Dabei will ich gar nicht davon reden, daß es ein wahres Jammerbild und

in jeder Hinsicht verkommen war. Ich finde zu seiner Kennzeichnung nur

das eine Wort: gemein, und man wird es verstehen, wenn ich bekenne, daß

ich dieses Wesen aus voller Seele gehaßt habe. Es war besserer Gefühle

ebensowenig würdig wie fähig. Genug von ihm.

Ich sagte schon, daß Patsch mir nach dieser Kreatur, deren Namen ich

nicht einmal weiß, einen blendenden Eindruck machte. Da er von guter

Herkunft, Cleveland, Mittelsorte, ist, so kann das nicht weiter in

Erstaunen versetzen.

Das Jahr 1898 war überdies ein besonders guter Jahrgang für die

Clevelands. Aber das will im allgemeinen doch nicht viel sagen. Gewiß,

der Durchschnitt dieser Rasse ist immer gut, trefflich, in einem

gewissen Sinn tadellos -- aber auch nicht mehr. Die Clevelands sind im

allgemeinen wie gut gedrillte Soldaten; sie leisten das und das, und

zwar nicht wenig, was ihnen eben beigebracht worden ist, immer ungefähr

einer wie der andere ohne viel individuelle Einzelzüge -- es sind

Amerikaner. Selten, daß ein niederträchtiges Subjekt unter ihnen

vorkommt, selten aber auch, daß besondere Persönlichkeiten hervorragen.

Ich halte das natürlich für einen Vorzug der Rasse, aber immerhin, nicht

wahr, wenn einem gerade ein besonders begabtes Individuum zufällt, so

ist das nicht unerfreulich.

Nun! Patsch war so ein Individuum. Er war entschieden über den

Durchschnitt begabt, und ich würde vielleicht überschwenglicher über ihn

urteilen, wenn ich nicht das unerhörte Glück gehabt hätte, nach ihm

Tirili zu erwerben.

