Am folgenden Tage rief im Hofe der Herren Gebrüder Descambos,
Elsässische Stoffe, Rue Hautefeuille Nr. 92, eine Stimme:
„Bouvard! Herr Bouvard!“
Der Gerufene steckte den Kopf zwischen den Scheiben durch und erkannte
Pécuchet, der mit deutlicher Betonung sagte:
„Ich bin nicht krank! Ich habe sie ausgezogen!“
„Was denn?“
„Sie!“ sagte Pécuchet, auf seine Brust weisend.
All die Gespräche während des Tages, dazu die Temperatur des Zimmers
und die Verdauungsarbeit hatten ihn gehindert einzuschlafen, so daß er
die Unterjacke ausgezogen hatte, da er es nicht mehr darin aushielt. Am
Morgen war ihm diese Tat, die glücklicherweise ohne Folgen geblieben
war, ins Gedächtnis zurückgekommen, und er wollte Bouvard davon in
Kenntnis setzen, der hierdurch in seiner Achtung zu wunderbarer Höhe
gestiegen war.
Pécuchet war der Sohn eines kleinen Kaufmanns und hatte seine Mutter
nicht gekannt, die in jungen Jahren gestorben war. Man hatte ihn
mit fünfzehn Jahren aus dem Internat genommen, um ihn zu einem
Gerichtsdiener zu geben. Die Gendarmen erschienen unvermutet, und der
Prinzipal wurde auf die Galeeren geschickt; eine grausige Geschichte,
die ihn noch in Schrecken setzte. Dann hatte er sich in mehreren
Berufen versucht: Apothekerlehrling, Studienmeister, Rechnungsführer
auf den Paketbooten der oberen Seine. Schließlich hatte ihn ein
Ministerialbeamter, der durch seine Handschrift gewonnen war, als
Expedienten in Dienst genommen; aber das Bewußtsein einer mangelhaften
Ausbildung mit den daraus entstehenden geistigen Bedürfnissen verdarb
seine Laune; er lebte vollständig allein, ohne Verwandte, ohne
Verhältnis. Seine einzige Zerstreuung war, am Sonntag die öffentlichen
Arbeiten zu besichtigen.
Seine frühesten Erinnerungen versetzten Bouvard auf den Hof eines
Pachtgutes an den Ufern der Loire. Ein Mann, der sein Onkel war, hatte
ihn nach Paris gebracht, damit er den Handel erlerne. Als er großjährig
war, zahlte man ihm einige tausend Franken aus. Da hatte er sich
eine Frau genommen und einen Zuckerwarenladen eröffnet. Sechs Monate
später verschwand seine Gattin, wobei sie die Kasse mit sich nahm.
Die Freunde, das gute Leben und seine Faulheit hatten den Ruin bald
vollständig gemacht. Doch er hatte die Eingebung, seine schöne Hand zu
benutzen; und seit zwölf Jahren hielt er sich in derselben Stellung bei
den Herren Gebrüder Descambos, Stoffe, Rue Hautefeuille Nr. 92. Was
seinen Onkel anging, der ihm vor Zeiten besagtes Bild zur Erinnerung
hatte zugehen lassen, so kannte er nicht einmal dessen Aufenthaltsort
und erwartete nichts mehr von ihm. Fünfzehnhundert Franken Rente und
sein Einkommen als Schreiber erlaubten ihm, jeden Abend einen Nicker in
einer Kneipe zu machen.
So hatte ihr Zusammentreffen die Bedeutung eines Abenteuers gehabt. Sie
hatten sich sogleich mit geheimen Fibern aneinander festgehakt. Wie
übrigens die Zuneigung erklären? Warum bezaubert bei dem einen diese
Eigenheit, jene Unvollkommenheit, die bei dem andern gleichgültig oder
hassenswert ist? Was man den zündenden Blitz zu nennen pflegt, gilt für
alle Leidenschaften. Bevor die Woche zu Ende war, duzten sie sich.
