ZWÖLFTES KAPITEL.

--Lieber Max, sagte Tine, unser Dessert ist so dürftig. Möchtest du

nicht ... du weisst ja ...

--Noch was erzählen, zum Ersatz für Gebäck? Zum Teufel, ich bin

heiser. Verbrugge ist jetzt dran.

--Ja, M'nheer Verbrugge, lösen Sie Max mal ab, bat Mevrouw Havelaar.

Verbrugge bedachte sich einen Augenblick und begann:--Es war einmal

ein Mann, der einen Truthahn stahl ...

--O, Sie Schwerenöter, das haben Sie von Padang! Und wie geht es

weiter?

--Es ist aus. Wer kennt den Schluss von dieser Historie?

--Na, ich! Ich habe ihn aufgegessen, im Verein mit ... noch

jemand. Wissen Sie, warum ich in Padang vom Amte suspendiert war?

--Man sagte, dass in Ihrer Kasse zu Natal ein Defizit war, erwiderte

Verbrugge.

--Das war nicht ganz unwahr, doch wahr war es auch nicht. Ich war

zu Natal durch allerlei Ursachen recht nachlässig gewesen in meinen

geldlichen Verantwortlichkeiten, und es war in Bezug darauf wirklich

viel auszusetzen. Doch dies fiel in jenen Tagen so häufig vor! Die

Verhältnisse im Norden von Sumatra waren kurz nach der Einnahme

von Barus, Tapus und Singkel so verwirrt, alles war so unruhig,

dass man es einem jungen Mann, der lieber zu Pferde sass, als dass

er Geld zählte oder Kassenbücher führte, nicht übelnehmen konnte,

wenn nicht alles so ordentlich und geregelt ging, wie man es wohl

von einem Amsterdamer Buchhalter hätte fordern können, der weiter

nichts zu thun hat. Die Battahlande waren in Aufruhr, und Sie

wissen, Verbrugge, wie stets alles, was bei den Battahs vorfällt,

auf Natal zurückschlägt. Ich schlief des Nachts vollständig in den

Kleidern steckend, um schnell auf dem Posten zu sein, was denn auch

häufig notwendig war. Dazu hat die Gefahr--einige Zeit vor meiner

Ankunft war ein Komplott entdeckt worden, nach welchem mein Vorgänger

ermordet und der Aufstand proklamiert werden sollte--die Gefahr hat

etwas Anziehendes, vor allem, wenn man erst zweiundzwanzig Jahre alt

ist. Dieses Anziehende kann einen dann wohl unbrauchbar machen für

Bureauarbeit oder für die peinliche Genauigkeit, die für eine gute

Verwaltung von Geldsachen nötig ist. Überdies, ich hatte allerlei

Tollheiten im Kopf ...

--Traussa! rief Mevrouw Havelaar einem Bedienten zu.

--Was ist nicht nötig?

--Ich hatte gesagt, dass in der Küche noch etwas hergerichtet werden

sollte ... eine Omelette oder sonstwas.

--Ah! Und das ist nun nicht mehr nötig, nun ich von meinen Tollheiten

anfange? Du bist doch ein Schwerenöter, Tine. Mir ist es recht, aber

die Herren haben auch eine Stimme. Verbrugge, für was entscheiden

Sie sich, für Ihren Anteil an der Omelette oder für die Historie?

--Das ist eine schwierige Lage für einen höflichen Menschen, sagte

Verbrugge.

--Und auch ich möchte hier lieber keine Wahl treffen, fügte Duclari

hinzu, denn es handelt sich hier um eine Sache zwischen M'nheer und

Mevrouw, und: »entre l'écorce et le bois, il ne faut pas mettre le

doigt«; man steckt nicht gern seine Finger zwischen Thür und Angel.

--Ich will Ihnen zu Hülfe kommen, meine Herren. Die Omelette ist ...

--Mevrouw, sagte der sehr höfliche Duclari, die Omelette wird doch

wohl soviel wert sein wie ...

--Wie diese Historie? Gewiss, wenn sie was wert wäre! Doch es hat

damit einen Haken ...

