Sie hätten keine jungen deutschen Studenten sein müssen, wenn nicht das

mancherlei Schöne, Frische, Lustige auf sie gewirkt hätte, das dem einen

das Korps, dem andern die Burschenschaft bot. Franz war ein ebenso

forscher Arminenfuchs wie Karl, in _S. C._-Redeweise gesprochen, eine

brauchbare Korpsrenonce. Und wie jeder seine drei Mensuren hinter sich

hatte, wurde der eine wie der andere ein tadelloser Bursch, der es nach

dem besonderen Sinne seiner Verbindung an nichts fehlen ließ. Denn die

beiden zeigten sich auch hierin von dem guten Schlage, der allewege

ordentlich treibt, was er einmal übernommen hat.

Trotzdem gehörten sie mit ihrem innersten eigentlichen Wesen ihren

Verbindungen doch nicht an. Wie hätte Karl so ganz Korpsstudent sein

können, um z. B. auf jeden Burschenschafter wie auf einen minderwertigen

akademischen Bürger herabzublicken?

Und wie hätte Franz es vermocht, so ganz Burschenschafter zu sein, daß

er im Korpsstudenten schlechthin nichts gesehen hätte, als eine Art

studentischen Gecken von beschränktem Geist, aber unbeschränktem

Hochmut?

Nein, es blieb im Grunde doch eine Verkleidung, wenn sie sie beide auch

nach außen hin glänzend durchführten, und wenn auch schließlich gewisse

Eigenheiten des Korps- oder Burschenschaftsangehörigen an ihnen haften

blieben.

Ganz von selbst verstand es sich, daß sie alle Zeit, die ihnen das Korps

oder die Burschenschaft zur freien Verfügung ließ, miteinander

verbrachten -- in der Tat verstohlen wie ein heimliches Liebespaar.

Mütze, Band und Bierzipfel wurden abgelegt, ein Hut aufgesetzt, der

Rockkragen aufgeschlagen und, womöglich im Schutze der Dunkelheit, zum

Freunde geeilt.

Anfangs teilten sie einander noch ihre speziellen Verbindungserfahrungen

mit, erheiterten sie sich gegenseitig durch die Wiedergabe jener

Charakterisierungen, wie sie der Korpsstudent dem Burschenschafter, der

Burschenschafter dem Korpsstudenten angedeihen läßt, aber schließlich,

als sie nun doch ihren Verbindungen endgültig angehörten, ließen sie das

als unschicklich und eine Art Hinterlist sein und begnügten sich damit,

von Dingen zu reden und zu schwärmen, die ihnen beiden ganz gemeinsam

waren, vor allem von ihren Mädchen.

Denn aus der Primanerpoussasche war bei einem jeden eine rechte, feste

Studentenliebe geworden, von der der eine wie der andere herzlich gewiß

war, daß sie eine Liebe fürs Leben bleiben werde.

Auch unterlag es gar keinem Zweifel mehr, daß die beiderseitigen Eltern

einer späteren Verbindung der Liebespaare ihre Einwilligung geben

würden.

Eine Verlobung hatte, als zu früh einerseits, anderseits aber auch als

fürs erste überflüssig, nicht stattgefunden. Es bestand aber ein

stillschweigendes Einverständnis aller Beteiligten, wovon sich auch die

Väter nicht ausschlossen.

