Während ich nichts andres fühlte und dachte, als wie ich zu diesen

Kameraden gelangen könnte, war um mich herum allerlei vorgegangen, was

mich betraf und was ich, als der Propst selber mich anfaßte und meine

Aufmerksamkeit darauf lenkte, nach allem, was mir bekannt war, wohl

erraten konnte. Ich sah auf einmal meinen Vater in schwarzer Amtstracht,

sein Schwert unter dem Arme, und Wunneke nicht weit von ihm, die Augen

starr auf ihn geheftet, und eine große Bewegung unter der Volksmenge,

weil die Tochter des Bürgermeisters mich vom Schwerte losgebeten hatte

zu ihrem Manne. Sie stand da, ohne sich zu rühren, festgeklammert in dem

eisernen, unentrinnbaren Blick meines Vaters, der über sie herrschte,

matt und glanzlos wie ein abgerissener, sterbender Schmetterling. Ich

begriff, daß es nun auf mich ankam, ein Zeichen zu geben, ob ich wollte,

und schüttelte heftig den Kopf zur Verneinung; das tat ich weniger, weil

sie mich damals im Kerker angefleht hatte, daß ich sie nicht zur Frau

nehmen sollte, denn merkwürdigerweise war ich jetzt eigentlich innig

überzeugt davon, daß sie mich lieb hatte und lieber auch als meinen

Vater -- als weil mir das alles so unendlich weit weg zu liegen schien,

und so unwichtig und beinahe lächerlich kam es mir vor, daß so ungeheuer

viele Menschen um so geringfügiger Sache wegen in Bewegung und Erregung

waren. Ich hatte ein ganz leises süßes Gefühl zärtlichen Mitleids für

Wunneke, aber nur so, wie man für ein Kind hat, das wegen eines

Schmerzes weint, der in kurzen Minuten vorüber sein wird, und als der

Probst mir dringlich zuflüsterte: Sag ja, Lütte Grave! rief ich laut

und ärgerlich: Nein, nein, nein, ich will nicht! und fürchtete fast,

sie würden mich mit Gewalt vom Schafott reißen und in ihr Gewühl

hineinzerren, da ich den Bürgermeister heftige Zeichen und Winke geben

sah. Diese bezweckten aber ganz etwas andres; denn nun stieg ein schwarz

umhüllter Mann zu mir hinauf, der, von mir unbemerkt, dicht unter dem

Gerüst bereitgestanden hatte und von dem ich sofort wußte, daß es der

fremde Scharfrichter war, der gekommen war, um mir den Garaus zu machen.

In diesem Augenblick änderte sich plötzlich alles in mir; es war, als ob

sich alles Blut in meinem Körper in einer Springflut über mein Herz

ergösse, eine solche Todesfurcht packte mich, so jäh anprallend, daß ich

auf die Knie fiel und abwehrend meine Arme ausstreckte und auch, wie ich

glaube, laut aufschrie. Ja, in diesem Augenblicke stand es mir fest,

eher sollte die Welt untergehen, als daß ich den Tod erlitte. Aber

gleich darauf, als mein Vater kam, war alles vorüber. Ich hörte ihn

meinen Namen rufen und blickte nach ihm hin, der etwas weiter weg von

mir gestanden hatte. Die Obrigkeit hatte in seiner Nähe eine Reihe

bewaffneter Männer aufgestellt, für den Fall, daß er etwas Gewalttätiges

unternehmen sollte; diese alle drängte er nun ohne Mühe beiseite, um

sich den Weg zu mir zu bahnen. Da sah ich etwas Entsetzliches: ich

sah, wie er den kaiserlichen Vogt, die Ratsherren allesamt, beide

Bürgermeister und Wunneke im Vorbeigehen mit der Spitze seines Schwertes

streifte, und erinnerte mich an das Gerede des Volkes, daß er damit,

wen er wolle, auf das Blutgerüst bringen könne. Ich sah im Geiste über

die graue Heide Blut rinnen, Blut, Blut und Blut, sah, wie sie es

einschluckte, bis sie fett und feucht war wie dunkles Moos, und wie

es zusammensickerte und in das Meer rann, daß es von grün rot wurde

und purpurn und schwarz -- aber das war alles nur ein Bild, das wie

ein Blitz kam und ging. Denn nicht eine Minute, nachdem mein Vater

mich gerufen hatte, war er schon oben bei mir, packte den fremden

Scharfrichter bei der Brust, warf ihn über das Gerüst hinunter und

beugte sich über mich. Mir war zumute wie als Kind, wenn ich mich in

einsamer Dunkelheit gefürchtet hatte und meinen Vater kommen sah: ein

seliges Gefühl von Geborgensein wickelte mich ganz ein wie ein

dunkelpurpurner Samtmantel. Dem kleinen Knaben Tells, als er sich von

seinem Vater den Apfel vom Kopfe schießen ließ, kann nicht leichter und

zutraulicher ums Herz gewesen sein als mir. Das letzte, dessen ich mich

entsinne, war, daß ich auf das Pfeifen des Meeres horchte, wie es rief:

Tanz mit mir, Lütte Grave! aber dumpfer als vorher, weil ich den Kopf

auf den Block gelegt und der weite Mantel meines Vaters sich wie ein

Vorhang über mir herabgelassen hatte.

Druck von der Offizin

Fr. Richter in Leipzig

[ Im folgenden wird die einzige geänderte Textzeile angeführt, wobei

zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile steht.

Hoffnung wie ein Licht, das einer im Lämpchen einen langengen dunkeln

Hoffnung wie ein Licht, das einer im Lämpchen einen langen dunkeln

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Das Judengrab; Aus Bimbos Seelenwanderungen: Zwei Erzählungen · 第 4 / 4 段