Ich hätte Patsch nicht aufgegeben, wenn ihm nicht ein Malheur passiert

wäre, an dem eine Schwäche von ihm schuld war, die ich längst erkannt

hatte: seine Bremse taugte nicht viel. Es war so eine geistlose, platte

Druckbremse, an der nichts bewundernswert war, als die Prätension, ein

laufendes Rad zum Stehen bringen zu wollen. Also gut! Ich fuhr eines

schönen Tages auf ihm am badischen Ufer des Untersees entlang, und zwar

war die Situation so: ich kam aus einem Walde heraus, der hochgelegen

war, und fuhr eine Weile planeben, wie mir schien; in Wahrheit aber fiel

der Weg bereits ein wenig, was ich aber nicht bemerkte, weil ich eben

eine Siziliane dichtete, eine Strophe, die italienischer Herkunft ist,

weshalb sie immer zwei Reime mehr erfordert, als man im Deutschen leicht

findet. Nun können Sie sich denken, daß man nicht zugleich Reime fangen

und auf den Weg achtgeben kann, und mir war natürlich der Reim

wichtiger, als der Weg -- denn es gibt überhaupt nichts Wichtigeres auf

der Welt als gute Reime. So kam es denn, daß ich, just als ich meinen

Reim gefunden hatte, die Pedale verlor, weil es plötzlich in einem ganz

unmöglichen Winkel bergab ging. Ich fühlte deutlich, wie Patsch von

einem Todesschrecken durchrieselt wurde, als seine Pedale keine Leitung

mehr fühlten und sich in einem wahnsinnigen Tempo wirbelig drehten, und

ich selbst hatte auch die deutliche Empfindung, daß ich in wenigen

Sekunden irgendwo in der Tiefe fragmentarisch anlangen würde. Also

_ultima ratio_: die Bremse. Lächerliche Illusion! Zwar verbreitete sich

augenblicks ein penetranter Geruch von heiß gewordenem Kautschuk, aber

das Tempo der Abfuhr verminderte sich so gut wie nicht. Dafür kam mir

ein Ochsenfuhrwerk gemächlich, aber sicher entgegen, und ich vermochte

mir, phantasievoll wie ich nun einmal bin, mit Blitzesschnelle

auszumalen, wie in fünf Sekunden Patsch an der Gabeldeichsel, ich aber

am Horn eines der Ochsen hängen würde. Mein letzter Gedanke war der eben

gefundene Reim: Karbatschen, den ich als Befähigungsnachweis für die

Seligkeit mit in die Ewigkeit hinübernehmen wollte, die sich meinen

angstvoll aufgerissenen Augen wie ein Tor mit durcheinanderkreisenden

Feuerrädern auftat -- da machte Patsch einen Riesensatz nach rechts und

raste auf einen Steinhaufen los. O du Patsch der Pätsche, o du Wunder

von einem Patsch! Das war meine Rettung, aber dein Ruin. Der brave

Cleveländer hatte sich, ein leuchtendes Beispiel von Dienertreue, für

mich aufgeopfert. Er nahm den Steinhaufen, torkelte noch ein Stück der

dahinter liegenden Böschung hinan, dann fiel er erschöpft und ohnmächtig

um, und ich lag, die Hände in seine Speichen gekrampft, auf ihm. Wie es

sich gebührt, sah ich erst nach, was ihm fehlte. Nun: er hatte seinen

Knacks weg. Das eine Pedal war ganz ab, das andere baumelte nur noch;

die Lenkstange hatte sich völlig verdreht; die Pneumatiks waren

zerschlitzt.

Der arme Kerl tat mir furchtbar leid, obwohl ich vollkommen Ursache

hatte, mir selbst leid zu tun, denn auch meine Pedale, sowie die

vorstehenden Teile des Gesichtes befanden sich in einem mehr

pathologischen als ästhetischen Zustande. So hinkten wir beide nach

Hause.

Bei Patschs guter Clevelandkonstruktion versteht es sich von selbst, daß

er wiederhergestellt werden konnte. Und er wurde wieder hergestellt.

Aber er blieb für mein Gefühl doch ein Krüppel, ein mißliebiger Anblick.

So sind wir Menschen. Dankbarkeit und Treue sind bei einem anständigen

Subjekt von Rad öfter zu finden, als bei uns. Ich beschloß, ihm zwar das

Gnadenöl zu geben, mir aber doch ein neues Rad anzuschaffen.

Ich hätte für diese Herzlosigkeit verdient, ein ganz niederträchtiges

Wesen aufgehängt zu bekommen, das sein Geschlecht an mir mit tausend

Tücken gerächt hätte, und siehe da -- was ist das für eine

Weltordnung! -- ich bekam, als sollte meine Gemütsroheit auch noch

prämiiert werden, das Rad der Räder, das Überrad: Tirili.

Auch Tirili entstammt der Clevelandfamilie, doch gehört sie deren

adeligem Zweig an, der Baronlinie der Luxusmodelle. Es wäre

Vermessenheit, wollte ich versuchen, ihr Äußeres zu schildern. Sie ist

einfach ein Erzengel an Schönheit und dabei hat sie einen Kettenschutz

aus Hartgummi und ölt sich selbst.

Ich will Ihnen lieber eins der Begebnisse erzählen, die ich in letzter

Zeit mit ihr erlebte; daraus werden Sie am besten ersehen, welch edle

Seele ihr innewohnt, welch adlige Eigenschaften sie besitzt, von welcher

Fülle aller Reize sie umflossen ist. Der alte, gute, treue Patsch

erscheint mir neben ihr ganz einfach als Omnibus -- ich kann mir nicht

helfen, so frevelhaft undankbar das auch klingen mag.

Gewiß, er überragte den Durchschnitt; er war ein Talent; aber Tirili ist

unendlich viel mehr, Tirili ist ein Genie, ein Wunder. Man sollte von

ihr nur in Versen reden oder, besser noch, man müßte nur Herrn Stephan

George darüber in Versen reden lassen, denn nur das erhabene Lallen ist

die kongeniale Ausdrucksweise für Tirili.

Nun lächeln Sie natürlich alle und finden, daß ich überschwänglich bin.

Aber Sie werden gleich anders denken, wenn Sie hören, was mir kürzlich

mit Tirili passiert ist.

