Einbildung, daß er dazu auserlesen sei, den Teufel als Pille
einzunehmen, hatte so fest von ihm Besitz ergriffen, daß ein anderer
Gedanke jetzt unter keinen Umständen bei ihm Eingang finden wollte. Er
lag also noch immer auf dem Bauche, das Maul weit aufgerissen, die Zunge
lechzend lang heraushangend.
Diesen Umstand machte sich der Teufel zunutze.
»Jetzt paß auf,« sagte er zu Frechdachs, der den Motor nach
dreitausendsechshundertundfünfundachtzig Kurbelumdrehungen endlich zum
Laufen gebracht hatte (wobei auch sein Schweiß, sowie sein Zungenwerk
ins Laufen geriet, denn er triefte und fluchte dabei erklecklich) »jetzt
paß auf: Du sollst gleich das erstemal ein kleines Meisterstückchen im
Fahren leisten dürfen. Du siehst diese von zu vegetarischer Kost etwas
belegte und infolge von Appetitsphantasmagorien reichliche Feuchtigkeit
absondernde Zunge des gewaltigen Hohlkopfes aus dem Rumbonischen Maule
gleich einer Zugbrücke auf das Erdreich niederhangen. Diese glitschige,
aber sonst keineswegs glatte, vielmehr von unzähligen Furchen
durchzogene Brücke müssen wir hinauffahren. Es ist keine kleine Sache,
Frechdachs, denn die Steigung ist beträchtlich; und sie wird, weil das
Terrain, wie ich schon bemerkte, feucht und uneben ist, doppelt schwer
zu nehmen sein. Es wird sich nur mit der kleinsten Geschwindigkeit
machen lassen, und du darfst ja nicht vergessen, beide Rücklaufstreben
hinunter zu tun, sonst rutschen wir womöglich rückwärts, und das wäre,
Gott verdamme mich noch einmal, nicht bloß gefährlich, sondern auch
blamabel.«
»Machen wir!« rief Frechdachs, trat den Gehhebel nieder, und
töff -- töff, sauste die Explosionskarre los, scharf auf die
Zungenspitze Rumbos zu. --
'Ah! Ich soll alle =zweie= haben?' dachte sich der und bekam vor
unaussprechlicher Wollust butterig glänzende und gleich riesigen
Kirschen heraustretende Augen.
Indessen fuhr des Teufels Laufwagen unter angestrengtem Gekeuche des
Motors, dem in der Tat ein bißchen =sehr= viel zugemutet wurde, die Zunge
hinauf, daß der Speichelsaft des Riesen rechts und links nur so
wegspritzte. Frechdachs hatte alle Hände und Füße voll zu tun, da er
bald einer Furche auszuweichen, bald ein Ausglitschen zu parieren, bald
eine andere Geschwindigkeit einzuschalten hatte, aber es ging ganz
gut, -- bis zu dem Augenblick, wo sie schon ganz nahe am Zäpfchen Rumbos
waren, das gleich einem umgekehrten Kirchturm herabhing und den Eingang
zum Schlund versperre. Dort aber war der Motor am Ende seiner Kräfte
angelangt. Er hustete, rasselte, rumpelte noch, vermochte jedoch den
Wagen weder weiter zu ziehen, noch auch nur auf der erreichten Höhe
festzuhalten. Kein Zweifel, daß das höllische Automobil sofort
zurückgerutscht wäre, wenn sich jetzt nicht die beiden riesigen eisernen
Rücklaufstreben mit ihren ankerscharfen Widerhaken tief ins
Zungenfleisch des Riesen gebohrt hätten, der seinerseits bisher nur
deshalb nicht zugeschnappt hatte, weil er felsenfest glaubte, das
Automobil werde von selbst seine Insassen in seinem Magen abladen. Wie
er aber die beiden eisernen Haken in seiner Zunge spürte, brüllte er
tobend auf: »Das kratzt ja!« und schnappte in sinnloser Wut zu.