Oft suchten sie einander in ihren Kontoren auf. Sobald der eine
erschien, schloß der andere sein Pult, und sie gingen zusammen auf die
Straße hinab. Bouvard machte große Schritte, während Pécuchet, der die
seinigen verdoppelte und dem der Rock auf die Fersen schlug, dahin zu
rollen schien. Ebenso standen ihre besonderen Neigungen miteinander im
Einklang. Bouvard rauchte Pfeife, liebte den Käse und trank regelmäßig
seine kleine Tasse Kaffee. Pécuchet schnupfte, aß zum Nachtisch nur
Eingemachtes und tauchte ein Stückchen Zucker in seinen Kaffee.
Der eine war vertrauensselig, unbesonnen, großherzig; der andere
verschwiegen, nachdenklich, sparsam.
Um Pécuchet ein Vergnügen zu machen, wollte Bouvard ihn mit Barberou
bekannt machen. Das war ein ehemaliger Handlungsreisender, gegenwärtig
Börsenspekulant, ein gutherziger Junge, Patriot, Damenfreund, der
die Sprechweise des Faubourg nachzuahmen suchte. Pécuchet fand ihn
unangenehm, und er führte Bouvard zu Dumouchel. Dieser Autor (er hatte
nämlich eine kleine Mnemotechnik veröffentlicht) gab Literaturstunden
in einem Pensionat für junge Mädchen, hatte orthodoxe Anschauungen und
ein sehr ernstes Benehmen. Er langweilte Bouvard.
Keiner hatte dem andern seine Meinung vorenthalten. Jeder erkannte die
Richtigkeit der des anderen an. Ihre Gewohnheiten änderten sich, sie
gaben ihren bürgerlichen Mittagstisch auf und speisten schließlich alle
Tage zusammen.
Sie stellten Betrachtungen über die Theaterstücke an, von denen
man sprach, über die Regierung, über die hohen Lebensmittelpreise,
über die Betrügereien im Handel. Von Zeit zu Zeit erschien die
Halsbandgeschichte oder der Prozeß Fualdès in ihren Unterhaltungen; und
dann suchten sie nach den Ursachen der Revolution.
Sie schlenderten an den Trödlerläden entlang. Sie besuchten das
Conservatoire des Arts et Métiers, Saint-Denis, die Gobelinwebereien,
den Invalidendom und alle öffentlichen Sammlungen.
Wenn man ihnen ihren Paß abverlangte, so taten sie, als hätten sie ihn
verloren, indem sie sich für zwei Fremde, zwei Engländer, ausgaben.
In den Galerien des Museums schritten sie mit Verwunderung an den
ausgestopften Vierfüßlern vorbei, mit Vergnügen an den Schmetterlingen,
mit Gleichgültigkeit an den Metallen; die Fossilien regten sie zu
Träumen an, die Schal- und Muscheltiere langweilten sie. Sie spähten
aufmerksam durch die Scheiben in die Treibhäuser, und sie erschauerten
bei dem Gedanken, daß diese Gewächse Gifte absonderten. An der Zeder
bewunderten sie, daß man sie in einem Hut herbeigeschafft hatte.
Im Louvre bemühten sie sich, für Raffael sich zu begeistern. Auf der
großen Bibliothek hätten sie die genaue Zahl der Bände wissen mögen.
Einmal gingen sie in die arabische Vorlesung am Collège de France,
und der Dozent war erstaunt, die beiden Unbekannten zu sehen, die
nachzuschreiben versuchten. Dank der Hilfe Barberous drangen sie hinter
die Kulissen eines kleinen Theaters. Dumouchel verschaffte ihnen
Eintrittskarten für eine Sitzung der Akademie. Sie unterrichteten
sich über die Entdeckungen, lasen Anzeigen, und durch diese Wißbegier
entwickelte sich ihre Intelligenz. Fern an einem Horizont, der täglich
sich erweiterte, nahmen sie Dinge wahr, die zugleich undeutlich und
merkwürdig waren.
Wenn sie ein altes Möbel bewunderten, bedauerten sie, daß sie nicht
zu der Zeit gelebt hatten, da man sich seiner bediente, obgleich sie
nicht die geringste Kenntnis über jene Zeit hatten. Bei gewissen Namen
dachten sie sich Länder, die um so schöner waren, je ungenauer ihre
Vorstellung davon war. Die Werke, deren Titel für sie unverständlich
waren, schienen ihnen ein Geheimnis zu umschließen.
