub
zusammenrechen und flüsterte den braunen Blättern zu:
„So wie ein Blatt vom Wipfel fällt,
So geht ein Leben aus der Welt,
Die Vögel singen weiter!“
Stützte sich auf den Rechenstiel und stand eine Viertelstunde lang in
melancholischer Betrachtung über die Verwelkbarkeit des Laubes und anderer
irdischer Dinge. Darauf übergab er dem Gärtner den Rechen und sagte:
„Tun _Sie_ dieses Totengräbergeschäft; ich vermag es nicht!“
Ein andermal sollte Knut ein Beet ausjäten. Er ging siebenmal mit düsterem
Antlitz um das Beet herum, spreizte dann alle zehn Finger über dies neue
verruchte Arbeitsfeld und deklamierte:
„Giftiges Kraut, gesäet mitten unter den Weizen,
O du teuflische Saat, wie bist du vom Feinde gestreut!
Satanas hat sich dein Korn in höllischen Scheuern gestapelt,
Hat mit beklaueten Fingern diese Aussaat verrichtet,
Daß du nun wucherst und wächst; dem güldenen Weizen zum Schaden,
Daß du die Sonne ihm stiehlst, den nächtlichen Tau der Gestirne.
Weiche, du teuflische Brut, verkrieche dich tief in den Boden,
Krieche zur Hölle zurück, zum Satan, von dem du gekommen,
Nie mehr soll dich erblicken mein schwer beleidigtes Auge,
Einzig soll es sich freuen am goldenen Schimmer des Weizens!“
Daraufhin hat der Gärtner Herrn Knut Waterstream belehrt, daß das, was er
als Weizen anspreche, in Wirklichkeit junger Kopfsalat sei und daß sich
gegen das Unkraut mit Beschwörungen nichts ausrichten lasse. Man müsse das
Zeug Stück für Stück mit der Wurzel aus der Erde herausziehen; anders gehe
es nicht.
„Lieber Freund“, hat da Knut Waterstream mit melancholischer Stimme
erwidert, „wir verstehen uns nicht!“
Dann ist er gesenkten Hauptes nach Hause gegangen.
*
Es soll der Sänger mit dem König gehen. Sänger hatten wir von Anfang an
genug; am 10. Mai kam der König an. Ein wirklicher König war es zwar
nicht, aber immerhin der Bruder eines regierenden Fürsten, eine Hoheit. Um
diese Zeit versandte unser Propagandachef, Herr Levisohn, folgende Notiz
an dreihundert Zeitungen:
„Der Andrang nach der Kuranstalt ‚Ferien vom Ich‘ zu Waltersburg, der
besten und originellsten Heilstätte der Welt, ist enorm. Die ermüdete
Intelligenz flüchtet in unseren Frieden; die heimatlosen Kinder der Welt
kommen auf ein Weilchen zurück ins grünbelaubte Mutterhaus der Natur.
Künstler von Weltruf, Mitglieder europäischer Regentenhäuser sind bei uns
eingekehrt. Wie romantisch, wenn ein Heldentenor, der vergötterte Liebling
allen Volkes, bei uns als schlichter Nachtwachtmann mit funkelndem Speer
und silbernem Horn durch die im Sternenschein liegenden Gassen schreitet,
die Stunden singend, wie es in alten Tagen geschah, oder wenn er einer
heimlich geliebten schlummernden Dame sein Troubadourlied singt; wie
rührend, wenn ein gefeierter Schauspieler voll Lust und mit nie ermüdender
Emsigkeit seine Gärtnerarbeit verrichtet; wie ergreifend, wenn der
Allerhöchstgeborene Herr, dessen Wink das ganze Land gehorcht, auf dessen
Stimmungen die Welt achtet, im demütigen Bauernkleide, von niemand
erkannt, seiner ländlichen Tätigkeit nachgeht! Wahrlich, die Kuranstalt
‚Ferien vom Ich‘ ist ein Triumph der Menschheit, ist der Sieg über das
Unglück, ist ein Paradies auf Erden!“
Als ich diesen Erguß in den Zeitungen las, wußte ich: auch unser Levisohn
war ein Dichter. Einer von blühender Phantasie.
