Der Mord

Die gewaltige Bestürzung, die mich übermannt hatte, verhinderte selbst

den Versuch, meine Gedanken zu sammeln. Ich fühlte bloß, daß ein kalter

Schmerz wie mit eisernen Fingern mein Herz zusammenpresse. Vor meinem

Bewußtsein erhoben sich mit halluzinierender Lebendigkeit Sternis

riesenhafte Gestalt, sein unerbittlich gelassenes Gesicht. Alles übrige

versank in schwerem, nächtlichem Chaos.

Wie ein Automat verließ ich die Bibliothek und bestieg mein Luftschiff.

Der durch den raschen Flug erzeugte kalte Wind hüllte mich wie ein

Mantel ein und erweckte in mir auf irgendeine Art einen neuen Gedanken,

einen Gedanken, der gleichsam in meinem Bewußtsein erstarrte und in mir

die Gewißheit hervorrief: eines müsse geschehen. Heimgekehrt, ging ich

daran, den Gedanken zu verwirklichen; all dies geschah schier

mechanisch, als handelte nicht ich, sondern ein anderer.

Ich schrieb dem Leiter des Fabrikrates, daß ich auf einige Zeit meine

Arbeit aufgebe. Enno sagte ich, wir müßten uns vorläufig trennen. Sie

blickte mich beunruhigt, forschend an, erblaßte, sprach jedoch kein

Wort. Bloß im Augenblick des Abschieds fragte sie, ob ich nicht Nella

sehen möchte. Ich verneinte und küßte Enno zum letzten Mal.

Dann versank ich in ein dumpfes, tödliches Grübeln. Kalter Gram ließ

mich erschaudern, zerriß meine Gedanken. Von Nettis und Mennis Reden war

mir bloß eine blasse, gleichgültige Erinnerung geblieben, als wären sie

etwas Unwichtiges, Uninteressantes. Nur ein einziges Mal durchzuckte

mein Gehirn die Erkenntnis: also deshalb verließ mich Netti, von dieser

Expedition hängt _alles_ ab. Hingegen hatte ich Sternis Worte und sogar

ganze Sätze seiner Rede getreu im Gedächtnis behalten: »Das

Unvermeidliche muß _begriffen_ werden ... einige Millionen Zellenwesen

... die völlige Ausrottung der Erdenmenschheit ... er wurde von einer

schweren psychischen Krankheit befallen ...« Doch vermochte ich weder

Zusammenhänge, noch einen Ausweg zu finden. Bisweilen erschien mir die

Ausrottung der Erdenmenschheit als eine bereits vollzogene Tatsache,

aber auf unklare, abstrakte Art. Mein Schmerz wurde größer, und in mir

erwachte der Gedanke, daß an dieser Ausrottung ich die Schuld trage.

Dann wieder sah ich ein, daß ja noch nichts geschehen war, vielleicht

niemals etwas derartiges geschehen würde. Aber selbst das vermochte

nicht meinen Kummer zu lindern. Ich konstatierte bei mir: »Alle werden

sterben ... auch Anna Nikolajewna ... und der Arbeiter Vania ... und

Netti, nein, Netti bleibt am Leben, sie ist ein Marsmensch ... sonst

aber werden alle sterben ... doch ist dies nicht grausam, denn sie

werden nicht leiden ... so sagte Sterni ... alle werden sterben, weil

ich erkrankte ... das bedeutet, daß ich daran die Schuld trage ...«

Zerrissene schwere Gedanken erstarrten in meinem Bewußtsein, kalt,

reglos. Und zugleich mit ihnen schien die Zeit stehen zu bleiben.

Auf mir wuchtete eine schwere, qualvolle, nicht abzuschüttelnde Last.

Die Gespenster befanden sich nicht außerhalb meiner selbst; in meiner

Seele hockte ein einziges, schwarzes Gespenst, und dieses Gespenst

bedeutete für mich _alles_. Ich sah kein Ende der Qual, war doch die

Zeit stehen geblieben.

Der Gedanke an Selbstmord suchte mich heim, drang aber nicht völlig in

mein Bewußtsein. Der Selbstmord erschien mir nutzlos und öde, -- konnte

er denn meinen schwarzen Gram heilen? Ich vermochte nicht an den

Selbstmord zu glauben, weil ich den Glauben an mein Sein verloren hatte.

Qual, Kälte und Haß existierten, aber mein »Ich« verlor sich in ihnen,

wie etwas Richtiges, unsäglich Kleines. Es gab kein »Ich«.

