VIERZEHNTES KAPITEL.

--Sie wissen, begann Havelaar, dass die niederländischen Besitzungen an

der Westküste von Sumatra an die unabhängigen Reiche in der Nordecke

grenzen, von denen Atjeh das bedeutendste ist. Man sagt, dass ein

geheimer Artikel in dem Traktat von 1824 gegenüber den Engländern

uns die Verpflichtung auferlegt, den Fluss von Singkel nicht zu

überschreiten. Der General Vandamme, der mit einem 'faux-air Napoléon'

gern sein Gouvernement so weit wie möglich ausbreitete, stiess also

in dieser Richtung auf ein unüberwindliches Hindernis. Ich muss an

das Bestehen dieses geheimen Artikels schon glauben, weil es mich

anders befremden würde, dass die Radjahs von Trumon und Analabu, deren

Provinzen nicht ohne Wichtigkeit sind durch den Pfefferhandel, der

dort getrieben wird, nicht längst unter niederländische Souveränität

gebracht sind. Sie wissen, wie leicht man einen Vorwand findet,

solche Ländchen in Krieg zu verwickeln und sich zum Herrn derselben

zu machen. Das Stehlen einer Landschaft wird zu allen Zeiten leichter

sein als das Stehlen einer Mühle. Ich glaube von dem General Vandamme,

dass er selbst eine Mühle weggenommen haben würde, wenn sie sein

Gefallen fand, und begreife also nicht, wie er diese Landschaften im

Norden verschont haben sollte, wenn nicht handfestere Gründe dafür

bestanden als Recht und Billigkeit.

Wie dem auch sei, er richtete seine Erobererblicke nicht nach Norden,

sondern ostwärts. Die Landstriche Mandhéling und Ankola--dies war der

Name der Assistent-Residentschaft, die gebildet wurde aus den kürzlich

zur Ruhe gebrachten Battahlanden--waren wohl noch nicht gesäubert von

atjinesischem Einfluss--denn wo religiöser Fanatismus einmal seine

Wurzeln einschlägt, ist das Ausrotten schwierig--aber die Atjinesen

selbst waren doch nicht mehr dort. Dies war gleichwohl dem Gouverneur

nicht genug. Er breitete seine Herrschaft bis an die Ostküste aus,

und es wurden niederländische Beamte und niederländische Garnisonen

gesandt nach Bila und Pertibie, welche Posten jedoch später--wie Sie

wohl wissen, Verbrugge--wieder geräumt wurden.

Als auf Sumatra ein Regierungskommissar erschien, der diese Ausbreitung

zwecklos fand und sie darum missbilligte, vor allem auch, da sie

in Widerstreit war mit der verzweifelten Sparsamkeit, zu der vom

Mutterlande aus so sehr angetrieben wurde, behauptete der General

Vandamme, dass diese Ausbreitung keinen beschwerenden Einfluss auf das

Budget zu haben brauchte, denn die neuen Garnisonen seien formiert

aus Truppen, für die doch schon Gelder zugestanden seien, so dass

er ein sehr grosses Ländergebiet unter niederländische Verwaltung

gebracht hätte, ohne dass hierfür Geldausgaben entstanden wären. Und

was ferner die teilweise Entblössung anderer Plätze, hauptsächlich

im Mandhélingschen, anginge, so meinte er genügend auf die Treue und

Anhänglichkeit von Jang di Pertuan, dem vornehmsten Häuptling in den

Battahlanden, rechnen zu können, um hierin kein Beschwer zu sehen.

Nur zögernd gab der Regierungskommissar seine Zustimmung, und zwar

auf die wiederholten Versicherungen des Generals, dass er für Jang

di Pertuans Treue persönlich sich zum Bürgen stelle.

Nun war der Kontrolleur, der vor mir die Abteilung Natal verwaltete,

der Schwiegersohn des Assistent-Residenten in den Battahlanden, welcher

Beamte mit Jang di Pertuan in Unfrieden lebte. Später habe ich viel

von Klagen reden hören, die gegen diesen Assistent-Residenten erhoben

waren, doch man durfte nur mit Vorsicht diesen Beschuldigungen Glauben

schenken, weil sie grossenteils von Jang di Pertuan ausgingen, und zwar

erhoben in einem Augenblick, da dieser selbst viel schwererer Vergehen

angeklagt war, was ihn vielleicht nötigte, seine Verteidigung in den

Fehlern seines Beschuldigers zu suchen ... was öfter vorkommt. Wie

dem sei, jener Kontrolleur und erste Beamte von Natal entbrannte für

die gegen Jang di Pertuan gerichtete Partei seines Schwiegervaters,

und vielleicht um so feuriger, als er mit einem gewissen Sutan Salim

sehr befreundet war, einem natalschen Häuptling, der auch sehr auf den

battakschen Chef ergrimmt war. Seit langer Zeit herrschte eine Fehde

zwischen den Familien dieser beiden Häuptlinge. Es waren Heiratsanträge

ausgeschlagen, es bestand eine Eifersucht wegen ihres Einflusses;

Hochmut auf der Seite Jang di Pertuans, der von edlerer Geburt war,

und noch weitere Ursachen vereinigten sich, um Natal und Mandhéling

in Feindschaft gegeneinander zu erhalten.

Auf einmal verbreitete sich das Gerücht, dass in Mandhéling ein

Komplott entdeckt sei, in das Jang di Pertuan verwickelt sein sollte

und das darauf gerichtet war, die heilige Fahne des Aufstandes

zu entfalten und alle Europäer zu ermorden. Die erste Entdeckung

hiervon hatte man in Natal gemacht, was natürlich ist, da man in den

anliegenden Provinzen stets besser vom Stande der Dinge unterrichtet

wird als am Platze selbst, weil viele, die zu Hause aus Furcht vor

einem beteiligten Häuptling sich von der Offenbarung eines ihnen

bekannten Umstandes abhalten lassen, diese Furcht einigermassen

überwinden, sobald sie sich auf einem Grundgebiet befinden, wo der

betreffende Häuptling keinen Einfluss hat.

Das ist denn auch der Grund, Verbrugge, warum ich in den

Angelegenheiten von Lebak kein Neuling mehr bin und dass ich

verhältnismässig viel wusste von dem, was hier vorgeht, noch ehe

ich dachte, dass ich jemals hierher versetzt würde. Ich war im Jahre

1846 im Krawangschen und bin viel umhergestreift im Preanger-Gebiet,

wo ich 1840 schon Flüchtlingen aus Lebak begegnete. Auch bin ich

bekannt mit einigen Besitzern privater Ländereien im Buitenzorgschen

und in den Bataviaschen Ommelanden und ich weiss, wie von altersher

diese Landherren ihre Freude haben an dem schlechten Zustande unserer

Abteilung, weil das ihr Landgebiet bevölkert.

So wird auch zu Natal die Verschwörung entdeckt sein, die--wenn sie

bestanden hat, was ich nicht weiss--Jang di Pertuan als Verräter

erscheinen liess. Nach Zeugenaussagen, die der Kontrolleur von

Natal erlangte, sollte er im Verein mit seinem Bruder Sutan Adam die

battakschen Häuptlinge in einem heiligen Hain sich versammeln lassen

haben, wo sie geschworen hätten, nicht zu ruhen, bis die Herrschaft

der »Christenhunde« in Mandhéling vernichtet wäre. Es versteht sich von

selbst, dass er hierfür eine Eingebung vom Himmel erhalten hatte. Sie

wissen, dass dies bei solchen Gelegenheiten niemals ausbleibt.

Ob nun in der That dieser Plan bei Jang di Pertuan bestanden hat,

kann ich nicht mit Gewissheit sagen. Ich habe die Erklärungen der

Zeugen gelesen, doch Sie werden gleich inne werden, warum denselben

nicht unbedingt Glauben geschenkt werden darf. Gewiss ist, dass der

Mann, was seinen Islam-Fanatismus angeht, wohl zu so etwas im stande

gewesen sein kann. Er war mit der ganzen battakschen Bevölkerung

erst kurz vorher durch die Padries zum wahren Glauben bekehrt, und

Neubekehrte sind gewöhnlich fanatisch.

