8. Dass alle Unsittlichkeit vermieden werden solle.

9. Dass mein Name nicht auf dem Titel stehen solle, denn ich

bin Makler.

10. Dass Stern eine deutsche, eine französische und eine englische

Übersetzung meines Buches herausgeben könne, weil--so

behauptete er--solche Werke besser im Auslande verstanden

würden als bei uns.

11. (Darauf drang Stern sehr stark:) Dass ich Shawlmann ein Ries

Papier, ein Gross Federn und eine Kruke Tinte schicken sollte.

Ich erklärte mich mit allem einverstanden, denn es hatte grosse Eile

mit meinem Buch. Stern hatte am folgenden Tag sein erstes Kapitel

fertig, und so siehst du nun die Frage beantwortet, Leser, wie es

kommt, dass ein Makler in Kaffee--Last & Co., Lauriergracht 37--ein

Buch schreibt, das mit einem Roman Ähnlichkeit hat.

Kaum hatte Stern mit seiner Arbeit begonnen, und er stiess auf

Schwierigkeiten. Ausser der Mühe, aus so viel Baustoffen das

Nötige herauszusuchen und alles aneinanderzureihen, kamen noch

fortwährend in den Manuskripten Wörter und Ausdrücke vor, die er nicht

verstand und die auch mir fremd waren. Es war meistens javanisch

oder malayisch. Auch waren hier und da Abkürzungen angebracht, die

schwer zu entziffern waren. Ich sah ein, dass wir Shawlmann nötig

hatten, und da ich es für einen jungen Menschen nicht gut finde,

dass er unrechte Konnexionen anknüpft, wollte ich weder Fritz noch

Stern zu ihm senden. Ich nahm einige Konfektstücke mit, die vom

letzten Abendkränzchen übrig geblieben waren--denn ich denke stets an

alles--und ich suchte ihn auf. Glänzend war seine Behausung nicht,

doch die Gleichheit für alle Menschen, also auch was die Wohnungen

angeht, ist ein Hirngespinst. Er selbst hatte das gesagt in seiner

Abhandlung über die Ansprüche auf Glück. Überdies, ich halte nichts

von Menschen, die ewig unzufrieden sind.

Seine Wohnung befand sich in der Langen-Leydener-Querstrasse, nach

hinten liegend. Im Unterhause wohnte ein Trödler, der alle möglichen

Dinge verkaufte, Tassen, Schüsseln, Möbel, alte Bücher, Glaswaren,

Bildnisse von Van Speyk und dergleichen mehr. Ich hatte Angst, dass

ich was zerbräche, denn in solchem Fall fordern die Menschen immer

mehr Geld für die Sachen, als sie wert sind. Ein kleines Mädchen sass

auf der Schwelle und kleidete ihre Puppe an. Ich fragte, ob M'nheer

Shawlmann dort wohnte. Sie lief weg, und die Mutter kam.

--Ja, der wohnt hier, M'nheer. Gehn Sie nur die Treppe rauf nach 'n

ersten Flur und dann die Treppe nach 'n zweiten Flur und dann noch

'ne Treppe und dann sind Sie da, denn Sie kommen ganz von selbst

hin. Minchen, sag' doch mal eben Bescheid, dass 'n Herr da ist. Was

kann sie sagen, wer da ist, M'nheer?