Und wenn sie keine Gedanken mehr hatten, so litten sie um so mehr.
Wenn auf der Straße eine Post ihren Weg kreuzte, wandelte die Lust sie
an, mit ihr abzureisen. Der Blumenkai erregte ihnen Sehnsucht nach dem
Landleben.
Eines Sonntags setzten sie sich gleich am Morgen in Marsch; sie nahmen
ihren Weg über Meudon, Bellevue, Suresnes, Auteuil und trieben sich
den ganzen Tag lang zwischen den Weinbergen umher, rissen am Rande der
Felder Mohn aus, schliefen im Grase, tranken Milch, aßen unter den
Akazien der Wirtshäuser und kamen sehr spät heim, bestaubt, erschöpft,
entzückt. Sie wiederholten diese Spaziergänge oft. Am folgenden Tage
waren sie so traurig, daß sie sie schließlich aufgaben.
Die Eintönigkeit des Bureaus wurde ihnen verhaßt. Immer und ewig das
Radiermesser und der Sandarak, dasselbe Tintenfaß, dieselben Federn und
dieselben Gefährten! Da sie sie für dumm erachteten, sprachen sie immer
weniger mit ihnen. Das trug ihnen Hänseleien ein. Sie kamen jeden Tag
nach Beginn, und sie erhielten Verweise.
Früher waren sie beinahe glücklich gewesen; aber ihre Tätigkeit
demütigte sie, seitdem sie sich mehr achteten, und sie bestärkten sich
in diesem Widerwillen, begeisterten sich gegenseitig, verdarben sich.
Pécuchet nahm das ungestüme Wesen Bouvards an, auf Bouvard ging etwas
von der Grämlichkeit Pécuchets über.
„Ich möchte Kunstreiter auf den öffentlichen Plätzen werden!“ sagte der
eine.
„Wäre ebensogern Lumpensammler!“ sagte der andere.
Welch eine scheußliche Lage! Und keine Möglichkeit, herauszukommen!
Nicht einmal die Hoffnung! --
Eines Nachmittags (es war am 20. Januar 1839) empfing Bouvard im Kontor
einen Brief, den der Briefträger gebracht hatte. Seine Arme hoben sich,
sein Kopf sank allmählich zurück, und er stürzte ohnmächtig zu Boden.
Die Angestellten eilten herbei, man löste seine Halsbinde. Man ließ
einen Arzt holen. Er schlug die Augen wieder auf; und dann, auf die
Fragen, die man an ihn richtete:
„Ach!... nämlich... nämlich... etwas frische Luft wird mir helfen.
Nein! lassen Sie mich! Erlauben Sie!“
Und trotz seiner Beleibtheit lief er in einem Atem zum
Marineministerium, während er sich mit der Hand über die Stirn fuhr,
verrückt zu werden glaubte und sich zu beruhigen versuchte.
Er ließ Pécuchet rufen.
Pécuchet erschien.
„Mein Onkel ist tot! Ich erbe!“
„Nicht möglich!“
Bouvard zeigte folgende Zeilen:
Bureau des Rechtsanwalts Tardivel, Notar.
Savigny-en-Septaine, den 14. Januar 1839.
Mein Herr!
Ich ersuche Sie, sich in meinem Bureau einzufinden, um dort von
dem Testamente Ihres natürlichen Vaters, des Herrn François Denys
Bartholomée Bouvard, vormaligen Kaufmanns in der Stadt Nantes,
verstorben in dieser Gemeinde den 10. gegenwärtigen Monats,
Kenntnis zu nehmen. Dieses Testament enthält eine sehr wichtige
Verfügung zu Ihren Gunsten.
Empfangen Sie, mein Herr, die Versicherung meiner Hochachtung.
Tardivel, Notar.
Pécuchet mußte sich auf einen Stein im Hofe setzen. Dann gab er das
Papier zurück, wobei er langsam sagte:
„Wenn das nur... keine Possen sind!“
„Du glaubst, das seien Possen!“ erwiderte Bouvard mit erstickter
Stimme, die dem Röcheln eines Sterbenden glich.