Die Folge dieser wirklichen oder vermeintlichen Entdeckung war,

dass Jang di Pertuan durch den Assistent-Residenten von Mandhéling

gefangen genommen und nach Natal transportiert wurde. Hier

schloss ihn der Kontrolleur vorläufig im Fort ein und liess

ihn bei der ersten passenden Schiffsgelegenheit gefänglich nach

Padang überführen. Selbstverständlich legte man dem Gouverneur

all die Aktenstücke vor, in denen die so belastenden Zeugnisse

niedergelegt waren und die die Strenge der getroffenen Massregeln

rechtfertigen mussten. Unser Jang di Pertuan war demnach als ein

Gefangener von Mandhéling gegangen. Zu Natal war er gefangen. An

Bord des Kriegsfahrzeuges, das ihn überführte, war er natürlich

auch ein Gefangener. Er erwartete also--schuldig oder nicht, dies

thut hier nichts zur Sache, da er in gesetzmässiger Form und durch

zuständige Autorität Hochverrats beschuldigt war--auch in Padang als

ein Gefangener ankommen zu sollen. Es muss ihn wohl sehr verwundert

haben, dass er bei der Ausschiffung vernahm, nicht allein, dass er

frei sei, sondern dass gar der General, dessen Fuhrwerk ihn bei

Betreten des Landes erwartete, es sich zur Ehre anrechnen würde,

ihn bei sich im Hause zu empfangen und ihn zu beherbergen. Gewiss

ist niemals ein des Hochverrats Beschuldigter angenehmer überrascht

worden. Kurz darauf wurde der Assistent-Resident von Mandhéling von

seinem Amte suspendiert wegen allerlei Vergehen, über die ich hier

kein Urteil abgebe. Jang di Pertuan jedoch kehrte, nachdem er einige

Zeit auf Padang im Hause des Generals verweilt und von diesem mit

der grössten Auszeichnung behandelt war, über Natal nach Mandhéling

zurück, nicht mit dem Selbstgefühl des Unschuldigerklärten, sondern

mit dem Hochmut jemandes, der so hoch steht, dass er eine Erklärung

seiner Unschuld nicht nötig hat. Das ist sicher: untersucht war diese

Angelegenheit nicht! Selbst angenommen, dass man die gegen ihn erhobene

Beschuldigung für falsch hielt, dann hätte schon dieses Vermuten eine

Untersuchung erfordert, zum Zwecke, die falschen Zeugen und vor allem

diejenigen zu bestrafen, von denen es sich erwies, dass sie zu diesem

falschen Zeugnis verleitet hatten. Es scheint, dass der General seine

Gründe hatte, diese Untersuchung nicht stattfinden zu lassen. Die gegen

Jang di Pertuan erhobene Anklage wurde als 'non avenu' betrachtet,

und ich halte es für sicher, dass die hierauf bezüglichen Aktenstücke

nie der Regierung zu Batavia vorgelegt worden sind.

Kurz nach Jang di Pertuans Rückkehr kam ich in Natal an, um die

Verwaltung dieser Abteilung zu übernehmen. Mein Vorgänger erzählte mir

natürlich, was kurz vorher im Mandhélingschen vorgefallen war, und

gab mir die nötige Aufklärung über das politische Verhältnis dieser

Landschaft zu meiner Abteilung. Es war ihm nicht übel zu deuten,

dass er sich sehr beklagte über die seines Erachtens ungerechte

Behandlung, die seinem Schwiegervater zu teil wurde, und über den

unbegreiflichen Schutz, den Jang di Pertuan offenkundig von Seiten des

Generals genoss. Weder er noch ich wussten in dem Augenblick, dass die

Überführung Jang di Pertuans nach Batavia dem General ein Faustschlag

ins Gesicht gewesen wäre, und dass dieser--der sich persönlich für die

Treue des Häuptlings haftbar gemacht hatte--begründete Ursache hatte,

ihn, was es kosten mochte, zu sichern vor einer Beschuldigung wegen

Hochverrats. Dies war für den General um so wichtiger, als inzwischen

der vorhin erwähnte Regierungskommissar selbst Generalgouverneur

geworden war und ihn also--im Zorn über das ungerechtfertigte

Vertrauen auf Jang di Pertuan und über die hierauf sich stützende

Hartnäckigkeit, mit der der General sich einer Räumung der Ostküste

widersetzt hatte--höchstwahrscheinlich aus seinem Gouvernement

abberufen haben würde.

»Doch, sagte mein Vorgänger, was auch den General bewegen möge, all

den gegen meinen Schwiegervater erhobenen Beschuldigungen ohne weitere

Prüfung Glauben zu schenken und die viel schwereren Anklagen gegen

Jang di Pertuan nicht einmal einer Untersuchung wert zu erachten--die

Sache ist noch nicht begraben hiermit! Und falls man zu Padang,

wie ich vermute, die abgelegten Zeugenerklärungen vernichtet hat, so

können sie hier etwas anderes sehen, das nicht vernichtet werden kann.«

Und, er zeigte mir ein Urteil des Rappat-Rates zu Natal, dessen

Präsident er war, des Inhaltes: Verurteilung eines gewissen Si

Pamaga zur Strafe der Geisselung und Brandmarkung und zu--wie ich

meine--zwanzigjähriger Zwangsarbeit, wegen Mordversuches an dem Tuanku

von Natal.

»Lesen Sie einmal das Protokoll der Gerichtssitzung, sagte mein

Vorgänger, und beurteilen dann, ob meinem Schwiegervater nicht

geglaubt werden wird zu Batavia, wenn er da Jang di Pertuan Hochverrats

anklagt!«

Ich las die Aktenstücke. Zufolge Aussagen von Zeugen und dem

»Bekenntnis des Beklagten« war Si Pamaga gedungen, zu Natal den

Tuanku, dessen Pflegevater Sutan Salim und den die Regierung führenden

Kontrolleur zu ermorden. Er hatte sich, um diesen Plan auszuführen,

nach der Wohnung des Tuanku begeben und da mit den Bedienten, die auf

der Treppe der Aussengalerie sassen, ein Gespräch über einen Sewah,

die Sumatra eigentümliche Dolchwaffe, angeknüpft, mit der Absicht,

seine Anwesenheit auszudehnen, bis er des Tuanku ansichtig würde,

der denn auch bald, umgeben von einigen Verwandten und Bedienten,

sich zeigte. Pamaga war mit seinem Sewah auf den Tuanku losgegangen,

hatte jedoch aus unbekannten Ursachen seinen Mordplan nicht ausführen

können. Der Tuanku war erschreckt aus dem Fenster gesprungen, und

Pamaga ergriff die Flucht. Er verbarg sich im Walde und wurde dann

einige Tage später durch die natalsche Polizei ergriffen.

»Auf die Frage an den Beschuldigten: 'was ihn zu diesem Anschlage

und dem gegen Sutan Salim und den Kontrolleur von Natal geplanten

Mordanschlag bewogen habe?' antwortete er: 'er sei dazu gedungen

worden durch Sutan Adam, im Namen von dessen Bruder Jang di Pertuan

von Mandhéling'.«

»Ist dies deutlich oder nicht? fragte mein Vorgänger. Das Urteil

ist nach dem 'fiat executio' des Residenten, was die Geisselung und

Brandmarkung angeht, zur Vollstreckung gebracht, und Si Pamaga befindet

sich auf dem Wege nach Padang, um von da als Kettengänger nach Java

überführt zu werden. Gleichzeitig mit ihm kommen die Prozessakten

dieser Sache nach Batavia, und dann kann man da sehen, wer der Mann

ist, auf dessen Anklage mein Schwiegervater suspendiert wurde! Dieses

Urteil kann der General nicht vernichten, und wollte er es auch.«

Ich übernahm die Verwaltung der Abteilung Natal, und mein Vorgänger

zog ab. Nach einiger Zeit erhielt ich den Bericht, dass der General

mit einem Kriegsdampfer nach Norden komme und auch Natal besuchen

werde. Er stieg mit viel Gefolge in meinem Hause ab und verlangte

augenblicklich die Original-Aktenstücke zu sehen »von dem armen Mann,

den man so schrecklich misshandelt hätte«.

»Die hätten selbst Geisselung und Brandmarkung verdient!« fügte

er hinzu.

Mir war die ganze Sache unklar. Denn die Ursachen des Streites wegen

Jang di Pertuans waren mir damals noch unbekannt, und es konnte also

in mir ebensowenig der Gedanke aufkommen, dass mein Vorgänger mit

Wissen und Willen einen Unschuldigen zu so schwerer Strafe verurteilt

haben könne, als jener, dass der General einen Verbrecher gegen ein

gerechtes Urteil in Schutz nehmen würde. Ich erhielt den Befehl, Sutan

Salim und den Tuanku gefangen setzen zu lassen. Da der junge Tuanku

sehr beliebt bei der Bevölkerung war und wir nur wenig Garnison im Fort

hatten, so ersuchte ich den General, ihn auf freiem Fusse zu belassen,

was mir auch zugestanden wurde. Doch für Sutan Salim, den besonderen

Feind von Jang di Pertuan, gab es keine Gnade. Die Bevölkerung war

in grosser Spannung. Die Nataler argwöhnten, dass der General sich

zu einem Werkzeug mandhélingschen Hasses erniedrigte, und in dieser

Situation war es, dass ich von Zeit zu Zeit etwas vollbringen konnte,

was er »beherzt« nannte, vor allem, da er die geringe Macht, die

im Fort entbehrt werden konnte, und das Detachement Marinesoldaten,

das er von Bord mitgebracht hatte, nicht mir zur Bedeckung abstand,

wenn ich an die Plätze ritt, wo man sich zusammenrottete. Ich habe

bei dieser Gelegenheit wahrgenommen, dass der General sehr gut für

seine eigene Sicherheit sorgte, und daher mag ich denn auch in den

Preis seiner Tapferkeit nicht einstimmen, bevor ich nicht mehr davon

gesehen habe oder durch besondere Umstände überzeugt werde.