Darauf hatte der Teufel nur gewartet. In diesem Augenblick suggerierte
er den im Bassin befindlichen Neider- und Verleumder-Seelen, sämtliche
Parlamente der Welt hätten beschlossen, die Unanständigkeit der üblen
Nachrede mit Prügelstrafe zu belegen, und brachte sie dadurch in eine
solche Wut, daß sie, einander überrasend, eine Gesamtexplosion aller
Niedertrachtsgase erzeugten. Diesem Knalleffekte war auch das Interieur
und die knochige Umwandung des Rumbomaules nicht gewachsen: Es platzte.
Gleichzeitig fuhren sämtliche schuftige Seelen in den Magen des Riesen
und erfüllten ihn so mit Gift und Stank, daß auch er entzweiging.
-- Rumbo war tot.
Seinem linken Nasenloche entstieg der Teufel, dem rechten Frechdachs.
Sie waren über und über voll von Ruß und fanden, daß das ihnen sehr gut
stünde.
'Schade, daß das Automobilchen mit hin ist,' meinte der Teufel, 'aber
ein guter Spaß ist's doch gewesen. Ich werde mir jetzt eins mit einem
Konfessionszankmotor made in Germany konstruieren. Der wird noch
rasender gehen. -- Fürs erste wollen wir jetzt nur noch schnell die
Seele des großen Lümmels fangen. Da bei ihm alles langsam vonstatten
gegangen ist, wird sie eine gute Weile zum Entweichen brauchen.'
Es dauerte auch noch richtig eine Viertelstunde, bis sich aus der Gegend
von Rumbos Hinterquartier eine Art gelben Staubdunstes erhob, wie von
einem zertretenen Bovist.
Der Teufel fing das Zeug in die hohle Hand, betrachtete es aufmerksam,
roch daran und sprach: »Zu schlecht für meine Domäne.« Dann blies er es
von seiner Hand weg mit den Worten: »Nichts als Dummheit, Gefräßigkeit
und blöder Dünkel, aber guter Kunstdünger für künftige Ernten an Bosheit
und Niedertracht. Sie sind mir sicher.«
Der gelbe Dunst flog nach allen vier Windrichtungen auseinander.
Der mutige Revierförster
König Leberecht, der schon in vorgerückten Jahren befindliche, aber
immer noch recht rüstige Beherrscher eines angenehm im Gebiete der
mittleren Zone gelegenen Landes, liebte es, die Büchse im Arm, auf hohe
Berge zu steigen und dort all das Wild zu erlegen, das man mit viel Mühe
und Kunst in die unmittelbare Nähe seines Feuerrohres brachte.
Auf diesen Jagdzügen begleitete ihn, der gerne Menschen um sich hatte,
weil er wohl wußte, daß es für Fürsten nicht gut ist, allein zu sein,
nicht nur eine Schar bevorzugter Männer des Hof- und Staatsdienstes,
sondern auch eine wohlausgewählte Mustergarnitur solcher Leute, die sich
durch sachgemäße Überdeckung größerer Leinwandflächen mit Farbe oder
durch andere Hantierungen von gewissermaßen künstlerischem Charakter in
der Leute Mund gebracht und überdies durch die Annahme des Titels von
Professoren bewiesen hatten, daß sie, obwohl keiner ernsthaften
Beschäftigung obliegend, doch Sinn für das bürgerlich Reputierliche
besaßen. Es war, und dessen war sich ein jeder in des Königs Jagdgefolge
wohl bewußt, eine große Ehre, mit Seiner Majestät durch die Felder und
die Auen zu streifen, sowie auf schmalen Pfaden die erhabenen Gipfel der
Bergwelt zu erklimmen, die wie wenig anderes dazu angetan erscheint, dem
Menschen einen Begriff davon zu geben, wie großartig die Welt ist.
Indessen, wie die meisten Ehren, so war auch diese mit Anstrengungen und
Unbequemlichkeiten verbunden. Schon das Klettern allein erschien den
älteren Ministern, vortragenden Räten, Kammerherren und Kunstprofessoren
als eine im Grunde nicht ganz erfreuliche Muskelübung.
