Einfall eine volle Männerstimme. »Ich bin, glaube ich, neben meiner Frau
der einzige Mensch, der wirklich mit einem Engel in fühlbare Berührung
gekommen ist, und ich denke, meine Frau ist in diesem Falle einmal
meiner Meinung, wenn ich erkläre: Wir haben dabei die fatalsten
Erfahrungen gemacht. Gelt, Eva?«
»Na, das will ich meinen,« erwiderte eine angenehme Frauenstimme: »eine
Roheit war's. Mich hat er alleweil mit seinem Säbel in den Rücken
gepufft.«
»Aha,« sagte der Graf. »Adam und Eva werden auch munter. Ich bin doch
gespannt, ob sie im Stile ihres neuen Herrn immer aneinander vorbeireden
werden. (Die beiden Buchsbaumfiguren waren nämlich das Geschenk für
einen Dichter, dessen Spezialität in einem Dialog bestand, dessen
Gegenreden sich nie berührten, sondern einander wie zwei Parallelen erst
im Unendlichen trafen -- worauf man aber im Verlaufe eines Theaterabends
nicht warten kann.)
»Ach, du lieber Gott,« antwortete darauf der schöne Adam, »das brauchten
wir nicht erst von dem zu lernen. Das ist bei uns vom Anfang an so
gewesen. Denn, red' ich hüh, so red't sie hott, und sprech' ich von
Kindererziehung, so spricht sie von einem neuen Hut, und bring' ich das
Gespräch auf den bewußten Apfel, so biegt sie in das Gebiet des
Frauenstudiums ab. Das ist sogar schon vor der Apfelspeise so gewesen.
Dazu war nicht einmal der sogenannte Sündenfall nötig. Man sollte
meinen, sie wäre aus der Rippe von jemand ganz anderem gemacht. Ich hab'
so meine Gedanken darüber.«
»Gedanken hat er!« rief die rundliche Eva aus und bewies damit, daß sie
doch auch auf Adams Worte einzugehen wußte, wenn's ihr gefiel.
»Gedanken! Als ob ein Mann jemals Gedanken hätte! Die Gedankenarbeit
fängt überhaupt erst jetzt an, seitdem wir studieren dürfen. Ich
schreibe jetzt an einer Geschichte des Paradieses, Herr Graf, und ich
will nicht Eva heißen, wenn ich nicht quellenmäßig nachweise, daß dieser
Tolpatsch da an dem ganzen Unglück schuld ist. Nämlich, wissen Sie, die
Schlange und ich, wir hatten uns die Geschichte so gedacht ...«
»O Gott, o Gott, o Gott, jetzt fängt =das= wieder an,« rief Adam voller
Schrecken. »Ich bitte Sie, Herr Graf, schenken Sie meiner Frau was
Hübsches um den Hals, damit sie auf andere Gedanken kommt, sonst kriegen
wir ihre ganze Doktordissertation zu hören.«
Der Graf, galant wie alle seines illustren Hauses, erhob sich, so schwer
es ihm auch wurde, sogleich, brachte das windschiefe Wrack seiner
Leiblichkeit nach einigen erfolglosen Bemühungen schließlich wirklich in
Bewegung, daß es in einem skurrilen Zickzack zum Christbaum hinüber zu
kreuzen vermochte, und legte sein goldenes Armband um den Hals der
niedlichen Eva, die von nun an ganz in der Betrachtung des Geschmeides
aufging und kein Sterbenswörtchen mehr sprach.
Dafür bemerkte der Graf zu Adam: »Sie müssen ein guter Kunde für die
Goldschmiede sein, Herr von Adam!?«
»Ach Gott, ja,« erwiderte der, »die Hauptsache aber sind doch
Goldschmiede=worte=. Sehen Sie: die Frauen, wir wollen es uns nur
gestehen, sind doch das Beste, was wir auf dieser Erde haben, seitdem
man es für richtig befunden hat, uns aus dem Paradiese auszuweisen -- wo
es übrigens, nebenbei bemerkt, lange nicht so amüsant war, wie sich das
die Theologen vorstellen. Die Frauen, fürs Eskamotieren von Natur aus
begabt, haben auch aus dem Paradiese das Wertvollste eskamotiert: so
einen gewissen Abglanz, oder wie soll ich nur sagen: eine Art
Versprechen und Zuversicht des Vollkommenen, Ursprünglichen, Kindlichen.
