Otto Julius Bierbaum
Das höllische Automobil
Novellen
Bibliothek moderner deutscher Autoren Band 6
Wiener Verlag Wien und Leipzig 1905
Der Verleger behält sich sämtliche Rechte vor
Umschlag von Richard Lux
Druck der k. und k. Hofbuchdrucker Fr. Winiker & Schickardt, Brünn.
_Vita autoris._
=Otto Julius Bierbaum=
erblickte das Licht dieser Welt am 28. Juni 1865 zu Grünberg in
Niederschlesien als der Sohn eines eingebornen Konditors und einer
sächsischen Bergmannstochter. In der väterlichen Familie waren zwei
Berufszweige erblich: Ein süßer: die Zuckerbäckerei, und ein saurer: die
protestantische Theologie. Otto Julius hatte aber wohl einen besonders
starken Gemütseinschlag von der mütterlichen Familie her (in der einmal,
zur Zeit Napoleons, ein französischer Tambour eine Gastrolle gegeben
haben soll) und so fand in ihm weder die süße noch die saure
Familientradition ihre Fortsetzung. Doch blieb ihm Zeit seines Lebens
von Abstammung wegen ein ausgesprochener Sinn für bessere Kuchen und
Edelmetalle im Blute, ohne daß er ihn indessen immer befriedigen konnte.
Dieses Unvermögen kommt aber eben daher, weil er, statt das Süße oder
das Saure oder sonst was Ordentliches zu lernen, sich von Jugend auf
dem Laster des Versemachens und Fabulierens hingegeben hat. Was hat er
davon? --: Ein immer zweifelhaftes Budget und die Ungnade des
Literaturaufsehers Bartels in Sulza bei Weimar -- O, daß doch dieses
gewiß gräßliche, aber leider nicht unverdiente Schicksal abschreckend
auf alle unerfahrenen Jünglinge und Jungfrauen wirken möchte, die
in dem Wahne leben, das Dichten sei eine einträgliche Beschäftigung
und mache wohlgelitten bei ernsten Kunstwärtern und gelehrten
Literaturbeaufsichtigern! In Wahrheit führt es, wenn man sich ihm nicht
auf der Basis einer =sehr= anständigen Rente hingibt, direkt ins
Versatzamt und erregt, wenn es nicht so vorsichtig ausgeübt wird, daß
alles Vergnügen daran zum Teufel geht, nur Unwillen.
Dieser Unwillen steigert sich zur Empörung, wenn der Unbesonnene, der
ihn hervorgerufen hat, statt sich durch weise Beschränkung auf ein
bestimmtes Fach der Dichtkunst wenigstens zum Spezialisten auszubilden,
auch noch einen Mangel an =Charakter= offenbart, indem er halt- und
ziellos in allen Fächern der Poeterei herumfährt und, wie _iste_
O. J. B., außer Gedichten jeder Art und Unart auch noch Novellen, Romane,
Operntexte, Dramen, Balletts, Reisebeschreibungen, Märchen und allerhand
Aufsätze über allerhand Menschen, Dinge und Ideen von sich gibt. Dies
ist ein so grober Verstoß gegen das moderne Gesetz von der Teilung der
Arbeit, daß man nicht energisch genug dagegen Front machen kann. Warum,
so fragen wir mit Nachdruck, hat sich O. J. B. nicht damit begnügt,
den 'Lustigen Ehemann' zu verfassen? Wie klar umrissen stünde
dann sein Bild im Herzen der dankbaren Mitwelt, während es jetzt
unruhig und fatal hin- und herzittert in den verschiedensten Kapiteln
der Literaturkunde, vergleichbar den lebenden Photographien der
American-Biograph-Gesellschaft, G. m. b. H., Berlin.
Daß er auch noch Zeitschriften gründete, mag ihm verziehen werden, weil
sie (Pan und Insel) eingegangen sind, und weil es sich schließlich, Gott
sei Lob und Dank, doch herausgestellt hat, daß die aufregenden
Nachrichten über seine schmachvoll hohen Redaktionsgehälter nur die
Phantasiegebilde einiger erfindungsreichen Köpfe waren. Auch seine
längere Reise im Automobil hat ihren Stachel verloren, seitdem man weiß,
daß sie nicht auf eigene Kosten unternommen worden ist.
Über seine Mitschuld am Überbrettl gehen die Meinungen auseinander.
Einige Passagen im »Stilpe« belasten ihn zwar schwer, aber das Programm
seines Trianon-Theaters (einmal und nicht wieder!) wird immer als
besinnungslos rein lyrisches Entlastungsdokument angeführt werden
können.
Sonst ist O. J. B. harmlos. Sein Körpergewicht (81·5 Kilo, die
Kleider nicht mitgewogen), sowie seine untersetzte, deutlichen
Fettansatzes nicht ermangelnde Statur, reihen ihn unter die
Korpulenzen ein, die eher zum Phlegma, als zu kriegerischem
Angriffe neigen. Doch scheint er es sich nicht abgewöhnen zu können, über
gewisse Charaktereigentümlichkeiten erbost zu werden, als da sind: Neid,
Lügenhaftigkeit, Tratsch- und Verleumdungssucht und aufgeblasener
Dummstolz. (Woraus deutlich hervorgeht, daß man ihn mit Unrecht unter
die Humoristen rechnet.) Durch Radfahren und elektrische Massage
versucht er es übrigens, seine Taillenweite dem erwünschten Normalmaße
anzunähern, wie er denn auch den Fettbildner Alkohol mit einer
Konsequenz meidet, die ihm sonst nicht eigen ist. Lawn Tennis mußte er
leider wegen Mangels an englischen Sprachkenntnissen aufgeben. Die
Pflege des nationalen Skat hinwiederum ist ihm wegen eines
mathematischen Defekts versagt.
Hunde, Katzen, Blumen; Horaz, Shakespeare, Goethe; Gluck, das
'wohltemperierte Klavier', Mozart; Dürer, Ludwig Richter, Chodowiecki;
Büttenpapier, Seide und Ceylontee liebt er sehr. Schiller genießt er
einstweilen lieber in der Form Dehmel. -- Für die größten unter den
modernen Dichtern gelten ihm Dostojewski, Nietzsche und Gottfried
Keller. -- Th. Th. Heine ist ihm lieber, als Max Klinger. -- Ein
rechtschaffenes Biedermeier-Kanapee zieht er ebensowohl einer _sella
curulis_ wie jeder streng modern konstruktiven Lösung des Sitzproblems
vor. Van de Velde verehrt er aus scheuer Entfernung und mit aller
gebotenen Vorsicht. Der wahrhaft aus modernem Bedürfnis und aus der
klaren Tiefe der Zeitseele geborene Nachttopf scheint ihm einstweilen
nur in ornamentalen Ansätzen von verdienstlichem Zielbewußtsein
vorhanden zu sein. An »Buchschmuck« hat er sich für eine Weile
sattgesehn, sowohl an dem botanischer, zoologischer und mineralogischer,
wie an dem rein geometrischer Herkunft. Seine Sünden auf diesem Gebiete
bereut er herzlich und hat sich dafür als freiwillige Buße die
vollkommenste Enthaltsamkeit von allen Kopf-, Rand-, Zwischenleisten,
Frontispicen, _culs de campe_ &c. &c. auferlegt. Doch zweifelt er
keineswegs daran, daß die Blütezeit des Jugendstiles noch eine hübsche
Zeit andauern wird. -- Was die moderne Musik angeht, so fühlt er keinen
Beruf, sich an dem Gesellschaftsspiele der Auslosung des neuen Messias
zu beteiligen. Er ist dazu musikwissenschaftlich nicht gebildet genug
und muß zufrieden sein, daß es ihm beschieden ist, zuweilen moderne
Musik zu hören, die ihm angenehm eingeht, ohne daß er zu sagen weiß
warum. Im Grunde ist er wohl auch zu frivol dazu, was schon daraus
hervorgeht, daß er nicht gerne eine Offenbachsche Operette versäumt.
