I
Eine Hitze von dreiunddreißig Grad machte den Boulevard Bourdon
vollständig menschenleer.
Unterhalb desselben dehnte sich in gerader Linie das tintenschwarze
Wasser des Kanals Saint-Martin, der durch die beiden Schleusen
abgeschlossen war. Mitten darauf lag ein mit Holz beladenes Boot, und
am Ufer sah man zwei Reihen Tonnen.
Jenseits des Kanals erschien zwischen den Häusern, die von
Lagerschuppen unterbrochen werden, der weite, klare Himmel in
lasurblauen Flächen, und von den zurückgeworfenen Sonnenstrahlen
blendeten die weißen Fassaden der Schieferdächer, die Kais aus Granit.
Ein verworrenes Geräusch lag fern in der warmen Luft; und alles schien
erstarrt in der sonntäglichen Untätigkeit und der Traurigkeit der
Sommertage.
Zwei Männer erschienen.
Der eine kam vom Bastille-Platz, der andere aus dem Botanischen Garten.
Der größere, in einem Leinenanzug, ging, den Hut im Nacken, die Weste
geöffnet und die Halsbinde in der Hand. Der kleinere, dessen Körper in
einem kastanienbraunen Rock steckte, trug den Kopf gesenkt unter einer
Mütze mit spitzem Schirm.
Als sie bis zur Mitte des Boulevards gekommen waren, setzten sie sich
im selben Augenblick auf dieselbe Bank.
Um sich die Stirn zu trocknen, nahmen sie ihre Kopfbedeckung ab, die
jeder neben sich legte; und der kleine Mann bemerkte, daß in dem Hute
seines Nachbarn „Bouvard“ geschrieben stand, während dieser leicht in
der Mütze des Unbekannten im Rock das Wort „Pécuchet“ unterschied.
„Sieh da,“ sagte er, „wir haben denselben Gedanken gehabt, nämlich
unsere Namen in unsere Schädelbedeckungen zu schreiben.“
„Lieber Gott, ja, man könnte mir die meinige im Bureau nehmen!“
„Ganz mein Fall, ich bin Beamter.“
Darauf betrachteten sie einander.
Das liebenswürdige Äußere Bouvards nahm sogleich Pécuchet gefangen.
Seine bläulichen Augen, die stets halb zugekniffen waren, lächelten
in einem Gesicht von gesunder Farbe. Eine Hose mit großem Latz, die
unten auf seinen Kastorschuhen Falten warf, umschloß fest seinen Leib
und bewirkte, daß sich das Hemd am Gurt bauschte; und seine blonden
Haare, die sich von selbst in leichte Locken legten, gaben ihm etwas
Kindliches.
Von der Spitze seiner Lippen kam eine Art von ununterbrochenem Pfeifen.
Das ernste Äußere Pécuchets fesselte Bouvards Aufmerksamkeit.
Man hätte glauben können, er trüge eine Perücke, so schmiegsam und
schwarz waren die Strähnen, die seinen Schädel bedeckten. Sein Gesicht
erschien ganz scharfkantig durch die weit herabgehende Nase. Seine
Beine, die in Lastinghosen steckten, standen in einem Mißverhältnis zur
Länge des Oberkörpers. Er hatte eine laute, tiefe Stimme.
Folgender Ausruf entschlüpfte ihm: „Wie wohl würde man sich auf dem
Lande fühlen!“
Aber das Weichbild war nach Bouvards Ansicht unausstehlich durch den
Lärm der Kneipen. Pécuchet dachte ebenso. Trotzdem fühlte er sich
allmählich der Hauptstadt überdrüssig; Bouvard desgleichen.
Und ihre Augen wanderten über die zum Bauen aufgeschichteten
Steinhaufen, über das widerliche Wasser, auf dem ein Strohbündel
schwamm, über den Schornstein einer Fabrik, der sich am Horizont erhob;
die Ausdünstungen der Abwässer lagen in der Luft. Sie wandten sich nach
der anderen Seite. Da hatten sie die Mauern der Getreidespeicher vor
sich.