Wir legen ihnen davon vielleicht etwas mehr unter, als sie wirklich
haben -- aber etwas davon ist doch in ihnen. Jedenfalls reizen sie uns
immer, es in ihnen zu suchen und es durch die Verbindung mit ihnen zu
gewinnen. Aus diesem Reize kommt und in dieser Verbindung ist aber die
Liebe. Und dafür, Herr Graf, nicht wahr, für diesen ewigen, aller Wunder
vollen Schatz müssen wir ihnen wohl viel nachsehen, was uns, weil wir ja
so anders sind, als sie, manchmal an ihnen geniert, und dafür müssen wir
ihnen mit dem danken, was ihnen das Wertvollste an uns dünkt: mit immer
bereiter, nie ermüdender Zärtlichkeit, Aufmerksamkeit, Gütigkeit. Es ist
fast, als ob ihnen der äußere Ausdruck, das Zeigen der Liebe wertvoller
erschiene, als deren Vorhandensein selbst. Zu wissen, daß der Mann sie
liebt, genügt der Frau nicht, sie will die Liebe fortwährend, und auch
im Kleinsten, immer und immer wieder dokumentiert sehen. Wir können ja
vielleicht finden, daß das etwas äußerlich ist, und wir sind manchmal
geneigt, uns sehr großartig vorzukommen, weil wir es uns im Grunde am
Bewußtsein der Liebe genügen lassen, aber eigentlich ist es doch sehr
gut, daß die Frauen so -- äußerlich sind. Denn schließlich ist aus dieser
weiblichen Art ein gut Teil unserer Gesittung entstanden.«
Der Graf, der, wie die meisten Leute, die mehr Geist als ihre Umgebung
haben, auf artiges Zuhören nicht trainiert war, bemerkte: »Was muß ich
denn =Ihnen= schenken, damit ich um =Ihre= Dissertation herumkomme?«
»Man sieht,« erwiderte Adam, »daß Sie ein Junggeselle sind, denn sonst
würden Sie sich mehr für diese goldenen Grundregeln der andauernden
Liebe interessieren. Überdies komme ich aber jetzt auf einen Punkt, der
zu dem Feste, das Sie auf so absonderliche Art feiern, eine sehr nahe
Beziehung hat. -- Haben Sie sich schon einmal überlegt, warum der Tag
vor dem Christfeste Adam und Eva heißt?«
»Ich weiß nicht einmal, daß das so ist,« antwortete der Graf etwas
schläfrig.
Adam aber erwiderte: »Und doch ist das ein sehr glücklicher Einfall der
Kirche, wenn wir ihm auch besser eine andere Auslegung geben, als es
nach ihrem Wunsche sein mag. Sie, die überhaupt nicht gut auf uns zu
sprechen ist, weil wir uns nicht haben kirchlich trauen lassen und bloß
ziviliter verheiratet sind, meinte, mir und meiner Frau mit dieser
Postierung vor das Christfest eins auszuwischen. Sie hat diese nämlich
in dem Sinne vorgenommen: direkt vor die Erlösung das zu rücken, wovon,
nach ihrer Meinung, die Menschheit zu erlösen war: die Erbsünde. Sie
werden es mir nachfühlen, wenn ich diesem Gedankengange, der mich und
meine Eva zu Schwerverbrechern stempelt, wo wir doch bloß taten, was ihr
uns alle so gerne nachmacht, nicht gerne folge und es vorziehe, die
Sache anders auszulegen. Nämlich so: Ich meine, es ist damit ganz
einfach die irdische und die himmlische Liebe kalendarisch benachbart
worden als ein Sinnbild dafür, daß der Mensch die eine so nötig hat wie
die andere. Denn selbst Sie, Herr Graf, der Sie doch eigentlich nicht
mehr ganz komplett sind, kommen ohne ein bißchen Erbsünde nicht aus, ganz
zu geschweigen von Ihren Kameraden da, die in diesem Punkte allen
Ansprüchen vollkommen genügen. Ich gönne es Ihnen und ihnen, freue mich
darüber und möchte nur wünschen, daß sie (und Sie!) auch sonst mehr nach
mir geraten wären. Denn, abgesehen davon, wie Sie (und sie!)
