Der Resident von Bantam stellte den Regenten und den Kontrolleur dem
neuen Assistent-Residenten vor. Havelaar begrüsste beide Beamte
höflich. Dem Kontrolleur--die Begegnung mit einem neuen Chef
hat immer etwas Peinliches--nahm er durch ein paar freundliche
Worte seine Befangenheit, als wollte er von vornherein eine Art
Vertraulichkeit einführen, die den Verkehr erleichtern sollte. Dem
Regenten begegnete er, wie es am Platze war gegenüber einer Person,
die den goldenen Pajong führt, aber gleichzeitig auch sein »jüngerer
Bruder« sein sollte. Mit feiner Liebenswürdigkeit sprach er seinen
Tadel über dieses Mannes allzu feurigen Diensteifer aus, der in solch
einem Wetter ihn bis an die Grenzen seiner Abteilung geführt hätte,
was denn auch, strikt genommen, der Regent nach den Vorschriften der
Etikette nicht hätte thun brauchen.
--Wahrlich, m'nheer de Adhipatti, ich bin bös auf Euch, dass Ihr
Euch um meinetwillen soviel Mühe gegeben habt! Ich dachte Euch erst
in Rangkas-Betung zu begegnen.
--Ich hatte den Wunsch, den Herrn Assistent-Residenten sobald wie
möglich zu sehen, um Freundschaft mit ihm zu schliessen, sagte der
Adhipatti.
--Gewiss, gewiss, ich fühle mich sehr geehrt! Doch ich sehe nicht gern
einen Mann von Eurem Rang und Euren Jahren sich allzusehr bemühen. Und
dazu noch zu Pferde!
--Ja, M'nheer de Assistent-Resident! Wo der Dienst mich ruft, bin
ich noch immer stark und gut auf den Beinen.
--Das ist zu viel von Euch selbst verlangt! Nicht wahr, Resident?
--Der Herr Adhipatti. Ist. Sehr.
--Gut, aber es giebt da eine Grenze.
--Eifrig, schleppte der Resident hinterher.
--Gut, aber es giebt da eine Grenze, musste Havelaar noch einmal
sagen, gleich als wolle er seine ersten Worte als nichtgesagt wieder
zurückschlucken. Wenn Sie's für gut befinden, Resident, werden wir
Platz im Wagen machen. Die Babu kann hier bleiben, wir werden ihr
von Rangkas-Betung aus einen Tandu schicken. Meine Frau nimmt Max
auf den Schoss ... nicht wahr, Tine? Und dann haben wir Platz genug.
--Es. Ist. Mir.
--Verbrugge, wir werden auch für Sie einen Platz haben. Ich seh nicht
ein ...
--Recht! sagte der Resident.
--Ich seh nicht ein, warum Sie ohne zwingenden Grund zu Pferde durch
den Morast kleppern sollen ... es ist für uns alle Platz genug. Wir
können dann sogleich mit einander Bekanntschaft machen. Nicht wahr,
Tine, wir werden uns schon einrichten! Hier, Max ... Sehen Sie mal,
Verbrugge, ist das nicht ein famoses Kerlchen? Das ist unser Junge
... unser Max!
Der Resident hatte mit dem Adhipatti in der Pendoppo Platz
genommen. Havelaar rief Verbrugge, um ihn zu fragen, wem der Schimmel
mit roter Schabracke gehöre. Und wie Verbrugge sich dem Eingang der
Pendoppo genähert hatte, um zu sehen, welches Pferd er meine, legte
Havelaar ihm die Hand auf die Schulter und fragte:
--Ist der Regent immer so diensteifrig?
--Er ist ein rüstiger Mann für seine Jahre, M'nheer Havelaar,
und Sie begreifen wohl, dass er gern einen guten Eindruck auf Sie
machen möchte.
--Ja, das begreife ich. Ich habe viel Gutes von ihm gehört ... er
besitzt Bildung, nicht wahr?
--O ja ...
--Und er hat eine grosse Familie, wie?
Verbrugge sah Havelaar an, als begriffe er diesen Übergang
nicht. Das war denn auch manchmal für jemanden, der ihn nicht kannte,
schwierig. Die Behendigkeit seines Geistes liess ihn in Gesprächen
häufig einige Glieder in der logischen Kette überschlagen, und wenn
dieser Übergang auch in seinen Gedanken ohne Stockung vor sich ging,
so war es doch jemandem, der nicht so schnell auffasste oder solche
Behendigkeit nicht gewohnt war, nicht übel zu deuten, wenn er bei
solcher Gelegenheit ihn anstarrte mit der unausgesprochenen Frage auf
den Lippen: bist du verrückt ... oder wie soll ich das sonst verstehen?
So etwas konnte man denn auch in den Zügen Verbrugges gewahren,
und Havelaar musste die Frage wiederholen, bevor er antwortete:
--Ja, er hat eine sehr ausgebreitete Familie.
--Und sind Medjiets in der Abteilung in Bau begriffen? fuhr Havelaar
fort, wieder in einem Ton, der, ganz in Widerspruch mit den Worten
selbst, anzudeuten schien, dass ein Zusammenhang bestünde zwischen
diesen Moscheen und der 'grossen Familie' des Regenten.
Verbrugge antwortete, dass in der That viel an Moscheen gearbeitet
werde.
--Ja, ja, das wusste ich wohl! rief Havelaar. Und sagen Sie mir nun
einmal, ob da viel rückständig ist in der Bezahlung der Landrenten?
--Ja, das könnte wohl besser sein ...