Denn, abgesehen davon, daß der königliche Bergsteiger schon an und für
sich in seiner Eigenschaft als Fürst jenen elastischen und lebhaften
Gang hatte, von dem wir immer in den Zeitungen lesen, wenn von einem in
Bewegung befindlichen Landesvater die Rede ist, war König Leberecht auch
noch besonders auf diesen Sport trainiert, da er Zeit seines Lebens die
meisten freien Stunden, die ihm die Regierungsgeschäfte ließen,
hauptsächlich dazu verwandt hatte, sich in der ebenso gesunden wie
vornehmen Kunst des Kletterns auszubilden. Er wäre, wenn ihm die
Schicksalsgöttinnen statt einer Krone einen Gamsbarthut und statt des
Zepters einen Bergstock in die Wiege gelegt hätten, zweifellos ein
ebenso vortrefflicher Bergführer geworden, wie er nun in Wirklichkeit
ein scharmanter König geworden war.
Aber die böse Notwendigkeit, mit den untrainierten Beinen des Untertanen
den trainierten Beinen des Souveräns in gleichem Schritt und Tritt zu
folgen, war noch nicht einmal die fatalste Begleiterscheinung jener
ehrenvollen Jagdpartien. Das Unangenehmste waren die kalten Bäder, die
die höchst badelustige Majestät auf luftigster Höhe im schneekühlen
Gewässer munterer Gebirgsbäche zu nehmen liebte, und von denen sich
keiner ihrer Begleiter ausschließen konnte, da sich der Wasserscheue
sonst dem Verdachte ausgesetzt hätte, daß er nicht unter allen Umständen
gesonnen sei, seinem höchsten Herrn überallhin zu folgen.
Wie viele ministerielle, geheimrätliche, kammerherrliche,
kunstprofessorale Schnupfen die Erfüllung dieser harten
Untertanenpflicht im Laufe der Jahre zur Folge hatte, darüber besteht
keine Statistik, doch darf ruhig angenommen werden, daß ihrer viele und
die meisten davon hartnäckiger Natur waren. Denn nicht jeder verträgt
zehn Grad Reaumur im Wasser. Die Loyalität ist willig, aber das Fleisch
ist schwach.
Nach einem solchen Bade in der Höhe von 1500 Metern bei entsprechender
Wassertemperatur begab es sich nun einmal, daß der König, dem von der
genossenen Wasserkühle selber die Finger etwas klamm geworden waren,
seine Toilette (mit gebotener Delikatesse zu sprechen) nicht ganz zu
Ende führte. Anfangs bemerkte niemand diesen Umstand, da ein jeder nur
von dem einen Wunsche beseelt war, die eigene gesunkene Blutwärme durch
allseitig luftdichten Verschluß der Kleider wieder in die Höhe zu
bringen. Als sich aber später die königliche Jagdgesellschaft auf einem
angenehmen Wiesenplane zur Rast niedergelassen hatte, nahm man den
kleinen, aber durch seine Örtlichkeit fatal auffälligen Mangel wahr.
Nun ist eine solche Wahrnehmung selbst unter gewöhnlichen Menschen, wenn
der eine nicht gerade die Frau des anderen ist, mit einer gewissen
Peinlichkeit verbunden. Denn es handelt sich hier, wenn man der Sache
auf den Grund geht, um einen Umstand, der geeignet ist, das sittliche
Gefühl zu verletzen, um einen _dolus eventualis_ auf dem besonders heiklen
Gebiete der Erbsünde sozusagen. Indessen, schließlich gibt sich doch
immer einer den gewissen Ruck, nimmt den Betreffenden (in den meisten
Fällen ist es ein alter Professor oder ein Dichter) beiseite und
flüstert (wenn er das Wort »geradezu« im Wappen führt): 'Sie, Ihr
Hosentürl ist offen,' oder (wenn er delikater ist) mit einem schnellen
orientierenden Blicke: 'Es ist etwas bei Ihnen nicht in Ordnung.' Ja, es
gibt sogar Leute, die selbst bei so peinlichen Gelegenheiten zu frivolen
Scherzen aufgelegt sind und etwa die Bemerkung machen: 'Sie, verlier'n
S' sei' nix!'