Aber der Poststempel, der Name des Bureaus in Druckschrift, die
Unterschrift des Notars, alles bewies die Echtheit der Nachricht; --
und sie schauten einander an, während ihre Mundwinkel zitterten und
eine Träne aus ihren starren Augen floß.
Es wurde ihnen zu enge. Sie gingen bis zum Triumphbogen, kehrten am
Wasser entlang zurück, ließen Notre-Dame hinter sich. Bouvard war sehr
rot. Er gab Pécuchet Püffe in den Rücken, und fünf Minuten lang redete
er närrisches Zeug.
Sie grinsten wider Willen. Diese Erbschaft mußte sich sicherlich
belaufen auf...
„Ach, das wäre zu schön! Sprechen wir nicht mehr davon.“
Sie sprachen wieder davon. Nichts hinderte sie, sogleich genaueren
Aufschluß darüber zu verlangen. Bouvard schrieb dieserhalb an den Notar.
Der Notar schickte eine Abschrift des Testamentes, welches so schloß:
„Demzufolge vermache ich François Denys Bartholomée Bouvard, den ich
als meinen unehelichen Sohn anerkenne, den Teil meiner Güter, der
gesetzlich verfügbar bleibt.“
Der Biedermann hatte diesen Sohn in seiner Jugend gehabt, aber
er hatte ihn sorgfältig beiseite gehalten und für seinen Neffen
ausgegeben. Und der Neffe hatte ihn immer Onkel genannt, obgleich
er wußte, worum es sich handelte. Gegen sein vierzigstes Jahr hatte
Herr Bouvard sich verheiratet, dann war er Witwer geworden. Da seine
beiden legitimen Söhne nicht nach seinen Wünschen geraten waren,
hatten ihn Gewissensbisse gepackt über die Verlassenheit, in der er
sein uneheliches Kind so viele Jahre gelassen hatte. Ohne den Einfluß
seiner Köchin hätte er es sogar zu sich genommen. Dank dem geschickten
Vorgehen der Familie verließ sie ihn, und in seiner Vereinsamung wollte
er, dem Tode nahe, sein Unrecht wieder gutmachen, indem er der Frucht
seiner ersten Liebe von seinem Vermögen alles vermachte, worüber er
verfügen konnte. Es belief sich auf eine halbe Million, was für den
Schreiber zweihundertfünzigtausend Franken ausmachte. Der ältere der
Brüder, Herr Etienne, hatte sich dahin geäußert, er werde das Testament
anerkennen.
Bouvard verfiel in eine Art stumpfsinnigen Brütens. Er wiederholte mit
leiser Stimme, während er mit dem friedlichen Lächeln der Trunkenen
lächelte: „Fünfzehntausend Franken Rente!“ -- und Pécuchet, dessen Kopf
doch klarer war, konnte nicht darüberkommen.
Sie wurden durch einen Brief Tardivels unerwartet aufgerüttelt. Der
zweite Sohn, Herr Alexander, erklärte die Absicht, alles gerichtlich
regeln und sogar das Vermächtnis, wenn möglich, anfechten zu wollen,
wobei er vor allem Versiegelung, Aufnahme, Ernennung eines Sachwalters
und so weiter forderte! Bouvard bekam eine Affektion der Galle davon.
Kaum war er wieder auf der Besserung, so fuhr er nach Savigny, von
wo er, ohne etwas ausgerichtet zu haben und mit Kummer über die
Reisekosten, zurückkehrte.
Dann folgte eine Zeit der Schlaflosigkeit; er schwankte zwischen Zorn
und Hoffnung, Aufregung und Niedergeschlagenheit. Endlich beruhigte
sich Herr Alexander nach Verlauf von sechs Monaten, und Bouvard trat
den Besitz der Erbschaft an.
Sein erster Ausruf war gewesen: „Wir werden uns aufs Land
zurückziehen!“ -- und dieses Wort, das seinen Freund in sein Glück
einschloß, hatte Pécuchet ganz selbstverständlich gefunden. Denn der
Bund dieser beiden Männer war vollständig und ging bis in die Tiefe.
