VORARBEITEN

Es ist ein halbes Jahr her, seit ich die letzte Eintragung in mein

Tagebuch machte. Im Mai war es, als Stefenson erschnoben hatte, daß ich

ein Tagebuch führe und darin manches über den Ausbau unseres Ferienheims,

aber auch über seine eigene Person niedergeschrieben habe. Seit der Zeit

quälte er mich, ihm das Tagebuch einmal zur Lektüre zu überlassen. Er war

neugierig wie ein Backfisch, und es nützten mich alle Versuche nichts, ihm

klarzumachen, daß es – gelinde gesagt – sehr indiskret sei, Einblick in

ein fremdes Tagebuch zu verlangen. Es dauerte so lange, bis er die

Aufzeichnungen in Händen hatte. Dieser Mensch ist ein ganz wunderliches

Gemisch von Kindlichkeit und halsstarriger Energie.

Nach drei Tagen gab mir Stefenson das Tagebuch zurück und sagte, indem er

ein sauersüßes Lächeln zwischen seinen dünnen Lippen zerquetschte: „Sie

haben mich sehr schlecht charakterisiert.“

„Dieses Urteil sah ich voraus, Mister Stefenson; die Fortsetzung des

Tagebuches werden Sie auch nicht zu sehen bekommen.“

Er machte eine Handbewegung, die bedeuten sollte, daran liege ihm auch

nichts, und ging wieder nach seinem „Büro“. Dieses besteht aus einer

Holzbude, in der ein langer roher Tisch, einige Brettstühle, ein

Kleiderhaken und der Telephonapparat die ganze Ausrüstung bilden. Der

Tisch ist mit Papieren aller Art bedeckt. Hier liegen die kostbaren Pläne

unserer Ferienhäuser, sind Aktenstöße, stehen Modelle. In einem Nebenraume

klappern ein paar Schreibmaschinen. Stefenson sagte mir einmal,

Schreibmaschinenklappern und Telephongeschelle sei ihm die schönste Musik.

In dem Büro sind unsere Beratungen. Dorthin müssen Architekten,

Maurermeister, Lieferanten aller Art, Verwaltungsbeamte, Stellungsuchende

zum Vortrag kommen. Anfangs hatte Stefenson die Absicht, mich von den

Hauptkonferenzen mit den Bauleuten auszuschließen oder mir doch eine rein

zuhörende Rolle zuzuweisen. Als ich ihm aber energisch sagte, er scheine

vorzuhaben, ein schleudriges Klein-Chicago zu errichten, das sich ganz gut

für Engros-Schweineschlächterei, aber nicht für mein romantisches

Ferienheim eignen möge, wurde er immer stiller und ließ mich nach und nach

mit den Architekten selbständig wirken. Nur das Tempo der Arbeit bestimmte

er, und das stand immer auf Volldampf. Der Mann arbeitet selbst von

morgens fünf Uhr bis nachts um elf, ohne irgendwelche Ermüdung zu zeigen.