--Freilich, und vor allem im Distrikt Parang-Kudjang, sagte Havelaar,
als fände er es bequemer, selbst zu antworten. Wie hoch ist der
Anschlag von diesem Jahr? fuhr er fort; und bemerkend, dass Verbrugge
sich einigermassen unentschlossen zeigte, als wolle er sich auf die
Antwort besinnen, kam ihm Havelaar zuvor und setzte seine Rede in
einem Atem also fort:
--Gut, gut, ich weiss es schon ... sechsundachtzigtausend und einige
hunderte ... fünfzehntausend mehr als im vorigen Jahr ... doch nur
sechstausend über das Jahr '55. Das ist seit '53 nur um achttausend
gestiegen ... und auch die Bevölkerung ist sehr dünn ... nun ja,
Malthus! In zwölf Jahren sind wir nur elf Prozent gestiegen, und
auf diese Schätzung ist noch kein Verlass, denn die Zählungen waren
früher sehr ungenau ... und sind's noch! Von '50 zu '51 besteht sogar
ein Rückgang. Auch der Viehbestand macht keine Fortschritte ... das
ist ein schlechtes Zeichen, Verbrugge! Ei Teufel, sehen Sie doch,
wie das Pferd da springt; ich glaube, es hat den Koller ... wollen
mal hingehen, Max!
Verbrugge nahm wahr, dass er den neuen Assistent-Residenten wenig
zu lehren haben würde, und dass nicht die Rede sein konnte von einem
Übergewicht durch 'lokale Anciennetät', was der gute Junge denn auch
nicht begehrt hatte.
--Aber es ist natürlich, fuhr Havelaar fort, indem er Max auf den
Arm nahm. Im Tjikandischen und im Bolangschen ist man sehr erfreut
darüber ... und die Aufständischen in den Lampongs auch. Ich möchte
Sie recht gern als Mitarbeiter gewinnen, M'nheer Verbrugge! Der Regent
ist schon ein bejahrter Mann, und wir müssen also ... sagen Sie doch,
ist sein Schwiegersohn noch immer Distriktshäuptling? Alles in allem
halte ich ihn für eine Person, die Rücksicht verdient ... der Regent,
meine ich. Ich freue mich recht, dass hier alles so zurückgeblieben
und so ärmlich ist, und ... hoffe hier lange zu bleiben.
Hierauf reichte er Verbrugge die Hand, und dieser, mit ihm an den
Tisch zurückkehrend, an dem der Resident, der Adhipatti und Mevrouw
Havelaar sassen, merkte schon etwas deutlicher als fünf Minuten
früher, dass »der Havelaar so verrückt nicht war«, wie der Kommandant
meinte. Verbrugge war keineswegs von Verstande entblösst, und er, der
die Abteilung Lebak kannte, wohl so gut, wie ein so grosser Komplex,
wo nichts gedruckt wird, von einer Person überhaupt gekannt werden
kann, er begann einzusehen, dass doch Beziehungen herrschten zwischen
den scheinbar zusammenhanglosen Fragen Havelaars, und gleichzeitig,
dass der neue Assistent-Resident, wiewohl er nie die Abteilung betreten
hatte, unterrichtet sei von dem, was da vorging. Wohl begriff er noch
immer nicht diese Freude über die Armut in Lebak, doch redete er sich
ein, dass er diesen Passus verkehrt verstanden haben müsse. Später
allerdings, als Havelaar mehrfach dasselbe zu ihm sagte, sah er ein,
wieviel Grösse und Adel hinter dieser Freude steckte.
Havelaar und Verbrugge nahmen am Tische Platz, und man wartete,
indem man den Thee einnahm und über gleichgültige Dinge sprach, bis
Dongso dem Residenten meldete, dass die frischen Pferde vorgespannt
seien. Man packte sich so gut wie möglich in den Wagen und fuhr
davon. Das Rumpeln und Stossen machte das Sprechen schwierig. Der
kleine Max wurde mit einer Banane ruhig gehalten, und seine Mutter,
die ihn auf dem Schosse hatte, wollte durchaus nicht wahr haben,
dass sie ermüdet sei, als Havelaar ihr anbot, sie von dem schweren
Jungen befreien zu wollen. In einem Augenblick unfreiwilliger Ruhe in
einem Morastloch fragte Verbrugge den Residenten, ob er mit dem neuen
Assistent-Residenten schon über Mevrouw Slotering gesprochen habe.
--M'nheer. Havelaar. Hat. Gesagt.
--Freilich, Verbrugge, warum nicht? Die Dame kann bei uns bleiben. Ich
möchte einer Dame ...
--Dass. Es. Gut. Wäre ... schleppte der Resident mit vieler Mühe
hinterher.
--Ich möchte einer Dame in ihren Umständen nicht gern mein Haus
verschliessen! Sowas versteht sich von selbst ... nicht wahr, Tine?
Auch Tine war der Ansicht, dass sich das von selbst verstünde.
--Sie haben zwei Häuser in Rangkas-Betung, sagte Verbrugge. Es ist
Raum in Überfluss vorhanden für zwei Familien.
--Nun, wenn das auch nicht der Fall wäre ...
--Ich. Wagte. Es. Ihr.
--Ei, Resident, rief Mevrouw Havelaar, da giebt's gar keinen Zweifel!
--Nicht. Zuzusagen. Denn. Es. Ist.
--Und wären es auch ihrer zehn, wenn sie nur vorlieb nähmen bei uns.
--Eine. Grosse. Last. Und. Sie. Ist.
--Aber das Reisen ist bei ihrer Lage unmöglich, Resident!