Aber da er sich nicht von Bouvard ernähren lassen wollte, würde er
nicht vor seiner Pensionierung den Dienst verlassen. Zwei Jahre noch!
Gleichviel! Er blieb unbeugsam, und es war beschlossene Sache.
Um herauszufinden, wo man sich niederlassen könnte, gingen sie alle
Provinzen durch. Der Norden war fruchtbar, aber zu kalt; der Süden
bezauberte durch sein Klima, hatte aber sein Unangenehmes, wenn man
die Stechmücken in Betracht zog; und das Zentrum bot, offen gesagt,
nichts Interessantes. Die Bretagne würde ihnen ohne die Frömmelei ihrer
Bewohner zugesagt haben. Was die östlichen Gegenden anlangte, so war
wegen des germanischen Dialekts nicht daran zu denken. Doch es gab
andere Landstriche. Wie war es zum Beispiel mit der Gegend von Forez,
von Bugey, von Roumois? Die geographischen Karten gaben keine Auskunft
darüber. Was tat es übrigens, ob ihr Haus an diesem oder jenem Orte
stehen würde, die Hauptsache war, daß sie eins haben würden.
Sie sahen sich schon in Hemdsärmeln am Rande eines Beetes, wie sie
Rosenstöcke beschnitten, die Erde umgruben, rajolten, bearbeiteten,
Tulpen aus ihren Töpfen in die Erde setzten. Sie würden beim Schlag
der Lerche erwachen, um dem Pfluge zu folgen, mit einem Korbe zum
Äpfelpflücken gehen, zuschauen, wie die Butter bereitet, das Korn
gedroschen, die Schafe geschoren, die Bienen versorgt wurden, und sie
würden sich am Brüllen der Kühe und dem Duft des Heus erfreuen. Keine
Schreibarbeit mehr! Keine Vorgesetzten! Nicht einmal mehr Miete zu
zahlen! Denn sie würden eine eigene Behausung besitzen! -- Und sie
würden die Hühner ihres Hofes, die Gemüse ihres Gartens essen, --
und sie würden ihre Mahlzeit einnehmen, während sie die Holzschuhe
anbehielten! -- „Wir werden ganz leben, wie es uns gefällt! Wir werden
uns den Bart wachsen lassen!“
Sie kauften sich Garteninstrumente, dann einen Haufen Sachen, „die
vielleicht dienlich sein könnten,“ wie einen Werkzeugkasten (ein
solcher gehört immer in ein Haus), dann Wagen, eine Feldmesserkette,
eine Badewanne, für den Fall, daß sie krank würden, ein Thermometer,
und sogar ein Barometer, „System Gay-Lussac“, um physikalische
Beobachtungen zu machen, wenn die Lust dazu sie anwandeln sollte. Es
wäre auch nicht übel (denn man kann nicht immer draußen arbeiten),
einige gute literarische Werke zu besitzen, -- und sie suchten darnach
-- oft in großer Verlegenheit, ob das betreffende Buch wirklich „ein
Buch für eine Bibliothek“ sei. Bouvard entschied die Frage.
„Na, wir werden keine Bibliothek nötig haben!“
„Zudem habe ich die meinige,“ sagte Pécuchet.
Im voraus richteten sie sich ein. Bouvard würde seine Möbel mitnehmen,
Pécuchet seinen großen schwarzen Tisch; man würde die Vorhänge
benutzen, und mit etwas Küchengeschirr wäre man genügend eingerichtet.
Sie hatten sich geschworen, über all das zu schweigen, aber ihre
Gesichter strahlten. Auch fanden ihre Kollegen sie sonderbar. Bouvard,
der auf seinem Pulte liegend schrieb, die Ellbogen darüber hinaus,
um seiner Bastardschrift mehr Schwung zu geben, ließ sein Pfeifen
hören, während er schelmisch mit seinen dicken Augenlidern zwinkerte.
Pécuchet, der auf einem hohen Strohsitz hockte, verwendete seine Sorge
auf die Grundstriche seiner langen Schrift -- doch während er die
Nasenflügel blähte, kniff er die Lippen zusammen, als wenn er Furcht
gehabt hätte, sein Geheimnis zu verraten.