Kann man aber so etwas einem Fürsten, einem Könige sagen? Nein: Man kann
=nicht=! Der höfische Stil versagt hier vollkommen. Es gibt durchaus
keine Redewendung in der Phraseologie des Umganges mit Majestäten, die
es ermöglichte, derlei vor ein allerhöchstes Ohr zu bringen, als über
welchem bei feierlichen Anlässen nur durch ein paar Zentimeter getrennt
eine Krone zu sitzen kommt. Nicht einmal der mit allen Essenzen
höfischer Eleganz und Wortbiegungskunst gewaschene Zeremonienmeister
Baron von Belodeur, der doch eine anerkannte Autorität auf dem Gebiete
höfischer Linguistik ist, und von dem man hoffte, er werde die
schwierige Mission übernehmen und so seinem dichten Lorbeerkranze als
königlicher Hausdiplomat ein neues leuchtendes Blatt einverleiben,
erklärte, dies überschreite seine Fähigkeiten, dieser Fall sei von einer
Heikligkeit, daß man seine Lösung nicht einer Menschenzunge, sondern der
Vorsehung selber überlassen müsse, die übrigens, so fügte er mit
anmutiger Zuversicht hinzu, noch immer bewiesen habe, daß sie über das
königliche Haus mit besonderer Aufmerksamkeit wache. Sohin (er liebte
dieses kuriale Wort) werde ihr auch dieser Umstand nicht entgehen, und
sie werde zweifellos Mittel und Wege finden, ihn zu beheben, ohne daß
sich ein schwacher Mensch den Mund zu verbrennen brauche.
-- »Das ist alles sehr schön und sehr gut, und ich bin schon von
Ressorts wegen der letzte, der an der Vorsehung zu zweifeln wagt,«
bemerkte der Kultusminister, dem es trotz eines kaum überstandenen
Schüttelfrostes jetzt sehr heiß zumute wurde, »aber sie müßte =äußerst=
schnell eingreifen. Bedenken Sie, lieber Baron, daß uns am Fuße dieses
Berges eine Deputation der ländlichen Bevölkerung erwartet, darunter
vier weißgekleidete Jungfrauen, von denen die jüngste ein
Huldigungsgedicht auswendig gelernt hat. Ich wette meinen Kopf, daß die
Jungfrau aus dem Konzept kommt, wenn ihr Blick zufällig auf die
derangierte Gegend fällt, und diese infamen Bauernlackel werden dem
höchsten Herrn sämtlich, ich sage Ihnen: =sämtlich= nicht ins =Gesicht=
sehen, sondern -- ebendorthin. Mein Gott, mein Gott: Die Situation ist
von einer märchenhaften Scheußlichkeit. Wir können uns, so gern wir
sonst dazu bereit sind, hier nicht auf höhere Mächte verlassen; wir
müssen =selber= handeln. Wozu sind Sie denn Zeremonienmeister, wenn Sie
sofort versagen, wo es einmal gilt, die durch einen tückischen Zufall
bedrohte Würde des Königtums zu retten! _Hic Rhodus! Hic salta!_ Walten
Sie Ihres Amtes!«
Der Zeremonienmeister, der es bisher immer zu vermeiden gewußt hatte, in
Anwesenheit des Königs Schweiß abzusondern, war nicht imstande, die
plebejische Feuchtigkeit zurückzudrängen, die ihm angesichts dieser
grauenerregenden Perspektive auf die Stirne trat. Er fühlte die ganze
furchtbare Verantwortung, die ihm diese entsetzliche Situation
aufbürdete. Er sah das Ansehen des Hofes in Gefahr, die Regierung
wanken, den Staat konvulsivischen Zuckungen preisgegeben. Vor seinem
inneren Auge jagten sich Feuer, Pulverdampf und blutigrote Wogen der
Rebellion. Vor allem aber bebte sein ganzes Gemüt und schoß molkig
zusammen wie Milch, wenn's wittert, bei dem Gedanken, daß seine Stellung
auf dem Spiele stand. Denn in der Tat, dieser Toilettenmangel gehörte in
=sein= Ressort, da kein Kammerdiener zugegen war.
Sollte er vielleicht doch?... Sollte er nicht doch vielleicht mit dem
Anstand, den er hatte, diskret sich in den Hüften wiegend, an den König
heran treten und mit delikatem Augenniederschlag lispeln: 'Majestät
haben allerhöchst geruht, zu vergessen, sich die ...'
