Bei Nella

Enno war seit ihrer frühesten Jugend mit Netti befreundet gewesen und

wußte mir über sie viel zu erzählen. Während eines unserer Gespräche

wurden Nettis und Sternis Namen in einer gewissen Verbindung genannt,

die mir merkwürdig erschien. Als ich darauf eine direkte Frage stellte,

überlegte Enno eine Weile, wurde schier verwirrt und erwiderte

schließlich:

»Netti war früher Sternis Frau. Wenn sie Ihnen dies nicht gesagt hat, so

steht mir kein Recht zu, darüber zu reden. Ich beging offensichtlich

einen Irrtum und Sie dürfen mich nicht weiter befragen.«

Das Vernommene erschütterte mich seltsam ... Eigentlich war es ja nichts

Neues, Unerwartetes ... Ich hatte niemals angenommen, daß ich Nettis

erster Mann sei. Es wäre Torheit gewesen, zu glauben, daß eine

lebensvolle, gesunde Frau mit schönem Leib und schöner Seele, das Kind

einer freien, hochkultivierten Rasse, bis zu unserer Begegnung ohne

Liebe gelebt habe. Weshalb also meine unbegreifliche Verblüffung? Ich

vermochte keine Erklärung dafür zu finden, kannte bloß ein Gefühl: ich

müsse alles erfahren, alles genau und klar wissen. Enno zu befragen,

ging offensichtlich nicht an. Ich erinnerte mich an Nella.

Netti hatte vor ihrer Abfahrt zu mir gesprochen: »Vergiß Nella nicht;

suche sie auf in deinen schweren Augenblicken.« Ich hatte schon mehr als

einmal daran gedacht, zu Nella zu gehen, war aber zum Teil durch meine

Arbeit, zum Teil durch die unklare Angst vor den Hunderten von

neugierigen Kinderaugen zurückgehalten worden. Jetzt jedoch schwand

jegliche Unentschlossenheit; noch am gleichen Tag begab ich mich nach

dem Haus der Kinder, in die große Maschinenstadt.

Nella ließ sogleich ihre Arbeit liegen, bat eine der Erzieherinnen, sie

zu vertreten und führte mich in ihre Stube, wo uns die Kinder nicht

stören würden.

Ich beschloß, ihr nicht sofort den Zweck meines Besuches zu bekennen,

umsomehr, als mir dieser Zweck auch selbst nicht recht vernünftig und

ganz richtig erschien. Es war ja vollkommen natürlich, daß ich das

Gespräch auf jenes Wesen lenkte, das uns beiden das teuerste war, und

dann den günstigsten Augenblick für meine Frage abwartete. Nella

erzählte voller Eifer von Netti, deren Kindheit und Jugend.

Ihre ersten Lebensjahre hatte Netti bei der Mutter verbracht, wie dies

auf dem Mars allgemein üblich war. Als dann die Zeit kam, da Netti ins

Haus der Kinder gebracht werden mußte, damit sie nicht den

erzieherischen Einfluß des Umgangs mit anderen Kindern entbehre, brachte

es Nella nicht übers Herz, sich schon von ihr zu trennen und lebte mit

ihr zusammen in dieser Anstalt, wo sie dann schließlich als Erzieherin

blieb. Das ergab sich zum Teil aus ihrem Spezialstudium: sie hatte sich

vornehmlich mit Psychologie befaßt.

Netti war ein lebhaftes, energisches, wildes Kind mit großem Wissens-

und Tatendurst. Am meisten interessierte und zog sie die geheimnisvolle

astronomische Welt jenseits des Planeten an. Die Erde, die zu erreichen

damals noch nicht gelungen war, und deren unbekannte Menschheit waren

Nettis Lieblingstraum, das Hauptthema ihrer Gespräche mit den anderen

Kindern und den Erwachsenen.