Hoheit kam zu mir und fragte:
„Sagen Sie mal, Doktor, ist denn unter den paar Männchen, die hier bei
Ihnen ’rumkrauchen, etwa der König von England oder von Italien drunter?“
„Gewiß nicht, Hoheit.“
„Ja, wer ist denn da mit dem Allerhöchstgeborenen Herrn gemeint, auf
dessen Stimmungen die Welt achtet?“
„Ew. Hoheit selbst.“
Hoheit prusteten los und kriegten einen Hustenanfall. Nachher sagten
Hoheit:
„Verfluchter Kerl, der Levisohn; er macht was aus einem!“ –
Der Erfolg der Levisohnschen Reklamenotiz war riesenhaft. Es wurden
achtzigtausend Prospekte von uns eingefordert, und es meldeten sich über
dreitausend Kurgäste an. Ob der nachtwächternde Heldentenor oder der
ackerbauende Fürst die größere Anziehung ausübte, war nicht zu
entscheiden. Flugs erschien in Hunderten von Zeitungen folgende Notiz:
„Kuranstalt ‚Ferien vom Ich‘, Waltersburg. In einer Woche 83 000 Menschen,
die an die Pforten unseres Heims anklopften!!! Auf absehbare Zeit können
wir trotz unserer riesigen Anlagen neue Gäste nicht aufnehmen, da jeder
unserer Feriengäste ganz individuell behandelt werden muß. Vornotierungen
aber zulässig.“
Diese hochmütige Kürze tat noch größere Wunder. Unser Büro konnte die
Berge von Zuschriften nicht im geringsten mehr bewältigen. Ich
telegraphierte unsere fabelhaften Erfolge nach Amerika. Und wieder traf
die Antwort ein: „Hatte ich mir gedacht!“
*
Hoheit ist ein recht liebenswürdiger Kurgast. Hoheit ist überhaupt einer,
der seiner zu großen Nachsicht gegen sich selbst die Erschlaffung seiner
Nerven verdankt. Wir Ärzte drücken das höflich aus: Er hat zu konzentriert
gelebt. Es ist schön, daß wir unsere fachmännischen Ausdrucksformen haben;
denn es würde sich stilistisch nicht gut ausnehmen, wenn man sagte: Hoheit
ist vielleicht eine ganz gute Haut, aber ein bißchen Schweinekerl und
Liederjan!
Also, Hoheit haben zu konzentriert gelebt und sind vielleicht nur zu uns
gekommen, weil sie hier ein Feld für originelle Extravaganzen wittert.
Rares wittert. Alles andere liegt hinter diesem Mann, schwere
Familienratsbeschlüsse, unfreiwillige Reise um die Erde, zeitweilige
Verwendung in den Kolonien, Aussöhnung mit dem Familienchef, abermaliges
Fallen in Ungnade, morganatische Ehe, Scheidung, Schulden,
Zeitungsskandale und was so zum Bilde des tollen Prinzen gehört.
Drei Tage hat Hoheit in der Besinnungseinsiedelei zugebracht und mir einen
Lebensbericht eingereicht, über dem mir die Haare zu Berge gestanden
haben, obwohl ich als Arzt und Weltumsegler ja gerade nicht unerfahren und
prüde bin. Am Schluß stand: er habe sich eigentlich erschießen wollen,
aber er könne ja noch mal diese „neue Chose“ probieren, ob ihm noch ein
bißchen Geschmack am Leben beizubringen sei. Das Leben komme ihm so eklig
und wertlos vor wie ein alter schmutziger Kupferdreier, für den man keine
Zwiebel mehr zu kaufen kriegt. Er gebe sich ganz in meine Hand, wolle alle
Arbeit tun und bitte, mit ihm recht rauh zu verfahren; es sei ihm immer am
wohlsten gewesen, wenn ihm gelegentlich mal sein hoher Bruder, Landesherr
und Familienoberhaupt, ein paar Ohrfeigen angeboten habe. Dann habe er auf
Sekunden das Gefühl gehabt, daß er und sein Leben noch ernst genommen
werden können. Heißen wolle er Max Piesecke. –
„Also, lieber Piesecke“, sagte ich in der Sprechstunde zu ihm; „daß Sie
ein großer Lumpenkerl sind, wissen Sie und brauche ich Ihnen nicht erst zu
sagen. Höchstwahrscheinlich läßt sich mit Ihnen nichts mehr anfangen.