Er bildete in grosser Übereilung einen Rat, den ich »ad hoc« würde

nennen können. Die Glieder desselben waren: ein paar Adjutanten,

andere Offiziere, der Offizier der Gerichtsbarkeit oder »Fiscal«,

den er von Padang mitgebracht hatte, und ich. Dieser Rat sollte eine

Untersuchung darüber einleiten, in welcher Weise unter meinem Vorgänger

der Prozess gegen Si Pamaga geführt worden war. Ich musste eine Anzahl

Zeugen aufrufen lassen, deren Aussagen hierfür erforderlich waren. Der

General, der natürlich den Vorsitz führte, stellte die Fragen, und das

Protokoll wurde von dem Fiscal geführt. Da nun aber dieser Beamte wenig

Malayisch verstand--und absolut nicht das Malayisch, das im Norden von

Sumatra gesprochen wird--so war es oftmals nötig, ihm die Antworten der

Zeugen zu verdolmetschen, was der General meistens selbst that. Aus

den Sitzungen dieses Rats sind Aktenstücke hervorgegangen, die aufs

deutlichste zu beweisen scheinen: dass Si Pamaga niemals den Plan

gehegt hatte, jemanden, wer es auch sei, zu ermorden; dass er weder

Sutan Adam noch Jang di Pertuan jemals gesehen oder gekannt hatte;

dass er nicht auf den Tuanku von Natal losgesprungen war; dass dieser

nicht aus dem Fenster geflüchtet war ... und so weiter. Ferner: dass

das Urteil gegen den unglücklichen Si Pamaga entstanden war unter der

Pression des Vorsitzenden--meines Vorgängers--und des Ratsmitgliedes

Sutan Salim, welche Personen das angebliche Verbrechen Si Pamagas

ersonnen hätten, um dem suspendierten Assistent-Residenten von

Mandhéling eine Waffe zu seiner Verteidigung in die Hand zu geben

und um ihrem Hass gegen Jang di Pertuan Luft zu verschaffen.

Die Art und Weise nun, wie der General bei dieser Gelegenheit die

Fragen an die Zeugen stellte, erinnerte an die Whistpartie jenes

Kaisers von Marokko, der seinem Partner zuraunte: »Spiel' Herzen,

oder ich schneide dir den Hals ab!« Auch die Übersetzungen, wie er

sie dem Fiscal in die Feder diktierte, liessen viel zu wünschen übrig.

Ob nun Sutan Salim und mein Vorgänger eine Pression auf den natalschen

Gerichtsrat ausgeübt haben, dass er Si Pamaga schuldig erkläre, ist

mir unbekannt. Aber wohl weiss ich, dass der General Vandamme eine

Pression auf die Erklärungen ausgeübt hat, die des Mannes Unschuld

beweisen sollten. Ohne noch in dem Augenblick von den hierbei

obwaltenden tieferen Gründen zu wissen, habe ich mich doch dieser

... Ungenauigkeit widersetzt, die eben so weit ging, dass ich mich

einige Protokolle zu unterzeichnen habe weigern müssen, und da haben

Sie nun die Angelegenheit, in der ich dem General »so widersprochen«

hatte. Sie begreifen nun auch, worauf die Worte hinzielen, mit denen

ich die Beantwortung auf die Aussetzungen, die auf meine geldliche

Verwaltung gefallen waren, schloss, die Worte, durch die ich ersuchte,

mich von allen wohlwollenden Erwägungen verschont zu lassen.

--Das war in der That sehr stark für jemanden in Ihren Jahren,

sagte Duclari.

--Mir war das natürlich. Doch gewiss ist, dass der General Vandamme

so etwas nicht gewohnt war. Ich habe denn auch unter den Folgen dieser

Sache viel zu leiden gehabt. O nein, Verbrugge, ich sehe, was Sie sagen

wollen ... gereut hat es mich nie. Ich muss sogar noch hinzufügen,

dass ich mich nicht auf den einfachen Protest gegen die Art, wie der

General die Zeugen befragte, und nicht auf die Weigerung, zu einzelnen

Protokollen meine Handzeichnung zu geben, beschränkt haben würde, wenn

ich damals schon hätte vermuten können, was ich erst später erfuhr,

dass dies alles nur hervorging aus der von vornherein festgelegten

Absicht, meinen Vorgänger zu belasten. Ich glaubte aber, dass der

General, überzeugt von Si Pamagas Unschuld, sich durch die achtenswerte

Leidenschaft fortreissen liess, ein unschuldiges Schlachtopfer von den

Folgen eines Rechtsirrtums zu retten, soweit dies nach der Geisselung

und Brandmarkung noch möglich war. Diese meine Meinung genügte wohl,

mich einer Fälschung zu widersetzen, doch ich war über die Sache nicht

so entrüstet, wie ich es gewesen wäre, wenn ich gewusst hätte, dass

es sich hier keineswegs um die Rettung eines Unschuldigen handelte,

sondern dass diese Fälschung den Zweck hatte, auf Kosten der Ehre

und des Wohlergehens meines Vorgängers die Beweise zu vernichten,

die der Politik des Generals im Wege standen.

--Und wie erging es weiterhin Ihrem Vorgänger? fragte Verbrugge.

--Zu seinem Glück war er schon nach Java gereist, bevor der General

nach Padang zurückkehrte. Es scheint, dass er sich vor der Regierung

zu Batavia hat verantworten können, wenigstens ist er in Dienst

geblieben. Der Resident von Ayer-Pangie, der dem Urteil das 'fiat

executio' verliehen hatte, wurde ...

--Suspendiert?

--Natürlich! Sie sehen, dass ich nicht so ganz unrecht hatte, als

ich in meinem Epigramm sagte, dass der Gouverneur suspendierend

uns regierte.

--Und was ist nun aus all diesen suspendierten Beamten geworden?

--O, es waren deren noch viel mehr! Alle, einer nach dem andern, sind

in ihre Ämter wieder eingesetzt. Einzelne von ihnen haben später sehr

angesehene Posten bekleidet.

--Und Sutan Salim?

--Der General führte ihn gefänglich mit nach Padang, und von da wurde

er als Verbannter nach Java gesandt. Er ist jetzt noch zu Tjanjor

in den Preanger Regentschaften. Als ich im Jahre 1846 dort war, habe

ich ihm einen Besuch abgestattet. Weisst du noch, was ich in Tjanjor

anstellte, Tine?

--Nein, Max, das ist mir gänzlich entfallen.

--Wer kann auch alles behalten! Ich bin da getraut, meine Herren!

--Aber, fragte Duclari, da Sie nun doch einmal am Erzählen sind:

darf ich fragen, ob es wahr ist, dass Sie zu Padang sich so häufig

duellierten?

--Ja, sehr häufig, und dazu war Veranlassung. Ich habe Ihnen schon

gesagt, dass die Gunst des Gouverneurs auf derartigen Aussenposten

der Massstab ist, nach welchem viele ihr Wohlwollen bemessen. Die

meisten waren also durchaus nicht wohlwollend gegen mich, und oft

ging dies über in Grobheit. Ich meinerseits war reizbar. Ein nicht

erwiderter Gruss, eine beissende Bemerkung auf die »Thorheit jemandes,

der es gegen den General aufnehmen wolle«, eine Anspielung auf meine

Armut, auf mein Hungerleiden, die Äusserung, dass »die sittliche

Unabhängigkeit ihren Mann schlecht zu nähren scheine« ... dies alles,

begreifen Sie wohl, machte mich bitter. Viele, besonders Offiziere,

wussten, dass der General nicht ungern sah, dass man sich schlug, und

vor allem mit jemandem, der so in Ungnade stand wie ich. Vielleicht

also reizte man mein Zartgefühl mit Vorbedacht. Auch schlug ich mich

wohl einmal für einen andern, den man nach meiner Meinung verletzt

hatte. Wie dem sei, das Duell war dort in der Zeit an der Tagesordnung,

und mehr als einmal ist es vorgekommen, dass ich zwei Stelldichein

hatte an einem Morgen. O, es liegt viel Anziehendes im Duell, vor allem

im Duell mit Säbel, oder »auf« Säbel, wie man's ... ich weiss nicht,

warum ... nennt. Sie verstehen aber wohl, dass ich dergleichen nun

nicht mehr thun würde, auch wenn dazu soviel Anlass wäre wie in jenen

Tagen ... komm mal her, Max--nein, fang' das Tierchen nicht--komm

her. Hör mal, du musst niemals Schmetterlinge fangen. Das arme Tier

ist erst lange Zeit als Raupe auf einem Baume herumgekrochen, das

war kein fröhliches Leben! Nun hat es gerade Flügel gekriegt und

will in der Luft umherfliegen und sich des Lebens freuen und sucht

Nahrung in den Bäumen und thut niemandem was zu Leide ... sieh doch,

ist es nicht viel netter, es da so umherflattern zu sehen?

