ELFTES KAPITEL.

»Es war man, dass ich sagen wollte«--um mit Abraham Blankaart zu

reden--dass ich dieses Kapitel als »essentiell« betrachte, weil wir

darin nach meiner Meinung Havelaar noch besser kennen lernen, und er

scheint nun doch einmal der Held der Geschichte zu sein.

--Tine, was sind das für Gurken? Liebes Kind, mache niemals Essig an

Früchte! Gurken mit Salz, Ananas mit Salz, Pompelmuscitrone mit Salz,

alles, was aus der Erde kommt, mit Salz. Essig an Fisch und an Fleisch

... es steht was darüber im 'Liebig' ...

--Bester Max, fragte Tine lachend, was denkst du denn, wie lange wir

hier sind? Diese Gurken sind von Mevrouw Slotering.

Und Havelaar hatte Mühe, sich zu erinnern, dass er erst gestern hier

angekommen war und dass Tine mit dem besten Willen noch nichts hätte

herrichten können in Küche oder Haushalt. Er selbst war schon lange in

Rangkas-Betung! Hatte er nicht die ganze Nacht zugebracht mit Lesen

im Archiv, und war nicht schon allzuviel durch seine Seele gegangen,

das mit Lebak in Verbindung stand, als dass er sich so schnell daran

erinnern konnte, dass er erst seit gestern hier war? Tine begriff

dies wohl: sie begriff ihn stets!

--Ach ja, das ist wahr, sagte er, aber trotzdem musst du mal was von

Liebig lesen. Verbrugge, haben Sie viel von Liebig gelesen?

--Wer ist das? fragte Verbrugge.

--Das ist jemand, der viel über das Einlegen von Gurken geschrieben

hat. Auch hat er entdeckt, wie man Gras in Wolle verwandelt ... Sie

verstehen doch?

--Nein, sagten Verbrugge und Duclari zugleich.

--Nun, die Sache selbst war doch immer bekannt: Treiben Sie ein Schaf

auf die Weide ... und Sie werden sehen! Doch er hat die Art und Weise

erforscht, wie das geschieht. Andere Gelehrte sagen wieder, dass er

wenig davon wisse. Nun ist man daran, nach Mitteln zu suchen, um das

ganze Schaf bei der Herstellung überschlagen zu können ... o, diese

Gelehrten! Molière kannte sie wohl ... ich schätze Molière nach mancher

Richtung. Wenn Sie wollen, werden wir ein paarmal in der Woche uns

zu Leseabenden vereinigen. Tine macht auch mit, wenn Max zu Bett ist.

Duclari und Verbrugge gefiel dies. Havelaar sagte, dass er nicht

viele Bücher besässe, aber darunter wären doch Schiller, Goethe,

Heine, Vondel, Lamartine, Thiers, Say, Malthus, Scialoja, Smith,

Shakespeare, Byron ...

Verbrugge sagte, dass er nicht Englisch lese.

--Aber, zum Teufel, Sie sind doch über die Dreissig! Was haben Sie

denn all die Zeit über getrieben? Das muss doch sehr beschwerlich für

Sie auf Padang gewesen sein, wo soviel Englisch gesprochen wird. Haben

Sie Miss Mata-api gekannt?

--Nein, ich kenne den Namen nicht.

--Ihr Name war das auch nicht. Sie nannten sie Miss Mata-api--d. h.:

»Jungfer Feuerauge«--weil ihre Augen so sprühten. Das war aber 43. Sie

wird nun wohl verheiratet sein ... es ist schon so lange her! Niemals

habe ich so etwas gesehen ... ja doch, in Arles ... da müssen Sie mal

hingehen! Das ist das Schönste, was ich gefunden habe auf all meinen

Reisen. Es giebt nichts auf der Welt, dünkt mich, das Ihnen so klar die

Schönheit in abstracto darstellt ... als sichtbares Bild des Wahren,

des Unstofflich-Reinen ... als eine schöne Frau. Glauben Sie mir,

gehen Sie mal hin nach Arles und Nîmes ...

Duclari, Verbrugge und--ich muss es zugeben--auch Tine konnten ein

lautes Lachen nicht unterdrücken bei dem Gedanken, so auf einmal von

der Westecke Javas hinüberzuspringen nach Arles oder Nîmes im Süden

von Frankreich. Havelaar, der wahrscheinlich in seiner Phantasie auf

dem Turme stand, der von den Sarazenen auf dem Kreisbau um die Arena

von Arles errichtet ist, musste sich einigermassen anstrengen, bis

er den Grund dieser Heiterkeit heraus hatte, und darauf fuhr er fort:

--Nun ja, ich meine ... wenn Sie da mal in die Gegend kommen. So etwas

bin ich niemals irgendwo wieder begegnet. Ich war an Enttäuschungen

gewöhnt beim Anschauen alles dessen, was so sehr in den Himmel

erhoben wird. Sehen Sie sich zum Beispiel die Wasserfälle an, von

denen man so viel spricht und schreibt. Was mich betrifft, ich habe

wenig oder nichts empfunden zu Tondano, zu Maros, zu Schaffhausen,

am Niagara. Man muss die Nase in seinen Baedeker stecken, um dabei

das vorgeschriebene Mass von Bewunderung über »soundsoviel Fuss Fall«

und »soundsoviel Kubikfuss Wasser in der Minute« bei der Hand zu

haben, und wenn dann die Ziffern hoch sind, muss man »Donnerwetter!«

sagen. Ich werde mir niemals wieder Wasserfälle ansehen, wenigstens

nicht, wenn ich deshalb einen Umweg machen soll. Diese Dinge sagen

mir nichts! Bauwerke sprechen mir eine gewaltige Sprache, besonders,

wenn es Blätter aus der Geschichte sind. Doch hier spricht eine

Empfindung ganz anderer Art mit! Man ruft die Vergangenheit wach und

lässt die Schatten des Dahingegangenen Revue passieren. Darunter sind

sehr abscheuliche, und man findet also, wie interessevoll das manchmal

auch sein mag, bei seinen Wahrnehmungen nicht immer Befriedigung

für das Schönheitsgefühl--ungemischte wenigstens niemals! Und ohne

Herbeirufung der Geschichte ist wohl viel Schönes an manchen Bauwerken,

aber es wird gewöhnlich verdorben durch Führer--von Papier, von

Fleisch und Bein ... es kommt auf eins heraus!--Führer, die euch den

Eindruck rauben durch ihr eintöniges: »diese Kapelle ist errichtet

vom Bischof von Münster im Jahre 1423 ... die Säulen sind 63 Fuss

hoch und ruhen auf ... ich weiss nicht was, und es kommt mir auch

gar nicht darauf an. Das Gebabbel langweilt einen, denn man fühlt,

dass man dann genau dreiundsechzig Fuss Bewunderung bereit halten

muss, wenn man nicht in mancher Augen als Vandale gelten will oder

als Geschäftsreisender ... ach, ist das eine Rasse!

--Die Vandalen?

--Nein, die andern. Nun könnte man sagen: so behalte deinen Führer

im Sack, wenn er gedruckt ist, und lass ihn draussen stehen oder

schweigen im andern Fall! Doch abgesehen davon, dass man, um zu einem

einigermassen richtigen Urteil zu gelangen, wirklich manchmal der

Erläuterung bedarf, man würde, könnte man auch immer die Erläuterung

entbehren, doch vergeblich im Gebäude an sich etwas suchen, das länger

als einen sehr kurzen Augenblick unser Verlangen nach dem Schönen

beantwortet, weil es keine Bewegung zeigt. Dies gilt, glaube ich, auch

für Werke der Skulptur und der Malerei. Natur ist Bewegung. Wachstum,

Hunger, Denken, Fühlen ist Bewegung ... Stillstand ist der Tod! Ohne

Bewegung kein Schmerz, kein Gefühl, kein Empfinden! Versuchen Sie

einmal, dazusitzen ohne sich zu rühren, Sie werden sehen, wie schnell

Sie einen gespenstischen Eindruck auf jeden andern machen und selbst

auf Ihre eigene Vorstellung. Beim schönsten Tableau-vivant verlangt

man sehr schnell nach einer folgenden Nummer, wie herrlich auch der

Eindruck zu Anfang war. Da nun unsere Schönheitssucht mit einem Blick

auf das Schöne nicht befriedigt ist, sondern das Bedürfnis nach einer

sich anschliessenden Reihe von Augengenüssen fühlt, das Verlangen nach

der Bewegung des Schönen, so macht sich ein Unbefriedigtsein fühlbar

beim Anschauen dieser Art von Kunstwerken, und darum behaupte ich,

dass eine schöne Frau--wenn es keine äusserliche Porträtschönheit

ist, die ohne Bewegung ist--dem Ideal des Göttlichen am nächsten

kommt. Wie gross das Bedürfnis nach der Bewegung ist, von der ich

spreche, kann man einigermassen nach dem Ekel ermessen, den eine

Tänzerin, sei es selbst die Elssler oder die Taglioni, verursacht,

wenn sie nach Beendigung eines Tanzes auf dem linken Bein steht und

dem Publikum zugrinst.

--Das gilt hier nicht, sagte Verbrugge, denn das ist absolut hässlich.

--Das finde ich auch. Aber sie giebt es doch als schön und als

Klimax auf all das Vorhergehende, worin wirklich viel Schönes gewesen

sein kann. Sie giebt es als die Pointe des Epigramms, als das »aux

armes!« der Marseillaise, die sie mit ihren Füssen sang, als das

Rauschen der Weiden auf dem Grabe der soeben besprungenen Liebe. O,

schauderhaft! Und dass auch die Zuschauer, die gewöhnlich--wie mehr

oder minder wir alle--ihren Geschmack auf Gewohnheit und Nachahmung

gründen, diesen Moment als den packendsten aufnehmen, ist daraus zu

ersehen, dass man just dann in tosenden Beifall ausbricht, wie wenn

man zu erkennen geben wollte: all das Vorhergehende war auch wohl

schön, aber nun kann ich es wahrhaftig nicht länger aushalten vor

Bewunderung! Sie sagten, dass diese Schlusspose absolut hässlich

sei--ich sag's ja auch!--doch woher kommt dies? Weil die Bewegung

aufhielt und damit die Geschichte, die die Tänzerin erzählte. Glauben

Sie mir: Stillstand ist der Tod!

--Aber, warf Duclari ein, Sie haben auch die Wasserfälle verworfen

als Ausdruck des Schönen. Wasserfälle haben doch Bewegung!

--Ja, aber ... ohne Geschichte! Sie bewegen sich, doch kommen nicht

von der Stelle. Sie bewegen sich wie ein Schaukelpferd, doch noch

minus dem »va et vient«. Sie machen Geräusch, doch sprechen nicht. Sie

rufen: hrru ... hrru ... hrru, und niemals etwas anderes: Rufen Sie

mal sechstausend Jahre oder länger: hrru, hrru ... und sehen Sie zu,

wie wenige Sie für einen unterhaltenden Menschen ansehen werden.

