Der alte Johannisbrunnen rauscht wieder vor meinem Fenster. Hoch ragt das
Bild des Täufers; aus der ehernen Schale, die seine erhobene Hand hält,
plätschert das Wasser hinab ins steinerne Becken. In alter Zeit soll ein
heidnisches Heer an diesem Brunnen vorübergezogen sein; die Recken haben
den rauhen Nacken gebeugt und sind hier getauft worden. Am nächsten Tage
fielen alle in der Schlacht. Ihre Leichname blieben liegen unter den
dunklen Bäumen der Waldschlucht, da die Krieger heimtückisch erschlagen
wurden; aber am Abend, als die Sonne rot am Himmel brannte, kamen weiße
Schemen zum Stadttore herein, die hatten Kränze um die Stirnen und
lächelten wie Kinder. Als sie am Brunnen vorbeizogen, ließ der heilige
Baptista die eherne Taufschale fallen und faltete die Hände; denn diese
reinen Seelen brauchten kein Wasser der Gnade mehr. Die Gekränzten zogen
langsam zum Stadttore hinaus, den Weihnachtsberg hinauf, und als sie auf
der goldglänzenden Höhe standen, winkten sie noch einmal herab ins Tal und
zogen dann fort, weit über die rote Sonne hinaus, und der Heilige am
Brunnenplatz schaute ihnen nach. Erst als es Nacht war, bückte er sich
nach der verlorenen Taufschale, und nun hält er sie wieder in erhobener
Hand seit vielen Jahrhunderten.
Das ist eine der vielen Sagen und Legenden von Waltersburg. Die
Waltersburger haben ganz eigene Geschichten. Sie borgen nicht von fremden
Gauen und Städten; ihr romantisches Tal war immer so reich, daß sie
Fremdes nicht nötig hatten.
Der Johannisbrunnen! In seinem Becken ließ ich als Kind meine Schifflein
schwimmen. Sie schwammen nach Amerika, nach Jerusalem oder gar bis ins
Riesengebirge. Mein Bruder Joachim, der mit auf dem Brunnenrande saß,
lächelte oft verächtlich über diese Reiserouten. Er war drei Jahre älter
als ich und schon Gymnasiast. Da verachtete er meine
Abcschützen-Geographie. Mit Schifflein spielte er nicht mehr; er liebte
nur wissenschaftliche Unterhaltung. So warf er Fische aus Blech, die ein
eisernes Maul hatten, ins Wasser und angelte mit einem Magneten nach
ihnen. Er hatte ein Senkblei, und wenn seine Fische nicht bissen, sagte
er: es läge am Wetter oder ich stände mit meinem infam weißen
Spitzenkragen zu nahe am Wasser und verscheuchte die Fische.
Unterdes fuhren meine Schiffe nach Jerusalem oder ins Riesengebirge, und
oben auf dem grünen Balkon am Brunnenplatz saß unsere Mutter bei ihrer
Handarbeit und schaute manchmal zu uns herunter.
Wie kommt es doch, daß Menschen von einem solchen Brunnenrand fortziehen
können, daß er ihnen nicht lieber und größer ist als alle Küsten des
Ozeans?
Mein Bruder und ich sind fortgezogen, und die gute Frau auf dem grünen
Balkon ist allein geblieben. Als Studenten kamen wir noch regelmäßig zu
den Ferien. Joachim aber war kaum mit seinen Studien fertig, als er seine
Ehe schloß mit jenem unselig schönen Mädchen, dem die Schönheit zum Fluche
gegeben war. Nach einem Jahre wurde das Kind geboren, und nach nur wieder
einem halben Jahre war ich dabei, als die Frau vor Gericht die Aussage
machte, sie habe sich selbst mit einem Revolver in die Brust geschossen,
weil ihr Mann sie nach einem furchtbaren Streit verlassen habe.
Nur meine Mutter und ich wußten, daß sie log. Der Flüchtige aber kam nicht
heim, auch dann nicht, als es uns endlich gelang, ihm mitzuteilen, daß er
außer gerichtlicher Verfolgung sei.
Er floh nicht vor dem Gefängnis; er floh vor dem Grauen, das ihm sein
junges Weib bereitet hatte und das auch die Rettung, die ihm ihre Aussage
brachte, nicht tilgen konnte.
Der Bruder verscholl in weiter Fremde, und die Mutter lehnte am
Balkonfenster und hörte auf das Plätschern des Johannisbrunnens. Sie
träumte von fernen Ufern, an denen ihr Herzenssohn weilen würde, von
Gestaden, zu denen es keine andere Verbindung gab als die sehnsüchtig hin
und her gehenden Gedanken.
Als nun auch ich mein medizinisches Staatsexamen beendet hatte, sagte ich
zur Mutter, ich wolle bei ihr in der Heimat bleiben und ihr Trost sein.
Sie sah mich still an und schwieg, und es zuckte ein wenig um ihren Mund.
Da bat ich sie, zu reden und mir ihren tiefsten Wunsch zu sagen, und sie
sprach mit Worten, die sie sich aus dem Herzen riß:
„Geh fort ... in die Welt ... suche Joachim ... bringe ihn wieder!“
So bin ich fortgezogen, um meinen Bruder zu suchen. Und weil ich nicht
Geld genug hatte, jahrelang um die Erde zu reisen, wurde ich Schiffsarzt,
jetzt bei dieser, dann bei jener Gesellschaft, und kam fast in alle großen
Häfen der Welt.
Ich fand ihn erst im fünften Jahre meiner Wanderfahrt und wäre bei
flüchtiger Begegnung wohl an dem veränderten harten Mann mit dem fremden
Namen vorbeigegangen; aber ich traf ihn an Bord zwischen Rio und
Montevideo, da das Schiff tagelang nicht anhält, und wurde meiner Sache
gewiß, als der Fremdling sich plötzlich scheu verbarg und weder an Bord
noch bei den Mahlzeiten mehr sichtbar wurde. Da suchte ich ihn in seiner
Kajüte auf. Er öffnete auf mein Klopfen und bebte zusammen, als er mich
sah. Ich drängte ihn ohne weiteres in die Kajüte und schloß die Tür.
„Ich will nur ein wenig mit dir reden, Joachim“, sagte ich und wunderte
mich über meine ruhige Stimme; „du wirst es mir nicht abschlagen können,
da ich an die fünf Jahre hinter dir her bin. Und daß ich auf dein Leben
und deine Entschlüsse keinen Einfluß habe, weiß ich von vornherein. Also
versteck dich nicht!“
„Was willst du?“ fragte er mühsam heraus.
„Ich will nicht viel. Ich will dich nur bitten, du möchtest von Zeit zu
Zeit, so alle Jahre einmal um Weihnachten, an die Mutter schreiben.“
Da fiel er auf sein Bett und weinte rasend. Ich trat an das kleine runde
Kajütenfenster, an das die Wellen klatschten, und schaute hinaus auf die
rollende See.
*
Vorgestern bin ich nun heimgekommen nach Waltersburg zu meinem und seinem
silbernen Mütterchen. Ich muß schon „silbernes Mütterchen“ sagen; denn
nicht nur die Haare sind silbern, auch das Gesichtchen, auch die schmalen
Hände. Alles ist kostbar, edel und weiß an ihr.