Nun geschah es, daß Herr Quarre den Bürgermeister besuchen wollte, ihn

aber nicht zu Hause fand und in guter Zuversicht die Jungfrau Tochter

bitten ließ, die auch in wenigen Minuten zu erscheinen versprach.

Während er in einem stattlichen Empfangszimmer ihrer wartete, hörte er

im Nebenzimmer erst ein Pfeifen und Knarren, dann ein Singen, in dem er

deutlich die Melodie und schließlich auch die Textworte unterscheiden

konnte; es lautete nämlich:

Herr Quarre wär ein Held

Und hätt auch Gott geprellt

Ums Regiment der Welt,

Wenn nicht das Beste fehlt':

Die Grütze und das Geld.

Sogleich geriet Herr Quarre in einen brennenden Zorn, und als nun

lächelnden Mundes Wunneke ins Zimmer trat, ergoß er sich in wütenden

Reden und forderte tobend, daß ihm der Name des unverschämten Rebellen

genannt würde, der so aufreizende Lieder von sich gäbe, damit eine

nachdrückliche Strafe über ihn verhängt würde. Wunneke entgegnete

sanftmütig, der Herr Vogt werde besagten Gesang auf der Straße vernommen

haben, wo man leider oft von liederlichen Leuten die gottlosesten Dinge

hören müsse. Herr Quarre blieb aber dabei, es sei im Nebenzimmer

gewesen, und ließ auch einfließen, es sei eine helle und gewissermaßen

lieblich pfeifende Stimme gewesen, wobei er drohende Blicke auf das

Fräulein schoß. Wunneke veränderte aber ihre unschuldige Miene nicht und

sagte ruhig, im Nebenzimmer sei niemand anders gewesen als Flämmchen,

der Papagei, der dort seinen Standort habe und allerdings, was sie nicht

leugnen wolle, sowohl sprechen wie singen könne, so daß es, wenn auch

unwahrscheinlich, doch nicht unmöglich sei, daß er den Unfug getrieben

habe. Herr Quarre verlangte murrend die angebliche Bestie in Augenschein

zu nehmen und wurde von Wunneke höflich in das Nebenzimmer geführt, wo

auf einer goldenen Stange Flämmchen saß, mit einem Kettlein am Fuße

daran festgebunden. Sie forderte den Vogel unter Streicheln und

Liebkosen auf, zu wiederholen, was er vorher gesungen habe; aber man

vernahm nur ein leises wollüstiges Knarren, das er von sich gab, indem

er sein grüngoldiges Köpfchen langsam an der weißen Mädchenwange rieb.

Herr Quarre hielt sich nunmehr für gefoppt und schnaubte von dannen

unter der Androhung, daß er den Bürgermeister und sein ganzes Haus wegen

Majestätsbeleidigung vor Gericht ziehen werde. Sein Zorn verdoppelte

sich noch, als Herr Schmitz, der Bürgermeister, obwohl er sich

verschworen hatte, alles zu tun, um den Gekränkten zu begütigen, sich

mit Vorbringung fadenscheiniger Ausflüchte entschuldigte, als der Vogt

sich Wunneke selber zur Entschädigung ausbat. Er brachte eine Klage bei

dem Rat ein, und es wurde schleunig eine Sitzung anberaumt, bei der der

Bürgermeister, als selbst beklagt und beteiligt, den Vorsitz Herrn

Muslieb, dem zweiten Bürgermeister, abtreten mußte.

