DIE FEINDLICHEN STÄDTE

Ich muß versuchen, wieder lustiger zu sein. Herrgott, ich bin doch ein

junger Mensch, ich habe meine Aufgaben, und meine Kraft darf nicht in

sehnsüchtigem Suchen, am Trotz des Bruders zerschellen. Also will ich

heute gar nichts von ihm aufschreiben, sondern einmal die närrische

Geschichte von der Feindschaft der Waltersburger und der Neustädter zu

erzählen beginnen.

Waltersburg ist eine in einem wunderschönen Talkessel gelegene Stadt von

2967 Einwohnern. Solches besagte die letzte Zählung. Der Personenstand

wies im letzten Jahrhundert immer ziemlich dieselbe Höhe auf; auf runde

3000 kam er nie hinauf. Da machte unser Bürgermeister, Herr Wilhelm

Bunkert, eine bedeutsame Stiftung: der dreitausendste Einwohner, der

Waltersburg Anno 1904 geschenkt würde, solle eine goldene Uhr bekommen,

Herrenuhr oder Damenuhr, je nachdem es ein männliches oder ein weibliches

Wesen beträfe, und diese Ehrengabe wolle er, der Bürgermeister, aus

eigenen Mitteln bestreiten. Die Sache stand im Stadtblatt und wurde viel

bewundert. Im nächsten Jahre kamen viele Kinder zur Welt; die Zählung

wurde nicht bloß vom Magistrat, sondern auch von der Bürgerschaft sehr

eifrig betrieben, und da die Einwohnerschaft auf 2998 stieg, entstand in

der zweiten Hälfte des Dezember zwischen der Frau Schneidermeister Lembke

und der Frau Schuhmachermeister Abelt eine bittere Feindschaft, da beide

hofften, noch vor Ablauf des Jahres eines Kindleins zu genesen. Am

30. Dezember gebar Frau Lembke eine Tochter. Ihr Mann, anstatt sich des

blühenden Töchterchens zu freuen, ging in die Schenke und betrank sich vor

Ärger, wie er sein Lebtag sich nicht betrunken hatte. Dem Ehepaar Abelt

aber klopfte das Herz. Am Silvesternachmittag gebar die Frau einen Sohn,

und der entzückte Vater stürzte nach dem Rathause und schrie: „Der

dreitausendste Einwohner! Der dreitausendste Einwohner!“ Im Vorzimmer des

Bürgermeisters aber begegnete dem Siegestrunkenen eine schwarze Gestalt.

Es war die Frau des Webers Michalke, die soeben den Tod ihres Mannes

angemeldet hatte. Da waren es wieder nur 2999. Der arme Schuster torkelte

gegen die Wand, und dumpf hallten die Silvesterglocken in die Nacht über

diese so wenig vom Glück begünstigte Stadt.

Der Bürgermeister hielt sein Angebot auch für das kommende Jahr aufrecht,

und einige werdende Mütter wiegten sich in goldenen Hoffnungen. Aber der

Tod hielt reichere Ernte als sonst, auch zog der Barbier mit seiner

siebenköpfigen Familie nach Neustadt, und nun hielt der geizige erste

Ratsmann, Bäckermeister Schiebulke, es für den richtigen Zeitpunkt, sich

als einen Gönner der Stadt zu bezeigen und auch seinerseits für den

dreitausendsten Einwohner eine Prämie auszusetzen, und zwar ein neues

Fahrrad, je nachdem ein Herren- oder Damenrad. Die Sache kam ins

Stadtblatt, und die Bürger lachten. Ob Schiebulke vielleicht meine, ein

neugeborenes Kind könne radeln, wurde der Stifter befragt. Ob die andern

vielleicht meinten, ein neugeborenes Kind könne von einer Uhr die Zeit

ablesen, gab Schiebulke giftig zurück. Da setzte der Wirt vom „Goldenen

Löwen“, der ein reicher Mann und ein wenig ruhmsüchtig ist, einen

erschrecklich hohen Trumpf auf:

„Goldene Uhr und Fahrrad“, sagte er, „sind gute Dinge. Nur leider die

Kinder wachsen langsam, und solche Dinge veralten schnell. Was allein

nicht veraltet, ist das Geld. Ich will meiner Vaterstadt meine Liebe

beweisen und lege 5000 Mark in die städtische Sparkasse für den

dreitausendsten Bürger, den Waltersburg in diesem Jahre erhält.“ So

lautete die Stiftung, die im Stadtblatt publiziert wurde und ungeheure

Aufregung hervorrief.