Nach anderthalb Jahren des Herumsuchens hatten sie noch nichts
gefunden. Sie reisten in der ganzen Umgebung von Paris umher, von
Amiens bis nach Evreux und von Fontainebleau bis nach le Havre. Sie
wollten eine Gegend, die durchaus ländlich war, ohne gerade eine
pittoreske Lage zu verlangen; ein enger Horizont wiederum stimmte sie
traurig.
Sie flohen die Nachbarschaft der Wohnhäuser und fürchteten doch die
Einsamkeit.
Manchmal faßten sie einen Entschluß; dann kam die Furcht, ihn später
zu bereuen, und sie änderten ihre Absicht, da ihnen der Ort ungesund
oder zu sehr dem Meereswinde ausgesetzt, zu nah an einer Fabrik oder zu
schwer zugänglich schien.
Barberou erlöste sie.
Er wußte um ihren Traum, und eines schönen Tages kam er mit der
Nachricht, man habe ihm von einem Gute bei Chavignolles zwischen
Caen und Falaise gesprochen. Es bestand aus einem Pachthof von
achtunddreißig Hektar, mit einer Art Schloß und einem sehr
ertragfähigen Garten.
Sie verfügten sich in den Calvados und waren begeistert. Nur verlangte
man für den Pachthof wie das Haus (das eine sollte nicht ohne das
andere verkauft werden) hundertdreiundvierzigtausend Franken. Bouvard
wollte nur hundertzwanzigtausend geben.
Pécuchet bekämpfte seine Halsstarrigkeit, bat ihn, nachzugeben,
erklärte schließlich, er würde den Rest dazuzahlen. Das war sein
ganzes Vermögen, es rührte aus dem Erbteil seiner Mutter und aus
seinen Ersparnissen her. Niemals war ein Wort davon über seine Lippen
gekommen, denn er hielt dieses Kapital für eine große Gelegenheit
zurück.
Gegen Ende des Jahres 1840, sechs Monate vor seiner Pensionierung, war
alles bezahlt.
Bouvard war nicht mehr Schreiber. Zuerst hatte er seine Beschäftigung
aus Mißtrauen gegen die Zukunft fortgesetzt, aber einmal der Erbschaft
sicher, hatte er sie aufgegeben. Indessen ging er noch gern zu den
Herren Descambos, und am Abend vor seiner Abreise lud er das ganze
Kontor-Personal zu einem Punsch ein.
Pécuchet dagegen zeigte sich seinen Kollegen gegenüber übellaunig und
schlug am letzten Tage beim Fortgehen die Tür heftig zu.
Er hatte das Einpacken zu überwachen, eine Menge Besorgungen und auch
noch Einkäufe zu machen und mußte von Dumouchel Abschied nehmen.
Der Professor schlug ihm einen Briefwechsel vor, durch den er ihn
literarisch auf dem Laufenden halten würde; und nachdem er ihm nochmals
zu seinem Glück gratuliert hatte, wünschte er ihm gute Gesundheit.
Barberou zeigte mehr Gefühl, als Bouvard ihm Lebewohl sagte. Er sagte
eigens deshalb eine Partie Domino ab, versprach, ihn dort unten zu
besuchen, bestellte zwei Anisliköre und umarmte ihn.
Als Bouvard nach Hause gekommen war, tat er auf seinem Balkon einen
tiefen Atemzug in der frischen Luft und sagte im stillen: „Endlich!“
Die Lichter der Kais zitterten im Wasser, das Rollen der Omnibusse
verhallte in der Ferne. Er rief sich die glücklichen Tage zurück, die
er in dieser großen Stadt verbracht hatte, die Picknicks im Restaurant,
die Abende im Theater, das Geschwätz der Portierfrau, alle seine
Gewohnheiten; und er fühlte, wie eine Schwäche sein Herz überkam, eine
Traurigkeit, die er nicht wagte, sich zu gestehen.
Pécuchet wanderte bis zwei Uhr morgens in seinem Zimmer umher. Er würde
es nicht wiedersehen, um so besser! Und um doch noch etwas von sich
zurückzulassen, kritzelte er seinen Namen in den Gips des Kamins.