Ein heftiger Ruck des Wagens, der aus dem Morast gezogen wurde,
setzte ein Ausrufungszeichen hinter Tines Erklärung, dass Frau
Slotering unmöglich reisen könne. Jeder hatte pflichtgemäss sein
erschrecktes »hopsa!« gerufen, das auf solchen Stoss folgt, Max hatte
in seiner Mutter Schoss die Banane wiedergefunden, die er durch den
Ruck verloren hatte, und schon war man ein ganzes Ende dem demnächst
zu erwartenden Morastloch näher, als endlich der Resident beschliessen
konnte, seinen Satz zu vollenden, indem er hinzufügte:
--Eine. Eingeborne. Frau.
--O, das bleibt sich gleich, suchte Mevrouw Havelaar verständlich zu
machen. Der Resident nickte, als wie zufrieden, dass die Sache geregelt
sei, und da das Sprechen so schwer fiel, brach man das Gespräch ab.
Die genannte Frau Slotering war die Witwe von Havelaars Vorgänger, der
zwei Monate vorher gestorben war. Verbrugge, dem darauf vorläufig die
Amtsfunktionen eines Assistent-Residenten übertragen waren, hätte das
Recht gehabt, während dieser Zeit die geräumige Wohnung einzunehmen,
die zu Rangkas-Betung so wie in jeder Abteilung von Landeswegen für das
Oberhaupt der Landschaftsverwaltung hergerichtet ist. Er hatte dies
jedoch nicht gethan, zum Teil, weil er vielleicht fürchtete, zu bald
wieder ausziehen zu müssen, zum Teil, um die Benutzung derselben jener
Dame mit ihren Kindern zu überlassen. Hinwiederum wäre Raum genug
gewesen, denn ausser der sehr grossen Assistent-Residentenwohnung
selbst stand daneben auf demselben »Erbe« noch ein anderes Haus, das
früher dieser Bestimmung gedient hatte und trotz des einigermassen
baufälligen Zustandes zum Bewohnen noch immer sehr geeignet war.
Mevrouw Slotering hatte den Residenten ersucht, ihr Fürsprecher bei
dem Nachfolger ihres Ehemannes zu sein, dass derselbe ihr die Benutzung
des alten Hauses bis nach ihrer Entbindung gestatte, die sie in einigen
Monaten zu erwarten hatte. Das war das Ersuchen, dem Havelaar und seine
Frau so bereitwillig Folge gaben, etwas, das ganz in ihrer Art lag,
denn gastfrei und hülfbereit waren sie in höchstem Masse.
Wir hörten den Residenten sagen, dass Mevrouw Slotering eine
»eingeborene Frau« sei. Sie sprach nur Malayisch. Wir werden ihr später
wieder begegnen, wenn wir mit Havelaar, Tine und dem kleinen Max in der
Vorgalerie der Wohnung des Assistent-Residenten zu Rangkas-Betung,
wo unsere Reisegesellschaft nach langem Gerüttel und Geschüttel
endlich wohlbehalten ankam, Thee trinken.
Der Resident, der nur mitgekommen war, um den neuen
Assistent-Residenten in sein Amt einzusetzen, gab den Wunsch zu
erkennen, dass er noch selbigen Tages nach Serang zurückkehren möchte:
--Weil. Er.
Havelaar erklärte sich demgemäss zu aller Eile bereit ...
--So. Drängend. Zu thun. Habe.
... und es wurde die Verabredung getroffen, dass man über eine halbe
Stunde in der grossen Vorgalerie der Wohnung des Regenten sich wieder
zusammenfinden werde. Verbrugge, hierauf vorbereitet, hatte schon
mehrere Tage vorher den Distriktshäuptlingen, dem Patteh, dem Kliwon,
dem Djaksa, dem Steuereinnehmer, einigen Mantries, und schliesslich
allen inländischen Beamten, die dieser Feierlichkeit beiwohnen mussten,
Befehl gegeben, sich am Hauptplatze zu versammeln.
Der Adhipatti nahm Abschied und ritt nach Hause. Mevrouw Havelaar
besah ihre neue Wohnung und war sehr entzückt von ihr, vor allem
weil der Garten gross war, was ihr so gut schien für den kleinen Max,
der viel in die Luft musste. Der Resident und Havelaar waren auf ihre
Zimmer gegangen, um sich umzukleiden, denn bei dem feierlichen Akt,
der stattfinden sollte, war wohl das offiziell vorgeschriebene Kostüm
erforderlich. Ringsherum ums Haus standen Hunderte von Menschen,
die entweder zu Pferd den Wagen des Residenten begleitet hatten oder
zum Gefolge der aufgerufenen Häuptlinge gehörten. Die Polizei- und
Bureauaufseher liefen geschäftig hin und her. Kurzum, alles zeigte an,
dass die Eintönigkeit auf diesem vergessenen Fleckchen Erde in der
Westecke Javas für einen Augenblick von regem Leben unterbrochen war.
Alsbald fuhr der schöne Wagen des Adhipatti die Vorfahrt herauf. Der
Resident und Havelaar, strotzend von Gold und Silber, doch ein
wenig über ihre Degen strauchelnd, stiegen ein und begaben sich nach
der Wohnung des Regenten, wo sie mit Musik von Gongs und Gamlangs
empfangen wurden. Auch Verbrugge, der sein von Schlamm bespritztes
Gewand abgelegt hatte, war dort schon eingetroffen. Die Häuptlinge
geringeren Ranges sassen in grossem Kreise nach orientalischer Sitte
auf Matten zu ebener Erde, und am Ende der langen Galerie stand ein
Tisch, an dem der Resident, der Adhipatti, der Assistent-Resident,
der Kontrolleur und sechs Häuptlinge Platz nahmen. Man reichte Thee
mit Gebäck herum, und die einfache Feierlichkeit nahm ihren Anfang.