--Ich will keinen Versuch machen, sagte Duclari, aber ich bin doch noch

nicht mit Ihnen eins darin, dass die von Ihnen geforderte Bewegung so

durchaus notwendig sein soll. Ich schenke Ihnen nun die Wasserfälle,

aber ein gutes Gemälde, dünkt mich, kann doch viel ausdrücken.

--O gewiss, aber nur für einen Augenblick. Ich will versuchen,

meine Meinung durch ein Beispiel klar zu machen. Es ist heute der

18. Februar ...

--O nein, sagte Verbrugge, wir haben noch Januar ...

--Nein, nein, es ist heute der 18. Februar 1587, und Sie sind im

Kastell Fotheringhay eingeschlossen ...

--Ich? fragte Duclari, der nicht recht verstanden zu haben glaubte.

--Ja, Sie. Sie langweilen sich und suchen Zerstreuung. Da in der Mauer

ist eine Öffnung, doch sie ist zu hoch, um hindurchsehen zu können,

und das wollen Sie doch. Sie setzen Ihren Tisch davor und darauf einen

Stuhl mit drei Beinen, von denen das eine etwas schwach ist. Sie sahen

auf der Kirmess mal einen Akrobaten, der sieben Stühle aufeinander

stellte und sich selbst darauf, mit dem Kopf nach unten. Wahnwitz und

Langeweile verleiten Sie nun, ähnlich zu thun. Sie erklimmen etwas

unsicher den Stuhl ... erreichen das erwünschte Ziel ... werfen einen

Blick durch die Öffnung und rufen: o Gott! Und Sie fallen! Wissen

Sie mir nun zu sagen, warum Sie »o Gott!« riefen und gefallen sind?

--Ich denke mir, dass das dritte Bein von dem Stuhl brach, sagte

Verbrugge belehrend.

--Nun ja, das Bein brach vielleicht, aber nicht darum sind Sie

gefallen. Vor jeder anderen Öffnung hätten Sie es ein Jahr lang auf

diesem Stuhl ausgehalten, und nun mussten Sie fallen, und wären auch

dreizehn Beine unter dem Stuhl gewesen, ja, und hätten Sie auf dem

Boden gestanden.

--Nun, meinetwegen, sagte Duclari. Ich sehe, dass Sie sich absolut

in den Kopf gesetzt haben, mich fallen zu lassen, koste es, was es

wolle. Ich liege da nun so lang ich bin ... doch ich weiss wahrhaftig

nicht, warum!

--I, das ist doch sehr einfach! Sie sahen da eine Frau, schwarz

gekleidet, vor einem Blocke knieend. Sie beugte das Haupt, und weiss

wie Silber war der Hals, der sich vom schwarzen Sammet abhob. Und

ein Mann mit einem grossen Schwert stand da, und er hielt es hoch,

und sein Blick war auf den weissen Hals geheftet, und er suchte den

Bogen, den sein Schwert beschreiben sollte, um da ... da, zwischen

diesen Wirbeln hin, hindurchgetrieben zu werden mit Genauigkeit

und Kraft ... und da fielen Sie, Duclari. Sie fielen, weil Sie das

alles sahen, und darum riefen Sie: o Gott! Keineswegs, weil nur drei

Beine unter Ihrem Stuhl waren. Und lange nachdem Sie aus Fotheringhay

befreit waren--auf Fürsprache ihres Vetters, denke ich, oder weil es

den Menschen langweilig wurde, Ihnen da länger unverpflichtet Kost zu

gewähren wie einem Kanarienvogel--lange nachher, ja, bis heute noch

träumen Sie wachend von dieser Frau, und im Schlafe selbst schrecken

Sie auf und fallen mit schwerem Fall nieder auf Ihre Lagerstätte,

weil Sie den Arm des Henkers packen wollen. Ist das nicht wahr?

--Ich will's schon glauben, aber sicher kann ich es wahrhaftig nicht

sagen, weil ich niemals zu Fotheringhay durch ein Loch in der Mauer

geguckt habe.

--Gut, gut, ich auch nicht. Aber nun nehme ich ein Gemälde,

das die Enthauptung der Maria Stuart darstellt. Nehmen wir an,

dass die Darstellung vollkommen ist. Da hängt es, in vergoldetem

Rahmen, an einer roten Schnur, wenn Sie wollen ... ich weiss,

was Sie sagen wollen, gut! Nein, nein, Sie sehen den Rahmen

nicht, Sie vergessen sogar, dass Sie Ihren Stock am Eingang der

Galerie abgegeben haben ... Sie vergessen Ihren Namen, Ihr Kind,

die Kommissmütze neuen Modells, und also alles, um nicht ein Gemälde

in dem Geschauten zu sehen, sondern wirklich Maria Stuart: ganz

genau wie zu Fotheringhay. Der Henker steht vollkommen so, wie er

wirklich gestanden haben muss, ja, ich will so weit gehen, Sie den

Arm ausstrecken zu lassen, um den Schlag abzuwehren! So weit, Sie

rufen zu lassen: »Lass die Frau leben, vielleicht bessert sie sich!«

Sie sehen, ich gebe Ihnen vollkommen freies Spiel, was die Ausführung

des Gemäldes betrifft ...

--Ja, aber was dann weiter? Ist denn der Eindruck nicht ebenso packend,

als wie ich dasselbe in Wirklichkeit zu Fotheringhay sah?

--Nein, durchaus nicht, und wohl darum, weil Sie nicht auf einen Stuhl

mit drei Beinen geklettert waren. Sie nehmen einen Stuhl--mit vier

Beinen diesmal, und am liebsten einen Fauteuil--Sie setzen sich vor

dem Gemälde nieder, um gut und lange zu geniessen--wir »geniessen«

nun einmal beim Anschauen von etwas Grausigem--und, was meinen Sie,

welchen Eindruck das Gemälde auf Sie macht?