aussehen, -- =das= möchte ich Ihnen bei dieser Gelegenheit doch bemerken:
=Ich= habe =niemals= Theaterstücke geschrieben und nie Leute ausgerichtet!«
»Weil du kein Talent dazu hast und keine Leute da waren,« warf Eva
schnippisch ein.
»Was?!« rief Adam aus, »ich kein Talent? Ich, der ich täglich zwölf
Gedichte auf dich gemacht habe, damals, als ich noch nicht wußte, wie du
dich auswachsen würdest? Und »keine Leute?« Ist der liebe Gott etwa
nichts? Hätte ich nicht den lieben Gott ausrichten können und dich und
die Schlange? Ich sage dir, mein Kind, diese Herrschaften hier würden,
wenn jeder von ihnen allein auf der Welt lebte, ihren Stiefelknecht
verleumden, ihrer Zahnbürste ein schmutziges Verhältnis mit ihrer
Seifenschale andichten und ihrem Sacktuche unehrenhafte Handlungen
nachsagen.«
Der Graf, weit entfernt davon, Widerspruch zu erheben, bemerkte
seelenruhig: »Sie sind von Ihrem Thema abgekommen, Herr von Adam.«
»Richtig«, antwortete der, »und das tut mir leid, denn ich wollte von
=guten= Dingen reden; und =das= wars, was ich sagen wollte: Ihr solltet am
heutigen Tage recht fleißig auch an Adam und Eva denken, und der Gedanke
wäre, obwohl die Beiden, Gott sei Dank, keine Heilige waren, so wenig
sündig wie der Gedanke an Raffael oder Mozart oder Goethe oder sonst
einen der Herrlichen, die die Erde mit ihrem Leben und Schaffen
geschmückt haben. Denn der Gedanke an uns leitet auch in diesem Sinne
hinüber zu dem Gedanken an den, dessen Tag dem unseren folgt, -- nicht
wie der Tag der Nacht, sondern wie ein Feiertag dem anderen Feiertag.«
* * * * *
Der Graf war schon lange eingeschlafen, als Adam sein letztes Wort
sprach. Auch die Kerzen in den Wandleuchtern verlöschten. Die Dichter
und ihre Verleger und Theaterdirektoren schnarchten in einer Harmonie,
die sonst selten zwischen ihnen bestand.
Schwarz-Rot-Gold und Grün-Weiß-Rot
Eine Studentengeschichte
Franz Zoller und Karl Jost waren Freunde von Kind an.
Selten sind solche Freundschaften. Denn es war bei ihnen viel mehr als
Gewohnheit. Sie hatten sich wirklich von Wesensgrund aus gern. Schon die
Zuckertüte des ersten Schulgangs teilten sie miteinander.
»Ich habe lauter Schokolade, Franz,« sagte Karl, »und ich lauter
Zuckerzeug,« entgegnete der, und sogleich schütteten sie Zucker und
Schokolade zusammen und zählten ab und teilten.
In der Bürgerschule sowohl wie im Gymnasium machten sie Klasse für
Klasse miteinander durch, hielten sich auch durchweg auf derselben Bank,
ja zumeist nachbarlich zusammen, gewissenhaft auch darin abwechselnd,
daß bald der eine, bald der andere den höheren Platz einnahm, denn, wie
sie einander in der Begabung die Wage hielten, so auch im Fleiße.
Im Charakter ähnelten sie sich gleichfalls.