Der Resident erhob sich und verlas den Beschluss des
Generalgouverneurs, nach welchem Max Havelaar zum Assistent-Residenten
von Bantan-Kidul oder Süd-Bantam ernannt war, wie Lebak von den
Eingeborenen genannt wird. Darauf nahm er das »Staatsblatt« zur
Hand, worin der Eid stand, der bei Antritt eines Amtes allgemein
vorgeschrieben ist und der besagt:
»... dass man, um zur Würde des * * * * ernannt oder befördert
zu werden, niemandem etwas versprochen oder gegeben habe,
versprechen oder geben werde; dass man unerschütterlich treu
sein werde Seiner Majestät dem König der Niederlande; gehorsam
den Vertretern Seiner Majestät in den Indischen Regionen; dass
man peinlich erfüllen und erfüllen lassen werde die Gesetze und
Bestimmungen, die gegeben sind oder gegeben würden, und dass
man sich in allem betragen werde, wie es einem guten ... (hier:
Assistent-Residenten) gezieme.«
Darauf folgte natürlich das sakramentale: »So wahr mir helfe Gott
der Allmächtige!«
Havelaar sprach die vorgelesenen Worte nach. Als einbegriffen in
diesen Eid hätte eigentlich betrachtet werden müssen das Gelöbnis:
»der eingeborenen Bevölkerung Schutz gewähren zu wollen vor Aussaugung
und Unterdrückung«. Denn, indem man schwur, dass man die bestehenden
Gesetze und Bestimmungen handhaben werde, brauchte man nur das Auge auf
die diesbezüglichen zahlreichen Vorschriften zu wenden, um einzusehen,
dass eigentlich ein besonderer Eid hierfür überflüssig sei. Doch
der Gesetzgeber scheint der Ansicht gewesen zu sein, dass des Guten
nicht zu viel gethan werden könne, wenigstens man fordert von dem
Assistent-Residenten einen besonderen Eid, in dem diese Verpflichtung
bezüglich des geringen Mannes noch einmal ausdrücklich ausgesprochen
ist. Havelaar musste also ein zweites Mal »Gott den Allmächtigen« zum
Zeugen anrufen bei dem Gelübde: dass er »die eingeborene Bevölkerung
schützen werde vor Unterdrückung, Misshandlung und Erpressung«.
Für einen feinen Beobachter würde es sich der Mühe gelohnt haben,
auf den Unterschied zu achten, der in Haltung und Ton einerseits des
Residenten und andererseits Havelaars bei dieser Gelegenheit sich
zeigte. Beide hatten sie einer solchen Feierlichkeit zu mehreren
Malen beigewohnt. Der Unterschied, von dem ich rede, lag also nicht
in der grösseren oder geringeren Inanspruchnahme bei einer neuen
und ungewohnten Situation, sondern er war allein zurückzuführen auf
die durchaus entgegengesetzte Richtung der Charaktere und Begriffe
dieser beiden Personen. Der Resident sprach wohl etwas schneller wie
gewöhnlich, da er den Beschluss und die Eide nur abzulesen brauchte,
was ihm die Mühe ersparte, nach seinen Schlussworten zu suchen, aber
doch geschah von seiner Seite alles mit einer Würde und einem Ernst,
der dem oberflächlichen Zuschauer einen sehr hohen Begriff von der
Wichtigkeit einflössen musste, die er der Sache beimass. Havelaar
hingegen hatte, als er mit erhobenem Finger die Eide nachsprach,
in Gesicht, Stimme und Haltung etwas, das sagen zu wollen schien:
»das ist selbstverständlich, auch ohne dieses »Gott der Allmächtige«
würde ich das thun«, und wer Menschenkenntnis besass, würde mehr
Vertrauen gesetzt haben auf seine Ungezwungenheit und scheinbare
Gleichgültigkeit, als auf die würdige Amtsmiene des Residenten.
Ist es nicht in der That lächerlich, zu meinen, dass der Mann,
der berufen ist Recht zu sprechen, der Mann, dem Wohl und Wehe von
Tausenden in die Hände gegeben ist, sich gebunden erachten würde
durch ein paar schöne Worte, so er nicht, auch ohne diese Worte,
sich dazu gedrängt fühlt durch sein eigenes Herz?
Wir glauben von Havelaar, dass er die Armen und Unterdrückten, wo er
sie antreffen mochte, beschirmt haben würde, auch wenn er bei »Gott
dem Allmächtigen« das Gegenteil gelobt hätte.
Darauf folgte eine Ansprache des Residenten an die Häuptlinge,
worauf er ihnen den Assistent-Residenten als Oberhaupt der
Abteilung vorstellte, sie ermahnte, dass sie ihm gehorsam sein, ihren
Verpflichtungen getreu nachkommen sollten und was der Gemeinplätze mehr
waren. Die Häuptlinge wurden darauf einer nach dem anderen Havelaar bei
Namen vorgestellt. Er reichte jedem die Hand, und die »Installation«
war vor sich gegangen.
Man nahm im Hause des Adhipatti das Mittagsmahl ein, zu dem auch der
Kommandant Duclari genötigt war. Gleich nach Beendigung desselben
bestieg der Resident, der gern noch selbigen Abends in Serang wieder
angelangt sein wollte:
--Weil. Er. So. Besonders. Drängend. Zu thun. Habe.
... wieder seinen Reisewagen, und so kehrte zu Rangkas-Betung
wieder eine Stille ein, wie man sie voraussetzt von einer javanischen
Binnenstation, die von nur wenigen Europäern bewohnt wurde und überdies
nicht an dem Grossen Wege gelegen war.
