ACHTES KAPITEL.

Havelaar hatte den Kontrolleur ersucht, die Häuptlinge, die in

Rangkas-Betung anwesend waren, zu veranlassen, dass sie noch bis

zum folgenden Tage dort verweilten, um der Sebah beizuwohnen, die

er belegen wollte. Solch eine Versammlung fand gewöhnlich einmal im

Monat statt, doch sei es, dass er einzelnen Häuptlingen, die etwas

weit vom Hauptplatze entfernt wohnten--denn die Abteilung Lebak ist

sehr ausgedehnt--das unnötige Hin- und Herreisen ersparen wollte, oder

sei es, dass es sein Wunsch war, sogleich und ohne den festgesetzten

Tag abzuwarten in feierlicher Weise zu ihnen zu sprechen ... er hatte

den ersten Sebah-Tag für den folgenden Tag angesetzt.

Links vor seiner Wohnung, doch auf demselben »Erbe« und gegenüber

dem Hause, das Mevrouw Slotering bewohnte, stand ein Gebäude,

das zum Teil die Bureaux der Assistent-Residentschaft enthielt,

wozu auch die Landeskasse gehörte, und zum andern Teil aus einer

ziemlich geräumigen, offenen Galerie bestand, die recht geeignet

war zur Abhaltung solch einer Versammlung. Dort waren denn auch den

folgenden Morgen die Häuptlinge frühzeitig vereinigt. Havelaar trat

ein, grüsste und nahm Platz. Er empfing die geschriebenen Monatlichen

Berichte über Landbau, Viehstand, Polizei und Gerichtspflege und

legte sie zu näherer Prüfung beiseite.

Jeder erwartete hierauf eine Ansprache gleich der, welche der Resident

am Tage zuvor gehalten hatte, und es ist nicht so ganz und gar sicher,

dass Havelaar selbst die Absicht hatte, etwas anderes zu sagen; doch

man musste ihn bei solchen Gelegenheiten gehört und gesehen haben,

um sich vorstellen zu können, wie er bei Ansprachen wie dieser sich

begeisterte und durch seine eigene Art zu reden den bekanntesten Dingen

eine neue Farbe verlieh, wie sich dann seine Haltung aufrichtete, wie

sein Blick Feuer sprühte, wie seine Stimme vom schmeichelnd-sanften

überging zu Lanzettenschärfe, wie die Bilder von seinen Lippen flossen,

als streue er Kleinodien um sich her, die ihn doch nichts kosteten,

und wie ihn, wenn er anhielt, jeder anstarrte mit offenem Munde,

als wolle er fragen: »Mein Gott, wer bist du?«

Es ist wahr, dass er selbst, der bei solchen Gelegenheiten sprach

wie ein Apostel, wie ein Seher, später nicht wusste, wie er

gesprochen hatte, und seine grosse Beredtheit hatte denn auch mehr

die Eigenschaft, Erstaunen hervorzurufen und zu packen, als durch

Bündigkeit der Beweisführung zu überzeugen. Er hätte die Kriegslust der

Athener, sobald der Krieg gegen Philippus beschlossen war, anfeuern

können bis zu vernichtender Raserei, doch nicht so gut wäre es ihm

wahrscheinlich, falls es seine Aufgabe war, gelungen, sie durch

logische Folgerungen zu diesem Kriege zu bewegen. Seine Ansprache

an die Häuptlinge von Lebak wurde natürlich in malayischer Sprache

gehalten, und sie entlehnte dem Umstande noch um so mehr Eigenart,

als die Einfachheit der orientalischen Sprachen vielen Ausdrücken eine

Kraft verleiht, die unseren Idiomen durch litterarische Gekünsteltheit

verloren gegangen ist, während auf der andern Seite wieder das

süssfliessende des Malayischen schwerlich in irgend einer anderen

Sprache wiederzugeben ist. Man bedenke überdies, dass die Mehrzahl

seiner Zuhörer aus einfältigen, doch keineswegs dummen Menschen

bestand, und zugleich, dass es Orientalen waren, deren Eindrücke sehr

verschieden sind von den unseren.

Havelaar muss ungefähr also gesprochen haben:

--Mynheer de Radhen Adhipatti, Regent von Bantan-Kidul, und Ihr,

Radhens Dhemang, die Ihr Häupter seid der Distrikte in dieser

Abteilung, und Ihr, Radhen Djaksa, der Ihr die Justiz zum Amte habt,

und auch Ihr, Radhen Kliwon, der Ihr Autorität übt am Hauptplatze,

und Ihr, Radhens, Mantries und alle, die Ihr Häupter seid in der

Abteilung Bantan-Kidul ... ich grüsse Euch!

Und ich sage Euch, dass ich Freude fühle in meinem Herzen, nun ich hier

Euch alle versammelt sehe, lüsternd nach den Worten von meinem Munde.

Ich weiss, dass da unter Euch welche sind, die hervorragen durch

Kenntnis und durch Vortrefflichkeit des Herzens: ich hoffe meine

Kenntnis durch die Eure zu vermehren, denn sie ist nicht so gross,

wie ich wohl wünschte. Und ich habe wohl die Vortrefflichkeit lieb,

doch manchmal gewahre ich, dass in meinem Gemüte Mängel sind, die die

Vortrefflichkeit überschatten und ihr den fröhlichen Wuchs nehmen

... Ihr alle wisset, wie der grosse Baum den kleinen verdrängt und

ihn tötet. Darum werde ich schauen auf die unter Euch, die durch ihre

Tugend hervorragen, um zu versuchen, besser zu werden, als ich bin.

Ich grüsse Euch alle sehr.

Als der Generalgouverneur mir gebot, zu Euch zu gehen, dass ich

Assistent-Resident sei in dieser Abteilung, da war mein Herz sehr

erfreut. Es kann Euch bekannt sein, dass ich niemals Bantan-Kidul

betreten hatte. Ich liess mir Schriftwerk geben, das über Eure

Abteilung handelt, und ich habe gesehen, dass viel Gutes ist in

Bantan-Kidul. Euer Volk besitzt Reisfelder in den Thälern, und es

sind Reisfelder auf den Bergen. Und Ihr wünschet in Frieden zu leben

und begehret nicht zu wohnen in Landstrichen, die bewohnt werden von

andern. Ja, ich weiss, dass da viel Gutes ist in Bantan-Kidul!