So kam das Gespräch von den Duellen auf die Schmetterlinge, auf das

Erbarmen des Gerechten über sein Vieh, auf das Tierquälen, auf die

»loi Grammont«, auf die Nationalversammlung, in der dies Gesetz zur

Annahme gelangte, auf die Republik und auf hundert andere Dinge noch!

Endlich stand Havelaar auf. Er entschuldigte sich bei seinen Gästen,

weil ihn Geschäfte riefen. Als der Kontrolleur ihn am folgenden

Morgen auf seinem Bureau besuchte, wusste er nicht, dass der neue

Assistent-Resident am Tage zuvor nach der Unterhaltung in der

Vorgalerie nach Parang-Kudjang--dem Distrikt der »weitgehenden

Missbräuche«--ausgeritten und erst diesen Morgen in der Frühe von

dort zurückgekehrt war.

Ich bitte den Leser, zu glauben, dass Havelaar zuviel Takt besass,

um an seinem eigenen Tisch soviel zu reden, wie ich in den letzten

Kapiteln angeführt habe, und wodurch ich auf ihn den Schein lade,

als hätte er sich des Gesprächs Meister gemacht, mit Verletzung der

Pflichten eines Gastherrn, die vorschreiben, dass man seinen Gästen

die Gelegenheit lasse oder schaffe, sich von einer vorteilhaften

Seite zu zeigen. Ich habe ein paar Griffe in die Baustoffe gethan,

die vor mir liegen, und hätte die Tischgespräche vor dem Leser noch

weiter ausbreiten können, und zwar mit geringerer Mühe, als mich

das Abgehen von denselben gekostet hat. Ich hoffe indes, dass das

hier Mitgeteilte genügen wird, um einigermassen die Beschreibung zu

rechtfertigen, die ich von Havelaars Naturell und seinen Qualitäten

gegeben habe, und hoffe, dass der Leser nicht ganz ohne Teilnahme

von den Schicksalsfällen Akt nimmt, die seiner und der Seinen zu

Rangkas-Betung warteten.

Die kleine Familie lebte still fort. Havelaar war häufig über Tage aus

und brachte halbe Nächte auf seinem Bureau zu. Das Verhältnis zwischen

ihm und dem Kommandanten der kleinen Garnison war das allerangenehmste,

und auch in dem häuslichen Umgang mit dem Kontrolleur war keine

Spur von der Rangverschiedenheit zu entdecken, die sonst in Indien

den Verkehr so oft steif und unerquicklich macht, während Havelaars

Ehrgeiz, Hülfe zu leihen, wo er nur einigermassen konnte, häufig dem

Regenten zu statten kam, der sich denn auch sehr eingenommen zeigte

für seinen »älteren Bruder«. Und schliesslich trug Mevrouw Havelaars

liebenswürdige Anmut viel zu einem angenehmen Verkehr mit den wenigen

am Platze anwesenden Europäern und den eingeborenen Häuptlingen

bei. Die Dienstkorrespondenz mit dem Residenten zu Serang trug Zeichen

gegenseitigen Wohlwollens, während die Befehle des Residenten, mit

Höflichkeit gegeben, streng befolgt wurden.

Tines Hauswirtschaft war schnell geregelt. Nach langem Warten waren die

Möbel von Batavia angekommen, und es waren Gurken in Salz eingelegt,

und wenn Max bei Tische etwas erzählte, geschah dies fernerhin nicht

mehr aus Mangel an Eiern für die Omelette, wiewohl doch immer die

Lebensweise der kleinen Familie deutlich erkennen liess, dass die

zur Richtschnur genommene Sparsamkeit innegehalten wurde.

Mevrouw Slotering verliess selten ihr Haus und nahm nur einige Male

in der Vorgalerie den Thee bei der Familie Havelaar ein. Sie sprach

wenig und hatte stets ein wachsames Auge auf jeden, der sich ihrer

oder Havelaars Wohnung näherte. Man war aber dies Verhalten an ihr,

das man ihre »Monomanie« zu nennen begann, gewohnt geworden und

achtete bald nicht mehr darauf.

Alles schien Ruhe zu atmen, denn für Max und Tine war es eine

verhältnismässige Kleinigkeit, sich in Entbehrungen zu finden, die

auf einem nicht am grossen Wege gelegenen Binnenposten unvermeidlich

sind. Da am Platze kein Brot gebacken wurde, ass man kein Brot. Man

hätte es von Serang kommen lassen können, doch die Transportkosten

waren zu hoch. Max wusste so gut wie jeder andere, dass viele Mittel

zu finden waren, ohne Bezahlung Brot nach Rangkas-Betung bringen zu

lassen, doch unbezahlte Arbeit, dieser indische Krebsschaden, war ihm

ein Greuel. So war vieles zu Lebak, das wohl durch den Einfluss der

Stellung ohne Gegenleistung zu verschaffen, jedoch nicht für einen

billigen Preis feil war, und unter diesen Umständen schickten sich

Havelaar und seine Tine gern darein, es zu entbehren. Sie hatten

ja schon andere Entbehrungen erlitten! Hatte die arme Frau nicht

Monate an Bord eines arabischen Fahrzeuges zugebracht, ohne eine

andere Lagerstätte als das Schiffsdeck, ohne anderen Schutz gegen

Sonnenhitze und Westmusson-Regenböen als ein Tischchen, zwischen

dessen Füsse sie sich einzwängen musste? Musste sie sich nicht auf

dem Schiffe mit einer kleinen Ration trockenen Reises und fauligen

Wassers zufrieden geben? Und war sie nicht in diesen und vielen

anderen Verhältnissen stets zufrieden gewesen, wenn sie nur mit ihrem

Max zusammen sein konnte?

Einen Umstand jedoch gab es zu Lebak, der ihr Verdruss bereitete:

der kleine Max konnte nicht in dem Garten spielen, weil da so

viel Schlangen waren. Als sie dies bemerkte und hierüber sich bei

Havelaar beklagte, setzte dieser den Bedienten einen Preis aus für

jede Schlange, die sie fangen würden, doch schon die ersten Tage

bezahlte er soviel an Prämien, dass er sein Versprechen für weiterhin

einziehen musste, denn auch unter gewöhnlichen Verhältnissen und also

ohne die für ihn so dringende Sparsamkeit würde die Bezahlung bald

über seine Mittel hinausgegangen sein. Es wurde also bestimmt, dass

der kleine Max fortan das Haus nicht mehr verlassen dürfe, und dass

er sich, um frische Luft zu geniessen, mit Spielen in der Vorgalerie

begnügen müsse. Trotz dieser Vorsorge war Tine doch stets ängstlich

und besonders abends, da man weiss, wie Schlangen häufig in die Häuser

kriechen und sich, Wärme suchend, in den Schlafzimmern verbergen.

Schlangen und dergleichen Ungeziefer findet man zwar in Indien überall,

doch an den grösseren Hauptplätzen, wo die Bevölkerung dichter gedrängt

wohnt, kommen sie natürlich seltener vor als in mehr wilden Gegenden

wie zu Rangkas-Betung. Wenn aber Havelaar sich hätte entschliessen

können, sein Erbe bis an den Rand des Ravijn von Unkraut reinigen zu

lassen, würden sich die Schlangen von Zeit zu Zeit doch wohl immer

noch im Garten gezeigt haben, wenn auch nicht in so grosser Menge,

wie es nun der Fall war. Die Natur dieser Tiere lässt sie Dunkelheit

und Schlupfwinkel dem Licht offener Plätze vorziehen, so dass,

wenn Havelaars Erbe rein gehalten worden wäre, die Schlangen nur

unabsichtlich und sich verirrend das Unkraut in dem Ravijn verlassen

haben würden. Aber das Erbe von Havelaars Haus war nicht rein, und

ich möchte den Grund hiervon angeben, da er ein Licht mehr wirft auf

die Missbräuche, die beinahe überall in den Niederländisch-Indischen

Besitzungen herrschend sind.