Ganz gewiß -- und Pécuchet schien davon überrascht -- es war auf der
Straße noch heißer als im Hause!
Bouvard suchte ihn zu veranlassen, seinen Rock abzulegen. Er für
seinen Teil kehre sich nicht daran, was man darüber sagen würde!
Plötzlich torkelte ein Betrunkener den Bürgersteig entlang; und von den
Arbeitern ausgehend, schnitten sie ein politisches Gespräch an. Ihre
Anschauungen waren die gleichen, wenn auch Bouvard vielleicht etwas
liberaler war.
Gerassel erscholl auf dem Pflaster in einer wirbelnden Staubwolke. Es
waren drei Mietwagen, die in der Richtung auf Bercy davonfuhren. Eine
eben getraute junge Frau mit dem Hochzeitsbukett, Bürger in weißer
Krawatte, Damen, die bis unter die Achsel in ihre Röcke vergraben
waren, zwei bis drei kleine Mädchen und ein Schüler saßen darin. Der
Anblick dieser Hochzeitsgesellschaft brachte Bouvards und Pécuchets
Unterhaltung auf die Frauen, die sie für frivol, zänkisch und
eigensinnig erklärten. Trotzdem seien sie oft besser als die Männer;
manchmal seien sie auch schlechter. Kurz, es sei gescheiter, ohne sie
zu leben; daher war Pécuchet auch Junggeselle geblieben.
„Was mich betrifft, so bin ich Witwer“, sagte Bouvard, „und kinderlos!“
„Das ist am Ende ein Glück für Sie! Doch die Einsamkeit ist auf die
Dauer traurig.“
Dann erschien am Rande des Kais ein Freudenmädchen mit einem Soldaten.
Sie war blaß, dunkelhaarig und pockennarbig und stützte sich auf den
Arm des Militärs, während sie schleppenden Schrittes die Hüften wiegte.
Als sie vorüber war, erlaubte sich Bouvard eine obszöne Bemerkung.
Pécuchet wurde sehr rot und wies, ohne Zweifel, um einer Antwort
auszuweichen, mit dem Blick auf einen Priester, der näher kam.
Der Geistliche schritt langsam die Avenue mit den dürren kleinen Ulmen
herab, die die Linie des Bürgersteiges anzeigen, und sobald Bouvard
den Dreispitz aus den Augen verloren hatte, erklärte er sich für
erleichtert, denn er verabscheute die Jesuiten. Ohne sie von ihren
Sünden freisprechen zu wollen, zeigte Pécuchet eine gewisse Achtung vor
der Religion.
Unterdessen sank die Dämmerung, und gegenüber wurden die Jalousien
aufgezogen. Die Vorübergehenden mehrten sich. Es schlug sieben.
Ihre Worte strömten, ohne zu versiegen. Allgemeine Bemerkungen
wechselten mit Anekdoten, philosophische Sentenzen mit persönlichen
Betrachtungen. Sie ließen kein gutes Haar an der Verwaltung der
Brücken- und Wegebauten, an der Tabakregie, dem Handel, dem Theater, an
unserer Marine und dem ganzen menschlichen Geschlecht, wie Leute, die
große Kränkungen erlitten haben. Jeder glaubte, während er den andern
hörte, etwas von sich selbst wiederzufinden, das in Vergessenheit
geraten war. Und obgleich sie die Zeit naiver Begeisterungen hinter
sich hatten, empfanden sie doch eine ihnen neue Lust, eine Art
überströmenden Glücksgefühls, den Reiz zärtlicher Gefühle in ihrem
Anfangsstadium.