Es waren beide gute, muntere, aufrichtige Jungen, harmonisch angelegte
Naturen von einer glücklichen Mischung der Gemütsgaben: Nicht
überbegehrlich nach irgendeiner Richtung hin, aber auch in keinem
Betracht stumpf und den jeweiligen Genußmöglichkeiten des Lebens
abgewandt. Nicht etwa geradezu Musterknaben, aber durchaus wohlgeratene
Burschen. Niemals Spielverderber, auch dann nicht, wenn es sich um
verbotene Spiele handelte, aber immer maßsicher dabei. Und dies nicht
etwa aus Berechnung oder frühreifer Lebensklugheit, sondern ganz von
Gnaden eines unbeirrbaren Instinkts für die gute Mitte, die überhaupt
das wesentliche an ihnen war.
Kein Wunder, daß ihre Eltern rechte Freude an ihnen hatten.
Franz war der Sohn des ersten Arztes der Stadt, Karls Vater
war ein pensionierter Offizier, der sich aus Liebhaberei mit
kriegsgeschichtlichen Studien beschäftigte. Beide Familien waren
wohlhabend, nicht reich, und jede hatte außer dem einen Sohn noch eine
jüngere Tochter.
»Unser Quartett,« sagten die Alten, wenn sie die vier beieinander
sahen -- und die beiden Mütter dachten sich wohl noch etwas Extras dazu.
Eigentlich waren die Eltern erst durch die Kinder einander nahe
gekommen, obwohl sie Haus an Haus draußen in der kleinen Villenvorstadt
des Städtchens wohnten. Denn im Grunde stand mancherlei einer
Freundschaft zwischen dem Doktor Zoller und dem Rittmeister a. D. Jost
entgegen.
Vornehmlich der Unterschied in der politischen Meinung.
Der Doktor war ein alter Achtundvierziger, was er noch immer durch einen
Heckerbart mit dazu gehörigem breiten Schlapphut auch äußerlich an den
Tag legte; der ehemalige Rittmeister aber pflegte sich »konservativ bis
in die Knochen« zu nennen.
Diesen politischen Standpunkten entsprachen die Universitätserinnerungen
der beiden Herren.
Über dem Schreibtisch des Doktors hing ein schwarz-rot-goldenes Band,
über dem des Rittmeisters, der erst nach einer ziemlich fröhlichen
Studentenzeit ins Heer getreten war, ein grünweiß-rotes, das Zeichen
seiner Angehörigkeit zu einem Korps der benachbarten Universitätsstadt.
Und sonderbar: Die politische Meinungsverschiedenheit gab nicht so oft
Anlaß zu Mißhelligkeiten, wie der Unterschied in ihren Sympathien für
die verschiedenen Universitätsverbindungsrichtungen.
»Sie sind und bleiben ein verbohrter Büxier, Doktor; mit Ihnen ist
überhaupt nicht zu reden; Sie sind durch die Buxenschaft heillos
verdorben!« pflegte der Rittmeister immer auszurufen, wenn sie über
irgend etwas miteinander ins Gestreite gekommen waren. Und:
»Korpserziehung, das ist's, was Ihnen fehlt; stramme Zucht und das
Gefühl für die notwendigen Schranken. Aber natürlich: Eine Verbindung,
die ein politischer Debattierklub ist -- daraus wird immer bloß
Jakobinertum«.
Der Doktor aber ließ sich solche Belehrungen nicht willig eingehen,
sondern riß an seinem wilden Bart und replizierte kräftig genug: »Daß
ich nicht lache! Korpserziehung! Ah bäh kann am Ende jeder Idiot auch
sagen und Stege an den Hosen (er dachte an seine Zeit) sind schließlich
auch nicht die Gipfel der Kultur. Erziehung zur Freiheit,
Mannhaftigkeit, Überzeugungstreue, Vaterlandsliebe, das ist mehr wert,
als den jungen Leuten beizubringen, daß ein glatter Scheitel und glatte
Redensarten bei den Vorgesetzten beliebt machen. Der Korpsier ist die
Karikatur des deutschen Studenten, von dem =wir= sangen: Frei ist der
Bursch!« --
Nach solchen Diskursen schieden die beiden mit roten Köpfen voneinander
und pflegten zu ihren Eheliebsten zu bemerken: »Schade um den guten
Zoller (oder Jost); er ist im Grunde ein prächtiger Mensch, aber sein
ewiges Buxentum (oder seine ewige Korpssimpelei) ist ganz und gar
unausstehlich. Das eine aber weiß ich: Unser Junge wird Burschenschafter
(oder Korpsstudent)!«
Die beiden Jungen aber, wenn ihre Alten ihnen auch, als sie sich der
Prima des Gymnasiums näherten, oft genug ihre schwarz-rot-goldenen oder
grün-weiß-roten Ideale predigten, hatten und zeigten wenig Sinn dafür.