Als der Bericht über Mennis erste erfolgreiche Expedition nach der Erde

veröffentlicht wurde, verlor das kleine Mädchen vor Freude und Entzücken

fast den Verstand. Die kleine Netti kannte Mennis Bericht Wort für Wort

auswendig und quälte die Mutter sowie die Erzieherinnen ewig mit Fragen

über die ihr unverständlichen technischen Ausdrücke, die in dem Bericht

vorkamen. Netti verliebte sich in Menni, ohne ihn zu kennen, schrieb ihm

einen begeisterten Brief, flehte ihn unter anderem an, er möge sie zu

den Erdenkindern bringen, denen keine Erziehung zu Teil werde, sie

übernehme es, diese auf vortreffliche Art zu erziehen. Sie schmückte ihr

Zimmer mit Erdenbildern und den Porträts der Erdenmenschen und stürzte

sich auf das Studium der Erdensprachen, sobald die dazu nötigen Bücher

erschienen waren. Sie entrüstete sich über die Gewalt, mit der Menni und

dessen Gefährten dem ersten Erdenmenschen begegnet waren: sie hatten ihn

gefangen genommen, damit er ihnen beim Erlernen der Erdensprachen

behilflich sei; zur gleichen Zeit jedoch bedauerte sie heftig, daß Menni

und die seinen bei der Rückkehr in die Heimat den Erdenmenschen

freigelassen und nicht nach dem Mars mitgenommen hatten. Sie faßte den

festen Entschluß, eines Tages nach der Erde zu fliegen, und auf die

Scherze der Mutter, sie würde sich dort sicher mit einem Erdenmenschen

verheiraten, entgegnete sie sinnend: »Das ist sehr möglich.«

All diese Dinge hatte mir Netti niemals erzählt; in ihren Gesprächen

schien sie vielmehr der Vergangenheit auszuweichen. Selbstverständlich

konnte niemand, nicht einmal sie selbst, jene Dinge besser berichten,

als Nella. Bisweilen vergaß ich völlig meine Person, sah vor mir das

reizende kleine Mädchen mit den großen funkelnden Augen und der

rätselhaften Sehnsucht nach der fernen, fernen Welt ... Doch verging

diese Stimmung rasch, das Bewußtsein meiner Umgebung kehrte zurück und

damit auch die Erinnerung an den Zweck unseres Gesprächs; von neuem

drang eisige Kälte in meine Seele.

Als sich das Gespräch den letzten Jahren aus Nettis Leben zuwandte,

beschloß ich, meine Frage zu stellen, mich so ruhig und ungezwungen wie

nur möglich nach Nettis und Sternis Verhältnis zu erkundigen. Nella

dachte einen Augenblick lang nach.

»Also deshalb suchten Sie mich auf! ... Weshalb sagten Sie es nicht

gerade heraus?«

Unerbittliche Strenge klang aus ihrer Stimme. Ich schwieg.

»Selbstverständlich kann ich es Ihnen erzählen«, fuhr sie fort. »Es ist

eine ganz einfache Geschichte. Sterni war einer von Nettis Lehrern. Er

hielt den Jüngeren Vorträge über Mathematik und Astronomie. Als er von

seiner ersten Expedition nach der Erde zurückkehrte, -- ich glaube, dies

war Mennis zweite Expedition, -- hielt er eine Reihe Vorträge über

diesen Planeten und dessen Bewohner. Netti zählte zu seinen ständigen

Hörern. Die Geduld und Aufmerksamkeit, mit der er ihren ewigen Fragen

begegnete, brachte die beiden einander näher. Schließlich führte all

dies zu ihrer Verbindung. Beide waren grundverschiedene Charaktere. Das

Ergebnis der Verschiedenheit zeigte sich bald auch in ihrem Privatleben,

führte zur Entfremdung und schließlich zum Bruch. Das ist alles.«

»Sagen Sie mir, wann kam es zum Bruch?«

»Zum endgültigen Bruch kam es nach Lettas Tode. Die innige Freundschaft

zwischen Netti und Letta gab dazu den ersten Anstoß. Netti litt unter

Sternis analytisch kaltem Verstand; er zerstörte allzu systematisch und

hartnäckig alle Luftschlösser, alle Phantasien des Geistes und des

Gefühls, die für sie einen Teil des Lebens bedeuten. Unwillkürlich

suchte sie nach einem Menschen, der sich diesen Dingen gegenüber anders

verhielt. Und dem alten Letta eigneten ein selten teilnahmsvolles Herz

sowie ein schier kindlicher Enthusiasmus. Netti suchte in ihm jenen

Gefährten, dessen sie bedurfte: Letta hatte mit ihren Phantasien nicht

nur Geduld, sondern ließ sich auch häufig selbst von ihnen fortreißen.

