DAS KIND

Mitten in der Arbeit taucht viel öfter, als mir lieb ist, das Bild der

kleinen Luise vor mir auf. Am Morgen nach dem Theaterabend, als ich das

Kind im Hotel fand, war es ganz verängstigt, zitterte und weinte. Auf alle

Fragen sagte es immer nur: „Ich will heim!“ Zu den Schindern ins Elend

wollte es zurück, weil es dort zu Hause war. Vor Stefenson und mir

fürchtete sich die Kleine, und auch vor der fremden Schwester scheute sie

sich. Ich wollte sie streicheln, aber sie wich mir aus und duckte sich.

Das arme Ding hat wohl in seinem Leben schon viel Prügel bekommen. Ich

sagte freundlich zu ihr:

„Luise, fürchte dich doch nicht. Sieh mal, ich meine es gut mit dir, ich

bin ja mit dir verwandt; ich bin dein Onkel.“

Sie sah scheu an dem fremden Manne empor, der ihr wohl zu vornehm

erschien, um mit ihr verwandt zu sein. Ob sie einen Vater oder eine Mutter

oder eine Großmutter habe, wie andere Kinder, danach fragte sie nicht. Es

war auch besser; denn ich hätte ihr sagen müssen: „Nein, das hast du alles

nicht; du hast nur einen Onkel.“ Während ich mir noch vergeblich Mühe gab,

ein klein wenig das Zutrauen von Luise zu gewinnen, erschien Stefenson mit

einem Diener, der ein großes Paket schleppte. Das Paket legte der

Amerikaner vor dem Kinde auf den Tisch und sagte:

„So, da habe ich dir ein bißchen Spielkram gekauft!“ Es war eine kleine

Weihnachtsausstellung von allerhand Spielzeug: Puppen, eine kleine Wiege,

Hampelmänner, Kreisel, Schachteln mit geschnitzten Tieren, Baukasten und

viele Kleinigkeiten. Sogar eine Knallpistole war dabei. Dem Kinde entfuhr

ein kleiner Schrei seligen Erschreckens, es erhob die Händchen, tastete

schüchtern nach einer Puppe, zuckte aber zurück. Da fuhr sie Stefenson an:

„Nun, du kleine Gans, so greif doch zu! Das ist alles dein. Das mußt du

nehmen. Damit mußt du spielen, sonst setzt es was ab!“

Auf diesen rauhen Ton war Luise offenbar gut eingerichtet. Sie fing

gehorsam an zu spielen. Nach fünf Minuten kam ein leises Lachen, das

Gesichtchen erhellte sich, und ich sah noch deutlicher als gestern beim

ersten schreckhaften Begegnen in Joachims Züge, sah in Joachims Augen. Ich

erinnere mich nicht, je ein kleines Mädchen gesehen zu haben, das so

auffallend dem Bilde ihres Vaters glich, wie Luise meinem Bruder ähnlich

ist. Wir hatten vielerlei in Berlin zu tun und blieben acht Tage dort. Am

fünften Tage kam Stefenson in mein Zimmer und sagte:

„Jetzt hat mich das Balg gefragt, wenn Sie ihr Onkel wären, ob ich

vielleicht ihr Vater sei? Nu nee, du kleine Gans, das fällt mir gar nicht

ein, dein Vater zu sein. Na, sie heulte gleich, und da hab ich denn

gesagt, ich bin ihr Stiefvater. Damit war sie ganz zufrieden.“

Ich wußte schon, daß Luise in großer Liebe und Dankbarkeit an Stefenson

hing. Seine rauhe, kurze Art schreckte sie nicht, und seine Fürsorge tat

ihr wohl.

So war der Abschied nach acht Tagen, als Luise nach Thüringen fahren und

wir nach Waltersburg zurückkehren mußten, schmerzlich für das Kind. Nur

der Abschied von Stefenson, nicht der von mir, obwohl sich Luise

inzwischen auch zu mir ganz freundlich gestellt hatte.

Als wir im Eisenbahnwagen saßen, sagte Stefenson: „Die Gefühlsduselei mit

dem Kinde hört nun auf. Dazu haben wir keine Zeit.“

Ich nickte ihm zu und schwieg. Als ich nach Hause kam, trat mir die Mutter

mit fragenden Augen entgegen.

„Ich habe das Kind in saubere Verhältnisse gebracht“, sagte ich ihr und

ging in mein Zimmer. Die Mutter fragte nicht mehr, und ich erzählte

nichts. Wir fühlten beide, wie sich eine eiskalte Wand zwischen uns

aufrichtete. Nach drei Tagen sagte die Mutter, Joachim habe geschrieben,

es gehe ihm gut. Mir war dabei, als ob sie von einem fremden Menschen

erzählte, dessen Schicksal mich nichts angehe.

*

Die Zeichnungen, der Aufbau meines großen Ferienheims nahmen mich fortan

ganz in Anspruch. Ich kann sagen, es waren reine Glückstage, Tage voll

Fruchtbarkeit, Hoffnung, Kraftgefühl. Und doch stahl sich Luises Bild bei

Tag und Nacht in meine Seele. So sagte ich mir eines Morgens, an drei

verlorenen Arbeitstagen läge nicht viel, Stefenson säße sicher weit unten

in Palermo oder Syrakus, und sehr bald nach diesen Erwägungen saß ich in

einem Schnellzuge nach Thüringen.