--Ich weiss, dass noch kein Zucker im Hause ist, rief Verbrugge. Ach,

lassen Sie doch bei mir holen, was Sie brauchen!

--Zucker ist da ... von Mevrouw Slotering. Nein, daran hapert's

nicht. Wenn die Omelette übrigens gut wäre, hätte das nichts zu sagen,

aber ...

--Wie denn, Mevrouw, ist sie ins Feuer gefallen?

--Ich wollte, dass es wahr wäre! Nein, sie kann nicht ins Feuer fallen,

sie ist ...

--Aber, Tine, rief Havelaar, was sollte denn damit sein?

--Sie ist imponderabel, Max, wie deine Frauen zu Arles ... sein

müssten! Ich habe keine Omelette ... ich habe nichts mehr!

--Dann in Gottes Namen die Historie! seufzte Duclari in komischer

Verzweiflung.

--Aber Kaffee haben wir, rief Tine.

--Gut! Kaffeetrinken in der Vorgalerie, und lass uns Mevrouw Slotering

mit ihren Mädchen hinzunötigen, sagte Havelaar, worauf die kleine

Gesellschaft sich nach draussen verfügte.

--Ich denke, sie wird danken, Max! Du weisst, dass sie auch nicht

gern mit uns isst, und ich kann ihr nicht unrecht geben.

--Sie wird gehört haben, dass ich Historien loslasse, sagte Havelaar,

und das hat sie abgeschreckt.

--O nein, Max, das würde ihr nichts ausmachen; sie versteht kein

Holländisch. Nein, sie hat mir gesagt, dass sie auch weiterhin ihren

eigenen Haushalt führen will, und das begreife ich recht gut. Weisst

du noch, wie du meinen Namen [4] interpretiert hast?

--E. H. V. W.: »Eigener Herd viel wert«.

--Nun also! Sie hat sehr recht. Ausserdem, sie kommt mir auch etwas

menschenscheu vor. Denke dir, lässt sie doch alle Fremden, die das

Erbe betreten, von den Aufsehern herunterjagen ...

--Ich ersuche um die Historie oder um die Omelette, sagte Duclari.

--Ich auch! rief Verbrugge. Ausflüchte werden nicht angenommen. Wir

haben Anspruch auf ein vollständiges Mahl, und darum verlange ich

die Geschichte von dem Truthahn.

--Die habe ich Ihnen schon gegeben, sagte Havelaar. Ich hatte das

Vieh dem General Vandamme gestohlen und hab's aufgegessen ... mit

noch jemandem.

--Ehe dieser »jemand« gen Himmel fuhr, sagte Tine schalkhaft.

--Nein, das ist Bemogelei! rief Duclari. Wir müssen wissen, warum

Sie diesen Truthahn ... weggenommen hatten.

--Nun, weil ich Not litt, und das war des Generals Vandamme Schuld,

der mich suspendiert hatte.

--Wenn ich nicht mehr davon zu wissen kriege, bringe ich mir nächstes

Mal selbst eine Omelette mit, beschwerte sich Verbrugge.

--Glauben Sie mir, es steckte nichts mehr dahinter als das. Er hatte

sehr viele Truthühner, und ich hatte nichts. Man trieb die Tiere an

meiner Thür vorüber ... ich nahm eins davon und sagte zu dem Manne,

der sich einbildete, dass er sie hütete: »Sage dem General, dass ich,

Max Havelaar, diesen Truthahn nehme, weil ich essen will«.

--Und dann das Epigramm?

--Hat Verbrugge Ihnen davon erzählt?

--Ja.

--Das hat mit dem Truthahn nichts zu schaffen. Ich machte das Ding,

weil er so viele Beamte suspendierte. Es waren auf Padang gewiss

sieben oder acht, die er mehr oder minder gerechtfertigt in ihren

Ämtern suspendiert hatte, und viele unter ihnen verdienten es viel

weniger als ich. Der Assistent-Resident von Padang gar war suspendiert,

und wohl wegen eines Grundes, der, wie ich glaube, ein ganz anderer

war, als der in dem Beschlusse angegebene. Ich will Ihnen das wohl

erzählen, obschon ich nicht versichern kann, dass ich alles genau

weiss, und nur wiedererzähle, was man zu Padang für wahr hielt und

was auch--vor allem im Hinblick auf die bekannten Eigenschaften des

Generals--wahr gewesen sein kann.

