Bevor ich weiter gehe, habe ich euch zu sagen, dass der junge Stern
gekommen ist. Es ist ein artiger Bursche. Er scheint gewandt und
tüchtig, aber ich glaube, dass er ein bisschen schwärmt. Marie ist
dreizehn Jahr. Seine Einkleidung ist recht ansehnlich. Ich habe ihn ans
Kopierbuch gesetzt, damit er sich im holländischen Stil üben kann. Ich
bin neugierig, ob nun bald Ordres von Ludwig Stern kommen werden. Marie
soll ein Paar Pantoffeln für ihn sticken ... für den jungen Stern,
mein' ich. Busselinck & Waterman haben hinter den Reusen gefischt. Ein
anständiger Makler benutzt keine Schleichwege, das sage ich!
Am Tage nach der Gesellschaft bei den Rosemeyers, die in Zucker
machen, rief ich Fritz und gebot ihm, mir das Paket von Shawlmann zu
bringen. Ihr müsst wissen, Leser, dass ich in meiner Familie sehr
ängstlich auf Religion und Sittlichkeit sehe. Nun, am Abend zuvor,
gerade als ich meine erste Birne geschält hatte, las ich auf dem
Gesicht von einem der Mädchen, dass etwas in dem Gedicht vorkam, das
nicht schicklich war. Ich selbst hatte nicht hingehört nach dem Kram,
aber ich bemerkte, dass Betsy ihr Brot verkrümelte, und das war mir
genug. Ihr werdet einsehen, Leser, dass ihr es mit jemandem zu thun
habt, der weiss, wie es in der Welt zugeht. Ich liess mir also von
Fritz das schöne Stück vom vorhergehenden Abend vorlegen und ich fand
sehr bald die Stelle, die Betsys Brot verkrümelt hatte. Es wird da
gesprochen von einem Kind, das an der Brust der Mutter liegt--das
geht ja noch--aber: »das kaum dem mütterlichen Schoss entstiegen
ist«, sieh, das fand ich nicht gut--dass man davon spricht, mein'
ich--und meine Frau auch nicht. Marie ist dreizehn Jahr. Von Adebars
wird bei uns nicht gesprochen, auch nicht von Kohlköpfen oder den
Teichen, wo die Kinder herkommen sollen, aber so die Sachen beim
Namen zu nennen, finde ich ungehörig, denn mein ganzes Trachten
ist durchaus auf Sittlichkeit gerichtet. Ich liess mir von Fritz,
der das Ding nun einmal »auswendig wusste«, wie Stern das nennt,
versprechen, dass er es nicht wieder aufsagen würde--wenigstens nicht,
bevor er Mitglied von »Doctrina« ist, denn dahin kommen keine jungen
Mädchen--und dann barg ich es in meinem Schreibtisch ... das Gedicht,
mein' ich. Doch ich musste wissen, ob nicht noch mehr in dem Paket war,
das Anstoss erregen konnte. Da ging ich ans Suchen und Blättern. Alles
lesen konnte ich nicht, denn ich fand Sprachen darin, die ich nicht
verstehe; doch ei! da fiel mein Auge auf ein dickes Heft: »Bericht
über die Kaffeekultur in der Residentschaft Menado«.
Mein Herz hüpfte vor Freude, weil ich Makler in Kaffee
bin--Lauriergracht No. 37--und »Menado« ist eine gute Marke. Also
dieser Shawlmann, der so unsittliche Verse machte, hatte auch in
Kaffee gearbeitet! Ich sah nun das Paket mit ganz andern Augen an,
und ich fand Stücke darin, die ich wohl nicht alle begriff, die aber
wirklich Geschäftskenntnis verrieten. Es fanden sich da Listen,
Angaben, ziffernmässige Berechnungen, an denen nichts von Reim zu
erkennen war, und alles war mit so viel Sorgfalt und Genauigkeit
bearbeitet, dass ich, geradeaus gesagt--denn ich halte was von der
Wahrheit--auf die Idee kam, dass dieser Shawlmann, wenn es mit dem
dritten Kontoristen mal nichts mehr wäre--was schon kommen kann,
da er alt und stümperig wird--ganz gut dessen Platz würde ausfüllen
können. Es versteht sich von selbst, dass ich mir erst Informationen
einholen würde über Ehrlichkeit, Glauben und Betragen, denn ich nehme
niemand aufs Kontor, bevor ich darüber nicht Sicherheit habe. Das
ist ein fester Grundsatz bei mir. Ihr habt das aus meinem Brief an
Ludwig Stern ersehen.