Der Rittmeister fand, daß der Burschenschafter Franz sich ganz wie ein

richtiger Korpsstudent ausnähme, und der Doktor erklärte, daß der

Korpsbursch Karl in seinem ganzen Gehaben einen so frischen,

ungekünstelten, heiteren Eindruck machte, daß man ihn ebensogut für

einen forschen Burschenschafter hätte nehmen können. Und so war, wie

innerlich bei den Söhnen, so äußerlich bei den Vätern das

schwarz-rot-gold dem grün-weiß-rot so nahe wie nur möglich gekommen, und

die Alten trafen sich recht oft in dem Gedanken, wie närrisch es doch

eigentlich von ihnen gewesen sei, jenen Unterschieden eine wesentliche

Bedeutung beizulegen: »Zwei Strömungen im deutschen Studentenleben, jede

in ihrer Art gleich bewußt und sicher, wenn auch unterschiedlich in

belanglosen Einzelheiten, demselben Ziele zustrebend, aus den jungen

Leuten in einer heiteren, formvollen Freiheit tüchtige Männer fürs Leben

zu bilden. Wirkliche Gegensätze bestehen eigentlich gar nicht zwischen

ihnen. Und so kreuzen sie sich ja auch schon längst nicht mehr.«

* * * * *

Just an demselben Abend und genau zur selben Stunde, als die beiden

Alten, die am nächsten Tag ihre Söhne zum Ferienbesuch erwarteten, in

diesem Sinne beim Wein miteinander redeten und die Gläser aneinander

klingen ließen mit einem: Prost das Korps! Prost die Burschenschaft!

begab sich in einer Bierwirtschaft der benachbarten Universitätsstadt,

die von Couleurstudenten nur nach Schluß des Couleursemesters besucht

werden durfte, folgendes.

In dem überfüllten, vollgequalmten Raum, in dem eine Biermusik einen

greulichen Lärm verübte, saß nahe der Tür eine Schar angetrunkener

Studenten, die das instrumentale Getöse der Kapelle mit nicht minder

turbulenter Vokalmusik begleiteten. Da öffnete sich die Tür, und ein

Schwarm anderer Studenten trat herein, nicht weniger betrunken als die,

an deren Tische sie vorbei mußten.

Der erste von den Eintretenden, dessen Augenglas von der Hitze des

geschlossenen Raumes angelaufen war, stieß im Vorbeiwanken an den

zunächst stehenden Stuhl und schob sich ohne Entschuldigung weiter.

Da wandte sich der, der mit dem Stuhle auch einen Stoß erhalten hatte,

halb um und rief, nach Art eines stark Angetrunkenen etwas lallend:

»Kann der Prolet nicht Pardon sagen?«

Kaum, daß diese Worte gefallen waren, fühlte er auch schon die Hand des

also Apostrophierten, der sich mit einem Ruck umgewandt hatte, auf

seiner Wange.

Seine Kameraden sprangen auf, er stürzte sich auf den, der ihn

geschlagen hatte, aber dessen Begleiter warfen ihn zurück.

Eine Weile Tumult, erhobene Arme, Geschrei, Kreischen der

Kellnerinnen, -- dann wurden die eben Angekommenen auf die Straße

geschoben, gefolgt von einem vom Tische des Geohrfeigten, der dessen

Karte dem, der den Schlag geführt hatte, übergab und dafür dessen Karte

erhielt.

»Na, Karlemann, da hättest du dir ja noch vor Torschluß die obligate

Pistolenkiste bestellt,« rief einer von dessen Begleitern, während

dieser die empfangene Karte vor die noch immer undurchsichtigen

Klemmergläser hielt.

»Spar dir die Lektüre zum Frühstück, Jostchen! Wie der Mann heißt, dem

ein Loch in die Hose geschossen werden soll oder muß, ist ohnehin

gänzlich irrelevant,« bemerkte ein anderer.

Karl Jost steckte die Karte in die Westentasche. Die Gesellschaft

entfernte sich unter Gelächter und dem Gesange: 'Kauf dir, mein Freund,

ein Pistolet!'

* * * * *

Als Karl am nächsten Morgen erwachte, gab sein wirrer Kopf zunächst

keine weitere Erinnerung her, als ein wüstes Durcheinander von

unzusammenhängenden Einzelheiten und ein Gefühl, daß irgend etwas

Dummes, ihm im höchsten Grade Fatales passiert sei.

Karl Jost hatte sich bisher, so gut es eben möglich gewesen war, auch

vor dem Zuviel im Trinken gehütet, und so genierte ihn schon der

Gedanke, besinnungslos betrunken gewesen zu sein. 'Franz wird mir eine

nette Pauke halten,' dachte er sich, 'wenn ich's ihm berichte. Aber

schließlich: Der erste Tag der Inaktivität!'

Denn es war der Abschied von den Korpsbrüdern gewesen, den man,

allerdings nicht ganz auf solenne Manier, gefeiert hatte, da Karl, mit

Schluß des Semesters inaktiv geworden, im nächsten Semester eine andere

Universität besuchen wollte.