Moderner Bücher liest er nicht gar viele, doch läßt er sich von
Liliencron, Dehmel, Wedekind und Gerhard Ouckama Knoop keines entgehen.
In alten Briefwechseln, Tagebüchern und Memoiren zu lesen ist ihm ein
großes Vergnügen. Den größten Genuß auf diesem Gebiete bereiten ihm die
Briefe und Tagebücher Friedrichs v. Gentz, den er überdies für einen der
besten Prosaisten in deutscher Sprache hält.
Seine Kenntnis der Weltvorgänge bezieht er aus den »Münchner Neuesten
Nachrichten« und dem »Simplizissimus«. Zu einem Abonnement auf die
»Woche« hat er sich noch nicht entschließen können, doch läßt er sich
eigens zu dem Zwecke allwöchentlich einmal die Haare kräuseln, um bei
seinem Friseur den Anschauungsunterricht zu genießen, den dieses
vorzügliche Organ der Volksaufklärung gewährt. Übrigens photographiert
er, wie jeder Kunst- und Naturfreund, selbst und hat es darin zu einer
Vollkommenheit gebracht, die ihm außer seiner Frau niemand bestreitet.
Religiös ist er Eklektiker. Vom Judentum hat er die Psalmen, vom
Protestantismus eine ziemliche Anzahl Gesangbuchslieder, vom
Katholizismus die Instrumentalmusik und verschiedene Bestandteile der
sakralen Garderobe, vom Buddhismus die schöne Pose des Sitzens auf einer
Lotosblüte, vom Konfuzianismus das Prinzip der großen Wurstigkeit, vom
Taoismus die höchst angenehme Mystik ahnungsvoller Wortverknüpfungen in
seine Privatkirche übernommen, deren Hauptlehre übrigens lautet: 'Halte
dir alles Gesindel vom Leibe, denn es hindert dich, in deinen Himmel zu
kommen!'
Wollte man ihn nach seiner politischen Meinung fragen, so würde man ihn
in Verlegenheit setzen. Es kommt das vielleicht daher, weil er keine
Leitartikel liest und Bismarck tot ist.
Exlibris und Ansichtspostkarten sammelt er nicht; dafür alte
Vorsatzpapiere, Gläser und Fayencen; Autogramme gibt er nur in schwachen
Momenten ab; jungen Damen und Herren zu sagen, ob sie Talent zur
lyrischen Poesie haben, erklärt er sich für inkompetent.
Vorbestraft wegen Körperverletzung in idealer Konkurrenz mit einer
Übertretung ortspolizeilicher Vorschriften über das Halten von großen
Hunden.
* * * * *
Inhalt
Das höllische Automobil 17
Der mutige Revierförster 63
Patsch und Tirili 83
Die Weihnachtsbowle 101
Schwarz-Rot-Gold und Grün-Weiß-Rot 123
* * * * *
Das höllische Automobil
Ein Märchen
für sämtliche Alters- und Rangklassen nach einer Idee =Alf Bachmanns=.
Der Riese Rumbo konnte die Menschen nicht leiden, weil sie neben ihm so
lächerlich klein erschienen, aber doch klüger waren als er, und weil es
ihm, wegen seiner unmäßigen Größe und Ungeschlachtheit, nicht möglich
war, mit ihnen zusammen zu wohnen, -- was er doch von wegen Kartenspiel
und anderer Lustbarkeiten, die man nicht allein besorgen kann, ganz
gerne gemocht hätte. Wie hätte er aber mit jemandem Skat spielen oder
sonst etwas Vertrauliches treiben sollen, da er so groß war, daß er
selbst die größten Häuser der benachbarten Residenzstadt nicht einmal zu
Leibstühlen benützen konnte, weil sie dazu zu niedrig gewesen wären?
Daraus könnt ihr euch wohl ungefähr ein Bild machen, wie über alle
Maßstäbe und Begriffe ausgedehnt dieser Kerl war.
Mein Onkel, der doch auch ein Mann von gutem Gardemaße und überdies
Pfarrer, also gewöhnt war, seinen Blick immer aufs Höchste zu richten
hat mir mehr als einmal beteuert, daß Rumbo alle seine Begriffe von
Länge und Breite übertroffen habe. Übrigens ist es dieser mein Onkel,
der mir diese Geschichte erzählt hat, was zu bemerken ich nicht zu
ermangeln will, weil man sonst denken könnte, sie hätte keine Moral. Die
Wahrheit ist, daß sie mehr Moral hat, als selbst der aufmerksamste
Zuhörer beim ersten Male merken kann. Man muß sie sich also ein paarmal
erzählen lassen. Es verlohnt sich.
Ich selbst habe sie =sehr= oft gehört, nämlich immer, wenn mein Onkel
meinen Vater zu besuchen kam, um, wie er sagte, »nach dem Rechten zu
sehen.« Es scheint aber, daß das Rechte sich bei uns im Keller aufhielt.
Denn dorthin begaben sich bei solcher Gelegenheit die beiden Brüder
sogleich, wenn der ältere beim jüngeren zu Besuch angekommen
war. -- Dies nebenbei und ohne eigentliche Beziehung zu Rumbo.
Der war also nach der Überlieferung meines Onkels ein =über=gewaltiger
Geselle. -- Ich wünschte sehr, seine Größe in Metern angeben zu können,
aber in dieser Hinsicht hat es mein Onkel an Exaktheit fehlen lassen.
Statt einfach zu sagen: so und soviel Meter oder meinetwegen bayerische
Ruten war er lang, liebte er es, die Ausdehnung des Riesen durch
Vergleiche oder Bilder anzudeuten, wobei es mir nicht entging, daß dabei
nicht immer das gleiche herauskam. Machte ich ihn darauf aufmerksam, so
pflegte er zu sagen: »Mein lieber Junge, bei ganz großen Gegenständen
irrt sich selbst die Bibel. Für das, was das gewohnte Maß maßlos
überschreitet, haben wir Menschen nicht einmal die Fähigkeit, in Bildern
ordentliche Maßstäbe zu finden. Kehre dich nicht daran, wenn ich dir
=einmal= sage: Rumbos Beine waren so dick und lang wie die Türme der
Frauenkirche zu München, und ein =andermal:= Rumbos Nasenlöcher waren so
breit und lang wie der Tunnel durch den St. Gotthard. Das stimmt
freilich nicht; aber aufs Stimmen kommts auch nicht an, wo sichs um
Riesen handelt. Sei froh, zu wissen, und laß es dir genügen, daß Rumbo
auf alle Fälle erstaunlich groß war; -- wenn du Lust hast, seiner Größe
noch ein paar Kilometer hinzuzusetzen, so tu dir keinen Zwang an.
Meinetwegen kannst du ihn dir auch ein bißchen kleiner vorstellen, wenn
er dir dadurch näher kommt, aber, versteht sich, immer noch so riesig,
daß du dich selber darüber wundern mußt. -- =Darauf= kommt es an.«
Ich empfehle euch, es auch so zu halten.