Stefenson leitet seine Verhandlungen meisterhaft; keine Kleinigkeit

entgeht ihm. Sobald ein Thema angeschlagen ist, wird es Schritt für

Schritt erledigt. Kein Abweichen vom Wege ist erlaubt. Das

Dazwischenwerfen einer aufblitzenden, abseits liegenden Idee ist streng

verpönt, kein unfruchtbares Durcheinandergerede gestattet, sondern

planmäßige, geordnete Arbeit wird geleistet, Für und Wider werden kurz

beleuchtet, Nebensächlichkeiten unter den Tisch fallen gelassen, der

Beschluß knapp und fast immer schriftlich gefaßt; dann wird aber auch im

Verlauf der weiteren Verhandlungen auf den erledigten Punkt nie wieder

zurückgegriffen. So wußte man am Schluß solcher Verhandlungen immer: das

stand zur Beratung, das ist beschlossen, so und so, dann und dann muß es

ausgeführt werden. Stefensons Gehirn hat eine wohlgeordnete Registratur,

und etwas schwärmerisch angelegte Leute wie ich, denen leicht die Gedanken

durcheinander purzeln, können viel von solchem Manne lernen. Nur darf

Stefenson meine romantische und philanthropische Idee nicht aus dem Auge

lassen, und das tut er auch nicht. Stefenson und ich sind in vielen Dingen

die reinsten Antipoden; aber ich schätze es als Glück, mit einem so klaren

Kopf zusammen zu arbeiten, wenn ich auch manchmal einen wilden Zorn über

seine Kaltschnäuzigkeit habe. So ist der Mann. Wir vertragen uns und haben

Händel miteinander – je nachdem. Ich glaube, ich werde gut fahren, wenn

ich mit Stefenson gleichen Kurs halte. Es gibt kaum ein größeres Unglück

auf der Welt, als sich mit dummen oder schwachen Menschen zu verbinden,

und kaum einen größeren Vorteil, als einen klugen Freund.

*

Als unsere Idee bekannt wurde, war die Physiognomie der Waltersburger

ungefähr die eines Kalbes, das zum ersten Male donnern hört. Die Leute

wunderten sich rasend. Sie steckten die Köpfe zusammen, redeten viel auf

den Bierbänken und kamen doch, da sie immer nur Gerüchtsbrocken sammeln

konnten, zu keinem klaren Bilde.

Den Ausschlag soll der Amtsrichter gegeben haben, der sich dahin geäußert

hat: es scheine sich um eine Art Verrücktenanstalt im großen zu handeln;

den nötigen Spleen scheine ich von der Weltreise mit heimgebracht zu

haben, und was etwa fehle, habe Mister Stefenson aus seinem reichen Vorrat

an Tollheit ergänzt.

Günstig war uns von Anfang an die Stimmung der Waltersburger gar nicht. Zu

dem neidischen und verärgerten Gefühl, das einem unerwarteten Werk vom

lieben Publikum immer gespendet wird, gesellte sich ein ganz besonderer

Verdruß. Stefenson hatte erklärt, daß er eine ganz neue Gemeinde begründen

werde mit einem eigenen Bürgermeister und einer Verwaltung, die alles im

Umkreise Bekannte in den tiefsten Schatten stellen werde.

Darüber waren die Waltersburger wütend. Nachdem ihnen schon die Neustädter

untreu geworden und der Mutterstadt gewaltig über den Kopf gewachsen

waren, sollte sich hier auf ehemaligem Waltersburger Grund und Boden

abermals ein neues Gemeinwesen auftun, das den Bestand Waltersburgs

verkürzte und die eigene Stadt in immer kümmerlichere Unberühmtheit

drängte. Waltersburg war wie eine Mutter von mittelmäßigen Anlagen, die

sich ärgert, wenn ihre Töchter in der Gesellschaft Glück haben.

Eitel waren die Waltersburger immer. In der Pfarrkirche ist ein Altarbild,

das angeblich von Tintoretto stammt. Ein begüterter Graf, der ehemals hier

residierte, soll es von einer Pilgerfahrt mitgebracht haben. Die Echtheit

des Bildes ist zweifelhaft, nur nicht für die Waltersburger, die das

Gemälde zu den Meisterwerken Tintorettos rechnen. (Tintoretto, „das

Färberchen“, hat bekanntlich neben ausgezeichneten Stücken viel

Mittelmäßiges, ja Schleudriges geleistet.) Als ein großes neues

Reisehandbuch erschien, waren die Waltersburger neugierig, ob ihr

Tintoretto zwei Sterne oder nur einen haben werde. Die Enttäuschung war

groß; denn ganz Waltersburg mitsamt seinem Tintoretto wurde in dem

Handbuche überhaupt nicht erwähnt. Der Schrei der Empörung, den damals der

gebildete Teil der Stadt ausstieß, hat noch heute ein Echo in vielen

Herzen.