--Nun, Schreck, Angst, Mitleid, Rührung--genau so wie damals, als

ich durch die Öffnung in der Mauer guckte. Wir haben angenommen, dass

das Gemälde ein vollkommenes sei, ich muss also davon ganz denselben

Eindruck haben wie von der Wirklichkeit.

--Nein, innerhalb zwei Minuten fühlen Sie Schmerz in Ihrem rechten

Arm, aus Mitgefühl für den Henker, der so lange das schwere Stück

Stahl unbeweglich in die Höhe halten muss.

--Mitgefühl für den Henker?

--Ja! Mitleidenschaft, Gleichgefühl, verstehen Sie? Und zugleich mit

der Frau, die da so lange in unbequemer Haltung und wahrscheinlich

in unangenehmer Stimmung vor dem Blocke liegt. Sie haben noch immer

Mitleid mit ihr, aber diesmal nicht, weil sie enthauptet werden soll,

sondern weil man sie so lange warten lässt, ehe sie enthauptet wird,

und wenn Sie noch etwas zu sagen oder zu rufen hätten, so würde es

schliesslich--angenommen, dass Sie sich veranlasst fühlen, sich mit der

Sache zu befassen--nichts anderes sein als: »Schlag' doch in Gottes

Namen zu, Mann, das Geschöpf wartet drauf!« Und wenn Sie später das

Gemälde wiedersehen und mehrfach wiedersehen, so ist gar schon der

erste Eindruck: »Ist die Geschichte noch nicht vorbei? Steht er und

liegt sie da noch?«

--Aber was ist denn für eine Bewegung in der Schönheit der Frauen in

Arles? fragte Verbrugge.

--O, das ist etwas anderes! Sie spielen eine Geschichte aus in ihren

Zügen. Karthago blüht und baut Schiffe auf ihrer Stirn ... höret den

Hannibalsschwur gegen Rom ... da flechten sie Sehnen für die Bogen

... da brennt die Stadt ...

--Max, Max, ich glaube wahrhaftig, dass du da in Arles dein Herz

verloren hast, neckte Tine.

--Ja, für einen Augenblick ... doch ich fand es wieder: ihr werdet

es hören. Stellt euch vor ... ich sage nicht: da habe ich ein Weib

gesehen, das so oder so schön war, nein: alle waren sie schön, und

es war unmöglich, da sich Hals über Kopf zu verlieben, weil jede

folgende Frau die vorige aus der Bewunderung verdrängte, und ich

dachte dabei wahrhaftig an Caligula oder Tiberius--von wem erzählt

man doch diese Fabel?--der dem ganzen menschlichen Geschlecht nur ein

Haupt wünschte. So nämlich stieg unwillkürlich der Wunsch in mir auf,

dass die Frauen zu Arles ...

--Nur ein Haupt hätten alle miteinander?

--Ja ...

--Um es abzuschlagen?

--O nein! Um ... es zu küssen auf die Stirn, wollte ich sagen,

aber das ist es nicht! Nein, um unverwandt daraufhin zu schauen,

und davon zu träumen, und um ... gut zu sein!

Duclari und Verbrugge fanden wahrscheinlich diesen Schluss wieder

besonders eigentümlich. Aber Max bemerkte ihre Verwunderung nicht

und fuhr fort:

--Denn so edel waren die Züge, dass man etwas wie Scham fühlte,

nur ein Mensch zu sein und nicht ein Funke ... ein Strahl--nein, das

wäre stofflich!... ein Gedanke! Aber ... dann sass da plötzlich ein

Bruder oder ein Vater neben diesen Frauen, und ... Gott bewahre mich,

ich habe eine gesehen, die sich schnäuzte.

--Ich wusste wohl, dass du wieder einen schwarzen Strich darüber

ziehen würdest, sagte Tine verdriesslich.

--Kann ich dafür? Ich hätte sie lieber tot umfallen sehen! Soll so

ein Mädchen sich profanieren?

--Aber, Mynheer Havelaar, wenn sie nun einmal den Schnupfen hat?

--Nein, sie durfte keinen Schnupfen haben mit solch einer Nase!

--Ja, aber ...

Als wenn der Teufel sein Spiel triebe: auf einmal musste Tine niesen

... und ehe sie daran dachte, hatte sie ihre Nase geputzt!

--Lieber Max, willst du nicht böse drum sein? fragte sie mit

verhaltenem Lachen.

Er antwortete nicht. Und, wie närrisch es auch scheint oder wirklich

ist ... ja, er war wirklich böse deshalb! Und was auch sonderbar

klingt: Tine war erfreut darüber, dass er böse war und von ihr

erheischte, dass sie mehr sei als die phönizischen Frauen zu Arles,

hatte sie auch immerhin keinen Grund, stolz auf ihre Nase zu sein.

Wenn Duclari noch meinte, dass Havelaar »verrückt« sei, hätte man

es ihm nicht übel deuten können, wenn er sich in dieser Meinung

bestärkt fühlte bei der Wahrnehmung der kurzen Verstörtheit, die, nach

dem Naseschnauben und wegen desselben, auf Havelaars Gesicht einen

Augenblick zu lesen war. Aber dieser war von Karthago zurückgekehrt,

und er las--mit der Schnelligkeit, mit der er lesen konnte, wenn er

nicht zu weit von Hause war mit seinem Geiste--auf den Gesichtern

seiner Gäste, dass sie die beiden folgenden Thesen aufstellten:

1) Wer nicht will, dass seine Frau sich die Nase putzt, ist

verrückt.