Er hatte, müssen Sie wissen, seine Frau geheiratet, um eine Wette zu

gewinnen, und damit einen Anker Wein. Er ging also oftmals des Abends

aus, um ... sich überall herumzutreiben. Der Surnumerair Valkenaar muss

einmal in einer Gasse nahe beim Mädchenwaisenhause seinem Inkognito

so strenge Beachtung geschenkt haben, dass er ihm eine Tracht Prügel

zukommen liess wie dem ersten besten Strassenflegel. Nicht weit

davon wohnte Miss X. Es war ein Gerücht in Umlauf, dass diese Miss

einem Kinde das Leben gegeben hätte, das ... verschwunden wäre. Der

Assistent-Resident war als Haupt der Polizei verpflichtet und auch

willens, diese Sache zu untersuchen, und scheint von diesem Vornehmen

auf einer Whistpartie beim General etwas gesagt zu haben. Doch

man höre: am folgenden Tage erhält er den Befehl, sich nach einer

Abteilung zu begeben, deren amtsführender Kontrolleur wegen wahrer

oder vermeintlicher Unehrlichkeit von seinem Posten suspendiert

war, und in loco bestimmte Dinge zu untersuchen und dieserhalb

Bericht einzureichen. Wohl war der Assistent-Resident verwundert,

dass ihm ein Auftrag gegeben wurde, der durchaus nicht in Beziehung

zu seiner Abteilung stand, aber da er, recht genommen, ihn als eine

ehrende Auszeichnung ansehen konnte und auch mit dem General auf

sehr freundschaftlichem Fusse stand, sodass er nicht Ursache hatte,

an einen Fallstrick zu denken, so liess er sich durch diese Sendung

nicht weiter beunruhigen und begab sich nach--ich will vergessen

haben, wohin--um zu thun, was ihm befohlen war. Nach einiger Zeit

kehrt er zurück und erstattet einen Bericht, der nicht ungünstig für

den Kontrolleur lautete. Doch es war währenddessen auf Padang durch

das Publikum--das heisst: niemand und alle Welt--entdeckt worden,

dass dieser Beamte nur suspendiert war, um eine Gelegenheit zu

schaffen, den Assistent-Residenten vom Platze zu entfernen, zu dem

Zwecke, seiner beabsichtigten Untersuchung, das verschwundene Kind

betreffend, zuvorzukommen oder sie wenigstens bis auf einen Zeitpunkt

zu verschieben, wo es schwer fallen würde, die Sache aufzuhellen. Ich

wiederhole nun, dass ich nicht weiss, ob dieses wahr ist, doch nach

den Erfahrungen, die ich selbst später mit dem General Vandamme machte,

kommt mir diese Lesart glaubhaft vor. Auf Padang war niemand, der ihn

nicht--was den Grad angeht, auf welchen seine Sittlichkeit gesunken

war--als fähig zu so etwas einschätzte. Die meisten schrieben ihm

nur eine gute Eigenschaft zu, die der Unerschrockenheit in Gefahr,

und wenn ich, der ich ihn in Gefahr gesehen habe, der Meinung wäre,

dass er bei alledem ein tapferer Mann war, so würde dies allein mich

bewegen, Ihnen diese Geschichte nicht zu erzählen. Es ist wahr, er

hatte auf Sumatra viel durch die Faust entscheiden lassen, doch wer

einzelne Geschehnisse aus der Nähe beobachtet hatte, spürte Neigung,

etwas von seiner Tapferkeit abzudingen, und, wie fremd es scheinen

mag, ich glaube, dass er seinen Ruhm als Kriegsmann grossenteils der

Sucht der Antithese zu danken hatte, die uns alle mehr oder minder

beherrscht. Man sagt gern: es ist wahr, dass Peter oder Paul dies,

dies oder dies ist, doch ... das ist er, das muss man ihm lassen! Und

niemals kann man sicherer sein, gepriesen zu werden, als wenn man

einen stark ins Auge fallenden Mangel hat. Sie, Verbrugge, sind alle

Tage betrunken ...