Da Rumbo nicht unter Menschen wohnen konnte, lebte er ständig auf dem
Lande, und zwar in der Nähe der Stadt Knödelimkraut, die sich einer sehr
waldigen Umgebung erfreut. Dort war aber auch wirklich ein Mordstrum von
einem Walde, der für ihn paßte, als wenn er ihm angemessen worden wäre.
Tannen wuchsen darin, so dick, daß ein Mensch, der um eine hätte
herumgehen wollen, dazu eine gute Stunde gebraucht haben würde.
(Wirklich wahr!) Er hätte aber gar nicht drum herumgehen können, weil
die Wurzeln dieser Bäume wie Gebirge über die Erde hervorstanden, und
weil das Moos, das auf ihnen wuchs, selber wieder so hoch und dicht war,
wie das Gebüsch in einem gewöhnlichen Walde.
Für Rumbo aber war der Wald eben darum gerade recht; und er verließ ihn
nur einmal in der Woche, nämlich am Sonnabend, wo er sich seine Mahlzeit
holen mußte. Denn er aß nur einmal in der Woche, am Sonntag. Das kam
daher, weil für ihn eine Woche so viel war, wie für uns ein Tag.
(Inwiefern? -- das wußte sogar mein Onkel nicht zu erklären, dem doch
selbst in der Offenbarung Johannis keine Zeile dunkel war. -- Ihr tut
also gut, euch nicht den Kopf darüber zu zerbrechen, was zu unterlassen
übrigens auch anderen Problemen gegenüber ratsam erscheint, da ein Kopf,
auch wenn er hohl ist, nicht eigentlich die Bestimmung hat, zerbrochen
zu werden. Und =eure= Köpfe, meine Lieben, sind überdies =nicht=
hohl, -- wie würdet ihr sonst =meine= Zuhörer sein?)
In der Hauptsache bestand seine Mahlzeit aus Gemüse. Birkenbäume waren
für ihn Spargel, Eichenbäume Spinat, aus jungen Tannen machte er sich
Sauerampferbrei. Kuchen und andere süße Speisen konnte er sich nicht
verschaffen, außer wenn er gerade einmal bei einem Bienenzüchter
vorbeikam. Da fraß er dann gleich sämtliche Bienenstöcke mit dem Honig,
aber auch mit den Bienen auf, und wenn ihn die Bienen im Munde und im
Magen stachen, sagte er: »Ei, das prickelt recht angenehm.« Sonst
bestand seine Nachspeise immer aus einem Menschen, und er meinte, das
Menschenblut sei süßer als aller Honig; nur schade, daß man nicht viel
davon vertragen könne, weil es dusselig mache. Soviel von seiner
Speisekarte.
Da Rumbo dumm war, war er auch faul, und so kam es, daß er meistens der
Länge lang auf dem Boden lag und schlief.
Wie er nun einmal so da lümmelte, fühlte er ein Jucken in seiner Nase
und mußte niesen; -- hatzi! flog ein Mensch aus seinem Nasenloch und
mitten auf die ganz mit zottigen Haaren bedeckte Brust.
»Hahaha!« lachte der Mensch; »da bin ich aber mal schön weich gefallen.«
»Was! Du lachst noch?« brüllte Rumbo, »dich werde ich übermorgen
fressen.«
»Mich?« rief der Mensch, -- »dazu bist du ja viel zu dumm. Ehe du mich
ergreifst, bin ich schon ganz wo anders.«
Und richtig, wie Rumbo nach ihm fassen wollte, saß der Mensch schon in
seinem linken Ohre und schrie hinein: »Du großer Esel!«
Rumbo begriff, daß das eine Majestätsbeleidigung war und wollte ihn sich
mit seinem kleinen Finger (Klein! -- Du lieber Gott! Er hatte die
Ausdehnung von Frau Klara Ziegler!) aus dem Ohre trillern, aber da war
der Mensch schon lange weg. Und wo saß er? Im Winkel des linken Auges
und kitzelte den Riesen.
»Geh weg!« schrie Rumbo, »das kann ich nicht leiden.« (Es war ihm, wie
wenn uns eine Mück ins Auge gekommen ist.)
Der Mensch aber sagte: »Nicht eher, als bis du mir versprichst, mich in
Ruhe zu lassen.«
»Ja doch, ja doch,« brüllte der Riese, »mach nur, daß du aus meinem Auge
'rauskommst. Das ist zu widerwärtig.«
»Siehst du wohl?« sagte der Mensch, »was Kleines kann auch unangenehm
werden«, und er setzte sich auf eine Warze, die sich wie ein mit Gras
bewachsener Hügel, über und über mit Haaren bedeckt, auf des Riesen
Nasenspitze erhob.
»Das ist ein angenehmer Aussichtspunkt,« sagte er, wie er dort saß,
indem er vergnüglich mit den Beinen baumelte und sich eine Zigarre
anzündete. »Ich habe zwei Seen vor mir, die von Tannen umgeben sind, und
dahinter ist ein Gebirge mit vielen Schluchten, und hoch oben ein Wald
von roten Bäumen. Diese Landschaft verdient einen Stern im Bädeker; ich
werde hier ein Aktienhotel gründen.«
»Na ja: Meine Augen, meine Stirne und mein roter Haarschopf,« sagte der
Riese geschmeichelt; »aber was ist dir denn eingefallen, daß du in meine
Nase gekrochen bist? Dort zieht es doch?!«
»Eben darum, es ist infam heiß heute und ich dachte es mir gleich, daß
in diesem Blasebalgfang ein guter Wind ginge«, antwortete der Mensch.
»Ja, hast du denn keine Furcht?«
»Vor wem denn?«
»Na, vor mir!«
»Vor dir? Dazu bist du mir zu dumm.«
Da merkte der Riese, daß dieser Mensch, wenn nicht gar ein Genie, so
doch ganz gewiß ein brauchbares Talent war, und er sprach:
»Du gefällst mir, Mensch, du kannst als Gehilfe bei mir eintreten. Wie
heißt du denn?«
»Frechdachs,« antwortete der Mensch.
»Das ist ein schöner und passender Name für einen Menschen von dieser
Begabung,« meinte der Riese; »also, willst du?«
»Meinetwegen,« sagte Frechdachs, »wenn es nur was Ordentliches zu tun
gibt und nicht so gewöhnliche Hantierungen wie in der Stadt. Dort haben
sie nichts mit mir anfangen können und wollten mich deshalb ins
Gefängnis sperren. Ich bin aber ausgerissen.«
»Na, dann paßt du ja famos zu mir, Frechdachs!« sagte Rumbo. »Du sollst
dich nicht zu beklagen haben. Bei mir gibt's nur solche Sachen zu tun,
die in der Stadt verboten sind.«
»Das kann ich mir denken,« sagte Frechdachs, »denn du selber würdest in
der Stadt verboten werden, wenn sie dich verbieten könnten. -- Aber sag
mal, wozu brauchst du denn einen Gehilfen, du großer Schuft und
Schlagtot? Ein Kerl, wie du, braucht ja bloß irgendwo hinzufallen, und
gleich liegt rechts und links von ihm, was er braucht.«
»Das verstehst du nicht,« sagte Rumbo. »Ich bin =zu= groß. Erstens werd'
ich zu schnell bemerkt; dann sind meine Bewegungen zu langsam; und
schließlich kann ich so kleines Zeug, wie ihr Menschen seid, nicht gut
anfassen. Entweder zerquetsche ich so eine Made, oder sie rutscht mir
durch eine Fingergelenksfalte weg. Ich sage dir: ich müßte verhungern,
wenn ich mich von euch Marschiermücken nähren müßte. Zum Glück brauche
ich das zweibeinige Milbenvolk nur als eine Art süßer Verdauungspillen.
