Dieser 5. April war ein sehr merkwürdiger Tag. Ich war drüben in Neustadt
und besah mir den neuen Badeort; denn ich war mir immer noch nicht ganz im
klaren, ob ich Badearzt in Neustadt werden oder lieber die Praxis des
alten Sanitätsrats in Waltersburg übernehmen solle. Der Alte will sich zur
Ruhe setzen. Um die Wahrheit zu sagen, er sitzt eigentlich schon sein
ganzes Leben lang zur Ruhe. Den Waltersburgern fällt es niemals ein, krank
zu werden. Der alte Pfarrer hier, der etwas derber Art ist, sagt: „Wenn
einer nicht gerade unverschuldet verunglückt, ist es eine Schweinerei,
krank zu werden. Denn wenn einer vernünftig lebt, wird er eben nicht
krank, ebenso wie keiner ins Zuchthaus kommt, der nicht was ausfrißt.“ So
erschien dem Pfarrer der Sanitätsrat immer höchst überflüssig, wie
andererseits dem Sanitätsrat, der ein Freigeist ist, der Pfarrer
überflüssig erscheint. Persönlich aber vertragen sie sich recht gut,
spielen auch manchmal Karten miteinander, was ihrer lebenslangen
gegenseitigen Abneigung keinen Eintrag tut. Der Dritte im Bunde ist der
Amtsrichter, den Pfarrer und Sanitätsrat beide für überflüssig halten;
denn außer dem Schneider Hampel wird in Waltersburg niemals jemand
eingesperrt, und bei Hampel kommen in mageren Jahren auch höchstens drei
Wochen heraus. Der Amtsrichter und der Schneider Hampel stehen auf dem
„Grüßfuß“, und der Sanitätsrat behauptet, daß der Richter seinem einzigen
„Kunden“ immer zu Neujahr gratuliere. Es ist also für einen, der keine
Sinekure sucht, nicht verlockend, Arzt oder Richter in Waltersburg zu
werden. Im Herzen wäre es mir aber immer noch lieber, mich in Waltersburg
niederzulassen, als nach Neustadt zu gehen, dessen Wunderquellen ich nicht
traue, und mich also dort gewissermaßen mitschuldig zu machen, den Leuten
das Geld aus der Tasche zu ziehen.
Heute war ich drüben in Neustadt. Während der fünf Jahre meiner
Abwesenheit ist der Ort um das Doppelte gewachsen. Er ist mit
amerikanischer Rapidität emporgeschossen. Ich sah die Marmortempel über
den „Sprudeln“, die „Promenade“ mit ihren unendlich gepflegten, unendlich
bunten und unendlich langweiligen Blumenanlagen, die Kapelle, die das
„Polnische Lied“, den „Einzug der Gäste in die Wartburg“, das
„Frühlingslied“ von Mendelssohn, den neuesten Wiener Walzer und ein
unendlich albernes Potpourri spielte, das von allen Darbietungen dem
Publikum am besten zu gefallen schien, sah auch, wie der erste Geiger und
der Flötist an der Rampe des „Musikpavillons“ wie überall mit den
vorbeiflanierenden Mägdelein liebäugelten; ich sah auf den Estraden leerer
Restaurants Kellner lauern, die wie Bräutigame gekleidet waren oder wie
Leichenbitter, fünfunddreißig Gerichte auf ihrer Speisekarte, von denen
sicherlich nicht eines halb so gut schmeckte wie das, was Mutters alte
Köchin bereitet; ich sah eine „Wandelhalle“ mit Schauläden, in denen die
schönen und ach so „preiswerten“ Broschen prangen, die man den
Dienstmädchen als „Mitbringe“ schenkt und deren Goldglanz mindestens
anhält, bis das Mädchen am nächsten Quartal abzieht, sah schreiend bunte
Gläser mit der Aufschrift „Zum Andenken“ oder „_Souvenir de Neustadt_“,