Es kamen Augenblicke, da meine Stimmung so unerträglich war, daß in mir

der wilde Wunsch erwachte, mich auf meine ganze Umgebung zu stürzen, auf

Lebendiges und Totes, alles zu zerschlagen, zu zerreißen, zu vernichten,

damit davon auch nicht die geringste Spur zurückbleibe. Doch besaß ich

noch genügend Verstand, um zu wissen, daß dies sinnlos und kindisch

wäre; ich biß die Zähne zusammen und beherrschte mich.

Ohne Unterlaß umkreisten meine Gedanken Sterni; sein Bild haftete starr

in meinem Bewußtsein, war der Mittelpunkt aller Qualen und Leiden.

Allmählich, äußerst langsam, kristallisierte sich um diesen Mittelpunkt

ein Entschluß heraus, der immer klarer und fester ward: »Ich muß Sterni

sehen«. Weshalb, aus welchem Grund ich ihn sehen wollte, vermochte ich

nicht zu sagen. Ich wußte bloß, daß ich es tun müsse. Zugleich aber fiel

es mir qualvoll schwer, die auf mir lastende Starre und Unbeweglichkeit

zu durchbrechen, um meinen Entschluß auszuführen.

Ich begab mich in den großen Observatoriumssaal und sprach dort zu einem

der Arbeiter: »Ich muß Sterni sehen.« Der Genosse ging, um Sterni zu

rufen, kehrte nach wenigen Augenblicken zurück und erklärte, Sterni sei

eben mit der Prüfung eines Instrumentes beschäftigt, er werde in einer

Viertelstunde frei sein, und ich möge so lange in seinem Arbeitszimmer

warten.

Der Genosse führte mich ins Arbeitszimmer. Ich setzte mich in einen

Lehnstuhl vor den Schreibtisch und wartete. Der Raum war voll der

verschiedensten Apparate und Maschinen, von denen ich einige kannte,

während mir die anderen fremd waren. Meinem Lehnstuhl gegenüber ragte

ein Instrument mit einem schweren Metallstativ auf, an dessen Ende sich

drei Messer befanden. Auf dem Tisch lag ein offenes Buch über die Erde

und deren Bewohner. Ich begann mechanisch darin zu lesen, hielt aber

schon nach den ersten Zeilen inne und versank in ein dem früheren

ähnliches Grübeln. In meinem Inneren fühlte ich, zusammen mit der alten

Qual, eine unbezwingliche, fast krampfartige Erregung. So verging die

Zeit.

Auf dem Korridor wurden schwere Schritte vernehmbar, die Tür öffnete

sich, und Sterni betrat das Zimmer; auf seinen Zügen lag der

gewöhnliche, gelassen beschäftigte Ausdruck. Er setzte sich in den

Lehnstuhl auf der anderen Seite des Schreibtisches und blickte mich

fragend an. Ich schwieg. Er wartete noch einen Augenblick, wandte sich

dann an mich mit der Frage: »Womit kann ich Ihnen dienen?«

Ich verharrte noch immer stumm, starrte ihn an, als wäre er ein lebloser

Gegenstand. Er zuckte kaum merklich die Achseln und lehnte sich

abwartend im Lehnstuhl zurück.

»Nettis Mann ...« sprach ich schließlich halbbewußt, mit Anstrengung,

mehr zu mir selbst, als zu ihm.

»Ich war Nettis Mann«, verbesserte er mich gelassen. »Wir haben uns

bereits vor langer Zeit getrennt.«

»Die Ausrottung ... wird nicht ... grausam ...« stammelte ich, langsam

fast unbewußt jenen Gedanken Ausdruck verleihend, die mein Gehirn

durchwirbelten.

»Also darum handelt es sich«, meinte er ruhig. »Jetzt ist doch davon

nicht mehr die Rede. Es wurde, wie Sie ja wissen, ein völlig anderer

Beschluß gefaßt.«

»Ein anderer Beschluß ...«, wiederholte ich mechanisch.

»Was meinen damaligen Plan anbelangt«, fuhr Sterni fort, »so muß ich

zugeben, daß ich ihn noch nicht gänzlich aufgegeben habe. Doch bin ich

von seiner Richtigkeit nicht mehr so fest überzeugt.«

»Nicht mehr so fest ...« wiederholte ich abermals.

»Ihre Genesung und Ihre Teilnahme an unserer Gemeinschaftsarbeit haben

zum Teil meine Argumente widerlegt ...«

»Ausrottung ... zum Teil ...« murmelte ich, und das ganze von mir

empfundene Leid und Weh mochten wohl aus meiner unbewußten Ironie

klingen. Sterni erblaßte, schaute mich bekümmert an. Dann trat Schweigen

ein.