Es war ein schöner Herbstmorgen und die Luft so klar, daß die bayrischen

Alpen wie zum Greifen nahe vor mir lagen. Trotzdem gedachte ich nur ins

Dachauer Moos hinaufzufahren, wo, wie Sie wissen, die Wiege des

malerischen Münchner Naturalismus stand, weshalb einige Pietät und ab

und zu eine Radpartie wohl geboten erscheint. Gleichzeitig wollte ich

bei dieser Gelegenheit den letzten Akt eines Dramas dichten, das Sie

hoffentlich nicht aus Empörung über diese Geschichte auspfeifen werden,

wenn es aufgeführt wird. Denn ich dichte immer, wenn ich auf Tirili

sitze, es sei denn, daß mir durchaus nichts einfiele. Sie meinen: ich

sollte lieber lenken? Da kennen Sie Tirili schlecht. Das gute Mädchen

würde es als eine Beleidigung auffassen, wollte ich die Lenkstange auch

nur angreifen. Sie liest offenbar Gedanken, denn bis jetzt hat sie mich

immer dorthin geführt, wohin ich wollte, oder wohin meine Gedanken sich

richteten.

Also gut. Ich tätschelte Tirili freundlich sowohl auf die vordere als

auf die hintere Pneumatik, freute mich, wie drall und prall das alles

war, und heidi ging es hinaus, die Nymphenburger Allee entlang. Schon

am Fenster der hübschen Nähmamsell links kam der Geist über mich, und

ich begann ein so heißes Dichten, daß ich weder vorwärts, noch rechts

und links, sondern nur immer in mich hineinsah, wo sich der letzte Akt

meines Dramas glatt und _con amore_ abspielte. Dieses Schauspiel

interessierte mich riesig, und ich sah nicht eher aus mir heraus, als

bis die Heldin so tot war, wie es nur eine Heldin sein kann, die es nach

göttlichem und menschlichem Recht verdient, tot zu sein. Wer beschreibt

aber mein Erstaunen, als ich, wie ich mich nun befriedigt umsah, mich

nicht etwa in Dachau, sondern auf dem Gipfel eines Berges erblickte, den

ich dank meiner Vorbildung auf einem deutschen Gymnasium sofort als die

Zugspitze erkannte? Du lieber Gott, sagte ich zu mir, die Zugspitze ist

doch 2974 Meter hoch und ganz voll Eis und Schnee, und der Arzt hat mir

ausdrücklich verboten, größere Steigungen zu nehmen und mich Erkältungen

auszusetzen -- da ging es auch schon wieder abwärts, und nur mit Hilfe

der wunderbaren Röllchenbremse gelang es mir, einige Wände ohne Unfall

hinabzukommen. Aber bei allem Bremsen mußte ich doch in einem ganz

unerhörten Tempo begriffen sein, denn nur dies vermag den Umstand zu

erklären, den ich Ihnen sofort und ohne viele Worte berichten will.

Ich sause also hinunter und komme plötzlich in eine Klamm, die, rechts

und links von senkrecht aufragenden Felsen eingeschlossen, nur oben Raum

für einen ganz schmalen, überdies völlig beeisten Weg bot. Ich hatte

meine Beine auf die Lenkstange gelegt und hielt die Arme verschränkt,

wie ich immer zu tun pflege, wenn ich mir sagen muß: hier kann nur

Tirili allein helfen.

Da, denken Sie sich meinen Schreck, sah ich am Ende der Klamm einen

dicken Bauern auf mich zukommen, dessen breite Figur den Weg völlig

einnahm. Einen Moment kam mir der idiotische Gedanke, zu läuten, aber da

war ich auch schon -- ja, wie soll ich nun sagen: über den Bauern weg

oder durch den Bauern durchgefahren? Ich muß unbedingt an die letztere

Möglichkeit glauben, denn ich bin mir durchaus nicht bewußt, daß wir,

Tirili und ich, über ihn weggesprungen sind. Andrerseits war freilich an

mir und dem Rad nicht das geringste zu sehn, das darauf hätte hindeuten

können, daß wir durch einen leibhaftigen Bauern hindurchgefahren waren.

Aber, wenn Sie die Schnelligkeit bedenken, mit der dies offenbar

geschehen war, so ist dieser Nebenumstand ja nicht weiter verwunderlich.