Zwanzigmal waren sie aufgestanden, hatten sich wieder hingesetzt und
waren den Boulevard von der oberen Schleuse bis zur unteren Schleuse
hinabgeschritten; jedesmal wollten sie sich trennen und fanden, durch
einen Zauber festgehalten, nicht die Kraft dazu.
Dennoch nahmen sie Abschied, und ihre Hände lagen ineinander, als
Bouvard plötzlich sagte: „Meiner Treu! Wenn wir zusammen äßen!“
„Ich dachte daran,“ erwiderte Pécuchet, „aber ich wagte nicht, Ihnen
den Vorschlag zu machen!“
Und er ließ sich in ein dem Rathaus gegenüberliegendes kleines
Restaurant führen, wo man gut untergebracht sein würde.
Bouvard bestellte die Speisen.
Pécuchet hatte Furcht vor Gewürzen, da sie ihm den Körper in Brand
setzen könnten. Das gab Anlaß zu einer medizinischen Erörterung. Dann
priesen sie den Nutzen der Wissenschaft: wie viel wissenswerte Dinge,
was für Forschungen ... wenn man Zeit dazu hätte! Ach! Der Broterwerb
nahm sie ganz in Anspruch; und sie erhoben die Arme vor Staunen und
hätten sich beinahe über den Tisch umarmt, als sie entdeckten, daß sie
alle beide Schreiber waren, Bouvard in einem Handelshause, Pécuchet im
Marineministerium; was ihn jedoch nicht hinderte, jeden Abend einige
Augenblicke dem Studium zu widmen. Er hatte in Thiers’ Werke Fehler
angemerkt und sprach mit der höchsten Achtung von einem gewissen
Dumouchel, der Professor war.
Bouvard war ihm in anderer Hinsicht überlegen. Seine aus Haaren
geflochtene Uhrkette und die Art, wie er die Remoulade rührte, zeigten
den alten erfahrenen Genießer, und er aß, den Zipfel der Serviette
unter der Achsel, während er Witze zum besten gab, die Pécuchet zum
Lachen brachten. Es war ein besonderes Lachen in einem einzigen sehr
tiefen Ton, der immer derselbe blieb und in langen Zwischenräumen
hervorgestoßen wurde. Dasjenige Bouvards war gleichmäßig klangvoll,
entblößte seine Zähne, setzte seine Schultern in Bewegung, und die
Gäste vor der Tür drehten sich danach um.
Als das Mahl beendigt war, gingen sie in ein anderes Lokal, um den
Kaffee einzunehmen. Pécuchet seufzte, während er die Gasflammen
anschaute, über das Überhandnehmen des Luxus; dann schob er mit
verächtlicher Handbewegung die Zeitungen fort. Bouvard war in diesem
Punkte nachsichtiger. Er liebte im allgemeinen alle Schriftsteller und
hatte in seiner Jugend Lust gehabt, Schauspieler zu werden.
Er wollte mit einem Billardstock und zwei Elfenbeinkugeln
equilibristische Kunststücke ausführen, wie Barberou, einer seiner
Freunde, sie machte. Stets fielen die Kugeln zu Boden und verschwanden
zwischen den Beinen der Gäste, auf dem Fußboden rollend, im
Hintergrunde. Der Kellner, der sich jedesmal erhob, um sie auf allen
Vieren kriechend unter den Bänken zu suchen, beklagte sich schließlich.
Pécuchet geriet mit ihm in Streit; der Wirt kam dazu, doch Pécuchet
wollte seine Entschuldigung nicht anhören und bei der Bezahlung mäkelte
er sogar an dem vorgesetzten Kaffee herum.
Er schlug schließlich vor, den Abend friedlich in seiner Wohnung zu
beschließen, die ganz nahe in der Rue Saint-Martin lag.
Kaum war er eingetreten, so legte er eine Art Wams aus indischem Kattun
an und machte den Wirt seiner Wohnung.