»=Ich= springe mal =nicht= ein, Karl,« erklärte Franz, und Karl pflichtete
bei:
»Sollte mir gerade einfallen, mich als Korpsfuchs schurigeln zu lassen.«
Diese Abneigung gegen das studentische Couleurwesen kam einesteils
daher, daß beide einander viel zu gern hatten, als daß sie es hätten
wünschen können, auf der Universität die feindlichen Brüder zu spielen,
dann aber war sie auch eine Folge gewisser anderer Neigungen, denen sich
die beiden Gymnasiasten schon von Obersekunda an mit gleicher Stärke
hingaben.
Sie waren durch einen Kameraden, dem sie neidlos höhere Begabung
zuerkannten und durch dessen Belesenheit in moderner Literatur sie sich
gerne imponieren ließen, auf die Beschäftigung mit der zeitgenössischen
Dichtung hingeführt und so in einen Anschauungskreis gebracht worden, in
dem kein Raum für die üblichen Burschenideale war. Nicht, als ob sie
sich von gewissen, zwar verbotenen, aber darum erst recht ausgelassen
lustigen Zusammenkünften der übrigen ferngehalten hätten, in denen
verschiedene Prärogative des Studententums feuchtfröhlich vorweggenommen
wurden, aber sie bildeten dabei mit noch einigen eine Art stilleren
Extrawinkels für sich, und schließlich tat sich dieser zu einem
»literarischen Kränzchen« zusammen, in dem man die damals gerade
einsetzende moderne literarische Bewegung aufmerksam verfolgte und nicht
weniger laut über Naturalismus und Idealismus debattierte, als es in den
damals florierenden Literaturkampfblättern geschah. Wenn sich Franz und
Karl dabei, auch hierin einmütig wie sonst, für M. G. Conrad,
Liliencron, Conradi erhitzten und in einem gewaltigen Abscheu vor Paul
Heyse erglühten, so konnten sie unmöglich noch Elan genug für Korps oder
Burschenschaft aufbringen.
Im übrigen lagen sie nach wie vor ihren von der Schule gebotenen Studien
fleißig ob und begannen auch nach und nach der Frage ihres zukünftigen
Universitätsstudiums näherzutreten.
Dabei stellten sich aber schon Schwierigkeiten mit den beiderseitigen
Eltern ein. Der alte Rittmeister wünschte seinen Sohn einmal als
Juristen in Amt und Würden zu sehen, der Doktor konnte sich den seinen
nur wieder als Mediziner denken, aber die beiden Literaturverehrer
fanden, daß nur ein irgendwie literarisches Studium imstande sein werde,
sie ganz auszufüllen.
Franz gedachte sich für romanistische, Karl sich für germanistische
Philologie zu entscheiden.
»Dummes Zeug,« erklärten die beiden Väter, die sich hier einmal in
vollster Harmonie der Meinungen trafen und auch oft gemeinschaftlich
miteinander zu Rate gingen, was wohl am besten zu tun sei, um die beiden
Jungen, die sich jetzt zum erstenmal schwierig zeigten, auf den rechten
Weg zu leiten.
Das war zur Zeit, als die beiden in Unterprima saßen und der Wohltat der
ersten Tanzstunde teilhaft wurden.
Um diese Zeit begab es sich, daß Franz die Bemerkung machte, er sei in
Karls Schwester Anna verliebt, und Karl gegenüber Klara, der Schwester
Franzens, derselben Gefühle inne wurde.
Zuerst gestanden sie es einander und erteilten einander sogleich auch
den brüderlichen Segen.
Sodann ging ein jeder zu seiner Schwester, des Freundes Brautwerber zu
machen.
Und es ergab sich alles (woran auch keiner gezweifelt hatte) nach
Wunsch. Das Quartett der heimlichen Liebe war fertig und stimmte aufs
beste.