Aber dazu seid ihr Zappelgemüse mir unbedingt nötig. Und deshalb ist es
mir sehr angenehm, einen Menschen als Gehilfen zu haben, denn niemand
kann einen Menschen besser fangen, als ein Mensch. Im Grunde könnt ihr
ja auch nichts, als das. -- Ich habe darum von jeher und immer Menschen
als Gehilfen gehabt, aber leider, leider waren es regelmäßig
unvorsichtige Burschen, die allzubald auf irgendeine Weise bei mir
zugrunde gingen. Der eine fiel mir ins Ohr und brach das Genick auf
meinem Trommelfell; der andere verlief sich im Dickicht meiner Haare und
verhungerte; ein dritter ertrank in einem Schweißtropfen von mir; ein
vierter, der Korpsstudent gewesen war und sich das Trinken nicht
abgewöhnen konnte, hielt in der Betrunkenheit, als ich einmal gähnte,
meinen Mund für einen Weinkeller, lief hinein und erstickte, wie ich den
Mund zugemacht hatte, in einem hohlen Zahn; -- und so weiter, und so
weiter. Du siehst also, daß du gut aufpassen mußt.«
»Mir passiert so was nicht; verlaß dich darauf,« meinte Frechdachs; »ich
bin daran gewöhnt, aufzupassen, wie ein Luchs, denn ich gehöre zu den
Vogelfreien, die auch unter Menschen immer auf der Hut sein müssen. Bloß
die Käfigmenschen, die Mastgimpelnaturen, die den Freßkober stets bei
sich am Halse tragen, dürfen es sich erlauben, ohne besondere
Aufmerksamkeit ihrem Tagwerke nachzugehen. Wir, die wir nicht so
tugendhaft und stäte sind, sondern immer tapfer und resolut auf Taten
ausziehen, für die man früher geadelt wurde, jetzt aber ins Kittchen
gesperrt wird -- wir müssen immer die Ohren steif und die Augen offen
halten. Meinetwegen kannst du also ganz ruhig sein. -- Aber: Was krieg'
ich denn als Lohn?«
»Was? Lohn willst du auch noch?« brüllte Rumbo, der in seinem
Souveränitätsgefühle beleidigt war. »Sei froh, daß ich dich nicht zum
Nachtisch einnehme. Nein, mein Lieber, Lohn gibt's nicht. Höchstens
einen Titel. Wie willst du lieber heißen: General oder Hofmarschall?«
»Gar nichts will ich heißen,« sagte Frechdachs; »Lohn will ich haben.«
»Also, wie viel denn?« fragte Rumbo.
»Kein Geld,« antwortete Frechdachs, »das kann ich mir stehlen; du sollst
mich zu einem Riesen machen, wie du selber einer bist.«
»Das kann ich nicht,« sagte Rumbo.
»Doch kannst du's,« erwiderte Frechdachs, »mach keine Flausen; ich bin
nicht so dumm, wie du aussiehst, und weiß ganz gut, daß du's kannst.
Aber du willst nicht, weil du Angst hast, daß ich dich dann totschlage,
du Feigling.«
»Na, also gut, Frechdachs,« sagte Rumbo, dem bei so viel Intelligenz
angst und bange wurde, »ich mache dich zu einem Riesen, aber erst, wenn
du mir hundert Menschen gebracht hast.« ('Nach dem Neunundneunzigsten
freß ich ihn auf,' dachte er sich.)
»Abgemacht,« sagte Frechdachs. »Und was soll ich zuerst tun?«
»Hm, ja, warte mal,« überlegte der Riese eine Weile; »da ist drüben in
der Wassermühle der junge Müller Bartel Klippklapp, der ist weiß wie
sein Mehl vor lauter Fett und muß allerliebst nach Korn schmecken. Den
hol mir! Aber er ist schlau, weißt du. Du mußt es klug anstellen.«
»Wenn's weiter nichts ist,« sagte Frechdachs, rief seinen Rappen, der in
der Nähe weidete, schwang sich in den Sattel und ritt davon.
Schon nach fünf Stunden kam er wieder und schleppte den jungen Müller an
einem Stricke erwürgt hinter sich her.
»Sieh mal an!« lachte der Riese, »da hast du ja den Bartel Klippklapp,
der so schlau war. Bist wohl noch schlauer gewesen?«
Frechdachs antwortete: »Dazu hat nicht viel gehört. Der dumme Kerl stand
gerade in seinem Garten und las Raupen vom Kohl. 'Du, Bartel,' rief ich,
'was machst du denn da?' 'Raupen lesen,' sagte Bartel. 'Was machst du
denn mit den Raupen,' fragte ich. -- 'Was soll ich denn damit machen?'
antwortete er; 'tot machen tu' ich sie; sie fressen mir sonst meinen
Kohl.' -- 'Na, höre mal,' sagte ich, 'das ist aber lieblos; die armen
Tierchen wollen doch auch leben.' -- 'Bist du so ein Esel,' erwiderte
Bartel, 'daß du dir deinen Kohl von Raupen fressen läßt?' -- 'Nein,'
sagte ich, 'ich habe gar keinen Kohl, aber Hunger. Gib mir einen
Kohlkopf, Bartel.' -- 'Hast du Geld?' fragte der Müller. -- 'Nein,'
sagte ich, 'du sollst mir ihn schenken.' -- 'Du kannst meine Rückseite
bewundern,' rief er da, lachte und drehte sich um. -- 'Wart,' dachte
ich, 'alter Geizkragen, für meinen Meister Rumbo sollst du auch bald
eine Raupe sein,' warf ihm die Schlinge meines Strickes um den Hals,
zog sie fest an, und ritt hui, hussa, hop, galopp mit dem Anhängsel
davon. Da hast du den Mehlwurm!«
Der Riese war sehr zufrieden mit dieser Leistung und lobte seinen
Gehilfen, fand aber, daß der Müller zu mehlig schmeckte. -- »Bring mir
was Pikanteres das nächstemal,« befahl er.
Frechdachs machte sich auf und überlegte: 'Wen soll ich bringen? Pikant,
das ist leicht gesagt, aber wo gibt es heutzutage Menschen von pikantem
Geschmack, die noch =genießbar= sind? Wenn ich den Doktor Schwalbendreck
erwischte, dem vor Brotneid das Blut sauer geworden ist und der infolge
seiner krankhaften Begierde, üble Gerüchte zu verbreiten, einen netten
kleinen Herzkrebs von zweifellos schwefligem Geschmacke acquiriert hat,
so wäre das ja am Ende ein gefundenes Fressen für meinen Herrn und
Meister, der überdies, so viel ich weiß, noch keinen Dramatiker gegessen
hat, aber erstens wird es schwer sein, dieses Herren habhaft zu werden,
der sehr vorsichtig geworden ist, seitdem ihm jemand von ferne eine
Pistole gezeigt hat, und dann fürchte ich, daß er schließlich =zu=
penetrant schmeckt. Vergiften darf ich meinen verehrten Giganten doch
auch nicht gleich. Sonst brauchte ich ihm ja nur ein Gänseweißsauer von
verleumderischen Klatschbasen zu servieren, deren ich einige in der
Stadt Knödelimkraut recht gut kenne.... Halt! Wie wärs mit dem dicken
Literaten, der früher Pastor war!? In ihm vereinigt sich ein Restchen
pfäffischer Heimtücke mit journalistischer Giftdrüsenhypertrophie, --
eine angenehme Mischung, sollte ich meinen.... Aber diese Art Leute sind
schwer zu fassen. Es gibt keinen Strick, aus dem sie sich nicht zu
winden vermöchten. Ich spare ihn mir für ein andermal auf!' -- So ritt
Frechdachs in ziemlicher Verlegenheit durch Flur und Auen. Da begegnete
ihm in seiner Kutsche der Doktor Rasso Schneidebein, der zu einer armen
alten Frau gerufen worden war.