Franz, der im gleichen Falle war, würde wohl auch entsprechend

gesündigt haben, tröstete er sich. Es war ja bisher fast immer so

gewesen, wenn einer dem anderen was zu beichten gehabt hatte, daß der

Beichtabnehmer an die Absolution selber auch eine Beichte fügen mußte.

Karl stand auf und begrüßte, wie immer, zuerst das Bild seiner Braut,

das drüben auf dem Schreibtische stand. Da fiel ihm ein weißes Kärtchen

in die Augen, das vor der Photographie lag, und sofort trat das

Geschehene in lebhafter Erinnerung vor ihm hin.

Das war ja die Karte des Menschen, den er geohrfeigt hatte!

Was für dumme Geschichten! Wie unwürdig und widerwärtig!

Und dazu die Konsequenzen, wenn der Geschlagene »honorig« dachte, was ja

durch die Auswechselung der Karten wahrscheinlich erschien....

Karl wurde ernst bei diesem Gedanken.

Er hatte durchaus nichts vom Raufbold in seiner Natur und hatte nie

anders als auf Bestimmung mit Angehörigen der anderen Korps gefochten.

Der Gedanke an einen ernsthaften schweren Ehrenhandel war ihm, der jede

Herausforderung sowohl wie jeden Anlaß, herausgefordert zu werden, immer

vermieden hatte, schon an sich zuwider, aber nun gar die sichere

Aussicht auf eine Pistolenmensur mit einem ihm ganz gleichgültigen

Menschen, von dem er nicht einmal wußte, wie er aussah, und gegen den er

sich tätlich vergangen hatte, ohne zu wissen, was er tat....

Karl hätte nicht der gesund empfindende und verständig denkende Mensch

sein müssen, der er war, wenn ihm das ruchlos Widersinnige einer solchen

Notwendigkeit nicht schwer auf die Seele gefallen und als eine absurde

Scheußlichkeit erschienen wäre. Trotzdem suchte er auch nicht eine

Sekunde der Überzeugung auszuweichen, daß, wie nun einmal der Ehrenkodex

in allen Fällen tätlicher Beleidigung bestimmte, nur ein Austrag mit der

Pistole erfolgen konnte. Er wußte, daß der _S. C._, für den Fall, daß

jener andere einer solchen Austragung würde ausweichen wollen, ihn sogar

moralisch dazu zu zwingen versuchen würde. An eine Möglichkeit für ihn,

Karl, die Sache auf vernünftige Weise durch eine Erklärung des

Bedauerns aus der Welt zu schaffen, war gar nicht zu denken, nach dem

unumstößlichen Satze aus der Logik der Ehre: Eine Realavantage kann (und

muß) man zwar immer bedauern, aber niemals zurücknehmen. Und auch der

Umstand der beiderseitigen Betrunkenheit konnte nicht »ziehen«, weil

durch die Auswechselung der Karten ja dokumentiert worden war, daß beide

die Tragweite des Geschehenen erkannt hatten.

Auch jetzt, wie Karl alles dies mit ernstem Bedauern bedachte, galt sein

nächster Gedanke dem Freund: 'Was wird Franz zu dieser heillosen

Geschichte sagen! Und wenn es tausendmal gegen den Komment verstößt: Das

kann ich nicht vor ihm geheimhalten!'

Er trat an den Schreibtisch und ergriff die Visitenkarte. Aber im selben

Augenblicke ließ er sie auch schon wieder fallen und griff sich mit

beiden Händen nach der Stirn. Auf der Karte stand: Franz Zoller, _stud.

med._ ...

»Aber um Gottes willen!« rief er laut aus, »das ist ja doch ...« und

tastete nochmals nach der Karte.

Dann fiel er auf einen Stuhl hin und starrte ins Leere.

Es war ihm unmöglich, einen Gedanken zu fassen. Er fühlte nur immer

wieder das eine: Wahnsinn! Wahnsinn! Wahnsinn!

Da klopfte es an die Türe. Er öffnete: Im dunklen Flur stand Franz. Aber

im nächsten Augenblicke war er auch schon im Zimmer und lag dem Freunde

an der Brust.

Zum ersten Male geschah, was nie geschehen war bisher, sie küßten sich.

Dabei rollten Karl die großen Tränen über die Backen.