2) Wer glaubt, dass eine in schönen Linien gezeichnete Nase

nicht geputzt werden braucht, thut verkehrt, diesen Glauben auf

Mevrouw Havelaar anzuwenden, deren Nase sich ein bisschen der

Kartoffel nähert.

Die erste These liess Havelaar auf sich beruhen, aber ... die

zweite!

--O, rief er, als ob er zu antworten hätte, obschon seine Gäste so

höflich gewesen waren, ihre Thesen nicht auszusprechen--das will ich

Ihnen erklären. Tine ist ...

--Bester Max! sagte sie flehend.

Das bedeutete: »Erzähle doch nicht den Herren, warum ich in deiner

Schätzung erhaben sein müsste über Erkältung!«

Havelaar schien zu verstehen, was Tine meinte, denn er antwortete:

--Gut, Kind!--Aber wissen Sie denn auch, meine Herren, dass man sich

manchmal täuscht in dem Urteil über die Rechte mancher Menschen auf

stoffliche Unvollkommenheit?

Sicherlich hatten die Gäste niemals was von diesen Rechten gehört.

--Ich habe auf Sumatra ein Mädchen gekannt, fuhr er fort, die

Tochter eines Datu. Nun, ich bin der Ansicht, dass sie auf diese

Unvollkommenheit kein Recht hatte. Und doch habe ich sie ins Wasser

fallen sehen bei einem Schiffbruch ... genau wie eine andere. Ich,

ein Mann, habe ihr helfen müssen, dass sie wieder an Land kam.

--Aber ... hätte sie denn fliegen sollen wie eine Möwe?

--Freilich, oder ... nein, sie hätte keinen Körper haben sollen. Soll

ich Ihnen erzählen, wie ich mit ihr bekannt wurde? Es war '42. Ich

war Kontrolleur von Natal ... sind Sie dagewesen, Verbrugge?

--Ja.

--Nun, dann wissen Sie, dass Pfefferkultur im Natalschen betrieben

wird. Die Pfeffergärten liegen bei Taloh-Baleh, nördlich von Natal

an der Küste. Ich musste sie inspizieren, und da ich keine Ahnung von

Pfeffer hatte, nahm ich auf meiner Segelprauw einen Datu mit, der mehr

davon verstand. Sein Töchterchen, damals ein Kind von dreizehn Jahren,

ging mit. Wir segelten die Küste entlang und langweilten uns ...

--Und da haben Sie Schiffbruch gelitten?

--O nein, es war schönes Wetter, allzu schön. Der Schiffbruch, auf den

Sie hinaus wollen, passierte viel später. Sonst würde ich mich nicht

gelangweilt haben. So segelten wir die Küste entlang, und es war eine

Bärenhitze. So eine Prauw bietet wenig Gelegenheit, sich irgendwie

zu beschäftigen, und dazu war ich gerade in einer verdriesslichen

Stimmung, wozu viele Ursachen das ihrige beitrugen. Ich hatte, primo,

eine unglückliche Liebe, zum zweiten eine ... unglückliche Liebe, zum

dritten ... nun ja, noch etwas von der Art, u. s. w. Ach, das gehört so

zum Leben. Aber obendrein befand ich mich auf einer Station zwischen

zwei Anfällen von Ehrgeiz. Ich hatte mich zum König aufgeworfen

und war wieder entthront. Ich war auf einen Turm geklommen und war

wieder heruntergefallen ... ich will jetzt nur überschlagen, wie das

kam! Genug, ich sass da in der Prauw mit saurem Gesicht und schlechtem

Humor und war, was die Deutschen nennen: »ungeniessbar«. Ich fand unter

anderm, dass es keine Sache sei, mich Pfeffergärten inspizieren zu

lassen, und dass ich längst als Gouverneur eines Sonnensystems hätte

angestellt werden müssen. Hierbei kam es mir vor wie ein moralischer

Mord, dass man einen Geist wie den meinen in eine Prauw setzte mit

diesem dummen Datu und seinem Kind.

Ich muss Ihnen sagen, dass ich sonst die malayischen Häuptlinge wohl

leiden mochte und gut mit ihnen auszukommen wusste. Sie besitzen sogar

vieles, das sie mich vorziehen lässt vor den javanischen Grossen. Ja,

ich weiss wohl, Verbrugge, dass Sie darin nicht einer Meinung mit

mir sind, es giebt nur wenige, die mir hier zustimmen ... aber das

lasse ich nun auf sich beruhen.

Wenn ich die kleine Reise an einem andern Tage gemacht hätte--mit etwas

weniger Spinneweben im Schädel, meine ich--würde ich wahrscheinlich

sogleich mit dem Datu ein Gespräch angefangen haben, und vielleicht

hätte ich dann auch das Mädchen zum Sprechen gebracht, und das hätte

mich dann gewiss gut unterhalten und ergötzt, denn ein Kind hat

meistens etwas ursprüngliches ... obschon ich bekennen muss, dass ich

selbst damals noch zuviel Kind war, um den Wert der Ursprünglichkeit

recht schätzen zu können. Jetzt ist das anders. Nun sehe ich in

jedem Mädchen von dreizehn Jahren ein Manuskript, in dem noch wenig

oder nichts durchstrichen ist. Man überrascht den Autor en négligé,

und das ist manchmal eine recht interessante Sache.

Das Kind reihte Korallen auf eine Schnur und schien all seine

Aufmerksamkeit dabei nötig zu haben. Drei rote, eine schwarze ... drei

rote, eine schwarze: es war schön!