Dieser war zwar dem kaiserlichen Vogte, der beständig die Gerechtsame

der Republik schmälern wollte, so feind, wie es ihm zukam, andrerseits

aber war es ihm angenehm, dartun zu können, daß, wenn auch seine

Stellung bescheidener als die des regierenden Bürgermeisters, doch sein

Name nicht minder fleckenlos war, und er beschloß, die Gerechtigkeit

alle Partei-, Privat- und Sonderinteressen überwiegen zu lassen. Er

ersuchte zunächst Herrn Quarre, das Lied vorzutragen, das die Ursache

des Prozesses war, was derselbe nicht ohne Unwillen tat; sämtliche

Ratsherren konnten nicht umhin, mit strengem Kopfschütteln sich dahin

zu erklären, daß es keine geringe Keckheit und Unanständigkeit sei,

wenn Lieder so schandbaren Inhalts in einem obrigkeitlichen Hause in

aller Fröhlichkeit laut würden. Der Bürgermeister und seine Tochter

beteuerten, daß keiner außer dem Papagei das Lied hätte singen

können, und das Fräulein führte zu seiner Entschuldigung an, daß er

wahrscheinlich, am offenen Fenster stehend, das Schelmenstückchen

gehört und in seiner Torheit nachgeplappert hätte. Herr Quarre zog

dies in Zweifel, da noch nicht einmal bewiesen und überhaupt sehr

unwahrscheinlich sei, daß das dumme und eitle Tier sprechen könne,

welcher Beweis denn nun freilich auf der Stelle geleistet wurde.

Indessen war Flämmchen nicht zu bewegen, etwas andres zu sagen als:

Guten Morgen, Wunneke! Komm mit, Wunneke! Küß mich, Wunneke! welche

Reden er süßlich quäkend und unter geschwindem Augenrollen mehr als

nötig wiederholte. Daraufhin erklärte der vorsitzende Bürgermeister den

Papageien für wohlbefähigt, das Verbrechen, dessen er geziehen wurde,

begangen zu haben, und Herr Quarre, der den Vogel nunmehr zwischen

Furcht und Staunen für einen Zauberer ansah, neigte zu der Ansicht, daß

er der Täter sei.

Trotzdem glaubte der Rat ohne weiteren Beweis nicht zu einem Urteil

schreiten zu dürfen, und die Herren gingen dem Vogel mit Singen und

Pfeifen eifrig zu Leibe; denn sie hofften ihn zur Wiederholung des

Liedes zu bewegen, indem sie die Melodie und ersten Worte desselben

anhüben. Über diese Zurüstungen war Flämmchen so erschreckt, daß er nur

den Schnabel auf und zu machte, ohne einen hörbaren Laut zu äußern, was

Herr Quarre als Berechnung und Verstellung auslegte. Die übrigen Herren

zögerten in großer Verlegenheit, bis das Fräulein den Vorschlag machte,

es möchten einige Vertrauenspersonen ausgewählt und beauftragt werden,

Flämmchen während einer gewissen Zeit scharf zu beobachten; denn es

sei anzunehmen, falls er das Lied wirklich einmal gewußt hätte, daß

er es wiederholen würde, sowie er nicht wie jetzt durch eine hohe und

majestätische Versammlung eingeschüchtert wäre. Hierauf gingen alle mit

Freuden ein, und es wurden sofort drei kundige und anstellige Ratsherren

mittels geheimer Abstimmung ausgewählt, die drei Tage und Nächte

hintereinander das Gestell des Vogels umgeben und auf alle seine

Äußerungen achten sollten. Da ihnen Reden sowie Gespräch und Gelächter

jeder Art der größeren Aufmerksamkeit wegen verboten war, vertrieben

sie sich die Zeit mit schweigendem Würfeln und Kartenspielen, das nur

zuweilen dadurch unterbrochen wurde, daß ein jeder die Ausrufungen des

Papageien auf einem Pergamentstreifen verzeichnete. Es war aber nach

Verlauf der Zeit nichts vorgefallen, was auf Flämmchens Kenntnis des

bezüglichen Liedes schließen ließ, und man hätte ihn freigesprochen,

wenn sich nicht Herr Quarre mit äußerster Wut dagegen gesetzt hätte.

Ein sauberes Regiment, sagte er, das sich von einem ausländisch

aufgeputzten Vogel über das Ohr hauen lasse; er würde die ganze Republik

zusammenstampfen wie ein Äpfelmus, wenn der ihm zugefügte Schimpf nicht

an dem Missetäter gerächt würde. Nachdem Bürgermeister und Rat eine

Zeitlang in den Gesetzen nachgeschlagen und geblättert hatten, erklärten

sie einmütig, daß sie zunächst das Mittel der Tortur versuchen müßten,

um ein gutwilliges Geständnis zu erpressen.