Aber bei allen Heiligen und Nothelfern, das =geht= ja doch nicht! Niemals
noch, so lange es Zeremonienmeister gibt, haben Zeremonienmeisterlippen
derartiges zu einem König zu sagen sich erkühnt.
In seiner fassungslosen Verwirrung überfiel ihn die phantastische Idee,
zu den Mitteln der Mimik zu greifen und, sich dicht vor Seine Majestät
postierend, an sich selbst, gewissermaßen wie an einem Lehrphantom,
=scheinbar= die Handlung vorzunehmen, die der König an seiner Kleidung
tatsächlich unterlassen hatte.
Aber das war ja grotesk, skurril, Wahnsinn! Ebenso hätte er direkt
hingehen und, an das respektive Kleidungsstück der allerhöchsten Person
Hand anlegend, den Mangel _brevi manu_ reparieren können, -- eine
Vorstellung, bei der er fast in Tränen der Verzweiflung ausgebrochen
wäre.
Aber Verzweiflung ist ein zu gelindes Wort, um auszudrücken, in welchem
Zustande sich das zeremonienmeisterliche Gemüt befand. Er war der
Auflösung nahe. Schon konnte er kaum mehr seine Augen regieren, die
immer nur den einen, sich zu einem ungeheuren Schlund und Abgrund
klaffend erweiternden Punkt suchten, der die schauderhafte Quelle dieser
unsäglich grausamen Prüfung für ihn war. Gewaltsam mußte er seine Blicke
von dort wegwenden, um sie ziellos im Kreise herumirren zu lassen. --
Ob denn nicht doch irgendeiner der Anwesenden es wagen würde?
An die Staats- und Hoffunktionäre sich zu wenden, war ganz aussichtslos,
das fühlte er mit der Gewißheit des Erfahrenen. Aber vielleicht einer
dieser Kunstprofessoren?! Unter ihnen, die ja auch sonst zu seinem
Entsetzen oft genug gegen den höfischen Ton verstießen, mußte doch einer
zu finden sein, der, wenn man ihm einen Orden oder einen Auftrag oder
schließlich den persönlichen Adel versprach, das unerhörte, kaum
auszudenkende Wagstück unternahm.
Er zog jeden einzelnen beiseite, bat, flehte, rang die Hände, versprach
schließlich den gebührenfreien Freiherrntitel und die Erblichkeit der
Professur in der Familie, eingeschlossen die weibliche Nachkommenschaft,
-- nichts half. Alle erklärten, lieber täglich eine Literflasche
Mastixfirnis auf das Wohl des erhabenen Landesherrn leeren zu wollen.
Der Zeremonienmeister hatte das absolut sichere Gefühl, daß der jüngste
Tag herangebrochen sei; in seinen Ohren dröhnten deutlich die Posaunen.
Da fiel sein Blick auf den Revierförster Meier, der hinter einem Baum
saß und mit Mißmut konstatierte, daß sein Enzianschnaps zu Ende war.
Ein letzter Hoffnungsstrahl flackerte, aber nur ganz schwach, im
Ingenium des halbtoten Hofmanns auf. Der Meister des höfischen Parketts
trat zum Meister des gebirgigen Forstes und entwickelte ihm, indem er
sich bemühte, durch leise Dialektfärbung seiner Sprechweise etwas
Volkstümliches zu verleihen, den ganzen Komplex der verhängnisvollen
Verlegenheit, hinzufügend, daß er, der biedere Mann aus dem Volke,
allein befähigt und berufen sei, den Hof, die Regierung, den Staat zu
retten, indem er den König auf jenen Punkt aufmerksam machte, auf jenen
Punkt ...
»Das Hosentürl? Wenn's weiter nix is?!« meinte Meier.
»Aber Sie dürfen natürlich nicht so geradezu, lieber Meier,« flüsterte
der Zeremonienmeister, dem doch etwas bange wurde bei dieser schnellen
Entschlossenheit des offenbar ganz ungeleckten Bären ... »Sie müssen
durch die Blume gewissermaßen ... von hinten herum sozusagen ...
abstrakt ...« Er fand durchaus nicht die populären Akzente. Das lag zu
weit weg von seinem Ressort.