Auf alle Fälle ersuche ich Sie, nicht auf die Idee zu verfallen, ich

hätte den Bauern überfahren. Einen so häßlichen Gedanken müßte ich auf

das bestimmteste zurückweisen; ich überfahre nie jemand, sei es Bürger,

Bauer oder Edelmann.

In weniger Zeit, als Sie gebraucht haben, dieses kleine Abenteuer

anzuhören, befand ich mich danach auf der Landstraße zwischen Planegg

und München, und zwar der Stadt schon sehr nahe. Tirili verlangsamte

ihre Gangart, und wir bummelten in dem Tempo dahin, das ich immer für

das beste zum Dichten von Elegien erfunden habe. Ich begann sofort eine

in sechsfüßigen Jamben auf das goldene Haar meiner Geliebten. Schon war

ich am Ende des Gedichts angelangt, an diesem höchst wirkungsvollen

Schluß, wo ich es mir als seligsten Tod wünsche, mich an diesen goldenen

Strähnen aufzuhängen -- da kommt mir dieselbichte Geliebte höchstselbst

entgegen, und zwar auf einem schneeweißen Zelter -- ich darf in diesem

Zusammenhang dieses poetische Wort anwenden. Sie können sich meinen

süßen Schrecken denken! Aber kaum hatte ich sein holdes Rieseln durch

das Rückenmark gekostet, da kam ein gallebitterer Schrecken hinterdrein:

Hölle und Teufel -- ein Galan ritt neben ihr, ein schwarzes,

hakennasiges Herrchen in einer grünen Weste auf einem riesigen Fuchs.

Meine Eitelkeit zischelte mir zu: welche Figur wirst du neben der

Hakennase spielen, die auf einem hohen Gaul sitzt, während du auf einem

Rad hockst, und wäre es auch Tirili, die Unvergleichliche. Und ich

gedachte, mich rechts in die Büsche zu schlagen. Aber da waren die

beiden auch schon da, und ich mitten zwischen ihnen, und ich reichte

meiner Königin die Hand.

Wie ist das nur möglich, dachte ich mir, daß ich diese holde Hand im

grauen Reithandschuh von Tirilis Sattel aus so leicht erreichen

konnte -- da merkte ich, daß ich mich mit der Hakennase in gleicher Höhe

befand, und das Herrchen sagte etwas von einer famosen Isabelle, auf der

ich ritte. Der Mensch sah Tirili für eine falbe Stute an! Das muß von

der Farbe der Spelgen Tirilis herkommen; anders kann ich es mir nicht

erklären. Aber die Höhe! Die Höhe! Und Tirili kann doch nicht wiehern!

Mir war zumute, wie wenn ich der Held in einer Geschichte von E. T. A.

Hoffmann wäre, und ich freute mich, als die beiden sich mit den Worten

verabschiedeten: »Mit Ihnen kommt man ja doch nicht mit!« Kaum waren

diese Worte verklungen, da sah ich, daß ich an meinem Hause angekommen

war. Es war genau eine Stunde seit Beginn meiner Ausfahrt vergangen, und

man sah Tirili durchaus nicht an, daß wir auf der Zugspitze gewesen

waren.

Sind Sie paff? Ich bin es nicht. Ich erlebe täglich solche Sachen mit

Tirili. Pegasus mit den Gänseflügeln war ja zu jenen zurückgebliebenen

Zeiten ein ganz passables Reitpferd für Dichter, aber wenn Pindar heute

nochmals geboren würde -- auch er würde einen Cleveländer vorziehen.

Meine Tirili kriegt er aber nicht.

Die Weihnachtsbowle

Graf Beisersheim, ein Herr von unbestimmbarem Alter dem Äußeren nach,

der aber nur ein paar Sätze zu sprechen brauchte, um allen, die ihm

zuhörten, die Überzeugung beizubringen, er müsse wenigstens zweihundert

Jahre alt sein, -- so angefüllt mit wohlabgelagerter Kenntnis der Welt

und der Menschen war seine Rede, -- Graf Beisersheim hatte sich in einer

Anwandlung von seltsamer, gewissermaßen hautgout-rüchiger

Sentimentalität einen Christbaum angeputzt.