Erschießen werden Sie sich nicht, dazu fehlt Ihnen die Courage. Aber
miserabel zugrunde gehen werden Sie! Es wird weh tun, Piesecke; Sie werden
die Wände auskratzen, ehe Sie hin sind! Aber, Piesecke, sehen Sie – ich
glaube, ungefällig sind Sie nicht. Sie haben auch noch Sinn für Humor.
Nun, Piesecke, es wäre doch ein kolossaler Witz, wenn aus Ihnen noch mal
ein brauchbarer Kerl würde! He? Sie müssen selbst darüber lachen! Und für
mich wäre es gut – wegen Ihrer Familie. Also versuchen wir’s halt.
Gelingt’s, freue ich mich; gelingt’s nicht, schmeiße ich Sie ’raus!“
„Wahrscheinlich werden Sie mich ’rausschmeißen!“ sagte Piesecke
nachdenklich.
„Sie sind ein schlechter Pessimist, Piesecke! Sehen Sie, wenn Sie ein
bißchen Philosophie im Leibe hätten, müßten sie wissen: es gibt keinen
grimmigeren Spaß, als ein Pessimist zu sein und über den Pessimismus zu
lachen!“
„Wie? Bitte, schreiben Sie mir den Satz auf!“
„Gern!“
Ich schrieb den Satz auf einen Zettel, übergab ihn Piesecke und sagte:
„Stecken Sie sich dieses Wertpapier in Ihre Jackentasche und verlieren Sie
es nicht! Und nun werde ich Ihnen noch etwas sagen, Piesecke! Sie werden
höchstwahrscheinlich nach acht Tagen bei uns ausreißen wollen. Sie sind
gar nicht imstande, bei uns zu bleiben und das Gesundungsleben
durchzuführen. Dazu fehlt Ihnen die Willenskraft. Und um nicht
unnützerweise acht Tage lang meine Zeit mit Ihnen zu vergeuden, werden wir
einen notariell aufgenommenen Kontrakt machen. Er wird kurz sein und
lauten:
Falls ich nicht ein Jahr lang im Waltersburger Kurheim ‚Ferien vom Ich‘
aushalte oder mich den Anordnungen des dirigierenden Arztes nicht füge,
zahle ich eine Million Mark Reugeld.“
„Was?“ schrie Max Piesecke. „Wenn ich so etwas tue und mein Bruder erfährt
es, schlägt er mich tot!“
„Schön! Dann habe ich nicht mehr nötig, Sie zu kurieren.“
Piesecke sank in sich zusammen.
„Ich bin immer Erpressern in die Hände gefallen“, jammerte er.
„Morgen nachmittag 4½ Uhr wird der Notar hier sein“, entgegnete ich ruhig;
„Sie werden dann entweder das von mir aufgesetzte Abkommen unterzeichnen
oder Ihrer Wege gehen.“
„Ferien vom Ich!“ stöhnte Piesecke; „ich habe gar keinen Willen mehr.“
Am nächsten Tage, um 4,35 Uhr, unterschrieb vor dem Notar, meinem
Vertrauten, Max Piesecke das von mir gewünschte Abkommen mit seinem
hochfürstlichen Namen.
„Nun passen Sie mal auf, Piesecke“, sagte ich, „jetzt wird noch was aus
Ihnen!“
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All unsere Höfe sind mit Kurgästen besetzt. Wir haben so viel Anmeldungen,
daß wir die Wahl hätten, wen wir aufnehmen wollen, aber wir gehen der
Reihenfolge der Anmeldungen nach. Ich habe von früh bis spät Arbeit,
obwohl unser Ärztekollegium immer größer wird. Es lastet zuviel
Geschäftliches auf mir. Das drückt auf die Seele; denn ich bin kein
Kaufmann. Was tut mir doch dieser Stefenson an, daß er gerade jetzt, wo er
hier am nötigsten wäre, in Amerika sitzenbleibt? Soviel ich auch schon an
ihn schrieb und telegraphierte, er kommt nicht zurück. Immer die gleiche
Antwort: „Ich bin hier noch unabkömmlich.“
Unser Direktor – ein früherer Offizier – ist zum Glück ein tüchtiger Mann.