»He, Herr Doktor, Herr Doktor!« rief Frechdachs, »bitte, kommen Sie doch
gleich zu meinem Meister, der sich übergessen und Bauchkneipen hat, und
geben Sie ihm was ein.«
»Hat dein Meister Geld?« fragte Doktor Schneidebein.
»Na, ich danke,« sagte Frechdachs, »Geld wie Heu! Sie kriegen zehn
Taler.«
»Zehn Taler?« dachte sich der Doktor, »das ist ein hübsches Stück Geld,
und von der Alten krieg' ich bloß ein Vergeltsgott. Mag sie meinetwegen
ohne mich sterben!«
»Also schön,« sagte er, »ich komme mit; es muß aber auch etwas
Ordentliches zu essen geben.«
»Einen fetten Braten,« sagte Frechdachs und sah dabei den Doktor an, der
in der Tat sehr fett war.
Als sie in die Nähe des Waldes kamen, wo der Riese wohnte, wurde es dem
Doktor unheimlich zumute.
»Das ist ja der wilde Wald, wo der Menschenfresser haust,« rief er;
»bist du wahnsinnig, daß du mich dorthin führst?«
»Wieso denn,« sagte Frechdachs, »es ist ja der =Menschenfresser=, dem Sie
etwas eingeben sollen, weil er Bauchweh hat.«
»Um Gottes willen,« schrie der Doktor, »was soll ich denn dem Riesen
eingeben?«
»Sich selber sollen Sie ihm eingeben, denn Sie stecken ja voll von
Medizin,« sagte Frechdachs.
»Nein, nein, nein, das will ich nicht,« rief der Doktor; »ich muß zu
einer alten Frau, die im Sterben liegt. Umkehren, Kutscher, umkehren!«
»Das hättest du früher sagen sollen, alter Schuft,« rief Frechdachs,
schlug dem Doktor den Schädel ein, legte ihn quer vor sich auf den
Sattel und galoppierte davon, ehe der Kutscher seinem Herrn hätte zu
Hilfe kommen können.
Auch mit dieser Leistung war Rumbo sehr zufrieden, zumal der Doktor in
der Tat sehr pikant nach Karbol, Jodoform und anderen Medizinen
schmeckte.
»Du bist ein verflixter Kerl, Frechdachs,« sagte er, »und verstehst
Abwechslung in meinen Nachtisch zu bringen. -- Was gibt's denn =nächsten=
Sonntag?«
»Einen Pfarrer,« antwortete Frechdachs.
»Ah,« schmunzelte Rumbo, »einen Pfarrer! Das ist eine ganz herrliche
Idee! Such aber einen recht fetten aus, ja?«
»Ich weiß schon einen,« sagte Frechdachs, und dachte an den, der ihm in
der Christenlehre immer so heftig ins Gewissen geredet hatte, weshalb er
ihn aufrichtig haßte. Ging also zu ihm und sprach: »Lieber Herr Pfarrer,
ich soll Euch zu einer Gastmahlzeit bei meinem Herrn, dem reichen
Gutsbesitzer Jörg Maulvoll, einladen für nächsten Sonntag. Mein Herr
würde glücklich sein, einen so heiligen Mann nach Verdienst mit den
herrlichsten Speisen und Weinen zu bewirten.«
Und fügte noch viele grobe Schmeicheleien und Erzählungen hinzu, was für
schöne und gute Dinge es geben werde.
Der Pfarrer war aber wirklich ein frommer Mann und sprach: »Am Sonntag
habe ich keine Zeit, viel zu essen und zu trinken, da muß ich meine
Predigt halten. Komm du in meine Predigt, Bursche, und dein Herr auch,
das ist =meine= Einladung. Leb wohl!«
'Au weh,' dachte sich Frechdachs, 'bei dem bin ich schief angekommen.
Wenn die Pfarrer alle so sind, kann sich Rumbo den Mund wischen.'
Es waren aber nicht alle so. Schon beim nächsten glückte es.
»So,« sagte der, »gefüllten Truthahn, eingemachte Hammelnieren,
Erdbeeren mit Schlagrahm, Apfelsinentorte und Muskatwein? Hm, hm! Und
Herr Maulvoll ist ein Mann, der einen heiligen Lebenswandel schätzt?
Gut. Gut. Ich komme. Ich komme gleich mit.«
Während er sich reisefertig machte, kam ein Bote und meldete, daß ein
armer Taglöhner am Sterben sei und gerne noch mit dem Herrn Pfarrer
beten wolle.
»Ich habe eine wichtige Abhaltung,« sagte der Pfarrer; »so schnell
stirbt sich's nicht; er soll bis morgen warten.«
'Du wirst gleich sehen, wie schnell sich's stirbt,' dachte sich
Frechdachs, half dem dicken Pfarrer in die Kutsche, setzte sich auf den
Bock und fuhr los. Die Pferde liefen wie der Wind, die Kutsche sprang
und tanzte nur so über Stock und Stein.
»Nicht so schnell, nicht so schnell,« rief der Pfarrer; »das Essen wird
mir nicht bekommen, wenn ich so durchgerüttelt werde.«
»Aber mürbe wirst du werden!« rief Frechdachs.
»Mürbe? Wieso? Was heißt das?« keuchte der Pfarrer.
»Das heißt, daß du ein zäher Heuchler bist. Hü! Rappen! Hü! Rumbo hat
Hunger.«
»O Gott! O Gott! O Gott!« stöhnte der Pfarrer. »Der Teufel sitzt auf dem
Bocke.«
»Nein, des Teufels Küster sitzt in der Kutsche,« sagte Frechdachs,
kehrte die Peitsche um und schlug mit dem dicken Ende den schlechten
Pfarrer tot.
Wie Rumbo diesen dicken Mann sah, lief ihm das Wasser im Munde zusammen,
und er wollte sich gleich über ihn hermachen.
»Nein, Meister Rumbo, damit wollen wir noch ein bißchen warten,« sagte
Frechdachs. »Ich habe mir einen herrlichen Spaß ausgedacht. Den Pfarrer
soll der Teufel verspeisen, Ihr aber den Teufel!«
»Du bist selber des Teufels!« rief Rumbo. »Wo denkst du hin! Der Teufel
ist stärker als ich.«
»Ja, wenn er keinen Pfarrer im Leibe hat. Von dem da aber kriegt er das
Bauchgrimmen von wegen der Geweihtheit, und dann werden wir seiner fix
Herr.«
»Hm. Das läßt sich hören. Wie willst du aber den Teufel herbekommen?«
»Das laßt nur meine Sorge sein!«
Frechdachs, wie ihr wohl schon bemerkt habt, verstand sich auf
Teufeleien, und so ist es kein Wunder, daß er sich auch auf den
Charakter des Teufels und seiner Großmutter verstand.