Ein Schreibtisch aus Tannenholz, der gerade in der Mitte stand, störte
durch seine Ecken, und ringsherum lagen auf Brettern, den drei Stühlen,
dem alten Lehnsessel und in den Ecken bunt durcheinander mehrere Bände
der Enzyklopädie Roret, das Handbuch des Magnetiseurs, ein Fénelon,
andere Schmöker neben Haufen von Schreibpapier, zwei Kokosnüssen,
verschiedenen Denkmünzen, einer türkischen Mütze und Muscheln, die
Dumouchel aus le Havre mitgebracht hatte. Eine Lage von Staub bedeckte
samtartig die Wände, die einst gelb gestrichen gewesen waren. Die
Stiefelbürste lag auf dem Rande des Bettes, dessen Laken herabhingen.
An der Decke sah man einen großen schwarzen Fleck, der durch den
Lampenruß entstanden war.
Bouvard bat, ohne Zweifel wegen des Geruches, das Fenster öffnen zu
dürfen.
„Die Papiere würden davonfliegen!“ rief Pécuchet, der außerdem noch die
Zugluft fürchtete.
Indessen rang er in diesem kleinen Zimmer nach Luft, das seit dem
Morgen durch die Schiefer des Daches geheizt war.
Bouvard sagte zu ihm:
„An Ihrer Stelle würde ich meine Unterjacke ausziehen!“
„Was?“
Und Pécuchet senkte den Kopf, von Schrecken erfaßt bei dem Gedanken,
ohne seine schützende Unterkleidung zu sein.
„Begleiten Sie mich,“ begann Bouvard von neuem, „die Luft draußen wird
Sie erfrischen.“
Schließlich zog Pécuchet seine Stiefel wieder an, während er brummte:
„Sie behexen mich, mein Ehrenwort darauf!“ Und trotz der Entfernung
begleitete er ihn bis zu seiner Wohnung an der Ecke der Rue de Béthune,
gegenüber der Brücke de la Tournelle.
Bouvards Zimmer, das gut gebohnt und mit Vorhängen von Perkal und
Mahagonimöbeln ausgestattet war, erfreute sich eines Balkons, der auf
den Fluß hinabsah. Seine beiden Hauptzierden waren ein Likörservice
mitten auf der Kommode und am Spiegel entlang Daguerreotypien seiner
Freunde; ein Ölgemälde hing im Alkoven.
„Mein Onkel!“ sagte Bouvard.
Und ein Leuchter, den er hielt, erhellte einen Herrn.
Ein roter Backenbart verbreiterte sein Gesicht, das ein sich
kräuselnder Haarschopf krönte. Er steckte in einer hohen Halsbinde mit
dem dreifachen Hemdkragen, der Samtweste und dem schwarzen Rock. Auf
der Hemdkrause waren Diamanten angebracht. Seine Augen wurden durch die
Backen zusammengedrängt, und seine Züge zeigten ein leicht spöttisches
Lächeln.
Pécuchet konnte nicht umhin zu sagen:
„Man könnte ihn für Ihren Vater halten!“
„Es ist mein Pate,“ erwiderte Bouvard nachlässig, indem er hinzufügte,
er heiße mit seinen Taufnamen François Denys Bartholomée. Diejenigen
Pécuchets waren Juste Romain Cyrille -- und sie hatten dasselbe Alter:
siebenundvierzig Jahre. Dieser Zufall machte ihnen Freude, obgleich
er sie überraschte, denn jeder hatte den andern für bedeutend älter
gehalten. Dann bewunderten sie die Vorsehung, deren Wege oft merkwürdig
seien.
„Denn schließlich, wären wir vorhin nicht ausgegangen, um einen
Spaziergang zu machen, so hätten wir sterben können, ohne einander
kennenzulernen.“
Und nachdem jeder dem andern die Adresse seines Hauswirtes gegeben
hatte, wünschten sie einander gute Nacht.
„Gehen Sie nicht zu den Damen!“ rief Bouvard auf der Treppe.