Sie hiess Si Upi Keteh. Das bedeutet auf Sumatra soviel wie: Kleines

Fräulein ... ja, Verbrugge, Sie wissen das wohl, aber Duclari hat

immer auf Java gedient. Sie hiess Si Upi Keteh, doch in meinen

Gedanken nannte ich sie »Gänschen« oder so ähnlich, weil ich nach

meiner Schätzung so himmelhoch über sie erhaben war.

Es wurde Mittag ... Abend beinahe, und die Korallen wurden

eingepackt. Das Land schob sich langsam an uns vorbei, und kleiner

und kleiner wurde der Berg Ophir hinter uns. Links im Westen, über

der weiten, weiten See, die keine Grenze hat bis wo Madagaskar liegt

und Afrika dahinter, senkte sich die Sonne und liess ihre Strahlen

in stetig stumpfer werdender Beugung über die Wogen hüpfen, und sie

suchte Kühlung in der See. Wie, zum Teufel, war doch gleich das Ding?

--Was für ein Ding? Die Sonne?

--Ach, nein ... ich machte Verse in den Tagen! O, entzückend! Hören

Sie einmal an:

Du fragst, warum der Ocean,

Der Natals Strand bespült,

An andern Küsten lieb und hold,

So ungestüm hier braust und grollt

Und ewig kocht und wühlt?

Du fragst--und kaum erhört im Kahn

Der Fischerknabe dich,

So blitzt sein dunkler Augenstern

Hinüber unermesslich fern,

Und westwärts weist er dich.

Und westwärts bohrt er seinen Blick

Ins Unermessene hinein,

Und zeigt dir, bis ans Firmament,

Nur Wasser, Wasser ohne End'

Und See und See allein!

Und darum peitscht der Ocean

So wild den Ufersand:

Nur See erblickst du weit umher

Und Wasser, Wasser immermehr,

Bis Madagaskars Strand!

Und manches Opfer heischte schon

Der Ocean empört,

Und manchen Schrei, erstickt im Meer,

Ihn hörten Weib und Kind nicht mehr,

Nur Gott hat ihn erhört!

Und manche Hand, in letzter Angst,

Erhob sich aus dem Grab,

Und fühlt' und griff und sucht' ohn' End',

Und suchte, dass sie Stütze fänd',

Und sank zuletzt hinab.

Und ...

Und ... und ... ich weiss den Rest nicht mehr.

--Der ist wiederzufinden, indem man an Krygsman schreibt, Ihren Clerk

zu Natal. Der hat das Übrige, sagte Verbrugge.

--Wie kommt der daran? fragte Max.

--Vielleicht aus Ihrem Papierkorb. Doch gewiss ist, dass er das

Fehlende hat! Folgt nicht darauf die Legende von der ersten Sünde,

die die Insel ins Meer sinken liess, durch die früher die Reede von

Natal geschützt wurde? Die Geschichte von Djiwa mit den beiden Brüdern?

--Ja, das ist wahr. Diese Legende ... war keine Legende. Es war eine

Parabel, die ich machte, und die vielleicht über ein paar Jahrhunderte

Legende werden wird, wenn Krygsman das Ding reichlich herleiert. So

begannen alle Mythologien. »Djiwa« ist »Seele«, wie Sie wissen; Seele,

Geist oder so etwas. Ich machte eine Frau daraus, die unvermeidliche,

nichtsnutzige Eva ...

--Nun, Max, wo bleibt unser kleines Fräulein mit seinen

Korallen? fragte Tine.

--Die Korallen waren eingepackt. Es war sechs Uhr, und da unter

dem Äquator--Natal liegt um wenige Minuten nach Norden: wenn ich

über Land nach Ayer-Bangie ging, stapfte ich zu Pferde über ihn hin

... man konnte wahrhaftig drüber stolpern!--da unter dem Äquator

war sechs Uhr das Signal für Abendgedanken. Nun finde ich, dass der

Mensch des Abends immer etwas besser ist--oder richtiger: weniger

nichtsnutzig--als des Morgens, und das ist ganz natürlich. Morgens

»nimmt man sich zusammen«, man ist Gerichtsdiener oder Kontrolleur oder

... nein, das genügt schon! Ein Gerichtsdiener »nimmt sich zusammen«,

dass er nun heute mal recht schön seine Pflicht thue ... Gott, was

für eine Pflicht! Wie mag das »zusammengenommene« Herz aussehen! Ein

Kontrolleur--ich sage das nicht für Sie, Verbrugge!--ein Kontrolleur

reibt sich die Augen aus und sieht verdriesslich dem Moment entgegen,

wo er dem neuen Assistent-Residenten begegnen soll, der bei seinen paar

Jahren mehr Dienstzeit ein lächerliches Übergewicht annehmen will,

und von dem er so viel Sonderbares gehört hat ... auf Sumatra. Oder

er muss den Tag Felder vermessen und steht in Zweifelsnöten zwischen

seiner Ehrlichkeit--Sie wissen das nicht so, Duclari, weil Sie Militär

sind, aber es giebt wirklich ehrliche Kontrolleure!--dann steht er

da, hin und her schwankend zwischen der Ehrlichkeit und der Furcht,

dass Radhen Dhemang Soundso von ihm den Schimmel zurückerbitten werde,

der so guten Passgang hat. Oder auch, er muss den Tag mannhaft »ja«

oder »nein« sagen auf Kabinettsschreiben No. soundsoviel. Kurz,

des Morgens beim Erwachen fällt einem die Welt aufs Herz, und daran

hat es seine Last, selbst wenn es stark ist. Aber des Abends hat

man eine Pause. Es liegen zehn volle Stunden zwischen dem Jetzt und

dem Augenblick, da man seinen Dienstrock wiedersieht. Zehn Stunden:

sechsunddreissigtausend Sekunden, um Mensch zu sein! Das ist jedem

ein Wohlgefallen. Das ist der Augenblick, da ich zu sterben hoffe,

um jenseits anzukommen mit einem inoffiziellen Gesicht. Das ist der

Augenblick, wo deine Frau in deinem Gesicht etwas wiederfindet von

dem, was sie gefangen nahm, als sie dich das Taschentuch behalten

liess mit einem gekrönten E [3] in der Ecke ...

