Bouvard erblich. -- „Nur zu! Zerstöre! Lege dir keinen Zwang auf!“

„In der Tat, ein großes Unglück!“

„Ja, ein Unglück! Ich hatte sie von meinem Vater!“

„Deinem unehelichen,“ fügte Pécuchet höhnisch hinzu.

„Ah! Du willst mich beleidigen!“

„Nein, aber ich bin dir zur Last! ich sehe es wohl! gestehe es!“

Und Pécuchet wurde von Zorn oder vielmehr von Tobsucht erfaßt. Bouvard

ebenfalls. Sie schrien beide zu gleicher Zeit, der eine wütend vor

Hunger, der andere durch den Alkohol gereizt. Pécuchets Kehle brachte

nur noch ein Röcheln hervor.

„Solch ein Leben ist die Hölle; ich ziehe den Tod vor. Lebe wohl!“

Er nahm den Leuchter, wandte die Hacken, schlug die Tür zu.

Bouvard hatte in der Finsternis Mühe, die Tür zu finden, lief hinter

ihm her, kam auf den Speicher.

Die Kerze brannte am Boden und Pécuchet stand aufrecht auf einem der

Stühle, den Strick in der Hand.

Bouvard wurde vom Nachahmungstrieb gepackt.

„Warte auf mich!“

Und er stieg auf den andern Stuhl, doch plötzlich einhaltend:

„Aber... wir haben unser Testament noch nicht gemacht.“

„Ei ja! das ist richtig!“

Schluchzen hob ihre Brust. Sie traten an die Luke, um zu verschnaufen.

Die Luft war kalt, und zahllose Sterne glänzten am Himmel, der schwarz

wie Tinte war.

Die weiße Schneedecke, welche auf der Erde lag, verlor sich in den

Nebeln des Horizontes.

Sie bemerkten kleine Lichter am Erdboden; sie wurden größer, näherten

sich und liefen alle auf die Kirche zu.

Neugierde trieb sie dorthin.

Es war die Mitternachtmesse der Weihnacht. Die Lichter rührten von den

Laternen der Hirten her. Einige schüttelten in der Vorhalle ihre Mäntel

ab.

Das Serpent summte, der Weihrauch bildete Wolken. Gläser, die in der

ganzen Länge des Schiffes aufgehängt waren, bildeten drei Girlanden

buntfarbiger Lichter, und im Hintergrunde, zu beiden Seiten des

Sakramenthäuschens, sandten Riesenkerzen rote Flammen empor. Über

die Köpfe der Menge und die Kapuzen der Frauen hinweg, jenseits der

Sänger, sah man den Priester in seinem goldenen Meßgewande; seiner

hellen Stimme antworteten die kraftvollen Stimmen der Männer, welche

die Emporen füllten, und die hölzerne Wölbung erzitterte auf ihren

Steinbögen. Bilder, die den Kreuzesweg darstellten, schmückten die

Mauern. Mitten im Chor vor dem Altar lag ein Lamm, die Pfoten unter dem

Leibe, die Ohren aufgerichtet.

Die warme Luft verursachte ihnen ein merkwürdiges Wohlbehagen, und ihre

Gedanken, die eben noch stürmisch gewesen waren, wurden linde, wie

Wogen, die sich glätten.

Sie hörten das Evangelium und das Credo an, folgten den Bewegungen des

Priesters. Die Alten indessen wie die Jungen, die Bettelweiber in ihren

Lumpen, die Pächtersfrauen in hoher Haube, die kräftigen Burschen mit

blonden Backenbärten, sie alle beteten, in die gleiche tiefe Freude

versunken, und sie sahen auf dem Stroh eines Stalles den Leib des

Gottesknaben wie eine Sonne leuchten. Dieser Glaube der andern rührte

Bouvard trotz seiner Vernunft und Pécuchet trotz der Verstocktheit

seines Herzens.

Dann wurde es still; alle Rücken beugten sich, und beim Klange eines

Glöckchens begann das kleine Lamm zu blöken.

Der Priester zeigte die Hostie, er hielt sie mit ausgestreckten Armen

empor, so hoch er konnte. Und Jubelgesang erscholl und rief die Welt

zu den Füßen des Königs der Engel. Unwillkürlich fielen Bouvard und

Pécuchet ein, und es war ihnen, als ob eine Morgenröte heraufzöge in

ihrer Seele.

Bouvard und Pécuchet: Roman aus dem Nachlass · 第 24 / 32 题