Aber trotzdem sie nun viele Abende, ich erinnere mich nicht mehr, wie

viele es waren, zu mir auf den Kirchhof kam, wurde ich immer trauriger.

Ich mußte immer darüber nachdenken, ob sie wohl zärtlicher gegen mich

sei, als sie gegen Flämmchen gewesen war, und ob sie mich wohl so innig

liebkosen würde, wenn Flämmchen noch lebte, und ob sie wohl gerade das

an mich gezogen hätte, daß ich verfemt war, und meinen Leib, so jung und

schön er war, anzurühren Schande und Tod brachte. Sie übrigens meinte es

treu mit den überschwenglichsten Liebesworten, wie sie denn ganz unfähig

gewesen wäre, Liebe zu heucheln. Alles, was folgte, war einzig meine

Schuld, denn ich wußte schon damals, was sie nicht wußte, nämlich, daß

sie mich nicht liebte, mich nicht liebte, trotzdem sie es mir allabendlich

heilig beteuerte. Ein einziges Mal hatte ich den Mut, es ihr zu sagen,

worauf sie mich wohl eine Minute lang nachdenklich und erschrocken

ansah; dann stürzten ihr plötzlich Tränen aus den Augen, und sie umarmte

mich, als ob sie mich nicht mehr von sich lassen wollte. Während ich

bebend die kühle Tränenflut über mein Gesicht rinnen fühlte, sagte sie

unter Schluchzen, wie sie mich liebte, ewig, ewig nur mich, wie wenn ich

ein goldener Stern des Himmels wäre, der nachts zu ihr herunterstiege,

um sich von ihr küssen zu lassen. Auf meine Frage, weshalb sie weine,

wußte sie nichts zu erwidern. Aber das war das merkwürdigste, daß ich

seitdem, obwohl ich nie mehr darauf zurückkam, noch weniger an ihre

Liebe glaubte als vorher. Und daß ich recht hatte, zeigte sich nun bald,

nachdem der Totengräber mich verraten hatte.

Der Totengräber war ein kurzes, dickes Männchen mit dickem Kopfe, nicht

böse, nicht gewinnsüchtig, nicht streitsüchtig noch schadenfroh, obwohl

er lauter Handlungen beging, aus denen man das und Ärgeres hätte

schließen müssen. Nur war er hilflos und unberaten, tappte blindlings

und tolpatschig ins Leben hinein, bis er plötzlich an ein beliebiges

Steinchen im Wege anstieß, zur Besinnung kam und nun plötzlich von

unaufhaltsamer Angst überfallen wurde, daß er eine große Unvorsichtigkeit

begangen habe, in diese oder jene Falle geraten werde und überhaupt

verloren sei. In solchen Augenblicken schonte er niemand, denn er

glaubte alle samt und sonders wider sich verschworen und konnte andre

ins Verderben stürzen, während er sich für ein armes Opfer hielt,

das eben schlau genug sei, sich aus der Schlinge zu ziehen. Er hatte

ein paar runde, braunglänzende Augen, denen er den Ausdruck alles

durchdringender Pfiffigkeit zu geben suchte, obgleich er eigentlich gar

nichts mit ihnen sah oder beobachtete. Aber er wollte um jeden Preis die

Dummheit, die er deutlich in sich spürte, vor der Welt verbergen, damit

er nicht übervorteilt und ausgelacht würde.

Er hatte mir damals bereitwillig die Erlaubnis gegeben, den Papagei

auf dem ihm unterstellen Kirchhof zu begraben, mir sogar geholfen,

das kleine Grab zu graben und den Hügel aufzuwerfen. Er hatte sich,

außerordentlich dabei belustigt, und wenn Wunneke kam, pflegte er mir

heimliche Zeichen zu machen, in sich hineinzukichern und sich die Hände

zu reiben; ohne daß ich ihn darum gebeten hätte, ließ er um unsertwillen

die Friedhoftür länger geöffnet als gewöhnlich und schloß sie hinter

uns, kurz, er war uns in jeder Hinsicht bei der Ausführung unsrer

Zusammenkünfte behilflich. Plötzlich nun klärte ihn seine Frau, die

hinter die Sache gekommen war, darüber auf, was das eigentlich auf sich

habe und was für unübersehbare und verderbliche Folgen daraus entstehen

könnten. Denn daß ich des Scharfrichters Sohn war, wußte sie so gut, wie

sie sah, daß Wunneke ein vornehmes Fräulein war; das allerärgste schien

ihr aber merkwürdigerweise das zu sein, daß wir den Vogel in geweihter

Erde begraben hatten.