--Und wo sie noch nicht das Recht hatte, erkältet zu sein, sagte Tine.

--Ach, necke mich nicht! Ich will nur sagen, dass man des Abends

»gemütlicher« ist.

Als also die Sonne allmählich verschwand, fuhr Havelaar fort, wurde

ich ein besserer Mensch. Und als erstes Anzeichen dieser Besserung

möge gelten, dass ich zu dem kleinen Fräulein sagte:

»Es wird nun kühler werden.«

»Ja, Tuwan!« antwortete sie.

Doch ich beugte meine Hoheit noch tiefer zu diesem »Gänschen« nieder

und fing ein Gespräch mit ihr an. Mein Verdienst war um so grösser,

als sie sehr wenig antwortete. Ich hatte recht in allem, was ich sagte

... was ebenfalls verflucht langweilig wird, und mag man noch so ein

eingebildeter Kerl sein.

»Würdest du das nächste Mal gern wieder mitgehen nach Taloh-Baleh?«

fragte ich.

»Wie es Tuwan-Kommandeur befiehlt.«

»Nein, ich frage dich, ob du so eine Reise angenehm findest!«

»Wenn mein Vater nichts dagegen hat«, antwortete sie.

Sagen Sie, meine Herren, war es nicht, um toll zu werden? Gleichwohl,

ich wurde nicht toll. Die Sonne war hinunter, und ich war gemütlich

genug aufgelegt, um noch nicht abgeschreckt zu werden durch soviel

Dummheit. Oder besser, ich glaube, dass ich schliesslich Gefallen

daran fand, meine Stimme zu hören--es giebt wenige unter uns, die

nicht gern sich selbst zuhörten--allein nach meiner Stummheit den

ganzen Tag über glaubte ich, nun ich endlich ins Reden gekommen war,

etwas Besseres verdient zu haben, als die allzu einfältigen Antworten

von Si Upi Keteh.