Bei ihm konnte sie von der strengen selbstzerfleischenden Kritik Sternis

Erholung finden. Letta liebte gleich ihr die Erdenträume und Phantasien,

glaubte an die künftige Verbindung der beiden Welten, die eine herrliche

Blüte und eine gewaltige Lebenspoesie zur Folge haben würde. Als dann

Netti erfuhr, daß ein Mensch, in dessen Seele derartige Gefühle

verborgen lagen, niemals Frauenliebe und Zärtlichkeit kennen gelernt

habe, konnte sie sich damit nicht abfinden. Auf diese Art kam Nettis

zweiter Bund zustande.«

»Einen Augenblick«, unterbrach ich sie. »Verstehe ich Sie recht, Sie

sagten, Netti sei Lettas Frau gewesen?«

»Ja«, erwiderte Nella.

»Sie sagten aber doch, daß der endgültige Bruch mit Sterni erst nach

Lettas Tode erfolgte.«

»Ja; erscheint Ihnen dies unbegreiflich?«

»Nein, ich verstehe Sie, wußte bloß nicht darum.«

In diesem Augenblick wurde unser Gespräch unterbrochen. Eines der Kinder

hatte einen nervösen Anfall erlitten und einer der Schüler rief Nella.

Ich blieb eine Zeitlang allein. Die Gedanken wirbelten durch meinen

Kopf; mir war so seltsam zumute, daß ich dies in Worten nicht

auszudrücken vermag. Weshalb eigentlich? Es war doch nichts Besonderes

vorgefallen. Netti war ein freier Mensch, hatte als freier Mensch

gehandelt. Letta ist ihr Mann gewesen? Ich hatte ihn stets verehrt, für

ihn warme Zuneigung empfunden, hätte ihn selbst dann geliebt, wenn er

sich nicht für mich geopfert haben würde. Netti war also gleichzeitig

mit zwei Genossen verheiratet gewesen? Ich hatte immer gefunden, daß die

Monogamie in unserer Welt ausschließlich den wirtschaftlichen

Bedingungen entspringe, die den Menschen bei jedem Schritt begrenzen und

hemmen. Hier existierten diese Bedingungen nicht, auf dem Mars

herrschten andere Verhältnisse, die dem persönlichen Gefühl und den

persönlichen Verbindungen keine Fesseln anlegten. Woher kam aber meine

Erregung und der unbegreifliche Schmerz, über den ich aufschreien, dann

aber wieder lachen hätte mögen? Konnte ich das, was ich _dachte_, nicht

auch _fühlen_? Anscheinend nicht. Und mein eigenes Verhältnis zu Enno?

Wo blieb da meine Logik? Und was bin ich eigentlich? Welch törichte

Stimmung!

Ach ja, und auch dies berührte mich peinlich: weshalb hatte Netti nicht

mit mir darüber gesprochen? Wie viele Geheimnisse, wie viel Betrug

umgeben mich noch? Wie viele harren meiner in der Zukunft? Aber nein,

auch dies stimmt nicht! Geheimnisse, ja, aber kein Betrug. Ist aber

nicht auch schon das Geheimnis ein Betrug?

Derartige Gedanken wirbelten durch meinen Kopf, als sich die Tür öffnete

und Nella zurückkam. Sie las augenscheinlich von meinen Zügen ab, wie

schwer mir ums Herz war, denn der Ton, mit dem sie sich an mich wandte,

war frei von Strenge und Kälte.