Die warnenden Reden seiner Frau erschreckten den Totengräber so, daß er

schnurstracks, um Leib und Leben zu retten, hinlief und seine Anzeige

vor Gericht machte. Er erzählte aufs glaubwürdigste, wie ich ihn mit

nacktem Schwert bedroht hätte, weil er den Greuel nicht hätte dulden

wollen, wie aber sein Gewissen ihm keine Ruhe gelassen hätte, besonders

seit das feine Fräulein in meiner Gesellschaft gewesen wäre, das leider

wohl auch ein Opfer meines Frevelmutes sein möchte. Als ich, ohne

hiervon einen Verdacht zu haben, plötzlich vor einen heimlichen Rat

gestellt wurde, war ich nicht wenig bestürzt, konnte mich aber doch so

weit fassen, daß ich beschloß, nichts auszusagen, was Wunneke gefährlich

werden könnte. So kam es, daß ich auf die Frage, was mich bewogen hätte,

einen ganz gemeinen ausländischen Vogel an heiliger Stätte zu begraben,

antwortete -- denn es wollte mir in der Bedrängnis und Eile nichts

Besseres einfallen -- das hätte ich getan, weil ich es ihm auf dem

Schafott in seiner Sterbestunde als seinen letzten Wunsch tröstlicherweise

versprochen hätte. Dies Geständnis rief ein gewaltiges Erstaunen hervor,

und es wurden Beratschlagungen veranstaltet, wie meine Worte aufzufassen

wären. Viele erinnerten sich, daß ich in der Tat mit gezücktem Schwerte

einige Augenblicke gezögert und, dem Papagei ins Auge blickend, mit dem

Zuschlagen gewartet habe, gerade als ob ich Zwiesprache mit ihm pflöge,

so daß meiner Aussage wohl Glauben zu schenken sei; wie denn überhaupt

nicht wenige wegen meines überaus hübschen und freundlichen Aussehens

mir wohlwollten. Daß der Papagei der Sprache mächtig gewesen sei und

auch vernünftig habe reden können, sei ohnehin bewiesen, meinten diese,

denn sonst hätte er ja den kaiserlichen Vogt nicht verlachen und

beschimpfen können. Ob das vernünftig reden heiße, ihn und Seine

Majestät zum besten haben, grollte Herr Quarre; worauf sich jene wieder

verantworteten, daß man vernünftig, das heißt vernünftigen Inhalts,

und vernunftgemäß, das heißt den Gesetzen des Denkens entsprechend,

unterscheiden müsse. Indessen blieb man doch, selbst wenn es festgestellt

sei, daß der Papagei hätte vernünftig denken und reden können, im

Zweifel darüber, ob seine Gedanken sich auch auf das Jenseits und ein

ewiges Leben erstrecken können, welche Frage wiederum die Geistlichkeit

sollte zu entscheiden haben.

Noch sehe ich in meiner Erinnerung den Propst eintreten mit seiner

hohen, etwas gebeugten und zierlich gebauten Gestalt in den prächtigen

Ratssaal, und wie er mit seinen Feueraugen umhersah und alles ruhig und

geschwinde musterte. Halbversunken waren diese alten Augen, und die

Blicke kamen aus der Tiefe hervor wie Drachenzungen aus einer dunkeln

Höhle, nur daß sie keinerlei Gift oder Bosheit an sich hatten, aber

scharf, schnell und sicher trafen sie ins Herz. Als ich sie auf mir

ruhen fühlte, nachdem man ihm meine Aussage samt allen daran geknüpften

Bedenklichkeiten vorgetragen hatte, wurde es mir ganz wohl und

glückselig zumute, und es schien mir auf einmal alles nichts weiter

als ein schönes Fastnachtsspiel zu sein, dem ich zuschauen dürfte.