Ich werde ihr ein Märchen erzählen, dachte ich, dann höre ich mich

selbst gleichzeitig und ich habe ihre Antworten nicht nötig. Nun

wissen Sie doch, dass, ebenso wie beim Löschen eines Schiffes das

zuletzt verladene Gut zuerst wieder zum Vorschein kommt, ebenso auch

wir gewöhnlich den Gedanken oder die Erzählung löschen, die zuletzt

verladen ist. In der »Zeitschrift für Niederländisch-Indien« hatte

ich kurz vorher eine Erzählung von Jeronimus gelesen: »Der Japanische

Steinhauer« ... Ach, nun erinnere ich mich auf einmal, wie ich soeben

irrtümlicherweise an das Lied geraten bin, worin des Fischerknaben

Blick aus »dunklem Augenstern« sich wohl gar bis zum Schielendwerden

nach einer Richtung »westwärts bohrt« ... zu kurios! Das war eine

Gedankenverkettung. Meine Verstörtheit an diesem Tage stand in

Verbindung mit der Gefährlichkeit der Natalschen Küste ... Sie

wissen, Verbrugge, dass kein Kriegsschiff die Reede anlaufen darf,

vor allem nicht im Juli ... ja, Duclari, der Westmusson ist dort im

Juli am stärksten, gerade umgekehrt wie hier. Nun, das Gefährliche

an dieser Reede verknüpfte sich fest mit meinem gekränkten Ehrgeiz,

und dieser Ehrgeiz hängt wieder zusammen mit dem Liede über Djiwa. Ich

hatte dem Residenten mehrfach den Vorschlag gemacht, zu Natal eine

Seewehr herstellen zu lassen oder mindestens einen Kunsthafen in der

Mündung des Flusses, mit der Absicht, den Handel in die Abteilung

Natal zu leiten, die die so bedeutsamen Battahlande mit der See

verbindet. Anderthalb Millionen Menschen im Binnenlande wussten

keinen Absatz für ihre Produkte, weil die Natalsche Reede--und zu

Recht!--in einem so schlechten Rufe stand. Gleichwohl, diesen Anträgen

wurde durch den Residenten nicht zugestimmt, oder wenigstens: er

behauptete, dass die Regierung ihnen nicht zustimmen würde, und Sie

wissen, dass ein ordentlicher Resident niemals etwas vorschlägt,

von dem er nicht vorher berechnen kann, es werde der Regierung

gefallen. Die Anlegung eines Hafens zu Natal widerstritt im Prinzip

dem herrschenden System der Abschliessung, und weit entfernt, dass

man Schiffe dahin lockte, war es selbst verboten--es sei denn, dass

force majeure im Spiele war--Rahschiffe in die Reede einlaufen zu

lassen. Wenn nun doch ein Schiff kam--es waren meist amerikanische

Walfischfänger oder Franzosen, die Pfeffer geladen hatten in den

unabhängigen Reichen der nördlichen Ecke Sumatras--liess ich mir

stets durch den Kapitän einen Brief schreiben, in dem er um die

Erlaubnis nachsuchte, Trinkwasser einzunehmen. Der Verdruss über das

Missglücken meiner Versuche, etwas zum Vorteile Natals zu bewirken,

oder besser die gekränkte Eitelkeit ... war es nicht hart für mich,

so wenig Bedeutung zu haben, dass ich nicht einmal einen Hafen machen

lassen konnte, wo ich wollte? ... nun, dies alles in Verbindung mit

meiner Kandidatur für die Leitung eines Sonnensystems hatte mich an dem

Tage so unliebenswürdig gemacht. Als ich durch den Untergang der Sonne

einigermassen genas--denn Unzufriedenheit ist eine Krankheit--brachte

mir just diese Krankheit den »Japanischen Steinhauer« in den Sinn,

und vielleicht dachte ich diese Geschichte nur darum überlaut,

um--indem ich mir selbst weismachte, ich thäte es aus Wohlwollen

für das Kind--verstohlenerweise den letzten Tropfen von dem Trank

einzunehmen, dessen ich mich bedürftig fühlte. Doch siehe, das Kind

schenkte mir Gesundheit--für einige Tage wenigstens--mehr jedenfalls

als meine Erzählung, die ungefähr also gelautet haben muss:

»Upi, es war einmal ein Mann, der Steine hieb aus dem Felsen. Seine

Arbeit war sehr schwer, und er arbeitete viel, doch sein Lohn war

gering, und zufrieden war er nicht.

Er seufzte, weil seine Arbeit schwer war. Und er rief: Ach, dass

ich reich wäre, um zu ruhen auf einer Baleh-baleh mit Klambu von

roter Seide.

Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du

gesagt hast.

Und er war reich. Und er ruhte auf einer Baleh-baleh, und die Klambu

war von roter Seide.

Und der König des Landes zog vorbei, mit Reitern vor seinem Wagen. Und

auch hinter dem Wagen waren Reiter, und man hielt den goldenen Pajong

über das Haupt des Königs.

Und da der reiche Mann dieses sah, verdross es ihn, dass kein goldener

Pajong über sein Haupt gehalten wurde. Und zufrieden war er nicht.

Er seufzte und rief: Ich wünschte, ich wäre König.

Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du

gesagt hast.

Und er war König. Und vor seinem Wagen her ritten viele Reiter, und

auch waren da Reiter hinter seinem Wagen, und über sein Haupt hielt

man den goldenen Pajong.

Und die Sonne schien mit heissen Strahlen und verbrannte das Erdreich,

sodass der Graswuchs verdorrte.

Und der König klagte, dass die Sonne ihm das Antlitz sengte und Macht

hatte über ihn. Und zufrieden war er nicht.

Und er seufzte und rief: Ich wünschte, ich wäre die Sonne.

Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du

gesagt hast.

Und er war die Sonne. Und er sandte seine Strahlen nach oben und

hernieder, nach der rechten Seite und nach der linken Seite und

überall umher.

Und er versengte den Graswuchs auf dem Erdreich und das Angesicht

der Fürsten, die auf Erden waren.

Und eine Wolke stellte sich zwischen die Erde und ihn, und die Strahlen

der Sonne prallten von ihr zurück.

Und er wurde zornig, dass seiner Macht widerstanden wurde, und

er klagte, dass die Wolke mächtig war über ihn. Und zufrieden war

er nicht.

Er wollte die Wolke sein, die so mächtig war.

Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du

gesagt hast.

Und er wurde eine Wolke und stellte sich auf zwischen Sonne und Erde

und fing die Sonne auf, also dass das Gras grün wurde.

Und die Wolke regnete in grossen Tropfen auf das Erdreich und liess

die Ströme schwellen, und Banjirs schwemmten die Herden hinweg.

Und er verwüstete durch viel Wasser das Feld.

Und er fiel nieder auf einen Fels, der nicht wich. Und er goss in

grossen Strömen, doch der Fels wich nicht.

Und er wurde zornig, dass der Fels nicht weichen wollte und die Stärke

seiner Ströme eitel war. Und zufrieden war er nicht.

Er rief: Diesem Felsen ist Macht gegeben über mir. Ich wünschte,

ich wäre dieser Fels.

Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du

gesagt hast.

Und er wurde Fels und rührte sich nicht, so die Sonne schien, und

nicht, so es regnete.

Und da kam ein Mann mit Hacke und mit spitzigem Meissel und mit

schwerem Hammer, der hieb Steine aus dem Felsen.

Und der Fels sagte: Was ist dies, dass dieser Mann Macht hat über

mir und Steine schlägt aus meinem Schosse? Und zufrieden war er nicht.

Er rief: Ich bin schwächer als dieser ... ich wünschte, ich wäre

dieser Mann.

Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du

gesagt hast.

Und er war ein Steinhauer. Und er hieb Steine aus dem Felsen, mit

schwerer Arbeit, und er arbeitete sehr schwer für wenig Lohn, und er

war zufrieden ...

--Recht fein, sagte Duclari, doch nun sind Sie uns noch den Beweis

schuldig, dass Ihre kleine Upi imponderabel hätte sein müssen.

--Nein, ich habe Ihnen diesen Beweis nicht versprochen! Ich habe

nur erzählen wollen, wie ich Bekanntschaft mit ihr machte. Als meine

Erzählung zu Ende war, fragte ich:

»Und du, Upi, was würdest du erwählen, so ein Engel aus dem Himmel

käme, dich zu fragen, was du begehrtest?«

»Wahrlich, Herr, ich würde ihn bitten, dass er mich mitnähme nach

dem Himmel.«

--Ist das nicht bezaubernd? fragte Tine ihre Gäste, die es vielleicht

ganz verrückt fanden ...

Havelaar stand auf und fegte sich etwas von der Stirn.

Max Havelaar · 第 32 / 109 题