»Versteh schon! Natürlich! Ich kenn' mich aus. Von der Schleichseite
heranpürschen muß ich mich. Nicht gleich mit dem Hosentürl ins Haus
fallen. Beileib! Beileib! Fein andrehn muß man so was. So, in =der= Art,
daß der König meinen könnt', es wär' einem andern sein Hosentürl!...
Schwer is schon. Aber ich hab' schon andere Füchse gefangen.«
Nach diesen Worten überzeugte sich der Revierförster nochmals, daß
seine Flasche vollkommen leer war, schob sie resigniert in seinen
Rucksack und stand mit der Miene eines Mannes auf, der heftig nachdenkt
und zu allem entschlossen ist.
Der Zeremonienmeister sah ein, daß dieser Mann, wenn nicht vorher der
Himmel einfiel, binnen zwei Minuten das Unglaubliche zum Ereignis machen
werde. Ihm ward zumute, als ob plötzlich der feste Boden unter ihm zu
wanken begänne; eine grauslich hohe Woge hob ihn, senkte ihn und führte
ihn aufs hohe Meer hinaus, einem ungewissen Schicksal entgegen, das
irgendwo den Rachen aufsperrte, ihn zu verschlingen. Wie er bemerkte,
daß der Revierförster sich in Bewegung setzte, fühlte er alle Schrecken
der Seekrankheit in seinen Eingeweiden. Nur wie durch einen Schleier,
einen gelbgrauen Nebel sah und hörte er, was sich nun begab.
Der Revierförster Meier ging gerade auf den König zu, sah ihn aus seinen
katzengrauen Augen zutraulich von unten an, nahm seinen bis ins
Zeiserlfarbene verschossenen, vor sehr langer Zeit einmal dunkelgrün
gewesenen Hut ab und -- machte eine Verbeugung. Sodann aber setzte er
seinen Hut wieder auf und stand stramm.
Mit dem scharfen Blicke, der ihn stets auszeichnete, bemerkte König
Leberecht, daß dieses durchaus reglementswidrige Gebaren seinen Grund in
etwas Besonderem haben müsse, und er fragte mit dem huldvollen Tone, der
das erste ist, was ein jeder richtige König sich anzueignen keine Mühe
und Übung scheut:
»Na, Meier, was gibt's?«
(In diesem Augenblicke gab es dem Zeremonienmeister einen schmerzlichen
Ruck, und er sah sich direkt vis-a-vis dem Rachen des Ungeheuers, das
ihn verschlingen wollte. Sein Herzschlag setzte aus. Ein
überlebensgroßer Knödel kroch in seiner Speiseröhre in einer unangenehm
schlickernden Abart des Rollens empor und versetzte ihm auch den Atem.
Sein letzter Gedanke war der Orden vom heiligen Kajetan, von dem er
schon lange träumte. Dann: Nacht und Vernichtung.)
Meier aber trat einen Schritt vor und sprach mit der markig festen
Stimme des deutschen Mannes, der keine Menschenfurcht kennt: »Ich
möchte bloß die hohen Herrschaften was fragen.«
Alles war starr. Keiner begriff. Auch König Leberecht nicht. Aber sein
Ton war doch noch immer huldvollst, als er sagte: »Fragen Sie nur zu,
Meier.«
Und Meier ließ seine Stimme fröhlich erschallen und sprach: »Wie wär's
denn, meine Herrschaften, wenn wir alle miteinander unsere Hosentürln
zumachten?«
Eine Reflexbewegung seiner Hände belehrte den König über den Sinn dieser
rhetorischen Frage. Er richtete, was zu richten war, und lachte dann so
herzlich laut auf, daß seine Umgebung überzeugt sein konnte, es sei
durchaus im Sinne der Etikette gehandelt, wenn sie mitlachte. Und da es
zugleich ein Lachen der Befreiung war, war es ein brausendes,
dröhnendes, herzerfreuendes Lachen.
Selbst die Spechte, die die hohen Stämme der Fichten bepochten, hielten
mit Hämmern inne und lachten mit.