Warum, begann sogleich der Propst, ohne auf dem ihm dargebotenen Sessel

Platz zu nehmen, die Hände auf den langen Ratstisch gestützt, warum

sollte es eine Sünde sein, den hübschen Papageien auf den Gottesacker zu

begraben, da er doch kein Türke, Heide oder Jude, sowie kein Henker,

Selbstmörder, Hexenmeister oder Seiltänzer gewesen sei?

Der Vorsitzende erwiderte, Flämmchen sei allerdings nur ein Vogel

gewesen, aber ein von Rechts wegen geköpfter; worauf der Propst

erklärte, man müsse die Strafe anders ansehen als eine über Menschen

verhängte, denn einem Menschen würde ein so kleines Vergehen nicht mehr

als einen Verweis oder eine Ohrfeige eingetragen haben, was aber hätte

man mit einem Vogel anfangen sollen? Geld besäße er keines, und gefangen

wäre er so wie so, jede Körperstrafe würde aber in Ansehung seines

gebrechlichen Leibchens ohnehin in Todesstrafe ausgeartet sein. Also sei

er eigentlich nur zufällig und aus Not geköpft und brauchte das weiter

keine Entehrung über den Tod hinaus im Gefolge zu haben.

Aber ob eben ein Vogel schlechthin würdig sei, auf dem christlichen

Friedhof begraben zu werden, das sei die Frage, wandte der Vorsitzende

ein.

Wie? sagte der Propst, ob man denn nicht wisse, daß der Heilige Geist in

Gestalt einer Taube die Menschen heimsuche? Wer könne wissen, ob nicht

in jenen antipodischen Ländern, wo es vielleicht keine Tauben gäbe, der

Geist durch Papageien verbreitet würde? Jedenfalls sei erwiesen, daß ein

Vogel nichts Unreines sei, sonst würde es dem Heiligen Geist nicht

belieben, hineinzufahren, und es sei die Frage, ob nicht mancher Christ

in der geweihten Erde liege, in dem er vor aufgehäuftem Unrat nicht

hätte hausen mögen noch können.

»Flausen!« rief nun der kaiserliche Vogt, kirschbraun im Gesicht und

mit starrendem Schnurrbart, »Tiere sind Tiere und gehören auf den

Schindanger, wenn sie nicht nach Gottes Ordnung als Speise gegessen

und verdaut werden.«

Jetzt aber beugte sich der Propst weit vor, so daß er dem Vogte dicht in

die Augen sah, und sagte, indem er seine feine Hand zur Faust ballte und

fest auf die Bibel legte, die zum Zwecke der Eidesleistung der Zeugen

auf dem Ratstische lag: »Es steht geschrieben im ersten Buche Moses: Und

Gott sprach zu Noah, ich richte einen Bund mit euch auf und mit allem

lebendigen Tier bei euch an Vögeln, an Vieh und an allen Tieren auf

Erden bei euch, daß hinfort keine Sündflut mehr kommen soll, die die

Erde verderbe. Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken, der soll das