Die Alten taten, als merkten sie nichts, freuten sich aber im stillen
herzhaft über die heimliche Hausmusik, von der sie ja ganz sicher sein
konnten, daß sie nichts Unziemliches üben und produzieren würde.
Die beiden Mütter, bisher in den Meinungsverschiedenheiten zwischen
Vater und Sohn zuwartend neutral geblieben, aber im Innern durchaus der
Überzeugung sicher, daß das klügere Alter ganz gewiß nicht bloß das
Rechte wollte, sondern auch erkannte, fanden es nun an der Zeit,
ihrerseits sanft leitend einzugreifen, und zwar eben im Hinblick auf das
gute Zusammenspiel des Quartetts. Denn sie sagten sich mit mütterlicher
Psychologie: Jetzt, wo die Jungen ein Geheimnis mit sich herumzutragen
glauben, von dem sie nicht wissen, welchen Eindruck es hervorbringen
wird, wenn sie es einmal enthüllen müssen, jetzt werden sie fügsamer
sein als je.
Und sie irrten sich nicht.
Wie die Jungen merkten, daß von ihrem Nachgeben bei der Wahl des
zukünftigen Studiums es abhinge, ob die gestrengen Alten in der Wahl der
zukünftigen Braut Nachgiebigkeit an den Tag legen würden, waren sie bald
entschlossen, die romanistische und germanistische Philologie zu opfern
und in die sauren Äpfel der Juristerei und Medizin zu beißen, wenn ihnen
dafür die süßen Äpfel aus dem Liebesgarten in greifbare Nähe gerückt
würden.
Das war freilich nicht sehr überzeugungstreu gehandelt und eigentlich
Felonie gegen das literarische Kränzchen, aber wenn man neunzehn Jahre
alt ist und im Feuer der ersten Liebe steht, darf man für solche
Abtrünnigkeit wohl mildernde Umstände zugebilligt erhalten.
»Weißt du, Franz,« erklärte Karl, als er, etwas zaghaft, seinen
Treubruch bekannt hatte, »ich mußte doch auch an deine Schwester denken,
und daß ich als Jurist viel bessere materielle Aussichten habe.
Jedenfalls können wir viel früher heiraten.«
Karl fand diese Überlegung durchaus weise und wurde durch sie der
Notwendigkeit überhoben, auch seinerseits Entschuldigungen vorzubringen.
Dafür bemerkte er, daß man ja auch als Arzt und Jurist der schönen
Literatur alle möglichen Opfer an Hingabe und Förderung bringen könne.
Nur vor ihrem literarischen Mentor, jenem Kameraden, der ihnen den
Geschmack an Literatur beigebracht hatte, hatten sie ein bißchen Angst.
Der aber zeigte sich, wie immer, auf der Höhe der Situation, indem er
äußerte: »Ihr konntet keinen vernünftigeren Entschluß fassen: Wenn
jeder, der sich für Literatur interessiert, Literat werden wollte, würde
die Literatur schließlich bloß noch Interessenten und kein Publikum
haben. Mir persönlich habt ihr überdies einen Stein vom Herzen genommen
durch eure Entschließung, denn ich habe mir schon manchmal Gedanken
darüber gemacht, ob ihr auch begabt genug dazu wäret, euch aktiv in
Literatur zu betätigen.«
Die guten Jungen fühlten sich durch dieses Verdikt sehr beruhigt und
begannen nun, wie es ihrer gesunden, resolut aufs Reelle gerichteten Art
entsprach, sich rechtschaffen mit ihrem ganzen Wesen auf ihren
zukünftigen Beruf einzustellen, indem sich ein jeder dessen schöne
Seiten und Möglichkeiten bewußt werden ließ.
Die Mütter triumphierten, und die Väter waren zufrieden.
Nun, so dachte ein jeder von ihnen für sich, werd' ich den Bengel schon
auch noch für meine alten Studentenideale einfangen.