Und so ist es gekommen, daß ich Wunneke sah. Denn trotzdem es

allgemeiner Mißbilligung unterlag, daß sie unser verfemtes Reich

betreten und einer Handlung so schauriger Art beiwohnen wollte, hatte

sie sich nicht davon zurückhalten lassen, ihren Liebling auf seinem

Martergange zu begleiten. Ich Unglücklicher stand an meines Vaters

Seite, als sie in das moderige Gewölbe eintrat, wie ein wandelnder

Narzissenstrauß, wie ein Kelch aus Milchglas voller Veilchen, mit dem

ein duftendes Frühlingsgewölk in die kalte Finsternis hineinschwebt.

Ach mehr -- wie vor dem ermattenden Schwimmer, der sich eben in den

unvermeidlichen Untergang geschickt hat, mitten aus dem öden Wassermeer

eine blühende Insel auftaucht, mit Orangenhainen bewaldet, denen die

Tropfen noch von den glatten Blättern rieseln, so stand sie plötzlich

vor mir und schaute mir mit lächelnden Augen ins Gesicht. Nur mich

lächelte sie an, gegen die andern bewahrte sie eine absichtliche

Feierlichkeit, und vor meinem Vater schien sie zu erschrecken; von

Abscheu war nichts darin, nur Erstaunen und Bangen. Woher wußte sie,

daß meine Augen alles so sahen wie ihre? Obgleich wir nie ein Wort

miteinander gesprochen hatten, sahen wir, während die Handlung sich

entfaltete, einander an wie zwei schelmische Kinder, die eine Falle

gestellt haben und aus ihrem Versteck aufpassen, wie die Geneckten

hineintappen. Und nun ertönte das silberne Harfenspiel ihrer Stimme, wie

sie zu meinem Vater sagte: »Herr Marx Grave, wollt bedenken, daß der

Beklagte ein zartes und verwöhntes Geschöpf ist, dem das Lebensfädchen

leicht völlig zerreißen könnte, wenn man allzuhart daran zerrte.«

Mein Vater antwortete laut und ernsthaft: »Die Vernunft und die Gesetze

gebieten, edles Fräulein, die Pein nicht über das Vermögen des

Delinquenten hinausgehen zu lassen. Seid versichert, daß ich es bei den

ersten und angenehmsten Graden der Folter bewenden lassen werde.«

In dem Augenblick, als das Tier meinem Vater übergeben wurde und seine

rechte Hand sich ihm mit einem schraubenartigen Werkzeug näherte, brach

der Papagei in ein lautes Gezeter aus, das sich deutlich in einige Worte

zerlegen ließ, und zwar in ebendieselben, die den Anfang des Spottliedchens

über Herrn Quarre bildeten. Dieser, der, um sich an den Qualen seines

Feindes zu ergötzen, ganz nahe bei meinem Vater gestanden hatte,

triumphierte hoch und verlangte, daß er dem überführten Übeltäter

augenblicklich den Hals umdrehe. Mein Vater entgegnete kühl: »Und wenn

der Papagei Euch, Herr Quarre, das Herz aus dem Leibe gehackt hätte und

dessen geständig wäre, würde ich ihm doch kein Federchen krümmen, bis er

nach Recht gerichtet und mir in herkömmlicher Form zur Vollstreckung des

Urteils übergeben wäre.«

Herr Quarre brach in gräßliches Schimpfen aus und rief: »Hört den

Mistfinken! das Blutschwein! ich kenne euch alle, frei möchtet ihr sein

und schert euch einen Kuckuck um die Majestät des Kaisers, der euer

Dreckgehirn wie Nüsse mit dem Absatz zerknacken könnte!« In welchen

giftigen Reden ihn aber Herr Muslieb mit ernster Höflichkeit unterbrach,

indem er ihn auf das Unbedachte seines Geschwätzes aufmerksam machte.

Dem Papagei, sagte er, werde sein verdientes Urteil gesprochen werden,

ohne daß das Recht um ein Tüttelchen geschmälert würde, danach aber

werde man untersuchen, ob der Kaiser in Wahrheit Anspruch darauf habe,

eines ehrbaren Rats reichsfreier Stadt Köpfe abschätzig zu betiteln und

mit Füßen zu treten, was, soviel er wisse, nicht einmal in der Türkei

und andern üppigen Sultansländern Sitte sei.