Und da kam das Unerwartete, wie in solchen Fällen überhaupt meist etwas

Unerwartetes geschieht.

Die Einwohnerschaft von Waltersburg hatte die Höhe von 2993 erreicht, als

der vor kurzem nach Neustadt übersiedelte Barbier Arthur Heilmann mit

seiner Frau und seinen fünf Kindern sich wieder in Waltersburg ansiedelte

und glückstrahlend die goldene Uhr, das Fahrrad und die fünftausend Mark

für sich in Anspruch nahm, da mit seinem Zuzug die Zahl dreitausend

erreicht war. In Waltersburg brach eine Revolte aus. Man wollte den

frechen Barbier samt Weib und Kindern lynchen. Man schrie, das sei Betrug,

das gälte nicht, das sei ja ganz anders gemeint gewesen. Der Barbier, der

zuvor bei einem Rechtsanwalt in Neustadt gewesen war, bewahrte seine Ruhe,

und Amtsrichter Knopf, der angesehenste Jurist in Waltersburg, erklärte im

Magistratskollegium, am Stammtisch und wo immer man es hören wollte, unter

Hinweis auf verschiedene Gesetzesparagraphen: es handle sich hier um eine

öffentliche Auslobung, deren Inhalt durch den Barbier Heilmann erfüllt sei

und dem daher unzweifelhaft die drei ausgesetzten Prämien zufielen.

Aller Ingrimm der Welt hätte an der Tatsache nichts geändert: Heilmann

bekam die Preise.

O unglückliches Waltersburg! In der Stadt war dumpfe Trauer, Zorn und Haß,

und alle Männer gelobten, bei diesem Barbier sich nie den Bart schaben

oder die Haare schneiden zu lassen.

Darauf rechnete aber der abgefeimte Schaumschläger gar nicht, sondern er

zog schon nach Ablauf eines Vierteljahres wieder nach Neustadt zurück und

nahm die Preise mit.

Waltersburg zählte nach diesem Abzug 2993 Bewohner. Die Auslobungen wurden

nicht erneuert. Das ist nun einer der Fälle, aus denen das feindselige

Verhältnis zwischen Waltersburg und dem benachbarten Neustadt schon

einigermaßen erhellt.

*

Die Zeit meiner Abwesenheit hat an dem feindlichen Verhalten der beiden

Städte Waltersburg und Neustadt nichts geändert. Und doch ist Neustadt

eine Tochterstadt von Waltersburg, die beiden Orte sind in der Luftlinie

kaum drei Kilometer voneinander entfernt und nur durch den mäßig hohen

Weihnachtsberg getrennt. Nicht nur, daß die beiderseitigen

Gemeindekollegien miteinander in Hader liegen und sich die zwei

Stadtblättchen ständig befehden, der Haß gegen die Nachbarstadt bringt

auch noch heute die Köpfe der Waltersburger Stammtischphilister in

Gluthitze und überträgt sich sogar auf die Frauen und Kinder.

Bis in die siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hat sich Waltersburg

eines geradezu paradiesischen Friedens erfreut. Die Hussiten sind an ihm

vorbeigezogen, die Horden des Dreißigjährigen Krieges haben vergessen, die

Stadt auszuplündern, so daß Waltersburg mit seinen damals 2000 Bewohnern

nach dem Westfälischen Frieden eine der volkreichsten Städte Deutschlands

war, ein Umstand, über den in der Stadtchronik des weiten und breiten

geredet wird; von den Fritzeschen Regimentern hat nur eines einmal drei

Tage lang in Waltersburg Station gemacht, was den Stoff für ein weiteres

Viertel der Chronik bildet, und auch die Siegerscharen Napoleons haben

keine besondere „_gloire_“ darin erblickt, die Stadtmauern von Waltersburg

zu berennen. So war das weiße Lamm in grünem Felde ein sehr angebrachtes

Wappentier für die friedfertige Stadt, und es gehörte schon die ganze

boshafte Niedertracht der Neustädter dazu, zu behaupten, weiland der

geistvolle Hohenstaufe Friedrich II. hätte den Waltersburgern das Lamm für

ihr Stadtwappen nur darum verliehen, weil er ihre ureigentümliche und

unausrottbare Schafköpfigkeit wohl erkannt habe.