Aber nicht darum allein war mein Herz erfreut. Denn auch in andern

Geländen würde ich viel Gutes gefunden haben.

Doch ich gewahrte, dass Eure Bevölkerung arm ist, und hierüber war

ich froh im Innersten meiner Seele.

Denn ich weiss, dass Allah den Armen lieb hat und dass Er Reichtum

giebt dem, den Er prüfen will. Doch zu den Armen sendet Er, wer sein

Wort spricht, auf dass sie sich aufrichten in ihrem Elend.

Giebt Er nicht Regen, wo der Halm verdorrt, und einen Tautropfen in

den Blumenkelch, der Durst hat?

Und ist es nicht schön, ausgesendet zu werden, dass man die Ermüdeten

suche, die zurückblieben nach der Arbeit und niedersanken am Wege,

da ihre Kniee nicht stark mehr waren, hinaufzugehen nach dem Orte des

Lohnes? Sollte ich nicht erfreut sein, die Hand reichen zu dürfen

dem, der in die Grube fiel, und einen Stab zu geben dem, der die

Berge erklimmt? Sollte nicht mein Herz aufspringen vor Lust, wenn es

sich erwählet sieht unter vielen, aus Klagen ein Gebet zu machen und

Danksagung aus Weinen?

Ja, ich bin froh aus Herzens Grunde, gerufen zu sein nach Bantan-Kidul!

Ich habe gesagt zu der Frau, die meine Sorgen teilt und mein Glück

grösser macht: freue dich, denn ich sehe, dass Allah Segen giebt auf

das Haupt unseres Kindes! Er hat mich gesendet an einen Ort, wo nicht

alle Arbeit abgelaufen ist, und er schätzte mich würdig, da zu sein vor

der Zeit der Ernte. Denn nicht im Schneiden des Padie ist die Freude:

die Freude ist im Schneiden des Padie, den man gepflanzt hat. Und die

Seele des Menschen wächst nicht vom Lohne, sondern von der Arbeit,

die den Lohn verdient. Und ich sagte zu ihr: Allah hat uns ein Kind

gegeben, das dereinstmals sagen wird: »Wisset Ihr, dass ich sein Sohn

bin?« Und dann werden da welche sein im Lande, die ihn grüssen mit

Liebe und die die Hand auf sein Haupt legen werden, und sie werden

sagen: »Setze dich nieder zu unserm Mahl, und bewohne unser Haus,

und nimm deinen Teil von dem, was wir haben, denn ich habe deinen

Vater gekannt.«

Häupter von Lebak, es ist viel zu arbeiten auf Eurem Landstrich!

Sagt mir, ist nicht der Landmann arm? Reift nicht Euer Padie so oft

zur Speise für die, die nicht gepflanzt haben? Sind da nicht viele

Verkehrtheiten in Eurem Lande? Ist nicht die Anzahl Eurer Kinder

gering?

Ist nicht Scham in Euren Seelen, wenn der Bewohner von Bandung,

das da gen Osten liegt, Eure Landschaft besucht und fragt: »Wo sind

die Dörfer und wo die Besteller des Landes? Und warum höre ich den

Gamlang nicht, der Freudigkeit spricht mit kupfernem Munde, noch das

Gestampfe des Padie von Euren Töchtern?«

Ist es Euch nicht bitter, von hier zu reisen nach der Südküste und

die Berge zu sehen, die kein Wasser tragen auf ihren Seiten, oder

die Flächen, wo nimmer ein Büffel den Pflug zog?

Ja, ja, ich sage Euch, dass Eure und meine Seele darüber betrübt

ist! Und darum just sind wir Allah dankbar, dass Er uns Macht gegeben

hat, hier zu arbeiten.

Denn wir haben in diesem Lande Äcker für viele, obschon der Bewohner

wenige sind. Und es ist nicht der Regen, der mangelt, denn die

Gipfel der Berge saugen die Wolken des Himmels zur Erde nieder. Und

nicht überall sind Felsen, die der Wurzel Platz verwehren, denn an

vielen Stellen ist der Grund weich und fruchtbar und schreit nach

dem Samenkorn, das er uns wiedergeben will in gebogenem Halm. Und es

ist kein Krieg im Lande, der den Padie zertritt, wenn er noch grün

ist, noch Krankheit, der Euren lockernden Patjol nutzlos macht. Noch

sind da Sonnenstrahlen, die heisser wären als nötig ist, das Getreide

reifen zu lassen, das Euch und Eure Kinder nähren soll, noch Banjirs,

deren wilde Wogen alles überfluten und niederreissen und Euch jammern

lassen: »Zeig' mir den Platz, wo ich gesäet habe!«

Wo Allah Wasserströme sendet, die die Äcker wegnehmen ... wo Er den

Boden hart macht wie trockenen Stein ... wo Er Seine Sonne glühen

lässet, dass alles versenget werde ... wo Er Krieg sendet, der die

Felder niederlegt ... wo Er schlägt mit Krankheiten, die die Hände

erschlaffen lassen, oder mit Trockenheit, die die Ähren tötet ... da,

Häupter von Lebak, beugen wir demütig das Haupt und sagen: »Er will

es so!«

Doch nicht also in Bantan-Kidul!

Ich bin hierher gesandt, Euer Freund zu sein, Euer älterer

Bruder. Würdet Ihr Euren jüngeren Bruder nicht warnen, wenn Ihr einen

Tiger sähet auf seinem Wege?

Häupter von Lebak, wir haben wohl öfter Fehlgriffe gethan, und unser

Land ist arm, weil wir so viele Fehler begingen.

Denn in Tjikandi und Bolang und im Krawangschen und in der Umgegend

von Batavia sind viele, die geboren sind in unserem Lande und die

unser Land verlassen haben.

Warum suchen sie Arbeit fern von dem Platz, wo sie ihre Eltern

begruben? Warum fliehen sie die Dessah, wo sie die Beschneidung

empfingen? Warum wählen sie die Kühle des Baumes, der dort wächst,

vor dem Schatten unserer Haine?