»Wenn die Narren den hübschen Vogel wirklich zum Schwerte verurteilen,«

sagte mein Vater, nachdem sich alle entfernt hatten, »sollst du an

meiner Stelle amtieren;« denn, meinte er, er selbst sei für solche

Albernheiten zu alt, würde auch nötigenfalls den Herren mit seiner

Dienstordnung in der Hand beweisen, daß er zu ernstem, vernünftigem

Geschäft, nicht aber zu eitelm Firlefanz berufen sei. Mir aber würde es

wohl anstehen, mich bei dieser Gelegenheit zum ersten Male öffentlich zu

zeigen, denn fehlen könnte ich bei so leichter Arbeit nicht, dagegen den

Beifall von Mädchen und Toren, deren es viele gäbe, erwerben.

Gott weiß, wie mir damals Tage und Nächte vergingen. Mein Herz war wie

ein junger Falke, der unaufhörlich mit den Flügeln rauscht, um sich zum

ersten Fluge aufzuschwingen, und zwischen Furcht und ungeduldigem Mute

zaudert. Auf der Heide lag mein Leib, aber ich selbst fuhr wie eine

Sturmschwalbe darüber hinweg, schreiend und die salzige Meerluft

schlingend, daß ich sie kühl und berauschend bis in die tiefste Seele

hinein fühlte. Ich sauste um den alten Leuchtturm, schlug mit

klatschenden Flügeln an sein starres Gemäuer, stürzte mich in die

brennende Pechpfanne auf seiner Zinne, peitschte mit der schwarzroten

Flamme die fliehende Luft und empfand mit Wonne, wie ich mich dehnte,

indem ich mich selber verzehrte. Dabei war ich mir wohl bewußt, wer sie

war und wer ich war, und daß ich eher die Wange des Mondes als die ihre

je mit meinen Lippen berühren könnte. Aber diese Unmöglichkeit eben

erhöhte meinen Wahnsinn, denn was mir in den Eingeweiden brauste, hätte

mich vor mir selber lächerlich gemacht, wenn es sich um ein alltägliches

Lieben und Werben gehandelt hätte. Auch war in meinem Gefühl das

Bewußtsein von einer magnetischen Kraft, die sie doch einmal an mein

Herz reißen müßte, wenn ich auch nicht darüber nachdachte, wie das

geschehen könnte. Und als ich vollends am Tage der Papageihinrichtung

mein neues Amtsgewand trug, ganz aus schwarzem Tuch, das kurze

Mäntelchen, mit karmesinroter Seide gefüttert, schwarze und rote Federn

auf dem Barett, zweifelte ich nicht, daß der Himmel sich über meiner

Schönheit öffnen und Rosen auf mich herabschütten würde, Rosen von

jenseits, mit Ambrosia betaute, die ich alle der erbleichenden Wunneke

in den Schoß werfen würde.