Die Bekanntschaft zwischen Duclari und Havelaar war bald auf einen
angenehmen Ton gestimmt. Der Adhipatti gab zu erkennen, dass er sehr
eingenommen sei für seinen neuen »älteren Bruder«, und Verbrugge
erzählte später, dass auch der Resident, den er auf seiner Rückreise
nach Serang ein Stück Weges geleitet hatte, sich über die Familie
Havelaar, die auf ihrem Durchzuge nach Lebak sich einige Tage bei
ihm zu Hause aufhielt, sehr günstig ausgelassen hatte. Auch sagte
er, dass Havelaar, der bei der Regierung gut angeschrieben stünde,
höchstwahrscheinlich schnell in ein höheres Amt befördert oder
wenigstens in eine mehr »vorteilhafte« Abteilung versetzt werden würde.
Max und 'seine Tine' waren erst unlängst von einer Reise nach Europa
zurückgekehrt und fühlten sich ermüdet von einem Leben, das ich einst
sehr eigenartig ein Kofferleben habe nennen hören. Sie erachteten sich
also glücklich, nach vielem Umherschwärmen endlich einmal wieder einen
Fleck zu bewohnen, wo sie zu Hause sein durften. Vor ihrer Reise nach
Europa war Havelaar Assistent-Resident von Amboina gewesen, wo er
mit vielen Mühsalen zu kämpfen gehabt, weil die Bevölkerung dieses
Eilandes in einem gärenden und aufrührerischen Zustande verkehrte,
und zwar infolge der vielen verkehrten Massnahmen, die in der letzten
Zeit getroffen wären. Nicht ohne Federkraft hatte er diesen Geist
des Widerstandes zu unterdrücken gewusst, doch aus Verdruss über die
geringe Hülfe, die man ihm hierin von hoher Hand lieh, und aus Ärger
über die elende Verwaltung, die seit Jahrhunderten die herrlichen
Regionen der Molukken entvölkert und verwüstet ...
Der sich interessierende Leser suche auf, was über diesen Gegenstand
schon im Jahre 1825 von dem Baron Van der Capellen geschrieben wurde;
er kann die Publikationen dieses Menschenfreundes im »Indischen
Staatsblatt« dieses Jahres finden. Im Zustande jener Gegend ist seit
dieser Zeit eine Besserung nicht erfolgt!
Wie dem sei, Havelaar that auf Amboina, was in seinen Kräften lag,
doch aus Verdruss über den völligen Mangel an Mitwirkung vonseiten
derjenigen, die an erster Stelle berufen waren, seine Bemühungen zu
unterstützen, war er krank geworden, und dies hatte ihn bewogen, nach
Europa zu verziehen. Strikt genommen, hätte er bei der Wiederplazierung
Anspruch gehabt, einen günstigeren Posten zu erhalten als den in
der armen, in keiner Weise gut gestellten Abteilung Lebak, da sein
Wirkungskreis auf Amboina von grösserer Bedeutung war und er da, ohne
Residenten über sich, ganz auf sich selbst gestellt war. Überdies war,
schon bevor er nach Amboina verzog, die Rede davon gewesen, ihn zum
Residenten zu befördern, und es befremdete hiernach manchen, dass ihm
jetzt die Verwaltung einer Abteilung übertragen wurde, die so wenig
an Kulturemolumenten aufbrachte, sintemal viele die Bedeutung einer
Stellung nach den damit verknüpften Einkünften bemessen. Er selbst
freilich beklagte sich darüber durchaus nicht, denn sein Ehrgeiz war
keineswegs der Art, dass er hätte betteln mögen um höheren Rang oder
grösseren Gewinn.
Und dieses letztere wäre ihm doch gut zustatten gekommen! Denn auf
seinen Reisen in Europa hatte er das wenige verausgabt, das er in
früheren Jahren erspart. Ja, er hatte Schulden dort hinterlassen und
er war also mit einem Wort arm. Doch nimmer hätte er sein Amt als eine
Sache des Geldgewinns betrachtet, und bei seiner Ernennung nach Lebak
nahm er sich in Zufriedenheit vor, den Rückstand durch Sparsamkeit
einzuholen, worin ihn seine Frau, die in Geschmack und Bedürfnissen
sehr einfach war, mit grosser Bereitwilligkeit unterstützen würde.
Doch Sparsamkeit war für Havelaar ein schwierig Ding. Was ihn selbst
betraf, er konnte sich auf das durchaus Notwendige beschränken,
ja, ohne die mindeste Anstrengung konnte er innerhalb dessen Grenzen
bleiben. Allein wo andere der Hülfe bedurften, war ihm Helfen und Geben
eine wahre Leidenschaft. Er selbst war sich dieser Schwäche bewusst,
begründete mit all dem gesunden Verstand, der ihm gegeben war, wie
unrecht er thäte, wenn er jemanden unterstützte, wo er selbst mehr
Anspruch auf seine eigene Hülfe gehabt hätte ... fühlte dies Unrecht
noch lebendiger, wenn auch 'seine Tine' und Max, die er beide so
lieb hatte, unter den Folgen seiner Freigebigkeit zu leiden hatten
... er verwies sich seine Gutherzigkeit als Schwäche, als Eitelkeit,
als Sucht, gern für einen verkleideten Prinzen sich halten zu lassen
... er gelobte sich Besserung, und doch ... jedesmal, wenn dieser
oder jener sich als Opfer eines widrigen Schicksals vor ihm zu
gebärden wusste, vergass er alles, um zu helfen. Und das ungeachtet
der bitteren Erfahrung von den Folgen dieser durch Übertreibung zum
Fehler gewordenen Tugend. Acht Tage vor der Geburt des kleinen Max
besass er das Nötige nicht, um die eiserne Wiege zu kaufen, worin sein
Liebling ruhen sollte, und kurze Zeit vorher noch hatte er die wenigen
Schmuckstücke seiner Frau geopfert, um jemandem Beistand zu leisten,
der gewiss in besseren Verhältnissen lebte als er selbst.
