»Das Weltenleben ist einheitlich, sprach Sterni. Und was schlug er uns
vor?
Einen einzigartigen Typus dieses Lebens auf ewig zu vernichten,
auszurotten, einen Typus, den wir niemals wiederbeleben, noch ersetzen
können.
Hundert Millionen Jahre lebte der schöne Planet, lebte sein besonderes
eigenes Leben, war anders als die übrigen ... Aus den mächtigen
Elementen ging das Bewußtsein hervor, erhob sich im grausamen und harten
Kampf von den niedersten Stufen zu den höchsten, bis zu der uns nahen,
verwandten _menschlichen Form_. Diese Form ist nicht _die gleiche_ wie
die unsere, wurde beeinflußt von der Geschichte einer anderen Natur,
eines anderen Kampfes; sie birgt in sich andere Gewalten, andere
Widersprüche, andere Entwicklungsmöglichkeiten. Nun brach die Epoche an,
da sich die Möglichkeit einer Vereinigung der beiden großen Lebenslinien
ergibt. Welche Mannigfaltigkeit, welche erhabene Harmonie könnte sich
aus dieser Vereinigung entfalten! Und nun wird uns gesagt: das
Weltenleben ist einheitlich, deshalb sollen wir es nicht vereinigen --
sondern zerstören.
Als Sterni bewies, wie sehr sich die Erdenmenschen, deren Geschichte und
Sitten, sowie deren Psychologie von der unseren unterscheiden,
widerlegte er selbst seine Ideen weit mehr, als ich dies zu tun vermag.
Glichen die Erdenmenschen uns in allem, ausgenommen in ihrer
Entwicklungsstufe, wären sie das, was unsere Vorfahren zur Zeit unseres
Kapitalismus gewesen sind, dann könnte ich Sterni zustimmen: die
niederen Stufen müssen den höheren, die Schwachen den Starken geopfert
werden. Aber die Erdenmenschen sind etwas anderes; sie sind nicht nur
von niedrigerer Kultur und schwächer als wir, sie sind auch anders als
wir. Wollten wir sie beseitigen, so würden wir sie nicht in der
Entwicklung der Welt ersetzen, sondern bloß auf mechanische Art jene
Leere ausfüllen, die wir in der herrschenden Form des Lebens verursacht
hätten.
Der grundlegende Unterschied zwischen den Erdenmenschen und uns liegt
nicht in der grausamen und barbarischen Kultur der Erde. Barbarei und
Grausamkeit sind nur vorübergehende Erscheinungen jener allgemeinen
_Verschwendung_ im Entwicklungsprozeß, durch die sich das ganze
Erdenleben kennzeichnet. Dort erscheint der Kampf ums Dasein energischer
und mühevoller, das Ringen mit der Natur nimmt vielartigere Formen an
und die Entwicklung fordert weit mehr Opfer. Und dies kann auch gar
nicht anders sein; denn die Erde erhält vom Quell alles Lebens, der
Sonne, achtmal mehr Lichtenergien als unser Planet. Deshalb entwickeln
und verbreiten sich dort so viele Leben, eine so große Verschiedenheit
der Formen, aus denen sich gewaltige Widersprüche ergeben, so viele
schmerzliche Hemmungen, deren Schlichtung gar oft scheitert. Im
Pflanzen- und Tierreich herrschte erbitterter Kampf, das Leben und der
Tod dieser Arten aber ergaben neue, vollendetere und harmonischere,
synthetischere Typen. Dies ist auch im Reich der Menschen der Fall.
Wenn wir unsere Geschichte mit jener der Erdenmenschen vergleichen, so
erscheint erstere erstaunlich einfach, frei von Irrtümern, und fast
schematisch richtig. Der ruhige, friedliche Uebergang vom Kapitalismus
zum Sozialismus, das Verschwinden der Kleinbürger, das stufenweise sich
entwickelnde Proletariat, all dies geschah ohne Schwanken und
Zusammenstöße auf dem ganzen Planeten, der zu einer politischen Einheit
verbunden war. Freilich wurde gekämpft, doch verstand ein Mensch den
anderen, das Proletariat blickte nicht allzuweit voraus, die Bourgeoisie
war in ihrer Reaktion nicht utopisch, die verschiedenen Epochen und
gesellschaftlichen Formen vermischten sich nicht derart stark wie auf
der Erde, wo in einem hoch kapitalistischen Land bisweilen das Einsetzen
einer feudalen Reaktion möglich ist, und wo eine zahlreiche
Bauernschaft, die sich kulturell in einer ganz anderen historischen
Periode befindet, häufig den oberen Klassen als Werkzeug zur Abwürgung
des Proletariats dient. Wir gingen einen ebenen, glatten Weg, erreichten
vor einigen Generationen jenen Aufbau, der alle Kräfte der
sozialistischen Entwicklung entbindet und vereinigt.
Unsere Erdenbrüder hingegen mußten einen anderen Weg gehen, einen
dornenvollen Weg voller Krümmungen und Klüfte. Wenigen von uns ist
bekannt, und keiner von uns vermag sich klar vorzustellen, bis zu
welcher Stufe die Kunst des Menschenschindens selbst bei den
kultiviertesten Völkern der Erde gediehen war, keiner von uns kennt
genau die politisch organisierte Herrschaft der oberen Klassen,
ausgedrückt in Kirche und Staat. Und was ist das Ergebnis? Eine
Verlangsamung der Entwicklung? Nein, wir haben keinen Grund, dies zu
behaupten, denn von den ersten Stadien des Kapitalismus entwickelte sich
im Wirrsal und in den grausamen Kämpfen der verschiedensten Arten das
proletarische Bewußtsein nicht langsamer, sondern schneller als bei uns,
-- wo die Wandlung stufenweise und ruhiger vor sich ging. Die Härte und
Erbarmungslosigkeit des Kampfes aber erzeugte in den Kämpfern eine
derartige Fülle an Energie und Leidenschaft, einen solchen Heldenmut und
eine so gewaltige Leidenskraft, wie sie der aussichtsreichere und weit
weniger tragische Kampf unserer Vorfahren gar nicht kennt. Bei diesem
Typus des Erdenlebens sind die Menschen nicht niedriger, sondern höher
als wir, wenngleich wir, deren Kultur älter ist, auf einer viel höheren
Stufe stehen.