Von weitem her sah ich den Armesünderkarren durch den braunen herbstlichen

Wohlgeruch der Heide stolpern, auf dem sie saß in ihrem schwarzsamtenen

Kleide, den Papageien an einem silbernen Kettlein haltend, der, von dem

Anblick der weiten hohen Welt und der unübersehbaren Menschenmenge

betäubt, bald in sich zusammensank als ein erlöschendes Flämmchen, bald

mit gesträubten Federn, heftig kreischend und schimpfend, auf dem Arme

seiner Herrin auf und ab lief. Ihr gegenüber saß der Propst, welcher auf

ihr Verlangen dem Sünder als Trost auf seinem letzten Gange beigegeben

war. Dies hatte sie allerdings nicht ohne Mühe durchgesetzt, denn die

Räte waren in der Mehrzahl der Ansicht gewesen, bei einer vernunftlosen

Bestie sei geistlicher Zuspruch nicht nur unnötig, sondern sogar übel

angebracht. Aber Wunneke wendete ein, wenn Flämmchen denn vernunftlos

sei, dürfe man ihm auch sein schelmisches Singen nicht zum Vorwurf

machen, worauf Herr Quarre in einen glühroten Zorn geriet, seinen

borstigen Schnurrbart sträubte, daß man an der Spitze jedes Haares ein

Fröschlein hätte aufspießen können, und sagte, ohne Vernunft sei der

Vogel zwar nicht, aber seine Vernunft sei des Teufels, und wenn ihn die

sämtlichen Kirchenväter mit dem Papst an der Spitze zum Schafotte

geleiteten und ihm die ganze Bibel aufsagten, würde das dem ruchlosen

Federvieh nur zu Spott und Gelächter dienen. Hierauf aber sagte der

Propst, den man nebst mehreren andern Theologen zu Rate gezogen hatte,

damit sie die heikelige Sache beurteilten, wenn dem so sei, müsse man um

so mehr dazu tun, daß der göttliche Vernunftsinn dem Teufel entrissen

würde, und er wollte sich der Aufgabe wohl unterziehen. Überhaupt, sagte

er, fehlten zwar auch dem gescheitesten Tier die vernünftigen Begriffe,

weil es nicht unterwiesen sei, aber man gebe ja auch einem neugeborenen

oder gar idiotischen Kinde die heilige Taufe, das sei eins wie das

andre, man müsse eben den Heiligen Geist spenden, wie der liebe Gott die

Sonne und ein Sämann die Körner, soviel als möglich und aufs Geratewohl,

schaden könne es nicht und zuviel sei besser als zuwenig. Auf diesen

gelehrten Sermon wußte niemand etwas zu erwidern, auch fürchteten

Bürgermeister und Rat den Propst, der weit und breit großes Ansehen

genoß und die dumme, lenksame Riesenseele des Volkes in der Hand hielt.

So saßen der Propst und das Fräulein auf dem Karren und unterhielten

sich leise und lächelnd, und mir schien es, wie ich das weiße

Seelengesicht über dem schwarzen Kleide schweben sah, als führe man in

feierlicher Prozession eine auf ferner neuentdeckter Insel gefundene

Wunderblume durch das Land, damit alles Volk sie sähe und ihren Duft

einatmete. Das Schafott hatte mein Vater selbst mit hochrotem Samt

überzogen, und ich eilte die Stufen hinan, als wäre ich der Königssohn

und sollte mich dem Volke zeigen. Das war auch in lustiger Bewegung,

weil es ein so seltsames Schauspiel mit ansehen sollte, und viele Männer

und Frauen hoben ihre Kinder hoch und riefen: Schau, Lütte Grave; denn

da ich wie mein Vater Marx hieß, nannte man mich zum Unterschiede den

Kleinen, das ist Lütte in jener niederdeutschen Sprache. Flämmchen hatte

ich am Kettlein auf der Hand sitzen wie einen Edelfalken, und ich fühlte

meine zierliche Schönheit ordentlich aus mir herausblühen. Wie mein

Vater mich gelehrt hatte, kniete ich mich zuerst nieder und sagte: Gott

walte deiner und meiner! stand dann wieder auf, neigte meines kleinen

Schwertes Spitze dahin, wo die Obrigkeit versammelt war, und schickte

mich an, meinen Delinquenten zu richten.

In diesem Augenblick sah ich zum erstenmal, wie schön Flämmchen war: das

grüne Köpfchen glänzte, als wäre Goldschaum darüber geblasen, und die

roten und blauen Federn im Schwanz und in den Flügeln flammten wie edle

Steine. Er bemerkte meine Bewunderung sogleich, und seine runden,

spiegelnden Augen sagten halb flehentlich, halb listig: Töte mich nicht,

Lütte Grave! Willst du mich, das hübsche Flämmchen, den kriechenden

Breitmäulern da unten zuliebe umbringen? Fliegen wirst du mich lassen ...