Indessen, da wollte sich der gewünschte Erfolg durchaus nicht
einstellen. Allen noch so begeisterten Schilderungen, noch so
nachdrücklichen Zureden setzten die Jungen halsstarrig das eine
entgegen: Es gehe und gehe nicht, -- schon wegen ihrer Freundschaft. Sie
seien nun einmal ein Herz und eine Seele und wollten in allen Lagen des
Lebens immer und ausnahmslos bleiben, was sie von jeher waren:
Engverbundene Kameraden.
Vergeblich deklamierte der Doktor: Ehre! Freiheit! Vaterland! Vergeblich
wies der Rittmeister darauf hin, daß nur der zur Elite der
Studentenschaft gehöre, der Mitglied eines Korps sei. Vergeblich
betonten beide, daß es zu ihren innigsten Herzenswünschen gehöre, den
Sohn mit demselben Band geschmückt zu sehen, das sie einst selber
getragen hatten.
Es nützte alles nicht; die beiden Oberprimaner, deren Abgang von der
Schule schon in ein paar Monaten eintreten mußte, blieben standhaft bei
ihrem _non possumus._
Die Lage schien verzweifelt.
Da erschien wiederum der mütterliche Sukkurs auf dem Plan. Aber diesmal
mußte er sich einer komplizierteren Taktik bedienen, und die beiden
Hilfstruppen mußten gemeinsam vorgehen.
Sie pflogen Kriegsrat mit einander und einigten sich über die folgende
Gefechtsidee: Diesmal müssen wir die Mädels bange machen. Wenn ihr,
müssen wir sagen, euren Bruder dahin bringt oder wenigstens den Anschein
erweckt, als ob ihr ihn dahin gebracht hättet, nach Vaters Willen zu
handeln, so wird der, seid sicher, zum Dank dafür euren Herzenswünschen
so gewiß geneigt sein, wie er jetzt darin ungewiß ist. -- Nun werden die
Mädels freilich sagen: Der Bruder denkt ja gar nicht daran, auf uns zu
hören.
Dann müßte man eben das junge Volk ein bißchen auf eine andere
Möglichkeit stoßen.
Wofür sind wir die Alten, Erfahrenen? Es geht ja um einen guten Zweck,
und so dürfen wir wohl andeuten, daß, wenn auch der Bruder am Ende nicht
hören würde, der Freund des Bruders um so gewisser alle beide Ohren
aufmachen wird. Geschieht das nun aber auf beiden Seiten, so ist genau
das selbe erreicht, wie wenn ihr den Bruder überredet hättet, d. h. der
Vater ist zufriedengestellt.
Die mütterliche Doppelintrige, von den Töchtern sofort aufs gelehrigste
erfaßt und so geschickt ins Werk gesetzt, wie man es von jungen
verliebten Mädchen nur voraussetzen kann, führte noch kurz vor
Torschluß, nämlich in der Muluswoche der beiden Freunde, zum gewünschten
Ziele.
Natürlich handelten Franz und Karl im Einverständnis miteinander.
»Nun müssen wir also auch noch Komödie spielen wegen der Mädel,« so
faßte Franz die Sachlage in Worte. »Du mußt dich als Korpsier, ich mich
als Burschenschafter verkleiden, und wir müssen drei Semester lang so
tun, als verachteten wir einander grimmig. Es ist zum Totlachen! Wir
werden uns wie ein heimliches Liebespaar nur verstohlen treffen können
und auf der Straße aneinander vorüberschreiten, als kennten wir einander
gar nicht. Bloß in den Ferien wird Gottesfriede herrschen. Was wollen
wir aber dann auch miteinander vergnügt sein, Karl! Wie wollen wir dann
lachen über die Mummerei!« --
»Ja, das wollen wir,« war Karls Antwort, »aber, weißt du, die Sache hat
doch auch eine ernste und gerade darum erfreuliche Seite: Es ist die
erste Prüfung, die unsere Freundschaft zu bestehen hat. Ich zweifle
natürlich so wenig wie du daran, daß sie sie bestehen wird; das versteht
sich ganz von selber; aber immerhin, eine Probe aufs Exempel bleibt's,
und das ist gut.«
In dieser Stimmung traten sie ein jeder in die Verbindung ein, der sein
Vater früher angehört hatte. --