Franz aber lachte munter und sprach: »Aber Karl! Tränen? Von wegen ein

paar Pistolen?«

Karl riß die Augen auf und rief: »Ja denkst du denn, wir sollen uns

wirklich....?«

»Aber natürlich, Karl! Wir werden uns doch nicht exkludieren lassen und

am letzten Tage unserer großen Komödie aus der Rolle fallen?«

»Ich begreife dich nicht. Die Sache ist, weiß Gott, zu ernst, um Witze

zu machen.«

»Die Witze macht das Schicksal, nicht ich. Das Schicksal will, daß wir

unsere Komödie mit einem Knalleffekt schließen. Also: Knallen wir!«

»Franz, ich bitte dich!«

»Du scheinst mir einen netten Kater zu haben, mein Lieber, daß du

absolut nicht kapierst. Bitte, wozu ist die Natur da, wenn man nicht ein

paar Löcher hineinschießen kann? -- Na, siehst du wohl? -- Wirklich, es

ist das Einfachste und Schmerzloseste. Fordere ich dich nicht, werde ich

exkludiert. Nimmst du nicht an, wirst du exkludiert. Sentimentalitäten

-- gilt nicht. Aber Komödie spielen, das gilt. Wer A sagt, muß B sagen.

Sollen wir diese drei Semester so brav bei der Stange geblieben sein, um

genau im letzten Augenblicke durchzugehen? Unsinn! Wir sind nicht die

ersten, die mit ernsten Mienen die Atmosphäre durchlöchert haben. Die

Pistole ist das harmloseste Instrument von der Welt, wenn man einen

vernünftigen Gebrauch von ihr macht. Ich werde drei Meter hoch über

deine werte Schädeldecke weg ins himmlische Blau zielen, und du wirst

die Blümlein auf der Au mit dem todbringenden Blei lädieren. Vorher aber

bitte ich dich um eine Liebe.«

»Was denn?«

»Bitte, sage zu mir: Du alter, ekliger Prolet du!«

»Jetzt bist aber wirklich verrückt, mein Junge.«

»Ach so, du weißt wahrscheinlich gar nicht, daß ich dich einen Proleten

genannt habe?«

»Mein Gott, das hast du? Gottvoll!«

»Allerdings, das habe ich, und dafür muß ich gezüchtigt werden. Also,

los!«

»Na, ja! Du alter, ekliger Prolet du!«

»So, und jetzt gestatte, daß ich meinerseits, damit wir quitt werden,

dir eine kleine niedliche Ohrfeige verabreiche. Weißt du, nur, um mir

nicht sagen lassen zu müssen, daß mich ein Korpsstudent ungestraft

gemaulschellt hat.«

»Aber natürlich, bitte, bediene dich!«

Und Franz gab dem Freund einen leisen Patsch auf die Wange. Dann lachten

beide recht herzlich und verabschiedeten sich, weil jeden Augenblick

Franzens Korpsbrüder in der wichtigen Mission bei ihm erscheinen

mußten, die ihnen nun der Komment auferlegte.

* * * * *

Schon am nächsten Morgen trafen sich die beiden Parteien in einem

Gehölze nahe der Stadt.

Die Forderung war auf einmaligen Kugelwechsel bei ziemlich weiter

Entfernung gestellt und angenommen worden, und die Sekundanten suchten

die Entfernung durch phantastisch große Schritte beim Abmessen noch zu

vergrößern.

(»Diese ganze Knallaktion geht ja nur vor sich, damit das Kind einen

Namen hat,« meinte Franzens Sekundant, um zu kennzeichnen, daß die Sache

nicht gerade um Tod und Leben ging.)

Immerhin merkte man allen Beteiligten eine gewisse Aufregung an.

(»Kurios,« meinte Karls Sekundant, »was so ein paar glatte Pistolenläufe

für eine Suggestion ausüben. So eine Pistolenchose macht sich doch immer

recht dekorativ.«)

Als die Gegner einander gegenübertraten und sich nach der Sitte mit

einer Neigung des Kopfes begrüßten, hätte ein genauer Beobachter

bemerken können, was für ein seltsames Leuchten in ihren Augen war.