Zeichen des Bundes sein zwischen mir und der Erde. -- Gott in seiner

Majestät also hat mit Vögeln und andern Tieren einen Bund geschlossen,

wie man mit Ebenbürtigen zu tun pflegt, und wir, vor Gott nichts als

Tiere, denen er mit seinem Atem ein wenig Licht in die Seele geblasen

hat, besinnen uns, ob wir einem guten Papageien zwischen andern armen

Sündern seine Ruhe lassen wollen!«

Nach einer Pause, während deren kein Wort, nicht einmal ein Räuspern

laut wurde, fügte der Propst, indem er die Stimme etwas fallen ließ,

gelassener hinzu, gleichsam als einen überflüssigen Beweis ohnehin

offenbarer Wahrheit: »Gott hat den Lieblingen seiner Schöpfung, den

Vögeln, das überirdische Luftreich zur Wohnung angepriesen; sollten wir

schmutzige Kriechtiere ihnen eine Handvoll schwarzer Erde mißgönnen?«

Alle waren sehr beschämt und blickten vor sich nieder, ausgenommen der

kaiserliche Vogt, der trotzend die Augen rollte und den Mund spitzte,

als ob er pfeifen wollte, was er denn freilich doch nicht in Ausübung

setzte. Der Propst hob die Sitzung auf, indem er sagte: »Es ist dies

meine erwogene Meinung, daß Lütte Grave wegen eigenmächtiger Beerdigung

des Papageien nicht zu bestrafen sei, vielmehr sogleich der Freiheit

zurückgegeben werden sollte.«

Mit diesem unschädlichen Ausgang wäre aber dem Vogte nicht gedient

gewesen, der liebte, daß auch etwas Ordentliches dabei herauskam, wenn

einmal zu Gericht gesessen wurde, und ebenso schürte der Totengräber,

daß man das angezündete Feuer beileibe nicht ausgehen lasse. Denn

dieser, der von der ganzen Verhandlung nichts verstanden hatte, war bei

sich überzeugt, wenn ich freigesprochen würde, ginge es ihm an den Hals,

einer müsse das Opfer sein, und natürlicherweise wünschte er sehnlich,

daß ich es wäre. Also fingen diese wieder an, von dem Fräulein zu reden

und nachzuforschen, wer diese gewesen sein könne, und da geschah es

denn, daß Wunneke ihrem Vater alles gestand. Nicht weil die Liebe zu

mir sie überängstlich und besinnungslos gemacht hätte, sondern weil

sie hoffte, ihr Vater, der Bürgermeister, könne die ganze Sache

niederschlagen, damit nichts an den Tag käme, und es sei, wie wenn

nichts geschehen wäre. Sie hatte sich aber in ihrem Vater verrechnet;

dieser war zwar gutmütig und unentschlossen im Handeln, so daß er sich

tagelang besann, bevor er einen vorlauten Schwätzer ein Stündchen am

Pranger stehen ließ, wenn aber einmal eine Leidenschaft in ihm aufgeregt

wurde, die seine schwere Maschine in Tätigkeit setzte, war er wie eine

losgeschossene Bombe, Feuer und Verderben im Bauche, die sich nicht

halten läßt, bis sie ihr Ziel erreicht und alles zusammengeäschert hat.

Ohne zu denken, was für Folgen daraus für seine Tochter erwachsen

könnten, bezeichnete er mich als ihren Verführer, ließ mich in den

Kerker werfen und verlangte mit derselben Erbitterung mein Blut fließen

zu sehen wie damals der Vogt das des armen Papageien. Damit hatte er

aber einen Gegner in die Schranken gerufen, der mächtiger als alle war,

nämlich meinen Vater.

Ich sollte ohne Sorge sein, sagte er mir, es würde mir kein Haar

gekrümmt werden, denn die Herren wüßten, sagte er, daß er auf meinem

Grabe so lange Menschen schlachten und Blut vergießen würde, bis ich

selbst mein Haupt aus der Erde hübe und sagte: Ich bin gesättigt.

Dergleichen wilde Prahlereien kamen mir halb komisch, halb grausig vor,

aber ich glaubte in Wahrheit, mein Vater würde schon Mittel und Wege

finden, mich zu erretten, so daß ich in aller Gemächlichkeit dahinlebte,

bis ich eines Abends erfuhr, was mein Vater im Schilde führte und wie

er, um mich zu retten, mich als erstes Opfer mit den Füßen zertrat.