Holzarbeiten, vom geschnitzten Hirsch bis zu dem Kinderspielzeug, wo zwei
Bären auf einem Amboß pinken oder ein Affe am Reck turnt, und noch viele
Kunstgegenstände, bis ich zum Theater gelangte, wo ein Zettel verkündete,
daß ein vielversprechender Dichter (alle vielversprechenden Dichter
debütieren in Badetheatern) sein Erstlingswerk „Geheimnisse von Neustadt“
zur Aufführung bringe und Herr Georgio Calzolaio (zu deutsch: Georg
Schuster), der vielbeliebte erste Liebhaber der Bühne, die Hauptrolle
kreieren werde, auch an diesem Abend sein Benefiz habe. Darauf ging ich in
ein Café und trank zwei Kognaks. Ein Zeitungsjunge erschien und schrie mir
das neueste Berliner Mittagsblatt ins Ohr; ein Herr am Nebentisch, der
schon immerfort nervös hin und her zappelte, knurrte den Kellner an, wie
lange er zum Donnerwetter noch auf die telephonische Verbindung mit
Breslau warten solle; ein Herr an einem anderen Tisch erzählte mit
unerträglicher Weitschweifigkeit seinem Nachbar alle Erscheinungen seiner
Krankheit, wofür sich dieser so interessierte, daß er während der Zeit des
Zuhörens das ganze Mittagsblatt durchschmökerte; drüben an der Wand
stritten zwei rote Köpfe laut über Nietzsche; eine vorübergehende Mutter
machte ihrer bleichsüchtigen Tochter Vorwürfe, daß sie ihren Brunnen statt
um fünf erst um fünfeinhalb Uhr getrunken habe, was natürlich furchtbar
schaden könne; Gents und noch viel mehr Pseudogents tänzelten vorüber, und
in der Kapelle drüben blies der Waldhornist zum Herz- und Steinerweichen:
„Das Meer erglänzte weit hinaus im lichten Abendscheine“.
„Auch Sie, Fräulein Trude“, hörte ich einen vorbeiwandelnden Primaner zu
seiner sechzehnjährigen Begleiterin sagen, „haben mein Herz vergiftet,
zwar nicht durch Ihre Tränen, wohl aber durch Ihr Lachen.“
„Aber Herr Lempert“, sagte sie, und sie waren vorbei ... Ich bekam Heimweh
nach Waltersburg und ging. Draußen auf den Promenadengängen das gewohnte
Publikum; die galizische Jüdin mit etwas schmierigen Spitzen am
Halsausschnitt und den großen Brillanten in den Ohren; der Herr in dem
hocheleganten weißen Flanellanzug, der 23 Mark gekostet hat; der
„Künstler“, dessen Kraft wie bei Samson in der Fülle der Locken sitzt und
der sich vor dem Spiegel die wirkungsvollen Gerhart Hauptmannschen
Mundwinkel eingeübt hat; das knurrende Eheoberhaupt, das wo anders
hinstrebt, weil man auf dem Kurplatz nicht rauchen darf (warum, weiß weder
er noch sonst jemand; denn der Platz ist weit, und der Himmel ist hoch);
die flirtende Strohwitwe; der melancholisch und langsam schreitende
Einsame, der keinen Anschluß findet; das laute Mädchen, das immer zehn
Verehrer um sich hat und nie einen Mann kriegt; die Geschäftsfreunde, die
auch hier über ihre Alltagssorgen nicht hinauskommen; fachsimpelnde
Oberlehrer und lebenslustige Backfische, dazwischen die „Patienten“, die
gewissenhaft aus geschliffenen Gläsern das Neustädter Wunderwasser
schlürfen, als könnte es in vier Wochen gutmachen, was in vielen, vielen
Jahren krank ward.
Ich war im klaren: Ich wollte nicht Badearzt werden. So wollte ich nach
Hause und wählte als Heimweg den Pfad über den Weihnachtsberg, der als
Grenzscheide zwischen Waltersburg und Neustadt liegt.