Dieses Leuchten sprach einen ganzen Satz aus: »Du alter lieber Kerl

drüben, gelt, du fühlst wie ich, daß wir diese Komödie nicht um ihrer

selbst und aus einer frivolen Lust spielen, sondern, weil es uns nun

einmal von einem wunderlichen Schicksal bestimmt ist, einen Mummenschanz

zu treiben, damit ein paar gute alte Leute ihr Vergnügen haben. Dies

aber, gottlob! ist die letzte Szene der Komödie.«

* * * * *

Das Kommando fiel. Wie aus =einer= Pistole geschossen krachten

gleichzeitig zwei Schüsse.

Da, ... heiliger Himmel, ... was ist das?...

Karl sinkt in die Kniee, greift sich mit beiden Händen an den Leib und:

»Karl! Karl!« schreit Franz und stürzt hinüber, dicht neben ihn hin,

verzweifelten Antlitzes totenbleich dem Freunde in die Augen sehend, die

mit einem fürchterlichen Ausdrucke von Schmerz hin und her irren und

sich plötzlich verschleiern.

»Karl! Karl! Ich .... um Gottes willen .... was ist denn?.... Doktor,

Doktor!«

Karl, hinten vom Doktor gestützt, läßt den Kopf sinken.

»Tot? Tot?« Franz schreit, brüllt, ächzt es. Sein Sekundant, in einem

blöden Nichtbegreifen, will ihm zureden, ihn wegziehen.

Er stößt mit beiden Fäusten nach ihm und starrt nur immer in das

entseelte Auge des Freundes.

Wie aus einer unendlichen Ferne hört er, in einem seltsam höhnischen

Tonfall, so scheint es ihm, die Worte des Arztes: »Scheußlich! Die Kugel

muß von einem Stein abgeprallt sein; sie ist von unten, offenbar ganz

deformiert, in den Leib gedrungen; eine greuliche Fetzwunde. Hier ist

alles vorbei.«

Franz sinkt bewußtlos neben dem Freunde hin.

* * * * *

Die Burschenschaften und die Korps geleiteten zwei Tage später in einem

Zug vereint die Leichen der beiden Freunde zu Grabe.

Franz hatte sich noch am Abend des Duelltags erschossen.

* * * * *

Die beiden Alten nahmen ihre Verbindungsbänder von der Wand weg. Auch in

ihren Herzen waren fortan nicht mehr die Farben schwarz-rot-gold und

grün-weiß-rot. Aber sie schlossen sich noch enger aneinander, denn einem

jeden von ihnen war zumute, als könne er keinen Weg mehr ohne Stütze

gehen.

Und die armen Frauen....

Die Geschichte ist zu Ende.

* * * * *

Von $Otto Julius Bierbaum$ sind u. a. früher erschienen:

$Romane.$

$Pankrazius Graunzer.$ 6. Aufl.

$Stilpe.$ 5. Aufl.

$Die Schlangendame.$ 4. Aufl.

$Das schöne Mädchen von Pao.$ 3. Aufl.

$Novellen.$

$Studentenbeichten.$ _I._ Reihe. 5. Aufl.

$Studentenbeichten.$ _II._ Reihe. 4. Aufl.

$Kaktus und andere Künstlergeschichten.$ 2. Aufl.

$Annemargreth und die drei Junggesellen.$ 2. Aufl.

$Die Haare der heiligen Frigilla.$ 1.-3. Tausend.

$Gedichte.$

$Irrgarten der Liebe.$ 26.-31. Tausend.

$Das seidene Buch.$ 2. Aufl.

$Dramatisches.$

$Lobetanz.$

$Gugeline.$

$Pan im Busch.$

$Stella und Antonie.$

$Zwei Münchner Faschingsspiele.$

$Die vernarrte Prinzeß.$

$Sonstiges.$

$Eine empfindsame Reise im Automobil.$

$Franz Stuck.$

$Hans Thoma.$

* * * * *

Hans von Kahlenberg

Nixchen

Ein Beitrag zur Psychologie der höheren Tochter. 50.-60. Tausend.

M. 1.50, geb. M. 2.50.

Dieses Buch ist in Deutschland verboten.

»$Der Tag$«: Gegen Hans von Kahlenberg schwebt ein Untersuchungsverfahren.

Grund: Eine in mehreren Auflagen erschienene Novelle »Nixchen«.