Solch grobe Beleidigung strafen die Waltersburger mit eiskalter

Verachtung; dagegen erhitzen sie sich noch heute sofort, wenn die Rede

einmal auf den Bahnbau kommt.

Als nach dem siebziger Kriege sich in Deutschland die Eisenbahnen mehrten

wie nach einem fruchtbaren Regen im Garten die Würmer, hatte die Regierung

dem Rat angeboten, eine neue Hauptstrecke über Waltersburg zu führen, ja

die Stadt zu einem Eisenbahnknotenpunkt zu machen. Dieses Anerbieten hatte

die Bürgerschaft in die allerschwerste Sorge gestürzt. Sie sandten zum

Kaiser nach Berlin eine Deputation mit der Bitte, der Landesvater möge das

schwere Unheil, das den Frieden und die Ruhe der treuen Stadt Waltersburg

bedrohe, allergnädigst abwenden. Die Deputation wurde zwar nicht

empfangen, brachte aber in aller Stille ein kräftiges Wort mit heim, das

ein Geheimer Rat im Eisenbahnministerium gesprochen hatte, und das nicht

viel schmeichelhafter klang als die Neustädter Auslegung des Waltersburger

Wappentieres.

Die Hauptsache war: die Bahn kam nicht nach Waltersburg. Sie wurde

jenseits des Weihnachtsberges, etwa sechs Kilometer von der Stadt

entfernt, vorbeigeführt. Daselbst wurde auch ein großer Bahnhof angelegt,

da sich in der Tat die Notwendigkeit herausgestellt hatte, an diesem Orte

einen Kreuzungspunkt zu errichten, und die Station führte, da sie doch

benannt werden mußte, den Namen „Waltersburg-Neustadt“.

Die Waltersburger lachten. Sie hatten jetzt eine Eisenbahnstation, aber

diese Station konnte ihnen nichts anhaben. Später hat ein Dichter in der

„Neustädter Umschau“ ein Poem veröffentlicht, in dem es hieß:

_„Die Waltersburger, die sind gar pfiffige Leut,_

_Sie sind nicht nur pfiffig, sie sind grundgescheut,_

_Sie haben eine Bahn, die woanders ’rum geht,_

_Sie ham einen Geldschrank, der im Nachbarhaus steht;_

_Sie füttern der Hasen und Rehe wohl viel,_

_Doch treiben sie alle dem Nachbar vors Ziel;_

_Sie sperr’n ihren Fluß, daß kein Fisch hineinschwimmt_

_Und zuviel von dem sehr guten Wasser wegnimmt;_

_Und wär’ mal ein Mäderle gerne geküßt,_

_Da wartet’s, bis auswärts ein Kirmestanz ist.“_

Für dieses Gedicht hat sein Verfasser von den Neustädtern viel Lob und von

den Waltersburgern gelegentlich recht ordentliche Prügel geerntet.

Neustadt verdankte seine Gründung einem trutzigen Bürger von Waltersburg,

dem Baumeister August Bunkert, der als einziger in der ganzen Stadt

Waltersburg Tag und Nacht geredet hatte, die so günstige Gelegenheit,

einen großen Bahnhof an die Stadt zu bekommen, nicht zu verpassen. Als er

mit seinen Ideen nicht durchdrang, im Gegenteil viel Anfeindung erfuhr,

die bis zu persönlichen Feindschaften ausartete, und sich insonderheit mit

seinem einzigen Bruder, Wilhelm Bunkert, der jetzt Bürgermeister von

Waltersburg ist und damals zu der Berliner Deputation gehörte, in bitterem

Hader entzweite, zog der Baurat aus dem Hause seiner Väter aus und baute

jenseits des Berges dicht neben den neuen Bahnhof ein großes Hotel, dem er

den Namen „Zur guten Hoffnung“ gab. Die „gute Hoffnung“ erwies sich

zunächst als schlecht; denn da das Hotel auf bloßem Felde stand, alle

Eisenbahnpassagiere aber fanden, daß sie in der menschenleeren Wald- und

Wiesengegend nichts zu suchen hätten und darum immer schleunigst

weiterfuhren, stand das Hotel Jahr und Tag leer, die wenigen Bahnbeamten

abgerechnet, die am Abend ihr Schöpplein tranken, und an August Bunkert

kroch langsam die Pleite heran. Die Waltersburger meinten, daß der

neuerungssüchtige Trotzkopf dieses Schicksal wohl verdient habe, aber zu

ihrer Ehre muß gesagt werden, daß Bunkert vielen leid tat und daß man dem

verlorenen Sohne gern verziehen und ihm auf die eine oder andere Art

wieder auf die Beine geholfen hätte, wenn es dem Ausreißer nur eingefallen

wäre, zurückzukommen, seinen Irrtum einzugestehen und die vorsichtige Art

der Waltersburger zu loben, die er ehedem so heftig angegriffen hatte.