Es fehlte nicht viel, so hätte ich ihn wirklich fliegen und als ein

goldenes Flämmchen in den lachenden blauen Himmel steigen lassen; aber

ich besann mich, daß er als ein unfreier, halbbeseelter Menschengeselle

auf Wunnekes Schulter zurückfliegen und dem Tode doch nicht entgehen

würde, daher entschloß ich mich und hieb mit einem kurzen geschwinden

Streich das kleine Schelmenhaupt vom Rumpfe. So geschickt führte ich es

aus, daß ich den abfliegenden Kopf mit der Spitze meines Schwertes

auffing und ihn so dem Volke zeigen konnte als Beweis der völlig und

glücklich ausgeführten Exekution. Bei diesem Anblick brach die Menge in

helles Freudengeschrei aus, die Kinder klatschten in die Hände, und über

die warme, träumende Heideluft verbreitete sich blitzschnell Jubel und

Gelächter. Die Obrigkeit trollte sich eilig und unzufrieden davon, denn

sie trauten sich nicht, der unanständigen Ausgelassenheit zu steuern;

aber das Volk wogte noch bis zum kühlen Abend auf der Heide umher, als

ob Jahrmarkt wäre.

Wunneke hatte ich während der ganzen Handlung nicht einmal angeschaut,

aber gefühlt hatte ich sie, wo sie war, wie sie unter Tränen lächelte

und was sie dachte, und ihr Herz blieb bei mir zurück, und ich legte

mich damit in das blühende Kraut, seliger, als wenn es ihr schöner

warmer Leib gewesen wäre. Erst am andern Morgen flohen mir die guten

Glücksgeister davon, und das Gestrige lag unter der neuen Sonne wie ein

elendes, abgegriffenes Rumpelkammerspielwerk, das man als Kind einmal

für das herrlichste Kleinod gehalten hat. Und gerade am Abend dieses

wüsten Tages kam sie. Sie kam wie ein leichtes, flüsterndes Blatt,

das der Wind vor sich her weht, und schien sich an die Dunkelheit

anschmiegen und in sie verbergen zu wollen. Ein andrer hätte sie ohne

weiteres in seine Arme genommen -- denn war sie nicht fast ein Strandgut

an unsre fürchterliche Küste geworfen --, mir aber kam das nicht in den

Sinn, vielmehr hielt ich mich weit von ihr, während ich sie in unser

Haus geleitete. Auf meines Vaters Frage sagte sie, daß sie gekommen sei,

um sich Flämmchens Leichnam auszubitten, den sie begraben wolle, und

unter seinem Blick errötend, setzte sie hinzu, ihr Vater würde ihr die

unschuldige Bitte ausgeschlagen haben, darum sei sie heimlich bei der

Dunkelheit gekommen.

»Habt Ihr nicht gewußt,« sagte mein Vater, »daß Ihr des Scharfrichters

Haus nicht betreten dürft? Und daß er mit seinem Leben bezahlen muß,

wenn er Euch empfängt, bewirtet oder berührt?«

Es quälte mich, daß Wunneke nicht ein Wort zu entgegnen vermochte,

obschon sie sich Mühe gab, zu sprechen; sie starrte ihm ins Gesicht und

hätte sich, glaub ich, von ihm niederschlagen lassen, ohne den leisesten

Versuch zur Verteidigung oder zur Flucht zu machen. Nach einer langen

Pause fuhr mein Vater fort: »Nehmt das zu Herzen, wenn mir oder meinem

Sohne ein Haar sollte gekrümmt werden um Euretwillen, weil es Euerm

buhlerischen Leichtsinn nach Abenteuern gelüstet, so müßt Ihr zahlen:

unsre Tränen mit Euerm Blut, unser Blut mit Eurer Seele.« Ich war so

gewohnt, mich unter dem tyrannischen Willen meines Vaters zu beugen, daß

ich mich währenddessen ganz still verhalten hatte, dazu stand ich auch

unter dem Eindrucke seiner wilden Schönheit, die sich immer dann am

prächtigsten auftat, wenn das Blut in ihm zu kochen anfing. Erst nach

einer Weile, als er sie mit einem milderen Blick musterte, in dem etwas

kalt wollüstig Abschätzendes war, gewann ich mich selbst wieder, trat

vor und sagte: »Warum erschreckst du das Fräulein, Vater, das ohne böse

Absicht als eine Bittende zu uns gekommen ist? Erlaube, daß ich ihr den

Vogel suche und sie dann wieder heimbegleite.«

Mein Vater sah mich scharf an, und ich glaube, daß er in diesem

Augenblick alles durchschaute, was ich fühlte, wünschte und hoffte, und

vielleicht auch, welchen Ausgang es nehmen würde, denn es schlich sich

ein mehr mitleidiges und vorwurfsvolles als spottendes Lächeln um seinen

Mund; aber er winkte mir nur mit der Hand, zu gehen, ohne noch einen

Blick auf das Mädchen zu werfen. Sie drängte sich an mich und folgte

mir, und als wir draußen waren, sahen wir uns heimlich lachend an und

schüttelten uns wie Kinder, die Schelte bekommen haben; dann liefen wir

spornstreichs mitten in die Heide hinein.

Das tote Flämmchen hatte ich bald gefunden und aus dem Sande

herausgewühlt, von dem es nur eben bedeckt gewesen war; danach setzten

wir uns auf das samtbeschlagene Gerüst, das in der Dämmerung hoch und

schwarzrot dastand, und blickten auf das gleichmäßig brandende Meer.

Ich erzählte ihr dunkle Geschichten von den Männern und Frauen, die

seit Jahrhunderten auf diesem Stück Heide von meinen Vorvätern waren

hingewürgt worden, die ich zum Teil in meiner Kindheit von unsern

Knechten gehört hatte. Die Seelen der Gerichteten hausten im Meere,

sagte ich, die meisten hielten sich dicht am Ufer, und wenn frisches

Blut vergossen würde, schlichen sie sich nachts heran und tränken davon

in schrecklicher Lüsternheit nach dem irdischen Leben. Die Ferne war

schwarz bis auf einen weißgelben Streifen, der wie ein einsamer Pfad

über die dunkeln Berge der Ewigkeit schimmerte; aber dicht vor uns

bewegten sich vom Wasser her über das Heidegestrüpp kriechende Nebel,

die man in Wirklichkeit für geisterhafte Phantome hätte halten können.

Einige schienen verzweifelt die dünnen stehenden Arme zu ringen, während

sich andre auf die Erde gekrümmt, verstohlen, ihrer verfluchten Blutgier

sich schämend, auf uns zuschlichen. Über diesen Anblick begann Wunneke

plötzlich sich zu fürchten, und ich geleitete sie in Sicherheit heim,

versprach ihr aber zuvor, daß ich Flämmchens zeitliche Überreste auf dem

nächsten Gottesacker ordentlich und lieblich bestatten wollte, was ich

mir unter dem Schutze des Totengräbers, den ich gut kannte, wohl

auszuführen getraute.

Dieser gestand mir auch gleich alles zu, um was ich ihn bat, und nachdem

ich ihn in seiner Gefälligkeit noch durch ein namhaftes Trinkgeld

bestärkt hatte, wählte ich mir ein Plätzchen an der Hecke aus, wo lauter

alte, verfallene Gräber lagen, um die sich niemand mehr bekümmerte. Dort

warf ich ein schmales Hüglein auf und bepflanzte es über und über mit

blühenden Astern, daß es wie ein einziger großer Blumenstrauß aussah.

Am folgenden Abend kam Wunneke, wie sie mir aus freien Stücken angesagt

hatte, und wir setzten uns auf einen halb eingesunkenen Stein unter

einer hohen Pappel, die der Wind rauschend auf und nieder bewegte. Welke

Blätter sausten in Schwärmen an uns vorüber, und weiterhin sahen wir sie

wie ein dunkles Gewölk über die bleichen Gräber jagen. Vielleicht war

die feuchte, gärende Luft voll von den Lebenskeimen aller der Begrabenen,

die seit Jahren und Jahrhunderten hier moderten, denn mir war es, als

saugten wir mit jedem Atemzuge mehr treibenden, schwellenden Drang in

uns hinein. Bis dahin hatte ich sie noch nicht ein einziges Mal berührt,

und jetzt auch hätte ich es nicht getan, wenn sie sich mir nicht selber

an die Brust geworfen und meine ehrlosen Mordknechtshände mit Küssen

bedeckt hätte.

Das Judengrab; Aus Bimbos Seelenwanderungen: Zwei Erzählungen · 第 2 / 4 段