Nixchen ist die Tochter eines preußischen Geheimrates; »Beamter vom

alten Schlag, -- Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle.« Sie wohnen im

Berliner Westen; Geld ist knapp; Gesellschaften müssen sein; die Mädel

heiraten, wen sie kriegen; die eine einen Offizier; die andere einen mit

Draht; Nixchen, ehe sie den wohlhabenden Achim von Wustrow nimmt, einen

schwerfälligen Gutsbesitzer, erlustigt sich durch häufige Besuche bei

einem fesselnden Mann mit Glatze, der unterkittige Geschichten schreibt.

Sie gibt ihm .... _tout, excepte ça_ (wie die Formel in Frankreich heißt).

Und das wird beschrieben. Nixchen ist die ärgste nicht; denn ihre

Freundin Daisy Grimme ist weit ärger. Nixchens andere Freundin ist »die

Tochter eines pensionierten Generals, ein lustiges, schwarzäugiges

Plaudertäschchen«. Also: Ein deutsches Seitenstück zu den _Demi-Vierges_

des welschen Windhundes Prevost. Das Ganze -- vielleicht nichts zum

Fortleben für die Literaturgeschichte; aber sehr unterhaltende

Sittenstudie. Mit großer Verve geschrieben, voller Leben. Und eine Masse

Ehrlichkeit drin, -- neben dem dicken Raffinement der etwas fatalen

Technik. Zwei Freunde schreiben einander Briefe, der Gutsbesitzer und

jener kahlköpfige Herbert; der eine schreibt: ich liebe einen Engel;

gleichzeitig der andere: ich habe zufällig gestern eine Bekanntschaft

gemacht; die Bekanntschaft ist natürlich der Engel. Und so Schritt vor

Schritt weiter, in grobem Parallelismus.... Aber es soll meine Tugend

sein, das lebendige Buch nicht übergenau zu rezensieren. Denn es handelt

sich nicht darum, ob sich künstlerische Einwände erheben lassen. Sondern

darum: Ob das Ganze als Kunstwerk zu betrachten ist (nicht als Machwerk

zur Verbreitung von Unzüchtigem). Die Antwort ist ein zweifelloses Ja.

Damit muß die Entscheidung des Prozesses gegeben sein. Kommt er

zustande, dann ist der Verfasserin (nach dieser sechsten Auflage) die

fünfundzwanzigste verbürgt. Sie hat Glück, daß sie -- schon vorher

gelesen -- nun eintritt in die Reihe der vordersten Bekanntheiten

unserer Literatur. Dem beamteten untersuchenden Cato hinwiederum sei

gesagt: Solche Prozesse haben bekanntlich stets einen Mißerfolg für den

Staat oder den Anwalt des Staates, der sie macht. Man kann zuletzt doch

nicht die deutsche Übertragung der Rousseauschen Bekenntnisse verbieten,

auch nicht den Dekamerone, und die Lucinde ist für zwanzig Pfennige zu

haben. Keine Darstellung aber mit Kunstmitteln kann so verführend wirken

wie Dinge, die jeder jeden Tag sehen kann. Mein Lieblingsargument ist

das blonde Mädel mit wehendem Haar, das über die Straße rennt, die Röcke

zusammenrafft. Der Staat müßte solche blonde junge Mädel verbieten, die

zum Bäcker laufen. Eher hören Regungen und Empfindungen nicht auf, die

schon unsere gottverdammten Väter gehabt, -- da sie unsere Väter geworden

sind. Schwieriger Fall! Wenn der Gerichtshof diesmal verdonnert, so wird

Norddeutschlands oberste Klasse, die vor »Nixchen« geschützt werden

sollte, doch wieder in der Verfasserin getroffen, -- als welche nicht

die Tochter eines Feldwebels ist, sondern eines lebenden preußischen

Oberstleutnants.

=Alfred Kerr=.

* * * * *

Arthur Schnitzler

Reigen

Zehn Dialoge. -- 20.-25. Tausend. M. 3.50, geb. M. 5.--.

»$Münchner Neueste Nachrichten$«: »Es ist das Buch der Saison, das

Schnitzler geschrieben hat. Es ist ein scharmantes Werk, voll Anmut und

Grazie.... Das scheint schon ein gewichtiges Lob und doch erklärt es

noch nicht, warum diesen zehn Dialogen ein Massenerfolg beschieden war.