»Es ist natürlich schwer«, meinte sie, »sich an die völlig fremden

Lebensbedingungen und an die Sitten einer anderen Welt zu gewöhnen, mit

der Sie keine Blutsverwandtschaft verbindet. Sie haben bereits in dieser

Beziehung manchen Sieg errungen, finden Sie sich nun auch in diese

Dinge. Netti glaubt an Sie, und mir scheint, daß sie recht hat. Ist etwa

Ihr Vertrauen zu Netti, Ihr Glaube an sie schwankend geworden?«

»Weshalb verbarg sie diese Tatsache vor mir? Wo blieb da ihr Glaube? Ich

begreife sie nicht.«

»Ich weiß nicht, weshalb sie so handelte. Doch bin ich davon überzeugt,

daß sie hierfür gewichtige und edle Gründe hatte, es keineswegs aus

kleinlichen Motiven tat. Vielleicht vermag Sie dieser Brief aufzuklären.

Sie ließ ihn mir für den Fall zurück, daß wir ein derartiges Gespräch

führen sollten, wie wir es heute taten.«

Der Brief war in meiner Muttersprache geschrieben, die Netti so gut

beherrschte. Ich las folgendes:

»Mein Lenni! Ich sprach niemals mit Dir über meine früheren persönlichen

Verhältnisse, doch geschah es keineswegs deshalb, weil ich Dir

irgendetwas aus meinem Leben verheimlichen wollte. Ich vertraue fest auf

Deinen klaren Kopf und Dein edles Herz; zweifle gar nicht daran, daß Du,

wie auch immer fremd und ungewohnt unsere Sitten für Dich sein mögen,

sie zu verstehen und richtig zu werten vermagst.

Eines jedoch fürchtete ich ... Nach der Krankheit kehrte Deine

Arbeitskraft rasch zurück, jenes seelische Gleichgewicht hingegen, von

dem in jeder Minute die Selbstbeherrschung in Wort und Tat abhängt, hast

Du noch nicht völlig wiedererlangt. Würdest Du Dich, beeinflußt vom

Augenblick und von der elementaren Gewalt, die in der Tiefe jeder

Menschenseele verborgen liegt, mir gegenüber wie gegen eine schlechte

Frau verhalten, die sich aus der Vergewaltigung und Sklaverei der alten

Welt befreit hat -- Du würdest es Dir selbst niemals verzeihen. Ja,

Teuerster, ich weiß es, Du bist gegen Dich selbst streng, bisweilen

sogar grausam -- diesen Zug brachtest Du aus Eurer harten Schule mit,

aus den jahrhundertealten Kämpfen der Erdenwelt -- eine einzige Sekunde

böser, schmerzlicher Entzweiung würde genügen, um in Deinem Herzen auf

unsere Liebe für immer einen dunklen Schatten zu werfen.

Mein Lenni, ich will und kann Dich beruhigen. Möge in Deiner Seele ewig

schlummern und niemals erwachen jenes böse Gefühl, das in die Liebe zu

einem Menschen die Unruhe und Sorge um ein lebendiges Eigentum mischt.

Ich werde _keine persönlichen_ Verhältnisse mehr haben. Das vermag ich

Dir leicht und mit Bestimmtheit zu versprechen, weil im Vergleich zu

meiner Liebe für Dich, zu dem leidenschaftlichen Wunsch, Dir bei Deiner

großen lebendigen Aufgabe zu helfen, alles andere gering und nichtig

erscheint. Ich liebe Dich nicht nur wie eine Gattin, sondern auch wie

eine Mutter, die ihr Kind in ein neues und ihm fremdes Leben einführt,

das voller Gefahren und Mühen ist. Diese Liebe aber ist stärker und

tiefer, als irgendeine andere Liebe zwischen Mensch und Mensch. Deshalb

bedeutet auch mein Versprechen kein Opfer.

Auf Wiedersehen, mein teueres, geliebtes Kind,

Deine Netti.«

Als ich den Brief zu Ende gelesen hatte, blickte mich Nella fragend an.

»Sie hatten Recht«, sprach ich und küßte ihr die Hand.

Der rote Stern: Ein utopischer Roman · 第 31 / 48 题