Es war der Abend, als sich die Tür auftat und Wunneke zu mir eintrat,

nicht mehr ein blühender Veilchenstrauß, den Kinder und Frauen im

Triumphe geleiten, sondern wie ein losgerissenes Blatt, vom Nordwinde

hereingeblasen, wie ein Seufzer über die Erde huschend, todmüde und

ruhelos kam sie herein, setzte sich neben mich und weinte. In einem

Augenblick fühlte ich die höchste Seligkeit, da ich sie sah, und

Todesschmerz, als ich inne wurde, was mit ihr vorgegangen war und was

sie wollte. Noch ehe sie ein Wort gesprochen hatte, wußte ich, daß sie

mich nicht mehr liebte und daß sie gekommen war, es mir zu sagen und

mich um Verzeihung zu bitten. Wenn es nur das gewesen wäre! Aber nachdem

ich ihr freundlich gesagt hatte, daß ich ihr nicht zürnte, sah sie mich

immer noch mit beschwörenden Augen an, als sei das von allem das

Geringste gewesen, als sollte ich noch mehr erraten. Nichts warnte mich,

nichts brachte mich darauf; erst als sie es mir gestanden hatte, stand

es hell vor meinen Augen, als ob ich es immer gewußt hätte, daß sie ihn,

meinen Vater, liebte.

Sowie er erfahren hatte, daß mein Leben in Gefahr war, hatte er es

ermöglicht, sie zu sehen und zu sprechen, hatte sie gemahnt an das, was

er ihr angedroht hatte, und ihr mit entsetzlichen, mitleidlosen Anklagen

die Seele zermalmt. Seine Forderung war, daß sie mich unter dem

Schafott, wie es das Recht gestattete, für sich zum Manne begehrte und

mit mir außer Landes ginge; für Geld, um uns draußen weiterzuhelfen,

wollte er schon sorgen. Sich ihm zu widersetzen, fehlte ihr der Mut,

weniger aus Furcht oder weil sie sich im Unrecht wußte, sondern aus

sklavischer Liebe, die ihr das Mark aus den Knochen gezogen hatte. In

ihrer Not kam sie zu mir und klagte, daß sie zwar alles tun und auch mit

mir entfliehen wollte, meine Frau aber nicht werden könnte mit der

fürchterlichen Flamme für meinen Vater im Busen. Nachdem das Geständnis

einmal von ihren Lippen gekommen war, wurde es ihr sichtlich leichter

ums Herz, sie drängte sich zutraulich an mich und erzählte mir, wie

alles gekommen war, und von ihrem Zustande und Leiden, als ob ich ihr

Bruder wäre. Seine Blicke voll wütender Verachtung, seine strafenden

Worte hatte sie zu seinen Füßen aufgesammelt, die Stacheln in die Brust

gedrückt, Dornenkränze daraus geflochten und sich aufs Haupt gesetzt.

Ich kann nicht sagen, wie groß mein Haß und meine Liebe war. Aber erst

nachdem sie mich verlassen hatte, kam es aus meinem Gemüt herausgequollen

und überschwemmte meine Seele. Ich preßte mich mit ganzem Leibe an die

kalte Mauer und gab mich ohne Widerstand meinem Jammer hin; unter

tausend Einfällen und Gedanken kam es mir wieder zu Sinne, wie sie

meinem Vater das erstemal gegenübergestanden hatte und wie, während sie

blaß, erschrocken und ohne Worte auf ihn schaute, sein Blick plötzlich

wie mit kostenden Zungen an ihr heruntergeglitten war. Es schien mir

zweifellos, daß er darum wissen mußte. Warum hatte ich sie von mir gehen

lassen? Wußte ich nicht, daß er sie zu mir begleitet und draußen im Hofe

des Kerkers auf sie gewartet hatte? Denn wie wäre sie sonst zu mir

gekommen?

Auf einmal sah ich sie deutlich mit meinem inneren Auge nebeneinander

die lange Straße über die Heide gehen. Der Wind fuhr hinter ihnen her

und lüftete den schwarzen Mantel meines Vaters, daß er wie eine Wolke

über ihren Häuptern flatterte. Sie gingen den graden unabsehbaren Weg,

von dem ich als Kind geglaubt hatte, er habe kein Ende und führe ins

Jenseits; und als sie an der Schmiede vorüberkamen, warf das Feuer einen

roten Schein auf ihre Gesichter, und ich konnte erkennen, wie sie sich

mit starren verlangenden Augen ansahen. Das alles war viel näher und

springender vor mir, als wenn ich es in Wirklichkeit gesehen hätte, die

beiden heißbeleuchteten Gesichter waren so dicht, daß ich das blanke

Weiß in ihren Augen sah, und wollten sich nicht verscheuchen lassen, bis

meine Tränen hinüberflossen und sie auslöschten.