Die großen Frachtstücke waren schon am Abend vorher abgegangen. Die
Gartengeräte, die Bettstellen, die Matratzen, die Tische, die Stühle,
ein Sparherd, die Badewanne und drei Fässer mit Burgunder sollten auf
der Seine bis nach le Havre gehen und von dort bis Caen verfrachtet
werden, von wo aus Bouvard, der sie erwarten sollte, sie nach
Chavignolles befördern ließ.
Das Bild seines Vaters hingegen, die Sessel, das Likörservice, die
Bücher, die Stutzuhr, alle wertvollen Gegenstände wurden in einen
Möbelwagen verladen, der den Weg über Nonancourt, Verneuil und Falaise
nehmen sollte. Pécuchet wollte ihn begleiten.
Er richtete sich auf der Bank neben dem Wagenführer ein, und, in seinen
ältesten Rock gehüllt, mit einem Schal, Fausthandschuhen und dem
Fußsack, den er im Geschäft benutzt hatte, versehen, verließ er Sonntag
den 20. März bei Tagesanbruch die Hauptstadt.
Die Bewegung und das Ungewohnte der Reise beschäftigten ihn während der
ersten Stunden. Dann verlangsamten die Pferde ihren Schritt, was einen
Wortwechsel mit dem Wagenführer und dem Fuhrmann zur Folge hatte. Sie
suchten fürchterliche Herbergen auf, und obwohl sie die Verantwortung
für alles trugen, übernachtete Pécuchet aus übertriebener Vorsicht doch
in denselben Schlafstätten.
Am folgenden Tage ging es mit der Morgenröte weiter; und immer dehnte
sich die gleiche Straße bis zum Rande des Horizontes empor. Ein
Steinhaufen folgte auf den andern, die Gräben waren voll Wasser, das
Gelände breitete sich in großen Flächen von eintönigem und kaltem
Grün aus, Wolken zogen am Himmel, von Zeit zu Zeit fiel Regen. Am
dritten Tage erhoben sich plötzliche Windstöße. Die schlecht befestigte
Wagendecke klatschte im Winde wie das Segel eines Schiffes. Pécuchet
duckte seinen Kopf unter seiner Mütze, und jedesmal, wenn er seine
Tabakdose öffnete, mußte er, um sich die Augen zu schützen, sich
vollständig umwenden. An den holprigen Stellen hörte er hinter sich
sein ganzes Gepäck schwanken und ließ es nicht an guten Ermahnungen
fehlen. Da er sah, daß sie nutzlos waren, änderte er seine Taktik; er
spielte den Liebenswürdigen, zeigte Gefälligkeiten, bei schwierigen
Aufstiegen schob er mit den Leuten am Rade; er ging so weit, ihnen
nach dem Essen den Kaffee zu bezahlen. Von da an kamen sie schneller
von der Stelle, wodurch in der Gegend von Gauburge die Achse brach und
der Wagen, auf die Seite geneigt, stehen blieb. Pécuchet untersuchte
sogleich das Innere; die Porzellantassen lagen in Scherben. Er erhob
die Arme, mit den Zähnen knirschend, und verwünschte diese beiden
Dummköpfe; und der folgende Tag ging verloren, weil der Fuhrmann sich
betrank; doch Pécuchet hatte nicht die Kraft zu klagen; der Kelch des
Leidens war voll.
Bouvard hatte Paris erst den zweitnächsten Tag verlassen, um noch
einmal mit Barberou zusammen speisen zu können. Er kam erst in der
letzten Minute auf den Posthof, wachte dann in Rouen vor der Kathedrale
wieder auf; er hatte die falsche Post genommen.
Am Abend waren alle Plätze nach Caen vorherbestellt; da er nicht
wußte, was er anfangen sollte, ging er ins Theatre des Arts, und er
lächelte seinen Nachbarn zu und erzählte ihnen dabei, daß er sich vom
Geschäft zurückgezogen habe und seit kurzem im Besitz eines Gutes
in der Umgebung sei. Als er am Freitag in Caen landete, waren seine
Frachtstücke noch nicht da. Er empfing sie am Sonntag und sandte sie
auf einem Karren weiter, nachdem er den Pächter benachrichtigt hatte,
daß er in einigen Stunden nachkommen würde.