Und dort im Nordwesten jenseit der See sind viele, die unsere Kinder

sein müssten, doch die Lebak verlassen haben, um herumzuirren in

fremden Landstrichen mit Kris und Klewang und Schiessgewehr. Und sie

kommen elendig um, denn es ist Macht von der Regierung da, die die

Aufständischen erschlägt.

Ich frage Euch, Häuptlinge von Bantan-Kidul, warum sind da so viele,

die weggingen, um nicht begraben zu werden, wo sie geboren sind? Warum

fragt der Baum, wo der Mann sei, den er als Kind spielen sah an

seinem Fusse?

Havelaar hielt hier einen Augenblick inne. Um einigermassen den

Eindruck zu begreifen, den seine Sprache machte, hätte man ihn

hören und sehen müssen. Als er von seinem Kinde sprach, war in

seiner Stimme etwas Sanftes, etwas unbeschreiblich Rührendes, das

zu der Frage lockte: »Wo ist der Kleine? Jetzt schon will ich das

Kind küssen, das seinen Vater so sprechen lässt!« Doch als er kurz

darauf, scheinbar mit wenig Planmässigkeit in dem allen, überging zu

den Fragen, warum Lebak arm sei und warum so viele Bewohner dieser

Gegenden anderswohin verzögen, da nahm seine Stimme einen Klang an,

der an das Kreischen des Bohrers erinnert, der mit Kraft in hartes Holz

geschraubt wird. Dennoch sprach er nicht laut, noch betonte er einzelne

Worte besonders, und sogar eintönig schien seine Stimme, aber--sei hier

nun Absicht oder Natur im Spiel--gerade diese Eintönigkeit verstärkte

den Eindruck seiner Worte auf Gemüter, die so besonders empfänglich

waren für solche Sprache.

Seine Bilder, die stets aus dem Leben genommen waren, das ihn umringte,

waren für ihn wirklich Hülfsmittel zum Begreiflichmachen dessen, was

er im Auge hatte, und nicht, wie sonst so häufig, lästige Anhängsel,

die die Sätze der Redner beschweren, ohne nur einige Deutlichkeit

dem Begriff der Sache hinzuzufügen, die man zu erklären vorgiebt. Wir

sind jetzt gewöhnt an den bei uns gar nicht gerechtfertigten Ausdruck:

»stark wie ein Löwe«; doch wer in Europa dies Bild zuerst anwendete,

zeigte, dass er seinen Vergleich nicht aus der Seelenpoesie geschöpft

hatte, die Bilder giebt für logische Folgerungen und nicht anders

sprechen kann, sondern dass er seinen Gemeinplatz einfach aus diesem

oder jenem Buch--aus der Bibel vielleicht--abgeschrieben hatte, worin

ein Löwe vorkam. Denn niemand seiner Zuhörer hatte jemals die Stärke

des Löwen erfahren, und es wäre also viel eher nötig gewesen, sie

diese Stärke erkennen zu lassen durch Vergleich des Löwen mit etwas,

dessen Kraft ihnen aus Erfahrung bekannt war, als umgekehrtermassen.

Man wird belehrt, dass Havelaar wirklich Dichter war. Jeder fühlt,

dass er, von den Reisfeldern sprechend, die auf den Bergen wären,

die Augen dorthin richtete durch die offene Seite der Halle und dass

er die Felder in der That sah. Man sieht ein, als er den Baum fragen

liess, wo der Mann sei, der als Kind an seinem Fusse gespielt, dass

dieser Baum dastand und in der Einbildung von Havelaars Zuhörern in

Wirklichkeit fragend umherspähte nach den ausgewanderten Bewohnern

von Lebak. Auch ersann er nichts: er hörte den Baum sprechen und

glaubte nur nachzusagen, was er in seiner dichterischen Auffassung

so deutlich verstanden hatte.

Wenn vielleicht jemand die Bemerkung machen sollte, dass die

Ursprünglichkeit in Havelaars Art zu sprechen nicht so unbestreitbar

sei, da seine Sprache an den Stil der Propheten des Alten Testaments

erinnert, den muss ich daran erinnern, dass ich schon gesagt habe,

wie er in Augenblicken der Entrücktheit wirklich etwas von einem Seher

hatte. Genährt durch die Eindrücke, die das Leben in Wäldern und auf

Bergen ihm zu teil werden liess, umgeben von der poesie-ausströmenden

Atmosphäre des Ostens, und also aus gleichartiger Quelle schöpfend

wie die mahnenden und richtenden Seher des Altertums, mit denen ihn

zu vergleichen man sich bisweilen genötigt sah ... da vermuten wir,

dass er nicht anders gesprochen haben würde, auch wenn er niemals

die herrlichen Dichtungen des Alten Testaments gelesen hätte. Finden

wir nicht schon in den Versen, die aus seiner Jugendzeit datieren,

Zeilen wie die folgenden, die auf dem Salak geschrieben waren--einem

der Riesen, doch nicht der grösste, unter den Bergen der Preanger

Regentschaften--worin gleichfalls wieder der Beginn die Sanftheit

seiner Empfindungen darthut, um auf einmal überzugehen in das

Nachsprechen des Donners, den er unter sich hört:

Wie herrlich ist's, hier seinen Schöpfer laut zu loben ...

Wie freudig schwingt von Höh' zu Höh' sich dein Gebet ...

Mehr denn im Thal wächst hier das Herz nach oben:

Du fühlst von Gottes Nähe dich umweht!

Hier schuf Er Selbst sich in Altar und Tempelchören,

Wo noch kein Priester Gottes Wort geschmäht,

Hier lässt Er sich in grollenden Gewittern hören ...

Und rollend ruft sein Donner: Majestät!

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

... und fühlt man nicht, dass er diese letzten Verse nicht so hätte

schreiben können, wenn er nicht wirklich hören und verstehen zu können

glaubte, wie Gottes Donner ihm diese Worte in prasselndem Widerhall,

an den erbebenden Bergwänden zurief?