Er ging zu einer Felsenspalte, wo, wie er wußte, der Teufel oft
herauskam, Kienäpfel zu suchen, die er zur Heizung der Hölle brauchte.
»He,« rief er da, »Herr Baron! Herr Baron!«
»We...we...wer ruft denn da?« meckerte es aus der Felsenspalte. »Mein
Enkel hat keine Zeit. Er macht sich eine Klaviatur aus Geizhalsknochen.«
»Ah,« rief Frechdachs, »hochwohlgeboren die Frau Teufelin-Großmutter!
Nein, was für eine schöne Stimme! Sie sollten die Königin der Nacht
singen! Ich hab' mein Lebtag keinen solchen Sopran gehört.«
Des Teufels Großmutter hatte ein Gefühl, als würde sie mit altem
Dachsfett eingerieben, so angenehm fuhr ihr diese Schmeichelei über die
runzelige Haut. Sie erschien sofort in der Spalte.
Jeder andere Mensch würde vor ihrer Häßlichkeit in Ohnmacht gesunken
sein. -- Ihre Nase war ein Schweinsrüssel; ihr Mund eine grüne gezackte
Furche, die von Ohr zu Ohr reichte; ihre Ohren aber waren zwei alte,
feuchte graugelbe Waschlappen. Von Zähnen hatte sie nur zweie, die aber
standen wie die Hauer einer Wildsau krumm empor, ganz braun, und der
eine wackelte. Ihre Augen saßen wie Krebsaugen an Stielen und waren gelb
und fransig wie Pfifferlinge. Anstatt Haaren hatte sie graugrüne
Tannenflechten, die mit schmutzigem Harz verklebt waren. Zwei gräßliche
braune, mit gelben Adern überzogene Kröpfe baumelten ihr wie große
Flaschenkürbisse am Halse. Als Kleidung trug sie lederne Hosen und eine
Jacke aus demselben Stoffe, beides Stücke der Ausrüstung eines eben in
der Hölle angekommenen Automobilisten, der als Klecks an einer
Gartenmauer geendet hatte, nachdem unter seinem Mordwagen zwanzig
Menschen umgekommen waren. Auch die Lärmtrompete dieses Straßenmörders
trug sie am Gürtel, und es machte ihr Spaß, zuweilen auf den Gummiball
zu drücken, daß es nur so tutete.
»Frau Baronin beherrschen auch noch dieses modernste aller
Musikinstrumente?« rief Frechdachs, den ihre Erscheinung durchaus nicht
außer Fassung gebracht hatte. »Nein, wie talentvoll Sie sind! Und wie
Sie aussehen! Wie Sie aussehen! Die ewige Jugend! Wirklich, es ist ein
Verbrechen, daß Sie sich der Bühne entziehen!«
Des Teufels Großmutter wand sich vor Entzücken, daß alle ihre Knochen
knackten, und sprach: »Sie haben viel Lebensart, mein Herr, und ich
hoffe, Sie bald bei uns begrüßen zu können. Aber was wünschen Sie
eigentlich?«
»Ach,« antwortete Frechdachs, »eine Kleinigkeit. Mein Meister, der
berühmte Rumbo, möchte eine Menschendörrmaschine anlegen, weil er das
rohe Fleisch nicht mehr verträgt, und da es dafür keine Installateure
gibt, möchte er den Herrn Baron, Ihren Enkel, bitten, die Anlage zu
übernehmen. Über den Preis werden sich der Herr Baron und mein Meister
schon einigen.«
»Gewiß, gewiß, mein Herr. Mein Enkel arbeitet zwar sonst seit den Zeiten
der Inquisition nicht mehr außer Hause, mit Ausnahme der
Automobilbranche, aber er wird mir zuliebe schon eine Ausnahme machen.
Was krieg' ich denn für meine Fürsprache?«
»Einen Kuß!« sagte Frechdachs, machte ohne Zaudern einen Schritt
vorwärts und küßte die Alte auf ihre grüne Furche.
Darauf mußte er, wieder zu Hause angekommen, sich zum erstenmal in
seinem Leben die Zähne putzen.
Ihr könnt euch denken, was für Augen Rumbo machte, als er hörte, daß der
Teufel selber ihn besuchen wollte. Er war außer sich vor Freuden
darüber, denn er zweifelte gar nicht mehr daran, daß es ihm gelingen
werde, den Teufel zu verspeisen.
»Denke dir bloß,« sagte er zu Frechdachs, indem er sich fortwährend die
wulstigen Lippen mit seiner breiten Zunge ableckte, »ich werde den
Teufel als Nachtisch genießen, als Pille einnehmen, als Bonbon
schlucken! Das wird nicht bloß ein großes Vergnügen für mich, sondern
das erste Verdienst sein, das ich mir um die Menschheit erwerbe. Paß
auf, sie werden mir in einer schönen Hurrah-Allee neben lauter Kaisern,
Königen, Herzogen, Prinzen, Generalen und Diplomaten ein zuckerblankes
Denkmal setzen und darauf schreiben: 'Ihrem großen Wohltäter Rumbo, der
den Teufel gefressen hat, die hochachtungsvoll dankbare und ganz
ergebene Menschheit.' -- Ha, und wie er nach Pech und Schwefel schmecken
und wie heiß sein Blut sein wird! Wahrhaftig, Frechdachs, du bist ein
Hauptkerl! Komm her, ich muß dir einen Kuß geben!«
»Lieber nicht!« sagte Frechdachs, »es könnte leicht passieren, daß du
mir vor lauter Zärtlichkeit dabei den Kopf abbissest, und ich habe mir
sagen lassen, daß das ein unangenehmes Gefühl ist. Wir wollen uns lieber
darüber einigen, wie hoch du mir den Teufel anrechnest. Denn das ist
doch wohl klar, daß er mehr gilt als ein Mensch.«
»Das versteht sich,« sagte Rumbo, »alles, was recht ist: Der Teufel muß
mehr gelten, als ein Mensch. Darüber sind sich die Gelehrten einig.«
»Na, das freut mich, daß du das einsiehst, obwohl du viel dümmer bist
als lang und breit,« meinte Frechdachs, den seine Erfolge noch
unverschämter gemacht hatten als er von Natur schon war, »aber nun
wollen wir mal sehen, ob du dir auch einen Begriff machen kannst, =um wie
viel= der Teufel mehr gelten muß als der Mensch.«
»Ich glaube,« sagte Rumbo nach einigem Nachdenken, »wir können ihn für
fünf Menschen rechnen.«
»Warum gerade für fünf?« fragte Frechdachs.
»Wenn fünf Menschen ihren Verstand zusammentun,« antwortete Rumbo, »sind
sie imstande den Teufel zu betrügen.«
»Das ist richtig,« sagte Frechdachs, »aber der Verstand ist auch des
Teufels schwächste Seite. Du mußt mehr sagen, Rumbo!«
»Hm,« sann der nach, »hm, warte mal: Sagen wir zehn!«
»Warum zehn?« fragte Frechdachs.