Der Zeremonienmeister aber erwachte unter diesem Ensemblesatz des
Vergnügens zu neuem Leben und fand sogleich, daß es unschicklich sei,
in der allerhöchsten Nähe zu wiehern, wie unerzogene Rösser. Wäre ihm
nicht gleichzeitig jener fatale Knödel gottlob zergangen und
verschwunden, so daß er wieder frei atmen und sich im Vollbesitze seiner
Kontenanz fühlen konnte, hätte er noch einen schlimmeren Vergleich
gewählt.
König Leberecht aber sprach, indem er dem Revierförster eine Zigarre
anbot (die dieser jetzt noch und mit der ausgesprochenen Absicht, daß
sie bis ans Ende der Tage dort bleiben soll, in seinem Glaskasten
aufbewahrt): »Meier, Sie sind ein ganzer Kerl. Schade, daß ich Sie nicht
in der Regierung verwenden kann. -- Ja, meine Herren,« und damit wandte
er sich zu den übrigen: »das Volk, das Volk!... Es ist eine schöne
Sache um das Volk!...«
Dann stieg er, langsamer, als es sonst seine Art war, in tiefes Sinnen
versunken, den Berg hinab, an dessen Fuße ihn ein junges Mädchen in
weißen, gestärkten Kleidern mit den Worten begrüßte:
Wir jauchzen laut mit Herz und Mund
In dieser gnadenvollen Stund',
Wo uns das Glück geschieht,
Daß seinen König Leberecht
Das biedre Landvolk, treu und echt,
In seiner Nähe sieht.
Es steht sein hochberühmter Thron
Seit mehr als tausend Jahren schon
In unserer Mitte fest.
Drum lieben wir ihn auch so sehr,
Wie wenn er unser Vater wär',
Der keinen je verläßt.
Er weiß, daß in der Landwirtschaft
Beruht des Staates stärkste Kraft,
Drum liebt ihn für und für
Der schwergeprüfte Bauersmann
Und hält als treuer Untertan
Ihm =offen jede Tür=.
Bei diesen Worten stellte sich bei Seiner Majestät eine Ideenassoziation
ein, die ein Lächeln des königlichen Mundes zur Folge hatte, woraus alle
anwesenden Gemeindevorstände aufs neue die Überzeugung gewannen, daß
der hohe Herr nach wie vor den Interessen des Nährstandes seine
besondere Huld zuwendete.
Patsch und Tirili
Als ich Patsch das erste Mal bestieg, erfüllte mich ein Hochgefühl. Das
ist doch Rasse, sagte ich mir; man spürt die adlige Herkunft und sichere
Tradition; kein aufdringliches Geräusch, kein saloppes Wackeln; alles
sitzt fest, hat die richtige Spannung, aber auch die entsprechende
Federkraft; er gehorcht dem leichtesten Druck mit ebensoviel Folgsamkeit
wie Intelligenz; was etwa noch fehlt, wird ihm ein bißchen Erziehung
sicher beizubringen wissen.
Ich hatte damals freilich nur böse Erfahrungen hinter mir. Das klapprige
Ding, dem ich mich als banger Eleve hatte anvertrauen müssen, war durch
schlechte Behandlung völlig verdorben und um alle Seele gebracht worden.
Man hätte es eine Maschine nennen können, wenn es nicht zuweilen doch
noch Spuren von Charakter gezeigt hätte. Freilich von schlechtem. Es war
boshaft, heimtückisch, niederträchtig. Im allgemeinen heuchelte es
Phlegma -- wenn es nicht einfach Faulheit war -- und tat so, wie wenn
es nichts könnte, als stumpfsinnig seinen Trott gehen, geduldig,
sanftmütig, schwerfällig, aber verlässig. Doch plötzlich, während man
sich keiner Überraschung versah, fiel es ihm ein, Mätzchen zu machen.
Wie von einem bösen Geist besessen, begann es zu rennen, zu rasen und
hörte mit diesen infamen Tücken nicht eher auf, als bis es mich gegen
eine der Säulen, die recht überflüssiger Weise in der Radfahrschule
herumstanden, geworfen hatte. Dann lag es wie ein Bild hilfloser
Unschuld neben mir, und nur seine Pedale zitterten vor innerem
Triumphgefühl über den glücklich gelungenen Streich.