Ich sagte, dass ich M'nheer Droogstoppel sei, Makler in Kaffee, von

der Lauriergracht, doch dass ich mich wohl gleich selbst vorstellen

würde. Ich kletterte so hoch, wie mir gesagt war, und hörte auf

dem dritten Flur eine Kinderstimme singen: »Gleich kommt Vater, mein

süsser Papa«. Ich klopfte, und die Thür wurde von einer Frau geöffnet,

oder einer Dame--ich weiss selbst nicht recht, was ich aus ihr machen

soll. Sie sah sehr bleich aus. Ihre Züge trugen Spuren von Müdigkeit

und liessen mich an meine Frau denken, wenn sie die Wäsche hinter

sich hat. Sie war gekleidet in ein langes weisses Hemd, oder in eine

Jacke ohne Taille, die ihr bis an die Knie hing und an der Vorderseite

mit einer schwarzen Nadel befestigt war. An Stelle eines Kleides oder

Rocks, wie es sich gehört, trug sie darunter ein Stück dunkel geblümter

Leinwand, das einige Male um den Leib gewickelt schien und ihre Hüften

und Kniee ziemlich eng umschloss. Keine Spur von Falten, von genügender

Weite oder Umfang, wie sich das doch für eine Frau ziemt. Ich war froh,

dass ich Fritz nicht geschickt hatte, denn ihre Kleidung kam mir sehr

unschicklich vor, und der sonderbare Eindruck wurde noch verstärkt

durch die Ungeniertheit, mit der sie sich bewegte, als fühlte sie sich

ganz wohl so. Das Weib schien keineswegs zu wissen, dass sie nicht

aussah wie andere Frauen. Auch kam es mir so vor, als wenn mein Kommen

sie keineswegs verlegen machte. Sie versteckte nichts unterm Tisch,

rückte nicht mit den Stühlen und that nichts, was man doch sonst zu

thun pflegt, wenn ein Fremder von nobler Erscheinung kommt.

Sie hatte die Haare hintenüber gekämmt wie eine Chinesin und sie hinten

auf dem Kopf zu einer Art Schlinge oder Knoten zusammengebunden. Später

habe ich vernommen, dass ihre Kleidung eine Art indischer Tracht ist,

die sie dazulande »Sarong« und »Kabaai« nennen, aber ich fand es doch

sehr hässlich.

--Sind Sie Frau Shawlmann? fragte ich.

--Wen habe ich die Ehre zu sprechen? sagte sie, und zwar in einem Ton,

der mir anzudeuten schien, dass auch ich etwas mehr »Ehre« in meine

Frage hätte legen dürfen.

Nun, Komplimente sind nicht meine Sache. Mit einem Geschäftskunden

ist das was anderes, und ich bin zu lange geschäftlich thätig, um

meine Welt nicht zu kennen. Aber viel Bücklinge zu machen auf einer

dritten Etage, das hielt ich nicht für nötig. Ich sagte also kurz,

dass ich M'nheer Droogstoppel wäre, Makler in Kaffee, Lauriergracht

37, und dass ich ihren Mann sprechen wollte. Was brauchte ich denn

da viel Umstände machen!

Sie bot mir einen Küchenstuhl an und nahm ein kleines Mädchen auf den

Schoss, das auf dem Boden sass und spielte. Der kleine Junge, den ich

hatte singen hören, sah mich stramm an und beguckte mich von oben bis

unten. Der schien mir auch durchaus nicht verlegen! Es war ein Bengel

von etwa sechs Jahren, auch schon so sonderbar gekleidet. Sein weites

Höschen reichte knappernot bis zur Mitte des Schenkels, und die Beine

waren von da ab bloss bis auf die Knöchel. Sehr unanständig finde

ich das. »Kommst du, um Papa zu sprechen?« fragte er auf einmal, und

mir wurde da sofort klar, dass die Erziehung von dem Jungen viel zu

wünschen übrig liess, sonst hätte er »Kommen Sie« gesagt. Doch weil

ich mich in meiner Situation nicht recht wohl fühlte und was reden

wollte, antwortete ich:

--Ja, Kerlchen, ich komme, um deinen Papa zu sprechen. Wird er wohl

bald kommen, denkst du?

--Das weiss ich nicht. Er ist aus und sucht Geld, um mir einen

Tuschkasten zu kaufen.

--Still, meine Junge, sagte die Frau. Spiele mal mit deinen Bildern

oder mit der chinesischen Spieldose.

--Du weisst doch, dass der Herr gestern alles mitgenommen hat.

Auch seine Mutter nannte er »du«, was in Holland gerade nicht als

feine Sitte gilt, und es schien ein »Herr« dagewesen zu sein, der

alles »mitgenommen hatte« ... ein spassiger Besuch! Die Frau schien

auch nicht bei Laune, denn sie wischte sich heimlich die Augen, als

sie das kleine Mädchen zu ihrem Bruder hinbrachte. »Da, sagte sie,

spiel' 'n bisschen mit Nonni.« Ein seltsamer Name. Und das that er.

--Nun, Frau Shawlmann, fragte ich, erwarten Sie Ihren Mann bald zurück?

--Ich kann nichts Bestimmtes sagen, antwortete sie.