Doch all dies lag schon wieder weit hinter ihnen, als sie zu Lebak
angekommen waren. Mit heiterer Ruhe hatten sie Besitz genommen von
dem Haus, »wo sie nun doch einige Zeit zu bleiben hofften«. Mit einem
eigenen Wohlgefallen hatten sie in Batavia die Möbel bestellt, die
alles so »comfortable« und gemütlich machen sollten. Sie zeigten sich
gegenseitig die Örtlichkeiten, wo sie frühstücken würden, wo der kleine
Max spielen sollte, wo der Bücherschrank stehen sollte, wo er ihr des
Abends vorlesen würde, was er tags geschrieben, denn er war stets
eifrig daran, auf dem Papier seine Gedanken zu entwickeln ... und:
»dereinst würde das auch gedruckt werden, und dann würde man sehen,
wer ihr Max sei!« Doch niemals hatte er etwas dem Druck übergeben von
dem, was in seinem Kopfe umging, weil eine gewisse Scheu ihn erfüllte,
die wohl einen Zug von Keuschheit hatte. Er selbst wenigstens wusste
diese Scheu nicht besser zu beschreiben, als indem er denen, die ihn
zu öffentlichem Auftreten anfeuerten, die Frage vorlegte: »Würdet
ihr eure Tochter auf die Strasse laufen lassen ohne Hemd?«
Das war dann wieder eine von den vielen »Schrullen«, die seiner
Umgebung das Wort eingaben, dass »dieser Havelaar doch ein sonderbarer
Mensch« sei, und wovon ich nicht das Gegenteil behaupte. Doch wenn
man sich die Mühe genommen hätte, seinen ungewöhnlichen Ausdruck
zu verdolmetschen, so würde man in dieser sonderbaren Frage mit dem
Bezug auf die Toilette eines Mädchens vielleicht den Text gefunden
haben für eine Abhandlung über die Keuschheit des Geistes, der Scheu
empfindet vor den Blicken des interesselos Vorüberbummelnden und sich
zurückzieht in sein Gehäuse mädchenhafter Sprödigkeit.
Ja, sie wollten glücklich sein zu Rangkas-Betung, Havelaar und seine
Tine! Die einzige Sorge, die sie drückte, waren die Schulden, die sie
in Europa zurückgelassen hatten, erhöht um die noch unbezahlten Kosten
der Rückreise nach Indien und um die Ausgaben für die Möblierung ihrer
Wohnung. Doch Not war keine. Sie sollten doch auch wohl von der Hälfte,
von einem Drittel seiner Einkünfte leben können? Vielleicht auch,
ja wahrscheinlich, würde er schnell Resident werden, und dann wurde
alles leicht und in kurzer Zeit geregelt ...
--Wiewohl es mir arg wider den Strich gehen würde, Tine, wenn ich Lebak
verlassen müsste, denn es ist hier viel zu thun. Du musst recht sparsam
sein, Beste, dann können wir vielleicht alles uns vom Halse schaffen,
auch ohne Beförderung ... und dann hoffe ich lange hier zu bleiben,
recht lange!
Nun brauchte er sie nicht zur Sparsamkeit anspornen. Sie war wahrlich
nicht Schuld daran, dass Sparsamkeit nötig geworden war, doch sie
war so in sein Ich verschmolzen, dass sie diese Anspornung nicht
als einen Tadel auffasste, was sie auch nicht bedeuten sollte. Denn
Havelaar wusste sehr gut, dass er allein gefehlt hatte durch seine
zu weit getriebene Freigebigkeit, und dass ihr Fehler--wenn überhaupt
ein Fehler auf ihrer Seite zu suchen war--allein darin gelegen hatte,
dass sie aus Liebe zu Max alles gutgeheissen hatte, was er that.
Ja, sie hatte es gut gefunden, dass er die beiden armen Frauen aus
der Nieuwstraat, die niemals Amsterdam verlassen hatten und niemals
»aus gewesen« waren, auf dem Haarlemer Jahrmarkt herumführte, unter
dem ergötzlichen Vorwande, dass der König ihn betraut habe mit »der
Sorge für das Amusement von alten Frauen, die sich so gut betragen
hätten«. Sie fand es gut, dass er die Waisenkinder aus allen Stiften
Amsterdams auf Kuchen und Mandelmilch einlud und sie mit Spielzeug
überschüttete. Sie begriff vollkommen, dass er die Logisrechnung
der Familie von armen Sängern bezahlte, die nach ihrem Lande zurück
wollten, doch nicht gern ihre Habe zurückliessen, wozu die Harfe
gehörte und die Violine und der Bass, die sie so nötig brauchten für
ihren elenden Betrieb. Sie konnte es nicht missbilligen, dass er das
Mädchen zu ihr brachte, das abends auf der Strasse ihn angesprochen
hatte ... dass er ihm zu essen gab, ihm Unterkunft bot und das allzu
wohlfeile »gehe hin und sündige nicht mehr!« nicht aussprach, bevor
er ihr dies »nicht sündigen« möglich gemacht hatte. Sie fand es sehr
schön von ihrem Max, dass er das Klavier zurückbringen liess in die
Wohnung des Familienvaters, den er hatte sagen hören, wie weh es
ihm thue, dass die Mädchen »nach dem Bankerott« die Musik entbehren
müssten. Sie begriff sehr gut, dass ihr Max die Sklavenfamilie zu
Menado freikaufte, die so bitter betrübt war darüber, dass sie auf
den Tisch des Auktionators steigen musste. Sie fand es natürlich,
dass Max den Alfuren in der Minahassa, deren Pferde von den
Offizieren der »Bayonnaise« totgeritten waren, dafür andere Pferde
wiedergab. Sie hatte nichts dagegen, dass er zu Menado und auf Amboina
die Schiffbrüchigen der 'whalers', der Walfischfänger, in sein Haus
rief und sie versorgte, und sich zu sehr Grandseigneur erachtete,
als dass er der Amerikanischen Regierung eine Verpflegungsrechnung
vorgelegt hätte. Sie begriff vollkommen, warum die Offiziere beinahe
jedes angekommenen Kriegsschiffes grösstenteils bei Max logierten,
und dass sein Haus ihnen ihr geliebtes Absteigequartier bedeutete.
