Als ich tags darauf von der Börse kam, sagte Fritz, dass jemand
da gewesen sei, der mich sprechen wollte. Der Beschreibung nach
war es der Shawlmann. Wie er mich gefunden hatte ... nun ja, die
Adresskarte! Ich überlegte mir, ob ich nicht meine Kinder von der
Schule nehmen sollte, denn es ist lästig, dass einem noch zwanzig,
dreissig Jahre später von einem Schulkameraden nachgesetzt wird,
der einen Shawl trägt statt eines Überziehers, und der nicht weiss,
wie spät es ist. Auch habe ich Fritz verboten, nach dem Westermarkt
zu gehen, wenn Buden dort stehen.
Den folgenden Tag empfing ich einen Brief mit einem grossen Paket. Ich
werde euch den Brief lesen lassen:
Werter Droogstoppel!
Ich finde, dass er wohl hätte sagen können: »Hochgeehrter Herr
Droogstoppel, wo ich doch Makler bin.
Ich bin gestern bei Ihnen gewesen mit der Absicht, Sie um etwas zu
ersuchen. Ich glaube, dass Sie in guten Verhältnissen verkehren ...
Das ist wahr, wir sind unser dreizehn auf dem Kontor.
... und ich möchte Ihren Kredit in Anspruch nehmen, um eine Sache
zustande zu bringen, die für mich von grosser Bedeutung ist.
Sollte man nicht denken, dass es sich um eine Ordre auf die
Frühjahrsversteigerung handelt?
Durch vielerlei verwickelte Umstände bin ich im Augenblick
einigermassen um Geld verlegen.
Einigermassen? Er hatte kein Hemd an. Das nennt er 'einigermassen'!
Ich kann meiner lieben Frau nicht alles geben, was nötig ist, um
das Leben angenehm zu machen, und auch die Erziehung meiner Kinder
ist, aus finanziellen Gründen, nicht so, wie ich es wohl möchte.
Das Leben angenehm zu machen? Erziehung der Kinder? Meint ihr, dass
er seiner Frau eine Loge in der Oper mieten und seine Kinder auf ein
Institut in Genf geben wollte? Es war Herbst und recht kalt ... nun,
er wohnte unterm Dach, in ungeheiztem Raum. Als ich den Brief empfing,
wusste ich dies nicht, aber später bin ich bei ihm gewesen, und
jetzt noch kann ich mich nicht genug wundern über den albernen Ton in
seinem Schreiben. Zum Donnerwetter, wer arm ist, kann sagen, dass er
arm ist! Arme muss es geben, das ist nötig in der Gesellschaft, und
es ist Gottes Wille. Wenn er nur kein Almosen verlangt und niemandem
lästig fällt, hab' ich durchaus nichts dagegen, dass er arm ist, aber
diese Ziererei bei der Sache finde ich nicht angebracht. Hört weiter:
Da auf mir die Verpflichtung ruht, für die Bedürfnisse der Meinen
zu sorgen, habe ich beschlossen, ein Talent auszunutzen, das,
wie ich glaube, mir gegeben ist. Ich bin Dichter ...
Puh! Ihr wisst, Leser, wie ich und alle verständigen Menschen darüber
denken.
... und Schriftsteller. Seit meiner Kindheit drückte ich meine
Empfindungen in Versen aus, und auch später schrieb ich täglich
nieder, was umging in meiner Seele. Ich glaube, dass unter dem
allen einige Sachen sind, die Wert haben, und ich suche dafür
einen Verleger. Aber das ist just das Schwierige. Das Publikum
kennt mich nicht, und die Verleger beurteilen die Arbeiten mehr
nach dem gefestigten Namen des Autors, als nach ihrem Inhalt.
Geradeso wie wir den Kaffee nach dem Renommée der Marken. Na
gewiss! Wie sonst wohl?
Wenn ich nun annehmen darf, dass meine Arbeit nicht ganz ohne
Verdienst ist, so würde sich das doch erst wirklich zeigen nach
der Herausgabe, und die Buchhändler verlangen die Bezahlung von
Druckkosten u. s. w. im voraus ...
Darin haben sie sehr recht.
... was mir in diesem Augenblick nicht gelegen kommt. Da ich
gleichwohl überzeugt bin, dass meine Arbeit die Kosten decken
würde und ruhig darauf mein Wort verpfänden dürfte, so bin ich,
ermutigt durch unsere vorgestrige Begegnung ...
Das nennt er ermutigen!
... zu dem Entschluss gekommen, Sie zu fragen, ob Sie für mich
bei einem Buchhändler Bürgschaft leisten wollen für die Kosten
einer ersten Auflage, sei es auch nur eines kleinen Bändchens. Ich
überlasse die Auswahl bei diesem ersten Versuch ganz Ihnen. In dem
Paket, das anbei folgt, werden Sie viele Manuskripte finden und
daraus ersehen, dass ich viel gedacht, gearbeitet und durchgemacht
habe ...
Ich habe nie gehört, dass er irgendwie Geschäfte machte.
... und wenn die Gabe, meine Empfindungen auszudrücken, mir nicht
ganz und gar mangelt, ist gewiss nicht der Mangel an Eindrücken
schuld, dass ich keinen Erfolg haben sollte.
In Erwartung einer freundlichen Antwort verbleibe ich Ihr alter
Schulkamerad ...
Und sein Name stand darunter. Doch den verschweige ich, weil ich
nicht darauf erpicht bin, jemanden in der Leute Mund zu bringen.
Werte Leser, ihr begreift gewiss, was ich für ein Gesicht zog, als man
mich so auf einmal zum Makler in Versen erhöhen wollte. Mir ist gewiss,
dass dieser Shawlmann--so will ich ihn nur fortan nennen--wenn der
Mann mich bei Tage gesehen hätte, sich nicht mit solch einem Ersuchen
an mich gewendet haben würde. Denn Würde und Achtbarkeit lassen sich
nicht verbergen. Doch es war Abend, und ich ziehe es mir also nicht an.