In Falaise, am neunten Tage der Reise, nahm Pécuchet ein Aushilfspferd,
und bis zum Sonnenuntergang kam man gut vorwärts. Nachdem er jenseits
von Bretteville die Landstraße verlassen hatte, geriet er auf einen
Richtweg und glaubte jeden Augenblick den Giebel von Chavignolles zu
sehen. Indessen wurden die Wagenspuren undeutlicher; sie verschwanden
ganz, und sie befanden sich mitten in bebauten Feldern. Die Nacht
brach an. Was sollte werden? Endlich ließ Pécuchet den Wagen stehen,
und durch den Schmutz watend, ging er auf die Suche. Wenn er sich den
Gehöften näherte, bellten die Hunde. Er schrie aus Leibeskräften, um
den Weg zu erfahren. Keine Antwort. Er hatte Furcht und lief davon.
Plötzlich glänzten zwei Laternen auf. Er bemerkte ein Gefährt und
stürzte darauf zu, um es einzuholen. Bouvard saß darin.
Doch wo konnte der Möbelwagen sein? Eine Stunde lang riefen sie danach
in der Dunkelheit. Endlich fand er sich wieder, und sie gelangten nach
Chavignolles.
Ein großes Feuer aus Reisig und Fichtenzapfen flammte im Saale. Zwei
Gedecke waren aufgelegt. Die auf dem Karren angelangten Möbel füllten
die Vorhalle. Nichts fehlte. Man setzte sich zu Tisch.
Man hatte ihnen Zwiebelsuppe, ein Huhn, Speck und harte Eier gemacht.
Die alte Frau, die das Essen zubereitete, kam von Zeit zu Zeit, um
sich zu vergewissern, wie es ihnen schmecke. Sie antworteten: „O! sehr
gut! sehr gut!“, und das grobe Brot, das sich schlecht schneiden ließ,
die Sahne, die Nüsse, alles mundete ihnen herrlich. Der Steinfußboden
zeigte Löcher, die Mauern waren feucht. Indessen ließen sie ihre Blicke
befriedigt umherschweifen, während sie an dem kleinen Tische aßen, auf
dem eine Kerze brannte. Ihre Gesichter waren von der frischen Luft
gerötet. Sie streckten ihre Bäuche vor. Sie lehnten sich kräftig gegen
die Lehnen ihrer Stühle, die davon krachten, und sie wiederholten: „Da
wären wir also! Welch eine Wohltat! Es kommt mir vor wie ein Traum!“
Obgleich es Mitternacht war, kam Pécuchet auf den Gedanken, einen Gang
durch den Garten zu machen. Bouvard hatte nichts dagegen. Sie nahmen
das Licht, und während sie es mit einer alten Zeitung vor der Zugluft
schützten, gingen sie an den Beeten entlang. Es machte ihnen Vergnügen,
die Gemüse laut zu benennen: „Sieh da, Mohrrüben! Ah, Kohl!“
Dann besichtigten sie die Spaliere. Pécuchet suchte Knospen zu
entdecken. Zuweilen rannte plötzlich eine Spinne an der Mauer davon,
und die beiden Schatten ihrer Körper zeichneten sich in Vergrößerung
darauf und wiederholten ihre Bewegungen. Die Spitzen der Gräser troffen
von Tau. Die Nacht war vollständig schwarz, und alles lag regungslos in
tiefem Schweigen, in tiefem Wohlsein. In der Ferne krähte ein Hahn.
Ihre beiden Zimmer hatten eine kleine Verbindungstür, die von der
Tapete verdeckt war. Soeben waren dadurch, daß man mit einer Kommode
dagegen stieß, die Nägel herausgesprungen. Sie fanden sie offen
stehend. Das war eine Überraschung.
Schon entkleidet und im Bett, schwatzten sie noch einige Zeit; dann
schliefen sie ein, Bouvard auf dem Rücken, mit offenem Munde und
bloßem Kopf; Pécuchet auf der rechten Seite, die Knie an den Unterleib
gezogen, in eine wollene Nachtmütze gehüllt; und alle beide schnarchten
im Mondenlicht, das durch die Fenster fiel.