August Bunkert aber dachte nicht daran, den Reuigen zu spielen, und auf

einen Brief seines bürgermeisterlichen Bruders, worin dieser fragte, ob er

denn auch den Rest seines schönen väterlichen Erbes noch vollends

verschleudern wolle, gab er keine Antwort. Da wurde er seinem Schicksal

überlassen. Dieses Schicksal gestaltete sich günstig. Die große

Bahnhofswirtschaft, die August Bunkert übertragen wurde, hielt ihn

zunächst über Wasser, und endlich gelang ihm der große Schlag. Er brachte

eine Gesellschaft von bedeutenden Geldleuten der Großstadt zusammen und

kaufte als deren Funktionär oder Generaldirektor, wie er sich lieber

nannte, alles Waltersburger Gelände auf, das jenseits des Weihnachtsberges

gelegen war. Die Waltersburger schlugen die Hände über den Köpfen

zusammen. Hundert Taler über den ortsüblichen Preis hinaus gab Bunkert für

jeden Morgen Feld-, Wald- oder Wiesenland, und die Besitzer beeilten sich,

ihre entlegenen Ländereien unter so glänzenden Bedingungen loszuwerden.

Innerhalb von eineinhalb Jahren besaß kein Waltersburger mehr jenseits des

Berges auch nur einen Halm.

Die ganz Gewissenhaften aber schüttelten die Köpfe und sagten: Dieser

Bunkert lockt seinen Auftraggebern das Geld aus der Tasche; er ist ein

Hochstapler, und man sollte doch sehr überlegen, ob man den unangebrachten

Preis annehmen dürfe, den die neuen Besitzer aus dem Wald- und Wiesenland

nie und nimmer herauswirtschaften könnten. Doch auch diese ganz

Gewissenhaften beruhigten sich und nahmen das Geld.

O du großmächtige Verwundernis! In dem prachtvollen Hochwald, den August

Bunkert erworben, an den grünen Wiesen, am Flußufer, den Weihnachtsberg

hinauf, entstand ein schmuckes Landhaus nach dem anderen,

Einfamilienhäuser, Sommerwohnungen, Baderäume, ein Kurhaus, eine

„Wandelhalle“ bauten sich auf, ein Basar für Lebensmittel, ein anderer für

„Bekleidungs- und Gebrauchsgegenstände“ wurde errichtet, Hunderte und aber

Hunderte von Arbeitern waren das ganze Jahr beschäftigt. Und alle Häuser

baute der Baumeister August Bunkert und wurde ein schwerreicher Mann.

Noch staunten die Waltersburger, noch lachten einige spöttisch und

verächtlich, aber manch einer schwieg schon nachdenklich und dachte bei

sich: Was tut sich? Da erschien in den großen hauptstädtischen Blättern

ein Inserat: „Waltersburg-Neustadt, entzückend am Südabhange des 450 Meter

hohen Weihnachtsberges gelegen, mitten in prachtvollem Hochwald, in grünes

Wiesen- und Flußland gebettet, ein Paradies der Gesundheit und des

Naturgenusses, bei vorläufig nur fünf Mark pro Quadratmeter Bauland

(Anzahlung von 3000 Mark an) für alle, die sich ein Eigenheim gründen

wollen, eine nie wiederkehrende Gelegenheit. Nur fünfviertel Stunden von

der Hauptstadt entfernt. Großer Eisenbahnknotenpunkt. Haltestelle aller

Schnellzüge. Täglich zwölfmal Verbindung mit der Hauptstadt. Anfragen an

Generaldirektor Baumeister August Bunkert in Neustadt erbeten.“

Die Proklamation des Deutschen Reiches kann seinerzeit in Berlin keinen so

großen Eindruck gemacht haben wie dieses Inserat in Waltersburg. Die Leute

lachten, wimmerten, fuchtelten mit den Armen und waren voll neidischer

Beklommenheit. Am Abend saß ein ganzer Stammtisch im „Goldenen Löwen“ mit

der Kreide vor der Schiefertafel und wollte ausrechnen, wieviel ein Morgen

Land koste, wenn das Quadratmeter auf fünf Mark komme. Niemand kriegte es

heraus, und alle schimpften auf die neumodische Rechnungsart. Selbst den

Amtsrichter Knopf verließ seine akademische Bildung; er knurrte, er habe

ja nicht Mathematik studiert, und solche Aufgaben könne überhaupt immer

nur ein Volksschullehrer herauskriegen. Also schickte man nach dem Lehrer

Herder, und der erklärte:

„Ein Morgen altes Maß ist ungefähr ein Viertel Hektar. Ein Hektar hat

10 000 Quadratmeter; ein Viertel Hektar ist also 2500 Quadratmeter groß.

Kostet ein Quadratmeter fünf Mark, so kostet ein Morgen 2500 mal soviel,

also 12 500 Mark.“

Als der Lehrer Herder dieses Resultat nannte, schlugen die zehn Männer,

die noch mit am Tische saßen, heftig mit den Fäusten auf den Tisch, und

zwar alle wie auf Kommando mit einem Hieb. Man schrie den Lehrer an, er

müsse sich täuschen. Der aber saß mit der Würde eines Mannes, der von der

Unverletzlichkeit und Beweiskraft der Zahl überzeugt ist. Sein ganzes

Wesen sagte: meine Rechnung stimmt.

Da wurde zunächst eine große Stille. Dann sagte einer: „Wenn das wahr ist,

sind die Kerle große Gauner; 1000 Mark haben sie für den Morgen gegeben,

12 000 Mark verlangen sie.“

Schweigen. Nach fünf Minuten griff Amtsrichter Knopf die letztgenannten

Ziffern auf und sagte:

„Sie arbeiten mit elf Prozent.“

„Elf Prozent gibt ja das Gesetz nicht zu“, bemerkte der

Erbscholtiseibesitzer Hirsemann mit einem Blick auf den Amtsrichter.

Der schüttelte den Kopf, was in diesem Falle „ja“ und „nein“ heißen

konnte. Da ergriff der Lehrer Herder wieder das Wort und sagte:

„Entschuldigen die Herren, wenn man mit 1000 Mark kauft und mit 12 000

Mark verkauft, so sind das nicht elf Prozent, sondern elfhundert Prozent

Gewinn.“

Sie starrten ihn alle an wie leblos. Nur Bäckermeister Schiebulke, der

gerade trank, verschluckte sich. Der Amtsrichter geriet ins Grübeln. Seine

Seele wanderte zurück bis etwa in die Tertianerzeit, und dann sagte er:

„Ja, natürlich, es sind nicht elf, sondern 1100 Prozent.“

Da hoben sich die Fäuste, um auf den Tisch zu donnern, aber diese

Überraschung war zu groß und schwer; die Hände sanken still herab ...

Was die allergrößte Hauptsache war: Neustadt, das den Namen Waltersburg

zum großen Ingrimm der Mutterstadt nach und nach ganz abgestreift hatte,

war auf dem besten Wege, ein aufblühender Badeort zu werden. Zwei

„Quellen“ waren entdeckt worden, von denen die eine „Kaisersprudel“, die

andere „Felsensprudel“ hieß, und die beide nach dem Gutachten eines

sachverständigen Professors aus der Hauptstadt „hervorragend radioaktiv“

waren. Die Neustädter feierten Siegesfeste, während die Waltersburger vier

Wochen lang brauchten, ehe sie das Wort „radioaktiv“ richtig aussprechen

konnten, und natürlich auch dann noch nicht wußten, was das sei.

Humbug sei es, meinte der Amtsgerichtsrat, und wenn man dieser Auslegung

auch viel Beifall zollte, so verschafften sich doch einige Waltersburger

heimlich je drei Flaschen von den neuen Sprudeln, und abends wurde im

„Löwen“ statt der sonst so beliebten Weinprobe eine Wasserprobe

abgehalten. Der Pfropfen der ersten Flasche flog mit einem Knall gegen die

Decke.

„Wie – wie bei Champagner“, stammelte Herr Hirsemann.

„Blödsinn“, knurrte der Amtsgerichtsrat; „das is Kohlensäure; die is dem

Wasser eingepumpt; alles künstlich, nichts natürlich; ich kenn doch die

Wasserpfützen drüben – Betrug is es, glatter Betrug!“ So wartete man, bis

sich die Kohlensäure verflüchtet hatte, dann trank der Bäcker und sagte:

„’s schmeckt ’n bissel salzig.“

„Weil Sie heut abend wieder Salzhering gegessen haben“, grollte der

Richter.