--Ich? fragte Verbrugge, der ein Muster von Mässigkeit war.

--Ja, ich mache Sie nun betrunken, alle Tage. Sie vergessen sich so

weit, dass Duclari des Abends in der Galerie über Sie stolpert. Das

wird er unangenehm finden, aber sofort wird er sich erinnern, etwas

Gutes an Ihnen gefunden zu haben, das ihm doch früher gar nicht ins

Auge fiel. Und wenn ich dann komme und ich finde Sie doch ein bisschen

arg ... horizontal, dann wird er mir die Hand auf den Arm legen und

ausrufen: »Ach, glauben Sie doch, er ist sonst so'n guter, braver,

achtbarer Kerl!«

--Das sage ich sowieso von Verbrugge, und ist er auch vertikal.

--Nicht mit dem Feuer und mit der Überzeugung! Erinnern Sie sich mal,

wie oft man sagen hört: »O, wenn der Mann auf seine Sachen passen

würde, das wäre einer! Aber ...« und dann folgt die Darlegung, wie

er nicht auf seine Sachen achte und also keiner sei. Ich glaube den

Grund hiervon zu wissen. Auch von den Toten erfährt man immer gute

Eigenschaften, von denen wir früher nichts bemerkten. Die Ursache wird

wohl sein, dass sie niemandem im Wege stehen. Alle Menschen sind sich

mehr oder minder Konkurrenten. Wir würden gern jeden andern ganz und

gar in allem unter uns stellen. Das aber zu äussern, verbietet der

gute Ton und selbst das eigene Interesse, denn uns würde sehr bald

niemand mehr glauben, auch wenn wir etwas Wahres behaupteten. Es muss

also ein Umweg gesucht werden, und nun seht, wie uns das gelingt. Wenn

Sie, Verbrugge, sagen: »Der Leutnant Gamascho ist ein guter Soldat,

er ist wahrhaftig ein guter Soldat, ich kann Ihnen nicht genug sagen,

ein wie guter Soldat der Leutnant Gamascho ist ... aber ein Theoreticus

ist er nicht ...«

Haben Sie nicht so gesagt, Duclari?

--Ich habe niemals einen Leutnant Gamascho gekannt oder gesehen.

--Gut, erschaffen Sie sich dann einen und sagen das von ihm.

--Gut, ich erschaffe ihn hiermit und sag's von ihm.

--Wissen Sie, was Sie nun gesagt haben? Sie haben gesagt, dass Sie,

Duclari, obenauf sind in der Theorie. Ich bin kein Haar besser. Glauben

Sie mir, wir thun unrecht, uns so zu erbosen über jemanden, der

recht schlecht ist, denn die Guten unter uns sind dem Schlechten

so nah! Lassen Sie mal die Vollkommenheit Null heissen und hundert

Grad für schlecht gelten, wie unrecht thun wir dann--wir, die wir

schwanken zwischen acht- und neunundneunzig!--Zeter zu schreien

über jemanden, der auf hundertundeins steht! Und zudem glaube ich,

dass viele nur diesen hundertsten Grad nicht erreichen aus Mangel an

guten Eigenschaften, zum Beispiel an Mut, ganz zu sein, was man ist.

--Auf wieviel Grad stehe ich, Max?

--Ich habe eine Lupe nötig für die Zehntelteilung, Tine.

