Sie fragte mich nur das eine: „Ist er gesund?“

Ich sagte ihr, was ich wußte, auch daß er ein braver Mensch geblieben sei,

woran wir beide niemals gezweifelt hatten. Dann, daß er in einer

geachteten Stellung und wohl ein reicher Mann sei oder es doch werde.

Darauf hörte sie kaum, sondern schlug die Händchen zusammen und jammerte:

„Warum? Warum?“

Das war die schwere Frage, über deren richtige Beantwortung ich mir auf

der Heimreise den Kopf zerbrochen hatte. Ganze Abhandlungen hatte ich in

meinem Hirn ausgearbeitet, schlagende psychologische Begründungen für eine

Mutter, die fragt: Warum gibt mein Sohn keine Nachricht? Warum kommt er

nicht zurück? Warum läßt er mich in dieser furchtbaren Einsamkeit und

Qual?

Da sagte ich ihr nur die wichtigsten Sätze, die Joachim gesprochen:

„Ich hab wohl hundertmal geschrieben und tausendmal schreiben wollen. Aber

ich hab keinen Brief abgeschickt. Ich hatte eine schreckliche Angst, dann

schreibt ihr wieder, und dann halte ich’s nicht aus in der Fremde, dann

muß ich zurück in diese verfluchte Heimat.“

Sie war ein wenig betäubt über diese Worte; aber dann glomm eine Hoffnung

auf in ihren Augen, und sie sagte:

„Aber jetzt wird er schreiben?“

„Ja, jetzt wird er schreiben; das ist das einzige, was ich nach meinem

langen Suchen erreicht habe.“

„Ich danke dir, lieber Fritz“, sagte sie und drückte mir schüchtern die

Hand.

*

Nun bin ich beinahe eine Woche zu Hause und fange an, mich glücklich zu

fühlen und zu freuen. Ich glaube, zu den Freuden, die schwer zu tragen

sind, gehört die Heimkehr aus fremden Landen. Und nicht bloß mir in meinem

besonderen Falle wird es so gehen, nein, allen, die lange draußen waren

und wieder nach Hause kommen. Es ist viel Scheu, viel Bangigkeit in der

Seele, die Quellen der Lust und des Schmerzes fließen zusammen wie in

einen tiefen Bronnen, aus dem erst langsam, wenn sich der zitternde

Spiegel beruhigt hat, das Himmelsgesicht des Glücks auftauchen kann. Es

gibt wohl keinen Heimkehrenden, der laut lachte, tanzte oder spränge. Ich

habe in fremden Ländern viele robuste Burschen gesehen, die in ihre Heimat

zurückkamen, und es war ganz gleich, welcher Farbe oder Rasse sie waren –

sie waren schüchtern und verlegen, gingen alle ein wenig mit

zusammengezogenen Schultern, sprachen seltsam leise und traten nicht fest

auf, als ob sie der Heimaterde nicht weh tun wollten. Sie mußten sich alle

in der Heimat erst wieder heimfinden. Es ist auch ganz natürlich: der

Star, der aus dem Süden an den heimischen Kasten kommt, pfeift auch nicht

am ersten Tage. Er schüttelt in der entwöhnten Luft erst sein Gefieder

zurecht.

*

Die Mutter steht immer am Fenster und schaut nach dem Briefträger aus.

Aber der Brief, auf den sie wartet, kommt nicht. Er könnte längst da sein.

Ich telegraphierte schon zweimal heimlich nach Rio. Es kam aber keine

Antwort.

Und die Mutter steht und wartet. Ich versuchte es mit der alten Ausrede,

ein Brief könne verlorengehen, zumal auf so langem Wege. Aber die Mutter

schüttelte den Kopf und sagte:

„Einen solchen Brief würde Gott behüten.“

Ferien vom Ich · 第 6 / 45 题