»Wenn zehn Menschen,« antworte Rumbo, »ihre Bosheit zusammentun, ist es
so viel Bosheit, wie der Teufel allein besitzt.«
»O,« meinte Frechdachs, »da irrst du dich. Wenn es auf die Bosheit
ankäme, brauchten wir den Teufel nicht höher zu berechnen als einen
Menschen, denn ein Mensch hat für sich allein mehr Bosheit im Leibe als
der Teufel und seine Großmutter zusammen. Trotzdem ist aber zehn eine zu
=niedere= Zahl; du mußt schon noch was drauf legen.«
»Hör mal,« sagte Rumbo, »du bist doch wirklich ein Frechdachs. Du tust
gerade so, als wenn ich ein kleiner Junge wäre, und ich säße bei dir in
der Rechenstunde. Sage mir lieber gleich, wie hoch ich dir den Teufel
anrechnen soll.«
»Du sollst ihn mir,« sagte Frechdachs, »für =hundert= Menschen anrechnen,
denn der Teufel ist hundertmal =ehrlicher= als ein Mensch.«
»Ich denke, er ist der Vater der Lüge?« meinte Rumbo.
»Das schon,« erwiderte Frechdachs, »aber er leugnet das auch gar nicht.
Er lügt immer und ewig, nur in einem nicht. Er sagt nicht: 'Ich bin die
Wahrheit,' wie er auch nicht sagt, 'ich bin die Liebe,' oder: 'ich bin
die Güte.' Nein, der Teufel ist die Lüge, der Haß, die Bosheit, aber das
bekennt er auch, während die Menschen sich immer besser stellen, als sie
sind, und keiner treffgenau das ist, was er scheinen möchte. -- Aber, um
das zu kapieren, bist du wirklich zu dumm, Rumbo, denn nicht einmal die
Menschen, die doch im allgemeinen klüger sind, als du, wollen das
einsehen. Gib dir weiter keine Mühe, das Rechenexempel zu fassen, und
nimm es einfach für richtig an. So hast du am wenigsten Schererei und
darfst dabei die angenehme Empfindung haben, an eine große Wahrheit
wenigstens zu =glauben=, wenn du sie auch nicht begreifst.«
Von diesen Bemerkungen ward es dem Riesen in seinem dürftigen Gehirne
schwindelig, und er sagte, um nicht weiter denken zu müssen: »Also ja,
meinetwegen, lassen wir ihn für hundert gelten. --«
Am nächsten Sonntag machte Frechdachs aus dem Pfarrer ein schönes
Ragout, das er, da er den Geschmack des Teufels kannte, sehr stark
pfefferte. Rumbo aß nichts davon, weil er sich den Geschmack nicht
verderben wollte, denn, sagte er sich, ein schlechter Pfarrer ist zwar
ein Teufelsbraten, aber der Teufel selber ist doch noch eine größere
Delikatesse.
Punkt zwölf Uhr kam der Teufel in einem feuerroten Automobil angefahren,
das aber nicht mit Benzin betrieben wurde, sondern mit der Speiwut
verleumderischer Menschen, deren Seelen im Kraftbehälter eingesperrt
waren und einander gegenseitig zum Explodieren brachten. Infolgedessen
lief das Automobil in der Stunde tausend Kilometer, doch stank es dafür
auch noch hundertmal mehr als ein gewöhnlicher Motorwagen. Es hatte vorn
eine große und etwas weiter hinten an der Seite zwei etwas kleinere
Laternen. Die vordere brannte so entsetzlich stechend grün und grell,
daß alle Blumen, die ihr Schein traf, verwelkten. Es war nicht Azetylen,
was darin leuchtete, sondern der Neid. Die rechte Seitenlaterne hatte
ein rotes zuckendes Licht, das eine große fressende Hitze ausstrahlte.
Es war der Haß, der in ihr brannte. Die linke Seitenlaterne gab ein
fahles, blaues, kaltes Licht, in dem alles tot, erbärmlich, winzig
aussah. Dieses Licht war die Verkleinerungssucht. -- Als Bremsleder
hatte der Teufel unzählige übereinandergepreßte Häute von solchen
Menschen verwendet, die, auf kein anderes Recht fußend, als das der
Majorität der herrschsüchtigen Dummköpfe, Zeit ihres Lebens mit Erfolg
bestrebt gewesen waren, die Arbeit heller und heiterer Köpfe zu stören.
Diese Bremsleder funktionierten mit unfehlbarer Sicherheit; doch hatten
sie einen Nachteil: sie schnurrten und brummten entsetzlich, wenn sie in
Tätigkeit waren. -- Luftschläuche verwandte der Teufel an den Rädern
seines Automobiles nicht. Er hatte sich aus den Gehirnen von Höflingen
und Demagogen eine Masse konstruiert, die so elastisch und nachgiebig
war, daß sie jeden Stoß aufhob. -- Die Laufmäntel aber waren aus einer
Paste geknetet, die im wesentlichen aus dem Rückenmark von Menschen
bestand, die während ihres Lebens keine höhere Wollust gekannt hatten,
als sich aus trotzigem Eigensinn beharrlich gegen jede bessere Einsicht
zu sperren. Es war eine überaus zähe Paste, mit der man ruhig über
Granitsplitter fahren konnte. -- Als Polster auf den Sitzen seines
Laufwagens verwandte der Teufel Luftkissen, die aber nicht mit
gewöhnlicher Luft, sondern mit dem blauen Dunste utopistischer Ideen
gefüllt waren. Besonders bequem saß sich auf dem einen Kissen, das der
Teufel das Egalité-Kissen nannte.
Der höllische Baron sah in seinem Chauffeurkostüm sehr schick, also sehr
scheußlich aus. Er trug, das Fell nach außen, einen zottigen, rostroten
Gorillapelz als Joppe und schwarze Bockslederhosen, die unten von
Elchledergamaschen umschnürt waren. Seine Fahrbrille hatte natürlich
rote Gläser, und in seiner Mütze waren zwei Löcher für die Hörner
angebracht, welche sich für das Automobilfahren als besonders praktisch
erwiesen, weil sie ein Sturmband ersetzten. Statt der Hubbe benützte der
Herr Baron von Pechheim auf Schwefelhausen eine der Posaunen des
jüngsten Gerichtes, die bei ihm in Versatz gegeben sind bis zu dem
Augenblick, wo man ihrer benötigt.
»All Unheil!« rief der Teufel, als er angekommen war, »da bin ich! Ich
komme direkt aus der Mandschurei, wo ich jetzt los bin. Viel Zeit habe
ich nicht; da oben gibt's jetzt alle Hände voll für mich zu tun. -- Aber
zuerst was zu essen, wenn ich bitten darf; dann will ich gleich den
Menschendörrapparat aufstellen. Übrigens haben die Menschen schon selber
genug solcher Apparate konstruiert, in Fabriken, Bureaus, Schulen und so
fort, aber ich sehe ein, Sie brauchen einen, der schneller arbeitet. --
Also schnell, schnell, einen Happen-Pappen!«
Frechdachs rannte in die Küche und trug, die Serviette unterm Arm, das
klerikale Ragout auf.
»Was ist das, wenn ich fragen darf?« sagte der Teufel.
»Ein kleines _Ragout fin aux fines herbes pastorales_ als Vorspeise,«
antwortete, die Schüssel präsentierend, Frechdachs, während Rumbo, auf
dem Bauche liegend, den Teufel so mit seinen Blicken verschlang, als
genösse er ihn in der Phantasie bereits leibhaft.