Da waren Eifersucht, Haß und Wut ganz vorbei, und ich fühlte nichts

weiter als eine grenzenlose Verlassenheit in meinem Herzen. Es schien

mir, als wäre ich mein Leben lang in diesem Kerker gewesen und hätte

nie einen andern Freund gehabt als die geduldige Spinne, die in einer

Ecke des Kerkers ihr Netz hatte. Als hätte niemand je mich freundlich

angesehen, niemand mein feines Angesicht und meinen schlanken Körper

gelobt, und doch würden meinem Herzen bei der leisesten Liebkosung

glitzernde Tränen des Glückes entströmen. Es hätte klingen können,

lauter wie eine Glocke, läuten, daß die blauen Luftwellen aufgerauscht

und am roten Ufer der Sonne gebrandet wären -- aber nun war es vermauert,

und niemand würde es je hören, begraben war es schon, eh noch das

Todesurteil an mir vollstreckt war.

Ich konnte somit wohl gelassen sein, als mir das Urteil verkündet wurde,

und war es wirklich im Innern so sehr, daß mir nur eine schwache

Erinnerung davon geblieben ist. Aber bald darauf kam mein Vater, dessen

ich in diesen Tagen so oft mit Bitterkeit, Fluch und Raserei gedacht

hatte; kaum daß ich seinen Schritt und seine Stimme vernahm, die mich

anrief, vergaß ich alles und warf mich an seine Brust, wie ich als Kind

getan hatte. Wie aus einem leichten Schlummer heraus, hörte ich, was er

erzählte: wie sie einen Scharfrichter aus dem Nachbarland hätten kommen

lassen, unter dem Vorwande, daß ein Henker nicht könne gezwungen werden,

seinem eignen Kinde den Kopf vom Rumpf zu schlagen, daß er aber

Einspruch getan hätte, weil der Ordnung nach in unsrer Stadt Gebiet kein

Richtschwert von Rechts wegen schalten dürfe als das seine, ferner wie

sie ihn fürchteten und wie ich ohne Sorge sein sollte, da er alles aufs

beste eingerichtet hätte und es nicht fehlschlagen könne. Solange er bei

mir war, glaubte ich alles Gute, aber sowie er fortging, schwand mir die

Hoffnung wie ein Licht, das einer im Lämpchen einen langen dunkeln Gang

hinunterträgt; schwächer und bleicher wird der Schimmer, bis er endlich

in der Dunkelheit verrinnt.

Ich wußte sicher, daß ich sterben müsse, und glaubte es vollends, als

ich das Folgende gesehen hatte: Am Abend nämlich vor dem Tage meiner

Hinrichtung geschah es mir noch einmal, daß ich mich von mir selber

loslöste und über die Heide ging, während mein Körper bewußtlos auf den

Strohbündeln des Kerkers lag. Ich ging schnell und trotzdem langsamer

als der graue Schatten einer Wolke, der vor mir her lief. Sie flog, als

wenn ein Sturm sie vor sich her bliese, obwohl es ganz windstill war;

nur weiter weg, wo das Meer war, pfiff ein dunkles Sausen. Ich fühlte

mein kleines furchtsames Kinderherz in der Brust, das vor vielen Jahren

so angstvoll geschlagen hatte, wenn ich abends allein die lange Straße

gehen mußte, und freute mich so wie damals, als ich ein Licht vom Hofe

meines Vaters in der Ferne erblickte. Indessen war es, als ich näher

kam, das Feuer der Schmiede, das ungewöhnlich hoch brannte, und wie ich

neugierig hinzutrat, sah ich meinen Vater davorstehen und sein großes

Schwert schärfen, während der Schmied mit der Zange die Glut schürte.