»Reigen« ist ein gewagtes, ein »frivoles« Buch und sein Erfolg ist ein

Pikanterie-Erfolg. Damit soll beileibe nicht der Dichter getadelt

werden, sondern das Publikum. Die künstlerischen Qualitäten der

Gespräche haben mit dem Aufsehen, das sie erregen, nichts zu tun. Daß

sich hinter den erotischen Ereignissen dieser Szenen eine beinahe

überfeinerte Psychologie und eine vornehme lächelnde Menschenverachtung

bergen, merkt auch die in der Kunst stets am Stoffe klebende Menge

nicht. Wie wären sonst die zahlreichen Entrüstungen eifriger Moralisten

zu erklären, die es wagten, den Dichter als skandalsüchtigen

Zotenreißer hinzustellen! Es sei ohneweiters den nach Polizei

schreienden Tugendwächtern zugegeben, daß die Kühnheit der Dialoge

etwas Herausforderndes hat. Es sind zehn kleine Komödien des

Geschlechtstriebes, in deren Höhepunkten der Dichter stets zu schweigen

und die Interpunktion zu reden beginnt. Dirne und Soldat, Soldat und

Stubenmädchen, Stubenmädchen und der junge Herr, der junge Herr und die

junge Frau, die junge Frau und der Ehegatte, der Ehegatte und das süße

Mädel, das süße Mädel und der Dichter, der Dichter und die

Schauspielerin, die Schauspielerin und der Graf bilden einen Reigen, der

sich mit der Vereinigung des Grafen und der Dirne schließt. Die Vorhänge

der verschwiegensten Alkoven öffnen sich, und die geheimsten Geheimnisse

dürfen wir hören. Die Liebe in ihrer konkretesten Form ist das einzige,

zehnmal variierte Thema des Buches und trotz der außerordentlichen

Wahrhaftigkeit des Tones, in dem die Gespräche gehalten sind, fällt kaum

ein unzartes Wort. Vielleicht noch nie sind die femininen Listen

sicherer beobachtet und diskreter nachgezeichnet worden. Ein Chirurg der

Seele zeigt uns ihre verborgensten Verrichtungen und dringt hier in

Gebiete, die bisher der Kunst _terra incognita_ waren.«

* * * * *

Raoul Auernheimer

Rosen, die wir nicht erreichen

Ein Geschichtenband.

2. Auflage. M. 2.--, geb. M. 3.--.

»$Hamburger Fremdenblatt$«: Der »Wiener Verlag«, der uns bereits die

Kenntnis einer Anzahl wirklich guter und origineller Bücher vermittelt

hat, läßt mit seinen »Rosen, die wir nicht erreichen«, abermals ein

gediegenes Werk in die Öffentlichkeit hinausgehen. Der Erzähler dieser

kurzen Geschichten aus dem Leben erfreut sich einer Frische und

Selbständigkeit der Anschauung und dabei eines Stiles von so

bestrickendem Reiz, daß man den Autor ohneweiters in die erste Reihe der

modernen Erzähler zu stellen hat.

»$Berliner Nationalzeitung$«: (Welt am Montag.) Wer Raoul Auernheimer, der

jedem auf literarischem Gebiet Versierten wohl schon begegnet ist, noch

nicht kennt, der sollte diesen Geschichtenband zum Vermittler einer

zweifellos sehr genußreichen Bekanntschaft machen. Auernheimers

Geschichten werden alle ohne Ausnahme von einem feinen Humor und einer

noch feineren Satire getragen. Der Dichter schaut von hoher Warte auf

Welt und Menschen herab......

* * * * *

Raoul Auernheimer

Lebemänner

Novelle. 2. Auflage. M. 1.--, geb. M. 2.--.

»$Neues Wiener Tagblatt$«: Eine feine Studie aus dem Alltags- und

Liebesleben, deren Held Konrad Spreckelmayer heißt, seines Zeichens

Doktor ist und aus der altertümlichen Stadt Prag stammt. Das letztere

ist nicht unwichtig. Um in Wien den erotischen Entwicklungsgang zu

nehmen, der Spreckelmayer beschieden ist, muß man aus Prag kommen -- das

können manche bestätigen.

Das höllische Automobil: Novellen · 第 5 / 6 段