Die Erdenmenschen sind gespalten, die verschiedenen Rassen und Nationen
eng verwachsen mit ihren Ländern und historischen Traditionen, sie reden
verschiedene Sprachen, und ein gegenseitiges tiefgreifendes
Nichtverstehen kennzeichnet alle ihre Verhältnisse ... All das trifft zu
und es ist auch wahr, daß die allgemeinmenschliche Vereinigung, die sich
mit großer Anstrengung einen Weg über alle Grenzen bahnt, bei unseren
Erdenbrüdern weit später verwirklicht werden wird, als dies bei uns der
Fall war. Betrachten Sie aber die Ursache und werten Sie deren Folgen.
Die Spaltung wurde verursacht durch die Größe der Erdenwelt, den
Reichtum und die Mannigfaltigkeit ihrer Natur. Das führte zu den
verschiedensten Auffassungen über das Weltall. Ist aber all dies etwa
der Beweis, daß die Erdenmenschheit niederer und nicht höher steht als
unsere Welt in den analogen Epochen der Geschichte?
Schon die rein mechanische Verschiedenheit der Sprachen, in denen die
Menschen reden, unterstützte die Entwicklung des Denkens, befreite den
Begriff von der plumpen Herrschaft des Wortes. Vergleichen Sie die
Philosophie der Erdenmenschen mit jener unserer kapitalistischen Ahnen.
Die Philosophie der Erde ist nicht nur weit vielseitiger, sondern auch
weit feiner, sie geht nicht nur von einem bei weitem komplizierteren
Material aus, sondern ihre Analyse ist, in den besten Schulen, eine viel
tiefgründigere, die weit richtiger die Verbindung der Tatsachen und
Begriffe darstellt. Selbstverständlich ist jede Philosophie der Ausdruck
der Schwäche und der fehlerhaften Erkenntnis, hervorgerufen durch
mangelhafte wissenschaftliche Entwicklung; der Versuch, ein
einheitliches Bild des Seins zu geben, ist ein unbeschriebenes Blatt der
wissenschaftlichen Erfahrung, deshalb wird auch von der Erde die
Philosophie verschwinden, wie dies bei uns mit dem wissenschaftlichen
Monismus geschah. Betrachten Sie aber, wie viele philosophische
Voraussetzungen, gegeben von den ersten Denkern und Kämpfern bereits in
groben Umrissen die Entdeckungen unserer Wissenschaft voraussehen -- so
zum Beispiel fast alle sozialwissenschaftlichen Philosophien. Es ist
klar, daß eine Rasse, die unsere Ahnen in der Schaffung einer
Philosophie übertraf, auch imstande sein wird, diese in der Schaffung
einer Wissenschaft zu übertreffen.
Und Sterni will diese Menschen aus der Liste der Gerechten streichen
mitsamt den bewußten Sozialisten, die sich unter ihnen befinden; er will
sie nach ihren niedersten Widersprüchen beurteilen, nicht aber nach
jenen Kräften, die zur gegebenen Zeit diese Widersprüche ausgleichen
werden. Er will auf ewig diesen stürmischen, aber schönen Ozean des
Lebens austrocknen.
Fest und entschlossen müssen wir ihm die Antwort geben: _niemals_!
Wir müssen unseren künftigen Bund mit der Erdenmenschheit vorbereiten.
Freilich können wir den Uebergang zu einer freien Welt nur wenig
beschleunigen, aber auch das Wenige, was wir zu leisten vermögen, sind
wir zu tun verpflichtet. Und wenn es uns nicht gelang, den ersten
Abgesandten der Erde vor unnötigen Leiden und Krankheiten zu bewahren,
-- so gereicht dies keineswegs zu unserer Ehre. Zum Glück wird er bald
hergestellt sein, und selbst wenn ihn der allzu rasche Uebergang in ein
ihm fremdes Leben tötete, so hat er immerhin viel für den künftigen Bund
der beiden Welten geleistet.
Unsere eigenen Schwierigkeiten und Gefahren müssen wir auf eine andere
Art besiegen. Neue wissenschaftliche Kräfte müssen sich mit der
chemischen Herstellung der Eiweißstoffe befassen und wir müssen, soweit
dies möglich ist, die Kolonisation der Venus vorbereiten. Gelingt es uns
nicht, diese Aufgabe in kürzester Zeit zu erfüllen, so müssen wir
vorübergehend die Vermehrung einschränken. Welcher vernünftige
Geburtshelfer opferte nicht das Leben des ungeborenen Kindes, um die
Frau zu retten? Auch wir müssen, wenn dies unvermeidlich wird, einen
Teil jenes Lebens opfern, das noch nicht ist, um das, wenn auch fremde
Leben zu retten, das schon besteht und sich entwickelt. Die Verbindung
der Welten wird dieses Opfer reichlich lohnen.
Die Einheitlichkeit des Lebens ist das höchste Ziel, und Liebe ist die
höchste Weisheit!«
(Tiefes Schweigen. Dann ergriff Menni das Wort.)