Ich wußte wohl, daß mein Vater das Schwert für mich gebrauchen wollte,

aber das kümmerte mich nicht; ich starrte ihn nur bewundernd an, wie

schrecklich schön er aus diesem Höllenscheine ragte. Erst als mein Blick

auf seine Hand fiel, die mit dem Hammer mitten durch die Flamme fuhr und

aussah wie von Blut überströmt, kam es mir in den Sinn, daß er mit

derselben meine Mutter erwürgt hatte und nun mich, ihr armes Kind, töten

wollte, und Haß und Rache stiegen in mir auf, so heftig und plötzlich,

daß ich fast die Besinnung darüber verlor. Zugleich wußte ich aber auch,

daß, so nah ich auch bei ihm stand, mein Vater mich nicht sehen konnte,

ebensowenig wie ich ihn hätte anreden oder berühren können, und in

diesem Gefühl von Ohnmacht brach ich in Tränen aus, die mir wie das

erstemal das Bild auswischten.

Am andern Morgen erwachte ich mit einem ungeduldigen Freudengefühl, weil

ich nun Erde und Sonne wiedersehen sollte; was danach kommen würde, lag

außerhalb meines Bewußtseins, und sowie mein Geist diese traurige

Schattenregion betrat, schauderte er zurück, um sich wieder im Lichte

zu baden. Was für ein Tag war es aber auch! Die Sonne war wie ein

riesiger Springbrunnen am Himmel, der die Erde mit goldenem Schaumwein

überflutete, so daß nicht nur die Menschen, sondern alles bis auf die

Steine herab davon trunken war. Das Himmelsgewölbe glich einem blauen

gläsernen Pokal, angefüllt mit dem funkelnden Safte der süßesten

Sonnentrauben, damit die körperlosen Geister drüben sich den Rausch

ewiger Seligkeit daraus tränken. Es war mir klar, daß die Menschenmenge,

die die Heide erfüllte, nur deshalb hier zusammengelaufen war, um an

diesem Festwein, den der Herrscher umsonst fließen ließ, sich satt

zu trinken. An meiner Seite war der Propst, und am Wege stand der

Totengräber, kläglich weinend und mit dem dicken Kopfe nach mir nickend,

den ich wohl freundlich grüßte, aber ohne das mindeste dabei zu

empfinden; denn meine Gedanken waren beschäftigt, auszumalen, daß ich,

wenn ich da oben auf dem Gerüst stünde, das Meer überblicken würde.

Ich hörte es schon rauschen und dachte, es erwartete mich, und wenn wir

uns erblickten, würde es ein Wiedersehen geben, daß die Erde davon

erzitterte. Wie ich nun die Stufen hinangesprungen war, sah ich es

liegen; schwarz, denn während der Wind zu Lande nur mäßig ging, wühlte

er mitten ins Meer hinein; aber durchsichtig schwarz wie Menschenaugen,

und zuweilen loderte eine grüne Flamme in den blanken Wasserleibchen

hinauf. Die Kähne, die am Ufer lagen, flogen auf und nieder, und man

hörte das Klirren der Ketten, mit denen sie angebunden waren, durch das

Brüllen der Brandung.

Am höchsten gingen die Wellen da, wo der klotzige Leuchtturm aus dem

Schwall starrte; sie sprangen an ihm in die Höhe und warfen sich

klatschend gegen seine Mauer, daß sie zerbarsten und in schaumigen

Fetzen mit den aufgeregten Möwen um seine Zinne flogen. Als sie meiner

ansichtig wurden, faßten sie sich bei den kalten Händen und tanzten

einen wilden Ringelreihen um den Leuchtturm herum, wobei sie mit

gellenden Trompetenstimmen schrien: Tanz mit mir, Lütte Grave, tanz mit

mir! und dazwischen pfiffen sie in gewissen springenden Rhythmen, wie

kleine Jungen einander Zeichen zu geben pflegen.

Das Judengrab; Aus Bimbos Seelenwanderungen: Zwei Erzählungen · 第 3 / 4 段