Die Wohnungen der Statthalter in den Binnenlanden stehen auf Grund, der

den Gemeinden gehört, insoweit man von Gemeinde-Eigentum sprechen kann

in einem Lande, wo die Regierung sich alles aneignet. Genug, dieses

Erbe ist nicht dem amtlichen Bewohner zugehörig. Dieser würde, wenn

das der Fall wäre, sich jedenfalls hüten, einen Grund zu kaufen oder

zu mieten, dessen Unterhaltung über seine Kräfte ginge. Wenn nun das

Erbe der ihm angewiesenen Wohnung zu gross ist, um gehörig unterhalten

zu werden, so würde es bei dem üppigen tropischen Pflanzenwuchs binnen

kurzer Zeit in eine Wildnis ausarten. Und doch sieht man selten oder

niemals ein solches Erbe schlecht in Stand gehalten. Ja, manchmal

gar ergreift den Reisenden Bewunderung angesichts des schönen Parks,

der eine Residentenwohnung umgiebt. Kein Beamter in den Binnenlanden

hat Einkommen genug, um die hierfür erforderliche Arbeit gegen

gehörige Bezahlung verrichten zu lassen, und da nun doch das würdige

Ansehen der Wohnung des Statthalters ein Erfordernis ist, damit nicht

die Bevölkerung, die auf Äusserlichkeiten ausserordentlichen Wert

legt, in solcher Unsauberkeit Grund zu geringerem Respekt finde,

so wirft sich die Frage auf, wie dann dieses Ziel erreicht wird. An

den meisten Plätzen haben die Statthalter Verfügung über einige

Kettengänger, d. h. anderswo verurteilte Verbrecher, welche Art

Arbeitskräfte jedoch in Bantam aus mehr oder minder zureichenden

Gründen politischer Art nicht vorhanden war. Doch auch an Plätzen,

wo sich wohl derartige Verurteilte befinden, steht ihre Anzahl, vor

allem, wenn man die Notwendigkeit anderer Arbeiten in Betracht zieht,

selten in richtigem Verhältnis zu der Arbeit, die erforderlich wäre,

um ein grosses Erbe gut zu unterhalten. Es müssen also andere Mittel

gefunden werden, und die Aufrufung von Arbeitern zur Verrichtung von

Herrendienst ist nahe gelegen. Der Regent oder der Dhemang, dem eine

solche Aufrufung in die Hand gegeben wird, beeilt sich, ihr Erfolg

zu verleihen, denn er weiss sehr gut, dass es dem gewalthabenden

Beamten, der diese Gewalt missbraucht, späterhin schwer fallen wird,

ein Inländisches Haupt wegen eines gleichen Fehlers zu bestrafen. Und

also dient der Verstoss des einen als Freibrief für den andern.

Es dünkt mich jedoch, dass dieser Fehler eines gewalthabenden Beamten

in einzelnen Fällen nicht allzu streng, und vor allem nicht nach

europäischen Begriffen beurteilt werden darf. Die Bevölkerung selbst

würde es--vielleicht, da es ihr ungewohnt ist--sehr sonderbar

finden, wenn er stets und in allen Fällen sich streng an die

Vorschriften hielte, die die Zahl der für sein Erbe bestimmten

Herrendienstpflichtigen vorschreiben, da Umstände eintreten können,

die in diesen Bestimmungen nicht vorgesehen sind. Doch sobald einmal

die Grenze des streng Gesetzlichen überschritten ist, wird es schwer,

einen Punkt anzugeben, wo eine solche Überschreitung in strafwürdige

Willkür übergehen würde, und vor allem wird grosse Vorsicht Pflicht,

sobald man weiss, dass die Häuptlinge nur auf ein schlechtes Beispiel

warten, um ihm mit weitgehender Verallgemeinerung nachzufolgen. Die

Geschichte von jenem König, der nicht wollte, dass man die Bezahlung

eines Kornes Salz vergässe, das er bei seinem einfachen Mahle gebraucht

hatte, als er an der Spitze seines Heeres das Land durchzog--weil,

wie er sagte, dies der Beginn eines Unrechts wäre, das schliesslich

sein ganzes Reich vernichten würde--möge er nun Timurleng, Nureddin

oder Djengis-Khan geheissen haben, gewiss ist, dass entweder diese

Fabel, oder, wenn es keine Fabel ist, dass dieser Vorfall selbst nach

Asien zu verweisen ist. Und wie der Anblick von Seedeichen an die

Möglichkeit von Hochwasser glauben lässt, ebenso mag man annehmen,

dass Neigung zu solchen Missbräuchen in einem Lande besteht, wo solche

warnenden Lehren gegeben werden.

Die geringe Zahl von Leuten nun, über die Havelaar gesetzlich

zu verfügen hatte, konnte nicht mehr als nur einen sehr kleinen

Teil seines Erbes, der unmittelbar sein Haus umgab, von Unkraut

und Gestrüpp freihalten. Das übrige war binnen wenigen Wochen eine

völlige Wildnis. Havelaar schrieb an den Residenten wegen der Mittel,

dem abzuhelfen, sei es nun durch eine Geldzulage, sei es, indem der

Regierung vorgestellt werde, dass sie ebenso wie anderswo Kettengänger

in der Residentschaft Bantam arbeiten lasse. Er erhielt hierauf eine

abschlägige Antwort, mit der Bemerkung, dass er allerdings das Recht

hätte, die Personen, die von ihm durch Polizeiurteil zu »Arbeit am

öffentlichen Wege« verurteilt seien, auf seinem Erbe in Arbeit zu

stellen. Dies wusste Havelaar selbst wohl, oder wenigstens war es ihm

hinlänglich bekannt, dass derartige Verfügung über Verurteilte überall

die gewöhnlichste Sache von der Welt war, aber niemals hatte er--weder

in Rangkas-Betung, noch in Amboina, noch in Menado, noch in Natal--von

diesem vermeintlichen Recht Gebrauch machen wollen. Es widerstrebte

ihm, zur Busse für kleine Vergehen seinen Garten unterhalten zu lassen,

und mehrfach hatte er sich die Frage vorgelegt, wie die Regierung

Bestimmungen bestehen lassen könne, die geeignet sind, den Beamten

in Versuchung zu bringen, kleine verzeihliche Fehler zu strafen, und

zwar im Verhältnis nicht zu dem Vergehen, sondern zu dem Zustande

oder der Ausgedehntheit seines Erbes! Der Gedanke allein, dass der

Gestrafte, auch sogar der, der zu Recht gestraft war, vermeinen könne,

dass sich Eigennutz hinter dem gefällten Urteil verstecke, liess ihn,

wo er strafen musste, stets der andererseits sehr zu missbilligenden

Einkerkerung den Vorzug geben.

Und daran lag es, dass der kleine Max nicht in dem Garten spielen

durfte und dass auch Tine nicht soviel Freude an den Blumen vergönnt

war, wie sie sich am Tage ihrer Ankunft in Rangkas-Betung vorgestellt

hatte.

Es versteht sich, dass diese und ähnliche kleine Verdriesslichkeiten

keinen Einfluss auf die Stimmung einer Familie ausübten, die soviel

Baustoffe besass, um sich ein glückliches häusliches Leben zu zimmern,

und nicht solchen Kleinigkeiten war es denn auch zuzuschreiben,

wenn Havelaar zuweilen mit bewölkter Stirn eintrat, von einer Reise

zurückgekehrt oder nachdem er diesen und jenen angehört, der ihn

zu sprechen verlangt hatte. Wir haben aus seiner Ansprache an die

Häuptlinge gehört, dass er seine Pflicht thun, dass er dem Unrecht

entgegentreten wollte, und ich hoffe, dass daneben ihn der Leser aus

den Gesprächen, die ich mitteilte, als jemanden kennen lernte, der

wohl imstande war, etwas zu ergründen und zur Klarheit zu bringen,

was für manchen andern verborgen war oder in Dunkel lag. Wir können

also annehmen, dass nicht viel von dem, was in Lebak vorging, seiner

Aufmerksamkeit entging. Auch sahen wir, dass er viele Jahre vorher der

Abteilung Beachtung geschenkt hatte, sodass er schon am ersten Tage,

als er Verbrugge in der Pendoppo begegnete, in der meine Erzählung

beginnt, zu erkennen gab, dass ihm sein neuer Wirkungskreis nicht

fremd sei. Er hatte durch Nachforschung an den Plätzen selbst vieles

bestätigt gefunden, was er früher vermutete, und insonderheit aus

dem Archiv war es ihm klar geworden, dass der Landstrich, dessen

Verwaltung seiner Fürsorge anvertraut war, sich wirklich in einem

höchst traurigen Zustande befand.

Aus Briefen und Aufzeichnungen seines Vorgängers zeigte es sich ihm,

dass dieser dieselben Erfahrungen gewonnen hatte. Die Korrespondenz mit

den Häuptlingen enthielt Verweis auf Verweis, Bedrohung auf Bedrohung,

und aus allem wurde es sehr begreiflich, wie dieser Beamte schliesslich

gesagt haben mochte, dass er sich direkt an die Regierung wenden werde,

wenn diesem Stande der Dinge nicht ein Ende gemacht würde.

Als Verbrugge Havelaar dies mitteilte, hatte dieser geantwortet,

sein Vorgänger würde nicht recht daran gethan haben, da der

Assistent-Resident von Lebak auf keinen Fall den Residenten von

Bantam übergehen dürfe, und er hatte hinzugefügt, dass dies auch durch

nichts gerechtfertigt erscheinen würde, denn man dürfe doch wohl nicht

annehmen, dass dieser hohe Beamte für Erpressung und Wucherei Partei

ergreifen werde.

Eine solche Parteinahme war denn auch in Wahrheit nicht anzunehmen

in dem Sinne, wie es Havelaar meinte, nicht so nämlich, als ob

dem Residenten irgend ein Vorteil oder Gewinn aus diesen Vergehen

zufiele. Allein, es bestand doch eine Ursache, die ihn bewog, nur sehr

ungern auf die Klagen von Havelaars Vorgänger Recht zu schaffen. Wir

haben gesehen, wie dieser Vorgänger mehrfach mit dem Residenten über

die herrschenden Missbräuche gesprochen--»abouchiert« nannte es

Verbrugge--und wie wenig es ihm geholfen hatte. Es ermangelt also

nicht des Interesses, zu untersuchen, warum ein so hochgestellter

Beamter, der als Haupt der ganzen Residentschaft ebensosehr wie der

Assistent-Resident, ja, mehr noch als dieser besorgt sein musste,

dass Recht geschähe, fast immer Gründe zu haben meinte, dieses Rechtes

Lauf aufzuhalten.