Doch er liebte Verse nicht. »Es wäre ein hässliches Schnürleib«,

sagte er, und wenn er dazu bewegt wurde, etwas vorzulesen von dem,

was er, wie er sich ausdrückte, »begangen« hatte, so suchte er sein

Vergnügen darin, sein eigenes Werk zu verderben, indem er es entweder

in einem Tone vortrug, der es lächerlich machen musste, oder indem

er auf einmal, gewöhnlich bei einem hochernsten Passus, abbrach und

ein Witzwort dazwischen warf, das die Zuhörer peinlich berührte, doch

bei ihm nichts anderes war als eine blutige Satire auf die schlechte

Übereinstimmung zwischen diesem Schnürleib und seiner Seele, die sich

so beengt darin fühlte.

Es waren unter den Häuptlingen nur wenige, die sich der herumgereichten

Erfrischungen bedienten. Havelaar hatte nämlich durch einen Wink

befohlen, den bei derartigen Gelegenheiten unvermeidlichen Thee mit

Maniessan herumzureichen. Es schien, dass er mit Vorbedacht nach

den letzten Worten seiner abgebrochenen Ansprache einen Ruhepunkt

eintreten liess. Und hierzu war Grund. »Wie--mussten die Häuptlinge

denken--er weiss schon, dass so viele unsere Abteilung verliessen,

mit Bitterkeit im Herzen? Schon ist ihm bekannt, wie viele Familien

in benachbarte Gegenden auswanderten, um der Armut zu entweichen, die

hier herrscht? Und sogar weiss er, dass soviel Bantamer sind unter

den Banden, die in den Lampongs die Fahne des Aufstandes entrollt

haben gegen die Niederländische Herrschaft? Was will er? Was bezweckt

er? Wem gelten seine Fragen?«

Und es waren welche, die sahen Radhen Wiera Kusuma an, das

Distriktshaupt von Parang-Kudjang. Doch die meisten schlugen die

Augen zur Erde.

»Komm mal her, Max!« rief Havelaar, seines Kindes gewahr werdend,

das auf dem Hof spielte, und der Regent nahm den Kleinen auf den

Schoss. Doch der war zu wild, um es lange dort auszuhalten. Er sprang

fort und lief in dem grossen Kreise der Männer herum und ergötzte

die Häuptlinge mit seinem Gepappel und spielte mit den Knäufen ihrer

Dolche. Als er zu dem Djaksa kam, der des Kindes Aufmerksamkeit

erregte, weil er prächtiger gekleidet war als die andern, schien

dieser irgendwas auf dem Kopfe des kleinen Max dem Kliwon zu zeigen,

der neben ihm sass und sein Ohr einer zugeflüsterten Bemerkung darüber

zu neigen schien.

--Geh nun, Max, sagte Havelaar, Papa hat den Herren etwas zu sagen.

Der Kleine lief fort, nachdem er den Männern Kusshändchen zugeworfen.

Hierauf fuhr Havelaar also fort:

--Häupter von Lebak! Wir alle stehen im Dienste des Königs von

Niederland. Doch Er, der rechtfertig ist und will, dass wir unsere

Pflicht thun, ist ferne von hier. Dreissig-mal-tausend-mal-tausend

Seelen, ja, mehr noch als soviel, sind gehalten, seinen Befehlen

zu gehorchen, doch er kann nicht allen nahe sein, die abhängen von

seinem Willen.

Der Grosse-Herr zu Buitenzorg ist rechtfertig und will, dass jeder

seine Pflicht thue. Doch auch dieser, mächtig wie er ist und gebietend

über alles, was Gewalt hat in den Städten, und über alle, die in den

Dörfern die ältesten sind, und bestimmend über die Heeresmacht und

über die Schiffe, die auf See fahren ... auch er kann nicht sehen,

wo Unrecht gethan ist, denn das Unrecht bleibt ferne von ihm.

Und der Resident zu Serang, der Herr ist über den Landesteil Bantam, wo

fünf-mal-hundert-tausend Menschen wohnen, will, dass Recht geschehe in

seinem Gebiet, und dass da Gerechtigkeit herrsche in den Landschaften,

die ihm gehorsamen. Doch wo Unrecht ist, da ist es fern von seiner

Wohnung. Und wer Bosheit thut, verbirgt sich vor seinem Angesicht,

weil er Strafe fürchtet.

Und der Herr Adhipatti, der Regent ist von Süd-Bantam, will, dass

jeder lebe, der dem Guten nachtrachtet, und dass da keine Schande

laste auf dem Landstrich, der seine Regentschaft ist.

Und ich, der ich gestern den Allmächtigen Gott zum Zeugen nahm,

dass ich rechtfertig und langmütig sein würde, dass ich Recht würde

thun sonder Furcht und sonder Hass, dass ich sein werde: »ein guter

Assistent-Resident« ... auch ich habe den Willen, zu thun, was meine

Pflicht ist.

Häupter von Lebak, diesen Willen haben wir alle!

So aber etliche unter uns sein mögen, die ihre Pflicht Gewinnes halber

verwahrlosen, die das Recht verkaufen für Geld, oder die den Büffel

dem Armen nehmen, und die Früchte, die denen gehören, die da Hunger

haben ... wer wird sie strafen?

Wenn einer von Euch es wüsste, er würde es hindern. Und der Regent

würde nicht dulden, dass so etwas geschähe in seiner Regentschaft. Und

auch ich werde dem entgegentreten, wo ich kann. Doch wenn weder Ihr,

noch der Adhipatti, noch ich es erführen ...

Häuptlinge von Lebak, wer doch soll dann Recht thun in Bantan-Kidul?

Höret auf mich, wenn ich Euch sagen werde, wie dann Recht wird

gethan werden.