--Ich reklamiere, rief Verbrugge--nein, Mevrouw, nicht gegen Ihre

Nullnähe!--nein, aber es sind Beamte suspendiert, ein Kind wird

vermisst, ein General in Anklagezustand ... ich fordere: »la pièce!«

--Tine, sorge doch in Zukunft dafür, dass was im Hause ist! Nein,

Verbrugge, Sie kriegen »la pièce« nicht, ehe ich nicht noch ein

bisschen auf meinem Steckenpferde von der Antithese herumgeritten

bin. Ich sagte, dass jeder Mensch in seinem Mitmenschen eine Art

Konkurrenten sieht. Man darf nicht immer tadeln--was auffallend wirken

würde--darum streichen wir gern eine gute Eigenschaft über die Massen

heraus, um die üble Eigenschaft, an deren Blossstellung uns eigentlich

nur gelegen ist, recht augenfällig zu machen, ohne den Schein der

Parteilichkeit auf uns zu laden. Wenn jemand sich bei mir beklagt, dass

ich von ihm gesagt habe: »Seine Tochter ist sehr schön, aber er ist

ein Dieb«, dann antworte ich: »Wie können Sie darüber so bös sein! Ich

habe doch dabei gesagt, dass Ihre Tochter ein liebes Mädchen ist!«

Sehen Sie, das gewinnt doppelt! Wir beide sind Höker, ich nehme ihm

seine Kunden ab, die ihre Rosinen nicht bei einem Diebe kaufen wollen,

und zu gleicher Zeit sagt man von mir, dass ich ein guter Mensch sei,

denn ich striche die Tochter eines Konkurrenten heraus.

--Nein, so schlimm ist es nicht, sagte Duclari, das ist ein bisschen

stark aufgetragen!

--Das kommt Ihnen jetzt nur so vor, weil ich den Vergleich etwas

kurz und brüsk gestaltet habe. Wir müssen uns das »er ist ein Dieb«

einigermassen umschleiert vorstellen. Die Tendenz des Gleichnisses

bleibt wahr. Wenn wir genötigt sind, jemandem bestimmte Eigenschaften

zuzuerkennen, die Anspruch auf Beachtung, Ehrerbietung und Autorität

verleihen, dann gewährt es uns Befriedigung, neben diesen Eigenschaften

etwas zu entdecken, das uns von dem schuldigen Tribut teilweise oder

gänzlich frei erklärt. »Vor solch einem Dichter sollte man das Haupt

beugen, aber ... er schlägt seine Frau!« Sehen Sie, dann benutzen

wir die blauen Flecke der Frau gern als Vorwand, unsere Nase recht

hoch zu halten, und schliesslich wird es uns gar zur Genugthuung,

dass er das Weib schlägt, was doch sonst recht hässlich ist. Sobald

wir zugeben müssen, dass jemand Qualitäten besitzt, die ihn der Ehre

eines Piedestals würdig machen, sobald wir seine Ansprüche darauf nicht

länger leugnen können, ohne als unkundig, gefühllos oder eifersüchtig

angesehen zu werden ... sagen wir schliesslich: »Gut, setzt ihn nur

drauf!« Aber schon während des Draufsetzens und während er selbst noch

meint, dass wir verzückt daständen angesichts seiner Vortrefflichkeit,

haben wir schon die Schlinge in den Lasso gelegt, der dienen soll, ihn

bei der ersten günstigen Gelegenheit herunterzuholen. Je mehr Wechsel

unter den Inhabern der Piedestale, desto grösser die Wahrscheinlichkeit

für andere, dass sie auch einmal an die Reihe kommen werden, und so

wahr ist dies, dass wir aus Gewohnheit und zur Übung--wie ein Jäger,

welcher auf Krähen schiesst, die er doch liegen lässt--auch die

Standbilder gern niederlegen, deren Piedestal nie durch uns bestiegen

werden kann. Herr Schöps, der sich nährt von Sauerkohl und Dünnbier,

sucht Erhebung in der Klage: »Alexander war nicht gross ... er war

unmässig«, ohne dass für Herrn Schöps die mindeste Möglichkeit besteht,

jemals mit Alexander in Welteroberung zu konkurrieren.

Wie dem sei, ich bin überzeugt, dass viele niemals auf den Gedanken

gekommen wären, den General Vandamme für so tapfer zu halten,

wenn nicht seine Tapferkeit als Vehikel hätte dienen können für das

stets hinzugefügte: »aber ... seine Sittlichkeit!« Und ebenso bin ich

überzeugt, dass diese Unsittlichkeit von den vielen, die selbst nicht

gerade unantastbar waren, nicht als so gross hingestellt worden wäre,

wenn man sie nicht nötig gehabt hätte als Gegengewicht gegen seinen

Ruhm der Tapferkeit, der manche nicht schlafen liess.