Ich hatte die Freude, daß mir Luise vertrauensvoll und dankbar

entgegenkam, und daß sie sich schüchtern an mich schmiegte, als ich sie

auf die Stirn küßte.

Die würdige Vorsteherin des Pensionats sagte, es sei ja wohl noch zu kurze

Zeit, als daß das Kind sich schon in ihm völlig fremde Kultur ganz hätte

fügen können; aber Luise zeige so gute körperliche und geistige Anlagen,

daß sie hoffe, das Kind würde mir recht bald Freude bereiten. Die Anstalt

lag an der Promenade der hübschen thüringischen Stadt. Als ich das Haus

verließ, saß gegenüber dem Eingang auf einer Ruhebank Mister Stefenson. Es

blieb mir gar keine Zeit, mich groß zu erstaunen, sondern er trat mir

gleich entgegen und sagte mürrisch:

„Ich finde das sehr merkwürdig von Ihnen, daß Sie auch jetzt noch Zeit zu

solchen Exkursionen haben.“ „Ach, Mister Stefenson“, entgegnete ich

heiter, „ich dachte, Sie wären Ihrerseits noch auf Ihrer Exkursion nach

Sizilien.“

„Sticheln Sie nicht“, entgegnete er finster; „ich bin nicht nach Sizilien

gefahren zum Amüsement oder um einem kleinen Gänschen nachzureisen,

sondern um in aller Ruhe die Pläne für unser Ferienheim machen zu können.

Wenn ich nun Pech gehabt habe mit den drei Plänen, die ich gemacht habe,

weil ich den ersten in Palermo zerrissen, den zweiten in Modena verbrannt

und den dritten in Luzern überhaupt nicht erst angefangen habe, so hatte

ich doch gehofft, Sie würden inzwischen Gewissen genug haben, zu Hause zu

bleiben und zu arbeiten.“

„Hab ich auch, Mister Stefenson! Mein Plan ist fertig.“

„Ah – das ist gut. Wieviel kostet er? Wie balanciert er?“

„Was er kostet, wie er balanciert, weiß ich nicht. Das ist nicht meine

Sache. Ich bin kein Kaufmann. Wofür sind Sie da?“

„Fürs Geldgeben!“

Er schüttelte melancholisch den Kopf.

„Ihr Plan ist unrentabel“, sagte er düster.

„Mister Stefenson, ich will Ihnen einen alten deutschen Witz erzählen. Ein

Schlächter kam in eine kleine Wirtschaft, um eine Kuh zu kaufen. Der Bauer

führte ihn nach dem Stalle. Sie kamen in einen ganz dunklen Raum. Da sagte

der Schlächter: ‚Aber Mensch, wie kann ich Ihnen für ein so elendes Tier

so viel Geld geben, wie Sie verlangen?‘ – ‚Sachte‘, sagte der Bauer, ‚das

hier ist nur der Rübenraum, die Kuh steht erst hinter der nächsten Tür.‘“

„Was gehen mich Ihre verdammten deutschen Witze an?“ grollte Stefenson.

„Fahren wir erst nach Hause“, entgegnete ich. „Und vorher können Sie ja

mal die kleine Luise besuchen. Sie macht sich heraus.“

„Das fällt mir nicht ein“, sagte Stefenson kalt. „Ich hasse diese deutsche

Sentimentalität.“

So fuhren wir nach Hause. Ich übergab Stefenson meine Zeichnungen und

schriftlichen Ausführungen. Er nahm sie mit nach Neustadt, wo er immer

noch in einem Hotel wohnte. Nach fünf Tagen suchte ich ihn zu sprechen. Es

hieß, Mister Stefenson sei verreist. Eine Viertelstunde etwa dachte ich

darüber nach, wohin Stefenson wohl sein könne. Dann telegraphierte ich an

die Vorsteherin des Instituts in Thüringen:

„Ist Mister Stefenson noch dort?“

Am Abend kam die Antwort:

„Stefenson war hier, ist aber eben zurückgereist.“

Darauf machte ich mir das Vergnügen, zum Neustädter Bahnhof zu gehen und

den Zug zu belauern, von dem ich vermutete, daß er Herrn Stefenson

mitführen würde. Ich hatte den Zeitpunkt ganz richtig aus dem Kursbuch

festgestellt.

Als Stefenson die Bahnsperre passierte, trat ich ihm plötzlich entgegen,

und er war nicht weniger erschrocken als ich, da ich ihn plötzlich auf der

Promenadenbank in Thüringen traf.

„Guten Abend, Mister Stefenson“, sagte ich, „wie geht es der kleinen

Luise?“

„Wieso – wieso – Luise – was geht mich das Gänschen an?“ versuchte er sich

herauszulügen.

Ich blickte ihn freundlich an und sagte:

„Die Frau Vorsteherin, die ich telegraphisch anfragte, sagte mir, daß Sie

dort waren.“

Da hustete er.

„Wissen Sie was“, sagte er zornig, „es ist nicht schön, daß Sie mir

nachspionieren. Was geht mich das Gänschen an? Aber da Sie schon mal so

ein Spion sind, will ich Ihnen sagen, ich kann für diese Schwäche nichts.

Meine Mutter war eine Deutsche.“

Ferien vom Ich · 第 14 / 45 题