Es kommt eine Zeit, dass unsere Frauen und Kinder wehklagen werden

bei dem Herrichten unseres Totenkleides, und wer da vorbeigeht, wird

sagen: »Da ist ein Mensch gestorben.« Dann wird, wer da ankommt in

den Dörfern, Nachricht bringen von dem Tode desjenigen, der gestorben

ist, und der ihn beherbergt, wird ihn fragen: »Wer war der Mann,

der gestorben ist?« Und man wird sagen:

»Er war gut und rechtfertig. Er sprach Recht und verstiess den Kläger

nicht von seiner Thür. Er hörte geduldig an, wer zu ihm kam, und gab

wieder, was genommen war. Und wer den Pflug nicht treiben konnte durch

den Grund, weil ihm der Büffel aus dem Stall geholt war, dem half er

suchen nach dem Büffel. Und wo die Tochter geraubt war aus dem Hause

der Mutter, suchte er den Dieb und brachte die Tochter wieder. Und wo

man gearbeitet hatte, vorenthielt er den Lohn nicht, und er nahm die

Früchte denen nicht ab, die den Baum gepflanzt hatten. Er kleidete

sich nicht mit dem Kleide, das andere decken musste, noch nährte er

sich mit Nahrung, die dem Armen gehörte.«

Dann wird man sagen in den Dörfern: »Allah ist gross, Allah hat ihn

zu sich genommen. Sein Wille geschehe ... es ist ein guter Mensch

gestorben.«

Doch ein andermal wird der Vorübergehende stillstehen vor einem Hause

und fragen: »Was ist dies, dass der Gamlang schweigt und der Gesang

der Mädchen?« Und wiederum wird man sagen: »Da ist ein Mann gestorben.«

Und wer rundreist in den Dörfern, wird am Abend sitzen bei seinem

Gastherrn, und um ihn her die Söhne und Töchter des Hauses und die

Kinder derer, die das Dorf bewohnen, und er wird sagen:

»Da starb ein Mann, der gelobte, rechtfertig zu sein, und er

verkaufte das Recht dem, der ihm Geld gab. Er düngte seinen Acker

mit dem Schweisse des Arbeiters, den er abgerufen hatte vom Acker

der Arbeit. Er vorenthielt dem Arbeitsmann seinen Lohn und er nährte

sich mit der Nahrung des Armen. Er ist reich geworden von der Armut

der andern. Er hatte viel Goldes und Silber und edle Steine in Menge,

doch der Bebauer des Landes, der in der Nachbarschaft wohnt, wusste

den Hunger seines Kindes nicht zu stillen. Er hatte ein Lächeln wie

ein glücklicher Mensch, doch man hörte Zähneknirschen von dem Kläger,

der Recht suchte. Es war Zufriedenheit auf seinem Gesicht, doch keine

Milch in den Brüsten der Mütter, die säugten.«

Dann werden die Bewohner der Dörfer sagen: »Allah ist gross ... wir

fluchen niemandem!«

Häupter von Lebak, einst sterben wir alle!

Was wird da gesagt werden in den Dörfern, wo wir Gewalt hatten? Und

was von den Vorübergehenden, die das Begräbnis ansehen?

Und was werden wir antworten, wenn nach unserem Tode eine Stimme

spricht zu unserer Seele und fragt: »Warum ist da Weinen in den

Feldern, und warum verbergen sich die Jünglinge? Wer nahm die Ernte

aus den Scheuern und aus den Ställen den Büffel, der das Feld pflügen

sollte? Was hast du mit dem Bruder gethan, den ich dir zu bewachen

gab? Warum ist der Arme traurig und flucht der Fruchtbarkeit seiner

Frau?«

Hier hielt Havelaar wieder inne, und nach kurzem Schweigen fuhr er im

einfachsten Ton von der Welt und als sei von nichts die Rede gewesen,

das Eindruck machen musste, fort:

--Ich wünsche sehr, in gutem Einvernehmen mit Euch zu leben, und

darum ersuche ich Euch, mich als einen Freund zu betrachten. Wer

geirrt haben mag, kann sich eines milden Urteils von meiner Seite

versehen, denn da ich selbst so manches Mal irre, werde ich nicht

streng sein ... wenigstens nicht in den gewöhnlichen Dienstvergehen

oder Nachlässigkeiten. Allein, wo Nachlässigkeit zur Gewohnheit

werden sollte, werde ich ihr entgegentreten. Über Vergehen gröberer

Art ... über Erpressung und Unterdrückung spreche ich nicht. So etwas

wird nicht vorkommen, nicht wahr, m'nheer de Adhipatti?

--O nein, m'nheer de Assistent-Resident, so etwas wird nicht vorkommen

in Lebak.

--Wohl dann, Ihr Herren Häuptlinge von Bantan-Kidul, lasset es uns

eine Freude sein, dass unsere Abteilung so zurückgeblieben und so

arm ist. Wir haben Schönes zu thun. Wenn Allah uns am Leben erhält,

werden wir Sorge tragen, dass Wohlfahrt einzieht. Der Grund ist

fruchtbar genug und die Bevölkerung willig. So jeder im Genuss

seiner Mühen gelassen wird, unterliegt es keinem Zweifel, dass

binnen kurzer Zeit die Bevölkerung zunehmen wird, so an Seelenzahl

wie an Besitzungen und an Gesittung, denn das geht meistens Hand in

Hand. Ich ersuche Euch nochmals, mich als einen Freund anzusehen,

der Euch helfen wird, wo er kann, vor allem, wo es sich darum handelt,

Unrecht entgegenzutreten. Und hiermit halte ich mich Eurer Mitwirkung

sehr anempfohlen.

Ich werde Euch die empfangenen Berichte über Landbau, Viehzucht,

Polizei und Gerichtspflege mit meinen Anordnungen zurückgeben lassen.

Häupter von Bantan-Kidul! Ich habe gesprochen. Ihr könnet zurückkehren,

ein jeder nach seiner Wohnung. Ich grüsse Euch alle sehr!«----

Er verneigte sich, bot dem alten Regenten den Arm und geleitete

ihn über das Erbe nach dem Wohnhaus, wo Tine ihn auf der Vorgalerie

erwartete.

--Kommen Sie, Verbrugge, gehen Sie noch nicht nach Hause! Kommen Sie

... ein Glas Madeira! Und ... ja, das muss ich wissen, Rhaden Djaksa,

höret einmal!

So rief Havelaar, als alle Häuptlinge nach vielen Verbeugungen sich

anschickten, nach ihren Wohnungen zurückzukehren. Auch Verbrugge war

im Begriff, das Erbe zu verlassen, kehrte jedoch mit dem Djaksa zurück.

--Tine, ich möchte Madeira trinken, Verbrugge auch. Djaksa, lasst

hören, was habt Ihr doch dem Kliwon über meinen Jungen gesagt?