Es ist Schwung in seinen Gedanken, er hat Initiative und Spürsinn. Wie ein
guter Jagdhund ist er, er hat’s in der Nase, wenn er über das weite
Gelände unseres Arbeitsfeldes schnuppert, wo irgendwo in einer geheimen
Furche ein verborgener Erfolg aufzustöbern ist. Er ist aus dem Holz, aus
dem die guten Feldherren, Diplomaten, Kaufleute geschnitzt sind. Die
leitet alle ein unfaßbarer Instinkt, eine Art sechster Sinn, den andere
Leute nicht haben.
Der Direktor heißt von Brüsen und wird wegen seines würdevollen Auftretens
von den Kurgästen „der Herr Präsident“, von den Angestellten aber „der
Direks“ genannt. Oft habe ich bei seinen Maßnahmen das Gefühl: genau so
würde Stefenson gehandelt haben. Brüsen ist auch von Stefenson angestellt
worden. Mein Geschäftsfreund hat den Offizier a. D. mal irgendwo
kennengelernt, sich mit ihm etwa zwei Stunden unterhalten, dabei – wie er
schrieb – gefunden, „daß sich dieser Mann zwei verschiedene Dinge auf
einmal vorstellen könne, was nur sehr wenig Menschen vermöchten“, daß er
ferner „zu klug sei, um die Alltagsklugheit zu haben“, daß er nicht in den
Doppelsohlenstiefeln ängstlicher Vorsicht einherstampfe, in denen man von
hundert Schnellfüßlern überholt werde, und daß er von guter, zäher
Geistesmuskulatur sei. So hat sich Stefenson die Adresse dieses Herrn
gemerkt und ihn für uns nun an den Tag gezogen.
Es ist ein Glück, daß dieser Direktor da ist. Was täte ich ohne ihn? Einen
Entscheid fällt er fast nie sofort. Er will, wenn es sich um wichtigere
Angelegenheiten handelt, immer einen Tag oder doch einige Stunden
Bedenkzeit. Dann steht aber auch seine Meinung felsenfest. Und er
entscheidet immer so, wie ich annehmen möchte, daß Stefenson entschieden
haben würde, auch manchmal in Dingen, die viel Geld kosten, so waghalsig,
so wurstig, so ohne Skrupel, wie es eben nur ein reicher Mann kann, der so
fest steht, daß er weiß: ich kann nicht fallen, komme, was wolle. Ein
paarmal sah ich den Direktor scheu von der Seite an. War er etwa gar ...
Das war krasser Unfug. Dieser kleine Schwarzbart mit dem runden Bäuchlein
war bestimmt nicht der große, hagere Stefenson. Auch in dem Journalisten
Brown hätte ich nichts anderes vermuten sollen als eben den Mister Brown.
Ich muß mich wahrhaftig erst in die Ausführung meiner eigenen Idee von der
Unpersönlichkeit meiner Kurgäste gewöhnen. Es wird mir schwer, in dem
Nachtwächter Korrundt nicht den Opernsänger zu sehen, ja, es wird mir
sogar schwer, unsere verbummelte Hoheit mit Piesecke anzureden. Dabei ist
doch der Mann wirklich mehr Piesecke als Hoheit. Ich bekümmere mich
absichtlich nicht um die Personalien der Kurgäste, die ich nicht selbst
behandle, sehe keine unserer Geheimlisten ein, soweit ich es nicht als
leitender Arzt tun muß. So begegne ich Menschen auf unseren Wegen, sehe
Leute in unseren Gärten und auf unseren Feldern arbeiten, von denen ich
nicht weiß, wer sie sind, woher sie kommen, wohin sie gehen, von denen mir
nur bekannt ist, daß sie aus einer drückenden Enge entflohen sind in das
Reich unserer grünen Gesundheit.