Ich wollte Fritz nichts davon merken lassen, dass ich dem Inhalt des
Pakets Wichtigkeit beizumessen anfing, und schickte ihn deshalb weg. Es
wurde mir wirklich duselig im Kopf, wie ich so die verschiedenen Teile
einen nach dem andern aufnahm und die Überschriften las. Es ist wahr,
viel Verse waren darunter, aber auch viel Nützliches, und ich musste
staunen über die Verschiedenheit der behandelten Gegenstände. Ich
gebe zu--denn ich gebe was auf Wahrheit--dass ich, der ich immer in
Kaffee gemacht habe, nicht im stande bin, den Wert von dem allen zu
beurteilen, aber auch ohne diese Beurteilung: allein die Liste der
Überschriften war schon kurios. Da ich euch die Geschichte von dem
Griechen erzählt habe, wisst ihr schon, dass ich in meiner Jugend
einigermassen latinisiert worden bin, und wie sehr ich mich auch in
der Korrespondenz aller Citate enthalte--was auf einem Maklerkontor
auch nicht recht am Platz ist--so dachte ich doch, als ich dies alles
sah: »Multa, non multum«. Oder: »De omnibus aliquid, de toto nihil.«
Doch das kam eigentlich mehr von einer Art Drang zu widersprechen und
von einem gewissen Bedürfnis, die Gelehrsamkeit, die da vor mir lag,
in Latein anzusprechen, als dass ich es genau so meinte. Denn wo ich
längere Einsicht in das eine oder andere Stück nahm, musste ich mir
gestehen, dass der Autor wohl auf der Höhe seiner Aufgabe zu stehen
schien, und sogar, dass er grosse Solidität in seinen Beweisführungen
an den Tag legte.
Ich fand da Abhandlungen und Aufsätze:
Über das Sanskrit als Mutter der germanischen Sprachzweige.
Über die Strafbestimmungen, Kindesmord betreffend.
Über den Ursprung des Adels.
Über den Unterschied in den Begriffen: Unendliche Zeit und Ewigkeit.
Über die Wahrscheinlichkeitsrechnung.
Über das Buch Hiob. (Ich fand noch etwas über Hiob, aber das waren
Verse.)
Über Protëine in der atmosphärischen Luft.
Über die Politik Russlands.
Über die Vokale.
Über Zellengefängnisse.
Über die alten Hypothesen vom »horror vacui«.
Über das Wünschenswerte der Abschaffung von Strafbestimmungen, die
die Beleidigung betreffen.
Über die Ursachen des Aufstandes der Niederländer gegen Spanien,
nicht zu suchen in dem Streben nach Gewissensfreiheit und politischer
Freiheit.
Über das »perpetuum mobile«, die Quadratur des Zirkels und die Wurzel
von wurzellosen Zahlen.
Über die Schwere des Lichts.
Über den Rückgang der Kultur seit dem Entstehen des
Christentums. (Nanu?)
Über die isländische Mythologie.
Über den »Emile« von Rousseau.
Über die »Civile Rechtsforderung« in Sachen des Kaufhandels.
Über den Sirius als Mittelpunkt eines Sonnensystems.
Über das Einfuhrbesteuerungs-Gesetz, als unzweckmässig, rücksichtslos,
ungerecht und unsittlich. (Davon hatte ich niemals etwas gehört.)