--Mintah ampong ... d. i.: ich bitte um Verzeihung ... mynheer

de Assistent-Resident, ich betrachtete sein Haupt, weil mynheer

gesprochen hatte.

--I was denn! was hat sein Kopf damit zu thun? Ich weiss selbst schon

nicht mehr, was ich gesagt habe.

--Mynheer, ich sagte zu dem Kliwon ...

Tine trat an die Gruppe heran; es wurde über ihren kleinen Max

gesprochen.

--Mynheer, ich sagte zu dem Kliwon, dass der junge Herr ein Königskind

wäre.

Das that Tine wohl: sie fand es auch!

Der Adhipatti besah den Kopf des Kleinen, und in der That, auch er sah

auf dem Scheitel den doppelten Haarwirbel, der nach dem Aberglauben

auf Java bestimmt ist, dereinst eine Krone zu tragen.

Da die Etiquette nicht zuliess, dass man dem Djaksa einen Platz

anbot in Gegenwart eines Regenten, nahm er Abschied, und man war

einige Zeit beieinander, ohne etwas zu berühren, das zum »Dienst«

in Beziehung stand. Doch auf einmal--und also im Widerspruch mit

dem in so hohem Masse höflichen Volkscharakter--fragte der Regent,

ob gewisse Gelder, die der Steuerkollekteur zu gute hatte, nicht

ausbezahlt werden könnten.

--O nein, rief Verbrugge, mynheer de Adhipatti wissen doch, dass dies

nicht eher geschehen kann, als bis er Rechenschaft abgelegt hat.

Havelaar spielte mit Max. Doch es zeigte sich, dass dies ihn nicht

abhielt, auf dem Gesicht des Regenten zu lesen, dass Verbrugges

Antwort ihm wider den Strich ging.

--Nun, Verbrugge, lassen Sie uns keine Schwierigkeiten machen,

sagte er. Und er liess einen Schreiber vom Bureau rufen. Wir wollen

das nur ausbezahlen ... der Rechenschaftsbericht wird schon für gut

befunden werden.

Nachdem der Adhipatti sich zurückgezogen hatte, sagte Verbrugge,

der sich gern an die »Staatsblätter« hielt:

--Aber, M'nheer Havelaar, das geht nicht! Des Kollekteurs

Rechenschaftsbericht ist noch immer zur Prüfung in Serang ... wenn

nun ein Manco sich herausstellt?

--Dann lege ich es drauf, sagte Havelaar.

Verbrugge konnte es nicht begreifen, welchem Umstande dies dem

Steuerkollekteur erwiesene weitgehende Entgegenkommen zuzuschreiben

war. Der Schreiber kam alsbald mit einigem Schriftsatz zurück. Havelaar

zeichnete und sagte, dass man Eile hinter die Auszahlung setzen solle

--Verbrugge, ich will Ihnen sagen, warum ich dies thue! Der Regent

hat keinen Deut im Hause: sein Schreiber hat es mir gesagt; und zudem

... das brüske Fragen! Die Sache ist deutlich. Er selbst hat das Geld

nötig, und der Kollekteur will es ihm vorschiessen. Ich übertrete

lieber auf eigene Verantwortung eine Form, als dass ich einen Mann

von seinem Range und in seinen Jahren in der Verlegenheit lassen

sollte. Schliesslich, Verbrugge, es wird in Lebak greulich Missbrauch

getrieben mit der Amtsgewalt. Das müssen Sie wissen. Wissen Sie's?

Verbrugge schwieg. Er wusste es.

--Ich weiss es, fuhr Havelaar fort, ich weiss es! Ist nicht M'nheer

Slotering gestorben im November? Nun, den Tag nach seinem Tode hat

der Regent Volk aufgerufen, um seine Sawahs zu bearbeiten ... ohne

Bezahlung! Sie hätten dies wissen müssen, Verbrugge. Wussten Sie's?

Dieses wusste Verbrugge nicht.

--Als Kontrolleur hätten Sie es wissen müssen! Ich weiss es,

fuhr Havelaar fort. Da liegen die Monatsaufstellungen von den

Distrikten--und er wies auf einen Packen Schriftwerk, das er in der

Versammlung erhalten hatte--sehen Sie, ich habe nichts geöffnet. Darin

sind unter anderm enthalten die Angaben über für den Hauptplatz zum

Herrendienst gelieferte Arbeiter. Nun, sind diese Angaben richtig?

--Ich habe sie noch nicht gesehen ...

--Ich auch nicht! Aber doch frage ich: sind sie richtig? Waren die

Angaben vom vorigen Monat richtig?

Verbrugge schwieg.

--Ich will's Ihnen sagen: Sie waren falsch! Denn es war dreimal mehr

Volk aufgerufen, um für den Regenten zu arbeiten, als die Bestimmungen

bezüglich Herrendienstes zulassen, und dies durfte man natürlich in

den Aufstellungen nicht angeben. Ist es wahr, was ich sage?

Verbrugge schwieg.

--Auch die Aufstellungen, die ich heute empfing, sind falsch, fuhr

Havelaar fort. Der Regent ist arm. Die Regenten von Bandung und

Tjiandjur sind Glieder des Geschlechts, von dem er das Haupt ist. Der

von Tjiandjur hat nur den Rang eines Tommongong, unser Regent ist

Adhipatti, und dennoch erlauben ihm, weil Lebak kein Land für Kaffee

ist und ihm also keine Emolumente aufbringt, seine Einkünfte nicht,

in Glanz und Pracht zu wetteifern mit einem einfachen Dhemang in

Preanger, der den Steigbügel halten würde, wenn seine Vettern zu

Pferde steigen. Ist das wahr?

--Ja, so ist es.

--Er hat nichts als sein Gehalt, und darauf liegt eine Kürzung zur

Abbezahlung eines Vorschusses, den die Regierung ihm gegeben hat,

als er ... wissen Sie's?

--Ja, ich weiss es.

--Als er eine neue Moschee bauen lassen wollte, wozu viel Geld nötig

war. Obendrein, viele Glieder seiner Familie ... wissen Sie's?

--Ja, ich weiss es.

--Viele Glieder seiner Familie--die ja eigentlich nicht in Lebak zu

Hause ist und darum auch beim Volk kein Ansehen hat--scharen sich

wie eine Plünderbande um ihn und pressen ihm Geld ab. Ist das wahr?