Für uns kam bald ein Umschwung. Stefenson berief eine Versammlung nach dem

Saale des größten Waltersburger Hotels, den „Drei Raben“. Er lud zu dieser

„freien Zusammenkunft, in der er Aufschlüsse über seine Neugründung geben

werde“, nicht nur den Magistrat und alle Honoratioren mit ihren Damen,

sondern auch je einen Schuster, Schneider, Bäcker, wie alle anderen

Handwerkszweige mit ihren Frauen. „Es muß wie bei der Arche Noahs sein“,

sagte er gut gelaunt, „von jeder Art ein Pärchen.“ Der Erfolg war schwach.

Einzelne zwar priesen Herrn Stefenson wegen seiner gerechten

unparteiischen Art, aber andere rümpften außerordentlich stark die Nasen,

und als die Versammlung begann, zeigte es sich, daß fast gar keine Frauen

da waren. Die Frau Provisor und die Frau Kanzleirat hatten entrüstet

erklärt, man könne sich doch nicht mit Krethi und Plethi zusammensetzen,

und fast alle anderen „Damen der Gesellschaft“ hatten sich dieser

Auffassung angeschlossen. Die Weiber der Handwerksleute aber hatten sich

„geniert“, zu kommen. Aber auch die Männer waren nur in schwacher Anzahl

erschienen. Der Magistrat ließ sich durch einen Beisitzer vertreten. Am

meisten freute es mich, daß der Lehrer Herder da war. Er wurde auch zum

Leiter der Versammlung gewählt. Stefenson hielt eine Rede. Er spricht die

deutsche Sprache ohne jeden fremden Akzent. Denn nicht nur seine Mutter

ist eine Deutsche gewesen; ich habe unterdes herausgekriegt, daß

Stefensons Vater zwar ein Stockamerikaner von reinster Monroedoktrin war,

daß aber sein Großvater bis zu seinem dreißigsten Lebensjahre in Hamburg

gelebt hat und bis dahin Georg Stefan hieß. Stefenson hat rein deutsches

Blut in sich.

Der „Mister“ sprach. Er sagte, über die Idee seiner geplanten Kuranstalt

wolle er nicht reden; diese sei ein so unerhörtes, geniales Problem (dabei

trat er mich grob auf den Fuß!), daß er es im Rahmen einer so kurzen

Aussprache nicht erläutern könne. Waltersburg habe zwar keine hervorragend

günstige Lage und werde von vielen anderen Orten auch durch den Reiz der

Umgebung wesentlich übertroffen (Gebrumm in der Versammlung), aber sein

Freund und ärztlicher Beirat sei ja, wie alle wüßten, ein Waltersburger

Kind, und so habe er dem Freund zuliebe dieses Gelände für die Ausführung

seiner Idee gewählt. Er gehöre zu den Leuten, die sich eher das eigene

Hemd ausziehen, als daß sie zugeben, daß der Freund friere. (Frau

Postschaffner Hempel verließ entrüstet das Lokal.) „Kommen Sie gut nach

Hause, Frauchen!“ ruft ihr Stefenson nach. (Abermaliges Gebrumm.