Es ist selbstverständlich, dass ich von diesen Possen nichts wissen
wollte. Ich hätte das Paket durch Fritz zurückbringen lassen, aber ich
wusste seine Adresse nicht, und er liess nichts von sich hören. Ich
dachte, er sei krank, oder tot, oder sonst was.
Vorige Woche nun war Kränzchen bei den Rosemeyers, die in Zucker
machen. Fritz war zum erstenmal mitgegangen. Er ist sechzehn Jahre,
und ich finde es gut, dass ein junger Mensch in die Welt kommt. Sonst
läuft er nach dem Westermarkt oder thut sonst was. Die Mädchen hatten
Piano gespielt und gesungen, und beim Dessert neckten sie sich mit
etwas, was im Vorderzimmer passiert zu sein schien, als wir hinten
beim Whist sassen, und es schien sich dabei um Fritz zu handeln. »Ja,
ja, Luise«, rief Betsy Rosemeyer, »geweint hast du! Papa, Fritz hat
Luise zum Weinen gebracht.«
Meine Frau sagte darauf, dass Fritz dann in Zukunft nicht mehr mit
sollte aufs Kränzchen. Sie dachte, dass er Luise gekniffen hätte oder
sonst etwas, was sich nicht schickte, und auch ich machte mich daran,
ein herzhaftes Wort beizufügen, als Luise rief:
--Nein, nein, Fritz ist sehr lieb gewesen! Ich möchte, dass er es
noch einmal thäte!
Was denn?--Er hatte sie nicht gekniffen, er hatte deklamiert, da
habt ihr's.
Natürlich sieht die Frau vom Hause gern, dass beim Nachtisch eine
kleine Artigkeit zum Besten gegeben wird. Das macht die Sache
voll. Mevrouw Rosemeyer--die Rosemeyers lassen sich Mevrouw nennen,
weil sie in Zucker machen und an einem Schiff Anteile haben--Mevrouw
Rosemeyer erkannte, dass etwas, das Luise zu Thränen brachte, auch
uns ergötzen müsse, und verlangte ein Dacapo von Fritz, der errötete
wie ein Puter. Ich konnte um alles in der Welt nicht spitz kriegen,
was er wohl vorgebracht haben mochte, denn ich kannte sein Repertoire
auf ein Haar. Dieses war: »Die Götterhochzeit«, »Die Bücher des Alten
Testaments, in Reime gesetzt«, und eine Episode aus der »Hochzeit
des Kamacho«, die die Jungen immer so gern haben, weil etwas von
einem »geheimen Gemach« darin vorkommt. Was unter dem allen sein
konnte, das Thränen entlockte, war mir ein Rätsel. Es ist ja wahr,
so'n Mädchen weint ja bald.
»Man zu, Fritz! Ach ja, Fritz! Komm, Fritz!« So ging es, und
Fritz begann. Da ich nichts davon halte, dass des Lesers Neugier
raffiniertermassen in Spannung gehalten wird, will ich nur gleich
sagen, dass sie zu Hause das Paket von Shawlmann geöffnet hatten,
und daraus hatten Fritz und Marie eine Naseweisheit und eine
Sentimentalität sich angeeignet, die mir später viel Schwierigkeiten
ins Haus gebracht haben. Doch muss ich bekennen, Leser, dass dies Buch
auch seinen Ursprung in dem Paket hat, und ich werde mich seinerzeit
gehörig dieserhalb verantworten, denn ich gebe was darauf, dass man
mich als jemanden betrachte, der die Wahrheit lieb hat und der auf
seine Geschäfte achtgiebt. Unsere Firma ist Last & Co., Makler in
Kaffee, Lauriergracht No. 37.
Darauf rezitierte Fritz ein Ding, das aus lauter Unsinn
zusammenhing. Nein, es hing nicht zusammen. Ein junger Mensch schrieb
an seine Mutter, dass er verliebt gewesen wäre, und dass sein Mädchen
sich mit einem andern verheiratet habe--woran sie sehr recht that,
finde ich--dass er aber, ungeachtet dessen, stets viel von seiner
Mutter hielte. Sind diese paar Worte deutlich oder nicht? Findet ihr,
dass da viel Weitläufigkeit nötig ist, um das zu sagen? Nun, ich habe
ein Brötchen mit Käse gegessen, darauf zwei Birnen geschält, und ich
hatte gut halb die dritte verspeist, als Fritz mit seiner Erzählung
erst zu Rande war. Aber Luise weinte wieder, und die Damen sagten,
dass es sehr schön sei. Darauf erzählte Fritz, der, wie ich glaube, der
Meinung war, ein grosses Stück verrichtet zu haben, dass er das Ding
in dem Paket von dem Mann gefunden habe, der einen Shawl trüge, und
ich setzte den Herren auseinander, wie dasselbe in mein Haus gekommen
war. Aber von der Griechin sagte ich nichts, da Fritz zugegen war,
und ebenso nichts von dem Kapelsteg. Jeder fand, dass ich ganz recht
gehandelt hatte, indem ich mich von dem Mann losmachte. Das Ding,
das Fritz rezitierte, war 1843 in Indien in der Gegend von Padang
geschrieben, und das ist eine minderwertige Marke. Der Kaffee, meine
ich. Aber gleich werdet ihr sehen, dass in dem Paket auch andere Dinge
von mehr solider Art waren, und davon kommt das eine und andere auch
in diesem Buche vor, da die Kaffeeauktionen der Handelsgesellschaft
damit in Verbindung stehen. Denn ich lebe für mein Fach.