--Es ist die Wahrheit, sagte Verbrugge.

--Und wenn seine Kasse leer ist, was öfters vorkommt, nehmen sie in

seinem Namen der Bevölkerung ab, was ihnen ansteht. Ist dies so?

--Ja, es ist so.

--Ich bin also gut unterrichtet, doch darüber später. Der Regent, der

in die Jahre kommt und den Tod fürchtet, wird von der Sucht beherrscht,

sich durch Gaben an Geistliche verdienstlich zu machen. Er giebt viel

Geld aus für Reisekosten von Pilgern nach Mekka, die ihm allerlei

Lumpereien zurückbringen, Reliquien, Talismans und Djimats. Ist es

nicht so?

--Ja, das ist wahr.

--Nun, durch alles das ist er so arm. Der Dhemang von Parang-Kudjang

ist sein Schwiegersohn. Wo der Regent aus Scham vor seinem Range

nicht zu nehmen wagt, ist es dieser Dhemang--doch er ist es nicht

allein--der dem Adhipatti den Hof macht, indem er Geld und Gut

von der armen Bevölkerung erpresst und die Leute von ihren eigenen

Reisfeldern wegholt, um sie vor sich her zu treiben nach den Sawahs

des Regenten. Und dieser ... ach, ich will ja glauben, dass er gern

anders möchte, aber die Not zwingt ihn, Gebrauch zu machen von solchen

Mitteln. Ist dies alles nicht wahr, Verbrugge?

--Ja, es ist wahr, sagte Verbrugge, der mehr und mehr einzusehen

begann, dass Havelaar einen scharfen Blick hatte.

--Ich wusste, sagte dieser weiter, dass er kein Geld im Hause hatte,

als er soeben über die Abrechnung mit dem Unterkollekteur zu reden

anfing. Sie haben heute morgen gehört, dass es mein Vorsatz ist, meine

Pflicht zu thun. Unrecht dulde ich nicht, bei Gott, ich dulde es nicht!

Und er sprang auf, und in seinem Ton lag nun etwas ganz anderes,

als am Tage vorher bei seinem offiziellen Eide.

--Doch, fuhr er fort, ich will meine Pflicht thun mit Milde. Ich

will nicht zu peinlich forschen, was geschehen ist. Doch was von

heute ab geschieht, fällt unter meine Verantwortung, dafür werde ich

Sorge tragen! Ich hoffe hier lange zu bleiben. Wissen Sie, Verbrugge,

dass herrlich schön ist, wozu wir berufen sind? Doch wissen Sie auch,

dass ich alles, was ich Ihnen soeben sagte, eigentlich von Ihnen hätte

hören müssen? Ich kenne Sie ebensogut, wie ich weiss, welche Leute

'garem glap', d. h. Schmuggelsalz machen an der Südküste, um das

scheussliche Monopol zu umgehen. Sie sind ein braver Mensch ... auch

das weiss ich. Doch warum haben Sie mir nicht gesagt, dass hier so

vieles verkehrt ist? Während zweier Monate sind Sie dienstthuender

Assistent-Resident gewesen und obendrein sind Sie hier schon lange

als Kontrolleur ... Sie mussten es also wissen, nicht wahr?

--M'nheer Havelaar, ich habe niemals gedient unter jemandem wie

Sie. Sie haben etwas besonderes, nehmen Sie es mir nicht übel.

--Durchaus nicht! Ich weiss wohl, dass ich nicht bin wie andere

Menschen, doch was thut das zur Sache?

--Insoweit hat es damit zu thun, als Sie einem Begriffe und

Vorstellungen mitteilen, die früher nicht bestanden.

--Nein, die eingeschlummert waren durch den verfluchten offiziellen

Schlendrian, der seinen Stil sucht in »ich habe die Ehre« und die Ruhe

seines Gewissens in der »hohen Zufriedenheit der Regierung«. Nein,

Verbrugge! lästern Sie nicht sich selbst! Sie brauchen von mir nichts

zu lernen. Habe ich Ihnen zum Beispiel heute morgen in der Sebah

etwas Neues erzählt?

--Nein, Neues nichts, doch Sie sprachen anders als andere ...

--Ja, das kommt daher ... dass meine Erziehung etwas verwahrlost ist:

ich rede frei von der Leber. Aber Sie sollten mir sagen, warum Sie

so still geschwiegen haben zu allem, was Verkehrtes geschah in Lebak.

--Ich habe noch nie so die Empfindung gehabt von einer

Initiative. Überdies, alles das ist immer so gewesen in dieser Gegend.

--Ja, ja, das weiss ich wohl! Es kann nicht jeder ein Prophet oder

Apostel sein, das Holz würde teuer werden durchs Kreuzigen! Aber Sie

wollen mir doch wohl helfen, alles ins rechte Lot zu bringen? Sie

wollen doch wohl Ihre Pflicht thun?

--Gewiss! Vor allem unter Ihnen. Doch nicht jeder würde das so streng

fordern, noch es selbst gut aufnehmen, und dann kommt man so leicht

in die Position jemandes, der gegen Windmühlen kämpft.

--Nein! Dann sagen die, die das Unrecht lieben, weil sie davon leben,

dass es kein Unrecht gäbe, um das Vergnügen zu haben, Sie und mich

zu Don Quixotes machen zu können und zugleich ihre Windmühlen in

Drehung zu erhalten. Doch, Verbrugge, Sie hätten nicht auf mich warten

brauchen, um Ihre Pflicht zu thun! M'nheer Slotering war ein tüchtiger

und ehrlicher Mann: er wusste, was da vorging, er missbilligte es

und setzte sich dagegen zur Wehr ... sehen Sie hier!

Havelaar nahm aus einem Portefeuille zwei Bogen Papier, und sie

Verbrugge hinhaltend, sagte er:

--Wessen Hand ist dies?

--Das ist die Hand M'nheer Sloterings.