Eine Eigenschaft besass er wirklich in hohem Masse:

Willenskraft. Was er sich vornahm, musste geschehen, und geschah

auch gewöhnlich. Doch--sehen Sie wohl, dass ich sogleich wieder die

Antithese zur Hand habe?--doch in der Wahl der Mittel war er dann auch

etwas ... frei, und, wie van der Palm--ich glaube, zu Unrecht--von

Napoleon sagte: »Hindernisse der Sittlichkeit standen ihm niemals

im Wege!« Nun, dann ist es gewiss leichter, sein Ziel zu erreichen,

als wenn man sich durch so etwas wohl gebunden erachtet.

Der Assistent-Resident von Padang hatte also einen Bericht

ausgefertigt, der günstig lautete für den suspendierten Kontrolleur,

dessen Suspension hierdurch den Anstrich der Ungerechtigkeit

erhielt. Die Padangschen Tuscheleien nahmen ihren Fortgang: man sprach

noch immer über das verschwundene Kind. Der Assistent-Resident fühlte

sich aufs neue berufen, die Sache aufzunehmen, doch ehe er etwas

zur Aufklärung hatte bringen können, ging ihm ein Beschluss zu, nach

welchem er vom Gouverneur der Westküste Sumatras »wegen Unehrlichkeit

in Amtsbeziehungen« suspendiert wurde. Es hiess darin, dass er aus

Freundschaft oder Mitleid die Angelegenheit des Kontrolleurs gegen

sein besseres Wissen in ein falsches Licht gerückt habe.

Ich habe die Akten, die diese Angelegenheit betreffen, nicht

gelesen, aber ich weiss, dass der Assistent-Resident auch nicht die

geringste Beziehung zu jenem Kontrolleur hatte, was schon daraus

zu entnehmen ist, dass man gerade ihn bestimmt hatte, diese Sache

zu untersuchen. Ich weiss weiterhin, dass er eine achtenswerte

Persönlichkeit war, und dass auch die Regierung ihn dafür hielt, was

aus der Nichtigerklärung der Suspension, nachdem die Sache andernorts

untersucht worden war, hervorgeht. Auch jener Kontrolleur ist später

gänzlich in seiner Ehre rehabilitiert worden. Der Beiden Suspension

war es, was mir das Epigramm eingab, das ich auf den Frühstückstisch

des Generals von jemandem niederlegen liess, der damals bei ihm und

vorher bei mir in Dienst stand.

Leibhafter Suspensionsbeschluss, der suspendierend uns regiert,

Johann Suspensor, Gouverneur, du Wehrwolf unsrer Zeiten,

Du hättest dein Gewissen selbst mit Freuden suspendiert ...

Wenn's nicht schon längst entlassen wär' in alle Ewigkeiten!

--Nehmen Sie mir's nicht übel, M'nheer Havelaar, ich finde, dass so

etwas nicht am Platze war, sagte Duclari.

--Ich auch ... aber ich musste doch etwas thun. Stellen Sie sich vor,

dass ich kein Geld hatte, keins erhielt, und von Tag zu Tag fürchtete,

Hungers zu sterben, was denn auch nahe genug gewesen ist. Ich hatte

wenig oder keine Verbindungen auf Padang, und obendrein, ich hatte

dem General geschrieben, dass er verantwortlich wäre, wenn ich in

Elend umkäme, und dass ich von niemandem Hülfe annehmen würde. In

den Binnenlanden waren Leute, die, als sie hörten, wie es mit mir

bestellt war, mich zu ihnen zu kommen nötigten, doch der General

verbot, dass man mir einen Pass dahin ausfertigte. Nach Java konnte

ich auch nicht verziehen. Überall anderswo hätte ich mich retten

können und vielleicht auch da, wenn man nicht so in Furcht vor dem

mächtigen General gewesen wäre. Es schien sein Plan, mich verhungern

zu lassen. Das hat neun Monate gedauert!