Die ganze Szene war von Frechdachs so arrangiert, daß Rumbo in der Tat
bloß zuzuschnappen brauchte, -- wohlgemerkt, wenn der Teufel vorher
gefesselt war, und zwar =kreuz=weis, denn so lange der Teufel nicht das
Zeichen des Kreuzes in fester Verknüpfung von hanfenen Seilen an sich
spürt, ist er von niemand zu fassen und zu fangen. 'Ihn kreuzweise zu
fesseln,' dachte sich Frechdachs aber, 'wird nicht weiter schwer sein,
wenn erst das Magenweh nach genossenem _filet de curé_ eingetreten ist.
Der Teufel wird sich an den Leib fassen, sobald ihm von dem geweihten
Fleische übel wird, und in diesem Augenblick der Schwäche werde ich ihm
kreuzweise die Schlinge über Hände und Bauch werfen. Und dann, hurra!
hinein mit dem Schwefelfritzen in den offenen Rumborachen.' (Denn die
Tafel stand direkt vor dem Maule Rumbos, mit der angenehmsten Aussicht
auf das Dolomitenpanorama der Zähne des Riesen.)
Man sieht, alles fußte auf der Voraussetzung, daß den Teufel, da er ja
kirchlich Geweihtes durchaus nicht vertragen kann, vom Fleische des
Pfarrers Übligkeit und Schwäche anwandeln werde. (Ist es ja doch
bekannt, daß allein der Wind, der durch das Umblättern eines Meßbuches
entsteht, ihn tausend Meilen weit wegzutreiben vermag, und wenn er sich
gleich in einen zwei Zentner schweren Viehhändler verwandelt hätte!)
Indessen: Frechdachs hatte eines vergessen: daß nämlich der von ihm
erschlagene Pfarrer ein ganz gottloser und schlechter Pfarrer war, bei
dem die Weihe lediglich am priesterlichen Gewande, nicht aber an der
Person haftete. So kam es, daß der Teufel das Ragout bis auf den letzten
Rest verspeiste, ohne das mindeste Bauchweh zu verspüren. Wischte sich
mit Behagen den Mund und sprach: »Gut gewesen, das Ragoutchen; ein
bißchen weichlich zwar und mit einem ganz leisen, etwas widerlichen
Geschmacke wie Weihrauch, aber sonst: mein Kompliment! Nun, bitte, die
nächste Platte!«
Frechdachs stand fassungslos hinter des Teufels Stuhle, das Seil, zum
Wurf bereit, in der Hand, und stammelte: »Gleich, Herr, gleich ...
ich ...«
»So wirf doch,« brüllte Rumbo, »wirf doch! Ich halt's nicht mehr aus.«
Und er klappte seine Kiefer zu, daß es nur so krachte; riß sie aber
gleich wieder auseinander in höchster Freßbegierde.
'Holla!' dachte sich der Teufel, 'da ist was los!' drehte sich um, sah
Frechdachs hinter sich mit dem Seil stehen, und lachte: »Gucke mal an!
Das Bürschchen da wollte den Teufel fangen. Respekt! Und das große Maul
da wollte ihn vermutlich fressen? Ausgezeichnete Idee! Ihr zweie gefallt
mir. Ihr sollt der Ehre gewürdigt sein, auf eine noch nie dagewesene
Manier von mir geholt zu werden. -- Na? Ihr bettelt ja gar nicht?«
»Wenn es einige Aussicht auf Erfolg hätte, würde ich es gewiß tun,«
sagte Frechdachs, der schon wieder seine Fassung gewonnen hatte. »Aber
so weit bin ich denn doch in die Geheimnisse der Dämonologie
vorgedrungen, daß ich weiß: Betteln hilft nicht bei Seiner höllischen
Majestät; es macht ihm zwar Vergnügen, es anzuhören, aber er steckt
einen doch in seinen Wurstkessel. Bitte sich zu bedienen! Ich stehe dem
Herrn Baron zur Verfügung. Bin neugierig, auf was für eine neumodische
Manier er mich holen wird.«
Diese Frechheit imponierte dem Teufel.
»Du gefällst mir, Halunke!« sprach er. »Deine Seele ist so ausgepicht,
daß es mir schwer fallen dürfte, dir höllische Überraschungen zu
bereiten. Du hast ganz das Zeug dazu, ein Dienstteufel zu werden. Ich
mache dich zu meinem Leibchauffeur. Einige Unbequemlichkeiten sind mit
dem Amte ja immerhin verbunden, denn mein Verfluchter-Seelenmotor hat
manchmal seine Mucken, und du wirst beim Umdrehen oft genug Gelegenheit
haben, zu bereuen, daß du dich bei Lebzeiten zu schlecht aufgeführt
hast, als daß du nach dem Tode der bequemen Ehre hättest gewürdigt
werden können, als Tugendtenor in der himmlischen Vokalmusik
mitzuwirken.« -- Damit gab er Frechdachs einen Tritt in die Magengegend.
Frechdachs stöhnte: »Verdammt nochmal!« und war tot. Der Umstand, daß er
nicht oben, sondern unten die Probe auf das Exempel der Unsterblichkeit
machen sollte, äußerte sich darin, daß seine Seele ihren Ausweg nicht
durch ein oberes, sondern durch ein unteres Körperventil suchte und
fand, und daß sie dem entsprechend nicht nach Lilien duftete, wie es der
Fall beim letzten Entweichen tugendhafter Seelen ist. Der Teufel machte
eine Bewegung, als finge er eine Fliege in der Luft, und da hatte er die
Frechdachsische Seele auch schon. Statt sie aber in sein Portemonnaie zu
stecken, wie er sonst zu tun pflegte, rieb er die Leiche des
verschiedenen Frechdachs in der Nabelgegend damit ein, worauf dort wie
in blauer Tätowierung das Monogramm des Teufels (er benutzt neuerdings
eines in van de Veldescher Unleserlichkeit) erschien und Frechdachs als
Dienstteufel zu einem neuen Leben erwachte. Es war ihm in den paar
Minuten auch schon ein niedliches Hörnerpaar aus der Stirnwand
gesprossen, was sich gar nicht übel ausnahm, und hinten wackelte
dienstbeflissen schmeichlerisch ein kleines, recht artiges Schwänzchen,
das den Hosenboden offenbar ohne viel Mühe perforiert hatte. In einem
Dialekte, der wie englisch ausgesprochenes Latein klang, aber das
Höllenvolapük war, sprach er: »Befehlen Eure Satanität, daß ich den
Motor andrehe?«
»Ja, tu das, mein Sohn,« antwortete der Teufel durchaus freundlich,
»aber erst sag mir mal: Was ist denn mit diesem Rumbo los, daß er immer
noch mit offenem Maule daliegt? Hat er etwa =auch= keine Angst?«
»Aber Meister!« sprach Frechdachs, »seid Ihr wirklich ein so schlechter
Psychologe? Ihr solltet Euch auf Seelen doch von Berufs wegen verstehen.
So dumme Kerle haben natürlich =nie= Angst. Die Stupidität ist durch
passive Courage vor allen anderen Lebewesen ausgezeichnet.«
»Bei meinem Schwanz! Das hatt' ich ganz vergessen,« sagte der Teufel.
»Und es ist doch, weißderhole, eine Wahrheit von vielen Karaten.
Indessen soll dieser Held der Dämligkeit einmal keinen Orden kriegen für
seinen heroischen Mangel an Einsicht, sondern in seinem letzten
Stündchen doch noch lernen, daß Kreaturen nicht zum Vergnügen auf der
Welt sind. Wir wollen in seinem Rachen ein bißchen Automobil fahren.«