Sich und einigen Freunden, die er nun zur »Bescherung« einlud.

Das Haupt- und Mittelstück davon, ja wohl der eigentliche Sinn der

ganzen Veranstaltung war eine ostpreußische Bowle von vielen Graden, vor

der selbst Willibald Stilpe, der doch (siehe das dritte Kapitel des

dritten Buches seiner lehrreichen Lebensbeschreibung) in alkoholischen

Dingen eine anerkannte Autorität war, ein Gefühl von Respekt empfunden

haben würde. Burgunder, Sekt, Sherry, Porterbier, Rum vereinigten sich,

nach den besten Grundsätzen gemischt, in der gewaltigen silbernen

Terrine, aus der das erlauchte Geschlecht der Beisersheims schon seit

Jahrhunderten seine schwersten Räusche bezog, zu einem neuen

Kraftorganismus, der imstande war, einen Vollmatrosen auf Anhieb unter

den Tisch zu strecken. Nicht aber auch den Grafen, der ihn ins Leben

gerufen hatte und trotz seines knickebeinigen, kontrakten Gestelles, das

kaum einem ordentlichen Novemberwind standzuhalten vermochte, im Kampf

mit alkoholischen Gewalten so widerstandsfähig war, wie nur irgendeiner

seiner in Eisen geschienten Vorfahren auf dem Turnier- oder

Schlachtfelde.

Seine Freunde, zumeist Schriftsteller und Künstler oder Angehörige von

Kreisen, die aus geschäftlichen oder anderen Interessen engere oder

weitere Beziehungen zu Literatur und Kunst pflegten, waren zwar auch

trinkfeste Herren, einer so kräftigen Ostpreußin aber doch nicht

vollkommen gewachsen.

Es dauerte nicht gar lange, und der redelustige Graf verschwendete

seine aufs schärfste geschliffenen, in tausend Facetten von Witz und

geistreicher Schnödigkeit blitzenden Bosheiten an eine Korona von

Schlummernden. Gleich ihnen, die in den breiten ledernen Klubstühlen

mehr lagen als saßen, waren auch die Christbaumkerzen in sich

zusammengesunken, und nach und nach löschte eine nach der anderen

knisternd aus, als letztes Zeichen einer verglühten Existenz einen

dünnen Rauchfaden in das grüne Geäst sendend. Schließlich erhellten nur

noch die dicken Wachslichter in den breiten messingenen, mit dem

Beisersheimschen Wappen gezierten Wandleuchtern den von Zigarren- und

Zigarettenrauch massig durchschwadeten Raum, dessen Luft schon so voll

von Alkoholdünsten war, daß man allein davon einen ansehnlichen Rausch

hätte bekommen können.

Der Graf, der es in seinen Dramen (denn auch er hatte ein Verhältnis mit

der Muse der Dichtkunst, und noch dazu ein ernsthaftes, das nicht ohne

Folgen geblieben war) aus prinzipiellen Gründen von unerschütterlicher

Festigkeit nie über sich gewonnen hätte, eine seiner Personen in

Monologen reden zu lassen, wandte seine künstlerischen Prinzipien im

Leben selber insoferne nicht an, als er, gewohnt und geschickt, viel und

witzig zu reden, in gewissen Zuständen auch dann sprach, wenn niemand da

war, der ihm hätte zuhören und antworten können. In einen solchen

Zustand geriet er jetzt, als er langsam Glas auf Glas der schweren

ostpreußischen leerte und eine russische Zigarette nach der anderen dazu

rauchte.