Postschaffner Hempel erhebt sich, sagt in halblauter Entrüstung: „Das ist

ja kolossal!“ und stampft seiner Ehehälfte nach.) „Also“, fährt Stefenson

ruhig fort, „was mir eine Hauptsache zu sein scheint: ich beabsichtige

nicht, eine neue politische Gemeinde zu gründen; ich werde meine Siedelung

unter den amtlichen Schutz des Magistrats von Waltersburg stellen.“

(Freudige Verblüffung. Der Beisitzer horcht auf und trommelt erregt mit

den Fingern auf den Tisch.) „Ja“, geht Stefensons Rede weiter, „wir werden

unserem Sanatorium, das seinesgleichen in der Welt nicht hat, den Namen

‚Kuranstalt Waltersburg: Ferien vom Ich‘ geben, und der Schnickschnack vom

sogenannten modernen Badeort, wie es Neustadt ist, wird in Dunst

zerstieben vor der glorreichen Waltersburger Neugründung. (Der Beisitzer

springt auf, beurlaubt sich bei dem Vorsitzenden auf wenige Minuten und

stürmt aus dem Saal.) Mitbürger von Waltersburg! Damen und Herren! (Von

den Damen ist nur noch die phlegmatische Gärtnersfrau Bächel anwesend.) Es

macht mich glücklich, daß Sie in solcher Anzahl erschienen sind. Etwas

Erfreuliches kann ich Ihnen mitteilen. Ich erwarte, daß binnen zwei Jahren

unsere Kuranstalt etwa zwei Dritteile Ihrer gesamten Gemeindesteuern

tragen wird, so daß Ihre bisherigen hundertzwanzig Prozent auf vierzig

Prozent herabsinken werden. (Erschrecktes Aufatmen, dann lautes Bravo.

Bäckermeister Schiebulke und Klempner Geldermann stürzen im

Geschwindschritt von Siegesboten auf die Straße.) Ja, aber, meine sehr

teuren Mitbürger, auch Opfer werde ich von Ihnen verlangen müssen.

(Kunstpause des Redners. Bedrücktes Schweigen der Zuhörer.) Wir haben

nicht Zeit, der Verwirklichung unserer Idee sehr viel Zeit zu widmen; wir

müssen die Aufgabe im Sturm nehmen. Binnen Jahresfrist muß alles fix und

fertig sein. Sie werden begreifen, daß dafür ein Heer von Architekten,

Bauleitern, Maurern, Zimmerleuten, Tapezierern, Töpfern, Tischlern,

Glasern, Klempnern, Schmieden, Schlossern, Stubenmalern, Gärtnern und

Hilfsarbeitern aller Art nötig sein wird, nicht zu rechnen die Legion

derer, die diese Schar versorgt mit Nahrungsmitteln, mit Kleidern,

Schuhen, Mützen und Wäsche. Ja, liebe Waltersburger Mitbürger, Ihre ganze

prächtige Kaufmannschaft, alle Ihre Handwerkerkreise muß ich mobil machen,

um meiner Aufgabe gerecht zu werden, alle werden ihren Betrieb

verzehnfachen müssen ...“

Der Redner hielt inne; denn die Zuhörerschaft keuchte zu laut. Die

Erregung stieg aufs höchste. Da kam die von Stefenson ganz leichthin

gesagte, aber bis ins Mark treffende Schlußbemerkung: „Ich möchte mit

Waltersburger Bürgern Abkommen treffen. Was das Finanzielle anbelangt, so

wird nichts auf Ziel entnommen, sondern alles immer sofort bar bezahlt

werden.“

Da war es aus. Alles erhob sich; selbst die dicke Gärtnersfrau wappelte

sich empor und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Ein Handwerker stieg auf einen Stuhl.

„Das ist gut!“ rief er; „das ist famos! Herr Stefenson lebe hoch!“

„Hoch!“ schrien die paar Männlein, die noch da waren. Im selben Augenblick

stürzte der Beisitzer in den Saal.

„Der Herr Bürgermeister“, keuchte er, „der Herr Bürgermeister, der bis

jetzt leider verhindert war, kommt selbst.“

Stefenson nickte ihm lächelnd zu. Da wurde es lebhaft auf der Treppe,

Männer und Frauen aller Gesellschaftsschichten füllten den Saal. Eine

halbe Stunde lang stand Stefenson steif und still, und als alle da waren,

auch der Bürgermeister, sagte er:

„Ich habe dem, was ich vor Ihnen, sehr geehrte Herrschaften, über meine

Neugründung heute ausgeführt habe, nun nichts mehr hinzuzufügen.“

Worauf sich der Leiter der Versammlung, Lehrer Herder, erhob und in einer

glänzenden Erfassung der Situation sagte:

„Ich schließe die Sitzung!“

Ferien vom Ich · 第 15 / 45 题