Da liess auf einmal der kleine Junge seine Schwester, mit der er

»Kahnfahren« gespielt hatte, im Stich und fragte mich:

--M'nheer, warum sagst du zu Mama: »Frau«?

--Wie denn, Bürschchen, was muss ich denn sonst sagen?

--Na ... so wie andere Menschen! Die »Frau« ist unten. Die verkauft

Schüsseln und Brummkreisel.

Nun bin ich Makler in Kaffee--Last & Co., Lauriergracht No. 37--wir

sind unser dreizehn auf dem Kontor, und wenn ich Stern mitzähle,

der kein Salair empfängt, sind es vierzehn. Nun wohl, meine Ehefrau

ist »Frau«, und ich sollte nun zu solchem Weib »Mevrouw« sagen? Das

ging doch nicht! Jeder muss in seinem Stande bleiben, und, was mehr

bedeutet, gestern hatten die Gerichtsvollzieher den ganzen Kram

weggeholt. Ich fand mein »Frau« also gut, und blieb dabei.

Ich fragte, warum Shawlmann nicht bei mir vorgesprochen hätte,

um sein Paket wieder abzuholen. Sie schien davon zu wissen und

sagte, dass sie auf Reisen gewesen wären, nach Brüssel. Dass er da

für die »Indépendance« gearbeitet habe, dass er jedoch nicht hätte

bleiben können, weil seine Artikel Ursache waren, dass das Blatt an

der französischen Grenze so oft zurückgewiesen wurde. Dass sie vor

einigen Tagen nach Amsterdam zurückgekehrt seien, weil Shawlmann hier

eine Stellung erhalten sollte ...

--Gewiss bei Gaafzuiger? fragte ich.

Ja, so war es. Doch das war nichts Rechtes, sagte sie. Nun, hiervon

wusste ich mehr als sie selbst. Er hatte die »Aglaja« fallen lassen

und war faul, dünkelhaft und kränklich ... nur darum war er weggejagt.

Und, fuhr sie fort, gewiss werde er dieser Tage zu mir kommen und

vielleicht jetzt gerade zu mir hin sein, um sich Antwort auf das von

ihm gestellte Ersuchen zu holen.

Ich sagte, dass Shawlmann ruhig mal kommen könne, doch dass er nicht

klingeln solle, denn das ist so unbequem für das Mädchen. Wenn er

einen Augenblick wartete, sagte ich, würde die Thür wohl mal offen

gehen, wenn jemand heraus müsste. Und darauf ging ich fort und nahm

meine Zuckersachen wieder mit, denn, geradeaus gesagt, es gefiel mir

da nicht. Ich fühlte mich nicht wohl dort. Ein Makler ist doch kein

Dienstmann, dünkt mich, und ich kann doch wohl behaupten, dass ich

anständig aussehe. Ich hatte meinen Rock mit Pelzgarnitur an, und doch

sass sie da so kommode und plauderte so ruhig mit ihren Kindern, wie

wenn sie allein gewesen wäre. Obendrein, sie schien geweint zu haben,

und unzufriedene Menschen kann ich nicht vertragen. Auch war es kalt

und unbehaglich--gewiss weil der ganze Hausstand weggeholt war--und

ich gebe viel auf Behaglichkeit in einem Zimmer. Während ich nach

Hause ging, beschloss ich, es noch einmal mit Bastians anzusehen;

denn ich setze nicht gern jemanden auf die Strasse.

Nun folgt die erste Woche von Stern. Es ist selbstverständlich,

dass viel drin vorkommt, das mir nicht gefällt. Aber ich muss mich

an Artikel 2 halten, und die Rosemeyers haben es gut gefunden. Ich

glaube zu bemerken, dass sie sich viel Mühe um Stern geben, weil er

einen Onkel in Hamburg hat, der in Zucker macht.

Shawlmann war in der That dagewesen. Er hatte Stern gesprochen und

ihm einige Wörter und Dinge erklärt, die er nicht verstand. Die Stern

nicht verstand, meine ich. Ich ersuche nun den Leser, sich durch

die folgenden Kapitel durchzuarbeiten, dann verspreche ich, dass ich

hinterher wieder etwas von mehr solider Art bringen werde, von mir,

Batavus Droogstoppel, Makler in Kaffee: Last & Co., Lauriergracht

No. 37.

Max Havelaar · 第 23 / 109 题