Schon in Serang, als Havelaar dort im Hause des Residenten verweilte,

hatte er mit diesem über die Lebakschen Missbräuche geredet und hierbei

zur Antwort bekommen: »dass all dies in höherem oder geringerem Masse

überall der Fall wäre«. Das konnte Havelaar nun nicht leugnen. Wer

wollte wohl behaupten, dass er ein Land gesehen habe, wo kein Unrecht

geschähe? Doch er war der Meinung, dass das kein Beweggrund sei, die

Missbräuche, wo man sie fand, bestehen zu lassen, vor allem nicht, wenn

man ausdrücklich berufen war, ihnen entgegenzutreten, und meinte auch,

dass nach allem, was er von Lebak wüsste, hier keine Rede wäre von

höherem oder geringerem, sondern vielmehr von sehr hohem Masse, worauf

ihm der Resident unter anderm antwortete: »dass es in der Abteilung

Tjiringien--auch zu Bantam gehörend--noch ärger bestellt sei«.

Wenn man nun annimmt, wie man annehmen kann, dass ein Resident keinen

direkten Vorteil von Erpressung und willkürlicher Verfügung über die

Bevölkerung hat, so tritt die Frage auf, was denn so viele bewegt,

im Widerspruch mit Eid und Pflicht solche Missbräuche bestehen zu

lassen, ohne der Regierung hiervon Kenntnis zu geben? Und wer hierüber

nachdenkt, muss es schon sehr sonderbar finden, dass man so kaltblütig

die Existenz dieser Missbräuche zugiebt, als hätte man mit etwas zu

thun, das ausser Bereich oder Zuständigkeit läge. Ich will versuchen,

die Ursachen hiervon darzulegen.

Im allgemeinen schon ist das Überbringen einer schlechten Nachricht

eine unangenehme Sache, und es scheint gar, als wenn von dem

ungünstigen Eindruck, den sie hervorruft, etwas an dem kleben

bliebe, dem die verdriessliche Aufgabe zufiel, solche Nachrichten

mitzuteilen. Wenn nun dies allein schon für manchen ein Grund sein

würde, gegen besseres Wissen das Bestehen eines ungünstigen Umstandes

zu leugnen, wieviel mehr wird dies dann der Fall, wenn man Gefahr

läuft, nicht allein sich die Ungnade auf den Hals zu laden, die nun

einmal das Los des Überbringers schlechter Berichte scheint, sondern

zugleich auch als die Ursache des ungünstigen Zustandes angesehen zu

werden, den man pflichtgemäss offenbart.

Die Regierung von Niederländisch-Indien schreibt mit Vorliebe an ihre

Vorgesetzten im Mutterland, dass alles nach Wunsch gehe. Die Residenten

melden dies gern an ihre Regierung. Die Assistent-Residenten, die

selbst von ihren Kontrolleuren fast nur günstige Berichte empfangen,

senden auch ihrerseits am liebsten keine unangenehmen Nachrichten an

die Residenten. Daraus entspringt in der offiziellen und schriftlichen

Behandlung der Geschäfte ein gekünstelter Optimismus, im Widerspruch

nicht allein mit der Wahrheit, sondern auch mit den eigenen Äusserungen

dieser Optimisten selbst, sobald sie dieselben Angelegenheiten mündlich

behandeln, und--noch sonderbarer--häufig selbst in Widerspruch mit

ihren eigenen geschriebenen Berichten. Ich würde viele Beispiele

von Rapporten anführen können, die den günstigen Zustand einer

Residentschaft bis in den Himmel erheben, jedoch zugleich, besonders wo

die Zahlen reden, sich selbst Lügen strafen. Diese Beispiele würden,

wenn nicht die Sache wegen der schliesslichen Folgen zu ernst wäre,

Anlass zu Spott und Gelächter geben, und man stutzt über die Naivetät,

mit der häufig in solchem Fall die gröbsten Unwahrheiten aufrecht

erhalten und hingenommen werden, bietet gleichwohl der Schreiber wenige

Sätze weiter die Waffen, mit denen diese Unwahrheiten sich bekämpfen

lassen. Ich werde mich auf ein einziges Beispiel beschränken, das ich

um sehr viele andere vermehren könnte. Unter den Schriftstücken, die

mir vorliegen, finde ich den Jahresbericht einer Residentschaft. Der

Resident rühmt den Handel, der dort blüht, und behauptet, dass in der

ganzen Landschaft grösste Wohlfahrt und Betriebsamkeit wahrgenommen

werde. Indessen ein wenig weiter, wo er über die geringen Mittel

spricht, die ihm zur Verfügung stehen, um dem Schmuggel zu wehren,

will er im selben Moment dem unangenehmen Eindruck zuvorkommen,

der bei der Regierung erreicht werden würde durch die Meinung, dass

ihr also in dieser Residentschaft viel Einfuhrzoll entginge. »Nein,

sagt er, darum braucht man nicht besorgt zu sein! Es wird in meiner

Residentschaft wenig oder nichts durch Schmuggel eingeführt, denn

... es ist in diesen Gegenden so geringer Geschäftsumsatz, dass

niemand hier sein Kapital in Handel anzulegen wagen würde.«

Ich habe einen Bericht dieser Art gelesen, der anfing mit den Worten:

»Im abgelaufenen Jahr ist die Ruhe ruhig geblieben.« Solche Wendungen

zeugen freilich von einer sehr ruhigen Beruhigung darüber, dass die

Regierung jedem stille halten werde, der ihr unangenehme Nachrichten

erspart, oder der, wie der terminus lautet, »ihr nicht lästig fällt«

mit unangenehmen Berichten!

Wo die Bevölkerung nicht zunimmt, ist dies Ungenauigkeiten in den

Zählungen der früheren Jahre zuzuschreiben. Wo die Abgaben nicht

steigen, macht man sich ein Verdienst daraus: die Absicht ist, durch

niedrige Einschätzung den Landbau zu ermutigen, der sich gerade nun zu

entwickeln beginne, und alsbald--meistens, wenn der Berichterstatter

abgetreten ist--unerhörte Früchte abwerfen müsse. Wo Ordnungsstörung

auftrat, die nicht verborgen bleiben konnte, war dies das Werk einiger

weniger Übelgesinnter, die in Zukunft nicht mehr zu fürchten seien,

da »allgemeine« Zufriedenheit herrsche. Wo Mangel oder Hungersnot die

Bevölkerung gelichtet hatte, war dies eine Folge von Misswuchs, von

Trockenheit, Regen oder ähnlichem, niemals von schlechter Verwaltung.

Die Note von Havelaars Vorgänger, worin er »die Verminderung des

Volksbestandes im Distrikt Parang-Kudjang weitgehendem Missbrauch«

zuschrieb, habe ich vor mir liegen. Diese Note war inoffiziell, und

sie umfasste Punkte, über die dieser Beamte mit dem Residenten von

Bantam zu sprechen hatte. Aber vergebens suchte Havelaar im Archiv

nach einem Beweise, dass sein Vorgänger dieselbe Sache ritterlich in

einem offenbaren Dienstschreiben beim wahren Namen genannt hatte.

Kurz, die offiziellen Berichte der Beamten an das Gouvernement,

und also auch die darauf gegründeten Rapporte an die Regierung im

Mutterland sind zum grössten und wichtigsten Teile: unwahr.

Ich weiss, dass diese Beschuldigung gewichtig ist, doch ich halte

sie aufrecht und fühle mich vollkommen im stande, sie mit Beweisen

zu stützen. Wer erzürnt sein mag über diese unverschleierte Äusserung

meiner Meinung, der bedenke, wie viele Millionen aus dem Staatssäckel

und wie viele Menschenleben England erspart worden wären, wenn man

zeitig der Nation die Augen geöffnet hätte für den wahren Gang der

Dinge in Britisch-Indien, und wie grosse Dankbarkeit man dem Manne

schuldig gewesen wäre, der den Mut gezeigt hätte, der Hiobsbote

zu sein, ehe es zu spät war, den Elementen des Irrtums wieder ihre

rechten Bahnen zu weisen auf weniger blutige Art, als es nun wohl

notwendig geworden war.

Ich sagte, dass ich meine Beschuldigungen mit Beweisen stützen

könne. Wo es nötig ist, werde ich zeigen, dass häufig Hungersnot

herrschte in Gegenden, die als Muster von Wohlfahrt gerühmt wurden, und

dass mehrmals eine Bevölkerung, die als ruhig und zufrieden angegeben

wird, auf dem Punkte stand, in Raserei auszubrechen. Es liegt nicht in

meinem Plan, diese Beweise in diesem Buche zu liefern, vertraue ich

gleich, dass man es nicht aus der Hand legen wird, ohne zu glauben,

dass sie vorhanden sind.