»Eine sehr stimmungsvolle und durchaus dem Sinne des Festes

entsprechende Weihnachtsfeier,« bemerkte er, indem er seine kleinen,

grau-grünen Augen über die Reihe der Schlafenden schweifen ließ. »Nur

schlafend können sie das Fest der Liebe feiern, denn, wenn sie wach

wären, würden sie reden, und wenn sie redeten, würden sie irgendeine

Reputation zerreißen.«

In diesem Augenblick tat ein rot und gelb bemalter Nußknacker, der am

Baume hing und einem engeren Konkurrenten des Grafen, auch einem

dramatischen Schriftsteller (dem er übrigens ähnlich sah), zugedacht

war, die hölzernen Kinnladen auseinander und sprach in einem aus

erklärlichen Gründen etwas harten Dialekt, wie folgt: »Und du? Warum

schläfst dann =du= nicht? Du hast es doch besonders nötig?! Jungchen,

Jungchen! Du denkst natürlich an meinen neuen Herrn. Aber so boshaft wie

du, Menschenskind, ist nicht einmal er.«

»Pih, pih,« machte da eine kleine Balleteuse, die sich der Graf selber

geschenkt hatte und die, ein niedliches Figürchen aus Porzellan und über

und über mit Spitzen und Rüschchen bedeckt, unter dem Nußknacker hing,

»pih, pih, reißt der das Maul auf! So schreien kann ich freilich nicht,

aber das möchte ich denn doch bemerken: Der Unterschied zwischen meinem

und deinem Herrn besteht bloß darin, daß meiner mit Geist boshaft ist

und deiner bloß mit Grobheit. Denn meiner ist ein Graf und deiner ein

Bauer.«

Während sie dies mit einer süßen, aber doch etwas spitzigen

Porzellanstimme sprach, warf sie recht zierlich bald das eine, bald das

andere Bein über sich, daß ihr seidenes Tanzröckchen nur so raschelte

und ein jeder sowohl ihre Waden wie ihren Mechanismus bewundern konnte.

Der Nußknacker geriet außer sich, denn er besaß an Stelle von Beinen,

mit denen er hätte schlenkern können, nur einen gespaltenen Stumpf, der

seinen Kinnladen die Knackekraft verlieh. Dieses Umstandes aber bediente

er sich aufs heftigste und schrie: »Mein Herr ist ein Dichter mit

Tantiemen, Sie leichtfertige Ratte, Sie! Wenn Sie nur eine Spur von

Ehrfurcht in Ihrer flitterhaften Psyche hätten, würden Sie von einem

Manne, der selbst von seinen durchgefallenen Stücken leben könnte,

während Ihrem Herrn nicht einmal seine erfolgreichen etwas Ordentliches

einbringen, mit =Respekt= reden. Aber natürlich, wer nichts als Grazie

besitzt, wie könnte der für ernsthafte Werte Sinn haben?!«

Die Balleteuse wollte sogleich replizieren, aber in diesem Augenblicke

erwachte der Herr des Nußknackers für ein paar Sekunden und sprach:

»Machen Sie keinen Unsinn, Mann -- fünfzehn Prozent, oder ich schließe

mit Ihrem Konkurrenten ab!«

Jetzt aber fuhr die Balleteuse los, indem sie vor Erregung Chahüt

machte: »Mein Graf hat das Dichten überhaupt nicht nötig. Mein Graf ...«

»I, du verflixte Mamsell!« rief der dazwischen, der sich gar nicht zu

wundern schien, daß das Christbaumvolk sich so unwahrscheinlich

gebärdete, »willst du wohl aufhören, auf meiner Grafenkrone

herumzureiten? Überhaupt sind das recht unpassende Gespräche. Redet doch

lieber ein bißchen von der Menschenliebe heute. Dafür ist dieser Tag

reserviert.«

Kaum, daß er diese Worte gesprochen hatte, erhob sich aus der dunkelsten

Partie des Christbaumes ein unendlich zartes und mitleiderregendes

Gewinsel, wie von einem ganz, ganz kleinen jungen Hunde, und

gleichzeitig kleckerten winzige Wachströpfchen durch die Zweige auf das

Tischtuch herab. Der Graf erhob sich, um zu sehen, was denn los sei, und

entdeckte, daß das Gewinsel von einem schwarzen Chenillepudel herrührte,

der seinem wehvollen Herzen aber nicht nur phonetisch Ausdruck verlieh,

sondern auch dadurch, daß er Wachs weinte. Denn seine treuen Hundeaugen

waren aus gelben Wachskugeln hergestellt.