„Salzig kann man nicht sagen“, meinte der Getreidekaufmann Schneider,

„sondern so mehr säuerlich!“

„Ja, weil Sie von gestern noch ’ne saure Schnauze haben“, zürnte Herr

Knopf.

Unter solchen Umständen hätte der Löwenwirt, der auch mit probierte, mit

seiner Äußerung, das Wasser scheine ihm aber stark nach Schwefel zu

schmecken, zurückhalten sollen; denn der schlecht gelaunte Richter fuhr

ihn an: „Mensch, wenn Sie tagaus, tagein nischt anderes rauchen als Ihre

eigenen Zigarren, muß Ihnen natürlich alles nach Schwefel schmecken.“

Darauf einigte man sich endlich: dieses Wasser schmecke wie jedes andere

gewöhnliche Brunnenwasser und sei keinen Pfifferling wert.

Ganz kurze Zeit darauf gab es in Waltersburg eine neue Aufregung. Die

Neustädter hatten sich für ihr Bad einen Propagandachef engagiert.

„Propagandachef!“ – Dieses Wort war in Waltersburg seit Erschaffung der

Welt noch nicht einmal ausgesprochen worden. Die Neustädter aber wußten

nicht bloß, daß es so etwas gäbe, sie engagierten es sogar. Und der

Propagandachef war ein Jude. Als das bekannt wurde, sagte der Bäcker

abends im „Löwen“:

„Die Kerle in Neustadt verlieren den letzten Rest von Schamgefühl.“

Aber da widersprach der Amtsgerichtsrat, hauptsächlich deswegen, weil er

immer widersprach:

„Jude hin, Jude her! Es is ’n alter Witz, daß in den ganzen Antisemitismus

nich eher ’n richtiger Schwung kommen wird, ehe ihn nicht die Juden selbst

machen. Wenn die Neustädter ihre faule Sache deichseln wollen, mußten sie

’n Juden nehmen, ’n Christ ist viel zu dämlich dazu.“

Der Bäcker stand auf und ging. Wenn freigeistige Reden gehalten wurden,

verließ er das Lokal.

Nach etwa sechs Wochen erschien der erste Prospekt von dem Bade Neustadt.

Es war ein entzückend ausgestattetes Heftchen von Kunstdruckpapier, mit

reizenden bunten und Lichtdruckbildern ausgestattet, und das Werkchen

pries Neustadt in so berückender Form, daß eigentlich jeder Mensch zu

bemitleiden war, der nicht augenblicklich seine Koffer packte und nach

Neustadt abreiste ...

*

Die feindlichen Städte! Vielleicht, daß mir der lustige Hader die Zeit

verkürzt. Von Zeit zu Zeit will ich etwas von ihm im Tagebuch

vermerken ... Joachim hat an die Mutter ein Telegramm gerichtet. „Ich kann

nicht mehr schweigen; ich grüße dich und Fritz. Aber schreibt mir keine

Briefe, telegraphiert nur, ob ihr gesund seid.“

Mit diesem Telegramm saß die Mutter am Tisch, als ich heute abend nach

Hause kam. Sie sprach nicht, sondern übergab mir nur wortlos die Depesche;

aber sie sah mich stolz und verklärt an, als wollte sie sagen: „Sieh,

solch einen guten Sohn habe ich!“ „Ich freue mich über Joachim“, sagte ich

und ließ sie allein. Von meinem Zimmer sah ich nach dem Johannisbrunnen

hinunter, dessen Wasser einförmig rann.

Die Seele des fernen Bruders war immer noch krank. Er vertrug keine

Nachricht aus der Heimat. Heimat war ihm in Hölle gewandeltes Paradies. Es

gab einmal ein Weib, das er mehr liebte als alles, die Mutter mit

einbegriffen; es war einmal ein Freund, der ihm näher stand als der

Bruder, und es war eine schöne Stadt, die ihm lieber war als der

Geburtsort; das war Heidelberg.

In Heidelberg hat ihn die Frau mit dem Freunde betrogen.

Darüber kommt nun der Mann, der zwischen Rio und Montevideo hin und her

fährt, nicht mehr hinweg.

Ferien vom Ich · 第 7 / 45 题