--Richtig! Nun, das sind die ersten Niederschriften von Notas,

offenbar Gegenstände enthaltend, worüber er mit dem Residenten sprechen

wollte. Da lese ich ... sehen Sie: 1) Über den Reisbau. 2) Über die

Wohnungen der Dorfhäuptlinge. 3) Über die Eintreibung der Landrenten

u. s. w. Dahinter stehen zwei Ausrufungszeichen. Was wollte M'nheer

Slotering damit sagen?

--Wie kann ich das wissen? rief Verbrugge.

--Ich weiss es! Das bedeutet, dass viel mehr Landrenten aufgebracht

werden, als in die Landeskasse fliessen. Doch ich werde Ihnen dann

etwas zeigen, das wir beide verstehen, weil es in Buchstaben und

nicht in Zeichen geschrieben ist. Sehen Sie:

»12) Über den Missbrauch, der von den Regenten und niedrigeren

Häuptlingen mit der Bevölkerung getrieben wird. (Über das Halten

verschiedener Wohnungen auf Kosten der Bevölkerung u. s. w.)«

Ist das deutlich? Sie sehen, dass der Herr Slotering wohl einer war,

der »Initiative« schätzte und selbst kannte. Sie hätten sich also

ihm anschliessen können. Hören Sie weiter:

»15) Dass viele Personen von den Familien und Bediensteten der

inländischen Häuptlinge auf den Auszahlungslisten figurieren,

die in der That nicht teilnehmen an den Kulturarbeiten, sodass

die Vorteile hiervon ihnen anheimfallen, zum Schaden der wirklich

beteiligt gewesenen. Auch werden sie in den unrechtmässigen Besitz

von Sawahfeldern gesetzt, während diese allein denen zukommen,

die Anteil haben an der Kultur.«

Hier habe ich eine andere Nota: und zwar in Bleistift. Sehen Sie mal,

auch darin steht etwas sehr Deutliches:

»Die Verminderung des Volksstandes zu Parang-Kudjang ist allein

zuzuschreiben dem weitgehenden Missbrauch, dem die Bevölkerung

ausgesetzt ist.«

Was sagen Sie davon? Sehen Sie wohl, dass ich nicht so excentrisch bin,

wie es scheint, wenn ich daran gehe, Recht zu schaffen? Sehen Sie nun,

dass auch andere dies thaten?

--Es ist wahr, sagte Verbrugge, der Herr Slotering hat über all diese

Dinge mehrfach mit dem Residenten gesprochen.

--Und was folgte darauf?

--Dann wurde der Regent gerufen: es wurde abouchiert ...

--Jawohl, mündlich verhandelt! Und weiter?

--Der Regent leugnete gewöhnlich alles. Dann mussten Zeugen kommen

... niemand wagte, gegen den Regenten zu zeugen ... ach, M'nheer

Havelaar, diese Dinge bieten soviel Schwierigkeiten!

Der Leser wird, noch ehe er mein Buch ausgelesen hat, ebensogut wie

Verbrugge gewahr werden, warum diese Dinge als so besonders schwierig

sich erwiesen.

--Mynheer Slotering hatte viel Ärgernis deswegen, fuhr Verbrugge fort,

er schrieb scharfe Briefe an die Häuptlinge ...

--Ich habe sie gelesen ... heute nacht, sagte Havelaar.

--Und ich habe ihn mehrfach sagen hören, dass er, wenn keine Änderung

einträte, und wenn der Resident nicht »durchgriffe«, sich direkt an

den Generalgouverneur wenden würde. Dies hat er auch den Häuptlingen

selbst gesagt auf der letzten Sebah, der er präsidierte.

--Da würde er sehr verkehrt gehandelt haben. Der Resident war sein

Chef, den er auf keinen Fall umgehen durfte. Und warum sollte er

das auch? Es ist doch nicht anzunehmen, dass der Resident von Bantam

Unrecht und Willkür gutheissen wird?

--Gutheissen ... nein! Aber man klagt nicht gern bei der Regierung

einen Häuptling an.

--Ich klage nie gern jemanden an, wer es auch sei, doch wenn es sein

muss, einen Häuptling so gut wie einen andern. Doch von Anklagen

ist nun hier, Gott sei Dank, noch keine Rede! Morgen besuche ich den

Regenten. Ich werde ihm die Unrechtmässigkeit einer ungesetzlichen

Herrschaftsübung vor Augen führen, vor allem, wo es sich handelt

um den Besitz von armen Menschen. Doch in Abwartung der gehörigen

Einrenkung werde ich ihm in seinen wirklich heiklen Verhältnissen

zur Seite stehen, so gut ich kann. Sie begreifen nun doch wohl,

weshalb ich dem Kollekteur das Geld sofort habe auszahlen lassen,

nicht wahr? Auch habe ich die Absicht, die Regierung zu ersuchen, sie

möge den Regenten von der Tilgung seines Vorschusses auf dem Erlasswege

entbinden. Und Sie, Verbrugge, ersuche ich, mit mir vereint zu thun,

was unsere Pflicht ist. So lange es geht, mit Sanftmut, doch wenn es

sein muss, ohne Furcht! Sie sind ein ehrlicher Mann, das weiss ich,

doch Sie sind schüchtern. Reden Sie fortan tapfer heraus, wie die

Dinge liegen, advienne que pourra! Werfen Sie die Halbheit von sich,

bester Kerl ... und nun: bleiben Sie bei uns zum Essen: wir haben

holländischen Blumenkohl in Büchse ... doch alles ist sehr einfach,

denn ich muss sehr sparsam sein ... ich bin arg zurückgekommen

in puncto Geld: die Reise nach Europa, begreifen Sie? Komm, Max

... sapperlot, Junge, was wirst du schwer!

Und mit Max auf der Schulter, gefolgt von Verbrugge, trat er ein

in die Binnengalerie, wo Tine sie am gedeckten Tisch erwartete,

der, wie Havelaar gesagt hatte, wirklich sehr einfach war! Duclari,

der kam, um Verbrugge zu fragen, ob er noch vor dem Mittagmahl nach

Hause zurückkehren werde oder nicht, wurde mit zu Tische genötigt,

und wenn dem Leser mit etwas Abwechslung in meiner Erzählung gedient

ist, so sei er auf das folgende Kapitel verwiesen, worin ich mitteile,

was so alles gesprochen wurde bei diesem Mahle.

Max Havelaar · 第 27 / 109 题