--Und wie haben Sie sich so lange am Leben erhalten? Oder hatte der

General viel Truthühner?

--O ja! Aber das half mir nichts ... So etwas thut man nur einmal,

nicht wahr? Was ich während dieser Zeit anfing? Ach ... ich machte

Verse, schrieb Komödien ... und dergleichen mehr.

--Und war dafür Reis zu haben auf Padang?

--Nein, doch den habe ich auch nicht dafür verlangt. Ich sage lieber

nicht, wie ich gelebt habe.

Tine drückte ihm die Hand: sie wusste es.

--Ich habe ein paar Zeilen gelesen, die Sie in diesen Tagen geschrieben

haben sollen, sagte Verbrugge; sie standen auf der Rückseite einer

Quittung.

--Ich weiss, was Sie meinen. Diese Zeilen kennzeichnen meine Lage. Es

bestand in den Tagen eine Zeitschrift »De Kopiist«, auf die ich

eingezeichnet war. Sie stand unter den Auspizien der Regierung--der

Redakteur war Beamter beim Allgemeinen Sekretariat--und darum wurden

die Subskriptionsgelder in Landes Kasse gestürzt. Man präsentierte mir

eine Quittung von zwanzig Gulden. Da nun dies Geld den Geschäftsbereich

des Gouverneurs anging, und also die Quittung, wenn sie unbezahlt

blieb, des Gouverneurs Bureaux zu passieren hatte, um nach Batavia

zurückgeschickt zu werden, so benutzte ich diese Gelegenheit, auf

der Rückseite also gegen meine Armut zu protestieren:

Vingt florins ... quel trésor! Adieu, littérature,

Adieu, Copiste, adieu! Trop malheureux destin:

Je meurs de faim, de froid, d'ennui et de chagrin,

Vingt florins font pour moi deux mois de nourriture!

Si j'avais vingt florins, je serais mieux chaussé,

Mieux nourri, mieux logé, j'en ferais bonne chère ...

Il faut vivre avant tout, soit vie de misère:

Le crime fait la honte, et non la pauvreté!

Doch als ich später in Batavia der Redaktion des »Kopiist« meine

zwanzig Gulden bringen wollte, war ich nichts schuldig. Es scheint,

dass der General selbst das Geld für mich bezahlt hat, um nicht

gezwungen zu sein, diese illustrierte Quittung nach Batavia

zurückzusenden.

--Doch was that er nach der ... nach der ... Wegnahme des Truthahns? Es

war doch ... ein Diebstahl! Und auf das Epigramm?

--Er strafte mich fürchterlich! Wenn er mich hätte vor Gericht stehen

lassen als schuldig der Unehrerbietigkeit gegen den Gouverneur von

Sumatras Westküste, was in jenen Tagen mit einigem guten Willen

als »Versuch zur Unterminierung der Holländischen Autorität und

Aufreizung zum Aufstand« hätte ausgelegt werden können, oder als

schuldig des »Diebstahls auf öffentlichem Wege«, so würde er gezeigt

haben, dass er ein gutherziger Mensch war. Aber nein, er strafte

mich besser ... schrecklich! Dem Mann, der die Kalekuten zu hüten

hatte, liess er befehlen, fortan einen anderen Weg zu wählen. Und

mein Epigramm ... ach, das ist noch ärger! Er sagte nichts, und er

that nichts! Sehen Sie, das war grausam! Er gönnte mir nicht den

mindesten Märtyrerschein, mir wurde nicht die Beachtung zu teil, wie

sie Verfolgung erweckt, ich sollte nicht unglücklich werden durch meine

ausschweifende Witzigkeit! O, Duclari ... o, Verbrugge ... es war, um

ein für alle mal einen Ekel zu haben vor Epigrammen und Truthähnen! So

wenig Ermutigung löscht die Flamme des Genies aus bis auf den letzten

Funken ... und den inklusive: ich hab's nie wieder gethan!

Max Havelaar · 第 33 / 109 题