Menni

»Ich beobachtete aufmerksam die Stimmung der Genossen und sehe nun, daß

die Mehrheit auf seiten Nettis ist. Das freut mich sehr, denn auch meine

Ansicht deckt sich ungefähr mit der ihren. Ich möchte nur noch eine

praktische Erläuterung hinzufügen, die mir äußerst wichtig erscheint. Es

besteht für den Fall, daß wir uns zu einer Massenkolonisation auf einem

anderen Planeten entschließen, die ernste Gefahr, daß unsere technischen

Mittel in kürzester Zeit nicht mehr ausreichen werden.

Wir vermögen zehntausend große Aetheroneffs herzustellen, und es kann

geschehen, daß es uns an den zur Fortbewegung nötigen Stoffen mangelt.

Jene radiumausstrahlende Materie, vermittels derer sich die Aetheroneffs

für gewöhnlich bewegen, müßte um das Hundertfache vermehrt werden.

Inzwischen aber versiegen die alten Lager, und neue werden immer

seltener entdeckt.

Sie müssen auch wissen, daß wir der radiumausstrahlenden Materie nicht

nur dazu bedürfen, um dem Aetheroneff seine ungeheure Geschwindigkeit zu

verleihen. Sie wissen ja, daß unsere ganze technische Chemie auf diesen

Stoffen beruht. Wir bedürfen ihrer auch zur Erzeugung der Minus-Materie,

ohne die sich unsere Aetheroneffs und unsere zahllosen Luftschiffe in

nutzlose schwerfällige Kisten verwandeln würden. Diesem unentbehrlichen

Gebrauch dürfen wir die Materie nicht entziehen.

Noch ärger ist, daß die einzige Möglichkeit, die Kolonisation zu

ersetzen, die Synthese des Eiweiß, aus dem gleichen Mangel an

radiumausstrahlenden Stoffen zur Unmöglichkeit wird. Eine technisch

leichte und entsprechende fabrikmäßige Herstellung der ungeheuer

komplizierten Synthese des Eiweiß ist undenkbar bei der alten Methode

der Synthese, einer äußerst komplizierten Methode. Sie wissen, daß es

uns bereits vor etlichen Jahren gelang, auf diesem Wege ein vorzügliches

Eiweiß herzustellen, aber nur in geringer Quantität und bei einem großen

Verlust an Energie und Zeit, so daß die ganze Arbeit ausschließlich eine

theoretische Bedeutung besaß. Die Massenproduktion des Eiweiß aus

unorganischen Stoffen ist nur möglich vermittels der raschen und

scharfen Umwandlung des chemischen Bestandes, der bei uns von einem

nicht stabilen Element zu einer stabilen Materie wird. Die erfolgreiche

Durchführung dieses Prozesses erfordert von zehntausend Arbeitern eine

Spezialforschung über die Gewinnung des Eiweiß, sowie Millionen von

neuen Experimenten. Demnach würde selbst im Fall eines Erfolges eine

ungeheure Vergeudung der Kollektivaktivität unvermeidlich sein, eine

Vergeudung, der wir nicht gewachsen sind.

Von diesem Gesichtspunkt aus gilt es, schleunigst die einzige für uns

wichtige Frage zu beantworten: vermögen wir neue Quellen der

radiumausstrahlenden Stoffe zu entdecken? Und wo sollen wir diese

suchen? Offensichtlich auf einem anderen Planeten, das heißt: entweder

auf der Erde oder auf der Venus. Meiner Ansicht nach muß der erste

Versuch unbedingt auf der Venus gemacht werden.

Was die Erde anbelangt, so können wir annehmen, daß sich auf ihr

reichliche Vorräte an radioaktiven Elementen befinden. Bei der Venus

hingegen ist diese _Tatsache bereits festgestellt_. Wo sich auf der Erde

diese Quellen befinden, ist uns unbekannt, denn jene, die von den

Erdengelehrten gefunden wurden, taugen nichts. Auf der Venus aber

entdeckte unsere Expedition sofort die bewußten Quellen. Außerdem

befinden sich diese ganz nahe der Erdoberfläche, sind leicht erreichbar,

so daß wir ihr Bestehen vermittels der Photographie feststellen konnten,

während sich jene der Erde, gleich den unseren, tief unter dem Erdboden

befinden. Wollten wir auf der Erde das Radium suchen, so müßten wir bis

in die Tiefen dringen, wie das auch auf unserem Planeten der Fall ist.

Dies aber bedeutete einen Verlust von vielleicht zehn Jahren, und es

bestünde auch noch die Gefahr, daß wir uns in der Wahl des Ortes geirrt

haben. Auf der Venus hingegen gilt es bloß, die bereits gefundenen Lager

auszubeuten, und dies kann ohne jegliche Verzögerung geschehen.

Deshalb halte ich es für unbedingt notwendig, unabhängig davon, wie wir

die Frage der Massenkolonisation lösen, sofort an eine teilweise,

vielleicht auch nur vorübergehende Kolonisation der Venus zu schreiten,

zu dem ausschließlichen Zweck, die dort befindliche radioaktive Materie

zu gewinnen.

Die uns von der Natur entgegengestellten Hindernisse sind freilich

ungeheuer groß, doch brauchen wir sie ja augenblicklich nicht völlig zu

überwinden. Es gilt nur, von einem kleinen Teil des Planeten Besitz zu

ergreifen. Wir müssen demnach eine große Expedition ausrüsten, die

nicht, wie die erste, Monate auf der Venus verbringt, sondern Jahre, und

deren Zweck es ist, das Radium zu gewinnen. Selbstverständlich muß zur

gleichen Zeit ein energischer Kampf wider die Natur geführt werden, das

Klima, wider die uns noch unbekannten Krankheiten, sowie gegen andere

Gefahren. Es wird viele Opfer geben, vielleicht wird auch nur ein

geringer Teil der Expedition heimkehren. Der Versuch jedoch muß gemacht

werden.

Als erstes Feld unserer Tätigkeit kommt die »Insel des glühenden

Sturmes« in Betracht. Ich habe deren Natur genau studiert und einen

detaillierten Plan unserer Tätigkeit ausgearbeitet. Wenn Sie, Genossen,

jetzt bereit sind, diesen zu beurteilen, so werde ich ihn sofort

vorlegen.«

(Niemand erhob Einwände, und Menni ging an die Erläuterung seines

Planes, der sich mit allen technischen Einzelheiten befaßte. Nach

Beendigung seiner Rede traten noch andere Redner auf, doch nahmen sie

alle Mennis Vorschlag an, besprachen nur die Details. Etliche zweifelten

an dem Erfolg der Expedition, alle aber waren damit einverstanden, daß

sie unternommen werde. Schließlich wurde die von Menni vorgeschlagene

Resolution angenommen.)

Der rote Stern: Ein utopischer Roman · 第 35 / 48 题