Für den Augenblick beschränke ich mich darauf, noch ein einziges

Beispiel von dem lächerlichen Optimismus zu geben, dessen ich vorher

Erwähnung that, ein Beispiel, das von jedem, sei er nun vertraut oder

nicht vertraut mit den Angelegenheiten in Indien, leicht verstanden

werden kann.

Jeder Resident reicht monatlich einen Rapport von dem Reis ein,

der in seine Landschaft eingeführt oder aus dieser nach anderswohin

versandt ist. Bei diesem Rapport wird die Ausfuhr in zwei Teilen

aufgeführt, je nachdem sie sich auf Java selbst beschränkt oder sich

weiter erstreckt. Wenn man nun die Menge Reises ins Auge fasst, welche

nach diesen Rapporten übergeführt ist aus Residentschaften auf Java

nach Residenschaften auf Java, wird man feststellen, dass diese Menge

viele Tausende Pikols mehr beträgt als der Reis, der--nach denselben

Rapporten--in Residentschaften auf Java aus Residentschaften auf Java

eingeführt ist.

Ich übergehe nun mit Stillschweigen, was man zu denken hat von dem

Scharfsinn der Regierung, die solche Rapporte annimmt und publiziert,

und will den Leser nur auf die Absicht bei dieser Fälschung aufmerksam

machen.

Die prozentweise Belohnung, die europäischen und eingeborenen Beamten

für Produkte zusteht, die in Europa verkauft werden sollen, hat

den Reisbau derart in den Hintergrund gedrängt, dass in etlichen

Landschaften eine Hungersnot aufgetreten ist, die den Augen der

Nation durch kein Kunststück mehr entzogen werden konnte. Ich habe

bereits gesagt, dass darauf Vorschriften erlassen worden sind,

dass man die Dinge nicht wieder so weit kommen lassen dürfe. Zu

den vielen Gefolgschaften dieser Vorschriften gehörten auch die von

mir genannten Rapporte über aus- und eingeführten Reis, damit die

Regierung fortwährend ein Auge auf Ebbe und Flut dieses Lebensmittels

haben könne. Ausfuhr aus einer Residentschaft bedeutet: Wohlstand,

Einfuhr: entsprechenden Mangel.

Wenn man nun die Rapporte untersucht und vergleicht, stellt

sich heraus, dass der Reis überall so im Überfluss ist, dass

alle Residentschaften zusammen mehr Reis ausführen als in allen

Residentschaften zusammen eingeführt wird. Ich wiederhole, dass hier

keine Rede ist von Ausfuhr über See, der im Rapport ein besonderer

Platz angewiesen ist. Der logische Schluss hiervon ist also die

widersinnige Behauptung: dass mehr Reis auf Java ist, als Reis dort

ist. Das ist doch Wohlstand!

Ich sagte schon, dass die Sucht, der Regierung niemals andere als

nur gute Berichte zu bieten, ins Lächerliche übergehend erscheinen

würde, wenn nicht die Folgen von dem allen so traurig wären. Wie

ist denn Genesung von den vielen Irrtümern zu erhoffen, wenn von

vornherein der Plan besteht, in den Berichten an die Vorgesetzten

alles zu verkehren und zu verdrehen? Was ist zum Beispiel von einer

Bevölkerung zu erwarten, die, ihrem Wesen nach sanft und schmiegsam,

seit Jahren, Jahren über Unterdrückung klagt, wenn sie die Residenten

einen nach dem anderen mit Urlaub oder Pension abtreten oder in ein

anderes Amt berufen sieht, ohne dass irgend etwas für die Beseitigung

des Kummers geschieht, unter dem sie gebeugt geht! Muss nicht die

gespannte Feder endlich zurückspringen? Muss nicht die so lange

unterdrückte Unzufriedenheit--unterdrückt, damit man fortfahren

könne, sie zu leugnen!--endlich in Wut umschlagen, in Verzweiflung,

in Raserei? Wartet nicht eine Jacquerie am Ende dieses Weges?

Und wo werden dann die Beamten sein, die seit Jahren aufeinander

folgten, ohne jemals auf den Gedanken gekommen zu sein, dass etwas

Höheres besteht denn die »Gunst der Regierung«? Etwas Höheres als

die »Zufriedenheit des Generalgouverneurs«? Wo werden sie dann sein,

die Verfasser der flauen Berichte, die die Augen der Regierung mit

ihren Unwahrheiten blendeten? Werden dann die, die früher des Mutes

entbehrten, ein herzhaftes Wort zu Papier bringen, zu den Waffen eilen

und die Niederländischen Besitzungen Niederland erhalten? Werden

sie Niederland die Schätze wiedergeben, die nötig sein werden zur

Dämpfung von Aufruhr, zur Verhütung von Umwälzung? Werden sie das

Leben den Tausenden wiedergeben, die fielen durch ihre Schuld?

Und diese Beamten, die Kontrolleure und Residenten, sind nicht

die am meisten Schuldigen. Es ist die Regierung selbst, die, mit

unbegreiflicher Blindheit geschlagen, zur Einreichung günstiger

Berichte ermutigt und verlockt und sie belohnt. Vor allem ist dies der

Fall, wo es sich um Unterdrückung der Bevölkerung durch eingeborene

Häuptlinge handelt.

Von vielen wird dies Inschutznehmen der Häuptlinge der unedlen

Berechnung zugeschrieben, dass diese, die Glanz und Pracht entfalten

müssen, um auf die Bevölkerung den Einfluss auszuüben, der für die

Regierung zur Aufrechterhaltung ihrer Autorität nötig ist, dass diese

Häuptlinge hierfür eine viel höhere Besoldung würden geniessen müssen,

als es jetzt der Fall ist, wenn man ihnen nicht die Freiheit liesse,

das Fehlende durch die ungesetzliche Verfügung über das Besitztum

und die Arbeit des Volkes zu ergänzen. Wie dem sei, die Regierung

geht nur notgedrungen zur Anwendung der Bestimmungen über, die

nach der Meinung Uneingeweihter den Javanen vor Erpressung und Raub

schützen. Meistens weiss man in unbeurteilbaren und häufig aus der

Luft gegriffenen Gründen der Politik eine Ursache zu finden, um diesen

Regenten oder jenen Häuptling zu schonen, und es besteht denn auch in

Indien die zum Sprichwort geeichte Meinung, dass die Regierung lieber

zehn Residenten entlasse als einen Regenten. Auch die vorgeschützten

politischen Gründe--wenn sie sich überhaupt auf etwas gründen--sind

gewöhnlich auf falsche Angaben gestützt, da jeder Resident Interesse

hat, den Einfluss seines Regenten auf die Bevölkerung recht hoch

darzustellen, damit er sich hinter diesem Umstande verkriechen kann,

wenn später einmal ein Tadel auf seine zu grosse Nachsicht gegenüber

diesen Häuptlingen fallen sollte.

Ich will mich nun nicht weiter verbreiten über die abscheuliche

Heuchelei der human lautenden Bestimmungen--und der Eide!--die den

Javanen gegen Willkür schützen ... auf dem Papier, und ersuche den

Leser, sich zu erinnern, wie Havelaar beim Nachsprechen dieser Eide

ein Verhalten zeigte, das an Geringachtung denken liess. Im Augenblick

will ich nur auf die schwierige Situation des Mannes hinweisen, der

sich, so ganz anders als kraft einer gesprochenen Formel, an seine

Pflicht gebunden erachtete.

Und für ihn war diese Schwierigkeit grösser noch, als sie für manchen

andern gewesen wäre, da sein Gemüt sanft war, ganz im Gegensatz zu

seinem Verstande, den der Leser nun wohl als einen recht scharfen

kennen gelernt haben wird. Er hatte also nicht nur mit Befürchtungen

vor den Menschen oder mit der Sorge um Laufbahn und Beförderung zu

kämpfen, noch auch allein mit den Pflichten, die er als Ehegemahl

und Familienvater zu erfüllen hatte: er musste einen Feind in seinem

eigenen Herzen überwinden. Er konnte nicht ohne eigenes Leid leiden

sehen, und es würde mich zu weit führen, wollte ich die Beispiele

anführen, wie er stets, auch wo er gekränkt und beleidigt war, den Part

eines Widersachers verteidigte gegen sich selbst. Er erzählte Duclari

und Verbrugge, wie er in seiner Jugend soviel Verlockendes am Duell

mit dem Säbel gefunden, was auch Wahrheit war ... doch er sagte nicht

dabei, wie er nach Verwundung seines Gegners gewöhnlich weinte und

seinen gewesenen Feind bis zur Genesung wie eine barmherzige Schwester

pflegte. Ich könnte erzählen, wie er zu Natal den Kettengänger, der

auf ihn geschossen hatte, zu sich nahm, dem Mann freundlich zusprach,

ihn beköstigen liess und ihm Freiheiten gab vor allen andern, weil

er zu entdecken vermeinte, dass die Erbitterung dieses Verurteilten

die Folge eines anderswo gefällten zu strengen Urteils war. Gewöhnlich

wurde die Sanftheit seines Gemüts entweder nicht zugestanden, oder sie

wurde lächerlich gefunden. Nicht zugestanden von dem, der Herz und

Geist bei ihm nicht auseinanderzuhalten wusste. Lächerlich gefunden

von dem, der nicht begreifen konnte, wie ein verständiger Mensch sich

Mühe gab, eine Fliege zu retten, die ins Gewebe einer Spinne geraten

war. Nicht zugegeben wieder von jedem--ausser von Tine--der ihn darauf

über die »dummen Tiere« schimpfen hörte und über die »dumme Natur«,

die solche Tiere schuf.