Der Graf begriff sofort, daß das eine verhängnisvolle Art zu weinen sei,

und er bemerkte daher: »Es ist zwar anerkennenswert und verdient Lob,

wenn ein Pudel aus Chenille Gemüt zeigt und es seinem Schöpfer, dem

Menschen, nachzutun trachtet, indem er Tränen vergießt; wenn aber dabei

das einzige an ihm, das nicht Chenille ist, sich auflöst und kaput geht,

so muß doch gesagt werden, daß das eine unökonomische Manier ist, Trauer

an den Tag zu legen. Wenn unsere Augen dabei kaput gingen, Freund Pudel,

würden wir Menschen gewiß keine Tränen vergießen. Wir leisten uns diese

effektvolle Ausscheidung nur, weil sie uns nichts kostet.«

Aber der Chenillene hörte nicht auf, Wachs zu weinen; doch zu winseln

hörte er auf. Denn er sprach (wie Weinende zu sprechen pflegen, unter

häufigem schluchzenden Aufstoßen): »Und wenn meine Augen mir auch ganz

davon rinnen und fürderhin in meinem Antlitze nichts Gelbes mehr

abstechen soll gegen das glänzende Schwarz meiner Chenille: Ich werde

doch nicht aufhören, Tränen zu vergießen über das tragische Geschick,

daß ich mich meines Schöpfers nicht als eines =vollkommenen= Wesens

erfreuen soll. Das hat mir, der ich kein wirkliches Knochengerüst

besitze, bisher eine Art ideellen Rückgrates gegeben, daß ich des festen

Glaubens lebte, meine Götter, diese machtvollen Wesen, die selbst

Chenillepudel zu erschaffen vermögen, seien reine, fleckenlose

Lichtgestalten, lebend und webend in einem ewigen Glanze von allgütiger

Liebe, und nun muß ich es erfahren, daß sie für diese höchste Tugend nur

einen Tag unter dreihundertfünfundsechzig reserviert haben, und auch den

augenscheinlich nicht immer ganz in diesem Sinne hinbringen. Wenn ich

nicht schon aufgehangen wäre, würde ich mich jetzt aufhängen. Denn ein

Idealist, der selbst seine Götter als mangelhaft erkannt hat, kann sich

begraben lassen.

Bei diesen Worten rann das letzte bißchen Wachs aus seinen Augenhöhlen,

und er war so ausschließlich nur noch Chenille, daß Graf Beisersheim mit

Recht bemerken durfte: »Jetzt, mein pudelnärrischer Ideologe, bist du

nur noch als Tintenwischer zu gebrauchen, und nichts mehr an dir wird

deinen Herrn, den vielgebietenden Theaterdirektor, daran gemahnen, daß

es Ideale auf der Welt gibt. Schade. Gerade er hätte einen Idealisten in

seiner Umgebung so nötig gehabt.«

Mit diesen Worten begab er sich zu seinem Stuhl zurück und verschwand

wie ein Häufchen Pergament in dem gepolsterten Leder.

Nur seinen Kopf, der in dieser schummerigen Beleuchtung ganz wie ein

verwelktes Haupt Blumenkohl aussah, hob er etwas in die Höhe, als jetzt

vom Wipfel des Christbaumes eine dünne Blechtrompetenfanfare

erklang -- so dünn und jämmerlich, daß daneben das Winseln des Pudels

vorhin ein walkürisches Hojotohoh hätte genannt werden können.

Es war der ferkelrosig geschminkte Weihnachtsengel, der also musizierte

und dabei seine beiden mit Rauschgold überzogenen Papierflüglein

erzappeln ließ. Wie er sein trübseliges Blechgeschmetter beendet hatte,

sang er mit einer stark belegten und ganz schadhaft gewordenen

Phonographenstimme billigster Nummer: »Friede auf Erden! Friede auf

Erden! Friede auf Erden!«

Aber nicht einmal der Chenillepudel applaudierte. Es herrschte vielmehr

ein höchst beklommenes Schweigen, das erst nach einer Weile der Graf mit

der tiefsinnigen Bemerkung unterbrach: »Das kommt davon, wenn ein Engel

durchs Zimmer geht oder die Trompete bläst. Wir sind keine Engel mehr

gewöhnt.«

Das höllische Automobil: Novellen · 第 3 / 6 段