Jählings preßte die kalte Hand des Schmerzes mit übermächtiger,

ungeahnter Kraft mein Herz zusammen. Ich warf mich in den Lehnstuhl

zurück, um den in mir aufsteigenden wahnsinnigen Schrei zu unterdrücken.

Meine Finger umklammerten krampfhaft etwas Hartes, Kaltes. Ich fühlte in

der Hand eine schwere Waffe. Mein Kummer verwandelte sich in sinnlose

Verzweiflung. Ich schnellte vom Lehnstuhl empor und führte gegen Sterni

einen gewaltigen Schlag.

Eines der drei Messer fiel auf ihn nieder; ohne einen Laut stürzte er

zur Seite wie ein lebloser Körper.

Ich rannte auf den Korridor hinaus und sprach zum ersten mir begegnenden

Genossen: »Ich habe Sterni getötet.« Der Genosse erbleichte und eilte

ins Arbeitszimmer, doch mußte er sich wohl auf den ersten Blick

überzeugt haben, daß es hier keine Rettung mehr gebe, denn er kehrte

sofort zu mir zurück. Er führte mich in seine Stube, beauftragte einen

anderen Genossen, telephonisch einen Arzt zu berufen und sich dann zu

Sterni zu begeben. Wir blieben allein zurück. Anscheinend konnte er sich

nicht entschließen, mit mir zu sprechen. Ich selbst brach das Schweigen,

indem ich ihn fragte:

»Ist Enno hier?«

»Nein«, entgegnete er, »sie fuhr für einige Tage zu Nella.«

Wir schwiegen abermals, bis sich der Arzt einfand. Er versuchte mich

über das Vorgefallene zu befragen, doch erwiderte ich, ich wolle nichts

sagen. Dann brachte er mich in die nahegelegene Heilanstalt für

Geisteskranke.

Hier stellte man mir ein großes behagliches Zimmer zur Verfügung, und

ich wurde lange Zeit nicht belästigt. Etwas Besseres konnte ich mir gar

nicht wünschen.

Für mich erschien jetzt die Lage völlig geklärt. Ich hatte Sterni

getötet und dadurch alles vereitelt. Die Marsbewohner sahen nun an einem

lebendigen Beispiel, was sie von einer Annäherung an die Erdenmenschen

erwarten durften. Sie sahen, daß sogar jener, den sie für befähigt

gehalten hatten, ihr Leben zu teilen, ihnen nichts anderes zu bringen

vermocht hatte, als Gewalt und Tod. Sterni war tot, aber seine Idee

feierte ihre Auferstehung. Die letzte Hoffnung entschwand, die Erdenwelt

war verdammt. Und an all dem trug ich die Schuld.

Nach dem Mord kreisten diese Gedanken in meinem Gehirn, beherrschten es

zusammen mit der Erinnerung an meine Tat. Anfangs eignete der kalten

Gewißheit eine Art Beruhigung. Dann aber steigerten sich Qual und

Schmerz ins Grenzenlose.

Ich empfand gegen mich selbst die heftigste Abneigung. Fühlte mich als

Verräter an der ganzen Menschheit. Einen Augenblick lang empfand ich die

unklare leise Hoffnung, die Marsbewohner würden mich töten, doch

erkannte ich dann, ich müsse sie allzu sehr ekeln, und daß ihre

Verachtung für mich sie daran hindern würde. Freilich verbargen sie ihre

Abneigung gegen mich, dennoch bemerkte ich sie trotz all ihrer

Bemühungen genau.

Ich weiß nicht, wie viel Zeit auf diese Art verstrich. Endlich betrat

der Arzt das Zimmer und teilte mir mit, ich solle mich auf die Rückkehr

nach der Erde vorbereiten. Ich glaubte, dies bedeute ein verschleiertes

Todesurteil, doch empfand ich keinen Wunsch, mich dagegen zu wehren. Bat

nur, mein Leichnam möge von allen Planeten so weit wie möglich geworfen

werden, damit ich diese nicht verunreinige.

Die Eindrücke der Rückreise sind äußerst unklar und verschwommen. In

meiner Umgebung sah ich keine bekannten Gesichter, sprach auch mit

niemandem. Mein Bewußtsein war zwar nicht getrübt, doch bemerkte ich

nichts von meiner Umgebung. Mir war alles einerlei.

Der rote Stern: Ein utopischer Roman · 第 36 / 48 题