Der Sekretär, der unsere Statistik macht, sagte mir, daß neunzig Prozent
unserer Kurgäste aus Großstädten kommen. Ich glaube das gern. Die
Großstadt ist keine gute Mutter. Dazu sind ihre Arme und Hände zu steinern
hart, ist ihre Sprache zu laut und liebeleer, sind ihre Sinne zu
flunkerig, sind ihre Wünsche ohne Heimlichkeitssinn zu sehr auf den
Engrosramsch der Genüsse gerichtet, ist ihr Aufputz zu sehr abgespart den
wahren Bedürfnissen ihrer Kinder. Von den Palasträumen ihrer Verwaltung
aus regiert diese Stiefmutter Großstadt ihre Familie, die zum größten Teil
in dumpfen Winkeln hockt und in engen Kammern schläft; in ihren glänzenden
Parkanlagen dürfen barfüßige Jungen und zerlumpte Mädchen spazierengehen.
Wie die niederträchtigste Amme, die ihren unruhigen Zögling mit Schnaps
betäubt, errichtet sie in all ihren Vorstädten Destille neben Destille.
Und wenn die Kinder gar zuviel darben und zu murren beginnen, schenkt
ihnen diese „Mutter“ Großstadt einige Bonbons „öffentlicher Fürsorge“ oder
billiger Lustbarkeit, Bonbons, die nicht satt, stark und gesund machen
können, sondern nur den Magen ansäuern und die Zähne des Willens und
Charakters verderben.
Wann endlich wird die Menschheit des trügerischen Schimmers müde sein, in
Scharen ausziehen aus dem ungesunden Hause der Stiefmutter Großstadt und
im großen Ferien machen von diesem jammervollen Ich?
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Heut ist ein Unglück passiert. Annelies von Grill und Eva Bunkert wollten
als Kurgäste zu uns kommen und beim Forellenbauer wohnen. Der Bauer hatte
seinen Spazierwagen nach dem Bahnhof geschickt zur Abholung. Sein Knecht,
der lange Ignaz, spielte den Kutscher. Aber auch Piesecke fuhr mit. Hoheit
will sich in die Geheimnisse der Kunst einweihen lassen, ein Bauerngefährt
auf einem etwas holperigen Feldweg mit Geschick zu leiten. Auf dem
Rückwege ist dann das Unheil geschehen. Piesecke hat kutschiert und gerade
dort, wo der Weg eine steile Böschung hat, umgeworfen. Die Damen sind den
Abhang hinuntergekugelt, die beiden Kutscher desgleichen, und die scheu
gewordenen Pferde haben den umgekippten Wagen hinter sich hergeschleift
und greulich zugerichtet.
Von den vier abgepurzelten Personen hat sich der Knecht Ignaz zuerst
erhoben. Er hat sich erst die Glieder zurechtgeschlenkert, dann die
Wahlstatt überschaut und darauf zunächst mal dem unglücklichen Piesecke
ein paar ungeheure Ohrfeigen versetzt. Darauf ist Ignaz den Pferden
nachgerannt, hat sie zum Stehen gebracht, sich überzeugt, daß mit dem
Wagen nicht weiterzufahren sei, und ist dann zu den Damen zurückgekehrt.
Annelies ist außer dem Schreck nichts passiert, die schöne Eva hat sich
einen Fuß verstaucht. Ignaz hat die holde Blonde auf seinen kräftigen
Buckel laden und nach Hause tragen wollen, doch das hat sie abgelehnt.
Piesecke hat nichts zu sagen gewußt als: „Pardon, pardon, es ist mir
dieses alles sehr fatal.“
Schließlich hat Eva dem Knechte befohlen, ein Pferd auszuspannen, sie
hinaufzuheben, und ist so halb lachend, halb weinend bei uns eingeritten.
Am selben Tage noch kam Hoheit zu mir, um wegen der erhaltenen Ohrfeigen
Beschwerde zu führen. Er sei – so sagte er – immerhin ein Kurgast, und
Ignaz sei ein gemieteter Knecht. Er müsse gegen solche Behandlung Protest
einlegen.
Ich aber sagte: „Piesecke, ich habe so viel Wichtiges zu tun, daß ich mich
wirklich nicht darum kümmern kann, wenn sich mal zwei unserer Kutscher
prügeln.“
Darauf erhellte sich Pieseckes Gesicht, und er sagte: „Jawohl, ich sehe es
ein! Wenn ich mich körperlich werde gekräftigt haben, werde ich ihm die
Ohrfeigen zurückgeben.“
„Das müssen Sie“, erwiderte ich; „das gebe ich Ihnen auf; das werde ich
Ihnen direkt in die Kurverordnung schreiben, lieber Piesecke!“