War er nicht ihr Max? War es nicht wirklich klein, nichtig, war es
nicht ungereimt, ihn, der so fürstlich dachte, binden zu wollen an
die Vorschrift der Sparsamkeit und des Haushaltens, die für andere
gilt? Und zudem, mochte denn bisweilen auch für einen Augenblick keine
Übereinstimmung bestehen zwischen Einkünften und Ausgaben, war Max,
ihr Max, nicht bestimmt für eine glänzende Laufbahn? Musste er nicht
alsbald in Verhältnisse kommen, die ihn in stand setzen würden, ohne
Überschreitung seiner Einkünfte seinen grossherzigen Neigungen freien
Lauf zu lassen? Musste ihr Max nicht Generalgouverneur werden über
das liebe Indien, oder ... ein König? Ja, war es nicht sonderbar,
dass er nicht schon König war?
Wenn ein Fehler bei ihr gefunden werden konnte, dann war hier die
Schuld, dass sie so sehr eingenommen war für Havelaar, und wenn je,
dann galt hier das Wort: dass man viel vergeben müsse dem, der viel
geliebt!
Doch man hatte ihr nichts zu verzeihen. Ohne nun die übertriebenen
Vorstellungen zu teilen, die sie sich von ihrem Max bildete, ist es
doch erlaubt, anzunehmen, dass er eine gute Laufbahn vor sich hatte,
und wenn diese gegründete Aussicht sich verwirklicht hätte, wären
in der That die unangenehmen Folgen seiner Freigebigkeit bald aus
dem Wege zu räumen gewesen. Aber noch ein Grund von ganz anderer Art
entschuldigte ihre und seine scheinbare Sorglosigkeit.
Sie hatte sehr jung ihre Eltern verloren und war bei Angehörigen
von ihr aufgezogen. Als sie heiratete, teilte man ihr mit, dass sie
ein kleines Vermögen besitze, und man zahlte es ihr auch aus; doch
Havelaar entdeckte aus einzelnen Briefen früherer Zeit und aus einigen
losen Aufzeichnungen, die sie in einer von ihrer Mutter ererbten
Kassette aufbewahrte, dass ihre Familie sowohl von väterlicher wie
mütterlicher Seite sehr reich gewesen war, ohne dass ihm gleichwohl
deutlich werden wollte, wo, wodurch oder wann dieser Reichtum verloren
gegangen war. Sie selbst, die sich nie um Geldsachen bekümmert hatte,
wusste wenig oder nichts zu antworten, als Havelaar sich angelegen sein
liess, bezüglich der früheren Besitzverhältnisse ihrer Verwandten
einige Auskunft von ihr zu erlangen. Ihr Grossvater, der Baron
van W., war mit Wilhelm V. nach England entwichen und im Heer des
Herzogs von York Rittmeister gewesen. Er schien mit den entkommenen
Gliedern der Statthalterfamilie ein lustiges Leben geführt zu haben,
was denn auch von vielen als Ursache des Niederganges seiner günstigen
Vermögensverhältnisse angegeben wurde. Später, bei Waterloo, fiel
er bei einem Angriff unter den Husaren von Boreel. Rührend war es,
die Briefe ihres Vaters zu lesen--damals eines Jünglings von achtzehn
Jahren, der als Leutnant bei diesem Korps in demselben Angriff einen
Säbelhieb über den Kopf bekam, an dessen Folgen er acht Jahre später
im Irrsinn sterben sollte--Briefe an seine Mutter, in denen er ihr
sein Weh klagte, wie er ergebnislos auf dem Schlachtfelde nach dem
Leichnam seines Vaters gesucht hatte.
Was ihre Abkunft mütterlicherseits angeht, erinnerte sie sich,
dass ihr Grossvater auf sehr ansehnlichem Fusse gelebt hatte, und
aus einigen Papieren wurde ersichtlich, dass dieser im Besitz des
Postbetriebes in der Schweiz gewesen war, in der Art wie jetzt noch in
einem grossen Teile Deutschlands und Italiens dieser Einkommenszweig
die »Apanage« der Fürsten von Thurn und Taxis ausmacht. Dies liess ein
grosses Vermögen voraussetzen, aber auch hiervon war durch gänzlich
unbekannte Ursachen nichts oder wenigstens sehr wenig auf das zweite
Glied übergegangen.