Doch es gab noch eine andere Art, um ihn von dem Piedestal

herunterzuholen, auf das seine Umgebung--man mochte ihn lieben oder

nicht--wohl gezwungen war, ihn zu setzen. »Ja, er ist geistvoll, aber

... es ist Flüchtigkeit in seinem Geiste.« Oder: »er ist verständig,

doch ... er wendet seinen Verstand nicht gut an.« Oder: »ja, er ist

gutherzig ... doch er kokettiert damit!«

Für seinen Geist, für seinen Verstand nehme ich nicht Partei. Aber

sein Herz? Arme, zappelnde Fliegen, von ihm gerettet, wenn er gänzlich

allein war, wollet ihr dieses Herz verteidigen gegen die Beschuldigung

der Koketterie?

Doch ihr seid davongeflogen und habt euch nicht bekümmert um Havelaar,

die ihr nicht wissen konntet, dass er einmal euer Zeugnis nötig

haben würde!

War es Koketterie von Havelaar, da er zu Natal einem Hunde--Sappho

hiess das Tier--in die Flussmündung nachsprang, weil er befürchtete,

dass das noch junge Tier nicht gut genug schwimmen könne, um den

Haien zu entgehen, die dort so zahlreich waren? Ich kann an ein

derartiges Kokettieren mit Gutherzigkeit schwerer glauben, als an

die Gutherzigkeit selbst.

Ich rufe euch auf, ihr vielen, die ihr Havelaar gekannt habt--wenn

ihr nicht erstarrt seid durch Winterkälte und Tod ... wie die

geretteten Fliegen, oder vertrocknet durch die Hitze da jenseits

unter der Linie!--ich rufe euch auf, dass ihr Zeugnis ableget von

seinem Herzen, ihr alle, die ihr ihn gekannt habt! Jetzt vor allem

rufe ich euch auf mit Vertrauen, da ihr nicht mehr suchen braucht,

wo das Seil eingehakt werden muss, um ihn herunterzuholen von welcher

geringen Höhe auch immer.

Inzwischen werde ich, wie bunt es auch scheinen mag, hier einigen

Zeilen von seiner Hand Raum geben, die solche Zeugnisse vielleicht

überflüssig machen. Max war einmal weit, weit weg von Frau und

Kind. Er hatte sie in Indien zurücklassen müssen und befand sich in

Deutschland. Mit der Fixigkeit, die ich an ihm eigentümlich finde, ohne

indes Lust zu haben, sie zu verteidigen, wenn man sie antastet, machte

er sich zum Meister der Sprache des Landes, in dem er sich einige

Monate aufgehalten hatte. Hier sind also die Verse, die gleichzeitig

die Innigkeit verraten, mit der er den Seinen zugethan war:

--Mein Kind, da schlägt die neunte Stunde, hör!

Der Nachtwind säuselt, und die Luft wird kühl,

Zu kühl vielleicht für dich; dein Stirnchen glüht!

Du hast den ganzen Tag so wild gespielt

Und bist wohl müde. Komm, dein Tikar harret.

--Ach, Mutter, lass mich noch 'nen Augenblick!

Es ist so sanft zu ruhen hier ... und dort,

Da drin auf meiner Matte, schlaf' ich gleich,

Und weiss nicht einmal, was ich träume! Hier

Kann ich doch gleich dir sagen, was ich träume,

Und fragen, was mein Traum bedeutet ... Hör,

Was war das?

--Es war ein Klapper, der da fiel.

--Thut das dem Klapper weh?

--Ich glaube nicht.

Man sagt, die Frucht, der Stein hat kein Gefühl.

--Doch eine Blume, fühlt die auch nicht?

--Nein.

Man sagt, sie fühle nicht.

--Warum denn, Mutter,

Als gestern ich die Pukul ampat brach,

Hast du gesagt: es thut der Blume weh!

--Mein Kind, die Pukul ampat war so schön,

Du zogst die zarten Blättchen roh entzwei,

Das that mir für die arme Blume leid.

Wenngleich die Blume selbst es nicht gefühlt,

Ich fühlt' es für die Blume, weil sie schön war.

--Doch, Mutter, bist du auch schön?

--Nein, mein Kind,

Ich glaube nicht.

--Allein du hast Gefühl?

--Ja, Menschen haben's ... doch nicht alle gleich.

--Und kann dir etwas weh thun? Thut dir's weh,

Wenn dir im Schoss so schwer mein Köpfchen ruht?

--Nein, das thut mir nicht weh!

--Und, Mutter, ich ...

Hab' ich Gefühl?

--Gewiss, erinn're dich,

Wie du, gestrauchelt einst, an einem Stein

Dein Händchen hast verwundet und geweint.

Auch weintest du, als Saudien dir erzählte,

Dass auf den Hügeln dort ein Schäflein tief

In eine Schlucht hinunterfiel und starb.

Da hast du lang geweint ... das war Gefühl.

Doch, Mutter, ist Gefühl denn Schmerz?

--Ja, oft!

Doch ... immer nicht, bisweilen nicht! Du weisst,

Wenn's Schwesterlein dir in die Haare greift

Und krähend dir's Gesichtchen nahe drückt,

Dann lachst du freudig; das ist auch Gefühl.

--Und dann mein Schwesterlein ... es weint so oft,

Ist das vor Schmerz? Hat es denn auch Gefühl?

--Vielleicht, mein Kind, wir wissen's aber nicht,

Weil es, so klein, es noch nicht sagen kann.

--Doch, Mutter ... höre, was war das?

--Ein Hirsch,

Der sich verspätet im Gebüsch und jetzt

Mit Eile heimwärts kehrt und Ruhe sucht

Bei andern Hirschen, die ihm lieb sind.

--Mutter,

Hat solch ein Hirsch ein Schwesterlein wie ich?

Und eine Mutter auch?

--Ich weiss nicht, Kind.

--Das würde traurig sein, wenn's nicht so wäre!

Doch, Mutter, sieh ... was schimmert dort im Strauch?

Sieh, wie es hüpft und tanzt ... ist das ein Funke?

--'s ist eine Feuerfliege.

--Darf ich's fangen?

--Du darfst es, doch das Flieglein ist so zart,

Du wirst gewiss ihm weh thun, und sobald

Du's mit den Fingern allzu roh berührst,

Ist's Tierchen krank und stirbt und glänzt nicht mehr.

--Das wäre schade! Nein, ich fang' es nicht!

Sieh, da verschwand es ... nein, es kommt hierher ...

Ich fang' es doch nicht! Wieder fliegt es fort

Und freut sich, dass ich's nicht gefangen habe.

Da fliegt es ... hoch! Hoch oben ... was ist das,

Sind das auch Feuerfliegen dort?

--Das sind

Die Sterne.

--Ein, und zehn, und tausend!

Wieviel sind denn wohl da?

--Ich weiss es nicht,

Der Sterne Zahl hat niemand noch gezählt.

--Sag, Mutter, zählt auch Er die Sterne nicht?

Nein, liebes Kind, auch Er nicht.

--Ist das weit

Dort oben, wo die Sterne sind?

--Sehr weit

--Doch haben diese Sterne auch Gefühl?

Und würden sie, wenn ich sie mit der Hand

Berührte, gleich erkranken und den Glanz

Verlieren, wie das Flieglein?--Sieh, noch schwebt es!--

Sag', würd' es auch den Sternen weh thun?

--Nein,

Weh thut's den Sternen nicht! Doch 's ist zu weit

Für deine kleine Hand: du reichst so hoch nicht.

--Kann Er die Sterne fangen mit der Hand?

--Auch Er nicht: das kann niemand!

--Das ist schade!

Ich gäb' so gern dir einen! Wenn ich gross bin,

Dann will ich so dich lieben, dass ich's kann.

Das Kind schlief ein und träumte von Gefühl,

Von Sternen, die es fasste mit der Hand ...

Die Mutter schlief noch lange nicht, doch träumte

Auch sie und dacht' an den, der fern war ...

Ja, auf die Gefahr hin, unnötig bunt zu scheinen, habe ich diesen

Zeilen hier Raum gegeben. Ich möchte keine Gelegenheit versäumen,

die uns den Mann verstehen lehrt, der die Hauptrolle in meiner

Geschichte einnimmt, damit er dem Leser einige Teilnahme abringe,

wenn später über seinem Haupte dunkle Wolken sich zusammenziehen.

Max Havelaar · 第 35 / 109 题