Havelaar vernahm das wenige, was darüber zu vernehmen war, erst nach
seiner Eheschliessung, und bei seinen Nachforschungen erweckte es seine
Verwunderung, dass die Kassette, von der ich soeben sprach--und die sie
mit dem Inhalt aus einem Gefühl der Pietät aufbewahrte, ohne zu ahnen,
dass darin Stücke enthalten sein könnten, die in geldlicher Hinsicht
von Wert waren--auf unbegreifliche Weise verloren gegangen war. Wie
uneigennützig auch, er gründete auf diese und viele andere Umstände
die Meinung, dass dahinter ein 'roman intime' sich verstecke, und man
mag es ihm nicht übel deuten, dass er, der er für seine kostspielige
Veranlagung viel nötig hatte, mit Freude diesen Roman ein glückliches
Ende hätte nehmen sehen. Wie es nun auch sein möge mit dem wirklichen
Bestehen dieses Romans, und ob nun »Raub« stattfand oder nicht,
gewiss ist, dass in Havelaars Phantasie etwas geboren wurde, was man
einen »Millionentraum« nennen könnte.
Doch eigenartig war es wiederum, dass er, der so genau und
scharf dem Rechte eines andern--wie tief es auch begraben
sein mochte unter staubigen Akten und dicken Gespinnsten von
Advokatenkniffen--nachgespürt und es verteidigt haben würde, dass er
hier, wo sein eigenes Interesse im Spiel war, nachlässig den Augenblick
verpasste, wo vielleicht die Sache hätte angefasst werden müssen. Er
schien eine gewisse Scham zu empfinden, hier, wo es seinen eigenen
Vorteil galt, und ich glaube bestimmt, wenn 'seine Tine' mit einem
anderen verheiratet gewesen wäre, mit jemandem, der sich an ihn mit
dem Ersuchen gewendet hätte, er möchte das Spinnengewebe zerstören,
worin der grossväterliche Wohlstand hängen geblieben war, ich glaube,
dass es ihm geglückt wäre, 'die interessante Waise' in den Besitz des
Vermögens zu setzen, das ihr gehörte. Doch nun war diese interessante
Waise seine Frau, ihr Vermögen war das seine, und so fand er etwas
Kaufmännisches, Entwürdigendes darin, in ihrem Namen zu fragen:
»Seid ihr mir nicht noch etwas schuldig?«
Und doch konnte er diesen Millionentraum nicht von sich schütteln,
und wäre dies auch nur gewesen, um eine Rechtfertigung dafür bei
der Hand zu haben, wenn er, was häufig vorkam, es an sich tadelte,
dass er zu viel Geld ausgab.
Erst kurz vor der Rückkehr nach Java, als er schon viel gelitten
hatte unter dem Drucke des Geldmangels, als er sein trotziges Haupt
hatte beugen müssen unter die furca caudina so manchen Gläubigers,
war es ihm gelungen, seine Trägheit oder seine Scheu zu überwinden, um
die Millionen gegenständlich zu machen, die er noch zu gute zu haben
meinte. Und man antwortete ihm mit einer alten Rechnungsaufstellung
... ein Argument, wie man weiss, gegen das nichts ins Feld zu
führen ist.
Doch sie würden so sparsam sein zu Lebak! Und warum auch nicht? Es
irren in so einem unkultivierten Lande nicht spät abends Mädchen
über die Strasse, die ein wenig Ehre zu verkaufen haben für ein
wenig Essen. Es schwärmen da nicht so viel Menschen herum, die von
problematischen Berufen leben. Da kommt es nicht vor, dass eine
Familie auf einmal zu Grunde geht durch Schicksalswendung ... und
derart waren doch gewöhnlich die Klippen, an denen die guten Vorsätze
Havelaars scheiterten. Die Zahl der Europäer in dieser Abteilung war so
gering, dass sie nicht in Anschlag kam, und der Javane in Lebak zu arm,
als dass er--bei welcher Wendung des Loses immer--die Aufmerksamkeit
erregen könnte durch noch grössere Armut. Tine überdachte dies alles
wohl nicht so--hierzu hätte sie sich doch deutlicher, als sie es aus
Liebe zu Max thun mochte, Rechenschaft geben müssen von den Ursachen
ihrer nicht sehr günstigen Verhältnisse--aber es lag in ihrer neuen
Umgebung etwas, das Ruhe atmete, und es mangelten hier alle Anlässe,
die--mit mehr oder minder romanhaftem Hintergrunde--früher Havelaar
so oftmals hatten sagen lassen:
--Nicht wahr, Tine, das ist nun doch ein Fall, dem ich mich nicht
entziehen kann?
Und worauf sie stets geantwortet hatte:
--Freilich nein, Max, dem kannst du dich nicht entziehen!
Wir werden sehen, wie das einfache, scheinbar unbewegte Lebak
Havelaar mehr kostete als alle früheren Exzesse seines Herzens
zusammengenommen. Aber das wussten sie nicht! Sie sahen mit Vertrauen
in die Zukunft und fühlten sich so glücklich in ihrer Liebe und im
Besitz ihres Kindes ...
--O, sieh doch, wieviel Rosen in dem Garten, rief Tine, und da auch
Rampeh und Tjempaka, und so viel Melattis, und sieh mal die schönen
Lilien ...
Und, Kinder, die sie waren, hatten sie eine unschuldige Freude an
ihrem Hause. Und als abends Duclari und Verbrugge nach einem Besuch bei
Havelaars nach ihrer gemeinschaftlichen Wohnung zurückkehrten, sprachen
sie viel über die kindliche Fröhlichkeit der neu angekommenen Familie.
Havelaar begab sich auf sein Bureau und blieb dort die Nacht über
bis zum folgenden Morgen.